Lyrik handelt von Strukturen, die Charakteren zugrundeliegen. Sie muss sich nicht den Persönlichkeiten und ihren Entwicklungen zuwenden, denn sie interessiert sich vor allem für die Strukturen von Welt und Denken, die die Sprache in unserem Bewusstsein geschaffen hat.Monika Rinck, Wir. Phänomene im Plural (2015), 26
Es gibt aber eine gewisse Freiheit. Die bewahrt man sich, indem man nur gute Fragen beantwortet, schlechte Fragen ablehnt oder schweigend quittiert und ungewollte Vereinnahmungen durch disruptive Handlungen erschwert. Im Zweifelsfall ist es hilfreich, immer mal wieder zu sagen: »Ich nicht« – ganz gleich, ob der Kontext das hergibt oder nicht. Und Gedichte zu lesen, um sich einzuüben in die Auslockerung der Pronomen – denn wir, das könnten jederzeit auch die anderen sein. Monika Rinck, Wir. Phänomene im Plural (2015), 40
Das ist in meinen Augen ein sehr schwacher Roman, der mich sehr enttäuscht hat. Schon Gesellschaft mit beschränkter Haftung hat mich zwar auch nicht großartig begeistert, war aber doch deutlich besser, was etwa die Konstruktion und die stilistische Ausarbeitung angeht – beide Romane bestärken eigentlich nur meinen Wunsch, von Bossong (wieder) mehr Lyrik zu lesen …
Der Text von 36,9° wirkt merkwürdig müde und erschöpft. Vielleicht ist das ja eine beabsichtigte Parallele von Inhalt und Form (schließlich geht es um das aufzehrende, schwierige, harte Leben des Antonio Gramcsi), aber mich hat das trotzdem aus Gründen, die ich nicht so genau benennen kann, eher abgestoßen. Erzählt wird in zwei Perspektiven in zwei (groben) Zeitebenen das Leben Gramcsis und eine Art Forschungsaufenthalt des Gramcsi-Spezialisten Anton Stöver, der in Rom nach einem verschollenen Manuskript sucht. Wieso es diese Doppelung von Erzähler und Zeiten eigentlich gibt, ist mir nicht so ganz klar geworden – nur um die Überzeitlichkeit zu betonen? Um nicht in den Verdacht zu geraten, eine Gramcsi-Biographie zu schreiben? Und wozu ist dann der Manskript-Krimi (der ja als solcher überhaupt nicht funktioniert, weil er nicht richtig erzählt wird, sondern nur als Hilfsmittel dient und ab und an hervorgeholt wird …) gut? Oder sollen die Zeitebenen nur signalisieren, dass dies kein „normaler“ historischer Roman ist? (Der in den Gramsci-Kapiteln als solcher auch eher schlecht funktioniert, aber das ja wiederum auch gar nicht sein will …)
Zur Politik bleibt der Text dabei merkwürdig distanziert, die Leidenschaft etwa Gramcsi (im wahrsten Sinne, nämlich mit all den Leiden) wird vor allem behauptet, aber nicht eigentlich erzählt. Und das private fühlt sich oft aufdringlich, etwas schmierig an (wie Boulevardjournalismus). Das erschien mir oft als eine Art ungewollte Nähe, ein intimes Stochern, von deren Notwendigkeit die Erzähler selbst nicht so ganz überzeugt schienen. Zumal Stöver ist ja auch ein ausgesprochener Unsympath – und auch Gramcsi bleibt eine seltsame Figur. Beide Charaktere sind dabei seltsam rücksichtslos gegen sich selbst und ihr privates Umfeld. Und gerade das, was ja der Kern des Romans zu sein scheint, bleibt extrem blass, kaum motiviert – weil die Ideen, die diese Rücksichtslosigkeit erfordern, höchstens angerissen werden.
Wenn die Verlagswerbung das Ziel des Buches richtig beschreibt: „Nora Bossong erzählt vom Konflikt zwischen den großen Gefühlen und dem Kampf für die ganze Menschheit“, dann funktioniert 36,9° überhaupt nicht. Und das liegt unter anderem eben daran, dass der „Kampf für die ganze Menschheit“, die Weltverbesserung eigentlich gar nicht vorkommt, der Text bleibt viel zu sehr im individuellen, biographischen Klein-klein stecken. Dazu kommt dann noch eine für mich unklare Struktur – die Reihenfolge der Kapitel mit den Vor- und Rückblenden sowie die Erzählerwechsel erschließen sich mir einfach nicht. Ab und an funkelt mal ein schöner Satz, ein gelungener Abschnitt. Aber der Rest ist ein grau zerfließend Textbrei, der mich weder faszinieren noch überzeugen kann.
[…] ich wollte die Dinger nicht mehr bis zum Grund durchschauen, denn was lag dort? Nur Steine und Kiesel, nur Fußnoten und Quellenangaben. (25)
Ulf Stolterfoht: Wurlitzer Jukebox Lyric FL – über Musik, Euphorie und schwierige Gedichte. München: Stiftung Lyrik Kabinett 2015. 32 Seiten.
Der Titel der Münchner Rede zur Poesie von Ulf Stolterfoht, dem Autor so vorzüglicher Zyklen wie den Fachsprachen und jetzt Verleger der Brueterich-Press (der selbst viel zu wenig veröffentlicht …) sagt eigentlich schon alles: „Über Musik, Euphorie und schwierige Gedichte“ spricht er. Stolterfoht, der sich als „Experte für Euphorie“ (7) vorstellt und „Ahnung“ von „der“ Lyrik erst einmal kategorisch verneint, führt anhand einer reihe Gedichte exemplarisch vor, was Lyrik ist und kann, was Sprache im Gedicht ausmacht und natürlich auch, was „schwierige Lyrik“ (heutzutage ja fast ein Pejorativum) eigentlich ist. Und er betont, dass das „Nicht-verstehen-müssen“ dieser Gedichte eine großartige Erfahrung ist – für Leser und Schreiber. Für beide Seiten ist das eine Befreiung, die einen unerschöpflichen Reigen an Möglichkeiten eröffnet.
Nebenbei weist er darauf hin, dass das – heute vielleicht mehr als je zuvor vorhandene – Wissen und Können im Umgang mit Sprache und Gedichten noch lange keine Experimentierfreudigkeit ist. Stolterfoht bedauert ausdrücklich, dass „die Bereitschaft stark abgenommen hat, ein höheres ästhetisches Risiko einzugehen“ (29). Auch wenn er dann das Gelingen eines Gedichtes eher traditionell als „Regel“-Erfüllung beschreibt, oder besser als: „dass ein zuvor gefasster Plan, sei er formaler und /oder inhaltlicher Art, glückhaft erfüllt wurde“ (29), sollte für Stolterfoht, das macht er unter anderem mit mehrfachen Bezügen auf Diedrich Diederichsen deutlich, aber zumindest ergänzt werden um so etwas wie Authentizität, einen Moment des Kairos vielleicht. Trotz des deutlich betonten Emphatiker-Standpunktes (Lyrik kann alles und ermöglicht Leben erst!) steht dahinter aber genaueste Lektüre und Analyse fremder und eigener Gedichte, ohne die Euphorie des erkennenden (und identifizierenden) Lesens dadurch zu verneinen oder auszuschalten, sondern geradezu zu verstärken.
Und wie konnte es sein, dass ich kein Wort, keinen Satz verstand, und doch genau wusste, dass ich genau das immer hatte lesen wollen, und dass ich es jetzt gefunden hatte, und dass ich nie mehr etwas anderes würde lesen wollen. Das Gefühl, eine Mauer durchbrochen zu haben, einfach so, ganz leicht, ohne jede Anstrengung, und hinter dieser Mauer tat sich etwas auf, ein Raum, ein wirklicher Raum, in dem man würde leben können. (11)
Franz Richard Behrens: Erschossenes Licht. Herausgegeben von Michael Lentz. Wiesenburg: hochroth 2015. 36 Seiten.
Es ist für mich immer wieder erstaunlich, welch große und großartige Gedichte die Expressionisten in den Jahre während und um den Ersten Weltkrieg schrieben. Und ich entdecke immer wieder, dass ich viel zu wenige davon kenne. Auch Franz Richard Behrens gehört zu diesen Dichtern. Er war eigentlich genau nur in dieser engen Zeitspanne überhaupt dichterisch tätig: Ein einziger Band Lyrik – Blutblüte – ist von ihm 1917 erschienen. Während des Nationalsozialismus kann man ihn vielleicht zur „Inneren Emigration“ zählen, 1961 übersiedelte er dann nach Ostberlin. Aber die ganzen Jahre bis zu seinem Tod 1977 blieben ohne weitere literarische Veröffentlichungen. Offenkundig war der Weltkrieg da so eine Art Katalysator, der die Lyrikproduktion auslösten/vorantrieb.
Auffällig ist nun, finde ich, wie avanciert diese wenigen Gedichte waren und sind – und wie zeitgemäß und zeitgenössisch sie heute noch erscheinen. Aus allen Gedichten, die Michael Lentz in dieser kleinen Auswahlausgabe für den feinen hochroth-Verlag zusammengestellt hat, spricht eine beeindruckende Intensität und auch eine große Freiheit: Sie sind frei von formalen Zwängen und Traditionen, lassen so ziemlich alle Konventionen hinter sich. Hier erscheint Sprache als reiner Ausdruck, hier spürt man, wie ein Dichter um Ausdrucksmöglichkeit für ganz neue und neuartige Erlebnisse – vor allem die Gewalt und Sinnlosigkeit eines mechanisierten Krieges – ringt. Und wie er sie auch findet und den Vollzug des Erlebens am und im Wort fixiert und nachvollzieht. Ein Moment der Seriatlität gehört dazu, mit minimalistischen Elementen, etwa in „Preußisch“ oder „Quer durch Ostpreußen“. Aber auch gleich das eröffnende „Expressionist Artillerist“ zeigt das, mit der Verschränkung einzelner Gedichtzeilen und einem kontinuierlichen Zählen (ich lese das „Ein-und-zwanzig“ etc. als das Abzählen von Sekunden, etwa bis zum Einschlag der Granate …), das ganz geschickt ins Hinken gerät bzw. einzelne Zahlen überspringt, wenn die geschilderte Wahrnehmungsdichte sozusagen steigt und das nicht mehr in einen Vers passt:
[…] Neun-und-zwanzig die Luft stinkt Millionen Schwefel, Kohle Blutabsinth die Luft ist stahl und rein Ein-und-dreissig die Granattrichter tüpfeln garnich harmonisch Zwei-und-dreissig […]
Die kunstvoll hergestellte Unmittelbarkeit dieser Lyrik ist, denke ich, kaum zu übersehen. Ein anderes, von Behrens bevorzugtes Element, ist etwa die verbale Nutzung von Adjektiven. Bei aller Direktheit und Lebensnähe sind die Gedichte, das zeigt etwa das titelgebende „Erschossenes Licht“ oder das wunderbare „Italien“, sowohl inhaltlich als auch stilistisch und formal sehr sorgsam konstruiert. (Und außerdem ist das wieder hochroth-typisch ein sehr fein und schön gemachtes Heftlein …)
[…] Schneiden das Land in Streifen. Begreifen kann das mal Die Generalstabskarte. Vormarsch im Regen (14)
Hier wäre der Ort, zu sagen, dass ich vollkommen normal bin, auch wenn ich Erzählungen schreibe. Ich weiß, dass dies die Dinge erschwert, aber alles andere an mir ist absolut in Ordnung. (78f.)
„Verspielt, elegant und mit allen Wassern der Postmoderne gewaschen“ behauptet der Klappentext – und hat tatsächlich mal recht. Denn Gospodinov ist ein wahrer Geschichtenerzähler: Es geht ihm wirklich darum, „Geschichten“ zu erzählen, nicht Erzählungen zu schreiben. Der Band ist dann auch richtig interessant und kurzweilig-unterhaltsam, weil Gospodinov dabei ein vielseitiger und vielfältiger, technisch sehr versierter Erzähler ist, was die Figuren und die Storys angeht.
Abwechslungsreich pendeln die meist sehr kurzen Texte (auf den 140 Seiten finden sich immerhin 19 Erzählungen) zwischen einer sympathischen Weltoffenheit, die sich ausdrücklich auch aufs Phantastische, das eigentlich sowieso normal ist, erstreckt, und einer spürbaren Leichtigkeit – einer Lockerheit des Erzählens, des Lebens, des Wahrnehmens. Gospodinov, der sich bzw. seine Erzähler gerne als Geschichtensammler bzw. ‑aufschreiber, nicht als Geschichtenerfinder inszeniert – vom „Anlocken von Geschichten“ (84) schreibt er an einer Stelle – schafft es dabei, zugleich kosmopolitisch und heimatverbunden zu wirken, zugleich witzig (im Sinne von komisch) und traurig (im Sinne von tiefernst) zu sein. Immer wieder spielen die letzten Tage, die letzten Momente, das endgültige Ende, die Apokalypse als eigentlich ganz schelmisches, gewitztes Unternehmen eine große Rolle in seinen Erzählungen. Das ist schon in der eröffnenden (und titelgebenden) Geschichte „8 Minuten und 19 Sekunden“ so, die die Zeit, die das Licht von der Sonne zur Erde braucht beschreibt – also die Zeit, die bleibt, bis die Erde nach dem Ende der Sonne im Dunkel versinkt. Immer, wenn das nicht passiert, weiß man also, dass noch 8 Minuten 19 Sekunden bleiben … Die Implikationen dieser gleitenden Apokalypse spielt die Geschichte sehr schön und dabei durchaus knapp durch.
Außerdem ist auch eine der „schönsten“ Geschichten zum 11. September hier zu finden: „Do not disturb“. Die erzählt von einem just für diesen Moment als Sprung aus dem Hochhausfenster eines New Yorker Hotels geplanten Selbstmord. Und da Gospodinov ein schwarzer Erzähler ist, gibt es natürlich kein Happy End – der Selbstmord findet dann zwar nicht statt, wird aber natürlich später nachgeholt. Das klingt in der knappen Nacherzählung etwas banal – aber darum geht es Gospodinov ja nicht nur. Zwar sind seine Erzählungen ohne ihre Handlung nicht zu denken, ihre Wirkung erlangen sie aber nicht zuletzt durch die geschickte und gelassen-verspielte erzählerische Inszenierung, die das zu einer sehr kurzweiligen Lektüre werden lässt.
Außerdem kam es mir so vor, als finge Z. an, die Geschichte zu ruinieren, indem er ihr mehr Pathos und Literarizität verlieh als notwendig. Und ich war immerhin der Käufer dieser Erzählung. (54)
Michael Braun, Michael Buselmeier: Der gelbe Akrobat 2. 50 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert. Neue Folge (2009−2014). Leipzig: Poetenladen 2016. 18 Seiten.
Roland Barthes: Das Neutrum. Vorlesung am Collège de France 1977–1978, hrsg. v. Eric Marty, übers. von. Horst Brühmann. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005. 346 Seiten.
Der Maiwind kost die Buchen. Die Sonnenfleck schwanken. Ich brauche nicht zu suchen, Und wie die Blätter wanken, Verwehn die Qualgedanken. […] Wilhelm Lehmann, Früchte (1943)
Die Debatte um den Zustand der Lyrikkritik geht in die nächste Runde. Nun sind – mit einiger Verzögerung – die Metabeiträge dran: Jan Drees schreibt in seinem Blog eine gute Zusammenfassung der wesentlichen & wichtigsten Beiträge. Und Guido Graf weist beim Deutschlandfunk auf ein weiteres Spezifikum dieser inzwischen ja eigentlich eingeschlafenen Debatte hin: Der Streit, der sich unter anderem ja auch um das Problem der (zu) engen und intimen Verknüpfungen zwischen Lyrikerinnen und Kritikerinnen dreht und dabei nach den kritischen Standards und den Zielen einer möglichst (in verschiedenen Sinnen) wirksamen Lyrikkritik fragt, findet selbst in einem sehr engen, überschaubaren Zirkel (oder, wie man heute sagen würde, innerhalb der „Szene“) statt und scheint außer bei den mehr oder weniger direkt Beteiligten auf überhaupt keine Resonanz zu stoßen:
Interessant ist eben auch, wo diese aktuelle Debatte ausgetragen wird und wo nicht. Insbesondere dann, wenn man sie mit der letztjährigen über die Literaturkritik vergleicht, wie sie – auch online – hauptsächlich im Perlentaucher stattgefunden hat.
[…]
Signaturen, Fixpoetry, Lyrikzeitung und immer wieder Facebook: Das sind die Orte, an denen debattiert wird. In den Feuilletons der Tageszeitungen, auf deren Online-Plattformen oder im Radio dazu kein Wort. Auch eine kundige Lyrik-Leserin wie Marie-Luise Knott verliert in ihrer Online-Kolumne beim Perlentaucher kein Wort über die aktuelle Debatte. Berührungslos ziehen die Dichter und ihre wechselseitigen Selbstbeobachtungen ihre Kreise.
Das ist in der Tat richtig beobachtet – und auch ausgesprochen schade. Man muss ja nicht unbedingt erwarten, dass die „großen“ Feuilletons der Debatte selbst viel Platz einräumen. Dazu ist der Kreis der daran Interessierten wohl einfach zu überschaubar. Aber dass sie die Existenz der Debatte – die ja schließlich auch ihr Métier, ihren Gegenstand (insofern sie überhaupt noch Lyrik besprechen …) betrifft – geradezu verschweigen, ist schon bedauerlich und sagt vielleicht mehr zum angenommenen/wahrgenommenen Zustand der Lyrik und ihrer Relevanz aus als alle Debatten. Guido Graf schlägt dann in seinem Schlusssatz als eine Art Lösung vor, „die Nischengrenzen zu verschieben“. Wie das zu erreichen ist, verrät er aber leider nicht – das hätte mich schon interessiert …
Täter geschützt, Opfer entwürdigt | taz – der korpsgeist deutscher polizisten und staatsanwälte scheint zu funktionieren: die taz berichtet über die – von außen sehr seltsame – entscheidung der staatsanwaltschaft hannover, einen ehemaligen bundespolizisten, der mit der folter eines flüchtlichgs geprahlt hat, dafür nicht anzuklagen (nebenbei: der anwalt des nebenklägers hat nach fast einem jahr noch keine akteneinsicht erhalten) – so funktioniert das in deutschland
Verkehrsunfallstatistik – jedes Jahr die gleiche Prozedur und es verbessert sich doch nichts… | it started with a fight – anlässlich der neuen verkehrsunfallstatistik – im zweiten jahr in folge stiegen in deutschland die toten durch verkehr, auf mittlerweile 3475 – hat thomas berger hier einen interessanten 10-punkte-plan, der unter anderem deutliche geschwindigkeitsreduzierungen und deren überwachungen sowie andere (technische) hilfen fordert, um die unfallzahlen – und damit gerade auch die zahl der toten, die wir jedes jahr einfach so in kauf nehmen – endlich zu senken
Gesellschaften der westlichen Moderne bzw. Postmoderne zeichnen sich neben ihren Klassendifferenzen aber auch dadurch aus, dass sich jede inhaltlich irgendwie bestimmte, positiv ausweisbare Vorstellung davon, wie ‚man‘ in ihnen zu leben und sich zu verhalten habe, in mehreren kulturrevolutionären Schüben aufgelöst hat. Diese historisch einzigartige Pluralisierung der Lebensstile hat sich seit dem Ende der 1960er Jahre so sehr verstärkt, dass sie heute gar als harte Norm gegenüber Migrantinnen und Migranten erscheint („Wie würden Sie reagieren, wenn Ihr Sohn Ihnen sagt, er sei schwul?“ Achtung: Toleranzfalle!). Es geht nicht darum, dass Migranten ‚sich an die Gesetze halten‘ (das tun die allermeisten von ihnen, so wie die allermeisten anderen das auch tun), ob sie die Sprache der Mehrheitsgesellschaft lernen (sie tun es in aller Regel), oder ob sie in den Arbeitsmarkt integriert werden (dito). Die Frage ist einzig, ob die westliche, ohnehin heterogene Mehrheitsgesellschaft die zusätzliche, neue Differenz akzeptiert, die die Zuzüger in unsere Gesellschaften einbringen.
und er schließt (ich kann ihm da nur zustimmen …):
Es wird daher Zeit, den Begriff ‚Integration‘ ganz aus dem politischen Vokabular zu streichen. Die Chance, dass er im öffentlichen Gebrauch positiv als ‚Schaffung eines neuen Ganzen‘ begriffen werden könnte, ist gering. Zu mächtig sind jene, die den Begriff als Waffe verwenden, mit dem sie von den Zuwanderern Unterwerfung einfordern. Wir brauchen dieses durch und durch unbestimmte Wort nicht mehr. Wir alle leben vergleichsweise friedlich, aber auch herrlich anonym in unseren heterogenen Gesellschaften, ohne dass uns ständig jemand auffordern müsste, uns gefälligst zu ‚integrieren‘.
What the researchers discovered, unfortunately, was a gap in coverage that betrays a dispiritingly common problem in technological innovation: how to make sure women’s needs don’t become an afterthought.
– ein studie untersuchte, wie gut siri, cortana & co. bei medizinischen problemen helfen – und fand, dass sie das für „männer-probleme“ wesentlich besser tun als für „frauen-notfälle“
Lyrikkritik Diskurs | Fixpoetry – bei den „signaturen“ und auf „fixpoetry“ tobte (?) ende märz eine diskussion (naja, ein schlagabtausch zumindest) über (den zustand der|die möglichkeiten der|die anforderungen an|die voraussetzungen der) lyrikkritik (kritik der kritik ist ja sowieso eine beliebte spielerei unter literaten, bei lyrikern aber nicht so ganz häufig (vielleicht mangels masse …)) ausgelöst übrigens von einer kritischen besprechung der „lyrik von jetzt 3“-anthologie (die bei mir immer noch ungelesen herumliegt …)
Ein Leser, der nicht zugleich Kritiker ist, ist eigentlich auch kein Leser, sondern ein Blätterer, unabhängig davon, ob er seine Kritik formuliert und schriftlich fixiert oder nicht.
Recht hat er, das gilt auch unabhängig vom konkreten Enstehungs- & Diskurzusammenhang. Übrigens liegt Kuhlbrodt auch mit den anderen seiner 11 Antworten/Sätze zur Debatte richtig, die sehr auf meiner eigenen Linie liegen … Der Rest der „Debatte“ ist für mich in weiten Teilen nur so mittelmäßig erkenntnisfördernd, aber immerhin ein guter Anlass zur Selbstvergewisserung der eigenen Position (so scheinen das auch die meisten Teilnehmer zu verstehen – ich sehe nicht, dass sich jemand von jemandem von irgend etwas hätte überzeugen lassen …).
PS: Bertram Reinecke legt noch einmal (sehr umfassend) sortierend/abschließend bei der lyrikzeitung nach …: „Jeder wird ohnehin so weiterrezensieren, wie sein Furor es ihm gebietet.“
Dennoch sind gerade kleinere Verlage unermüdlich damit beschäftigt, Vergangenes, Verdrängtes, Vergessenes auszugraben. Inzwischen sind es auch die fünfziger bis siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die vor allem auf damals Unverstandenes, Skandalöses oder vermeintlich zu Schwieriges, Anspruchsvolles durchsucht werden. Aber noch immer ist es die Weimarer Republik, die die meisten Neuauflagen liefert. Zum einen mag die Faszination an der frechen Leichtigkeit der Liebes- und Alltagsverhältnisse, an der verqueren Lust am Konsum und am Unglücklichsein der Grund hierfür sein. Häufig sind es Romane von Frauen, in deren Tradition all die heutigen Sternschnuppen stehen, die eine Saison lang bestsellern. Zum anderen ist es die scharfe Kritik, die noch immer reizt, sei es in den Antikriegstexten, die aus gegebenem Anlass gerade wieder neuaufgelegt werden – der apokryphe Elektrische Verlag z.B. bietet da eine ganze Reihe auf –, sei es in der Kritik politischer und sozialer Verhältnisse.
Armut: „Wer unten ist, bleibt unten“ | ZEIT – interview mit dem ökonom marcel fratzscher über gesellschaftliche & ökonomische ungleichheit, umverteilung und aufstiegsmöglichkeiten in deutschland
Der Gärtner ist immer der Mörder, und der Lektor ist immer schuld. Ein falscher Name, ein schiefes Bild, historische Irrtümer, Stilblüten, Langatmigkeit und Rechtschreibfehler – was immer an einem Buch nicht stimmt: Der Lektor ist’s gewesen. Wird er in Rezensionen erwähnt, ist „schlampig“ das Attribut, das man ihm am liebsten anklebt. Nie wird man in einer Besprechung lesen: Das hat er aber fein gemacht. Denn was der Lektor getan hat, weiß der Kritiker nicht.
E‑Book-Kolumne „E‑Lektüren“: Ein Lyrik-Code als Anreiz | FAZ – elke heinemann über neue lyrik als/fürs ebook – offenbar nicht so wahnsinng überzeugend, was da bisher vorliegt – allerdings aus ästhetischen, nicht aus technischen gründen
Das ist mal ein Buch, das mir wirklich so manche Nuss zu knacken gegeben hat: Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung von Titus Meyer, erschienen im rührigen kleinen Verlag Reinecke & Voß, dessen Programm lauter so abseitige Kostbarkeiten enthält (und der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat). Selten war (und bin) ich mir so andauernd unklar, wie ich zu den hier versammelten Texten stehe. Und das ist zunächst mal ein sehr gutes Zeichen – heißt es doch, dass die Texte anregen: zum Denken, zum Prüfen, zum Überlegen und auch zum Knobeln. Denn alle Texte in Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung beruhen auf einer palindromischen und/oder anagrammatischen Struktur. Und die muss man (wenn man will, gnädigerweise gibt der Band auch eine „Auflösung“ an) erst einmal entschlüsseln, um das zugrundelegende Formprinzip zu erkennen und zu verstehen.
Zu einem Ende bin ich damit immer noch nicht gekommen, weiterhin habe ich eigentlich keine wirkliche Position: auf der einen Seite steht die Bewunderung ob der Kunstfertigkeit und die Begeisterung am Rätseln. Auf der anderen Seite aber auch viel Ratlosigkeit, weil ich (mich) oft nicht so recht entscheiden kann, ob die Gedichte wirklich für sich allein stehen können oder doch nur ein Beispiel für abstrakte Formüberlegungen und ‑spielereien sind. Vielleicht ist das falsch gedacht, aber wenn ich ihre Produktionsbesonderheiten und damit aber auch ihre formale Bedingtheit probeweise außen vor lasse, sind mir viele Texte auch nach mehrmaligem Lesen noch fremd: Ich finde keinen Ansatzpunkt, der mir eine Annäherung ermöglicht. Andere zünden sofort, machen Spaß oder öffnen neue Perspektiven – tun also genau das, was ich mir von Gedichten erhoffe.
Also doch alles wie bei einem gewöhnlichen Lyrikband? Durchaus (auch der Titel ist ja durchaus vorstellbar) – aber schon der Vergleich ist ja wiederum eigentlich falsch. Denn was ist denn so außergewöhnlich an Meyers Werken? Doch eigentlich nur die Seltenheit und Konsequenz ihrer formalen Gestalt und deren Entstehung, die in großen Teilen aktueller Lyrik so nicht vorkommet. Und schon gar nicht so offengelegt vorkommt: Denn Meyer gibt im Inhaltsverzeichnis zu jedem Text das Bau- & Formprinzip an, mit dem Verweis auf sein Ordnungsschema legt der Dichter sozusagen seine Werkstatt bloß und macht damit auch deutlich, dass seine Texte immer eine dezidierte Form haben (und hat mir in einigen Fällen überhaupt erst verraten, wie der Text funktioniert …). Das ist vielleicht der größte Unterschied zu manch anderer aktueller Lyrik, die sich um formale Momente wenig bis gar nicht kümmert (mit Ausnahme von rhythmischen und klanglichen Aspekten eventuell) oder aus anderen Gründen auf gewöhnlichere, traditionellere Momente setzt. Was Meyer aber davon abgesehen auf jeden Fall auszeichnet, ist der Umstand, dass seine Lyrik ihre Schriftlichkeit konsequent ernst nimmt, sie fast schon zelebriert, den Buchstaben (und manchmal auch größere Entitäten wie etwa Silben) als für sich stehende Werte in der und für die Lyrik ins Zentrum rückt. Von Buchstaben-Palindromen über Zeilen-Buchstaben-Palindrome, Sator-Quadrat und das verrückte Vertikalpalindrom (bei dem der Text nach einer 180°-Drehung den gleichen Text gibt!) über Silben- & Wort-Palindrome zu Anagrammgedichten, Pangrammgedichten (mit allen Buchstaben des Alphabets) und Schüttelreimen reicht die Bandbreite der konstruktivistischen Gedichte (wenn ich die mal vorübergehend so nennen mag) bei Meyer denn auch – man kann Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung denn auch durchaus als Kompedium der seltenen Formen lesen.
Monstrum, dies aufgrund seelischster Meisten vergaste Zaumtier Palindrom.Aprilmond (die Schlussverse)
Vielleicht zeigen Meyers Texte aber doch mehr als nur den kunstfertigen Umgang mit Sprache, der eine gewisse artifizielle Freude am vertrackten Rätselhaftigkeit meines Erachtens nicht verbergen kann. Vielleicht geht es hier auch um die Negierung oder besser noch, die Zerstörung von Sinnerwartungen: Man könnte vielleicht sagen, erst solche Gedichte sind der Free Jazz der Lyrik, denn selten (na gut, Dada funktioniert auf dieser Ebene ähnlich) bis gar nicht wird die Materialität der Sprache der Lyrik so radikal gedacht und umgesetzt. Vielleicht kommt ja daher meine initiale „Unzufriedenheit“ (blödes Wort, viel zu viel …) mit vielen Texten – weil sie einfach sind, was und wie sie sind und nicht irgendwas vermitteln, erzählen, zeigen, beweisen sollen und wollen – und daran scheitert dann mein krypto-hermeneutisches Lesen zumindest beim ersten Durchgang regelmäßig, es stolpert sozusagen beim Gang auf der „Hermeneutiktreppe“ (um einen der schönen Meyerschen Neologismen zu verwenden). Aber das macht gar nichts: Denn erstens ist das ein guter Anlass, mal wieder über Lektüreerwartungen und Lesetechniken nachzudenken und andere Herangehensweisen zu proben, und zweitens zeigt es eben, dass Literatur mehr sein kann als nur sinnhaftes Erzählen oder Beschreiben in Prosa oder Lyrik (und dann sogar richtig gut wird). Gut, das ist natürlich überhaupt keine neue Beobachtung und gerade in zeitgenössischer Lyrik merkt man das auch an anderen Stellen – aber eben nicht so wie bei Meyer, der das Lesen auf seine Form viel stärker zurückwirft als andere Autorinnen das vermögen.
Der Vergleich mit dem Free Jazz passt vielleicht auch insofern, als aus diesen Gedichten immer wieder eine große Freiheit spricht. Das ist natürlich paradox: Freiheit in einer künstlichen, strengen Form – aber gerade sie ist es, die sie ermöglicht, weil sie das Sinndiktat einfach aufhebt. Auch wenn ich das in meiner Lektüre sehr stark mache, heißt das aber auch nicht, dass die Meyersche Lyrik vollkommen sinnbefreit ist. Mit etwas Spürsinn und Kreativität kann man hier durchaus faszinierende Zusammenhänge finden (ganz egal, ob die vom Autor intendiert oder gesehen wurden …) – nicht immer gelingt das für ganze Gedichte, aber doch für einzelne Wort- und Versgruppen. Dann kommen aber wieder Brüche, „enttäuschte“ Erwartungen, Widersprüche und Konfrontationen ins Spiel. Und in diesem Zusammenspiel aus strenger (nachgerade mathematischer) Konstruktion und Inkohärenzen auf allen Sinnebenen ist das Lyrik, die unbedingt heutig, aktuell ist.
Und noch ein Gedanke, der beim Lesen in diesem Band immer wieder kommt: Sprache ist eine Wundertüte. Und das ist natürlich ein Punkt, für den ich mich immer wieder neu begeistern kann … Meyer löst Sprache wie nur wenig Literatinnen aus dem Korsett der Alltagsverwendung und ihrer „normalen“ Bedeutung: Das ist ja immer die Krux für Spracharbeiter, dass ihr Medium und Material so normal, so alltäglich ist (und deshalb so wenig kunstvoll – ausweichen nur im „Stil“) – oder es wird schnell sehr fremd (Joyce oder Schmidt zum Beispiel, selbst dem in dieser Hinsicht viel harmloseren Jirgl wird das immer wieder vorgehalten). Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung ist auch in anderer Hinsicht eine sprachliche Wundertüte – und daran zeigt sich vielleicht erst die Meisterschaft Meyers: Auch wenn die Konstruktionsprinzipien gleich oder ähnlich sind, so haben doch alle daraus resultierenden Gedichte ihren eigenen Ton, ihr eigenes Setting, ihren speziellen Klang, ihren individuellen Stil von verspielten Clownereien bis zu düsteren Nachdenklichkeiten.
Auf jeden Fall kann ich nur raten, das unbedingt selbst auszuprobieren – wenige Lektüren sind so anregend im eigentlichen Sinne. Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung ist faszinierend und schön, streng und verspielt, spaßig und tiefsinnig. Und damit ist es einfach ein gutes Buch, denn es nötigt der Leserin viel Aktivität ab: Das kann man nicht einfach so wegkonsumieren, hier muss man mitarbeiten. Aber auch: Hier darf und kann man das! Und sicher ist auch: Meyers Texte bieten viele Möglichkeiten, eigene Zugänge zu finden, über die konstruktive Schärfe natürlich, aber auch über das Moment der Klanglichkeit und der sprachlichen Raffinesse überhaupt, aber auch für Wortbildungsfans gibt es hier ganz tolle Entdeckungen (der Titel verweist ja schon darauf, darüber alleine – der Schlussvers aus „Wurmlochdichtung“ – ließe sich noch ausgiebig nachdenken …) zu machen – da ist für (fast) jeden etwas dabei …
Staatsexamensangst? Staat, Sex, Amen sangst du Rabe. Leben? Durabel eben!18
Viele Literaturgattungen nähern sich vorsichtig den Maschinen an, nur die Lyrik hat Berührungsängste. Wie digital kann ein Gedicht sein?
Marlene Streeruwitz: Die Stunde der Wahrheit des Geldes | derStandard.at – marlene streeruwitz über die auflösung der demokratischen gesellschaft ins lachen, am beispiel der usa & donald trump: „Die Entwertung demokratischen Verhandelns in der Gesellschaft erfolgt über die Entwertung von Minderheiten.“
So wird das Prinzip der Geschwisterlichkeit aus der politischen Kultur entfernt. Demokratie war geschwisterlich gedacht. Verantwortung füreinander sollte das Prinzip sein. Die Übernahme von Pflichten und die gerechte Verteilung der Rechte waren vorgesehen. Das bedeutete je neues Verhandeln der Aufteilung der Rechte und der Übernahme von Pflichten. Denn. Die Grundrechte der Person achtend kann es keine endgültige Regelung dieser Verteilung geben. Es muss stets neu verhandelt werden. Keiner und keine soll über den anderen stehen. Und. Um das leben zu können, müssen alle daran Beteiligten sich ihrer Grundrechte bewusst sein. Alle müssen den Wert der Person an den Grundrechten messen und daraus auf ihren eigenen Wert und den der anderen schließen. Der Wert muss bewusst sein. […] Das Grundrecht der Person auf Würde ist im Lachen der anderen aufgelöst.
Das ist dann ziemlich unwiederbringlich. Denn. Es bleibt der Entscheidung der Lachensbestimmer überlassen, wer wie ernst genommen wird. Die Lachenden sind nur noch Gefolgschaft. Im Fall von Donald Trump geht es genau darum. Die demokratische Verhandlung soll durch Führung ersetzt werden. Der Kapitalist will aber nicht ins Patriarchat zurückkehren. Vater zu sein. Das hieße ja auch wieder nur die Übernahme von Verantwortung. Der Postkapitalist Trump will die Welt ja nur für den Geldfluss in seine Tasche zurichten. Denn. In der Logik unserer verwirtschaftlichten Welt der fragmentierten Dienstleistungswirtschaft gibt es als mögliches Ziel einer Politik ohnehin nur die Weiterfüllung der Taschen des einen Prozents der Allesbesitzenden. Es ist darin dann wieder logisch, dass einer aus diesem Besitzstand heraus die Rhetorik der Schmähung der Anderen so authentisch liefern und sich so in den Besitz des Lachens der Mitschmähenden setzen kann.
Unter jungen Frauen nimmt der Marktanteil der Pillen der 3. und 4. Generation trotzdem stetig zu. Das ist einigermaßen rätselhaft, denn die Risikobewertung der Europäischen Arzneimittelbehörde hat eindeutig ergeben, dass die Präparate zu einem deutlich höheren Embolie- und Thromboserisiko führen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat im Frühjahr 2014 entschieden, dass in immer mehr Beipackzetteln auf die erhöhte Gefahr hingewiesen werden muss. Sonstige Konsequenzen bisher: keine.
die ärzte – die das ja verschreiben müssen – bekommen auch ihr fett weg …
Die Wissenschafter entdeckten kürzlich bei Ausgrabungen unter dem früheren Givati-Parkplatz südlich des Tempelberges Überreste der legendären Festung Acra. Die Zitadelle war vor etwa 2.150 Jahren unter dem Seleukiden-König Antiochus IV. Epiphanes gebaut worden.
Städtebeschimpfungen – auch cool: thomas bernhards städtebeschimpfungen, auf der karte verordnet und mit zitaten garniert …
Die Evidenz ist tot, es lebe das medial inszenierte Gefühl der Evidenz.
Peter Kurzeck – ein Getriebener der Sprache | Frankfurter Rundschau – claus-jürgen göpfert berichtet in der FR über peter kurzeck, sein schreiben, seinen nachlass und die arbeit des stroemfeld-verlages (und der lektoren deuble & loss), den in eine publikationsfähige form zu bringen:
Im Gespräch mit seinem Freund Rudi Deuble erscheint Kurzeck als ein Getriebener. „Zu Ruhe kam der nie!“ Sehr früh sei er stets aufgestanden in seiner zweiten Heimat Uzés, habe gearbeitet bis zum Mittag. Dann folgte ein ausgedehnter Spaziergang durch die sonnendurchglühte Landschaft, danach ein Mittagessen und ein kurzer Schlaf. Am Nachmittag habe er dann wieder zu schreiben begonnen, bis etwa um 22 Uhr.
Mit der Schreibmaschine: Die Seiten waren stets nur zu einem Drittel bis zu einer Hälfte beschrieben, in ganz engem Zeilenabstand, dazwischen hatte der Autor noch handschriftliche Korrekturen eingetragen. Die untere Manuskripthälfte war weiteren Anmerkungen gewidmet. Symbole wie Dreiecke und Kreuze strukturierten den Text. Die Arbeit der Lektoren glich der von Archäologen.
Was wir derzeit erleben, ist etwas anderes, nämlich eine zunehmende, fundamentale Verachtung für die Demokratie, für das „System“ und die „Systemparteien“. Ich halte das für hochgefährlich, gerade auch weil sich solche Stimmungen über die digitalen Kommunikationskanäle so leicht verbreiten lassen. Dadurch ist eine Parallelöffentlichkeit entstanden, die sich für die „bürgerliche Öffentlichkeit“ kaum mehr interessiert.
Justiz : Das soll Recht sein? | ZEIT ONLINE – die Zeit gibt dem strafverteidiger schwenn möglichkeit, auf probleme (wie u.a. das fehlende protokoll) der deutschen strafgerichtsverfahren aufmerksam zu machen
Die größte Gefahr für den Unschuldigen lauert in den Vorentscheidungen. An ihnen sind oft dieselben Berufsrichter beteiligt, die später an der Hauptverhandlung mitwirken und das Urteil fällen. […] Auch ein Haftbefehl darf nur ergehen, wenn der Tatverdacht dringend, die spätere Verurteilung eines Angeklagten also hochwahrscheinlich ist. Und da lauert die zweite Falle. Denn hat der Richter den Haftbefehl selbst erlassen oder aufrechterhalten, so wird es ihm später schwerfallen, von der eigenen Verurteilungsprognose abzurücken.
Zwei Jahrzehnte Onlinejournalismus sind vorbeigezogen, ohne dass jemand die Datenbasis für die Erforschung dieser Gründerzeit geschaffen hat. All das ist für immer verloren, wir haben heute dank Brewster Kahle immerhin Bruchstücke und Momentaufnahmen. Enorm wichtige Daten für die Erforschung von Themenkarrieren und veränderten Nutzungsgewohnheiten in den 20 Jahren Onlinejournalismus wäre die Abrufzahlen der archivierten Werke. All diese Daten lagen einmal digital in irgendwelchen Datenbanken vor. Vielleicht sind sie noch irgendwo da draußen. Aber wenn heute jemand die Onlineberichterstattung über den 11.9.2001 mit der über den 13.11.2015 vergleichen will, hat er noch viel weniger Material als ein Historiker, der die archivierten Zeitungsausgaben aus dem 19. Jahrhundert für seinen Bergarbeiterstreik untersucht.
„Unabdingbare Erschütterung“, „verfallene Gemäuer“, „die Begegnung zweier Menschen im Zenit des Untergangs einer verlorenen Welt“ – der Umschlagtext hält sich nicht zurück. Dabei ist Weisenfels eigentlich ein ziemlich seltsamer Roman: Zwei (ehemalige) Freunde treffen sich im Familiensitz des einen, einem verfallenden Schloss, dass gefüllt ist mit Artefakten der abendländischen Kunst- und Kulturgeschichte – aber nicht mit Menschen. Die beiden wandeln durch die Gemäuer und durch die Sammlungen und durch die Erinnerung an eine Welt oder eine Epoche, die nicht mehr verfügbar ist – eine Unternehmung, die ganz folgerichtig nur mit dem Tod enden kann. Es war nicht so sehr der plot, der mir schwerfiel, sondern die sehr seltsame Prosa, die Sofsky hier pflegt. Das ist ein unentwegtes Deklarien, Dozieren und Deklamieren, sowohl der Figuren als auch des Erzählers. Überhaupt die Figuren, die sind auch sehr seltsam – nämlich eigentlich nur (noch) als Maske, als Rolle oder als Platzhalter präsent und damit untote Hüllen, leblose Überreste einer einst lebendigen Welt (dem christlichen Abendland, das mit seiner Tradition und Bildung so gerne beschworen wird, aber schon lange nicht mehr lebendig ist …). Religion und ihre Anziehungskraft, aber auch ihre Ausprägungen, Praxen und Theologien spielen eine große Rolle, vor allem aber ein ganz wörtlich genommenes Leben „in“ Kulturen: Wenn hier überhaupt noch Leben ist, dann im Überrest der Kultur, nicht aber in dem, was man Welt nennen möchte.
Der Verlust der Bildung und der Kultur ist sozusagen die Grundthese, von der aus dieser Text geschrieben ist. Der kokettiert aber zugleich selbst auf allen Ebenen und aufdringlich permanent damit, mit dem Bildungswissen seiner Protagonisten bzw. deren Erzähler: Tabak, Whiskey, Renaissance-Malerei, Kunstmusik des 19. Jahrhunderts, Literatur, Enzyklopädistik, Skulpturen – alles ist hier da, präsent und wird erzählt. Man könnte auch sagen: Das ist lauter bedeutungsschwangeres Wissen-Geklingel … Denn die Idee ist schnell klar, ebenso schnell zeigen sich Längen im Text, der manchmal recht zäh daherkommt. Denn auch ihm gelingt natürlich nicht das, was im und mit dem Schloss versucht wird: Der Versuch, den ewigen Prozess des Zerfallens und Verfalls anzuhalten, den Verlust zu vermeiden: Deshalb das manische Sammeln und Rekonstruieren verlorener Bildungs- und Kulturgüter – ein Versuch, der nahezu zwangsläufig mit dem Verlust der Erinnerungen, des Selbst und des Lebens – also dem Tod – enden muss.
Mit dem „dünnen Faden“ konnte Strobel mich nicht so recht begeistern. „Schnörkellose Schilderungen des mühsam unterdrückten Alptraums im Häuschen im Grünen“ verspricht der Schutzumschlag. Das trifft die Erzählungen auch ziemlich genau, verschweigt aber, dass sie dabei eher fad herüberkommen – unter anderem, weil das Muster schnell erkannt ist: Es geht um einbrechende Gefahren, Drohung, Androhungen und Streit. Immer wieder wird der Alltag durch ein plötzlich über die Protagonisten herbrechendes Unheil, ein Unglück und Tragik, in der Realität des Figurenlebens oder auch nur in Gedanken, Träumen und Ahnungen, unterbrochen. Das besondere bei Strobel ist dabei, dass gerade die Momente der Erwartung des Unheils, das spürbare, aber (noch) nicht zu benennende (und damit auch nicht zu hegende) Brodeln unter der Oberfläche des gewönlichen Alltags eine große Rolle spielt. Vieles ist und bleibt dabei auffallend unspezifisch – nicht nur Ort, Raum und Zeit, sondern vor allem die Figuren selbst. Das kann man natürlich aus dem erzählten Geschehen – etwa dem Nebeneinanderleben der Paare, der ausgestellten Nicht-Kommunikation – motivieren. Das wird auch dementsprechend ganz unauffällig erzählt, in unmarkiertem Stil und unmarkierter Form. Lauter Normalität – oder eben leider oft: Mittelmaß – also. Klar, der „mühsam unterdrückte Alptraum“ ist da: unter den Oberflächen brodelt es gewaltig. Aber der Text verrät das kaum, seine „schnörkellose Schilderungen“ bleiben selbst schrecklich oberflächlich und vom Geschehen oder dessen Ahnung und Ankündigung gänzlich unberührt. Wofür dann die Stilverknappung, die künstliche Kunstlosigkeit gut ist, erschließt sich mir also nicht wirklich. Alles in allem überzeugen mich diese Erzählungen also leider überhaupt nicht.
Die Sprache. Sie ist ein unzureichendes Hilfsmittel, und sie ist das einzige Hilfsmittel. Ein schönes Dilemma. (131)
Peter Neumann: geheuer. Dresden: edition azur 2014. 88 Seiten.
Eine maritime Gedichtsammlung. Das Meer mit seiner Bewegung, der Grenze zwischen Land und Wasser, der (möglichen) Fremde und den unbeherrschten und unbeherrschbaren Gewalten spielt hier – der Titel weist darauf hin und das Titel„bild“ unterstützt das noch – eine große Rolle. Sind das also Naturgedichte? Nunja, Natur taucht hier eher und vorrangig als Impuls für Wahrnehmung des Menschen und für Poesie auf, sie steht nicht für sich selbst und wird auch nicht so wahrgenommen und beschrieben. Neumanns Gedichte eröffnen oft und gerne einen großen Raum (der Imagination), ohne den auch nur annäherungsweise auszuloten und ohne das auch überhaupt zu wollen. Gewissermaßen wird eine Tür geöffnet, der Blick des Lesers in den Raum gewiesen – und dann alleine gelassen. Schön gemacht und deutlich zeigt das Gedicht „buddelschiff“ dieses Verfahren:
das gefühl einer langen reise aufgeklappte masten und takelage, das englische
schiffstau zum reißen gespannt der wind humpelt auf eingeschlafenen beinen
durch die schmale öffnung im flaschenhals flaut ab, ein helles pfeifen (55)
Typisch für Neumanns Gedichte ist außerdem ihre Kürze. Immer wieder sind sie durch das Anreißen von solchen Augenblicken der (erkenntnishaften) Wahrnehmung, die dann aber nicht weitergeführt und ausgearbeitet wird, gekennzeichnet. Selten sind sie länger als 10/12 Verse. Formal scheinen sie mir vor allem dem Fließen, dem Flow verpflichtet, ohne erkennbare Regelhaftigkeit. Die Gedichte stehen zwar gerne in Gruppen von drei Versen, aber einen Grund erkenne ich dafür nicht …
Durch die inhaltliche und formale Kürze – wenn man das mal so nennen mag – kommt es manchmal zur Überfülle der visuellen und sprachlichen Bilder, die angehäuft, nebeinander gesetzt werden, aber im Text kaum beziehungen zueinander haben – außer eben dem vor allem als (ausgesparten) auslösenden Moment der Erinnerung an ein Gefühl, eine Empfindung, eine beobachtende Wahrnehmung. Das (fast) rein bildliche Sprechen wirkt dabei für mich etwas übersättigend – man darf wohl nicht zu viel am Stück lesen, dann wird die kunstvolle Schönheit dieser Gedichte schnell etwas schal. Aber es lohnt sich, immer wieder zurück zu kommen.
Jörg Döring, Felix Römer, Rolf Seubert: Alfred Andersch desertiert. Fahnenflucht und Literatur (1944−1952). Berlin: Verbrecher 2015. 277 Seiten.
Eine schöne Gemeinschaftsarbeit ist dieses Buch über Alfred Andersch, seine letzten Tage als Soldat im Zweiten Weltkrieg, seine Gefangenschaft und vor allem die literarische – oder eben autobiographische? – Verarbeitung dessen in mehreren Anläufen in der Nachkriegszeit, mit der sich Andersch auch und gerade im öffentlichen Diskurs sehr eindeutig und nachhaltig positionierte. Eine Arbeit des biographisches Forschens also. Aber nur bedingt biographisch, denn die drei Autoren betonen wiederholt, dass es nicht primär darum geht, die biographische Dimension fiktionaler Texte in den Blick zu nehmen (das wäre ja auch unsinning und wenig hilfreich), sondern darum, die spezifische Situation von Desertion, Kriegsende und Nachkriegszeit bzw. vor allem ihre Deutung in der Retrospektive zu untersuchen. Da Andersch die autobiographische Dimension der „Kirschen der Freiheit“ stark forciert – und damit in der Lektüre und Diskussion des Textes auch erfolreich ist -, lässt sich das vertreten. Zumal die drei Autoren aus Germanistik und Geschichtswissenschaft sich mit weit(er)gehenden Deutungen und Spekulationen zurückhalten, sondern einen starken Fokus auf die Rekonstruktion der Ereignisse um Alfred Andersch im Krieg in Italien, um die (Möglichkeit der) Niederschrift und literarischen Bearbeitung solcher Erlebnisse in der Nachkriegszeit richten. Das ist, auch wenn ich mich für Andersch nur am Rande interessiere, gerade in der Vereinigung verschiedener fachlicher Perspektiven, sehr interessant und aufschlussreich – und trotz der teilweise sehr akribischen Aufarbeitung der militärhistorischen und werkstrategischen Zusammenhänge auch sehr gut – zu lesen.
Jules Renard: Das Leben wird überschätzt.Berlin: Matthes & Seitz 2015. 72 Seiten.
Diese ganz kleine – aber auch ausgesprochen feine – Auswahl aus dem „Journal“ Jules Renards hat der inzwischen leider verstorbene Henning Ritter besorgt und auch selbst übersetzt, der Verlag Matthes & Seitz hat sie in seiner überaus empfehlenswerten Reihe „Fröhliche Wissenschaft“ nun veröffentlicht. Das hier vorgelegte ist zwar chronologisch – von 1890 bis 1910 – an- und zugeordnet, aber dennoch kein eigentliches Tagebuch, sondern eher eine Notate-Sammlung (Ritter selbst hat sein ähnliches Unternehmen „Notizhefte“ genannt). Man könnte auch sagen: Das sind Extrem-Aphorismen. (Zu überlegen wäre freilich, ob das im Original auch so ist, oder ob das erst durch die darauf abzielende Auswahl des Herausgebers so erscheint.) Denn was Ritter ausgewählt hat und hier veröffentlicht wird, das sind lauter kleine und knackige, treffende und totale Sätze. Das hat natürlich immer wieder ein Hang zum Apodiktischen, beruht aber andererseits auf einer genauen Beobachtung der Welt und ihrer Kunst, die sich mit einer ausgefeilten Präzision der genauesten Formulierung paart.
Ich denke nicht nach: Ich schaue hin und lasse die Dinge meine Augen berühren. (13)
Oft geht es in den Miniatur-Einträgen um die Literatur, noch mehr um das Schreiben an sich, aber auch um die Felder der Kritik und des Journalismus – lauter Zeitlosigkeiten also. Das Ich, sein selbst und seine Tugenden wird dabei genauso unbarmherzig und oft hart beobachtet wie die anderen um ihn und um die Jahrhundertwende herum. Da kann ich sehr viel Zustimmungsfähiges finden – man nickt dann beim Lesen immer so schön mit dem Kopf … -, auch pointiert Überraschendes, aber auch Fragliches. Gerade in seiner Haltung zur Welt, die vor allem aus seiner Absolutierung seiner Individualität resultiert, sehe ich nicht nur Vorbildhaftes.
Das Recht eines Kritikers ist es, seine Grundsätze einen nach dem anderen zu verleugnen, seine Pflicht ist es, keine Überzeugung zu haben. (5) Was ist das Leben, wenn es nur mit Augen gesehen wird, die nicht Augen von Dichtern sind? (22)
außerdem unter anderem gelesen:
Alexander Osang: Im nächsten Leben. Reportagen und Porträts. Berlin: Ch. Links 2010. 254 Seiten
Heinrich Detering: Vom Zählen der Silben. Über das lyrische Handwerk. München: Stiftung Lyrik Kabinett 2009. 28 Seiten.
Hans-Werner Richter: Die Geschlagenen. München: Kurt Desch 1949. 459 Seiten.
Siri Hustvedt: The Blazing World. London: Sceptre 2014. 379 Seiten.
Jürgen Kaube: Im Reformhaus. Zur Krise des Bildungssystems. Springe: zu Klampen 2015 (Zu Klampen Essay). 174 Seiten.
Isabella Straub: Das Fest des Windrads. Berlin: Blumenbar 2015. 348 Seiten.
Thomas Hecken: Avantgarde und Terrorismus. Rhetorik der Intensität und Programme der Revolte von den Futuristen bis zur RAF. Bielefeld: Transcript 2006. 158 Seiten.
Harald Welzer, Dana Giesecke, Luise Tremel (Hrsg.): FUTURZWEI Zukunftsalmanach 2015/16. Geschichten vom guten Umgang mit der Welt. Schwerpunkt Material. Frankfurt am Main: Fischer 2014. 544 Seiten.
Benjamin Stein: Ein anderes Blau. Prosa für 7 Stimmen. Berlin: Verbrecher 2015. 107 Seiten.