Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: wissenschaft Seite 2 von 3

Digitale Pausen

Hans Ulrich Gum­brecht betreibt ja schon seit gerau­mer Zeit eine Anti-Blog-Blog bei der FAZ: Digital/​Pausen. Marei­ke König vom DHI Paris hat ihn dazu befragt – und abge­se­hen von dem etwas ver­wir­ren­den Sprach­ge­brauch Gum­b­rechts, der Blog­posts immer als „Blog“ bezeich­net, ist das durch­aus inter­es­sant. Gera­de weil Gum­brecht ja aus einer enorm pri­vi­le­gier­ten Posi­ton spricht – er gibt ganz offen zu, bei der FAZ nur mit dem blog­gen ange­fan­gen zu haben, weil er gut dafür bezahlt wird – und gera­de weil Gum­brecht ja nicht im eigent­li­chen Sin­ne bloggt, weist er doch auf eini­ge wich­ti­ge Punk­te hin, aus denen ich auch das Blog­gen von Wis­sen­schaft­ler for­de­re oder befür­wor­te: Weil das eine Mög­lich­keit der Kom­mu­ni­ka­ti­on ist, die für die Wis­senchaft enorm wich­tig ist – und die enor­me Band­brei­te ent­wi­ckeln kann, zum Bei­spiel:

Man erschließt sich damit ein Publi­kum – nicht nur quan­ti­ta­tiv – was man über ein Buch nicht errei­chen kann.

Und spä­ter:

Wenn ich etwas pro­du­zie­re, was letzt­lich für Kom­mu­ni­ka­ti­on pro­du­ziert ist – und das ist Wis­sen­schaft immer – dann muss ich schon sehen, dass ich eini­ge Leu­te errei­che.

Neben­bei weist er zum Schluss übri­gens auch noch auf einen in den letz­ten Jah­ren wie­der etwas in Ver­ges­sen­heit gera­te­nen kate­go­ria­len Unter­schied zwi­schen Natur- und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten hin: Dass Geis­tes­wis­sen­schaf­ten im eigent­li­chen Sin­ne gar nicht for­schen, kei­ne neu­en Regel­mä­ßig­kei­ten oder Gesetz­mä­ßig­kei­ten ent­de­cken (oder das zumin­dest selt­ent tun). Und das gera­de aus der spe­zi­fi­schen Form der geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Übung – der „Kon­tem­pla­ti­on“ – eigent­lich ein Gebot der Offen­heit der Wis­sen­schaft resul­tiert, für das neue digi­ta­le Medi­en ein gro­ßer Segen sind. Oder sein könn­ten, wenn sie systembedingt/​institutionell die ent­spre­chen­de Wür­di­gung erfüh­ren.

Das gesam­te Inter­view kann man hier nach­hö­ren: klick.

Suchbild #1

Fin­de den Feh­ler:

Aku­punk­tur funk­tio­niert nicht nur beim Men­schen – auch bei Kühen und Käl­bern ist sie ein wirk­sa­mes, scho­nen­des und wirt­schaft­li­ches Ver­fah­ren.

Gelobt sei die Kopie

Gera­de erschie­nen und schon weg­ge­le­sen: Das „Lob der Kopie“, das Dirk von Geh­len unter dem Titel „Mas­hup“ geschrie­ben hat.
Wor­um geht’s? Eigent­lich sagen die bei­den Titel schon das wesent­li­che: von Geh­len geht es dar­um, der Kopie zu ihrem Recht zu ver­hel­fen. Er will zei­gen, dass die Kopie nicht zwangs­läu­fig etwas min­der­wer­ti­ges, etwas weni­ger wert­vol­les sein muss/​ist als das Ori­gi­nal. Inspi­riert ist das natür­lich wesent­lich von der Erfah­rung der Mög­lich­keit der Digi­ta­li­sie­rung, die die Kopie ja nicht nur iden­tisch macht, son­dern das „Ori­gi­nal“ auch unbe­ein­träch­tigt lässt, ihm nichts „weg­nimmt“ (wes­we­gen es, abge­se­hen von den juris­ti­schen Aspek­ten, eine digi­ta­le „Raub­ko­pie“ ja nicht geben kann).

Das ist ein unge­heu­er mate­ri­al­ge­sät­tig­tes Büch­lein gewor­den: Dirk von Geh­len, im wah­ren Leben Lei­ter der Jetzt.de-Redak­ti­on der Süd­deut­schen, hat ganz flei­ßig recher­chiert und gele­sen – und er lässt den Leser an sei­nen For­schungs­früch­ten teil­ha­ben. Wer also irgend wel­che Infor­ma­tio­nen zu irgend einem Aspekt der Kopie sucht, soll­te hier ziem­lich sicher eini­ge Hin­wei­se fin­den. Scha­de nur, dass Suhr­kamp (oder von Geh­len?) auf ein lite­ra­tur­ver­zeich­nis ver­zich­tet haben – bei der Fül­le der ver­wen­de­ten Quel­len hät­te ich das sehr hilf­reich gefun­den.

Der ent­schei­den­de Punkt, war­um Kopien zu loben sind, ist – trotz des Hin­ter­grund des digi­tal turns – ein alter: Krea­ti­vi­tät etc. ist nur mit der Ver­wen­dung ande­ren Mate­ri­als mög­lich. Das ist ein ganz alter Gedan­ke, der mehr oder weni­ger par­al­lel zur Eta­blie­rung der Ori­gi­na­li­tät in der Frü­hen Neu­zeit auch schon gedacht und for­mu­liert wur­de, von Geh­len weist auf eini­ge Fund­stel­len hin. Auch Goe­the wird in die­sem Zusam­men­hang mehr­fach zitiert – genau wie diver­se Pop­mu­si­ker und vie­le ande­re „Krea­ti­ve“ aus vie­len Zei­ten. Die­ses „Mas­hup“, das ver­ar­bei­ten­de Benut­zen (frem­den) Mate­ri­als, ist natür­lich nicht nur auf Kunst oder Den­ken beschränkt – auch im Fuß­ball z.B. kann man das beob­ach­ten (das lie­fert den Ein­stieg in das Lob der Kopie: Das von Mes­si kopier­te Mara­dona-Tor).

Von Geh­len selbst beschreibt das Ziel die­ses Buches so:

Über die bestehen­de Stra­te­gie der tech­ni­schen und juris­ti­schen Erschwe­rung und Ver­hin­de­rung des Kopie­rens hin­aus will ich einer­seits die Chan­cen des tech­no­lo­gi­schen Fort­schritts auf­zie­gen und vor allem die Gefah­ren benen­nen, die die bis­he­ri­ge Kri­mi­na­li­sie­rungs­stra­te­gie mit sich bringt. Wer die Kopie ein­sei­tig ver­dammt, greift damit die Grund­la­gen unse­rer Kul­tur an. (15, Her­vor­he­bung von mir)

- das ist doch mal eine Ansa­ge.

Er tut dies in eigent­lich fünf Schrit­ten: Von der „Kri­se des Ori­gi­nals“ über das „Gesetz der vaga­bun­die­ren­den Kopie“ bis zum abschlie­ßen­den „Plä­doy­er für einen neu­en Begriff des Ori­gi­nals“.
Das wesent­li­che Moment dabei ist, ich habe es ja bereits erwähnt, zunächst das Lob der Kopie:

Das hier ange­stimm­te Lob der Kopie ist als alles ande­re als ein Abge­sang auf das Urhe­ber­recht und auch kein Plä­doy­er für die ver­gü­tungs­freie Nut­zung kul­tu­rel­ler Erzeug­nis­se. Mir geht es nur dar­um zu beto­nen, dass es frucht­bar sein kann, sich von einem über­stei­ger­ten Ori­gi­nal­be­griff zu lösen, die sprach­li­chen Pro­ble­me mit dme Kon­zept des geis­ti­gen Eigen­tums zu benen­nen und dar­auf hin­zu­wei­sen, dass nur ein Urhe­ber­recht, das sich als Imma­te­ri­al­gü­ter­recht ver­steht und die Veräd­ne­run­gen der Read-wri­te-Socie­ty und des kopie­ren­den Ver­brau­chers berück­sich­tigt, sei­ne gesell­schaft­li­che Legi­ti­ma­ti­on wie­der erlan­gen und somit auch sei­ne eigent­li­che Inten­ti­on erfül­len kann: Krea­ti­vi­tät zu för­dern.“ (123)

Die­se und ande­re Über­le­gun­gen (und Beob­ach­tun­gen) füh­ren von Geh­len dann eben dazu, einen neu­en Begriff des Ori­gi­nals vor­zu­schla­gen, der durch drei Aspek­te gekenn­zeich­net ist: Das Ori­gi­nal

ist kein binär zu unter­schei­den­dens soli­tä­res Werk (1), son­dern ein in Bezü­ge und Refe­ren­zen ver­strick­ter Pro­zess (2), und sei­ne ska­lier­te Ori­gi­na­li­tät beruht immer auf Zuschrei­bun­gen und Kon­struk­tio­nen (3), die man mit ihm ver­bin­den will.“ (174)

Das ist, die­se Vol­te sei hier noch erlaubt, auch nicht wahn­sin­nig bahn­bre­chend und ori­gi­nell, im Kern steckt das alles schon in der post­mo­der­nen Theo­rie und ande­ren (sozi­al­phi­lo­so­phi­schen) Über­le­gun­gen der letz­ten Jahr­zehn­te. Es muss aber wohl mal so dezi­diert gesagt wer­den. Vor allem, weil das nicht nur eine rein theo­re­ti­sche Gedan­ken­spie­le­rei ist:

Ich hal­te die­se ver­än­der­te Her­an­ge­hens­wei­se nicht nur as intel­lek­tu­el­len oder künst­le­ri­schen Grün­den für not­wen­dig, son­dern aus poli­ti­schen. Denn […] ich ver­ste­he das Mas­hup als poli­ti­sches Instru­ment, als Form von „ulti­ma­ti­ver Demo­kra­tie, offen für unbe­grenz­te Kri­tik, Neu-Inter­pre­ta­ti­on und Wei­ter­ent­wick­lung“. (174, er zitiert hier Matt Mason)

Scha­de fand ich aller­dings, dass nach dem mate­ri­al- und zitatrei­chen Ritt der Text hier fast abbricht und gera­de die genu­in poli­ti­sche Kom­po­nen­te, ihre (Spreng-)Kraft und ihre (uto­pi­schen?) Mög­lich­kei­ten nicht noch näher aus­führt.

Abge­run­det wird das Buch, das man fast als eine Art Werk­statt­buch oder Gedan­ken­jour­nal lesen kann, durch eini­ge kur­ze Inter­views mit ein­schlä­gig bekann­ten und akti­ven Per­so­nen, eine Auf­lis­tung musi­ka­li­scher Mas­hups (die auch vor­her schon auf­tau­chen und die im Blog Dirk von Geh­lens (als Kopie) zu bestau­nen sind) und schließ­lich einem super aus­führ­li­chen Glos­sar – für all die, die noch nicht wis­sen, was A2K meint, was Ret­wee­ten ist oder was die Crea­ti­ve Com­mons vom Copy­left unter­schei­det (und noch vie­les, vie­les mehr).

Dirk von Geh­len: Mas­hup. Lob der Kopie. Ber­lin: Suhr­kamp 2011. 233 Sei­ten. ISBN 78−3−518−12621−9. 15,50 Euro.

Hochverdünnung

Prin­zip der Hoch­ver­dün­nung:

Je dün­ner die Bewei­se für die Wirk­sam­keit [der Homöo­pa­thie], des­to popu­lä­rer wird sie.

und:

Homöo­pa­thie ist also so ähn­lich, wie wenn ich in Frank­furt einen Auto­schlüs­sel in den Main wer­fe – und dann in Würz­burg ver­su­che, mit dem Main­was­ser das Fahr­zeug zu star­ten.

Vin­ce Ebert in amü­san­ten (wenn’s nicht so tra­gisch wäre) Minu­ten über die Gei­ßel unse­rer Zeit, die Homöo­pa­hie: klick.
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via GWUP

Langeweile

„Nicht gering­zu­schät­zen ist der Rat, lang­wei­lig zu schrei­ben. Je gelang­weil­ter die Leser beim Leser sind, des­to weni­ger wer­den sie Zeit auf die nähe­re Befas­sung mit dem Text auf­wen­den. Aller­dings ist das Lang­wei­lig­schrei­ben eine Kunst oder wenigs­tens ein Kunst­hand­werk oder aller­we­nigs­tens ein Hand­werk. Die meis­ten Men­schen müs­sen jah­re­lang stu­diert haben, um das zu kön­nen.“ (Roland Schim­mel, Von der hohen Kunst ein Pla­gi­at zu fer­ti­gen, 57)

Liszt zum Zweihundertsten

2011 als Jubi­lä­ums­jahr – sein Geburts­tag jährt sich zum 200. Mal – war der offen­sicht­li­che Anlass für die­se Buch: Wolf­gang Döm­lings klei­ne Bio­gra­phie „Franz Liszt“. Erschie­nen ist das in der von mir grund­sätz­lich sehr geschät­zen Rei­he „Wis­sen“ des Beck-Ver­lags. Aber da passt die­ses Buch kaum rein – im Gegen­satz zu ande­ren dort erschie­nen Bänd­chen hat es mich sehr ent­täuscht, obwohl es in der Taschen­buch­ko­lum­ne der Süd­deut­schen Zei­tung sehr direkt emp­foh­len wur­de. Und zwar war ich sowohl inhalt­lich als auch for­mal und sprach­lich ziem­lich ent­täuscht.

Fan­gen wir mit dem pin­ge­ligs­ten an, den For­ma­la­li­tä­ten: Ent­ge­gen der Rei­hen-Gepflo­gen­hei­ten gibt es hier über­haupt kei­ne ver­nünf­ti­gen Lite­ra­tur­hin­wei­se: Döm­ling erwähnt den MGG-Arti­kel – und genau ein Buch.1 Das war’s auch schon – sehr ent­täu­schend. Und auch wenig hilf­reich. Es gibt doch bestimmt auch gute musik­wis­sen­schaft­li­che, werk­ana­ly­ti­sche Lite­ra­tur zu Liszt, die dem Leser etwas wei­ter­hel­fen könn­te.2 Damit hängt viel­leicht auch das inhalt­li­che Pro­blem zusam­men … – aber dazu spä­ter noch etwas.

Sprach­lich fal­len sofort die Satz-Unge­tü­me oder ‑Unge­heu­er auf: Döm­ling häuft näm­lich ger­ne in einem Satz alles an, was ihm so an Infor­ma­ti­on über den Weg läuft – mit unzäh­li­gen Ein­schü­ben, Appo­si­tio­nen, Rela­tiv­sät­zen und so wei­ter. Und irgend­wann, das ist bei ihm gar nicht sel­ten, ist der ursprüng­li­che Satz gar nicht mehr zu erken­nen. Ob der tro­cke­ne, sprö­de Stil (der nur auf den letz­ten Sei­ten, wo es um Liszts Spät­werk geht, eini­ge Fun­ken schlägt) als Plus- oder Minus­punkt zu wer­ten ist, bleibt sicher Geschmack­sa­che. Ich fand es oft arg dürr.

Und inhalt­lich? Das hängt durch­aus wie­der mit der sprach­li­chen Gestal­tung zusam­men. Döm­ling gibt sich ger­ne etwas bes­ser­wis­se­risch, etwas pater­na­lis­tisch beleh­rend erzählt er den Lebens­weg in gro­ben (oft nur sehr bruch­stück­haf­ten) Umris­sen, greift ger­ne mal auf das „wie bekannt“ zurück. Dabei hat er offen­bar durch­aus den Lai­en im Blick, vie­les musik­fach­li­ches wird von ihm näm­lich gut und knapp erklärt, die fach­li­chen Vor­aus­set­zun­gen hält er aus­ge­spro­chen nied­rig: Selbst eigent­lich bana­le Din­ge wie das Trans­po­nie­ren oder vom-Blatt-Spie­len erklärt er mehr­fach (aber wer eine Vir­tuo­sen- & Kom­po­nis­ten­bio­gra­phie liest, wird solch ele­men­ta­re Sach­ver­hal­ten doch wohl unge­fähr parat haben …). Das sieht dann z.B. mal so aus:

1834 begeg­ne­te Liszt der Schrift­stel­le­rin Geor­ge Sand (nom de plu­me für Auro­re Dude­vant), einer Frau, deren Kli­schee­bild in der Nach­welt, beson­ders der deut­schen, recht unfreund­lich ist: als hosen­tra­gen­de, zigar­ren- und män­ner­ver­schlín­gen­de Eman­ze, die vie­le schlech­te Roma­ne geschrie­ben hat und nur als Pfle­ge­rin-Muse des unglück­li­chen Cho­pin in Erin­ne­rung bleibt. (Eine der mit ste­ter Regel­mä­ßig­keit auf­tau­chen­den Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen in deut­schen Städ­ten heißt „Ein Win­ter auf Mal­lor­ca“, mul­ti­me­di­al gestal­tet mit einer Lesung aus Sands gleich­na­mi­gem Buch, mit Licht­bil­dern und mit Cho­pins Musik – dar­un­ter natür­lich das „Regen­trop­fen-Pré­lude“, das frei­lich als sol­ches nur in der popu­lä­ren Über­lie­fe­rung iden­tifi­zier­bar scheint …) Sand und Cho­pin lern­ten sich übri­gens bei Liszt ken­nen. Der Win­ter auf Mal­lor­ca 1838/​1859, wor­un­ter man sich heu­te viel­leicht etwas „Rornan­ti­sches“ vor­stellt, war vol­ler mehr oder weni­ger schreck­li­cher Erleb­nis­se. (Welch selt­sa­me Idee ja auch, mit zwei Kin­dern und einem Pia­nis­ten und Kom­po­nis­ten, Groß­stadt­mensch und krank dazu, sich im Win­ter auf eine unwirt­li­che und ungast­li­che Insel zurück­zu­zie­hen!) 3

Gut gelingt Döm­ling aber auch man­ches, vor allem die (musik-)historische Situ­ie­rung und Ein­ord­nung Liszts, sei­ner Kon­zert­pra­xis und sei­ner Kom­po­si­tio­nen. Das nimmt zar nur sehr wenig Raum ein, aber immer­hin nimmt er sich die Zeit und den Platz – ger­ne auch mit ent­spre­chen­den Rück­bli­cken, zu klar soll es ja nicht wer­den – zu schil­dern, was an Listzs Trei­ben Beson­der­heit oder Nor­ma­li­tät im 19. Jahr­hun­dert war – das ist ein sehr guter Zug.

Im gan­zen wirkt das aber auf mich noch arg unfer­tig, wie eine Vor­stu­die für ein „rich­ti­ges“ Buch: Döm­ling springt flei­ßig hin und her, ohne das immer aus­rei­chend deut­lich zu machen, beginnt irgend­wie immer wie­der neu. Deut­lich wird das vor allem in sei­ner Dar­stel­lung der 1830er: Liszts Kon­zert­kar­rie­re darf hier unzäh­li­ge Male neu begin­nen – aber über das wie, das was und vor allem das war­um erfährt man dann doch herz­lich wenig. Über­haupt, der Kon­zert­künst­ler Liszt ist hier total unter­be­lich­tet, gera­de was die zeit­ge­nös­si­sche Rezep­ti­on angeht, aber auch, was sei­ne eigent­li­chen Unter­neh­mun­gen betrifft.
Dazwi­schen, in die­ser Mate­ri­al­samm­lung oder die­sem Stein­bruch, ste­hen dann doch immer wie­der klu­ge Sät­ze, die Ein­sicht und Ein­füh­lungs­ver­mö­gen ver­ra­ten und den Leser wie­der ver­söh­nen.4 Scha­de nur, dass es so weni­ge blei­ben und dass sie so ver­streut sind. Sei­ne Andeu­tun­gen haben aber irgend­wie Metho­de: Das geschieht immer auf ähn­li­che Wei­se, wie z.B. Liszts Bezie­hung zu Wag­ner:

Cosi­mas detail­lier­te Tage­buch­no­ta­te sagen dazu mehr als genug.5

Toll, dass Döm­ling das weiß. Ich hät­te es auch ger­ne erfah­ren …

Mein Haupt-„Problem“ bei der Lek­tü­re des bio­gra­phi­schen Abris­ses aber: Mir scheint, er hat kei­ne wirk­li­che Deu­tung des Lebens, kei­ne Inter­pre­ta­ti­on des Lebens­we­ges – des­we­gen wirkt das so aka­de­misch, weil er über gro­ße Tei­le des Tex­tes nur die äuße­ren Sta­tio­nen abhan­delt, die Psy­cho­lo­gie des Kom­po­nis­ten aber kei­ne (bzw. nur eine klei­ne) Rol­le spielt. Dazu kommt dann noch eine eher ver­wun­der­li­che Zurück­hal­tung, was die Beschrei­bung und/​oder Ana­ly­se der Musik Liszts angeht – das ist oft erschre­ckend und ärger­lich kurz, ober­fläch­lich und nichts­sa­gend. Von einem Musik­wis­sen­schaft­ler, der sich schon län­ger mit Liszt beschäf­tigt, hät­te ich gera­de in die­sem Punkt deut­lich mehr erwar­tet.

Also, in mei­nen Augen kei­ne emp­feh­lens­wer­te Bio­gra­phie, auch im Jubi­lä­ums­jahr nicht: Wer noch kei­ne Kennt­nis­se der Bio­gra­phie Liszts hat, wird sich hier­mit wohl schwer­tun. Und war­um die Süd­deut­sche das emp­feh­lens­wert fand, erschloss sich mir über­haupt nicht.

Wolf­gang Döm­ling: Franz Liszt. Mün­chen: Beck 2011 (Wis­sen). ISBN 978−3−406−61195−7. 112 Sei­ten.

Show 5 foot­no­tes

  1. Der MGG-Arti­kel von Det­lef Alten­burg ist durch­aus zu recht erwähnt, der ist schon sehr gut. Und dass Döm­ling sich bei Bur­gers Bild- und Doku­ment­band flei­ßig bedient hat (natür­lich nur, was die Tex­te angeht, Bil­der gibt es in die­ser Rei­he ja nicht), merkt man im Text deut­lich.
  2. Ich ken­ne mich da nicht wirk­lich aus – aber Döm­ling ist ja mit Werk­ana­ly­sen oder wenigs­tens ‑beschrei­bun­gen auch ärger­lich extrem zurück­hal­tend.
  3. S. 34f. – so steht das wirk­lich mit­ten in einer Liszt-Bio­gra­phie. Und das ist nicht die ein­zi­ge der­ar­ti­ge Stel­le, sol­che und ähn­li­che Sei­ten­hie­be gibt es unzäh­li­ge …
  4. Zum Bei­spiel die weni­gen, knap­pen, aber m. E. sehr genau tref­fen­den Sät­ze zur Hei­mat-Idee Liszts, zu sei­ner Bezie­hung zu Ungarn – das hät­te durch­aus Poten­zi­al zur Aus­ar­bei­tung gehabt …
  5. Und damit ist Döm­ling auch fast am Ende sei­ner knap­pe Schil­de­rung der Begeg­nung Wag­ner-Liszt im Win­ter 1882/​83, S. 100.

Redlichkeit und so weiter

Dass es der lie­be Herr zu Gut­ten­berg manch­mal nicht all­zu genau nimmt, merkt man sei­ner Poli­tik ja durch­aus an. Dass er damit aber schon vor­her ange­fan­gen hat, ist dann doch neu. Und beschäf­tigt heu­te vie­le: Mei­ne Blogroll ist voll von kur­zen und weni­ger kur­zen, detail­lier­ten und grund­sätz­li­chen, bösen und abwä­gen­den Über­le­gun­gen und Kom­men­ta­ren zum Pla­gi­ats­dok­tor und sei­ner Dis­ser­ta­ti­on.

Doku­men­ta­tio­nen der gehei­men Abschrei­be­rei:

da müss­te man eigent­lich gar nichts mehr sagen müs­sen …

korrelation oder kausalität

für alle, die den unter­schied noch nie ver­stan­den haben (und das sind mei­ner erfah­rung nach erstaun­lich vie­le …):

korrelation oder kausalität

kor­re­la­ti­on oder kau­sa­li­tät

ich helfe wissenschaftlern ja gerne …

… aber wenn ich dann so einen fra­ge­bo­gen wie den der gram­ma­tik­be­nut­zer­for­schung (immer­hin in zusam­men­ar­beit mit dem duden-ver­lag) vor mir habe, zweif­le ich doch manch­mal, ob man sich nicht kon­se­quent ver­wei­gern soll­te. wofür braucht man z.b. bei einem fra­ge­bo­gen im netz (schon die nomen­kla­tur zeigt ja an, dass hier jemand was nicht ver­stan­den hat …) eine druck­vor­schau? und wie­so kann man nicht pri­mi­tivs­te pro­gam­mie­rungs­kennt­nis­se ein­be­zie­hen und die mög­lich­kei­ten nut­zen, fra­gen ent­spre­chend den bereits gege­be­nen ant­wor­ten zu selek­tie­ren anstatt das auch noch den beant­wor­tern auf­zu­bür­den? so schafft man sich doch nur mas­sig feh­ler­haf­te daten­sät­ze …

und es kommt noch bes­ser: klickt man nach dem aus­fül­len auf „sen­den“, so erscheint – ein lee­re sei­te. klas­se.

geist vs. natur

der streit zwi­schen geis­tes- und natur­wis­sen­schaf­ten ist uralt. und stink­lang­wei­lig, weil es eigent­lich über­haupt kei­ne rol­le spielt. immer wie­der inter­es­sant zu beob­ach­ten sind aber die orte und die grün­de, an denen die­se front wie­der neu beschwo­ren, beob­ach­tet oder beackert wird. hier ist mal wie­der ein gegen­an­griff: eigent­lich ist der viel behaup­te­te, auf wil­helm dil­they zurück gehen­de unter­schied zwi­schen geis­tes­wis­sen­schaf­ten und natur­wis­sen­schaf­ten, näm­lich die unter­schei­dung ver­ste­hen – erklä­ren, längst nich­tig. meint zumin­dest sibyl­le krä­mer:

„Es greift zu kurz, die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten in die Schub­la­de blo­ßer Deu­tungs­wis­sen­schaf­ten zu ste­cken oder gar als Kom­pen­sa­ti­ons­me­cha­nis­men instru­men­tel­ler Ver­nunft zu hand­ha­ben. Viel­mehr haben Geis­tes­wis­sen­schaf­ten immer auch eine dop­pel­te Funk­ti­on: sie sind Wis­sen­schaft von Rea­li­en und lie­fern zugleich Ori­en­tie­rungs­wis­sen (Sinn, Wer­te …).
Geis­tes­wis­sen­schaf­ten for­schen über Rea­li­en, also über ‚Gegen­stän­de‘, die immer auch in Raum und Zeit situ­iert sind (oder waren). Über­dies sind alle wis­sen­schaft­li­chen Gegen­stän­de inter­pre­ta­ti­ons­ab­hän­gig und dies gilt gera­de auch für die ‚epis­te­mi­schen Din­ge‘ der Natur­wis­sen­schaf­ten. Geis­tes­wis­sen­schaf­ten haben es nicht nur mit Sinn und Bedeu­tung zu tun, son­dern immer auch mit Kul­tur­tech­ni­ken, Pra­xis­for­men, Medi­en­struk­tu­ren ud sym­bo­li­schen Gram­ma­ti­ken, ohne wel­che die Gene­se und Zir­ku­la­ti­on von Sinn und Bedeu­tung nicht erklär­bar wäre. Daher ist die Demar­ka­ti­ons­li­nie von ‚Erklä­ren‘ und ‚Ver­ste­hen‘ kein geeig­ne­tes Unter­schei­dungs­kri­te­ri­um zwi­schen Natur- und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten.”

(das zitat ist geklaut von der „guten stu­be”.)

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