»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Snowflake in close-up

Schnee

Schnee: wer
die­ses Wort zu Ende
den­ken könn­te
bis dahin
wo es sich auf­löst
und wie­der zu Was­ser wird

das die Wege auf­weicht
und den Him­mel in
einer schwar­zen

blan­ken Pfüt­ze
spie­gelt, als wär er
aus nicht­ros­ten­dem Stahl

und blie­be
unver­än­dert blau.

Rolf Die­ter Brink­mann (aus: Le Chant du Monde)[Rolf Die­ter Brink­mann: Stand­pho­tos. Gedich­ter 1962–1970. Rein­bek: Rowohlt 1980, S. 40]

Gleichgewicht

Die Natur erhältt alles in einem schwer­ben­den Gleich­ge­wicht. Der Geist wird nicht müde, ihm nachzusinnen.

Wil­helm Leh­mann, Buko­li­sches Tage­buch (2. Febru­ar 1931)

Herbst

Die Blät­ter fal­len, fal­len wie von weit,
als welk­ten in den Him­meln fer­ne Gär­ten;
sie fal­len mit ver­nei­nen­der Gebärde.

Und in den Näch­ten fällt die schwe­re Erde
aus allen Ster­nen in die Einsamkeit.

Wir alle fal­len. Die­se Hand da fällt.
Und sie dir and­re an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, wel­cher die­ses Fal­len
unend­li­chen sanft in sei­nen Hän­den hält.

Rai­ner Maria Ril­ke, Herbst (Das BUch der Bilder)

Gedichte

Bei Gedich­ten hilft zwei Mal lesen immer. Das kann nie falsch sein. Denn meis­tens ist schon nach dem zwei­ten Mal klar, ob das Ding vor uns über­haupt ein Gedicht ist oder nicht. Wenn näm­liuch nach dem zwei­ten Mal klar ist, was da steht, und eben­so due­litch, dass da nichts wei­ter ist, als was man ver­stan­den hat, dann ist es kein Gedicht. Weil ein Gedicht eben nicht das ist, was man gemein­hin meint, wenn man sagt: Ich habe verstanden.

Urs Enge­ler, Mein Lie­ber Lühr (in: MÜt­ze #33, 1671)
zeitungen gebündelt

Zeitgemäße Zeitung?

Die „Süd­deut­sche Zei­tung“ geht mit der Zeit und hat ihre Digi­tal­aus­ga­be moder­ni­siert, sagt sie. Und zugleich das Redaktionssystem/​CMS gewech­selt. Dabei ist aber wohl eini­ges schief­ge­lau­fen. Zumin­dest aus mei­ner Sicht ist die neue Gestal­tung aus­ge­spro­chen man­gel­haft (bei eini­gen guten Ansät­zen). Ich lese die SZ täg­lich im Abon­ne­ment auf dem Tablet und habe mal auf­ge­schrie­ben, was mir direkt ins Auge gefal­len ist. 

Ein neu­es Lay­out und neu­es Redak­ti­ons­sys­tem (also ande­re Soft­ware), aber für einen Typo­gra­phen oder Schrift­set­zer (oder über­haupt jeman­den, der nur ein biss­chen Ahnung von Text­satz und ‑gestal­tung hat), reich­te es offen­bar nicht mehr.

Schon beim ers­ten Lesen auf dem Tablet gleich auf­ge­fal­len sind mir (und da bin ich noch nicht mal auf Feh­ler­su­che gegangen):

  • Es gibt kei­ne Sil­ben­tren­nung, dafür aber kata­stro­pha­le Löcher im Flat­ter­satz der nicht sehr brei­ten Text­spal­ten. Dabei gibt es doch inzwi­schen sehr gute auto­ma­ti­sche Sil­ben­tren­nun­gen, die ohne manu­el­le Ein­grif­fe (nahe­zu) feh­ler­frei arbeiten.
  • Dafür wer­den Zah­len wie 150.000 jetzt gna­den­los getrennt, weil die Tau­sen­der­stel­le hier wohl ein gewöhn­li­ches Leer­zei­chen ist. Das ist ein erbärm­li­cher Anfän­ger­feh­ler, der das Lesen sehr erschwert.
  • Es gibt kei­ne rich­ti­gen Anfüh­rungs­zei­chen (die im Deut­schen nor­ma­ler­wei­se zu Anfang unten, zu Ende oben ste­hen und nicht das Zoll-Zei­chen benut­zen), weder in Über­schrif­ten noch im Text. Das ist ein­fach sehr unschön.
  • Ein ver­wand­tes Pro­blem: Auch der ver­wen­de­te Apo­stroph ist sehr blockig.
  • Es gibt kei­nen Gedan­ken­strich (Halb­ge­viert­strich), son­dern nur Bin­de-/Tren­nungs­stri­che – zumin­dest wird der Halb­ge­viert­strich nicht genutzt, weder bei der Tren­nung der Orts­mar­ke vom Text noch bei den typi­schen Fäl­len im Satz.
  • Die kur­si­ve Schrift wirkt im Text zugleich angefettet.
  • Mei­nes Erach­tens ist die aus­ge­wähl­te Schrift­art für die Res­sort­über­schrif­ten für die­sen Zweck unge­eig­net und wirkt selt­sam (gera­de in Ver­bin­dung mit den ande­ren ver­wen­de­ten Schrif­ten), aber das ist auch eine Geschmacksfrage.

Immer­hin sind die Buch-Über­sich­ten (die Res­sort­sei­ten) nun deut­lich bes­ser struk­tu­riert. Vor allem zei­gen sie end­lich die Autor*innen nicht nur bei weni­gen, son­dern allen Arti­keln (außer bei rei­nen Mel­dun­gen, das ist ja sinn­voll) und sind durch die Stri­che bes­ser in sinn­haf­te Abschnit­te geglie­dert. Auch die Rei­hen­fol­ge der Arti­kel ist jetzt kon­sis­ten­ter zwi­schen Res­sort­über­sicht und Arti­kel­an­sicht (das war vor­her nicht immer so, son­dern schien manch­mal Glückssache).

Aber als Gan­zes ist das ziem­lich unwür­dig für ein Unter­neh­men die­ser Grö­ße. Es scheint fast so, als hät­te das nie­mand mal vor­her getes­tet ;-) Man könn­te also sagen, die „Süd­deut­sche Zei­tung“ ist mit die­ser Miss­ach­tung gestal­te­ri­scher Grund­re­geln mit der Zeit gegangen …

Waldwege

Bors­ten und räu­be­risch sind mei­ne spe­zia­len
Ver­stär­ker auf Wald­pfa­den, Käfer spie­gelns
Hase-Fuchs-Reh, selbst­ru­fend Herr und Frau
Kuckuck. Der Mensch, idea­lisch, sei immer
dem Wal­de zu, sin­gend. Beeren‑, Pilz­kör­be
neben sich an dem gluck­sen­den Bache sit­zen
gleich­sam zau­brisch. Nicht ach­te Zwer­gen-
werk nied­rig und ‑hor­te in Ger­ma­ni­ens Adern.
Nebst Dis­po, Glat­zen, Spuk, mag sein, auch
äch­tes Gold … Denn wer hat nach­ge­forscht.

Wald­we­ge

Stef­fen Popp, 118, 65

Gebirge

The­re are the Alps,
fools! Sit down and wait for them to crumble!

Basil Bun­ting, On the Fly­le­af of Pound’s Cantos

Erzählt-Werden

Kann es sein, daß das Leben kei­nen ande­ren Sinn hat, als erzählt zu wer­den und im Erzählt-Wer­den immer wie­der neu zu ent­ste­hen? Daß also das Erzählt-Wer­den einer der vie­len Wege der Fort­pflan­zung ist, die das Leben kennt?

Anne Weber, Luft und Lie­be, 184

Er ist’s.

Früh­ling läßt sein blau­es Band
Wie­der flat­tern durch die Lüf­te;
Süße, wohl­be­kann­te Düf­te
Strei­fen ahnungs­voll das Land.
Veil­chen träu­men schon,
Wol­len bal­de kom­men.
– Horch, von fern ein lei­ser Har­fen­ton!
 Früh­ling, ja du bist’s!
Dich hab’ ich vernommen!

Edu­ard Mörike

Wochenblog 11/​2023

Stür­mi­sche Woche. Ganz wört­lich – am Mon­tag und Diens­tag war es zeit­wei­se so win­dig (vor allem auf dem Heim­weg), dass ich momen­tan sogar zwei Gän­ge run­ter­schal­ten muss­te: Ich kam ein­fach nicht mehr gegen den Sturm an.

Stür­misch auch, weil viel Pla­nung zu orga­ni­sie­ren war, damit ich mich in den nächs­ten Wochen auf mein neu­es Pro­jekt kon­zen­trie­ren kann und nicht von dem gan­zen all­täg­li­chen Aller­lei immer wie­der abge­lenkt wer­de. Aber irgend jemand muss das ja trotz­dem machen … Ich bin gespannt, wie sich das in den nächs­ten Wochen ent­wi­ckeln wird – ich kann es mir noch nicht so ganz vorstellen. 

Text: „Kriegs­ly­rik“ von Her­mann Plag­ge. Ein (nicht nur mir) abso­lut unbe­kann­ter Dich­ter aus der Zeit des Ers­ten Welt­krie­ges, for­mal und sprach­lich jetzt nicht unbe­dingt die bes­ten Gedich­te aus die­ser Zeit, aber doch immer wie­der sehr ein­drück­lich und leben­dig in den Schil­de­run­gen und Stim­mun­gen. Die Lek­tü­re habe ich der wun­der­ba­ren Edi­ti­on Ver­sen­sporn von „Poe­sie schmeckt gut“ zu ver­dan­ken – das ist ein sehr zu rüh­men­des Unter­neh­men, das mehr­mals im Jahr klei­ne Hef­te mit Lyrik von meist ver­ges­se­nen, unbe­kann­ten Dichter*innen, meist aus dem wei­ten Feld des Expres­sio­nis­mus (wie Plag­ge) oder ver­wand­ten Strö­mung, zum klei­nen Preis ver­sen­det und mei­nen lite­ra­ri­schen Hori­zont immer wie­der ange­nehm erweitert. 

Ton: Ein­stür­zen­de Neu­bau­ten. Und die Mün­che­ner Auf­nah­men von „Fol­low me“ und „Whe­re are you“ von Ondřej Adámek. 

Bild: You Peo­p­le von und mit Jonah Hill. Ziem­lich cool, ziem­lich gelun­gen, wit­zig und tref­fend die Pro­ble­me der (ame­ri­ka­ni­schen) Gesell­schaft bzw. ihrer Tei­le im Umgang mit­ein­an­der darstellend.

Drau­ßen: Der Streak hält, ich ver­su­che es sogar mal wie­der mit struk­tu­rier­tem Trai­ning. Und dabei habe ich mir gleich am Mon­tag ein ordent­li­ches Pro­blem ein­ge­han­delt: Für den Tem­po­test­lauf fand ich es sinn­voll, die pas­sen­den Schu­he anzu­zie­hen. Nur hat­te ich die seit min­des­tens 15 Mona­ten nicht mehr an den Füßen. Das ende­te, ich hät­te es mir den­ken kön­nen, im Blut­bad: Zwei gro­ße, fet­te Bla­sen an den Fer­sen. Vor allem die rech­te Fer­se war mit einer flä­chi­gen, blu­ti­gen Bla­se ver­se­hen. Mit Bla­sen­pflas­ter und Com­peed ging es dann aber immer­hin auch am Diens­tag wei­ter. Doch für den Rest der Woche blieb das Andenken noch, wenn auch all­mäh­lich verblassend/​verheilend. Dafür konn­te ich die­se Woche sowohl beim schö­nen Son­nen­un­ter­gang als auch im spek­ta­ku­lä­re bun­ten Son­nen­auf­gang lau­fen – der Früh­ling macht’s möglich.

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