Musik

DIe Music mein ich hier / die Sinn und Muht durch­drin­get /
und mit der Lieb­lig­keit biß in das Marck erklin­get.
wo nich­tes anders son­st des Men­schen Muht bewegt /
da ist sie off­ters / die den Geist in ihm erregt;
und der vor lan­ge Zeit betrübet hat geses­sen /
der kan durch die Music bald wer­den so ver­mes­sen /
daß er mit gra­dem Fuß lest sehen was er kan /
und stelt sich / als wolt er den hohen Him­mel an.
[…]

Sibyl­la Schwarz, Auß dem Lob einer Nacht­mu­sic

Augentrost aus fernen Zeiten

Augen­trost – das ist mal ein Buch­ti­tel! Dabei ist es gar kei­ne Neu­schöp­fung, denn Con­stan­ti­jn Huy­gens schrieb sei­ne Euphra­sia schon 1647. Der Titel ist übri­gens schnell erklärt: Der Augen­trost (Euphra­sia offi­ci­na­lis) ist eine Wie­sen­pflan­ze, sei­nen Namen hat er auf­grund sei­ner ange­nom­me­nen Heil­wir­kung. Das muss uns aber nicht wei­ter beschäf­ti­gen, denn hier geht es ja um Lite­ra­tur. Um ein Trost­ge­dicht, das aus eher pri­va­tem Anlass ent­stand (und zunächst auch noch nicht über 1000 Ver­se umfass­te): Huy­gens, der selbst (manch­mal) eine Bril­le trug, schrieb es als Trost für eine Freun­din (die im Text als „Par­theni­ne“ auf­taucht) und offen­bar den Ver­lust eines Auges zu bekla­gen hat­te. Aber, wie das Nach­wort wie­der­um ganz rich­tig bemerkt, es ist mehr als ein Trost­ge­dicht (ich wür­de sogar sagen: Es ist gar kein Trost­ge­dicht mehr …), es ist ein rich­ti­ger Nar­ren­spie­gel, der die gan­ze Gesell­schaft – die Dich­ter übri­gens aus­drück­li­ch ein­ge­schlos­sen – auf­spießt.

huygens, augentrost (cover)Huy­gens, ver­rät mir das Nach­wort des Über­set­zers Ard Post­hu­ma, ist „ein Klas­si­ker der nie­der­län­di­schen Lite­ra­tur“ (und auch ein recht pro­duk­ti­ver Kom­po­nist, neben sei­nen zahl­rei­chen ande­ren Tätig­kei­ten und Beru­fen), in Deutsch­land aber wohl eher unbe­kannt. „Huy­gens‘ Sprach­vir­tuo­si­tät war gren­zen­los“. Und das merkt man. Wobei ich das gleich wie­der ein­schrän­ken muss: Denn ich ken­ne nur die Über­set­zung. Die ist aber sehr pfif­fig. Inwie­weit Post­hu­ma damit der Spra­che und dem Text Huy­gens‘ gerecht wird, ent­zieht sich mei­ner Beur­tei­lung. Als deut­scher Text, der 2016 erschien, ist er aber auf jeden Fall lesens­wert. Denn Post­hu­ma lie­fert einen Text, der nicht nur erstaun­li­ch flüs­sig zu lesen ist, son­dern sich – und das macht das Lese­ver­gnü­gen deut­li­ch grö­ßer – gen­au an das metri­sche Vor­bild des Ori­gi­nals, die sechs­he­bi­gen Jam­ben mit wech­seln­den Kaden­zen und den Paar­reim hält. Manch­mal wird das sogar rich­tig­ge­hend salopp und fast flap­sig (auch der „Lah­mar­sch“ hat einen Auf­tritt …).

Nun ist aber immer noch unklar, was die­ser Augen­trost denn nun eigent­li­ch ist. Kurz gesagt: Ein Lang­ge­dicht in 1002 Ver­sen (Alex­an­dri­nern) über die Blind­heit oder viel­leicht bes­ser: über die viel­fäl­ti­gen For­men, in denen Men­schen blind sein kön­nen. Das orga­ni­siert Huy­gens nach einer klei­nen Ein­füh­rung als einen Kata­log von Men­schen­grup­pen, die er als blind kate­go­ri­siert. Meis­tens sind sind sie es nicht in wört­li­cher Hin­sicht, son­dern in über­tra­ge­ner, weil sie das Eigent­li­che des Lebens – und des Glau­bens, des christ­li­chen Got­tes (da bleibt Huy­gens ganz und gar ein Kind sei­ner Zeit) – nicht sehen, d.h. nicht erken­nen, son­dern gie­rig, gei­zig, has­tig, müßig­gän­ge­ri­sch sind. So haben sie alle einen Auf­tritt, die Gesun­den und Kran­ken, die Gelehr­ten und die Eifer­süch­ti­gen, die jun­gen Leu­te, die Jäger, die Schnat­te­rer, der gan­ze Hof – man merkt, das ist wirk­li­ch eine Art sozio­lo­gi­sches Gesell­schafts­pan­ora­ma, das Huy­gens hier ent­wirft. Und natür­li­ch sind, dar­um geht es ja schließ­li­ch, alle blind, ihr Sehen der Welt, ihre Sicht­wei­se auf Men­schen, Hand­lun­gen und Din­ge ist ein­ge­schränkt – meis­tens, weil sie das gro­ße Gan­ze des christ­li­chen Heils­pla­nes nicht (er)kennen oder nicht im Sinn behal­ten. Auch das eige­ne Leid und das Leid der ande­ren und der Umgang mit dem Leid über­haupt spie­len immer wie­der eines beson­de­re Rol­le. Schließ­li­ch ist das ins­be­son­de­re für Chris­ten ein Punkt der Prü­fung (eine Art pri­va­tes Theo­di­zee-Pro­blem): War­um lässt Gott mich/die Men­schen lei­den?

Wer klag­te da nicht gern, würd’s nach­her bes­ser gehn! / Wer aber bräch­te je des Him­mels Lauf zum Stehn? Vers 49–50

Erstaun­li­ch fand ich dabei oft den fast kras­sen Rea­lis­mus der Beschrei­bun­gen, die er benutzt. Beson­ders deut­li­ch wird das, wenn er die Lie­bes­ly­rik-Kon­ven­tio­nen sei­ner Zeit mit der bana­len (und im Ver­gleich zum Ide­al häss­li­chen) Rea­li­tät kon­fron­tiert (Ver­se 360ff.). Und neben­bei fin­det man auch eine inter­es­san­te Abwer­tung der (rea­lis­ti­schen) Male­rei (460ff.), weil sie doch immer bloß ein unvoll­kom­me­nes, unfer­ti­ges, unvoll­stän­di­ges Abbild der Welt – die­ser voll­kom­me­nen gött­li­chen Schöp­fung – dar­stellt. Die Lis­te lie­ße sich noch wei­ter fort­set­zen – so ziem­li­ch jeder Leser, jede Lese­rin dürf­te hier auf inter­es­san­te Beob­ach­tun­gen und Schil­de­run­gen sto­ßen.

Zum Augen­trost gehört auch noch eine kur­ze Vor­re­de (im Ori­gi­nal latei­ni­sch), voll gestopft mit Topoi der Beschei­den­heit. Das fängt schon mit einer War­nung – die­ser Text sei nichts für Leser, die die Grö­ße anti­ker Auto­ren zu schät­zen wis­sen – an und gip­felt in dem Hin­weis: „Soll­te das Haupt­werk miss­fal­len / genie­ße das Bei­werk.“ Und natür­li­ch funk­tio­niert es, man möch­te dann erst recht wei­ter­le­sen. Der Rest der Para­tex­te (des „Bei­werks“) fehlt in die­ser Edi­ti­on der Über­set­zung bei Rei­ne­cke & Voß lei­der zum größ­ten Teil, so dass man Huy­gens‘ Emp­feh­lung gar nicht fol­gen könn­te. Durch Anmer­kun­gen des Über­set­zers – die sich aber nur auf die Bibelstellenverweise/-anspielungen bezie­hen, die wie­der­um zum gro­ßen Teil recht klar & ein­deu­tig sind, wird das wenigs­tens zum Teil wie­der wett gemacht. Die Aus­ga­be ist sowie­so eine, die ihr Licht unter den Schef­fel stellt (um auch ein bibli­sches Bild zu bemü­hen): das Äuße­re ist eher zweck­mä­ßig als schön, was etwa das Druck­bild (und die recht häu­fi­gen Feh­ler) angeht. Dafür ist sie aber auch recht wohl­feil zu erwer­ben.

Nur eine Sor­te noch: Auto­ren sind auch Blin­de, / beson­ders die von dir gelieb­ten Dich­ter­freun­de. / Die sind so dicht wie blind; sie sehen nur den Reim / und gehen in der Kunst den Wör­tern auf den Leim / … / Das ist Poe­ten-Art, denn die zu dich­ten pfle­gen / sehen kein schö­ne­res Ei als was sie sel­ber legen. / Ver­prü­geln kann­st du ihn, doch sagt er unent­wegt, / dass kein Poet so schön wie er die Lau­te schlägt. Ver­se 913ff., 941ff.

Soll man den Augen­trost also lesen? Wenn es nach Huy­gens selbst geht, gar nicht unbe­dingt. Er beginnt näm­li­ch gleich in der Vor­re­de – also direkt mit den aller­ers­ten Ver­sen – mit einer War­nung:

Lies mich bit­te nicht, / wenn bes­se­res Salz dir zusteht / und dir kei­ne Spei­se schmeckt, / die fader ist als die der Alten. / Lies mich bit­te nicht. Wozu dei­ne Augen / (oder ein Auge nur) pei­ni­gen?

Aber wer lässt sich von so etwas denn schon abhal­ten? Die Lese­zeit-Schät­zung, die Huy­gens in sei­nen Text ein­flicht (Vers 137: „zum Lesen sind gut zwei, drei Stun­den vor­ge­se­hen“), stimmt übri­gens ziem­li­ch gen­au: Mehr als zwei, drei Stun­den benö­tigt man dafür nicht. Aber das sind dann doch zwei, drei sehr ver­gnüg­li­che, unter­halt­sa­me und auch beleh­ren­de Stun­den.

Con­stan­ti­jn Huy­gens: Euphra­sia. Augen­trost. Über­setzt und her­aus­ge­ge­ben von Ard Post­hu­ma. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2016. [ohne Sei­ten­zäh­lung]. ISBN 9783942901222 

Altjahresabend

Aus der durch­höhl­ten Rübe springt die Maus.
Der rei­fe Wind zwingt das Holun­der­blatt zu tage­lan­gem Pur­zel­baum -
Die lee­re Rüben­ba­cke klafft,
Die Tau­ben peitscht der Wind ans Haus.

Den Bau­ern­pfer­den wächst das Haar wie Moos so dicht.
Das Jahr geht hin. Kein Anfang ist und Ende nicht.
Die Eichel fällt – die Ein­sam­keit erschrickt, und Öde schluckt den Ton.
Sie schluckt auch mei­ner Soh­le Lär­men, sie ver­gaß mich schon.
Wil­helm Leh­mann, Alt­jah­res­abend (1928)

Aus-Lese #49

Jazmin Quaynor
Carl Ame­ry: Der Unter­gang der Stadt Pas­sau. Sci­en­ce Fic­tion-Roman. Mün­chen: Heyne 1982. 128 Sei­ten. ISBN 978–3-453–30332-4.

amery, untergang der stadt passau (cover)Eigent­li­ch bin ich ja kein Sci­en­ce-Fic­tion-Leser und schon gar kein Fan – auf den schma­len Roman von Carl Ame­ry hat mich die „Phantastik“-Ausgabe der Krach­kul­tur gebracht. Der Unter­gang der Stadt Pas­sau ist ein Text, der ganz klar die Vor­ga­ben des Gen­res erfüllt: Nach dem nicht ganz voll­stän­di­gen Unter­gang der Zivi­li­sa­ti­on in Euro­pa sam­meln sich die Res­te der Bevöl­ke­rung lang­sam wie­der in Grup­pen. In Pas­sau eta­bliert sich eine Art Dik­ta­tur, die die Tech­nik der Ver­gan­gen­heit – unter ande­rem Strom­erzeu­gung – noch nutz­bar macht und dafür/dabei die Land­be­völ­ke­rung unter­drückt und aus­raubt. Es gibt eine Art Show­down mit einer klei­nen Grup­pe Jäger und Sammler/Landwirten, der in Gewalt und Ver­fol­gung endet. Und eini­ge Gene­ra­tio­nen spä­ter kom­men die Nach­fah­ren die­ser bei­den Abge­sand­ten, um die Stadt Pas­sau – den baby­lo­ni­schen Sün­den­pfuhl (die Par­al­le­len zur bibli­schen Geschich­te sind kein Zufall) dem Erd­bo­den gleich zu machen. Das ist alles eini­ger­ma­ßen kon­ven­tio­nell, aber den­no­ch ganz geschickt und ein­falls­reich geschrie­ben. Inter­es­sant auch: Was bei Cle­mens Setz Jahr­zehn­te spä­ter als groß­ar­ti­ger Kunst­griff gilt – das Spiel mit ver­schie­de­nen Typo­gra­phien, die ver­schie­de­nen Erzähl­ebe­nen bzw. –for­men ent­spre­chen (sie­he unten) -, pas­siert hier bei Ame­ry qua­si neben­bei. Aber halt in einem nicht ern­st zu neh­men­den Gen­re, der Sci­en­ce-Fic­tion. Übri­gens zeigt das mei­nes Erach­tens wie­der mal, wie wenig die Lite­ra­tur­kri­tik mit den Schöp­fun­gen der deut­schen Lite­ra­tur­ge­schich­te wirk­li­ch ver­traut ist – oder, um es posi­ti­ver zu sagen: Wie wenig sie die­se Kennt­nis in ihren Kri­ti­ken, die es ja nur in Aus­nah­me­fäl­len ver­mag, wirk­li­ch his­to­ri­sche (d.h. mehr als zwei, drei Jah­re in die Ver­gan­gen­heit zei­gen­de) Ein­ord­nung oder Tra­di­ti­ons­li­ni­en auf­zu­zei­gen, zeigt und ver­mit­telt …

Es ist eigent­li­ch alles gut­ge­gan­gen, über­leg­te er. Trotz der Poli­tik. Oder wegen der Poli­tik? (112)

Wolf­gang Mül­ler: Kos­mas. Mit Zeich­nun­gen von Max Mül­ler. Ber­lin: Ver­bre­cher 2011. 187 Sei­ten. ISBN 978–3-940426–70-3.

müller, kosmas (cover)Kos­mas ist eigent­li­ch nicht viel mehr als eine net­te Kunst­be­trieb-Sati­re, in der Wolf­gang Mül­ler die ver­rück­ten Kaprio­len der Samm­ler und Spe­ku­lan­ten und Künst­ler der Gegen­warts­kunst der Post-Post-Moder­ne um die Jahr­tau­send­wen­de gekonnt auf­spießt (unüber­seh­bar ist die Refe­renz an Dami­en Hirst), die sich ganz und gar von der ästhe­ti­schen Sei­te der Kunst ent­fernt haben und nur noch ihre mone­tä­ren und Auf­merk­sam­keit bzw. Gel­tung pro­du­zie­ren­den Aspek­te – v.a. die Exklu­si­vi­tät und die ent­spre­chen­de Ver­mark­tung – berück­sich­ti­gen und wert­schät­zen. Des­halb läuft sich der Text auch etwas schnell tot: Die Angriffs­zie­le und Waf­fen die­ser Sati­re sind schnell klar – und dann pas­siert eigent­li­ch nicht mehr viel: Das wird noch ein wenig vari­iert und wei­ter­ge­spon­nen, vor allem aber immer noch eine, hat aber Umdre­hung mehr über­stei­gert. Lei­der hat Mül­ler aber kaum neue Ide­en im Ver­lauf des Tex­tes. Immer­hin bleibt der aber auch dann noch amü­sant, so dass man die Lek­tü­re nicht total bereut …

Wu Ming: Altai. Ber­lin: Asso­zia­ti­on A 2016. 352 Sei­ten. ISBN ISBN 978–3-86241–452-9.

wu ming, altai (cover)Als Fort­set­zung von Q (das noch unter dem älte­ren Namen des Schreib­kol­lek­tivs, Luther Blis­set, erschien) ange­prie­sen, erzählt Altai die Vor­ge­schich­te der Schlacht von Lepan­to: Manu­el Car­do­so, ein Spion, muss aus Vene­dig flie­hen, weil er der Sabo­ta­ge ver­däch­tigt wird und lan­det in Kon­stan­ti­no­pel. Damit ist der gro­ße, welt­his­to­ri­sche Gel­tung bean­spru­chen­de Rah­mung des Romans schon bei­na­he abge­steckt: Alle drei mono­the­is­ti­schen Reli­gio­nen wer­den hier mehr oder weni­ger kon­fron­ta­tiv zusam­men­ge­bracht – und Car­do­so steht als katho­li­scher Kon­ver­tit im Diens­te eines Judens, der für/mit den mus­li­mi­schen Herr­schern des Osma­ni­schen Rei­ches arbei­tet, immer im Zen­trum. Bezie­hungs­wei­se fast im Zen­trum: Denn er ist zwar nahe dran, etwa an der Erobe­rung Zyperns und dann eben – als Reak­ti­on dar­auf – in der Schlacht von Lepan­to. Doch ein­grei­fen kann er nicht oder nur so, dass sei­ne Ohn­macht erst recht sicht­bar wird. Das ist also ein his­to­ri­scher Kri­mi – aber ein Kri­mi, den ich über­haupt nicht span­nend fand. Und zwar weder als his­to­ri­schen Roman noch als Kri­mi­nal- oder Ver­schwö­rungs­ge­schich­te. Der gan­ze Text ist letzt­li­ch nicht im glei­chen Maße über­zeu­gend und fas­zi­nie­rend wie Q – auch wenn er sich der glei­chen Mit­tel bedient: Bericht aus „zwei­ter Rei­he“, Erle­ben des Ent­ste­hens und Gesche­hens von (Welt-)Geschichte aus ande­rer Per­spek­ti­ve etc… Aber: Zum einen ist Car­do­so und damit der Erzäh­ler viel näher dran an der Macht, zum ande­ren schien mir das alles viel kon­stru­ier­ter. Und vie­le Beschrei­bun­gen und Erzäh­lungs­strän­ge blei­ben für mich sche­ma­ti­sch, blass und leb­los. Das gilt vor allem für unge­fähr die ers­ten bei­den Drit­tel – das ist total zer­fa­sert und unhar­mo­ni­sch. Dana­ch wird es bes­ser, weil kon­zen­trier­ter und span­nen­der. Die Grau­sam­keit der Bela­ge­rung von Fama­gusta auf Zypern durch die Tür­ken (und auch die Schlacht von Lepan­to) wird dann durch­aus fes­selnd geschil­dert. Aber ein Pro­blem bleibt: Die Figu­ren wir­ken alle wie am Reiß­brett ent­wor­fen: ein­di­men­sio­nal, flach und leb­los. Und des­halb bleibt Altai dann ein zwar flott les­ba­rer, aber eher lang­wei­li­ger Roman. Fort­set­zun­gen von Erfolgs­bü­chern sind eben nicht ein­fach …

Sei­ne ver­gan­ge­nen Leben ver­blas­sen, er weiß nicht, was ihn noch erwar­tet, und die Gegen­wart zeigt sich nur in ver­schwom­me­nen Umris­sen. Des­halb nimmt er alles mit, was er im Lau­fe der Jah­re auf­ge­schrie­ben hat.
Aber das genügt nicht.
Er steckt eine Spie­gel­scher­be ein. Er will sicher­ge­hen, dass er sich am Ende der Rei­se wie­der­er­kennt. (90)

Jean Genet: Que­rel­le. Rein­bek: Rowohlt 1974 [1955]. 221 Sei­ten. ISBN 3499116847.

Der Gang der Ereig­nis­se in die­sem Buch muß sich beschleu­ni­gen. Es wäre wich­tig, der Erzäh­lung das Flei­sch so abzu­lö­sen, daß allein ihr Kno­chen­ge­rüst übrig­blie­be. Indes­sen, die blo­ße Wie­der­ga­be der Tat­sa­chen kann nicht genü­gen. Hier eini­ge Erklä­run­gen: Wer dar­über erstaunt ist (wir sagen lie­ber erstaunt als erregt oder ent­rüs­tet, um deut­li­cher zu zei­gen, daß die­ser Roman demons­tra­tiv sein will), daß Que­rel­le bei Gils Ver­haf­tung, die er den Abend zuvor ver­an­laßt hat­te, Schmerz emp­fand, der möge den Ablauf sei­ner Aben­teu­er über­bli­cken. Er tötet, um zu rau­ben. Wenn der Mord voll­bracht ist, ist der Dieb­stahl zwar nicht gerecht­fer­tigt – eher möch­te man die Mei­nung wagen, daß der Mord durch den Dieb­stahl gerecht­fer­tigt sein könn­te -, aber er ist gehei­ligt. Offen­bar ließ der Zufall Que­rel­le die mora­li­sche Kraft des Dieb­stahls, der vom Mord gekrönt und zunich­te gemacht wird, erfah­ren. (192)

genet, querelle (cover)Der Que­rel­le – benannt nach sei­nem (Anti-)Helden – von Jean Genet ist ein soge­nann­ter „berühmt-berüch­tig­ter“ Text (Was wohl auch heißt, dass er heu­te zwar ger­ne mal anzi­tiert, aber wohl sel­te­ner gele­sen wird). Er beglei­tet den Matro­sen und Mör­der Que­rel­le, einen viel­fa­chen Außen­sei­ter (Bise­xu­el­ler, Dieb, Seri­en­mör­der, Matro­se …), des­sen Leben und Lie­ben außer­halb der Gesell­schaft und der Kom­mu­ni­ka­ti­on und der gesell­schaft­li­ch akzep­tie­ren Form der Lie­be immer wie­der gezeigt wird. Und zwar in aller Schwär­ze und Ver­zweif­lung gezeigt und beschrie­ben, aber auch in allen Ver­äs­te­lun­gen und Ver­ir­run­gen. Das ist ein aus­ge­spro­chen gran­dio­ser Text, der auch heu­te noch mit sei­ner Genau­ig­keit und sei­ner Dras­tik glei­cher­ma­ßen auf­rüt­teln kann. Wie der direkt nach dem Zwei­ten Welt­krieg – das fran­zö­si­sche Ori­gi­nal erschien schon 1947 – gewirkt haben muss, kann man sich kaum mehr vor­stel­len. Die unbarm­her­zi­ge Dar­stel­lung der phy­si­schen und emo­tio­na­len Gewalt, die Gemenge­la­ge aus Lie­be, Begeh­ren, Hass, Ver­rat und Gewalt „erzählt“ Genet mit einer unge­heu­ren Detail­ge­nau­ig­keit gera­de im psy­cho­lo­gi­schen: Das ist immer wie­der fas­zi­nie­rend.
Aber es ist nicht nur the­ma­ti­sch, son­dern auch for­mal durch­aus inter­es­sant, weil Genet alles ande­re als tra­di­tio­nell erzählt: mit der Inkor­po­ra­ti­on des Tage­buchs des Leu­ten­ant Sel­bon schafft Genet zum Bei­spiel eine Außen­per­spek­ti­ve aus unmit­tel­ba­rer Nähe auf Que­rel­le, die sein eigent­li­cher Erzäh­ler nicht her­gibt. Dazu gehört aber auch die etwas durch­ein­an­der­ge­würf­tel­te Chro­no­lo­gie, die har­ten Schnit­ten und Mon­ta­gen des Tex­tes. Und – auch etwas, was ich ger­ne lese – ein Erzäh­ler, der sich selbst the­ma­ti­siert. Mir scheint, die nimmt im Lauf des Tex­tes deut­li­ch zu: Es scheint dem Erzäh­ler zuneh­mend wich­ti­ger zu wer­den, sich selbst und sein Tun – also das Erzäh­len die­ses „selt­sa­men“ Stof­fes – zu recht­fer­ti­gen und zu erklä­ren.

Indem wir die psy­cho­lo­gi­sche Bewe­gung unse­rer Hel­den beschrei­ben, wol­len wir unse­re See­le zuta­ge för­dern. Die­ses frei­mü­ti­ge Bekennt­nis der Hal­tung, die wir wäh­len wür­den – viel­leicht ange­sichts oder viel­mehr in Vor­aus­sicht eines ersehn­ten Endes -, führt uns zur Ent­de­ckung jener gege­be­nen Welt der Psy­cho­lo­gie, auf die sich die Frei­heit der Wahl stützt, aber wenn es im Inter­es­se der Hand­li­ch erfor­der­li­ch ist, daß einer der Hel­den eine Ent­schei­dung trifft und über­legt, sind wir plötz­li­ch der Will­kür preis­ge­ge­ben: Das Geschöpf löst sich von sei­nem Autor. Es son­dert sich ab. Wir müß­ten also zuge­ben, daß einer der Fak­to­ren, aus denen sich unser Held zusam­men­setzt, nach­träg­li­ch vom Autor ent­deckt wer­den wird. (201)

Cle­mens J. Setz: Indi­go. Ber­lin: Suhr­kamp 2013. 479 Sei­ten. ISBN 978–3-518–46477-9.

Die Gedan­ken lau­fen in merk­wür­di­gen Bah­nen. Dadurch ensteht sehr viel Kunst. Ja, auch sub­ver­si­ve, natür­li­ch. (403)

clemens j. setz, indigo (cover)Gele­sen habe ich das vor allem, weil Indi­go als eine Art Exemp­lum für eine Buch­ge­stal­tung gilt, die die inhalt­li­chen und for­ma­len Aspek­te des Tex­tes sehr gen­au auf­nimmt. Oder umge­kehrt: Weil der Text gestal­te­ri­sche Ele­men­te – Schrift­ar­ten zum Bei­spiel, auch (Pseudo-)Zitate und hand­schrift­li­che Fak­si­mi­les – zum Teil sei­ner selbst macht, also eine sol­che buch­ge­stal­te­ri­sche Arbeit (die sich bis zum Umschlag erstreckt) gera­de­zu vor­aus­setzt. Judith Schalansky hat das sehr schön umge­setzt. Indi­go erzählt von einer Art Krank­heit oder Gen­de­fekt, der dazu führt, dass Kin­der ihre Umge­bung krank machen – so krank, dass Nähe nicht mög­li­ch ist. Er tut das eben auf sehr ver­schie­de­ne Wei­se: Als Bericht, als Samm­lung von Medi­en­be­rich­ten, Augen­zeu­gen etc., von his­to­ri­schen Berich­ten ähn­li­cher Phä­no­me­ne in ver­schie­de­nen Map­pen. Das wird im Buch (das trotz der diver­gen­ten Mate­ria­li­en, die es schein­bar (!) inkor­po­riert, aber doch ein Buch bleibt, das in einem klas­si­schen Buch­blo­ck gedruckt und gebun­den ist (anders als etwa in Doug Dorsts S.) dann geschickt und viel­fäl­tig kom­bi­niert. Hand­werk­li­ch ist das, auch erzähl­tech­ni­sch, durch­aus inter­es­sant. Mir ist nur nicht ganz klar gewor­den, was Setz hier eigent­li­ch erzäh­len will …

Wie schön das aus­sah, wenn Papier ver­brann­te. Man soll­te jeden Tag etwas ver­bren­nen, so wie man sich jeden Tag die Zäh­ne putzt. (473)

Micha­el Ange­le: Der letz­te Zei­tungs­le­ser. Ber­lin: Galia­ni 2016. ebook. ISBN 978–3-86971–128-7.

angele, zeitungsleser (cover)Nun ja, das ist doch arg mager: Der letz­te Zei­tungs­le­ser ist eine Ver­klä­rung von Zei­tungs­le­sern wie Tho­mas Bern­hard (der taucht immer wie­der auf) oder Claus Pey­mann, die täg­li­ch reich­hal­ti­ges Zei­tungs­menu zu sich neh­men und dar­aus viel und wesent­li­ches schöp­fen. Mit der Rea­li­tät scheint mir das nur sehr aus­zugs­wei­se über­ein­zu­stim­men: Ja, sol­che empha­ti­schen Zei­tungs­lek­tü­ren gab und gibt es. Aber sie sind Aus­nah­men. Die Wirk­lich­keit der Mas­se – und die braucht die Zei­tung als sol­che ja gera­de! – ist schon immer viel, viel pro­sai­scher und lang­wei­li­ger, aber auch weni­ger kul­tur- und staats­tra­gend (frei­li­ch, sowohl Bou­le­vard­zei­tungs­le­ser als sol­che als auch Poli­tik kom­men bein Ange­le nicht wirk­li­ch vor).
Schön zeigt sich sei­ne Ver­klä­rung des „tra­di­tio­nel­len“ Zei­tungs­le­sens bei sei­ner Gegen­über­stel­lung von Kos­mo­po­li­tis­mus und Glo­ba­li­sie­rung: Ers­te­res ist Zei­tungs­le­sen – weil ein Zei­tungs­le­ser (bei Ange­le geht es eh‘ nur um Män­ner) Zei­tun­gen aus aller Welt, am bes­ten im Café oder Kaf­fee­haus, liest. Schon das ist mei­nes Erach­tens eine maß­lo­se Über­trei­bung und Über­schät­zung – weil ja auch so vie­le Zei­tun­gen aus aller Welt lesen/lasen … Letz­te­res, also Glo­ba­li­sie­rung, ist angeb­li­ch digi­ta­les Infor­mie­ren. Denn dann wird angeb­li­ch noch Spie­gel online über­all auf der Welt gele­sen. Unter­schlägt das aber nicht voll­kom­men die Viel­zahl der (genutz­ten!) Mög­lich­kei­ten der Lek­tü­ren, die das Inter­net erst ermög­licht: Gut, oft mögen das (wie bei mir z.B.) nur zwei Spra­chen, etwa Deut­sch und Eng­li­sch, sein. Aber ohne Inter­net wür­de ich von eng­lisch­spra­chi­gen Publi­ka­tio­nen aus UK und USA ziem­li­ch sicher gen­au nichts wahr­neh­men. Gut, Ange­le wür­de jetzt ein­wen­den: Das ist kei­ne Zei­tungs­lek­tü­re, weil die Bün­de­lung etc. fehlt, die das inter­es­se­lo­se Lesen (das er offen­bar sehr schätzt), das aller­dings eher ein flüch­ti­ges Anschau­en und Durch­blät­tern ist, und die damit ein­her­ge­hen­den Ent­de­ckun­gen von Sku­ri­li­tä­ten und Kurio­sa ermög­licht. Dafür gibt es im Netz eben ande­re Zufalls­mo­men­te, ande­re Seren­di­pi­tä­ten, um die­sen schö­nen Aus­druck zu ver­wen­den …
Mir stellt sich Ange­les Essay des­halb eher als ein Abge­sang auf eine gute, alte Zeit dar, die nie so gut war, wie er sie ver­klä­rend dar­stellt. Das hat wahr­schein­li­ch einen genauso gro­ßen (kul­tur­so­zio­lo­gi­schen) Wert wie Ador­nos Typo­lo­gie der Musik­hö­rer …

außerdem gelesen:

  • Ger­ty Spies: Des Unschul­di­gen Schuld. Eine Aus­wahl aus dem Werk. Mainz: Lan­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung 2016. 52 Sei­ten. ISBN 9783892890379.
  • Micha Brum­lik: Wann, wenn nicht jetzt? Ver­su­ch über die Gegen­wart des Juden­tums. 2. Auf­la­ge. Ber­lin: Neofe­lis 2016 (Rela­tio­nen – Essays zur Gegen­wart 3). 130 Sei­ten. ISBN 978–3-95808–032-4.
  • Oswald Egger: Was nicht gesagt ist. Göt­tin­gen: Wall­stein 2016 (Ber­li­ner Rede zur Poe­sie 1). 42 Sei­ten. ISBN 9783835319820.
  • Didier Eri­bon: Rück­kehr nach Reims. Ber­lin: Suhr­kamp 2016. ebook. ISBN 978–3-518–74439-0.
  • Jan Vol­ker Röh­nert, Romi­na Niko­lić (Hrsg.): Dem Meis­ter des lan­gen Atems. Pau­lus Böh­mer zu Ehren. Frank­furt am Main: Edi­ti­on Faust 2016. 211 Sei­ten. ISBN 978–3-945400–36-4.
  • Klaus Hof­fer: Bei den Bie­re­sch. Halb­wegs / Der gro­ße Pot­latsch. 2. Auf­la­ge. Wien, Graz: Dro­schl 2007. 272 Sei­ten. ISBN 978–3-85420–718-4. (drit­te Lek­tü­re – immer noch groß­ar­tig …)
  • Edit #69 (wun­der­ba­re Aus­ga­be, mit sehr guten Tex­ten von u. a. Ann Cot­ten, Ger­hard Falk­ner und Ulri­ke Almut San­dig
  • Poet #21
  • Rand­num­mer #6

Die Weimarer Literatur als Zeitschrift

Jörg Mielczarek

Ein inter­es­san­tes Unter­neh­men star­tet Jörg Mie­lc­zarek gera­de: Die Lite­ra­tur der Wei­ma­rer Repu­blik als Zeit­schrift. Fünf. Zwei. Vier. Neun. Zeit­schrift für Gesell­schaft, Kul­tur und Lite­ra­tur in den 5.249 Tagen der Wei­ma­rer Repu­blik soll die hei­ßen und führt damit die Dau­er der Wei­ma­rer Repu­blik im Titel (ich hab’s nicht nach­ge­rech­net …). Mie­lc­zarek hat dafür auf Start­next eine Crowd­fun­ding-Kam­pa­gne gestar­tet, in der das Pro­jekt der monat­li­ch erschei­nen­den Zeit­schrift mit beglei­ten­der Buch­rei­he natür­li­ch auch aus­führ­li­ch vor­ge­stellt wird. Star­ten soll das gan­ze pas­send am 9. Novem­ber.

Die Vor­stel­lung liest sich ein biss­chen wie „Buch als Maga­zin“ meets Lite­ra­tur­zeit­schrift meets lite­ra­tur­his­to­ri­sche Arbeit: 

Die Wei­ma­rer Repu­blik ist nicht nur aus his­to­ri­scher Sicht eine der bedeu­tends­ten Epo­chen der deut­schen Geschich­te. Es war auch die Zeit gro­ßer Schrift­stel­ler und gro­ßer Lite­ra­tur. Die Ereig­nis­se zwi­schen 1918 und 1933 – Ende des 1. Welt­krie­ges, Ver­sail­ler Ver­trag, Welt­wirt­schafts­kri­se, Auf­stieg des Natio­nal­so­zia­lis­mus – bil­den dabei den Hin­ter­grund für außer­ge­wöhn­li­che Roma­ne, her­aus­ra­gen­de Erzäh­lun­gen und für Thea­ter­stü­cke, die für Furo­re sorg­ten. Welt­be­kann­te Auto­ren wie Tho­mas und Hein­rich Mann, Hans Fal­la­da, Ber­tolt Brecht, Her­mann Hes­se oder Franz Kaf­ka sind untrenn­bar mit die­ser Epo­che ver­bun­den. Aber auch weni­ger bekann­te Lite­ra­ten wie zum Bei­spiel Marie­lui­se Fleißer, Leon­hard Frank, Irm­gard Keun oder Edlef Köp­pen, deren Wer­ke heu­te oft ver­grif­fen sind, haben die beson­de­re Atmo­sphä­re die­ser Zeit in ihren Stü­cken, Roma­nen und Gedich­ten ein­ge­fan­gen und zu Papier gebracht. Es ist daher an der Zeit, dass die Lite­ra­tur der Wei­ma­rer Repu­blik end­li­ch ein ange­mes­se­nes Forum bekommt.

Die­ses Forum soll die monat­li­ch erschei­nen­de Zeit­schrift „Fünf. Zwei. Vier. Neun.“ sein, eine Zeit­schrift für Gesell­schaft, Kul­tur und Lite­ra­tur in den 5.249 Tagen der Wei­ma­rer Repu­blik. Jede Aus­ga­be wid­met sich dabei einem Schwer­punkt­the­ma. Bei der Null­num­mer wird dies die Welt­wirt­schafts­kri­se sein, und nicht von unge­fähr ist Hans Fal­la­das Roman „Klei­ner Mann, was nun?“ die Titel­ge­schich­te die­ser Aus­ga­be. Kein ande­rer Roman macht die Angst und die Ver­un­si­che­rung der Ange­stell­ten und Arbei­ter zu die­ser Zeit so spür­bar wie die­ses Meis­ter­werk. Auf cir­ca 100 Sei­ten wer­den zusätz­li­ch wei­te­re Stü­cke, Repor­ta­gen, Erzäh­lun­gen und Gedich­te zu die­sem Schwer­punkt­the­ma ver­öf­fent­licht – die­se wer­den zudem durch den ori­gi­nal­ge­treu­en Abdruck von Zei­tungs­ar­ti­keln aus die­ser Zeit in einen his­to­ri­schen Kon­text gebracht. Herz­stück der Null­num­mer ist das kom­plet­te Thea­ter­stück „Die Berg­bahn“ von Ödön von Hor­váth in der Mit­te des Hef­tes, das sepa­rat her­aus­t­renn­bar ist. Ein sol­ches „Heft im Heft“ mit einem kom­plet­ten Ori­gi­nal­text wird jede Aus­ga­be haben.

Fünf. Zwei. Vier. Neun.“ ist aber mehr als nur eine Zeit­schrift. Zu jeder Aus­ga­be erscheint daher ein Taschen­buch mit wei­te­ren Tex­ten zum Schwer­punkt­the­ma des Monats. Der Fokus liegt dabei auf Erzäh­lun­gen und Wer­ken von Auto­ren, die heu­te lei­der kaum jemand mehr kennt. Eine ech­te Fund­gru­be für Lite­ra­tur­lieb­ha­ber, in der es viel Neu­es zu ent­de­cken gibt!

Wenn ich ehr­li­ch bin: Ich bin etwas skep­ti­sch, ob das wirk­li­ch – und über meh­re­re Num­mern, dau­er­haft und dann auch noch jeden Monat – funk­tio­nie­ren wird. Aber das war ich bei ande­ren Zeit­schrif­ten, gera­de beim „Buch als Maga­zin“, auch – und wur­de des Gegen­teils belehrt … Das darf hier ger­ne auch pas­sie­ren, der Gegen­stand und das Enga­ge­ment von Mie­lc­zarek, der sich schon län­ger mit der Lite­ra­tur der Wei­ma­rer Repu­blik beschäf­tigt, wären es auf jeden Fall wert.

Also: Span­nend und inter­es­sant ist das sicher und auch eine klei­ne finan­zi­el­le Unter­stüt­zung wert (zumal das beim Crowd­fun­ding ja kei­ne Spen­de ist, man bekommt ja eini­ges dafür). Ich bin jeden­falls gespannt, was dar­aus wird – die Zwi­schen­kriegs­zeit bie­tet ja eine sehr reich­hal­ti­ge und reich dif­fe­ren­zier­te Lite­ra­tur, die heu­te kaum noch in ihrer Brei­te und Tie­fe bekannt ist. Wenn Fünf. Zwei. Vier. Neun. dar­an etwas ändern kann, wäre ja schon viel erreicht … Und wenn noch eine inter­es­san­te, lesens­wer­te Zeit­schrift bei her­aus­kommt, die unse­re Gegen­wart berei­chert – umso bes­ser!

Ulrich Peltzer bekommt noch einen Literaturpreis

Ulrich Pelt­zer war ges­tern mal wie­der in Mainz – weil er den Ger­ty-Spies-Lite­ra­tur­preis der Lan­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung bekom­men hat. Die Preis­ver­lei­hung im Foy­er des SWR-Funk­hau­ses hat­te sogar inter­es­san­te Momen­te im vie­len Gere­de. Das liegt natür­li­ch an Pelt­zer, der mit sei­ner klu­gen, manch­mal zöger­li­chen Nach­denk­lich­keit immer wie­der eine inter­es­san­te und berei­chern­de Begeg­nung ist. Viel los war eigent­li­ch nicht: Wenn man die gan­zen Hono­ra­tio­ren und „Pflicht­be­su­cher“ abzieht, waren viel­leicht noch 10–20 ande­re (vor­wie­gend älte­re) Besu­cher übrig, die sich in der groß­zü­gi­gen Bestuh­lung etwas ver­lo­ren. Aber das ist ja eigent­li­ch immer so bei sol­chen Ver­an­stal­tun­gen, selbst beim Georg-Büch­ner-Preis blei­ben vie­le Sit­ze leer …

Und eigent­li­ch war der Abend ganz nett, mit ange­neh­mer musi­ka­li­scher Umrah­mung der Brü­der Nils und Nik­las Lie­pe (Kla­vier und Vio­li­ne), die mit dem Preis­trä­ger aller­dings eher nichts zu tun hat­te (wenn man sei­ne Bücher als Maß­stab nimmt, hät­te da ande­re Musik – am bes­ten von Vinyl – gespielt wer­den müs­sen …). Und die Reden und Gruß­wor­te schie­nen sogar ehr­li­ch gemein­te Freu­de und über den dies­jäh­ri­gen Preis­trä­ger aus­zu­drü­cken.

Die Lau­da­tio der Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin Mei­ke Feß­mann hat mich nicht so sehr begeis­tert: Da ging es dann doch wie­der vor allem um Hand­lungs­strän­ge, Moti­ve und Sujets – also in ers­ter Linie um inhalt­li­che Fra­gen. Und über­haupt mag ich die super­la­ti­ve Lob­hu­de­lei (der „avan­cier­tes­te“ Erzäh­ler, die „legen­dä­re Ein­gangs­sze­ne“ und so wei­ter), die so man­che Lau­da­tio mit sich bringt, nicht so sehr. Zumal ein Autor wie Pelt­zer die eigent­li­ch gar nicht nötig hat. Natür­li­ch wird – das geht bei Pelt­zer offen­bar nicht anders – immer wie­der sei­ne „for­ma­le Avan­ciert­heit“, sein auf den „Metho­den und Errun­gen­schaf­ten des 20. Jahr­hun­derts“ auf­bau­en­des Erzäh­len, sei­ne „meis­ter­haf­te Beherr­schung der erleb­ten Rede“ und des fil­mi­schen Erzäh­len, beschwo­ren. Aber das sind oft lei­der nur Stich­wor­te, die halt inzwi­schen (nach immer­hin sechs Roma­nen in 30 Jah­ren – ein Viel­schrei­ber ist er ja über­haupt nicht) zu Pelt­zer gehö­ren. Inter­es­sant ist ja eher, dass Ulrich Pelt­zer hier­zu­lan­de fast als Spit­ze der lite­ra­ri­schen Avant­gar­de zählt. Denn so sehr ich ihn schät­ze: For­mal und nar­ra­to­lo­gi­sch ist das jetzt nicht so wahn­sin­nig avan­ciert – das scheint nur im Ver­gleich so, weil ein Groß­teil der deut­schen erzäh­len­den Lite­ra­tur (auch derer, die von den Kri­ti­kern und Jurys geprie­sen wird) in die­ser Hin­sicht halt immer noch im 19. Jahr­hun­dert steckt. Und bezeich­nend ist auch, dass schon der Ulys­ses von James Joy­ce als (nahe­zu) unles­ba­res moder­nes Kunst­werk gilt, des­sen Fin­ne­gans Wake aber nicht mal mehr erwähnt wird …

Doch das nur neben­bei. Eigent­li­ch ging es ja um Ulrich Pelt­zer – und der beruft sich eben unter ande­rem immer wie­der auf den Ulys­ses. Das tat er auch ges­tern in sei­ner knap­pen Dan­kes­re­de wie­der und stell­te ihn neben Ray­mond Feder­man und des­sen Die Nacht zum 21. Jahr­hun­dert oder aus dem Leben eines alten Man­nes. Der Ger­ty-Spies-Lite­ra­tur­preis ist ja eine Aus­zeich­nung, die aus­drück­li­ch die gesell­schaft­li­che Rol­le von Lite­ra­tur her­vor­hebt und wür­di­gend för­dern möch­te. Das passt durch­aus zu Pelt­zers Ästhe­tik, die, das beton­te er auch ges­tern ger­ne wie­der, wie alle Ästhe­tik über­haupt immer auch eine poli­ti­sche ist. Vor allem aber räson­nier­te er über sich und sein Tun – das beschreibt sei­ne Tätig­keit viel­leicht am bes­ten. Deut­li­ch wur­de das auch in der abschlie­ßen­den Gesprächs­run­de, die recht ergeb­nis­arm und kul­tur­pes­si­mis­ti­sch blieb (ja, „damals“, als „alle“ das glei­che Buch lasen und dar­über spra­chen …).

Ergie­bi­ger das Solo von Pelt­zer, dass sei­nen Stand­punkt und sei­ne Poe­tik zwar nicht – das wäre ja auch selt­sam … – ganz neu erschloss, aber schon ande­re Schwer­punk­te setz­te. Bei Pelt­zer habe ich stär­ker als bei ande­ren Auto­ren den Ein­druck, dass er in einem per­ma­nen­ten, unab­ge­schlos­se­nen (und wohl auch nicht zu Ende zu brin­gen­den) Rin­gen um die Posi­ti­on sei­ner Ästhe­tik und ihr Ver­hält­nis zur Welt steht. Ihm ging es aus­drück­li­ch um den Zusam­men­hang von Geschich­te und Schrei­ben und die Rol­le des Autors als mög­li­cher Für­spre­cher, sei­nen Ein­fluss auf die Gesell­schaft. Die Fra­ge, was denn Geschich­te sei, wie das Indi­vi­du­um in der Geschich­te mög­li­ch sei, hängt für Pelt­zer dabei eng zusam­men mit der Fra­ge nach der Mög­lich­keit der Lite­ra­tur, Wirk­lich­keit zu erzäh­len. Wie geht das über­haupt, „Wirk­lich­keit erzäh­len“? Damit beschäf­tigt er sich ja schon län­ger, auch bei der Main­zer Poe­tik­do­zen­tur sprach er dar­über … Und: Soll Lite­ra­tur das über­haupt? Soll sie Gegen­wart zei­gen und bewei­sen?

Wie geht das also, das Schrei­ben mit Geschich­te, mit der Unaus­weich­lich­keit, mit der wir – und alle Roman­fi­gu­ren – in der Geschich­te ver­haf­tet blei­ben? „Der Geschich­te, zumal der Welt­ge­schich­te, aus­zu­wei­chen ist unmög­li­ch.“ Er geht sogar noch wei­ter: Gefan­gen in der Geschich­te sind wir alle, ob „real“ oder „fik­tio­nal“ (und wie­der dien­te der Ulys­ses als Bei­spiel). Geschich­te heißt dabei nicht nur (aber auch) das Ver­gan­ge­ne, son­dern auch das Gegen­wär­ti­ge vor allem des poli­ti­schen Gesche­hen und Han­delns, das die Men­schen beein­flusst und unent­wegt beglei­tet.

Das lite­ra­ri­sche Schrei­ben beschreibt Pelt­zer dann als einen Beschrei­bungs- und Erkennt­nis­pro­zess. Denn: „Sich zur Gegen­wart ver­hal­ten, sich ver­hal­ten zu müs­sen, ist unhin­ter­geh­ba­re Bedin­gung des Schrei­bens.“ Aber: Nicht als Ermah­nung, nicht als pre­di­gen­de Bes­ser­wis­se­rei des Autors soll das gesche­hen. Son­dern es soll und muss sich im Hori­zont der Figu­ren mani­fes­tie­ren, in ihrem Wis­sen, ihren Erkennt­nis­mög­lich­kei­ten und ihren Erleb­nis­sen: Der Autor (und vor allem sein Wis­sen, sein Erkennt­nis­stand gera­de aus spä­te­rer Zeit, mit dem Wis­sen der geschicht­li­chen Ent­wick­lung) sei nicht gefragt (son­st ent­stün­de eine Pre­digt und kein Roman). Spä­ter prä­zi­sier­te er das noch: Auf­ga­be der Lite­ra­tur sei es nicht, Poli­tik und Geschich­te nach­zu­er­zäh­len. Geschich­te ist aber der immer prä­sen­te Rah­men, der die Roman­hand­lung beein­flusst.

Ob dann Zufall oder Not­wen­dig­keit in der Rea­li­tät wal­ten, ob plan­ba­re Hand­lun­gen oder Reak­tio­nen poli­ti­sches Gesche­hen und Geschich­te ermög­li­chen, ist eine wei­te­re Fra­ge, die er sich als Autor stellt. Aus der Sicht des Indi­vi­du­ums lässt sich das für Pelt­zer wohl nicht ent­schei­den, denn letzt­li­ch, das beton­te er sehr, ist „Geschich­te der Alb­traum eines ande­ren, aus dem es kei­nen Aus­gang gibt“. Davon aus­ge­hend ist lite­ra­ri­scher Rea­lis­mus für ihn dann aber nicht das sich Erge­ben des Autors in die Unab­ding­bar­keit (wenn ich ihn da rich­tig ver­stan­den habe). Im Gegen­teil: Der Wider­stand der Kunst liegt mög­li­cher­wei­se (wie so vie­les for­mu­lier­te Pelt­zer das als Fra­ge) dar­in, nicht auf­zu­ge­ben, son­dern wei­ter­zu­ma­chen: „Die Zukunft wird das sein, was wir uns erkämp­fen. Man muss damit anfan­ge – heu­te, jetzt. Son­st ist es zu spät.“ schloss Pelt­zer sein Plä­doy­er für die Ernst­haf­tig­keit und die Anstren­gung der Kunst im Umgang mit der Welt und der Gegen­wart ab. Dass es ihm bei all dem nicht pri­mär um Ant­wor­ten, son­dern vor allem um die rich­ti­gen Fra­gen an die so schnell Geschich­te wer­den­de Gegen­wart geht, wur­de auch an die­sem Abend wie­der deut­li­ch. Und die­se Art der ana­ly­ti­schen Schär­fe der Gegen­warts­be­trach­tung, die eine sehr spe­zi­fi­sche Art der Offen­heit gegen­über der Gegen­wart, ihrer Erkennt­nis und den Fol­gen dar­aus (also dem Han­deln und der Zukunft) mit sich bringt, sind es, die Pelt­zer in mei­nen Augen als Autor so inter­es­sant machen.

Nach­trag 19. Okto­ber: Im Ver­lags­blog Hun­dert­vier­zehn des Fischer-Ver­la­ges ist die Dan­kes­re­de Pelt­zers jetzt auch nach­zu­le­sen: kli­ck.

Aus-Lese #48

Thomas Brussig: Wasserfarben. Berlin: Aufbau Digital 2016. 183 Seiten. ISBN 978-3-8412-1084-5.

brussig, wasserfarben (cover)Wasserfarben ist der erste Roman von Brussig, 1991 unter einem Pseudonym erschienen und jetzt als E-Book veröffentlicht, deshalb ist er sozusagen bei mir gelandet. Es wird erzählt von einem Abiturient in Ost-Berlin am Übergangspunkt zwischen noch Schule und bald Leben. Es soll also ganz offensichtlich ein coming-of-age-Roman sein. Das ist es aber nicht so recht - weil der "Held" sich wenig bis gar nicht entwickelt und erst am Ende von seinem älteren Bruder erklärt bekommt, wie man erwachsen wird ... Der Text ist vielleicht typisch Brussig: gewollt rotzig und trotzig. Und dieses bemühte Wollen merkt man dem Text leider immer wieder an - nicht an allen Stellen, aber doch häufig. Genau wie er bemüht "frech" sein will ist er auch etwas bemüht witzig. Vor allem aber fehlt mir die eigentliche Motivation des Erzählers, warum er so ist, wie er ist. Das wird einfach nicht klar.

Wasserfarben ist dabei sowieso von einem eher lahmen Witz und hinkendem Esprit gekennzeichnet. Das passt insofern, als auch die beschriebene DDR-Jugend in den 80ern so halb aufsässig ist: nicht ganz angepasst, aber auch kein Hang zur Totalverweigerung oder wenigstens "ordentlicher" Opposition. Das, der Held und seine Freunde und Bekannte, denen er im Lauf der Erzählung begegnet, zeigen dafür sehr schön den Druck, den das System aufbauen und ausüben konnte, vor allem in der Schule, aber auch im Privatleben, wo Arnold, der Protagonist und Erzähler (der den Leser schön brav siezt und auch sonst so seine extrem angepassten Momente hat), durchaus aneckt - vor allem wohl aus einem unspezifischen Freiheitsdrang, weniger aus grundsätzlicher Opposition. Das Buch hat durchaus einige nette Momente, die auch mal zum Schmunzeln anregen können, erschien mir auf die Dauer aber etwas fad - so wie die Jugend und die DDR selbst vielleicht. Nicht umsonst beschreiben die sich als "wasserfarben" im Sinne von: diese Jugend hat die Farbe von Wasser, ist also ziemlich blass, durchscheinend, aber auch vielfältig.

Alke Stachler: Dünner Ort. Mit fotografischen Illustrationen von Sarah Oswald. Salzburg: edition mosaik 2016 (edition mosaik 1.2). 64 Seiten. ISBN 9783200044548.

Meinen Eindruck dieses feinen Büchleins, dass es mir nach anfänglicher Distanz doch ziemlich angetan hat, habe ich an einem anderen Ort aufgeschrieben: klick.

John Corbett/span>: A Listener's Guide to Free Improvisation. Chicago, London: The University of Chicago Press 2016. 172 Seiten. ISBN 978-0-226-35380-7.

Diese gelungene Einführung in die frei improvisierte Musik für interessierte Hörer und Hörerinnen habe ich auch schon in einem Extra-Beitrag gelobt: klick.

Nora Gomringer: ach du je. Luzern: Der gesunde Menschenversand 2015 (edition spoken script/Sprechtexte 16).153 Seiten. ISBN 9783038530138.

gomringer, ach du je (cover)Dieser Band versammelt Sprechtexte Gomringers. Die zielen auf die Stimme und ihre körperliche Materialität, sie setzen sie voraus, sie machen sie zu einem Teil des Textes selbst - oder, wie es im Nachwort heißt: "Die Niederschrift ist für sie ein Behelf, um das lyrische schlechthin zur Erfüllung zu bringen." (144). Das ist gewissermaßen Vorteil und Problem zugleich. Dass man den Texten ihre Stimme sozusagen immer anmerkt, ist konsequent. Und sie passen damit natürlich sehr gut in die "edition spoken script". Ich - und das ist eben eine rein subjektive Position - mag das allerdings oft nicht so gerne, zu sprechende/gesprochene Texte lesen - da fehlt einfach wesentliche Dimension beim "bloßen" Lesen. Und was übrig bleibt, funktioniert nicht immer, nicht unbedingt so richtig gut. Das soll aber auch gar keine Rüge sein und keinen Mangel anzeigen: Sprechtexte, die als solche konzipiert und geschrieben wurden, sind eben mit bzw. in der Stimme gedacht. Ist ja logisch. Wenn die nun im gedruckten Text wegfällt, fehlt eine Dimension des Textes, die sich imaginativ für mich nicht immer reibungs-/nahtlos ersetzen lässt. Ich denke durchaus, dass mindeste ein Teil der Texte gut sind. Gefallen hat mir zum Beispiel das wiederholte Ausprobieren und Bedenken, was Sprache vermag und in welcher Form: was sich also (wie) sagen lässt. Anderes dagegen schien mir doch recht banal. Und manchmal auch etwas laut und etwas „in your face“, eine Spur zu aufdringlich und über-direkt. Insgesamt hinterlässt der Band damit bei mir einen sehr divergenten, uneinheitlichen Eindruck.

Modern

Einen Baum pflanzen
Auf ihm ein Haus bauen
Da rein ein Kind setzen
Das Kind zweisprachig
Anschreien (116)

Urs Leimgruber/Jacques Demierre/Barre Phillips: Listening. Carnet de Route - LDP 2015. Nantes: Lenka Lente 2016. 269 Seiten. ISBN 9791094601051.

Listening ist das Tourtagebuch des Improvisationstrios LDP, also des Saxophonisten Urs Leimgruber, des Pianisten Jacques Demierre und des Bassisten Barre Phillips. Ursprünglich haben die drei das als Blog geschrieben und auch veröffentlicht. Drei Musiker also, die in drei Sprachen schreiben - was dazu führt, dass ich es nicht ganz gelesen habe, mein Französisch ist doch etwas arg eingerostet. Das geht mal ein paar Sätze, so manches habe ich dann aber doch übersprungen. Und die ganz unterschiedliche Sichtweisen und Stile beim Erzählen des Tourens haben. Da geht es natürlich auch um den Touralltag, das Reisen spielt eine große Rolle. Wichtiger aber noch sind die Veranstalter, die Organisation und vor allem die Orte und Räume, in den sich die Musik des Trios entwickeln kann. Und immer wieder wird die Mühe des Ganzen deutlich: Stunden- bis tagelang fahren, unterwegs sein für ein bis zwei Stunden Musik. Und doch ist es das wert, sowohl den Produzenten als auch den Rezipienten der freien Musik.

The performing musician’s handicap is that each concert is the last one ever. It’s never going to get any better than it is today. The concert is ‚do or die‘ time. This moment is your truth and the groups truth. (65)

Die Räume, Publika und auch die bespielten Instrumente werden immer wieder beschrieben und bewerten. Demierre führt zum Beispiel genau Buch, welche Klaviere und Flügel er bespielt, bis hin zur Seriennummer der Instrumente. Und da ist vom Steinway-Konzertflügel der D-Reihe bis zum abgewrackten "upright" alles dabei ... Leimgruber interessiert sich mehr für die Städte und Organisationszusammenhänge, in denen die Konzerte stattfinden. Und natürlich immer wieder die Musik: Wie sie entsteht und was dabei herauskommt, wenn man in vertrauter Besetzung Tag für Tag woanders neu und immer wieder frei improvisiert. Und wie die Reaktionen sind. Da finden sich, im Text des Tourtagebuch verteilt, immer wieder interessante Reflexionen des Improvisierens und Selbstpositionierungen, die ja bei solcher, in gewisser Weise marginaler, Musik immer auch Selbstvergewisserungen sind. Nur geübt wird eigentlich überhaupt nicht (außer Barre Phillips, der sich nach monatelanger Abstinenz aus Krankheitsgründen wieder neu mit seinem Bass vertraut machen muss). Und im Trio gibt’s immerhin kurze Soundchecks, die aber wohl vor allem der Erprobung und Anpassung an die jeweilige Raumakustik dienen. Und nicht zuletzt bietet der Band noch viele schöne Fotos von Jacques Demierre.

Konzentriertes Hören, Verantwortung, materielle Voraussetzungen und spontane Eingaben bilden die Basis der Musik. Wir agieren, intensivieren, dekonstruieren, eliminieren, addieren und multiplizieren… Wir praktizieren Musik in Echtzeit, sie entsteht, indem sie entsteht. Gesten und Spielweisen vermischen sich und lösen sich ab. Wir halten nichts fest. Das Ausgelassene zählt genauso wie das Eingefügte. Jedes Konzert ist auf seine Art ein Original. Jede Situation ist anders. Der akustische Raum, das Publikum, die gesamte Stimmung im Hier und Jetzt. (134f.)

Hubert Fichte: Ich beiße Dich zum Abschied ganz zart. Briefe an Leonore Mau. Hrsg. von Peter Braun. Frankfurt am Main: S. Fischer 2016. 256 Seiten. ISBN 978-3-10-002515-9.

fichte, briefe (umschlag)Zusammengerechnet sind es knapp 60 Seiten Briefe, für die man 26 Euro bezahlt. Und viele der Briefe Hubert Fichtes an seine Lebensgefährtin Leonore Mau sind (sehr) knappe, kurze Mitteilungen, die oft in erster Linie die Banalitäten des (Zusammen-)Lebens zum Inhalt haben.

Ich will: keinerlei familiäre Bindungen. Ich will frei leben - als Sohn Pans - wenn Du willst und ich will schreiben. (28)

Die Briefe zeichnen nicht unbedingt ein neues Fichte-Bild - aber als Fan muss man das natürlich lesen. Auch wenn ich mit schlechtem Gewissen lese, weil es dem Autorwillen ausdrücklich widerspricht, denn der wollte diese Dokumente vernichtet haben (was Leonore Mau in Bezug auf seinen sonstigen schriftlichen Nachlass auch weitgehend befolgte, bei den Briefen (zumindest diesen) aber unterließ, so dass sie nach ihrem Tod jetzt sozusagen gegen beider willen doch öffentlich werden können und das Private der beiden Künstlerpersonen also der Öffentlichkeit einverleibt werden kann ...) Vor allem bin ich mir nicht sicher, ob sich - wie Herausgeber Peter Braun im Nachwort breit ausführt - daraus wirklich ein "Relief" im Zusammenspiel mit den Werken bildet. Und wie immer bin ich mir ziemlich unsicher, ob das den Werken (es geht ja vor allem um die unfertige "Geschichte der Empfindlichkeit") wirklich gut tut (bzw. der Lektüre), wenn man sie mit den Briefen - und damit mit ihrem Autor - so eng verschränkt. Und ob es in irgend einer Weise notwendig ist, scheint mir auch zweifelhaft. Ja, man erkennt die autobiographische Grundierung mancher Jäcki-Züge und auch der Irma-Figur nach der Lektüre der Briefe noch einmal. Aber verleitet das Briefe-Lesen dann nicht doch dazu, aus Jäcki Hubert und aus Irm Leonore zu machen und damit wieder am Text der Werke vorbei zu lesen? Andererseits: ein wirklich neues Bild, eine unentdeckte Lesart der Glossen oder der Alten Welt scheint sich dann selbst für Braun doch nicht zu ergeben.

Ich will Freiheit, Freiheit - und dazu bedarfs Witzes und Lachens. (42)

Selbst Willi Winkler, durchaus enthusiastischer Fichteaner, befindet in der Süddeutschen Zeitung: "Diese Briefe, einmal muss es doch heraus, sind nämlich von sensationeller Belanglosigkeit" und schießt dann noch recht böse gegen die tatsächlich manchmal auffallenden Banalitäten des Kommentars (mein Lieblingskommentar: „Darmgeräusche: Darmgeräusche sind ein Ausdruck der Peristaltik von Magen und Darm und insofern Anzeichen für deren normale oder gestörte Tätigkeit.“ (167)) und das etwas hochtrabende Nachwort von Herausgeber Braun. Überhaupt macht das Drumherum, das ja eine ganze Menge Raum einnimmt, eher wenig Spaß. Das liegt auch an der eher unschönen, lieblose Gestaltung. Und den - wie man es bei Fichte und Fischer ja leider gewöhnt ist - vagen, ungenauen Editionsrichtlinien. Der Titel müsste eigentlich auch anders heißen, das Zitat geht nämlich noch ein Wort weiter und heißt dann: "Ich beiße dich zum Abschied ganz zart / wohin." So steht es zumindest im entsprechenden Brief, war dem Verlag aber wohl zu heikel. Und das ist dann doch schade ...

Aber für uns ist ja nur das Unvorsichtige das richtige. (141)

außerdem gelesen:

  • T. E. Lawrence: Wüsten-Guerilla. Übersetzt von Florian Tremba. Herausgegeben von Reiner Niehoff. Berlin: blauwerke 2015 (= splitter 05/06). 98 Seiten. ISBN 9783945002056.
  • Björn Kuhligk: Ich habe den Tag zerschnitten. Riga: hochroth 2013. 26 Seiten. ISBN 97839934838309.
  • Christian Meierhofer: Georg Philipp Harsdörffer. Hannover: Wehrhahn 2014 (Meteore 15). 134 Seiten. ISBN 978-3-86525-418-4.
  • Edit #66
  • Mütze #12 & #13 (mit interessanten Gedichten von Kurt Aebli und Rainer René Mueller)

Dünner Ort, kleine Texte

stachler, dünner ort, front und rücken

stachler, dünner ort (cover)Der Dün­ne Ort von Alke Stach­ler ist ein schö­nes klei­nes Büch­lein. Die Buch­ge­stal­tung (von Sarah Oswald) hat dabei einen sehr inter­es­san­ten Effekt, der eng mit den Inhal­ten zusam­men­hängt. Da ist zum einen die Offen­heit des Buches, das ohne Rücken sein Inne­res – die Faden­hef­tung und Kle­bung – sozu­sa­gen den Bli­cken preis­gibt. Und es schwebt zwi­schen Heft­chen und Buch: Einer­seits das klei­ne Taschen­for­mat, der offe­ne Rücken, ande­rer­seits der fes­te, dop­pel­te Natron­kar­ton des Umschlags und das ordent­li­che, griff­fes­te Papier der Sei­ten.

Auch die Tex­te könn­te man Text­lein nen­nen, klän­ge das nicht so ver­nied­li­chend – beson­ders nied­li­ch sind sie näm­li­ch nicht. „Tex­te“ schrei­be ich mit Bedacht – denn was ist das eigent­li­ch? Sie „schwe­ben“ zwi­schen dem, was man übli­cher­wei­se Gedicht nennt bzw. als Gedicht erwar­tet und Pro­sa. Auf der einen Sei­te: die kon­trol­lier­te und gestal­te­te Ober­flä­che, das stren­ge Gefü­ge des Block­sat­zes, der durch geziel­te Löcher aufgebohrt/aufgelockert wird. Dane­ben aber wie­der­um die Spra­che, die (meist) wie „nor­ma­le“ Pro­sa daher­kommt. Also darf man sie wohl als Pro­sa­ge­dich­te ein­ord­nen (auch wenn ich von sol­chen oxy­mo­ro­ni­schen Klas­si­fi­zie­run­gen wenig hal­te …). Viel­leicht sind das aber auch ein­fach kur­ze Ttex­te zwi­schen Minia­tur und Gedicht.

Das sind sozu­sa­gen die Cha­rak­te­ris­ti­ka von Dün­ner Ort, die sich sofort offen­ba­ren. Und sie sind weg­wei­send. Denn auch in den Tex­ten von Stach­ler geht es immer wie­der um ein Zwi­schen, um ein weder-noch, um etwas ahn­ba­res, aber kaum begreif­ba­res, um Wis­sen, das sich nur schwer oder kaum ver­sprach­li­chen (im Sin­ne von: auf den Begriff brin­gen) lässt. So über­rascht es auch nicht, dass (nach dem etwas über­flüs­si­gem Vor­ge­plän­kel des Her­aus­ge­ber-Vor­wor­tes) die See­le schon gleich am Anfang steht, mit einem star­ken ers­ten Satz:

die mensch­li­che see­le wiegt 21 gramm: kann­st du sie grei­fen, mit einem spa­ten im kör­per tas­ten, wo sie klim­pert, schau­kelt und gegen die haut flat­tert wie ein pani­scher fal­ter, als wäre dei­nen haut von innen licht.

oder eigentlich/besser so, aller­dings im Block­satz:

die mensch­li­che see­le wiegt 21 gramm:
kann­st du sie grei­fen, mit einem spa­ten im
kör­per tas­ten, wo sie klim­pert, schau­kelt und
gegen die haut flat­tert wie ein pani­scher fal–
ter, als wäre dei­nen haut von innen licht.

Oder noch bes­ser, weil der rei­ne Text das, was den Dün­nen Ort als Werk aus­macht, kaum wie­der­ge­ben kann:

stachler, dünner ort, 9 (doppelseite)

Wesent­li­che, wie­der­keh­ren­de The­men­fel­der sind Wald, Ein­sam­keit, Tod bzw. Ster­ben und das Suchen, die Bewe­gung des suchen­den Ichs. Und natür­li­ch der Schat­ten (und auch noch so man­ch ande­re Unei­gent­lich­keit).

nachts fällt ein schwar­zes kna­cken aus dem / schrank, das uns an etwas erin­nert. an wald viel- / leicht, holz, farn, harz. an gerü­che, getier, an wün- / sche: im wald möch­ten wir uns ver­lie­ren, im wun­den schat­ten lie­gen, selbst wund sein, selbst harz. / […] (21)

Dün­ner Ort lässt sich aller­dings nur sehr unzu­rei­chend in die­ser Art zusam­men­fas­send beschrei­ben und auch kaum, ich habe es ja schon erwähnt, ein­fach so zitie­ren, weil „Inhalt“ und „Form“ (und das heißt auch: Zusam­men­hang im Buch, zumin­dest auf der Dop­pel­sei­te) der Tex­te so eng mit­ein­an­der ver­wo­ben sind, so sehr inein­an­der über­ge­hen, dass man ihn sehr stark beraubt, wenn man einen Text­aus­schnitt auf die rei­ne Wort­fol­ge redu­ziert. Das Kon­zept des „dün­nen Ortes“ ist ja auch gera­de eines, das der Benen­nung ver­wehrt bleibt. Man könn­te das, was Stach­ler in Dün­ner Ort macht, viel­leicht eine „dich­te Beschrei­bung“ der eige­nen Art nen­nen. Die „all­ge­mei­nen“ (auch als all­ge­mein­gül­tig behaup­te­ten, vgl. den Anfangs­text zur See­le) Beob­ach­tun­gen wer­den dabei fast immer wie­der ins Ich gespie­gelt, ins Indi­vi­du­el­le geführt und über­führt, sie sind in einer Über­gangs­be­we­gung. Denn der „dün­ne Ort“ ist zu ver­ste­hen als eine Über­gangs­zo­ne, eine Gren­ze oder Schwel­le, der Bereich zwi­schen Leben und Tod vor allem.

der nebel bil­det feh­len­de stel­len im wald, ein opa- / kes loch­mus­ter. beim ver­su­ch, die löcher anzu­se- / hen, ver­schwin­det man, fran­st aus wie eine dün- / ne tablet­te im was­ser. […] (15, Anfang)

Dazu noch die Text­lü­cken, –löcher, die wie zufäl­lig im Block­satz unüber­seh­bar auf­tau­chen, den Fluss der Spra­che unter­bre­chen und viel­leicht auch den dün­nen Ort, der so schwer zu fas­sen ist, den Über­gang, die Schwel­le ein­fach mar­kie­ren oder zumin­dest evo­zie­ren. Und sie wei­sen qua­si expli­zit auf die Offen­heit der Tex­te hin. Das ist ein biss­chen para­dox, neigt der Block­satz (der hier in wech­seln­den Zei­len­län­gen genutzt wird) doch eigent­li­ch zu einer gewis­sen Abge­schlos­sen­heit. Doch die ist, das wird in Dün­ner Ort schnell deut­li­ch, nur ober­fläch­li­ch. Denn so wie die Lücken Löcher in den Text rei­ßen, ihm also Frei­räu­me schaf­fen, so sind die Tex­te in der Regel auch seman­ti­sch nicht abge­schlos­sen oder gar ver­schlos­sen, son­dern offen. Das meint nicht nur ihre Unbe­stimmt­heit, son­dern auch Phä­no­me­ne wie Abbrü­che am Sei­tenen­de mit­ten im Satz oder, als Gegen­pol, ein Beginn mit einem Kom­ma (also mit­ten in einem ima­gi­nä­ren grö­ße­ren Zusam­men­hang).

im wald gibt es einen kern, der nie trock­net / um ihn her­um ord­nen sich schich­ten im kreis / schich­ten von hal­men, schar­nie­ren, stü­cken von / licht. licht, das far­ben trägt, die es nicht gibt, das / man schnei­den könn­te, hät­te man. […] (13, Anfang)

Zum Buch gehö­ren dann auch noch eini­ge von der Auto­rin gele­se­ne Auf­nah­men eini­ger Tex­te, die dann das Pen­del noch mehr zur Pro­sa hin aus­schla­gen las­sen, wenn man den zügi­gen Vor­trag von Stach­ler im Ohr hat. Und nicht zuletzt gehö­ren auch die „foto­gra­fi­schen Illus­tra­tio­nen“ von Sarah Oswald unbe­dingt zu dem Buch. Mit bedacht wur­den die so genannt (neh­me ich zumin­dest an), denn sie geben sich als zwi­schen Foto und „frei­er“ Kunst chan­gie­rend: stark ver­frem­de­te, oft ver­wisch­te, über­la­ger­te, ver­un­klar­te Abbil­der der „Welt“. Sie beglei­ten den Text nicht ein­fach illus­tra­tiv oder kom­men­tie­rend, son­dern wer­fen im ande­ren Medi­um noch einen wei­te­ren Bli­ck auf den „dün­nen Ort“. Ihre ver­schwom­me­ne Prä­gnanz, ihre gemach­te Unschär­fe und Schat­ten­haf­tig­keit unter­stützt und ergänzt die suchen­de Prä­zi­si­on der Tex­te aus­ge­zeich­net. So wird Dün­ner Ort dann (fast) zu einem Gesamt­kunst­werk – jeden­falls zu einem mul­ti­me­dia­len Gemein­schafts­werk …

die luft fällt ins schloss, ver­fugt sich hin­ter / dir als wärst du nie dage­we­sen, und viel- / leicht stimmt das auch. […] (44, Anfang)

Alke Stach­ler: Dün­ner Ort. Mit foto­gra­fi­schen Illus­tra­tio­nen von Sarah Oswald. Salz­burg: edi­ti­on mosa­ik 2016 (edi­ti­on mosa­ik 1.2). 64 Sei­ten. ISBN 9783200044548.

Aus-Lese #47

John-Mark Kuznietsov
Hanno Rauterberg: Wir sind die Stadt! Urbanes Leben in der Digitalmoderne. 3. Auflage. Berlin: Suhrkamp 2014. 157 Seiten. ISBN 9783518126745.

rauterberg, stadt (cover)Beobachtend und erklärend geht es in Wir sind die Stadt! um den neuen Umgang mit der Stadt und ihren Räumen, um eine Art Re-Urbanisierung in der digitalen Moderne. Das ist ein bewusstes Lob der Stadt der Vielfalt, der vielfältigen (wechselnden, spontanen, instabilen) Koalitionen, die aber auch über sich selbst, über die Stadt hinaus reichen, denn: "In der Stadt gedeiht, wenn es gut geht, der Sinn für Staatlichkeit." (149). Rauterberg hat, das gibt er auch zu, vor allem die neuen positiven Seiten der Stadt im Blick - die Möglichkeiten, die die digitale Moderne (also vor allem die Vernetzung im Netz und die Kommunikation mit Smartphones etc.) für eine Art Wiederbelebung städtischer Räume eröffnet. Er sieht und beschreibt eher die positiven Seiten der Veränderung der Stadt und des Lebens in der Stadt durch die digitale Moderne, ohne den Schatten aber ganz auszublenden. Sein Begriff der "Stadterquicker" (56) bringt es vielleicht am besten auf den Punkt: Er beobachtet eine neue Aneignung der Stadt, der urbanen Räume individuell im Kollektiv: "Die Stadt wird zum Raum für ein Ich, das sich ohne Wir nicht denken möchte." (75) Und genau das geschieht nicht (mehr) vorwiegend planerisch gesteuert und auch nicht in erster Linie (wenn überhaupt) in institutionalisierten Formen (wie etwa Vereinen), sondern wesentlich fluider, schneller, spontaner, aber auch kurzlebiger. Die Offenheit des Raumes der Stadt und der Stadt ist dafür Voraussetzung und wird durch diese permanente Umwidmung, Aneignung, Inanspruch- und Inbesitznahme aber auch überhaupt erst konstituiert. Deshalb sieht Rauterberg in den aktuellen Tendenzen und Möglichkeiten eine neue, aktive und positive Chance für Urbanität: "Eine Stadt ist Stadt, wenn sie mit sich selber uneins bleibt." (129)

Bei dieser Art der Raumergreifung handelt es sich um weit mehr als eine Modeerscheinung oder das Freizeitvergnügen einiger Jungerwachsener der Mittelschicht. Es gäbe keine Wiederbelebung des öffentlichen Raums, würde sie nicht von einem breiten gesellschaftlichen Wandel der Idealbilder und Leitvorstellungen getragen. Wie weit dieser Wandel reicht, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass auch viele Stadtplaner ihr Verhältnis zum Raum neu bestimmen, auf eine Weise, die abermals an manche der Künstler und Architekten denken lässt. Das Prinzip der Offenheit und freien Aneignung, unvorhersehbar und ungehindert von äußeren Zwängen, ist mancherorts sogar zum neuen Leitbild der Planung avanciert. (37)
Die Stadt ist nicht länger Zone, sie darf wieder Raum sein, undefiniert. (39)

Saša Stanišić: Vor dem Fest. RM Buch und Medien 2014. 316 Seiten.

stanisic, vor dem fest (cover)Jetzt habe ich endlich auch mal ein Buch von Saša Stanišić. Vor dem Fest ist ein ganz interessanter und schöner Roman über Fürstenfelde, die Uckermarck, Deutschland und auch ein bisschen über die Welt. In kleinen, leicht auch zwischendurch und mit jederzeitigen Unterbrechungen konsumierbaren Häppchen-Kapiteln erzählt Stanišić ein Dorf und seine Bewohner in der ostdeutschen Provinz. Äußerer Anlass ist die Nacht vor dem großen Anna-Fest, in der die meisten noch eine oder andere Vorbereitungen für den nächsten Tag treffen. Zugleich weist der Text mit Quellenabschnitten weit in die Dorfgeschichte bis zum 16. Jahrhundert zurück - wobei ich mir nicht sicher bin, ob das ernst gemeint ist: Die Sprache dieser (Pseudo-)Quellen scheint mir zu oft nicht ganz zeitgemäß, immer ein bisschen daneben, so dass ich das eigentlich als Fälschungen aus der Hand der "Archivarin" lese - dazu passt ja auch das große geheimnisvolle Getue, das um die Dorfchronik gemacht wird. Und dass es sie nicht geben kann, weil sie eigentlich dem Dorfbrand von 1742 zum Opfer gefallen ist. Egal: Das ist alles recht unterhaltsam und durchaus erhellend in seinen vielen Perspektiven, Stilen und Zeitebenen. Auch wenn ich manchmal den Eindruck hatte, die Idee - mit der Nacht vor dem "Fest" das Dorf, seine Gemeinschaft, seine Geschichte und auch noch die Weltzusammenhänge darzustellen - wird etwas überreizt. Unklar blieb mir zum Beispiel die Notwendigkeit, das auch noch auf die Tierwelt auszudehnen ...

Sehr gut gefallen hat mir aber der spielerische Umgang des Erzählers mit seinem Text: Zum einen produziert das Fabulieren hier selbst Fragen an den eigenen Text, die auch Teil des Textes werden und bleiben. Zum anderen ist da dieses inklusives "Wir" des Erzählers als dem Vertreter der Dorfbevölkerung, das also den Erzähler zu einem Teil seiner Geschichte macht und zumindest behauptet, dass hier nicht von einer Außenposition erzählt wird (auch wenn es einige wenige Hinweise auf eine Differenz gibt ...). Aber, das ist interessant, dieses "wir" gilt nicht nur der derzeitigen Dorfgemeinschaft, sondern der aller Zeiten. Überhaupt ist Vor dem Fest mit seiner erzählerischen Lust und Begeisterung ein etwas kapriziöser Text, der sich selbst nicht übermäßig ernst nimmt, sondern Spaß am eigenen Erzählen und Erfinden hat und auch gerne das eigene Erzählen einfach miterzählt.

Der Fährmann hat einmal erzählt, es gebe im Dorf jemanden, der mehr Erinnerungen von anderen Leuten besitze als Erinnerungen, die seine eigenen sind. Das Dorf hat sofort geglaubt, er meint Ditzsche. Könnten aber andere gemeint gewesen sein, meinen wir. (233)

Olga Martynova: Mörikes Schlüsselbein. Graz, Wien: Droschl 2013. 320 Seiten. ISBN 9783854208419.

martynova, mörikes schluesselbein (cover)Mörikes Schlüsselbein ist so etwas sieein Wundertüten-Text: Der ganze Roman quillt über. Das fängt schon "vor" dem Roman an, mit der Überfülle an Paratexten, vor allem den extrem vielen Motti auf verschiedenen Ebenen des Textes, die oft auch noch nicht allein, sondern gleich zu mehreren auftreten. Und es geht im Text weiter, mit seiner etwas hypertrophen Fülle an Stilmitteln und auch an Themen. Insgesamt präsentierte Mörikes Schlüsselbein sich mir als ein ziemlich umher irrender Roman. Ich hatte immer wieder den Eindruck, der Text sucht seine/eine Stimme, da wird ausprobiert und verworfen, dass es eine Freude ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich Martynovas Erzählerin sehr von ihren Figuren (und davon gibt es eine ganze Menge) und ihrem Eigenleben treiben lässt - so war zumindest mein Eindruck.

Auf jeden Fall ist das virtuos erzählt - aber was wird eigentlich erzählt und warum? Die Frage stellt sich schon früh beim Lesen, bis zum Ende habe ich keine richtige Antwort gefunden (auch in den Rezensionen übrigens nicht ...). Das hängt natürlich damit zusammen, das Mörikes Schlüsselbein ein Episodennetz ohne Zentrum und ohne Rand ist, dessen Zusammenhänge teilweise bewusst unklar bleiben. Da fühlt man sich manchmal etwas verloren im Text - was, um es noch einmal zu sagen, nicht heißt, es wäre ein schlechter Text: vieles gefällt (mir), vieles ist gut, geschickt und sehr überlegt gemacht. Nur sehe ich kein Ziel außer dem Zeigen der Ziellosigkeit, dem Vorführen des Fehlens von (verbindlichen) Zielen und Zusammenhängen. Vielleicht habe ich auch schlecht gelesen, nämlich mit mehreren (ungeplanten) Unterbrechungen, die mich zu viel verlieren ließen?

So lese ich Mörikes Schlüsselbein als ein Spiel mit den Grenzen von Realitäten und Wahrscheinlichkeiten (die seltsamen Zeitreisen- bzw. Zeitvektoren-Episoden, die so irrlichternd in den Text hineingeschichtet sind, verdeutlichen das vielleicht am besten). Überhaupt spielt der Roman auf allen Ebenen, vom Zeichen (bzw. seiner typographischen Repräsentation, etwa mit unterschiedlichen Schwarzsättigungen ...) bis zur Makroform (deren Struktur ich überhaupt nicht verstanden habe ...). Und die Motti nicht zu vergessen, die auf verschiedenen Ebenen den Text sehr reichhaltig zieren. Und irgendwie, das macht Mörikes Schlüsselbein doch immer wieder interessant, gelingt es Martynova, damit (fast) das ganze 20. Jahrhundert zu erzählen, mit der Geschichte Deutschlands, dem Zweitem Weltkrieg, USA, UdSSR bzw. Russland und dem Kalten Krieg etc. pp. Und noch die abenteuerlichsten Kuriositäten werden von Martynova erzählt, als seien sie das normalste auf der Welt: Klar, das zeigt (wieder mal) den Verlust (allgemeingültiger) Maßstäbe: alles gilt (gleich viel) - aber war es das schon? Oder will der Text noch mehr? - Da bin ich ratlos. Ratlos übrigens auch beim Klappentext - ob der absichtlich so blödsinnig-nichtssagend ist? Eigentlich habe ich vom Droschl-Verlag eine bessere Meinung. Aber diesen Text als einen „Roman über Familie und Freundschaft: liebevoll, weiblich, scharfsichtig und humorvoll“ zu charakterisieren kann ja nicht wirklich ernst gemeint sein. Sicher, humorvoll ist der Text, das Lesen macht immer wieder große Freude. Aber was ist daran bitteschön weiblich?

Wenn man Wolkenkratzer mit Kathedralen vergleicht, meint man irrtümlicherweise in erster Linie ihre gesellschaftliche Bedeutung: Macht und Reichtum, die über das Leben der gemeinen Menschen emporragen. Aber sie haben eine architektonische Funktion: die Menschen dazu zu bringen, den Blick zum Himmel zu erheben. Dazu nützt irgendeine schöpferische Kraft die Macht, den Reichtum und die wandernden Bauleute, dachte Marina und hörte die Fetzen einer (oder mehrerer) osteuropäischer Sprache(n), bedrohliche Zartheit in den gedehnten Lauten. (165)

Dietmar Dath: Leider bin ich tot. Berlin: Suhrkamp 2016. 463 Seiten. ISBN 9783518466544.

dietmar dath, leider bin ich tot (cover)Dietmar Daths Schaffen kann ich in seinen Verästelungen – ich kenne weder einen anderen Autor, der so vielfältige Themenfelder beackert noch bei so vielen unterschiedlichen Verlagen veröffentlicht – kaum noch nachvollziehen. Aber wenn ich dann ab und an wieder etwas aus seiner schwer beschäftigten Feder lese, ist es immer wieder überraschend und erquickend. Das gilt auch für Leider bin ich tot. Der Text hängt irgendwo zwischen Science-Fiction, Wissenschaftsthriller, politischem Roman, Krimi und was weiß ich noch alles. Genauso "wild" ist auch die erzählte Geschichte, die sich kaum vernünftig zusammenfassen lässt (und ohne wesentliche Plottwists zu verraten schon gar nicht ..., ziemlich gut macht das Sonja Grebe auf satt.org). Es geht um höhere Intelligenzen, um Religionen und Götter, auch um Terror und Gewalt in allen möglichen Formen. Und ganz wesentlich auch um Zeit, um die Zeit - es zeigt sich nämlich, dass manche Figuren in Leider bin tot die Zeit aus ihrem Strahlendasein befreien können und eine Zeitschleife in Form eines Möbiusbandes schaffen. Das bringt nicht nur so einige neue Möglichkeiten, auch der Manipulation, ins Spiel, sondern sorgt auch für reichhaltige Verwirrungen und Irrlichtereien.

Außerdem steckt in Leider bin ich tot – und darin ist es ein typischer Dath-Roman – ganz viel Gegenwartsbeschreibung und -diagnose. Der Autor hat einen scharfen Blick, er sieht und erkennt unheimlich viel und kann es in seinen Roman – mal eleganter, mal etwas plumper – alles hineinpacken. Der Verlag behauptet im Klappentext zwar, das sei eine "Meditation", aber das halte ich für Unsinn. Dafür ist das Buch schon viel zu actiongeladen. Sicher, es wird viel gedacht und viel über philosophische, theologische, erkenntnistheoretische Probleme geredet. Aber das ist nur eine Ebene des vielfältigen Textes. Die Vielfalt ist eh Dath-typisch. Genau wie das zunächst ganz realistisch erscheinende Erzählen, das sich dann nach und nach leicht verschiebt, immer verschrobener wird und immer etwas verrückter, grausamer und berechnender (im technischen Sinn). Und Bücher, die ihren Autor selbst so wunderbar unernst-selbstironisch auftreten lassen, sind sowieso meistens ein großes Vergnügen. Und das gilt für Leider bin ich tot auf jeden Fall.

»Krieger. Leute im Krieg. Die nur verkleidet sind als Künstler oder Intellektuelle. Nicht? Wir sind … wir müssen immer die Besten sein. Die Schönsten, die Unwiderstehlichsten. Wir sind Klugscheißer und Zauberer und Träumer. Wir sind Rechthaber, weil wir ...«
»Verletzte sind.« (63)

Urs Jaeggi: Brandeis. Darmstadt, Neuwied: Luchterhand 1978. 269 Seiten. ISBN 347296463X.

Noch ein erstaunlich spannender und interessanter Zufallsfund. Ich muss gestehen, dass mir Urs Jaeggi, der als Soziologe auch immer wieder belletristisch tätig war, bis dato unbekannt war. Das ist schade, denn Brandeis ist nicht nur ein faszinierender Zeitroman, sondern auch ein ausgesprochen guter Roman. Brandeis, die Hauptfigur und Erzählerstimme, aus deren personaler Perspektive alle drei Teile erzählt werden, ist sozusagen das alter ego des Autors: Soziologie, der zu Beginn noch in der Schweiz (in Bern) lehrt, dann an die neugegründete, noch zu bauende bzw. im Aufbau begriffene Universität in Bochum berufen wird, einige Zeit als Gastdozent in New York weilt und zum Schluss ("Berlin 1977") in Berlin einen Soziologie-Lehrstuhl innehat - die äußeren Stationen entsprechen Jaeggis Karriere genau. Das aber nur nebenbei.

Interessant ist anderes. Brandeis ist ein politisch aktiver, empirisch arbeitender Soziologe, der sich aus einer dezidiert linken (marxistischen) Position auch und vor allem sehr intensiv mit seinen Studierenden und ihrem Blick auf die Welt und Gesellschaft auseinandersetzt. Das ermöglicht zum einen eine spannende Darstellung der Konflikte am Ende der 1960er Jahre an den Hochschulen (aber auch einen Blick auf die Differenz der dortigen Diskussionen und Situationen zu den Gegebenheiten der Arbeiterschaft, etwa bei den Bochumer Opel-Werken) über die Entwicklung zum linksradikalen Terrorismus und den Vietnamkrieg bzw. dem Kampf gegen den Krieb bis zu den amerikanischen Bewegungen Anfang der 1970er Jahre wie Black power und Feminismus. Und es gibt dem Autor einen sehr klugen, analytischen Erzähler, der bei seinem Blick auf die Welt auch die eigenen Position und deren theoretische Voraussetzungen immer wieder mitbe- und überdenkt. Äußerlich passiert dann gar nicht so sehr viel, es wird vor allem geredet und diskutiert, gestritten und demonstriert, analysiert und erklärt.

Der zweite, sehr interessante Punkt ist die Form von Brandeis. Die ist nämlich für die Entstehungszeit - der Roman ist immerhin schon 1978 erschienen - erstaunlich avanciert und auf der Höhe der Zeit. Und es zeigt sich auch, dass sich in den Jahrzehnten seither bei den zur Verfügung stehenden Mitteln für Prosatexte erstaunlich wenig getan hat. Brandeis ist genauso fragmentiert wie ein ordentlicher postmoderne Roman der Gegenwart, er nutzt viele Errungenschaften des modernen Romans, auch sein Erzähler spricht in zwei Perspektiven und reflektiert das auch gerne selbst:

Oh, ja. Ich weiß, Freund, hier geht es kreuz und quer: ich und er. Er Brandeis und ich Brandeis. Ich habe es sowieso probiert: »Ich« in die Gegenwart zu setzen, »Er« in die Vergangenheit. Ganz logisch. Logisch: und doch ging es dann gleich wieder durcheinander, obwohl ich weiß: Ordnung muß sein, wie bei den Fußnoten, was die Deutschen so gut können und die Franzosen nie lernen, nicht lernen wollen. Also gut. (97)

Überhaupt ist der ganze Roman erstaunlich selbstbewusst und reflektierend. Und Jaeggi gelingt es ausgesprochen gut, die Vielfalt der formalen Gestaltungselemente zu nutzen und recht harmonisch miteinander zu verbinden (auch wenn sich an einigen Stellen vielleicht manche Länge eingeschlichten hat).

Das so ein großartiger Text nicht zum Kanon deutschsprachiger Literatur gehört (selbst der Luchterhand-Verlag, bei dem seine Romane erschienen, kennt ihn nicht mehr ...), ist eigentlich erstaunlich. Aber andererseits vielleicht auch symptomatisch: Längst nämlich scheint mir die Literatur zunehmend ihre eigene Geschichte (und damit auch ihre eigenen Voraussetzungen und (schon ganz banal handwerklichen) Errungenschaften) zu vergessen – es bleiben letztlich einfach nur ein paar wenige Texte und Autoren dauerhaft im kollektiven Gedächtnis. Stattdessen tut man – und das schließt sowohl die Produzentinnen als auch die Rezipienten (wie etwa die Literaturkritik) ein – gerne so, als würde jede Saison, spätestens aber jede Generation die Literatur neu erfunden. Die Lektüre von Texten wie dem Brandeis würde da mehr helfen als die "Wiederentdeckung" einst populärer Romane von von Fallada, Keun etc.

Die Geschichte tut nichts, sagt Brandeis, sie kämpft keine Kämpfe. Es ist der Mensch, der wirkliche, lebendige, Mensch, der alles tut, besitzt oder erkämpft. Es ist nicht die Geschichte, die den Menschen zum Mittel braucht, um ihre Zwecke durchzuarbeiten, als ob sie eine aparte Person wäre; die Geschichte ist nichts als die Tätigkeit der ihre Zwecke verfolgenden Menschen. (21)

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