Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: ludwig van beethoven

Nationalmusikerexperimente: Beethoven, Sibelius & Nielsen

Beet­ho­ven wur­de erst nach sei­nem Tod zum urdeut­schen Kom­po­nis­ten. Carl Niel­sen und Jean Sibe­l­i­us waren schon zu Leb­zei­ten natio­na­le Iko­nen. Beson­ders bei Sibe­l­i­us wird das ganz deut­lich: Die fin­ni­sche Regie­rung gab zu sei­nem 50. Geburts­tag die Kom­po­si­ti­on einer Sym­pho­nie – es wird sei­ne fünf­te – in Auf­trag. Im 9. Sin­fo­nie­kon­zert des Staats­thea­ters erklang sie zusam­men mit der Heli­os-Ouver­tü­re von Carl Niel­sen und dem vier­ten Kla­vier­kon­zert von Beet­ho­ven. Also nicht nur drei ver­schie­de­ne Natio­nal­mu­si­ken, son­dern auch Wer­ke, die mit ihren For­men expe­ri­men­tie­ren. Beet­ho­vens vier­tes Kla­vier­kon­zert ist genau dafür berühmt: Das es neue Mög­lich­kei­ten des Zusam­men­spiels von kon­zer­tie­ren­dem Kla­vier und Orches­ter erprobt. Die Solis­tin in Mainz, Anna Vin­nit­ska­ya posi­tio­niert sich da sehr ein­deu­tig: Schon mit ihren ers­ten ein­lei­ten­den Tak­ten, von Beet­ho­ven erst­mals dem Kla­vier allei­ne anver­traut, zeigt sie sich als über­le­ge­ne Kraft. Nir­gends­wo wird das so deut­lich wie im zwei­ten Satz: Vin­nit­ska­ya spielt das Phil­har­mo­ni­sche Staats­or­ches­ter in Grund und Boden – ganz wie der Kom­po­nist es dach­te. Und nicht etwas, weil Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter so schlecht wäre. Nein, die Par­ti­tur ver­langt das gera­de zu. Das wird aber nicht immer so deut­lich wie bei Anna Vin­nit­ska­ya. Ihre Prä­zi­si­on auf allen Ebe­nen macht das mög­lich: Die genau gestuf­te Ton­ge­bung, die über­le­gen ein­ge­setz­te Arti­ku­la­ti­on und ihre natür­li­che Phra­sie­rung bestechen immer wie­der durch hohe Genau­ig­keit, die sich auch im Orches­ter­part wiederfindet.

Denn das Phil­har­mo­ni­sche Staats­or­ches­ter ist kurz vor der Som­mer­pau­se in her­vor­ra­gen­der Form. Das zeig­te schon die kla­re Ton­spra­che der Heli­os-Ouver­tü­re von Carl Niel­sen am Beginn, vor allem aber die fünf­te Sym­pho­nie von Jean Sibe­l­i­us. Er selbst hat sie mal als eine ein­zi­ge, auf den Tri­umph des Schlus­ses aus­ge­rich­te­te Stei­ge­rung beschrie­ben. Und das passt auch auf die Main­zer Auf­füh­rung. Denn Diri­gent Her­mann Bäu­mer zeigt in hörens­wer­ter Klar­heit die Moder­ni­tät der vor fast hun­dert Jah­ren ent­wor­fe­nen Musik. Das beginnt mit der ver­schlei­er­ten Form des ers­ten Sat­zes und erstreckt sich bis in den letz­ten Schluss­klang. Vor allem aber wird Sibe­l­i­us Fünf­te im Thea­ter ein klang­li­ches Fest: Von den fan­tas­tisch klar und ein­präg­sam klin­gen­den ers­ten Abschnit­ten der Holz­blä­ser am Beginn bis zu der gran­di­os unge­heu­er­li­chen Span­nung des letz­ten Sat­zes, die bis in den aller­letz­ten Moment der irr­sin­nig zer­ri­schenen Schluss­ak­kor­de reicht: Unter Bäu­mers Hän­den wird die Par­ti­tur plas­tisch und leben­dig, wie ein erweck­ter Orga­nis­mus, wie zu Leben gekom­me­ne Ideen und wie eine voll­kom­me­ne Nach­bil­dung des mys­ti­schen Natur­er­leb­nis, das Sibe­l­i­us zu die­ser Musik inspirierte.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.) 

Aus der Welt der Sinfonietta Mainz

Sie haben es wie­der ein­mal geschafft. Die Sin­fo­ni­et­ta Mainz und Micha­el Mil­lard sind ein Gespann, das begeis­tern kann. Das Pro­gramm war die­ses Mal aber auch gera­de­zu dar­auf aus­ge­legt, den Applaus her­vor­zu­kit­zeln: Mit Beet­ho­vens fünf­tem Kla­vier­kon­zert und Dvořáks neun­ter Sym­pho­nie lagen zwei aus­ge­spro­chen bekann­te und popu­lä­re Wer­ke auf dem Pult. Und den­noch: Auch die muss man spie­len kön­nen, der Bei­fall ist kei­nes­wegs auto­ma­tisch. In der Phö­nix­hal­le war er aber ver­dient. Denn die Lai­en­mu­si­ker der Sin­fo­ni­et­ta, die in die­sem Jahr ihren 40. Geburts­tag fei­ert, prä­sen­tie­ren sich als voll­wer­ti­ges Orches­ter, bei dem schnell ver­ges­sen kann, dass hier kei­ne Pro­fis auf der Büh­ne sitzen.

Micha­el Mil­lard hat mit dem Orches­ter einen schö­nen, wei­chen Klang ent­wi­ckelt, der sich vor allem sehr har­mo­nisch prä­sen­tiert: Die Strei­cher klin­gen voll und sam­tig, die Blä­ser klar und prä­sent. Vor allem die Blas­in­stru­men­te haben in Dvořáks letz­ter Sin­fo­nie mit dem Bei­na­men „Aus der neu­en Welt“ ja eini­ge Hür­den zu über­sprin­gen. Nicht nur das Solo des Eng­lisch­horns am Beginn des zwei­ten Sat­zes, auch alle ande­ren Holz- und Blech­blä­ser tre­ten an der einen oder ande­ren Stel­le expo­niert in Erschei­nung. Und das gelingt ihnen in der Phö­nix­hal­le vor allem positiv.
Mil­lard unter­stützt das mit sei­nem Diri­gat. Direkt und unver­stellt, aus­ge­spro­chen nüch­tern lässt er der Musik mit ihren bekann­ten Melo­dien viel Raum – fast lako­nisch klingt das gera­de in den ers­ten Sät­zen. Und des­we­gen gelin­gen auch die gro­ßen Ges­ten hier so gut, ohne ins lächer­lich-kit­schi­ge abzu­kip­pen. Mit zuneh­men­der Empha­se ins Finale

Das fünf­te Kla­vier­kon­zert von Beet­ho­ven, mi dem das Kon­zert in der voll beset­zen Phö­nix­hal­le begann, wirk­te dann im Rück­blick fast etwas zahm. Zurück­hal­ten­de Tem­pi schlug Mil­lard hier an und zeigt sich sehr auf Genau­ig­keit bedacht. Dadurch wirkt das, vor allem im ers­ten Satz, oft etwas gebremst und zurück­hal­tend. Auch der Pia­nist Johan­nes Nies kann das Kon­zert nicht so recht aus sei­nem Kor­sett befrei­en: Das ist alles nicht ver­kehrt, aber auch nur bedingt mit­rei­ßend, son­dern vor allem glatt und sau­ber. Aber immer­hin ver­eint Orches­ter und Solist immer wie­der die Klar­heit der Struk­tur und ihre Klang­schön­heit – schließ­lich sind bei­des Wer­ke mit durch­aus dif­fi­zi­ler Klang­lich­keit. Das ein Ama­teur­or­ches­ter sich so etwas vor­nimmt, zeigt das Selbst­be­wusst­sein des Ensem­bles. Und dass sie es so gut spielt, zeigt, dass die Sin­fo­ni­et­ta Mainz die­ses Selbst­ver­trau­en zu Recht hat.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Meisterkonzert mit und ohne Weihnachten

Es sieht fast wie ein nor­ma­les Meis­ter­kon­zert aus: Eine klei­ne Haydn-Sin­fo­nie, dann Beet­ho­vens vier­tes Kla­vier­kon­zert und zum Abschluss ein rich­tig gro­ßes sin­fo­ni­sches Werk, die ach­te Sin­fo­nie von Schu­bert. Aber Weih­nach­ten macht sich auch im Meis­ter­kon­zert bemerk­bar – zumin­dest ein biss­chen: Die Sin­fo­nie Nr. 26 von Haydn trägt näm­lich den Bei­na­men „Weih­nachts­sin­fo­nie“. Das ist zwar eigent­lich ein Feh­ler, denn Haydn hat sie als Pas­si­ons­mu­sik kom­po­niert. Aber der besinn­li­che zwei­te Satz lässt sich auch im Advent gut hören. Vor allem, wenn ihn die Deut­sche Staats­phil­har­mo­nie Rhein­land-Pfalz unter ihrem Gast­di­ri­gen­ten Fabri­ce Bol­lon so far­big und bild­haft musi­ziert wie beim vier­ten Meis­ter­kon­zert. In der Rhein­gold­hal­le hat­te Bol­lon schon mit den ers­ten Haydn-Tak­ten die Rich­tung vor­ge­ge­ben: Kräf­tig zupa­ckend formt er vor allem sehr sat­te Strei­ch­er­klän­ge und bemüht sich um deut­li­che, manch­mal sogar grel­le Far­ben. Pracht­voll und sehr reprä­sen­ta­tiv wir­ken da selbst die andäch­ti­gen Klän­ge des Mittelsatzes.

Ähn­lich rus­ti­kal ließ er das Lud­wigs­ha­fe­ner Orches­ter dann die ach­te Sin­fo­nie von Franz Schu­bert musi­zie­ren. Die hat ihren Bei­na­men „Gro­ße“ zwar vor allem bekom­men, weil Schu­bert noch eine zwei­te, frü­he­re C‑Dur-Sin­fo­nie kom­po­niert hat, die ein­fach deut­lich kür­zer ist. Bei Bol­lon ist das „groß“ aber durch­aus ent­schei­dend: Mäch­tig und wuch­tig sta­pelt er die dicken Akkor­de auf das fel­se­fes­te Fun­da­ment der dröh­nen­den Posau­nen. Unge­heu­er mas­siv wirkt da fast jeder Ton, jede Phra­se wie für die Ewig­keit. Fra­gen oder gar Zwei­fel fin­det der Diri­gent in die­ser Par­ti­tur über­haupt kei­ne, befiehlt statt­des­sen fel­sen­fes­te Gewiss­hei­ten. Das ist natür­lich, gera­de im zwei­ten Satz und schließ­lich vor allem im Scher­zo, eine uner­bitt­li­che Ver­ein­fa­chung. Eine Ver­ein­fa­chung, die trotz ihrer Ver­zer­rung klang­lich durch­aus wir­ken kann, auch wenn im Fina­le die Kan­tig­keit und Schär­fe die­ser Klang­kon­struk­ti­on lei­der etwas ver­lo­ren geht.

Viel fas­zi­nie­ren­der blieb da Beet­ho­vens vier­tes Kla­vier­kon­zert in Erin­ne­rung. Denn Jas­min­ka Stan­cul spiel­te das wun­der­bar schnör­kel­los und tro­cken, mit fast hei­li­gem Ernst. Dabei blieb das Kon­zert im Kern auch bei ihr natür­lich unver­kenn­bar roman­tisch. Aber die zart­füh­li­ge Poe­sie ihrer Phra­sie­rung ver­band sich wun­der­bar mit ihrer kla­ren Ton­ge­bung. Vor allem aber gelang der Pia­nis­tin und dem Orches­ter ein erre­gen­des Mit­ein­an­der – und genau dar­auf kommt es bei die­sem Kon­zert an. Zumal Bol­lon aus dem Orches­ter auch fei­ne Klang­far­ben kit­zeln konn­te, die die Staats­phil­har­mo­nie in der Rhein­gold­hal­le nicht immer bie­tet. So aus­ge­wo­gen und balan­ciert im Hin und Her der Musik war das wirk­lich ein intel­lek­tu­ell und emo­tio­nal auf­re­gen­des Spiel – und ganz unab­hän­gig von der Jahreszeit.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Zufriedene Majestäten: Beethoven und Rachmaninow

Es sieht reich­lich selt­sam aus, was für einen kurio­sen Tanz Hän­de und Arme von Yakov Kreiz­berg da auf­füh­ren. Aber es funk­tio­niert: Der Diri­gent hat das SWR Sin­fo­nie­or­ches­ter Baden-Baden und Frei­burg beim Meis­ter­kon­zert in der Rhein­gold­hal­le in jedem Moment fest im Griff – auch wenn sei­ne Schlag­tech­nik das nicht unbe­dingt verrät.

Mit rie­si­gen, weit aus­ho­len­den Bewe­gun­gen schwingt der Diri­gent sei­nen extra­lan­gen Stab und steht dann kurz dar­auf minu­ten­lang fast wie ein­ge­fro­ren und steu­ert die Orches­ter­mu­si­ker mit win­zigs­ten Bewe­gun­gen zwei­er Fin­ger der lin­ken Hand. Dabei hat er aller­dings auch Unter­stüt­zung: Kirill Ger­stein am Kla­vier gibt im fünf­ten Kla­vier­kon­zert von Lud­wig van Beet­ho­ven ger­ne auch den einen oder ande­ren Impuls. Über­haupt ergän­zen die bei­den sich hier sehr ange­nehm: Diri­gent und Pia­nist bevor­zu­gen für das letz­te Kla­vier­kon­zert Beet­ho­vens, das vor fast genau 200 Jah­ren urauf­ge­führt wur­de, eine weich abge­run­de­te, har­mo­nisch aus­ge­füll­te Les­art, die garan­tiert nir­gend­wo aneckt.

Rund­um satt und zufrie­den tönt der doch oft so rebel­li­sche Beet­ho­ven hier, ertrinkt fast in der Har­mo­nie, Ein­tracht und Schön­heit die­ser Musik. Ger­stein spielt das sehr sau­ber und immer mit unauf­dring­li­cher, fast ver­steck­ter Bril­lanz. Dabei ver­birgt er sich und auch die meis­ten Akzen­te sei­nes Parts hin­ter wei­chem Eben­maß. Die Musik, die da in der Rhein­gold­hal­le erklingt, ist nicht von die­ser Welt – sie küm­mert sich aber auch gar nicht dar­um, sie ist mit sich selbst und ihrer rei­nen Schön­heit schon mehr als zufrieden.
Auch das Orches­ter lässt sich da nicht lan­ge bit­ten und schmei­chelt auf allen Ebe­nen. So rich­tig dre­hen die Musi­ker des SWR-Orches­ters aber erst bei Ser­gej Rach­ma­ni­nows zwei­ter Sin­fo­nie auf
Auch die wie­der­um kei­ne im eigent­li­chen Sin­ne span­nen­de oder anre­gen­de Musik. 

Denn Kreiz­berg bleibt sei­ner Metho­de – und sei­nem Diri­gier­stil – treu: Mit gleich­zei­tig ecki­gen und sanft wogen­den Bewe­gun­gen lässt er die Sin­fo­nie zugleich feder­leicht schwe­ben und erwar­tungs­voll vibrie­ren. Das tost und dröhnt oft ganz gewal­tig, schwellt immer wie­der wun­der­bar auf und ab – denn wenn Kreiz­berg etwas kann, dann ist es das geschick­tes­te Phra­sie­ren: Nie kommt die Musik zur Ruhe, nie erschöpft sich sein Drang zum ewi­gen Wei­ter. Das ebnet die monu­men­ta­le Sin­fo­nie aller­dings auch hin und wie­der ein biss­chen ein – alles liegt sozu­sa­gen glei­cher­ma­ßen auf dem Weg, der immer wei­ter vor­wärts führt und nie ankommt. Aber die­ser Weg ist ein unbe­dingt schö­ner, ein Rei­gen seligs­ter Melo­dien­kunst in purer Prä­senz. Und das klingt groß­ar­tig – auch wenn es manch­mal selt­sam anzu­schau­en ist.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Schön langweilig: Beethoven & Rachmaninov

Es sieht reich­lich selt­sam aus, was für einen kurio­sen Tanz Hän­de und Arme von Yakov Kreiz­berg da auf­füh­ren. Aber es funk­tio­niert: Der Diri­gent hat das SWR Sin­fo­nie­or­ches­ter Baden-Baden und Frei­burg beim Meis­ter­kon­zert in der Rhein­gold­hal­le in jedem Moment fest im Griff – auch wenn sei­ne Schlag­tech­nik das nicht unbe­dingt verrät. 

Mit rie­si­gen, weit aus­ho­len­den Bewe­gun­gen schwingt der Diri­gent sei­nen extra­lan­gen Stab und steht dann kurz dar­auf minu­ten­lang fast wie ein­ge­fro­ren und steu­ert die Orches­ter­mu­si­ker mit win­zigs­ten Bewe­gun­gen zwei­er Fin­ger der lin­ken Hand. Dabei hat er aller­dings auch Unter­stüt­zung: Kirill Ger­stein am Kla­vier gibt im fünf­ten Kla­vier­kon­zert von Lud­wig van Beet­ho­ven ger­ne auch den einen oder ande­ren Impuls. Über­haupt ergän­zen die bei­den sich hier sehr ange­nehm: Diri­gent und Pia­nist bevor­zu­gen für das letz­te Kla­vier­kon­zert Beet­ho­vens, das vor fast genau 200 Jah­ren urauf­ge­führt wur­de, eine weich abge­run­de­te, har­mo­nisch aus­ge­füll­te Les­art, die garan­tiert nir­gend­wo aneckt. 

Rund­um satt und zufrie­den tönt der doch oft so rebel­li­sche Beet­ho­ven hier, ertrinkt fast in der Har­mo­nie, Ein­tracht und Schön­heit die­ser Musik. Ger­stein spielt das sehr sau­ber und immer mit unauf­dring­li­cher, fast ver­steck­ter Bril­lanz. Dabei ver­birgt er sich und auch die meis­ten Akzen­te sei­nes Parts hin­ter wei­chem Eben­maß. Die Musik, die da in der Rhein­gold­hal­le erklingt, ist nicht von die­ser Welt – sie küm­mert sich aber auch gar nicht dar­um, sie ist mit sich selbst und ihrer rei­nen Schön­heit schon mehr als zufrieden. 

Auch das Orches­ter lässt sich da nicht lan­ge bit­ten und schmei­chelt auf allen Ebe­nen. So rich­tig dre­hen die Musi­ker des SWR-Orches­ters aber erst bei Ser­gej Rach­ma­ni­nows zwei­ter Sin­fo­nie auf. Auch die ist wie­der­um kei­ne im eigent­li­chen Sin­ne span­nen­de oder anre­gen­de Musik. Denn Kreiz­berg bleibt sei­ner Metho­de – und sei­nem Diri­gier­stil – treu: Mit gleich­zei­tig ecki­gen und sanft wogen­den Bewe­gun­gen lässt er die Sin­fo­nie zugleich feder­leicht schwe­ben und erwar­tungs­voll vibrie­ren. Das tost und dröhnt oft ganz gewal­tig, schwellt immer wie­der wun­der­bar auf und ab – denn wenn Kreiz­berg etwas kann, dann ist es das geschick­tes­te Phra­sie­ren: Nie kommt die Musik zur Ruhe, nie erschöpft sich sein Drang zum ewi­gen Wei­ter. Das ebnet die monu­men­ta­le Sin­fo­nie aller­dings auch hin und wie­der ein biss­chen ein – alles liegt sozu­sa­gen glei­cher­ma­ßen auf dem Weg, der immer wei­ter vor­wärts führt und nie ankommt. Aber die­ser Weg ist ein unbe­dingt schö­ner, ein Rei­gen seligs­ter Melo­dien­kunst in purer Prä­senz. Und das klingt groß­ar­tig – auch wenn es manch­mal selt­sam anzu­schau­en ist.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

beethoven und das motorrad

so, erst­ein­mal der „offi­zi­el­le” text, den ich für die main­zer rhein-zei­tung geschrie­ben habe:

Motor­rä­der kom­men im klas­si­schen Kon­zert­le­ben recht sel­ten vor. Aber ande­rer­seits sind auch Posau­nen­kon­zer­te im tra­di­tio­nel­len Reper­toire eher dürf­tig gesät. Was liegt also näher, als die­se bei­den Sel­ten­hei­ten zur poten­zier­ten Unwahr­schein­lich­keit zu kombinieren?
Der Posau­nist Chris­ti­an Lind­berg hat kei­nen Hin­de­rungs­grund gefun­den. Er geht sogar noch einen Schritt wei­ter: Um das „Motor­bike Con­cer­to” von Jan Sand­ström so rich­tig authen­tisch auf­zu­füh­ren – schließ­lich ist es eigens für ihn kom­po­niert wor­den – schlüpft er sogar in eine pas­sen­de Motor­rad­kluft. Nur das Motor­rad fehlt also noch in der Rhein­gold­hal­le. Aber zusam­men mit der Staats­phil­har­mo­nie Rhein­land-Pfalz und deren Diri­gen­ten Ari Rasi­lai­nen ent­fal­te­te Lind­berg immer­hin eine täu­schend ech­te Geräuschkulisse.Das Motor­rad, das Lind­berg hier elo­quent und mit vol­lem Ein­satz ver­kör­pert, dröhnt und röhrt, quietscht und braust durch die diver­sen Land­schaf­ten. Sehr pit­to­resk ist das alles, ser­viert immer mit einem gehö­ri­gen Schuss Komik. Denn Sand­ström hat hier Pro­gramm­mu­sik reins­ten Was­sers geschrie­ben. Bekann­ter­ma­ßen ist ja ein Motor­rad mehr als ein blo­ßes Fort­be­we­gungs­mit­tel, son­dern ein regel­rech­ter Lebens­stil. Und auf Tour bekommt so eini­ges mit – so viel, dass auch das „Motor­bike Con­cer­to” noch nach allen Sei­ten von Ein­drü­cken und Ein­fäl­len über­quillt.1
Ganz im Gegen­satz dazu dann der Klas­si­ker über­haupt, Beet­ho­ven. Und gleich noch sei­ne „Über&”-Sinfonie, die Fünf­te. Hoch­tra­ben­de und gewich­ti­ge Deu­tun­gen umran­ken und über­wu­chern das Werk seit der Urauf­füh­rung vor ziem­lich genau zwei­hun­dert Jah­ren. Aber das schein Rasi­lai­nen gar nicht so sehr zu beküm­mern. Ohne beson­ders über­eif­ri­ge Über­hö­hung nimmt er sie erst ein­mal ein­fach als das, was sie schließ­lich ist: Musik. Und so offen blei­bend, ohne der Vag­heit anheim zu fal­len, ent­wi­ckel­te die Staats­phil­har­mo­nie ein sehr geschlos­se­nes Klang­bild. Der Diri­gent pro­fi­lier­te sich als flie­ßen­der Erzäh­ler, der gan­ze Lebens­ent­wür­fe und Geschich­ten ent­fal­tet.2 Ohne Zwei­fel oder auch nur das lei­ses­te Zögern über­ste­hen die selbst die har­ten Kon­fron­ta­tio­nen mit der Rea­li­tät im drit­ten Satz. Und immer wie­der über­wäl­ti­gend ist natür­lich die Wucht die­ses unzer­stör­ten Glau­bens an die Kraft des Indi­vi­du­ums, die das Fina­le unter der her­risch gebie­ten­den Hand des Diri­gen­ten ent­fal­tet. Und auch wenn die Staats­phil­har­mo­nie aus­ge­rech­net auf der Ziel­ge­ra­den, in den letz­ten Tak­ten, das Ende schon vor­weg­nimmt und deut­lich an Prä­zi­si­on und Klar­heit ver­liert, bleibt das Zusam­men­wir­ken aller Kräf­te selbst­ver­ständ­lich immer noch tri­um­phal – anders kann Beet­ho­vens Fünf­te gar nicht enden.3

Show 3 footnotes

  1. und da haben wir auch schon eines der zen­tra­len pro­ble­me: im prin­zip hat sand­ström die form näm­lich über­haupt nicht bewäl­tigt. das ist bloß eine ein­falls­lo­se anein­an­der­rei­hung von epi­so­den. ande­rer pro­ble­me sind aber gra­vie­ren­der: die aus­sa­ge die­ser musik näm­lich gleich null. eigent­lich ist das nur ein sehr auf­wän­di­ger kin­der­gar­ten: sand­ström erfuhr, was lind­berg auf der posau­ne so alles anstel­len kann. und was er schon gehört hat. das hat er dann – weit­ge­hend tra­di­tio­nell (das moderns­te moment ist die eman­zi­pa­ti­on des geräu­sches (aber nur als geräusch, nicht als musi­ka­li­scher fak­tor), die aber auch schon seit hun­dert jah­ren geges­sen ist) – hin­ge­schrie­ben. tech­nisch mag das ziem­lich bis sehr anspruchs­voll sein, der posau­nist muss so eini­ges tun für sein geld. aber das meis­te sind eben mätz­chen. und die sind musi­ka­lisch so über­haupt nicht moti­viert. das schlimms­te dar­an ist ja fast, dass so etwas natür­lich gro­ßen erfolg beim publi­kum hat: die ober­flä­che ist halt nett, nicht so arg kom­pli­ziert und vor allem sehr sehr pit­to­resk. den­ken muss man nicht dabei. das ist wahr­schein­lich der größ­te erfolgs­fak­tor die­ser musik, dass sie den­ke­ri­schen mit­voll­zug eigent­lich sogar unter­bin­det, nicht nur nicht för­dert oder for­dert. ↩
  2. nur so neben­bei: der unter­schied zur erzähl­wei­se sand­ströms ist enorm: denn beet­ho­ven hat inhal­te – so unspe­zi­fisch sie im musi­ka­li­schen aus­drucks­ver­fah­ren blei­ben mögen. sand­ström hat nur eine blo­ße bil­der­fol­ge, kei­ne nar­ra­ti­on, kei­ne – inhalt­lich gefüll­te – erzäh­lung. und das ist ein wesent­li­cher unter­schied. im prin­zip näm­lich schon die dif­fe­renz zwi­schen kunst­hand­werk und kunst. oder halt zwi­schen unter­hal­tungs­mu­sik und kunst. oder wie auch immer … ↩
  3. nicht bespro­chen habe ich jetzt die das kon­zert eröff­nen­den „egmont-ouver­tü­re” von beet­ho­ven und schließ­lich fer­di­nand davis „con­cer­ti­no für posa­nue” op. 4. letz­te­res muss man aber eigent­lich auch nicht groß erwäh­nen – ein vir­tuo­sen­stück­chen halt, dass lind­berg mit tech­ni­scher sou­ve­rä­ni­tät sehr gelas­sen her­un­ter­spielt. beson­ders nach­hal­tig ist die wir­kung die­ser musik nicht gera­de. so eine dut­zend­wa­re aus dem 19. jahr­hun­dert halt – ganz nett, aber nicht sehr ein­drucks­voll. die egmont-ouver­tü­re hat rasi­lai­nen auch eher noch zum warm­ma­chen genutzt. auch das ist ja so eine unsit­te des kon­zert­we­sens, sich wäh­rend dem kon­zert noch ein­zu­spie­len, auf­ein­an­der ein­zu­stel­len. pas­siert aber sehr häu­fig. und wird oft genug auch ent­spre­chend geplant mit so kur­zen füll­stü­cken, damit wesent­lich nix wich­ti­ges ver­saut wird. nagut, so schlimm war’s auch nicht. aber halt auch nicht beson­der oder bemer­kens­wert. ↩

rebell oder nicht? markus groh in mainz

Inter­na­tio­na­le Pia­nis­ten aus Deutsch­land – nein, das ist kein Wider­spruch. Denn alle Künst­ler, die der SWR für die zehn­te Auf­la­ge sei­ner Kon­zert­rei­he „Inter­na­tio­na­le Pia­nis­ten“ nach Mainz holt, sind weit über die Gren­zen ihres Hei­mat­lan­des erfolg­reich. Auch Mar­kus Groh, der die Jubi­lä­ums­sai­son im Frank­fur­ter Hof eröff­nen durf­te. Und Erfolg hat er zu recht: Sein Main­zer Auf­tritt zeigt den jun­gen Pia­nis­ten als Musi­ker von Rang. Und auch als Rebell, der zwar im kon­ven­tio­nel­len Frack kommt, auf sei­nen Pfer­de­schwanz aber auch nicht ver­zich­tet. Die­ser Akkord von Auf­be­geh­ren und Tra­di­ti­on ist aller­dings mehr als eine blo­ße Äußer­lich­keit, er prägt sein Spiel durch und durch.
Denn er sucht sich immer sei­nen eige­nen Weg – ob es um die „Drei Inter­mez­zi“ von Brahms geht, um eine Beet­ho­ven-Sona­te oder um Erwin Schul­hoffs „Cinq Étu­des de Jazz“: Kon­ven­tio­nen sind für ihn nie selbst­ver­ständ­lich, son­dern müs­sen erst ein­mal auf den intel­lek­tu­el­len und musi­ka­li­schen Prüf­stand. Denn das ist die ande­re Sei­te von Mar­kus Groh: Er ist nicht nur ein gestan­de­ner Vir­tuo­se. Im Gegen­teil, die gewand­te Beherr­schung der Kla­vier­tech­nik ist rei­ne Neben­sa­che. Ihm geht es immer auch dar­um, die Struk­tu­ren der Kom­po­si­tio­nen hör­bar zu machen, mög­lichst jeden ein­zel­nen Ton – und wirk­lich jeden ganz für sich – so zu spie­len, dass sein Publi­kum qua­si mit dem Mikro­skop und dem Fern­glas gleich­zei­tig auf das Werk schau­en kann. Und das gelingt ihm ohne Zwei­fel. Die Brahms­schen Inter­mez­zi sind sel­ten so klar, so voll­kom­men logisch und nach­voll­zieh­bar zu hören. Dafür haben sie bei ande­ren Pia­nis­ten mehr Gefühl, mehr emo­tio­na­len Über­schwang. Denn Groh bleibt immer sehr cool. Beet­ho­vens G‑Dur-Sona­te op. 31/​1 ver­liert im Zuge des­sen ziem­lich viel von ihrem Esprit und Humor.
Die ita­lie­ni­sche Abtei­lung der „Années de Pèle­ri­na­ge“ von Liszt dage­gen berührt ihn hör­bar viel mehr. Hier gibt es auf ein­mal Momen­te, in denen sich Groh in der Musik fast zu ver­lie­ren scheint, in denen er voll­kom­men auf­geht im Klang – das gab es vor der Pau­se so nicht. Über­haupt der Klang: Da hat er eini­ges zu bie­ten, wenn er will. Vor allem die Prä­zi­si­on, mit der er die sanft glei­ten­den Über­gän­ge gestal­tet, ist fas­zi­nie­rend. Und sei­ne dyna­mi­schen Fähig­kei­ten beein­dru­cken mit einer fast uner­schöpf­li­chen Dif­fe­ren­zie­rung und Genau­ig­keit. Doch die Hin­ga­be, mit der Groh Liszt ent­fal­tet, ver­lei­tet ihn den­noch nie zu emo­tio­na­len Kurz­schlüs­sen: Immer bleibt sei­ne gro­ßen Stär­ke, sei­ne Fähig­keit, der Musik kris­tall­ne Klar­heit zu schen­ken etwa, unge­bro­chen. Und das ist so groß­ar­tig, dass er trotz sei­nes lan­gen Pro­gram­mes natür­lich nicht ohne Zuga­ben von der Büh­ne darf. 

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

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