Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: erinnerung Seite 2 von 4

Ins Netz gegangen (19.5.)

Ins Netz gegan­gen am 19.5.:

  • Euro­kri­se: „Es gibt kei­ne ein­deu­ti­gen Geg­ner“ | ZEIT ONLINE – joseph vogl im gespräch mit der „zeit“:

    Einer­seits hat es ein gewal­ti­ges Umver­tei­lungs­pro­gramm gege­ben, bei dem pri­va­te Schuld­ner – also vor allem die hoch ver­schul­de­ten Groß­ban­ken – mit­hil­fe öffent­li­cher Gel­der saniert wur­den. Ande­rer­seits hat man mit der Restau­ra­ti­on des Finanz­sys­tems auch das alte Schla­mas­sel der Zeit vor 2008 wie­der her­bei­fi­nan­ziert: Es herr­schen heu­te wie­der die glei­chen Risi­ko­la­gen, die glei­che Insta­bi­li­tät an den Finanz­märk­ten. Para­do­xer­wei­se ent­steht die­se neue Unsi­cher­heit eben genau durch die Maß­nah­men, also das Aus­schüt­ten von viel Geld, mit denen die Kri­se bekämpft wer­den soll­te. Was sich in die­ser Zeit hin­ge­gen tat­säch­lich ver­än­dert hat, ist die Art und Wei­se, wie wir regiert wer­den. […] Wir erle­ben also gera­de ein finanz­po­li­ti­sches Dou­ble­bind: Einer­seits gibt die herr­schen­de Dog­ma­tik vor, dass das Wirt­schafts­wachs­tum nur mit Inves­ti­tio­nen und neu­em bil­li­gem Geld zu errei­chen ist. Ande­rer­seits erhöht das glei­che bil­li­ge Geld die Risi­ko­an­fäl­lig­keit auf den Märk­ten. Die­ses Dilem­ma kenn­zeich­net also an einem Punkt ihre Macht und gleich­zei­tig ihre struk­tu­rel­le Ohnmacht.

    – er sagt noch eini­ges mehr, was das inter­view sehr lesens­wert macht. und sehr bezeich­nend ist, dass sol­che eigent­lich emi­nent öko­no­mi­schen (und poli­ti­schen) beob­ach­tun­gen gera­de ein kul­tur­wis­sen­schaft­ler machen muss – die „fach­leu­te“ schei­nen da (zumin­dest in der deut­schen öffent­lich­keit) kei­ne posi­ti­on und/​oder stim­me zu finden …

  • Wolf­gang Ull­rich: „Urhe­ber­rech­te für die sozia­len Netz­wer­ke gänz­lich sus­pen­die­ren“ – iRights​.info – der kunst­his­to­ri­ker wolf­gang ull­rich im inter­view mit irights über kunst, inter­net, jus­tiz, das urhe­ber­recht – und technoviking

    Das Urhe­ber­recht denkt auch in den sozia­len Netz­wer­ken viel zu sehr vom klas­si­schen Werk­be­griff her und nicht vom Ort, an dem etwas statt­fin­det. Und da sehe ich die Par­al­le­len zur Pro­ble­ma­tik in der Kunst. Wer etwas in die Social Media plat­ziert, gibt es frei – und die Welt kann damit machen, was sie will. Aber in den meis­ten Fäl­len macht die Welt gar nichts damit. Ab und zu pas­siert dann doch etwas, es ent­steht gar ein Mem.[…] Mei­ner Mei­nung nach hinkt bei etli­chen Urtei­len die Recht­spre­chung der Kunst­pra­xis um zwei bis drei Jahr­zehn­te hin­ter­her. Und das ist auch beim Tech­no­vi­king der Fall.

  • Wehr­macht: Die ver­ges­se­nen Sol­da­tin­nen | ZEIT ONLINE – die his­to­ri­ke­rin karen hage­mann erin­nert an die rol­le der frau­en im zwei­ten weltkrieg

    Nicht nur in der popu­lä­ren Erin­ne­rung wur­de das Aus­maß der mili­tä­ri­schen Kriegs­un­ter­stüt­zung von Frau­en lan­ge ver­ges­sen, selbst in der umfang­rei­chen Geschichts­schrei­bung zum Zwei­ten Welt­krieg wer­den Frau­en zumeist nur als Arbei­te­rin­nen in der Kriegs­in­dus­trie oder Kran­ken­schwes­tern por­trä­tiert. Dies ist um so bemer­kens­wer­ter, als wir heu­te auf fast drei­ßig Jah­re For­schung zum The­ma Geschlecht, Mili­tär und Krieg zurück­bli­cken kön­nen und die Ära der Welt­krie­ge zu den am bes­ten erforsch­ten Peri­oden über­haupt gehört. Die­ser Befund gilt nicht nur für die deut­sche, son­dern ähn­lich auch für die inter­na­tio­na­le Geschichts­wis­sen­schaft. Wie ist die Ver­drän­gung zu erklä­ren? War­um fällt es vie­len offen­bar noch heu­te so schwer, sich Frau­en als Sol­da­tin­nen vorzustellen?
    Ein Grund hier­für dürf­te die Bedeu­tung sein, die dem Recht, im Diens­te des Staa­tes oder einer ande­ren höhe­ren Macht Waf­fen tra­gen und töten zu dür­fen – oder im Kriegs­fall zu müs­sen – für die Mar­kie­rung der Geschlech­ter­dif­fe­ren­zen zukommt. Seit der Anti­ke ist die­ses Recht männ­lich kon­no­tiert. Die kom­ple­men­tä­re Rol­le der Frau­en bestand bis ins frü­he 20. Jahr­hun­dert hin­ein vor allem dar­in, Män­ner zum Kampf zu moti­vie­ren, Ver­wun­de­te zu pfle­gen und Gefal­le­ne zu betrau­ern. […]Teil der Demo­bi­li­sie­rung in der Nach­kriegs­zeit war in allen kriegs­be­tei­lig­ten Staa­ten eine Poli­tik, die die Vor­kriegs­ge­schlecht­er­ord­nung und damit die sozia­le Sta­bi­li­tät wie­der­her­stel­len soll­te. Frau­en wur­den aus den Armeen ent­las­sen und muss­ten ihre wäh­rend des Krie­ges ein­ge­nom­me­nen Arbeits­plät­ze in Indus­trie, Han­del und Ver­wal­tung für die heim­keh­ren­den Vete­ra­nen frei machen, die wie­der allei­ni­ge Fami­li­en­er­näh­rer wer­den soll­ten. Die 1950er Jah­ren mit ihrem Wirt­schafts­wun­der wur­den in West­deutsch­land und ande­ren Län­dern West­eu­ro­pas dank einer ent­spre­chen­den Fami­li­en­po­li­tik zum „gol­de­nen Zeit­al­ter“ des Modells der „Alleinverdiener-Hausfrau“-Familie.

  • Stra­di­va­ris Cel­lo: Oh, Mara! | ZEIT ONLINE – caro­lin pirich über eines der berühm­tes­ten cel­los aus der stra­di­va­ri-werk­statt und sei­nen momen­tan­ten besit­zer, chris­ti­an poltéra:

    „Das Mara zu spie­len ist wie mit der Stim­me eines ande­ren zu spre­chen“, sagt der neue Part­ner des Mara. „Das dau­ert ein, zwei Jah­re, bis es nach mir klingt.“

  • Social Media: Das Netz bist du! | ZEIT ONLINE – kili­an tro­tier por­trä­tiert den bri­ti­schen anthro­po­lo­gen dani­el mil­ler (und sei­ne for­schung), der welt­weit die nut­zung sozia­ler netz­wer­ke erforscht und schon mal eines fest­ge­stellt hat: die regio­na­len nut­zungs­un­ter­schie­de sind gewaltig.
  • Eine Lan­ze für blog­gen­de Stu­die­ren­de: Patrick Bah­ners zur Cau­sa Mün­k­ler-Watch | Redak­ti­ons­blog – patrick bah­ners legt dar, war­um es nicht ganz so abstrus, unver­schämt und ohne vor­bild ist, als blog­gen­de stu­die­ren­de mit einem kri­ti­schen blog anonym blei­ben zu wol­len. und macht neben­bei eine inter­es­san­te anmerkung:

    Hei­kel für Mün­k­ler ist, dass eini­ge der ihm zuge­schrie­be­nen Ein­las­sun­gen, die ihn in kei­nem guten Licht daste­hen las­sen, für Leu­te, die ihn ken­nen, einen nur all­zu glaub­wür­di­gen Sound haben.

  • Nach­ruf auf Odo Mar­quard – Mit Witz zum Den­ken anre­gen – ein Nach­ruf auf den Phi­lo­so­phen Odo Mar­quard beim deutschlandradio
  • Gewalt | Schma​len​stroer​.net – micha­el schma­len­stroer bringt auf den punkt, war­um man bei der dar­stel­lung von gewalt­tä­ti­gen momen­ten der geschich­te manch­mal sich einer sehr kras­sen spra­che (und/​oder bil­der) bedie­nen muss:

    Wenn Digi­tal­Past also bru­tal ist, dann beschwert euch bei euren Groß­el­tern. Weil die bru­tal waren.

  • Streik: Hur­ra, Deutsch­land liegt lahm | ZEIT ONLINE – sehr guter kom­men­tar zum strei­ken in deutschlnd, unter ande­rem mit die­sem schö­nen und lei­der so abso­lut zutref­fen­den satz: »Die SPD agiert momen­tan also unge­fähr so sozi­al­de­mo­kra­tisch wie Ayn Rand beim Restpostenverkauf.«
  • The Ope­ra Plat­form – schö­ne initiative:

    Die Opern­platt­form ist eine Part­ner­schaft zwi­schen Ope­ra Euro­pa, einem 155 Opern und Fest­spie­le umfas­sen­den Netz­werk, dem Kul­tur­sen­der ARTE und 15 Opern­häu­sern aus ganz Euro­pa. Sie wird vom Pro­gramm Krea­ti­ves Euro­pa der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on unter­stützt und ist für alle Bei­trä­ge offen, die Oper einem brei­te­ren Publi­kum zugäng­lich machen wollen.

  • Bahn-Streik: Dan­ke, Claus Weselsky! – Aug­stein-Kolum­ne – SPIEGEL ONLINE – sehr rich­ti­ger kom­men­tar von jakob aug­stein zur rele­vanz des gdl-streiks & war­um die deut­schen der gdl dan­ken sollten

Ins Netz gegangen (9.12.)

Ins Netz gegan­gen am 9.12.:

  • 30. Neo­hi­sto­flo­xi­kon oder Neue Flos­keln braucht das Land | Geschich­te wird gemacht – achim land­wehr wird grundsätzlich:

    Es ist eigent­lich immer an der Zeit, das eige­ne Den­ken über Ver­gan­gen­heit und Geschich­te mal etwas durch­zu­schüt­teln und auf den grund­sätz­li­chen Prüf­stand zu stellen. 

  • Who is afraid of jazz? | Jazz­Zei­tung – „Wer hät­te gedacht, dass ich sogar Bruck­ner ein­mal span­nen­der und fre­ne­ti­scher fin­den wür­de als neu­en Jazz!“
  • Essay: Schläf­rig gewor­den – DIE WELT – er ost­eu­ro­pa-his­to­ri­ker karl schlö­gel wider­spricht in der „welt“ den ver­fas­sern & unter­zeich­nern des auf­ru­fes „wie­der krieg in euro­pa?“ – mei­nes erach­tens mit wich­ti­gen argumenten:

    Denn in dem Auf­ruf ist neben vie­len All­ge­mein­plät­zen, die die Eigen­schaft haben, wahr zu sein, von erstaun­li­chen Din­gen die Rede. So lau­tet der ers­te Satz: „Nie­mand will Krieg“ – so als gäbe es noch gar kei­nen Krieg. Den gibt es aber. Rus­si­sche Trup­pen haben die Krim besetzt
    […] Aber­mals ist vom „Nach­barn Russ­land“ die Rede: Wie muss die Kar­te Euro­pas im Kopf derer aus­se­hen, die so etwas von sich geben oder mit ihrer Unter­schrift in Kauf neh­men! Pein­lich – und wahr­schein­lich in der Eile von den viel beschäf­tig­ten, ernst­haf­ten Unter­zeich­nern nicht zur Kennt­nis genom­men – die Behaup­tung, Russ­land sei seit dem Wie­ner Kon­gress Mit­ge­stal­ter der euro­päi­schen Staa­ten­welt. Das geht viel wei­ter zurück, wie auch Lai­en wis­sen, die schon von Peter dem Gro­ßen gehört haben. Und aus­ge­rech­net die Hei­li­ge Alli­anz zu zitie­ren, mit der die Tei­lung Polens zemen­tiert, die pol­ni­schen Auf­stän­de nie­der­ge­wor­fen und die 1848er-Revo­lu­ti­on bekämpft wor­den ist – das passt nicht gut zur Ernst­haf­tig­keit eines um den Dia­log bemüh­ten Unter­neh­mens. Vom Molo­tow-Rib­ben­trop-Pakt – eine zen­tra­le Erfah­rung aller Völ­ker „dazwi­schen“ und im 75. Jahr der Wie­der­kehr des Ver­tra­ges, der den Zwei­ten Welt­krieg mög­lich gemacht hat – ist im Text gar nicht die Rede, ein­fach zur Sei­te gescho­ben, „ver­drängt“.

  • Was bewegt Yvan Sagnet?: Hoff­nung der Skla­ven | ZEIT ONLINE -

    Arbei­ter aus dem Sudan, aus Bur­ki­na Faso, aus Mali, aus fast jedem Land Afri­kas. In dre­cki­gen Män­teln suchen sie vor den Müll­hau­fen nach Ver­wert­ba­rem. Es ist, als wür­de man durch einen düs­te­ren, apo­ka­lyp­ti­schen Roman von Cor­mac McCar­thy fah­ren. An den Feld­we­gen, die von den Land­stra­ßen abge­hen, ste­hen Pro­sti­tu­ier­te. Rumä­nin­nen und Bul­ga­rin­nen. So sieht es aus, das Herz der ita­lie­ni­schen Tomatenproduktion.

    – fritz schaap in der zeit über den ver­such des gewerk­schaf­ters yvan sagnet, die mise­ra­blen bedin­gun­gen der arbei­ter in ita­li­en, v.a. der ern­te­hel­fer, zu ver­bes­sern. der sagt u.a.

    „Der Käu­fer muss wis­sen: Wenn er in den Super­markt geht und ein Kilo­gramm ita­lie­ni­sche Toma­ten für acht­zig Cent kauft, dann wur­den die­se Toma­ten von mise­ra­bel ent­lohn­ten Arbei­tern geern­tet, die man ohne Wei­te­res als moder­ne Skla­ven bezeich­nen kann.“

  • Eine wich­ti­ge Infor­ma­ti­on der Ver­ei­nig­ten Geheim­diens­te – You­Tube – Bet­ter no Let­ter: Eine wich­ti­ge Infor­ma­ti­on der Ver­ei­nig­ten Geheim­diens­te (sie­he auch: The U.S.S.A. says: BETTER NO LETTER!)
  • Uni­on kri­ti­siert Rame­low-Wahl in Thü­rin­gen: Ver­lo­ge­ne Heul­su­sen | tages​schau​.de – wow, bei der ARD & der Tages­schau ist jemand genau­so ange­wi­dert vom Ver­hal­ten der CDU in Thü­rin­gen wie ich
  • For­schung: So will doch kei­ner arbei­ten! | ZEIT ONLINE – For­schung: So will doch kei­ner an Unis arbei­ten! – Die­ses Mal mit einer Historikerin
  • Zer­schla­gen, aber im Samm­lungs­kon­text erschließ­bar: In der Baye­ri­schen Staats­bi­blio­thek wur­de über den Ankauf des Schott-Archivs infor­miert | nmz – neue musik­zei­tung – Zer­schla­gen, aber im Samm­lungs­kon­text erschließ­bar: Die Bestän­de des Archivs des Schott-Ver­la­ges tei­len sich künf­tig auf die Staats­bi­blio­the­ken Mün­chen und Ber­lin sowie sechs For­schungs­ein­rich­tun­gen auf. Über den Kauf­preis wur­de Still­schwei­gen vereinbart.
  • So ent­stand der Mythos der „Trüm­mer­frau­en“ – Poli­tik – Süddeutsche.de – die sz lässt sich von der his­to­ri­ke­rin leo­nie tre­ber noch ein­mal erklä­ren, woher die „trüm­mer­frau­en“ kommen:

    Es wur­de ein äußerst posi­ti­ves Bild die­ser Frau­en ver­mit­telt: Dass sie sich frei­wil­lig und mit Freu­de in die har­te Arbeit stür­zen und den Schutt weg­räu­men, um den Wie­der­auf­bau vor­an­zu­trei­ben. Die PR war auch enorm wich­tig, weil die Trüm­mer­räu­mer – wie zuvor erwähnt – stig­ma­ti­siert waren und sol­che schwe­ren Jobs bis dahin eigent­lich nicht von Frau­en erle­digt wer­den soll­ten. Des­halb wur­de das Bild der „Trüm­mer­frau“ posi­tiv auf­ge­la­den mit den Ste­reo­ty­pen, die wir noch heu­te mit dem Begriff verbinden.

  • Main­zer Schott-Musik­ver­lag: His­to­ri­sches Archiv wird öffent­lich zugäng­lich – Rhein­land-Pfalz | SWR​.de – „opti­ma­le Erschlie­ßung“ = Zer­stö­rung des Zusam­men­hangs. Schott-Musik­ver­lag: Archiv wird öffent­lich zugänglich
  • Hat die Jugend kei­nen Ehr­geiz mehr? | Blog Maga­zin – phil­ipp tin­gler über die gegen­wart, die kul­tur und den ehr­geiz zum glück:

    Gegen­wär­tig leben wir in einer Gesell­schaft, die Selbst­per­fek­tio­nie­rung, die Arbeit am Ich, als Selbst­ge­nuss pos­tu­liert; einer der letz­ten Leit­wer­te in der irre­du­zi­blen Viel­falt der uns allent­hal­ten umge­be­nen Kon­tin­genz­kul­tur ist: Authen­ti­zi­tät. Dafür steht auch Dia­ne von Fürs­ten­berg. Die Bio­gra­fie als Pro­jekt. Wenn jetzt also plötz­lich alle aus ihrem Leben ein Kunst­werk machen wol­len, dann ist das nicht nur ein ethi­scher, son­dern auch ein sehr ehr­gei­zi­ger Impe­ra­tiv: Lebens­wel­ten und ‑for­men wer­den ambi­tio­niert durch­äs­the­ti­siert, und das Pathos der Selbst­er­schaf­fung rich­tet sich auf die bei­den gros­sen Zie­le der Post­wachs­tums­ge­sell­schaft: Spass und Glück.
    […] Wir sehen also, dass Ehr­geiz durch­aus nicht ver­schwun­den ist, son­dern sich nur ver­irrt hat.

    sei­ne the­ra­pie ist übri­gens ziem­lich ein­fach (und wahr­schein­lich gar nicht so ver­kehrt): selbst­iro­nie als die „schöns­te Form der Eigenliebe“

  • Duden | Kon­rad-Duden-Preis 2014 geht an Dama­ris Nüb­ling | – Der Kon­rad-Duden-Preis 2014 geht an @DFDmainz-Projektleiterin Dama­ris Nübling
  • E‑Books: Wir sind die Fähr­ten­le­ser der neu­en Lite­ra­tur – Bücher – FAZ – elke hei­ne­mann über die viel­falt der neu­en (klei­ne) e‑book-ver­la­ge:

    Dich­tung ist längst auch digi­tal: Auf der Suche nach E‑Books abseits des Main­streams führt der Weg in Deutsch­land vor allem nach Ber­lin. Doch die enga­gier­ten Spe­zi­al­ver­la­ge haben auch spe­zi­el­le Probleme. 

  • Gen­der-Debat­te: Anschwel­len­der Ekel­fak­tor | ZEIT ONLINE – wun­der­bar: robin det­je rech­net gna­den­los mit den kolum­nen­het­zern #ulfha­rald­jan­mat­thi­as aber (scha­de nur, dass das bei der @Zeit wie­der nie­mand lesen wird und harald des­halb wei­ter die leser­schaft ver­gif­ten darf):

    Heu­te tobt die Schluss­strich­de­bat­te Femi­nis­mus. Ende: nicht abzu­se­hen. Altern­de Män­ner an vor­ders­ter Front. Hoher Unter­hal­tungs­wert, aber auch anschwel­len­der Ekel­fak­tor. Die Argu­men­ta­ti­on wie­der fas­zi­nie­rend: Femi­nis­mus gibt es inzwi­schen doch schon so lan­ge, das nervt, Frau­en ner­ven ja immer, und die Frau­en wol­len offen­bar tat­säch­lich, dass wir Män­ner unser Ver­hal­ten ändern, wes­halb jetzt wir die eigent­li­chen Opfer sind.
    […] Und des­halb husch, husch, ihr all­män­ner­mäch­ti­gen Dis­kurs­be­herr­scher, zurück in eure Eck­knei­pe. Die jetzt lei­der von einem Gen­der-Stu­dies-Les­ben‑, Tran­sen- und X‑trupp über­nom­men wird, und ihr schiebt für eine Wei­le in der Küche Abwaschdienst.

    Ent­schul­di­gung, aber das wird man sich als auf­ge­klär­ter, älte­rer deut­scher Mann doch noch wün­schen dürfen.

  • “Femi­nis­mus kann nie­mals Life­style sein” • Denk­werk­statt – gabrie­le mich­alit­sch im inter­view mit eini­gen sehr rich­ti­gen beobachtungen:

    Femi­nis­mus kann nie­mals Life­style sein, Femi­nis­mus ist immer poli­tisch. Wenn die Medi­en eine sol­che Dis­kus­si­on befeu­ern, ist das eine Form von Anti­fe­mi­nis­mus und der Ver­such, den Begriff Femi­nis­mus zu ver­ein­nah­men, ihm sei­ne poli­ti­sche Rele­vanz abzu­spre­chen. Femi­nis­mus war zudem nie män­ner­feind­lich, er wur­de immer auch von Män­nern mit­ge­tra­gen. Wenn, dann wen­det er sich gegen bestimm­te Kon­zep­tio­nen von Männ­lich­keit – wie auch Weib­lich­keit. Wäre die­ser angeb­lich neue Femi­nis­mus nicht Gegen­stand öffent­li­cher Debat­ten, müss­ten wir uns erst gar nicht damit aus­ein­an­der­set­zen – in mei­nen Augen ist das eine anti­fe­mi­nis­ti­sche Strategie.

    und spä­ter auf den punkt gebracht: 

    Wenn Femi­nis­mus auf Kar­rie­re mit Kin­dern redu­ziert wird, ist das das Ende des Feminismus.

Ins Netz gegangen (13.11.)

Ins Netz gegan­gen am 13.11.:

Mahnmale

Je mehr Mahn­ma­le, des­to weni­ger füh­len sich die Men­schen betrof­fen.
Jedes Denk­mal legt Erin­ne­run­gen für immer ad acta.

—Wal­ter Kem­pow­ski: Hamit. Tage­buch 1990 (10)

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  • Twit­ter /​Stroem­feld: Sind Schwä­ne gif­tig? Notiz­zet­tel … – RT @Stroemfeld: Sind Schwä­ne gif­tig? Notiz­zet­tel aus dem Nach­laß von Peter Kurz­eck, vmtl. Ende der 1960er Jahre
  • Richard Sen­nett: „Wir müs­sen die Arbeit umver­tei­len“ | ZEIT ONLINE – richard sen­net im inter­view mit zeit-online:

    Mehr Sozia­lis­mus, mehr Mit­be­stim­mung, klei­ne­re Fir­men und die Schwä­chung des Finanz­ka­pi­tals zuguns­ten pro­duk­ti­ver Arbeit. Wir benö­ti­gen alter­na­ti­ve Manage­ment­mo­del­le, die auf eine kon­ti­nu­ier­li­che (Weiter-)Entwicklung der Men­schen set­zen. Das Pro­blem, mit dem wir es im moder­nen Kapi­ta­lis­mus zu tun haben, ist die Mani­pu­la­ti­on der Zeit. 

    und am schluss emp­fiehlt er das grund­ein­kom­men als lösung: 

    Mei­ner Auf­fas­sung nach wäre die Ein­füh­rung eines exis­tenz­si­chern­den Grund­ein­kom­mens eine Erfolg ver­spre­chen­de Her­an­ge­hens­wei­se. Man ver­sucht, die vor­han­de­ne Arbeit zu bestim­men, um sie dann unter zwei oder drei Leu­ten zu ver­tei­len. Die­se wer­den als Teil­zeit­kräf­te bezahlt. Der Staat gibt ihnen dann zusätz­lich ein Grund­ein­kom­men, um den Unter­schied auszugleichen.

  • Kopen­ha­gen: „Rad­fah­rer machen eine Stadt erst rich­tig leben­dig“ | ZEIT ONLINE – noch ein paar grün­de, war­um es (gera­de städ­ten) gut tut, sich um den rad­ver­kehr zu kümmern

    Rad­fah­rer machen eine Stadt erst rich­tig leben­dig. Man sieht Gesich­ter auf der Stra­ße, und nicht nur hin­ter Wind­schutz­schei­ben. Die Stadt wird als men­schen­freund­lich wahr­ge­nom­men und dadurch attraktiv. 

  • Ein spä­ter Sieg der his­to­ri­schen Wahr­heit – taz​.de – klaus hil­len­berg ist sehr ange­tan von der neu­en dau­er­aus­stel­lung zum wider­stand gegen das ns-régime im bendlerblock:

    Mit die­ser Aus­stel­lung hat die Rezep­ti­on der Wider­stands­ge­schich­te einen vor­läu­fi­gen Schluss­punkt gefun­den, oder anders gesagt: Die Wahr­heit hat nach Jahr­zehn­ten der Geschichts­klit­te­rung, der offe­nen und ver­deck­ten Ein­fluss­nah­me von Poli­ti­kern, Kir­chen­ver­tre­tern, ehe­ma­li­gen Offi­zie­ren und, ja das auch, von Wider­stands­kämp­fern und deren Ange­hö­ri­gen gesiegt. Es ist ein ver­dammt spä­ter Sieg, der wohl nur mög­lich wur­de, weil die Täter­ge­nera­ti­on nicht mehr unter den Leben­den weilt. Aber es ist doch ein his­to­ri­scher Sieg. 

  • World Cup Phi­lo­so­phy: Ger­ma­ny vs France – Exis­ten­ti­al Comics – cool. (für die phi­lo­so­phie­ge­schicht­lich nicht so bewan­der­ten gibt es auch eine aus­führ­li­che erklä­rung dazu …)
  • Autoren­schaft revis­ted | Fix­poet­ry – »Autoren von Qua­li­tät tun und sagen Uner­hör­ters, Schwer­hör­ba­res, Neu­hör­ba­res, sie experimentieren«
  • Font­blog | Ed Sheeran’s Album Cover Fail – Klei­ner Typo-Feh­ler ganz groß (was es nicht alles gibt!)

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Ins Netz gegan­gen am 4.6.:

  • Snow­den-Ent­hül­lun­gen: Staats­ver­sa­gen beim Schutz der Bür­ger – SPIEGEL ONLINE – Sascha Lobo hat lei­der sehr recht:

    Digi­ta­les Staats­ver­sa­gen, ist das nicht über­trie­ben? Kei­nes­wegs. Der deut­sche Staat ist offen­sicht­lich nicht in der Lage, einem mil­lio­nen­fa­chen Grund­rechts­bruch im Inter­net ent­ge­gen­zu­tre­ten. Eigent­lich schafft er es nicht ein­mal, sich eine Fra­ge­lis­te von der NSA beant­wor­ten zu las­sen. Aber der ent­schei­den­de Punkt ist, dass in die­sem Moment die Grund­rech­te bekann­ter­wei­se seit einem Jahr ver­letzt wer­den undk­ei­ne Abhil­fe geschaf­fen wird. Wer je im Ver­lauf der letz­ten zwölf Mona­te ver­stört oder gar erzürnt war über die flä­chen­de­cken­de Total­über­wa­chung – hat nicht den gerings­ten Grund, inzwi­schen ent­spannt zu sein. Es hat sich dies­be­züg­lich exakt nichts geän­dert. Nichts. 

  • jungle​-world​.com – 22/​2014 – The­ma – Die deut­sche Debat­te über den Ers­ten Welt­krieg – Richard Geb­hardt zur aktu­el­len Dis­kus­si­on um Schuld und Ver­ant­wor­tung in Europa

    Über­mäch­tig aber scheint bei einem Teil der deut­schen Öffent­lich­keit zugleich der Wunsch nach einem Geschich­ten­er­zäh­ler, der 100 Jah­re danach end­lich die Bele­ge für den Frei­spruch Deutsch­lands bie­ten soll.
    […] Was vor­geb­lich als Debat­te über die Ursa­chen des Ers­ten Welt­kriegs begann, mün­det in die apo­lo­ge­ti­sche Aus­ru­fung Deutsch­lands zum wil­li­gen Hege­mon. Die Trup­pen für die künf­ti­ge mora­li­sche Auf­rüs­tung ste­hen schon bereit. Vor­erst aber arbei­ten deut­sche Intel­lek­tu­el­le dar­an, die Geschich­te des Ers­ten Welt­kriegs in der belieb­ten Serie »Als der Welt­krieg Deutsch­land über­fal­len hat« (Her­mann L. Grem­li­za) zur all­ge­mei­nen deut­schen Zufrie­den­heit umzudeuten.

  • Der Name der Wind­ro­se – Sprach­log – Sexis­mus tötet: „Orka­ne mit Män­ner­na­men wer­den im Schnitt als stär­ker und gefähr­li­cher eingestuft“ >
  • Von Erin­ne­rungs­kul­tur und Ver­gess­lich­keit | Kul­tur | DW​.DE | 24.05.2014 – Alei­da Ass­mann: Erin­ne­rungs­kul­tur lebe, sei nicht sta­bil. Und sie müs­se sich auch ver­än­dern dür­fen.

    (Und neben­bei: Walsers Augen­brau­en sind ja ein Kunst­werk für sich …)

  • War­um ich die Kraut­re­por­ter unter­stüt­ze – Im Enten­teich 02.06.2014 – Per­len­tau­cher – Thier­ry Cher­vel begrün­det, war­um er die „Kraut­re­por­ter“ unter­stützt und für eine gute Sache hält:

    Vier Ein­sich­ten der letz­ten 15 Jah­re bewe­gen mich, die Kraut­re­por­ter zu abonnieren:

    1. Das Inter­net ist die Öffentlichkeit
    2. Es gibt kei­ne Öko­no­mie der Information
    3. Es geht um die Zukunft der Öffent­lich­keit, nicht des Journalismus
    4. Wir müs­sen über die Öffent­lich-Recht­li­chen reden

  • Unsäg­li­che TV-Dokus: Geschich­te für Trot­tel – FAZ – Jörg Bab­e­row­ski macht sei­nem Unmut über die neu­es­te (far­bi­ge!) Sta­lin-Doku­men­ta­ti­on Luft:

    Bis­her hat­te ich geglaubt, mit Gui­do Knopps his­to­ri­schen Doku­men­ta­tio­nen sei der Tief­punkt im deut­schen Fern­se­hen schon erreicht wor­den. Die­ser Film bewies das Gegenteil.
    […] Fast alles, was über Ereig­nis­se und Per­so­nen in die­ser Doku­men­ta­ti­on gesagt wird, ist falsch.
    […] Aber wer inter­es­siert sich noch für Fak­ten, wenn es doch nur dar­um geht, den Zuschau­er mit bun­ten Bil­dern zu unter­hal­ten! Nun könn­te man ein­wen­den, sol­che Infor­ma­tio­nen sei­en Neben­sa­che, weil sie zur Erklä­rung nichts bei­tra­gen. Mag sein. Aber die­ser lieb­los zusam­men­ge­schnit­te­ne Film erklärt nichts, er erhellt nichts. Er ist stüm­per­haf­te Desinformation.

    Und er nutzt das – weil es für ihn kei­ne Aus­nah­me, son­dern Sym­ptom ist – zu einer neu­en Gene­ral­ab­rech­nung mit dem Geschichts­fern­se­hen ganz im allgemeinen:

    Die Infan­ti­li­sie­rung des Zuschau­ers kennt kei­ne Gren­zen. Er wird nicht nur für dumm ver­kauft, er wird auch für dumm gehal­ten. Des­halb erzählt man ihm nur, was man ihm zumu­ten zu kön­nen glaubt. „Histo­ry-TV“ gibt es nur, weil jene, die Doku­men­tar­fil­me pro­du­zie­ren, glau­ben, dass intel­li­gen­te Men­schen nicht fernsehen.

  • Anar­chist Michail Baku­nin: „Der Räu­ber ist der wah­re Held“ | ZEIT ONLINE – Vor 200 Jah­ren kam der gro­ße Anar­chist Michail Baku­nin zur Welt. Zeit­le­bens war er immer dort, wo es nach Revol­te roch. – Gero von Ran­dow por­trä­tiert Bakunin

Ins Netz gegangen (8.5.)

Ins Netz gegan­gen am 8.5.:

Gedenken und Helden

Ich konn­te eben mei­nen Augen ja kaum trau­en: Das hr-fern­se­hen hat sei­ne neue „Tatort“-Kommissarin nach einer von den Natio­nal­so­zia­lis­ten depor­tier­ten und ermor­de­ten jüdi­schen Deut­schen benannt. Der ein­zi­ge Grund dafür: Die Schau­spie­le­rin Mar­ga­ri­ta Broich – in Ber­lin lebend – hat den Namen auf einem „Stol­per­stein“ vor ihrer Haus­tür gele­sen und fin­det, die Benen­nung einer fik­ti­ven (und wie ich den „Tat­ort“ ken­ne, regel­mä­ßig deut­sche Geset­ze bre­chen­den) Figur sei eine tol­le Erin­ne­rung und Ehrung für die­se Frau.

Selt­sam dar­an ist: Was hat die Frank­fur­ter Kom­mis­sa­rin mit einer Ber­li­ne­rin zu tun? Wie­so soll das eine ange­mes­se­ne Form der Erin­ne­rung sein? Ganz schlimm wird es, wenn die Redak­teu­rin des Hes­si­schen Rund­funks, Lia­ne Jes­sen, die Idee ver­tei­di­gen will. Gegen­über dem „Tages­spie­gel“ – dem ich die­sen Vor­gang ent­nahm – argu­men­tiert sie:

Ich wäre glück­lich in mei­nem Grab, wenn auf die­se Art und Wei­se an mich erin­nert wer­den würde

Selbst wenn dem so wäre – übli­cher­wei­se ist man in einem Grab ja nicht mehr unbe­dingt sol­cher Gefüh­le fähig -: Wie­so geht sie ein­fach davon aus, dass das auch für ande­re Per­so­nen und gar noch Per­so­nen der Ver­gan­gen­heit gel­ten soll?
Aber sie kann die Absur­di­tät noch stei­gern. Sie sag­te näm­lich außer­dem noch: 

‚Tatort‘-Kommissare sind schließ­lich die moder­nen Hel­den unse­rer Zeit, und wir las­sen Sel­ma Jaco­bi als Hel­din wiederauferstehen.

Jetzt wird es voll­kom­men ver­quer: Seit wann sind „Tatort“-Kommissare (hier han­delt es sich übri­gens um eine Kom­mis­sa­rin, aber das macht ja nichts …) „moder­ne Hel­den“? Und wie­so las­sen sie beim Hes­si­schen Rund­funk eine Ver­folg­te als Hel­din wie­der­auf­er­ste­hen? Wie darf man sich das vor­stel­len – hat die Kom­mis­sa­rin dann Erin­ne­run­gen an ihr frü­he­res Leben, in dem sie depor­tiert und ermor­det wurde?

Auch die Behaup­tung Jessens

Das kann doch nur im Sin­ne des Opfers sein, das sicher nicht ver­ges­sen wer­den will.

wür­de ich so nicht ste­hen las­sen: Viel­leicht will sie das ja gera­de? Wer weiß das denn? Und ist es nicht eine unge­heu­re Anma­ßung, für eine ver­stor­be­ne Per­son so zu spre­chen? Sie hat sich ihr Schick­sal, des­sen­we­gen sie hier erin­nert wer­den soll, ja nicht ausgesucht. 

In der Sum­me also: Zwei Men­schen maßen sich an, wie sich eine Per­son der Geschich­te zu füh­len hat und was sie freu­en soll. Ganz zu schwei­gen von der Ober­fläch­lich­keit und Pie­tät­lo­sig­keit, die hin­ter die­sem „Geden­ken“ und der Ver­knüp­fung von Opfer und angeb­li­chen Hel­den steht. 

Aus-Lese #25

Marc Augé: Die For­men des Ver­ges­sens. Ber­lin: Matthes & Seitz 2013. 106 Seiten. 

Augé plä­diert in die­sem Essay dafür, Ver­ges­sen als Teil der Erin­ne­rung vom Ruch des Makels zu befrei­en: Ver­ges­sen ist für ihn inso­fern unauf­lös­lich mit dem Erin­nern ver­bun­den, weil über­haupt nur durch das Ver­ges­sen von man­chem man­ches erin­nert wer­den kann und als Erin­ne­rung ver­füg­bar sein kann. Die Sicht ist die des Eth­no­lo­gen (und die Reflek­ti­on sei­ner Methode(n) nimmt erheb­li­chen Raum ein): Die zeit­li­che Gebun­den­heit der Fik­ti­on (bzw. der Nar­ra­ti­on) des Lebens, aus der der Eth­no­lo­ge (bei Augé gibt es kei­ne Frau­en ;-)) sei­ne Erzäh­lun­gen formt, sind ein wie­der­keh­ren­des Motiv. Und die­se Erzäh­lun­gen sind für ihn auf allen Ebe­nen immer Pro­duk­te des Gedächt­nis­ses, womit das Ver­ges­sen wie­der ins Spiel kommt. Fast neben­bei lie­fert er dazu viel Mate­ri­al und Anek­do­ten aus dem Schatz des Eth­no­lo­gen zu Erin­nern und Ver­ges­sen, aber eigent­lich vor allem zu Fik­ti­on und Erzäh­lung (in die Ver­ges­sen und Erin­nern hier immer ein­ge­bun­den sind). 

Ver­ges­sen ist für Augé nicht nur als Ele­ment der Erin­ne­rung zu ver­ste­hen, son­dern als pro­duk­ti­ver Vor­gang der Erzäh­lung (und damit Gestal­tung) der Wirk­lich­keit – denn Ver­ges­sen, so Augé, öff­net Mög­lich­kei­ten, Poten­tia­li­tä­ten der Ver­gan­gen­heit, der Gegen­wart oder der Zukunft. Also genau das, was Indi­vi­du­en und Gemein­schaf­ten brauchen:

Gedächt­nis und Ver­ges­sen bedin­gen sich gegen­sei­tig, bei­de sind not­wen­dig zum umfas­sen­den Gebrauch der Zeit. […] Das Ver­ges­sen führt uns zur Gegen­wart zurück […]. Man muss ver­ges­sen, um anwe­send zu blei­ben, ver­ges­sen, um nicht zu ster­ben, ver­ges­sen, um treu zu blei­ben. (102f.)/

Alex­an­der Los­se: Stro­phen. Ber­lin: Karin Kra­mer 2010. 65 Seiten.

Stro­phen ist ein extrem deskrip­ti­ver Titel, denn das Lyrik­de­büt Los­ses ent­hält genau das: Stro­phen. Genau­er: 62 ein­zel­ne Stro­phen, alles Vier­zei­ler (eine sechs­ver­si­ge Stro­phe ist auch dabei) mit dem sehr auf­fal­len­de­nen Ele­ment des Kreuz- bzw. umar­men­de Reims orga­ni­siert. Getra­gen wer­den die kur­zen Gedich­te Los­ses durch ihre Lied­haf­tig­keit. Auch eine gewis­se, schwe­ben­de Leich­tig­keit ist ihrer Spra­che eigen. Vor allem spricht aus ihnen (fast) allen aber ein gro­ßer, exis­ten­ti­el­ler Ernst: „Ver­wüs­tung eine See­le schuf“ heißt es zum Bei­spiel gleich in der ers­ten Stro­phe. Fra­gen­de Meta­phern, offen für Ant­wor­ten oder Ein­wür­fe bestim­men die meis­ten Stro­phen. Sie kön­nen sich auch recht gut ver­lie­ren – in der Kür­ze, der Klein­heit und der (fes­ten, vor­ge­be­nen, unan­ge­tas­te­ten) Form. Und manch­mal blei­ben sie auch ein­fach in der Bana­li­tät des Reims und der reli­gi­ös-christ­lich-kirch­li­chen Meta­phern ste­cken, so dass ich nicht so recht weiß, ob ich – bei eini­gen sicher­lich sehr guten „Stro­phen“ – den gan­zen Band wirk­lich rich­tig gut finde …

XLVI
Gehst so lei­se in die Kirche,
fliehst so spät zum untern Grund.
Wes­sen Hand hat nur berühret,
wes­sen Weg dich hergeführet,
wes­sen Opfer schweigt dein Mund.
Gehst so lei­se in die Kirche. 

Pau­lus Böh­mer: Kad­dish I‑X. Frank­furt am Main: Schöff­ling 2002. 345 Seiten. 

groß­ar­tig: Die Form des Kad­dish, des jüdi­schen Trau­er­ge­be­tes, nutzt Böh­mer, um den Leser mit so ziem­lich allem zu kon­fron­tie­ren, was sich den­ken lässt: Im Modus der Ver­gäng­lich­keit tau­chen Sexua­li­tät und Phan­ta­sie, Bil­dung und Erle­ben, Hoch­kul­tur und Under­ground neben‑, über- und hin­ter­ein­an­der auf. Das ist in sei­ner Dich­te und vor allem der per­ma­nen­ten Anspan­nung kaum am Stück zu lesen. Zehn Kad­dishs ver­sam­melt Böh­mer in die­sem Band (inzwi­schen ist ja noch ein zwei­ter erschie­nen), als eine Art Lang­ge­dich­te mit 12 bis 50 Druck­sei­ten Län­ge – also ganz schö­ne Bro­cken. Und da Böh­mer immer mit einer kunst­voll gesuch­ten, unge­heu­er viel­fäl­ti­gen, rei­chen Spra­che auf höchs­tem Niveau arbei­tet, ver­langt das auch dem Lesen viel Kon­zen­tra­ti­on, Auf­merk­sam­keit und Durch­hal­te­wil­len ab – Anstren­gun­gen, die sich aber loh­nen, denn in sei­ner kon­zen­trier­ten Erschöp­fung der Ver­gäng­lich­keit der Welt und des Lebens ist Böh­mer ein groß­ar­ti­ger Lyriker.

Johan­nes Fried: Karl der Gro­ße. Gewalt und Glau­be. Eine Bio­gra­phie. Mün­chen: Beck 2013. 736 Seiten. 

Der Ver­lag – und auch eini­ge Rezen­sen­ten – kön­nen sich ja vor Begeis­te­rung über die­sen Wäl­zer kaum ein­krie­gen. Ganz so ging es mir nicht. Das liegt aber nur zum Teil an Fried selbst, son­dern auch am Ver­lag. Ner­vig fand ich die – für einen Ver­lag wie Beck! – extrem nied­ri­ge Lek­tor­akts- und Pro­duk­ti­ons­qua­li­tät. Ein paar Bei­spie­le: die Kapi­täl­chen ohne Klein­buch­sta­ben, Flüch­tig­keits­feh­ler (wie die fal­sche Ver­or­tung Ingel­heims auf der Kar­te oder fal­sche, nicht erklär­te Abkür­zun­gen im Text) und der auf Dau­er etwas stei­fe Stil, der etwas lek­to­rie­ren­de Glät­tung durch­aus ver­tra­gen hät­te, fal­sche Anmer­kun­gen, die ver­wir­ren­de Num­me­rie­rung der Abbil­dun­gen und Farb­ta­feln, das feh­len­de Abbil­dungs­ver­zeich­nis, der fal­sche Kolum­nen­ti­tel im Appen­dix, der bil­li­ge Umschlag …

Aber es geht ja um den Text selbst. Der bie­tet sehr, sehr viel – aber nicht unbe­dingt das, was der Unter­ti­tel ver­spricht. „Eine Bio­gra­phie“ ist das näm­lich aller­höchs­tens peri­pher, eigent­lich über­haupt nicht. Das Leben eines karo­lin­gi­schen Herr­schers ist ja nicht mehr aus­zu­lo­ten, wor­auf Fried selbst natür­lich hin­weist – also brei­tet ein Mit­tel­al­ter-His­to­ri­ker alles aus, was er aus und über die­se Zeit weiß. Das ist manch­mal sehr all­ge­mein und manch­mal sehr spe­zi­ell (wie sich über­haupt mir manch­mal der Ein­druck auf­dräng­te, dass Fried nicht so genau wuss­te, für wen er eigent­lich schrei­ben will: für den inter­es­sier­ten Lai­en? – Dafür setzt er ziem­lich oft sehr gründ­li­che Vor­kennt­nis­se vor­aus. Für die Fach­kol­le­gen? Dafür ist man­ches etwas all­ge­mein bis über­flüs­sig (und die Anmer­kun­gen bzw. das Lite­ra­tur­ver­zeich­nis etwas unge­nau …). Gera­de das Pan­ora­ma der früh­mit­tel­al­ter­li­chen Welt macht die­sen Karl aber so wertvoll. 

Und Frieds Ansatz, Karls Leben und Hand­lun­gen mit zwei Moti­va­ti­ons­strän­gen – den im Unter­ti­tel genann­ten Kom­ple­xen „Gewalt“ und „Glau­be“ – zu erklä­ren, ist durch­aus nach­voll­zieh­bar und rich­tig. Auch wenn, wie er es selbst ent­wi­ckelt, die „Gewalt“ – ins­be­son­de­re eben die Krie­ge wie die gegen die Sach­sen – (fast) immer aus dem „Glau­ben“ erwächst. Das gelingt Fried übri­gens sehr schön, der Ver­such, Karl und sei­ne Moti­va­ti­on aus dem Wis­sen und den Über­zeu­gun­gen sei­ner Zeit zu erklä­ren. Fast bestechend wird das etwa bei der Fra­ge nach der Kai­ser­kro­ne – ein Unter­neh­men, dass Fried durch­aus schlüs­sig mit dem Ver­weis auf die ver­brei­te­te und wahr­ge­nom­me­ne End­zeit­stim­mung um 800 erklä­ren kann. 

Ann Cot­ten: Der schau­ern­de Fächer. Erzäh­lun­gen. Ber­lin: Suhr­kamp 2013. 253 Seiten. 

Obwohl ich Ann Cot­ten als Lyri­ke­rin durch­aus mit Wert­schät­zung und Inter­es­se wahr­ge­nom­men habe, kann ich mit ihrem ers­ten Erzäh­lungs­band eher wenig anfan­gen. Das ist sehr wild, unge­zähmt, unge­formt scheint es oft – wuchernd in Phan­ta­sie und Stil. Meistens/​immer geht es um Lie­bes­be­zie­hun­gen, um den Beginn einer Ver­traut­heit und Zunei­gung und Lie­be – aber in sehr selt­sa­men Kon­fi­gu­ra­tio­nen und Beschrei­bun­gen. Schön und klug sind die ein­ge­ar­bei­te­ten (oft eher unauf­fäl­li­gen, sel­ten expli­zi­ten) Gen­der-The­ma­ti­sie­run­gen. Man­ches hat durch­aus poe­ti­sches Poten­ti­al, das sich auch beim ers­ten Lesen zeigt. Ande­res erschien mir eher fah­rig und aus­ufernd, mehr Ein­fall als Form, mehr Idee als Aus­ar­bei­tung, mehr Prä­ten­ti­on als Ein­lö­sung. Aber viel­leicht bin ich da etwas unge­recht – jeden­falls ver­spür­te ich öfters ein­fach kei­ne Lust, micht auf die­se Text­wel­ten wirk­lich ein­zu­las­sen (war­um auch immer).

Mainzer Stolpersteine

Seit letz­ter Woche gibt es in Mainz eini­ge Stol­per­stei­ne mehr. Unter ande­rem lie­gen jetzt auch drei von die­sen Minia­tur-Mahn­ma­len in der Fuß­gän­ger­zo­ne, fast direkt vor mei­ner Haus­tür (In der Lis­te der Main­zer Stol­per­stei­ne feh­len die neu ver­leg­ten – 16 sind es ins­ge­samt – noch). Und im Gegen­satz zu vie­len sons­ti­gen unauf­fäl­lig bis ver­steck­ten Instal­la­tio­nen der Stol­per­stei­ne, die ja immer zwi­schen Kunst­werk und Gedenk­ort schwan­ken, sind die­se drei wirk­lich auf­fäl­lig und laden tat­säch­lich zum „men­ta­len Stol­pern“ ein. Damit rela­ti­vie­ren sie mei­ne Beden­ken, die ich bis­her ange­sichts die­ses Pro­jekt heg­te, doch etwas …

Stolpersteine in der Lotharstraße

Stol­per­stei­ne in der Lotharstraße

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