Twitterlieblinge Januar 2017

vögel im winter im gebirgeRené Reichelt


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Ins Netz gegangen (30.1.)

spinnweben zwischen holz, schwarz-weißnidan

Ins Netz gegan­gen am 30.1.:

  • Talk­show-Ter­ror mit Trump-Effekt| Deutsch­land­ra­dio Kul­tur → bodo mor­s­häu­ser über die unsäg­li­chen talk­shows des deut­schen fern­se­hens:

    Ihr Kri­te­ri­um ist der Erre­gungs­pe­gel, den es zu hal­ten gilt. Ist es Absicht oder ist es Unge­schick, dass die­se Art von soge­nann­ter Dis­kus­si­on eine der bes­ten Wahl­kampf­hil­fen für unse­re neue, auf Erre­gungs­pe­gel spe­zia­li­sier­te Rechts­par­tei ist? Abge­se­hen davon, dass Migra­ti­ons­the­men sowie­so ihr Spiel­feld sind.

    Ganz sicher wer­den Ter­ror und Sicher­heit die Wahl­kampf­the­men des Jah­res wer­den. Wirt­schafts- oder sozi­al­po­li­ti­sche The­men dage­gen – wie unter­be­zahl­te Jobs, sie­ben Mil­lio­nen Emp­fän­ger von Trans­fer­leis­tun­gen, Armut bei jedem sechs­ten Kind, die absurd unge­rech­te Ver­mö­gens­ver­tei­lung, die per­ma­nen­te Euro-Kri­se oder der unglaub­li­che Abgas­be­trug – sind offen­bar nicht erre­gend genug.

  • Men­schen ers­ter Klas­se, Men­schen zwei­ter Klas­se | law blog → udo vet­ter hält aus guten grün­den wenig davon, (wei­te­re) son­der­rech­te für poli­zis­tin­nen etc. zu schaf­fen
  • Ber­li­ner Städ­te­bau – lang­wei­lig und fan­ta­sie­los | SZ → der fran­zö­si­sche deutsch­land-kor­re­spon­dent chris­to­phe bour­doi­se­au rech­net mit der städ­te­bau-poli­tik ber­lins ziem­li­ch gna­den­los ab:

    Seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung ori­en­tiert sich die Ber­li­ner Poli­tik nicht an der Sub­stanz die­ser Stadt – an deren Ener­gie und Krea­ti­vi­tät -, son­dern an den alten und stau­bi­gen preu­ßi­schen Zei­ten mit deren Men­tor Karl Fried­rich Schin­kel.

  • Stop Pro­ble­ma­ti­zing Aca­de­mic Jar­gon | Sla­te → rebec­ca schu­man schreibt gegen die ver­ach­tung, die aka­de­mi­schem jar­gon (eigent­li­ch ja: fach­spra­che) beson­ders der geis­tes­wis­sen­schaf­ten ent­ge­gen­schlägt. kei­ne beson­ders ori­gi­nel­le argu­men­ta­ti­on, aber nett zu lesen und schließ­li­ch nie fal­sch …

    Per­haps the ans­wer moving for­ward, then, is not to join in the mocke­ry of jar­gon, but to dou­ble down on it. Scho­lars of Yid­dish stu­dies are hap­py to tell you the thou­sand-year-old lan­gua­ge deve­lo­ped as a kind of secret code so that its spea­kers could talk fre­e­ly under the noses of their oppres­sors (and, yes, some­ti­mes mock them). Per­haps aca­de­mic jar­gon could ser­ve a simi­lar pur­po­se. Yes, per­haps the last hope to pro­ble­ma­ti­ze fascis­to­id non­pro­gres­si­ve edges, so to speak, is to reter­ri­to­ria­li­ze the oppo­si­tio­nal ver­na­cu­lars. But per­haps that was the point all along, and jar­gon has been lying pati­ent­ly and use­ful­ly in wait for all this time, a secret code in sear­ch of a foo­lish tyrant.

Ins Netz gegangen (24.1.)

Zara Walker

Ins Netz gegan­gen am 24.1.:

  • Knaus­gård ist gut, aber Hand­ke ist bes­ser | FAZ → ein klu­ger bei­trag von jan wie­le zur „authen­ti­zi­täts­de­bat­te“, die vor allem die „welt“ (voll­kom­men unsin­ni­ger wei­se …) los­ge­tre­ten hat

    enn man irgend­et­was aus den Debat­ten über rea­lis­ti­sches Erzäh­len der letz­ten Jahr­zehn­te mit­ge­nom­men hät­te, müss­te man eigent­li­ch miss­traui­sch wer­den ange­sichts einer sol­chen Schein­wirk­lich­keits­pro­sa, die so tut, also kön­ne man ein­fach „erzäh­len, wie es gewe­sen ist“ – und das gilt eben nicht nur für Knaus­gård, son­dern all­ge­mein.
    […] Es wirkt – nicht nur aus einer his­to­ri­sch-kri­ti­schen Hal­tung her­aus, son­dern auch für das per­sön­li­che Emp­fin­den von lite­ra­ri­schen Tex­ten – befremd­li­ch, wenn nun hin­ter all die ästhe­ti­schen Über­le­gun­gen zum rea­lis­ti­schen Erzäh­len, vor allem aber hin­ter die Wer­ke, die aus ihnen her­aus ent­stan­den sind, wie­der zurück­ge­gan­gen wer­den soll und man so tut, als gäbe es irgend­ein unschul­di­ges, authen­ti­sch-nicht­fik­tio­na­les Erzäh­len.

  • Gemein­nüt­zig­keit als Tür­öff­ner | Bil­dungs­Ra­dar → der „bil­dungs­ra­dar“ ver­sucht her­aus­zu­be­kom­men, wie das gan­ze pro­jekt „cal­lio­pe“ funk­tio­niert bzw. funk­tio­nie­ren soll – und stößt auf vie­le mau­ern und eini­ge selt­sa­me mau­sche­lei­en …
  • Die Mode der Phi­lo­so­phen – Wie sich gro­ße Den­ker klei­den | Deutsch­land­ra­dio Kul­tur → net­te klei­ne geschich­te über die typ­ge­mä­ße klei­dung für phi­lo­so­phen (frau­en gibt’s zum schluss auch kurz)
  • Donald Trump: Popu­lis­mus als Poli­tik | Tele­po­lis → der wie meist klu­ge georg seeß­len im inter­view mit domi­nik irten­kauf über trump, demokratie/postdemokratie und medial insze­nie­run­gen:

    Gegen ein Bünd­nis aus mehr oder weni­ger authen­ti­sch Rechts­ex­tre­men, Neo-Natio­na­lis­ten und Exzep­tio­na­lis­ten, fun­da­men­ta­lis­ti­schen Markt-Anar­chis­ten, mafiös ver­netz­ten Klep­to­kra­ten und einem Mit­tel­stand in rea­ler und mani­pu­lier­ter Abstiegs­angst kann eine demo­kra­ti­sche Zivil­ge­sell­schaft nur bestehen, wenn sie neue Ide­en und neu­en Zusam­men­halt fin­det. Der Zusam­men­schluss der post­de­mo­kra­ti­schen Kräf­te hin­ge­gen fin­det sei­ne Schub­kraft dage­gen vor allem im Oppor­tu­nis­mus und in der poli­ti­schen und media­len Kor­rup­ti­on.
    […] Schon jetzt gibt es irrever­si­ble Fol­gen des Trum­pis­mus, eben jene Ver­mi­schung von poli­ti­schem Amt und öko­no­mi­schen Inter­es­sen, die ein­st den Ber­lus­co­nis­mus präg­te, den Wan­del der poli­ti­schen Spra­che, eine Spal­tung der Gesell­schaft, die über alle gewöhn­li­chen „poli­ti­schen Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten“ hin­aus geht, eine Patro­na­ge, Clan­wirt­schaft, Abhän­gig­keits­net­ze: Wir sehen einem Macht­sys­tem bei der Ent­ste­hung zu, das viel tie­fer geht als die Beset­zung eines Amtes. Und wie bei Ber­lus­co­ni lässt sich nach dem Ende der Amts­zeit nur ein Teil davon demo­kra­ti­sch rück­ge­win­nen.

Augentrost aus fernen Zeiten

Augen­trost – das ist mal ein Buch­ti­tel! Dabei ist es gar kei­ne Neu­schöp­fung, denn Con­stan­ti­jn Huy­gens schrieb sei­ne Euphra­sia schon 1647. Der Titel ist übri­gens schnell erklärt: Der Augen­trost (Euphra­sia offi­ci­na­lis) ist eine Wie­sen­pflan­ze, sei­nen Namen hat er auf­grund sei­ner ange­nom­me­nen Heil­wir­kung. Das muss uns aber nicht wei­ter beschäf­ti­gen, denn hier geht es ja um Lite­ra­tur. Um ein Trost­ge­dicht, das aus eher pri­va­tem Anlass ent­stand (und zunächst auch noch nicht über 1000 Ver­se umfass­te): Huy­gens, der selbst (manch­mal) eine Bril­le trug, schrieb es als Trost für eine Freun­din (die im Text als „Par­theni­ne“ auf­taucht) und offen­bar den Ver­lust eines Auges zu bekla­gen hat­te. Aber, wie das Nach­wort wie­der­um ganz rich­tig bemerkt, es ist mehr als ein Trost­ge­dicht (ich wür­de sogar sagen: Es ist gar kein Trost­ge­dicht mehr …), es ist ein rich­ti­ger Nar­ren­spie­gel, der die gan­ze Gesell­schaft – die Dich­ter übri­gens aus­drück­li­ch ein­ge­schlos­sen – auf­spießt.

huygens, augentrost (cover)Huy­gens, ver­rät mir das Nach­wort des Über­set­zers Ard Post­hu­ma, ist „ein Klas­si­ker der nie­der­län­di­schen Lite­ra­tur“ (und auch ein recht pro­duk­ti­ver Kom­po­nist, neben sei­nen zahl­rei­chen ande­ren Tätig­kei­ten und Beru­fen), in Deutsch­land aber wohl eher unbe­kannt. „Huy­gens‘ Sprach­vir­tuo­si­tät war gren­zen­los“. Und das merkt man. Wobei ich das gleich wie­der ein­schrän­ken muss: Denn ich ken­ne nur die Über­set­zung. Die ist aber sehr pfif­fig. Inwie­weit Post­hu­ma damit der Spra­che und dem Text Huy­gens‘ gerecht wird, ent­zieht sich mei­ner Beur­tei­lung. Als deut­scher Text, der 2016 erschien, ist er aber auf jeden Fall lesens­wert. Denn Post­hu­ma lie­fert einen Text, der nicht nur erstaun­li­ch flüs­sig zu lesen ist, son­dern sich – und das macht das Lese­ver­gnü­gen deut­li­ch grö­ßer – gen­au an das metri­sche Vor­bild des Ori­gi­nals, die sechs­he­bi­gen Jam­ben mit wech­seln­den Kaden­zen und den Paar­reim hält. Manch­mal wird das sogar rich­tig­ge­hend salopp und fast flap­sig (auch der „Lah­mar­sch“ hat einen Auf­tritt …).

Nun ist aber immer noch unklar, was die­ser Augen­trost denn nun eigent­li­ch ist. Kurz gesagt: Ein Lang­ge­dicht in 1002 Ver­sen (Alex­an­dri­nern) über die Blind­heit oder viel­leicht bes­ser: über die viel­fäl­ti­gen For­men, in denen Men­schen blind sein kön­nen. Das orga­ni­siert Huy­gens nach einer klei­nen Ein­füh­rung als einen Kata­log von Men­schen­grup­pen, die er als blind kate­go­ri­siert. Meis­tens sind sind sie es nicht in wört­li­cher Hin­sicht, son­dern in über­tra­ge­ner, weil sie das Eigent­li­che des Lebens – und des Glau­bens, des christ­li­chen Got­tes (da bleibt Huy­gens ganz und gar ein Kind sei­ner Zeit) – nicht sehen, d.h. nicht erken­nen, son­dern gie­rig, gei­zig, has­tig, müßig­gän­ge­ri­sch sind. So haben sie alle einen Auf­tritt, die Gesun­den und Kran­ken, die Gelehr­ten und die Eifer­süch­ti­gen, die jun­gen Leu­te, die Jäger, die Schnat­te­rer, der gan­ze Hof – man merkt, das ist wirk­li­ch eine Art sozio­lo­gi­sches Gesell­schafts­pan­ora­ma, das Huy­gens hier ent­wirft. Und natür­li­ch sind, dar­um geht es ja schließ­li­ch, alle blind, ihr Sehen der Welt, ihre Sicht­wei­se auf Men­schen, Hand­lun­gen und Din­ge ist ein­ge­schränkt – meis­tens, weil sie das gro­ße Gan­ze des christ­li­chen Heils­pla­nes nicht (er)kennen oder nicht im Sinn behal­ten. Auch das eige­ne Leid und das Leid der ande­ren und der Umgang mit dem Leid über­haupt spie­len immer wie­der eines beson­de­re Rol­le. Schließ­li­ch ist das ins­be­son­de­re für Chris­ten ein Punkt der Prü­fung (eine Art pri­va­tes Theo­di­zee-Pro­blem): War­um lässt Gott mich/die Men­schen lei­den?

Wer klag­te da nicht gern, würd’s nach­her bes­ser gehn! / Wer aber bräch­te je des Him­mels Lauf zum Stehn? Vers 49–50

Erstaun­li­ch fand ich dabei oft den fast kras­sen Rea­lis­mus der Beschrei­bun­gen, die er benutzt. Beson­ders deut­li­ch wird das, wenn er die Lie­bes­ly­rik-Kon­ven­tio­nen sei­ner Zeit mit der bana­len (und im Ver­gleich zum Ide­al häss­li­chen) Rea­li­tät kon­fron­tiert (Ver­se 360ff.). Und neben­bei fin­det man auch eine inter­es­san­te Abwer­tung der (rea­lis­ti­schen) Male­rei (460ff.), weil sie doch immer bloß ein unvoll­kom­me­nes, unfer­ti­ges, unvoll­stän­di­ges Abbild der Welt – die­ser voll­kom­me­nen gött­li­chen Schöp­fung – dar­stellt. Die Lis­te lie­ße sich noch wei­ter fort­set­zen – so ziem­li­ch jeder Leser, jede Lese­rin dürf­te hier auf inter­es­san­te Beob­ach­tun­gen und Schil­de­run­gen sto­ßen.

Zum Augen­trost gehört auch noch eine kur­ze Vor­re­de (im Ori­gi­nal latei­ni­sch), voll gestopft mit Topoi der Beschei­den­heit. Das fängt schon mit einer War­nung – die­ser Text sei nichts für Leser, die die Grö­ße anti­ker Auto­ren zu schät­zen wis­sen – an und gip­felt in dem Hin­weis: „Soll­te das Haupt­werk miss­fal­len / genie­ße das Bei­werk.“ Und natür­li­ch funk­tio­niert es, man möch­te dann erst recht wei­ter­le­sen. Der Rest der Para­tex­te (des „Bei­werks“) fehlt in die­ser Edi­ti­on der Über­set­zung bei Rei­ne­cke & Voß lei­der zum größ­ten Teil, so dass man Huy­gens‘ Emp­feh­lung gar nicht fol­gen könn­te. Durch Anmer­kun­gen des Über­set­zers – die sich aber nur auf die Bibelstellenverweise/-anspielungen bezie­hen, die wie­der­um zum gro­ßen Teil recht klar & ein­deu­tig sind, wird das wenigs­tens zum Teil wie­der wett gemacht. Die Aus­ga­be ist sowie­so eine, die ihr Licht unter den Schef­fel stellt (um auch ein bibli­sches Bild zu bemü­hen): das Äuße­re ist eher zweck­mä­ßig als schön, was etwa das Druck­bild (und die recht häu­fi­gen Feh­ler) angeht. Dafür ist sie aber auch recht wohl­feil zu erwer­ben.

Nur eine Sor­te noch: Auto­ren sind auch Blin­de, / beson­ders die von dir gelieb­ten Dich­ter­freun­de. / Die sind so dicht wie blind; sie sehen nur den Reim / und gehen in der Kunst den Wör­tern auf den Leim / … / Das ist Poe­ten-Art, denn die zu dich­ten pfle­gen / sehen kein schö­ne­res Ei als was sie sel­ber legen. / Ver­prü­geln kann­st du ihn, doch sagt er unent­wegt, / dass kein Poet so schön wie er die Lau­te schlägt. Ver­se 913ff., 941ff.

Soll man den Augen­trost also lesen? Wenn es nach Huy­gens selbst geht, gar nicht unbe­dingt. Er beginnt näm­li­ch gleich in der Vor­re­de – also direkt mit den aller­ers­ten Ver­sen – mit einer War­nung:

Lies mich bit­te nicht, / wenn bes­se­res Salz dir zusteht / und dir kei­ne Spei­se schmeckt, / die fader ist als die der Alten. / Lies mich bit­te nicht. Wozu dei­ne Augen / (oder ein Auge nur) pei­ni­gen?

Aber wer lässt sich von so etwas denn schon abhal­ten? Die Lese­zeit-Schät­zung, die Huy­gens in sei­nen Text ein­flicht (Vers 137: „zum Lesen sind gut zwei, drei Stun­den vor­ge­se­hen“), stimmt übri­gens ziem­li­ch gen­au: Mehr als zwei, drei Stun­den benö­tigt man dafür nicht. Aber das sind dann doch zwei, drei sehr ver­gnüg­li­che, unter­halt­sa­me und auch beleh­ren­de Stun­den.

Con­stan­ti­jn Huy­gens: Euphra­sia. Augen­trost. Über­setzt und her­aus­ge­ge­ben von Ard Post­hu­ma. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2016. [ohne Sei­ten­zäh­lung]. ISBN 9783942901222 

Ins Netz gegangen (19.1.)

netzgebilde (unsplash.com)Clint Adair

Ins Netz gegan­gen am 19.1.:

  • Wor­über ich rede, wenn ich über Sex rede | Read on, my dear, read on → ein bericht aus der sexu­al­auf­klä­rung für geflüch­te­te in deutsch­land – sehr inter­es­sant zu lesen …
  • Falk-Pos­til­le | Mein Jahr mit Luther → achim land­wehr über falks „pop-ora­to­ri­um“ „luther“

    Man kann aus Mar­tin Luther einen Frei­heits­hel­den machen. Muss man aber nicht. Man kann die ‚Bot­schaft‘ der Refor­ma­ti­on (wie lau­te­te sie gleich noch?) in das Kor­sett stan­dar­di­sier­ter Musi­cal­me­lo­dien packen. Man muss sich das aber nicht anhö­ren. Man kann die geist­li­che Musik des 16. bis 18. Jahr­hun­derts in ein fahr­stuhl­taug­li­ches Funk­ti­ons­mu­sik­ge­rie­sel ver­wan­deln. Man muss dafür aber kein Geld aus­ge­ben.

  • Fake News“ und der blin­de Fleck der Medi­en | Über­me­di­en → ste­fan nig­ge­mei­er über die (unehr­li­che) empö­rung über „fake news“:

    Man hat das damals nicht „Fake News“ genannt, weil es den Begriff noch nicht gab. Vor allem aber haben die meis­ten ande­ren Medi­en die­se „Fake News“ nicht bekämpft, son­dern fröh­li­ch wei­ter ver­brei­tet.
    […] Jetzt, auf ein­mal, ent­de­cken die Medi­en die Gefahr der „Fake News“ und wol­len mit gro­ßem Ein­satz dage­gen kämp­fen. Was für eine Heu­che­lei.

  • Das 20. Jahr­hun­dert fällt uns gera­de auf den Kopf“ | Welt → inte­res­an­tes inter­view mit dem his­to­ri­ker timo­thy sny­der – über die „leh­ren“ aus der geschich­te udn die poli­tik der gegen­wart

    Die Geschich­te wie­der­holt sich nicht. Sie reimt sich nicht ein­mal. Aber die Geschichts­wis­sen­schaft zeigt uns, wie gewis­se Din­ge zusam­men­hän­gen. Sie weist uns auf gewis­se Mus­ter hin.
    […] aber das Bei­spiel Deutsch­lands lehrt uns: Das muss man gleich am Anfang begrei­fen, nicht erst am Ende. Wenn man eine „Gleich­schal­tung“ stop­pen will, muss man sagen: Es gefällt mir, dass wir ein föde­ra­les Sys­tem haben 

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spinnenetz mit tautropfenMichael Podger

Ins Netz gegangen am 8.1.:

  • CO2-Bilanz 2016: Deutschland macht einen Schritt zurück | Deutsche Welle → 2016 war für Deutschlands Klimaschutz ein schlechtes Jahr. Im Vergleich zum Vorjahr wurde sogar wieder mehr CO2 in die Luft geblasen. Für die Klimaziele reicht das Tempo der Energiewende bisher nicht. So wird das - wie in den letzten Jahren und Jahrzehnten - wieder nichts, trotz hehrer Ziele: Wenn es an die konkrete Umsetzung geht, gelten offenbar auf einmal andere Prioritäten ...
  • Historisches Erbgut: Genetisches Erbe der Sklaverei | Spektrum → interessanter text über die genetische untersuchung von (wieder)gefundenen gräbern befreiter sklaven z.b. auf st. helena
  • Die postfaktische Universität | Zeit → bernhard pörksen über das "postfaktische" zeitalter, die probleme dieser diagnose und möglichkeiten der abhilfe - ich bin mir nicht sicher, ob er mit allem recht hat (z.b. scheint mir ein unterschied zw. ideologischer weltsicht und bullshit/post-truth zu bestehen), aber er hat durchaus einige bedenkenswerte argumente und beobachtungen

    Postfaktisch ist, darin besteht das Problem, ein sachlich falscher Verbalaufreger, ein Symptomwort des Pauschalismus.
    [...] Das demokratische Prinzip lebt elementar vom Ideal der Aufklärung und von der Idee des mündigen Bürgers – bis zum absolut endgültigen Beweis des Gegenteils. Und eine paternalistisch regierte Wahrheitswelt kann sich bei allem Erschrecken über das gegenwärtige Kommunikationsklima niemand wünschen. Was für liberal gesinnte Geister bleibt, ist die manchmal beglückende und manchmal schreckliche Sisyphusarbeit des Diskurses, die nun überall stattfinden muss.

  • What if Hitler had won the war? What is Jesus hadn't been crucified? Who cares? | New Republic → über kontrafaktische geschichtsschreibung und ihren möglichen nutzen für die gegenwart, v.a. auch eine widersprechende diskussion der ablehnenden thesen von richard evans

Twitterlieblinge Dezember 2016

vögel im winter im gebirgeRené Reichelt

Die letz­te Lis­te, dafür arg ver­spä­tet …:


https://twitter.com/JZdziarski/status/810211465353379840

Ins Netz gegangen (6.1.)

winterlicher wald im schneeStas Ovsky

Ins Netz gegangen am 6.1.:

  • Das öffentliche Eigentum ist den Vertretern des öffentlichen Eigentümers so was von schnurz. Das Beispiel Deutsche Bahn AG | LunaPark21 → guter abriss, wie und warum das öffentlich eigentum "deutsche bahn" nicht im interesse der öffentlichkeit gemanagt wird - also, kurz gesagt, wie die politik hier ziemlich total versagt
  • Endlich: Radfahrer dürfen über rote Ampeln fahren | Radverkehrspolitik → radverkehrspolitik nimmt die neuen ampelregelungen für radfahrerinnen bzw. radwege aufs korn:

    Seit dem 1. Januar gelten für Radfahrer an Kreuzungen keine Fußgänger-Signalgeber mehr, Radfahrer müssen und dürfen an vielen Kreuzungen plötzlich die Fahrbahn-Signalgeber beachten. Dumm nur, dass die Straßenverkehrsbehörden davon nichts wissen: Die Fahrbahn-Signalgeber sind teilweise gar nicht für Radfahrer sichtbar, während an anderen Kreuzungen abbiegende Kraftfahrer gar nicht mehr mit geradeausfahrenden Radfahrern rechnen.

    Man darf nur hoffen, dass nicht allzu viele Radfahrer diese Änderung bemerken und nach wie vor artig bei roter Fußgängerampel stehenbleiben.

  • „Trumps Kompetenz sollten wir nicht weiter diskutieren“. Henry Kissinger über die neue US-Regierung und wie ein Krieg mit China zu verhindern ist. | IPG → henry kissinger über amerika, china und die welt - und die vermutliche außenpolitik und ihre strategischen spielräume unter trump
  • „Frauen haben die romantische Verblödung“ | FAZ → interessantes interview mit einer österreichischen scheidungsanwältin über ehe, partnerschaft und v.a. die finanzen
  • Reformationsjahr 2017: Gegen "eine inhumane Annäherung an Luther" | Deutschlandfunk → gutes interview mit heinz schilling über luther und vor allem über seine bedeutung (und die der reformation insgesamt) für uns und heute
    [Luther] ist uns als erstes als Fremder darzustellen. Sehen Sie, in dieser Zeit war es so, dass die Allzuständigkeit von Religion, Allzuständigkeit des Christentums nicht nur für das Jenseits – das ist uns ja sowieso abhandengekommen – aber auch für das Diesseits konstitutiv war für diese Gesellschaft, für diese Kultur. Das existiert für uns heute nicht mehr. Weder diese Vorstellung, ein jenseitiges Leben bereits jetzt vorbereiten zu müssen im Sinne einer totalen Ausrichtung des diesseitigen Lebens auf das jenseitige, das ist uns abhandengekommen.

    Da ist eben die große Schwelle, die Aufklärung – das ausklingende 18. und das frühe 19. Jahrhundert, in dem das passiert, was wir Säkularisierung nennen. Das setzt vorher ein – sehr wichtig die Regelungen des Westfälischen Friedens, dass Religion und Politik getrennt wird, dass die Allzuständigkeit von Religion aufgegeben wird. Das macht die ganz andere Situation heute aus.

    Von daher sind zwei Dinge wichtig. Wir können einerseits Luther nicht von oben herab beurteilen. Da gibt es so einige Aussagen: Naja, der hat ja an Hexen geglaubt, der hat die Frauen unterdrückt. Ich pflege dann zu sagen: Naja, der Mann konnte nicht mal Auto fahren. So ein lächerlicher Mensch ist das und auf den wollen wir uns nach 500 Jahren besinnen.

    und mit einem schönen satz am schluss:

    Der Historiker hat dafür zu sorgen, dass nichts verschleiert wird, sondern im Guten wie im Bösen – und hier geht es natürlich um das Böse, das ist völlig klar – die Dinge genauestens sachgerecht identifiziert werden.

Altjahresabend

Aus der durch­höhl­ten Rübe springt die Maus.
Der rei­fe Wind zwingt das Holun­der­blatt zu tage­lan­gem Pur­zel­baum -
Die lee­re Rüben­ba­cke klafft,
Die Tau­ben peitscht der Wind ans Haus.

Den Bau­ern­pfer­den wächst das Haar wie Moos so dicht.
Das Jahr geht hin. Kein Anfang ist und Ende nicht.
Die Eichel fällt – die Ein­sam­keit erschrickt, und Öde schluckt den Ton.
Sie schluckt auch mei­ner Soh­le Lär­men, sie ver­gaß mich schon.
Wil­helm Leh­mann, Alt­jah­res­abend (1928)

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