Erschöpfung

Eine ande­re Form von Müdig­keit: die der »Stel­lung«, des »Ver­hält­nis­ses zu«: »Wie ste­hen Sie zum Mar­xis­mus, zum Freu­dia­nis­mus, zu x, zu y?«, »Wel­che Hal­tung neh­men Sie in die­ser Fra­ge ein?« Ermü­dung: die Fra­ge nach der Posi­ti­on. Die heu­ti­ge Welt ist voll davon (Wort­mel­dun­gen, Mani­fes­te, Unter­schrif­ten usw.), und des­halb ist sie ermü­dend: Schwie­rig­keit, frei zu flot­tie­ren, den Platz zu wech­seln. (Schwe­ben heißt dage­gen einen Raum bewoh­nen, ohne sich an einen Platz fest zu bin­den = erhol­sams­te Kör­per­hal­tung: Bad, Schiff.)Roland Barthes, Das Neu­trum, 52

(Das stimmt heu­te viel­leicht noch mehr als vor knapp 40 Jah­ren (1978), als Barthes das so beob­ach­te­te …)

Affirmation

Und weil ich den­ke, dass sie über Fou­cault redet, muss ich an Ellen den­ken. Dar­an, dass sie mal über Fou­cault mein­te, er sei über­holt, weil jeder gro­ße Den­ker gen­au dann über­holt sei, wenn sein Name bei Micro­soft Word nicht mehr rot unter­krin­gelt wird. Und Namen, die so gän­gig sind, ass sie von Anfang an vom Sys­tem affir­miert wer­den, wür­den sowie­so nichts tau­gen, mein­te sie. Mal­te Abra­ham, Weil wir so sind, sagen wir schön (Edit #67, 15)

Ursachen

Man soll nicht, „Ursa­che“ und „Wir­kung“ feh­ler­haft ver­ding­li­chen, wie es die Natur­for­scher thun (und wer gleich ihnen heu­te im Den­ken natu­ra­li­sirt — ) gemäss der herr­schen­den mecha­nis­ti­schen Töl­pe­lei, wel­che die Ursa­che drü­cken und stos­sen lässt, bis sie „wirkt“; man soll sich der „Ursa­che“, der „Wir­kung“ eben nur als rei­ner Begrif­fe bedie­nen, das heisst als con­ven­tio­nel­ler Fik­tio­nen zum Zweck der Bezeich­nung, der Ver­stän­di­gung, nicht der Erklä­rung. Im „An-sich“ giebt es nichts von „Cau­sal-Ver­bän­den“, von „Not­hwen­dig­keit“, von „psy­cho­lo­gi­scher Unfrei­heit“, da folgt nicht „die Wir­kung auf die Ursa­che“, das regiert kein „Gesetz“. Wir sind es, die allein die Ursa­chen, das Nach­ein­an­der, das Für-ein­an­der, die Rela­ti­vi­tät, den Zwang, die Zahl, das Gesetz, die Frei­heit, den Grund, den Zweck erdich­tet haben; und wenn wir die­se Zei­chen-Welt als „an sich“ in die Din­ge hin­ein­dich­ten, hin­ein­mi­schen, so trei­ben wir es noch ein­mal, wie wir es immer getrie­ben haben, näm­li­ch mytho­lo­gi­sch. Der „unfreie Wil­le“ ist Mytho­lo­gie: im wirk­li­chen Leben han­delt es sich nur um star­ken und schwa­chen Wil­len.

—Fried­rich Nietz­sche, Jen­seits von Gut und Böse, 21

Erkenntniß durch Publizität

Der regel­mä­ßi­ge Fort­schritt des mensch­li­chen Geschlechts zur voll­kom­me­nern Aus­bil­dung geschieht, sag­ten wir oben, auf dem Wege der Erkennt­niß des Schlech­tern und des ihm ent­ge­gen gesetz­ten Bes­sern. Denn Erkennt­niß des Schlech­tern und Kennt­niß des Bes­sern erzeugt den Wunsch, der Wunsch das Bestre­ben, sich des ers­tern zu ent­le­di­gen, sich Besitz und Genuß des andern zu gewäh­ren.
Zu die­ser dop­pel­ten Erkennt­niß aber gelan­gen die Men­schen nicht leich­ter, als durch die öffent­li­che Mitt­hei­lung ihrer Ide­en ver­mit­tel­st der Dru­cker­pres­se, eine Mitt­hei­lung, nach wel­cher ein gerüg­ter Miß­brauch, eine vor­ge­schla­ge­ne heil­sa­me Maaß­re­gel, eine bekannt gewor­de­ne Ent­de­ckung doer Erfin­dung, in weni­gen Tagen meh­re­re Geis­ter eines gan­zen Volks erhit­zen, und in weni­gen Wochen einem gan­zen Weltt­heil Inter­es­se ein­flö­ßen kann. 

—Dani­el Jeni­sch, Geist und Cha­rak­ter des acht­zehn­ten Jahr­hun­derts, Zehn­ter Abschnitt

Stehende Heere

Ste­hen­de Hee­re (miles per­pe­tuus) sol­len mit der Zeit ganz auf­hö­ren.“ Denn sie bedro­hen ande­re Staa­ten unauf­hör­li­ch mit Krieg durch die Bereit­schaft, immer dazu gerüs­tet zu erschei­nen; rei­zen die­se an, sich ein­an­der in Men­ge der Gerüs­te­ten, die kei­ne Gren­zen kennt, zu über­tref­fen, und indem durch die dar­auf ver­wand­ten Kos­ten der Frie­de end­li­ch noch drü­cken­der wird als ein kur­zer Krieg, so sind sie selbst Ursa­che von Angriffs­krie­gen, um die­se Last los­zu­wer­den; wozu kommt, daß, zum Töd­ten oder getöd­tet zu wer­den in Sold genom­men zu sein, einen Gebrauch von Men­schen als blo­ßen Maschi­nen und Werk­zeu­gen in der Hand eines Andern (des Staats) zu ent­hal­ten scheint, der sich nicht wohl mit dem Rech­te der Mensch­heit in unse­rer eige­nen Per­son ver­ei­ni­gen läßt.

— Imma­nu­el Kant: Zum ewi­gen Frie­den. Ein phi­lo­so­phi­scher Ent­wurf, 1795; Abschnitt I, Arti­kel 3

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