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Kategorie: politik Seite 3 von 6

Übertriebenes Unverständnis?

Die west­li­chen Medi­en haben das damals mit einem mei­nes Erach­tens über­trie­be­nen Unver­ständ­nis für die chi­ne­si­sche Regie­rung als Mas­sa­ker bezeich­net. Doch was hät­te Deng tun sol­len? … Wenn er den Platz des Himm­li­schen Frie­dens nicht hät­te räu­men las­sen, hät­te die Regie­rung ‚das Gesicht verloren‘.

So spricht Hel­mut Schmidt in einer kur­zen Erin­ne­rung über sei­ne Begeg­nun­gen mit Deng Xiao­ping in der aktu­el­len Aus­ga­be der „Zeit Geschich­te“, die sich ganz Chi­na wid­ment (1/​2012, S. 91).

Und genau damit hat mich Hel­mut Schmidt – nicht zum ers­ten Mal – gehö­rig ver­schreckt. Denn die­se Belie­big­keit ist schlimm: ja, was sol­len die armen Chi­ne­sen denn tun, sie hät­ten ja „ihr Gesicht“ ver­lo­ren – und das weiß doch jeder, das das in die­ser Kul­tur das Schlimms­te über­haupt ist. Was sind schon fast 3000 Tote dage­gen? Tote noch dazu, die ja – so die Impli­ka­tur – genau gewusst haben, was pas­sie­ren muss, wenn sie da so blöd in der Öffent­lich­keit demons­trie­ren und so etwas Unver­schäm­tes wie Demo­kra­tie ver­lan­gen? Mein lie­ber Mann: Sol­che Äuße­run­gen sind es immer wie­der, die mir die Ver­eh­rung Hel­mut Schmidts gänz­lich unbe­greif­lich machen. 

Und dann noch: Was bit­te schön ist denn „über­trie­be­nes Unver­ständ­nis“? Ent­we­der man ver­steht etwas nicht – dann ver­steht man es eben nicht. Das kann man dann nicht mehr über­trei­ben. Was Schmidt hier offen­bar mei­nen, aber nicht sagen will: Das Unver­ständ­nis war kei­nes, die „Medi­en“ wuss­ten genau (nach Schmidts Les­art), wor­um es ging, und haben das Unver­ständ­nis vor­ge­scho­ben – und, das ist die Fol­ge davon, sich (mei­nes Erach­tens zu Recht) mora­lisch ent­rüs­tet über das Gemet­zel. Und das fin­det Herr Schmidt wohl über­trie­ben. Nun ja, da muss man ja eigent­lich nichts mehr sagen …

Real-​Satire?

Heu­te im Zug habe ich mit gro­ßem Ver­gnü­gen Nor­bert Hop­pes „Ich war Gut­ten­bergs Ghost“ gele­sen. Die Mit­rei­sen­den haben immer mal wie­der selt­sam geschaut, wenn ich aus hei­te­rem Him­mel laut auf­ge­lacht habe. Aber man­che Stel­len sind ein­fach zu witzig …

Dann sag­te der alte Mann [d.i. Kara­sek] wie­der: „Krull“ – und ging weg, den Hauss­mann holen, den Regis­seur, „Son­nen­al­lee“, Sie wis­sen Bescheid? Und der fand auch sofort: Felix Krull! Thea­ter­rol­le in Bochum … Ein Mann in Bom­ber­ja­cke, den sie Eichin­ger nann­ten, sag­te „Quatsch“ Lie­ber Film draus machen“, und hat­te schon den Bier­de­ckel für den Ver­trag vor­be­rei­tet … Boris Becker frag­te, ob er mal vor­bei­dür­fe zur Toi­let­te, und hat­te noch nicht ein­mal eine dun­kel­häu­ti­ge Frau dabei, jeden­falls auf dem Hin­weg. Und am Ende schau­te sogar Tho­mas Gott­schalk noch kurz her­ein (64)

Natür­lich ist das von vor­ne bis hin­ten erlo­gen, selbst der Autor­na­me ist ein Pseud­onym. Aber es ist ein­fach rich­tig gut gemacht, wie Hop­pe hier als angeb­li­cher Schul­freund und Adju­tant von „KT“ des­sen Cha­rak­ter, sei­ne Ent­wick­lung, den Auf­stieg und den plötz­li­chen Sturz schreibt – mit ihm als wesent­li­chen Draht­zie­her, ja sogar als Schöp­fer des „Poli­ti­kers“ Gut­ten­berg. Und als Ghost­wri­ter der „Gut­ten­berg­schen“ Dis­ser­ta­ti­on – als Betrü­ger, der von Gut­ten­berg betro­gen wur­de, weil die­ser ihn über die Her­kunft der Text­frag­men­te auf den angeb­li­chen 60 Dis­ket­ten täusch­te, so dass der Ghost­wri­ter gar nichts dafür konn­te, dass er zum Pla­gia­tor wur­de. Tra­gisch, so etwas …

Ich glau­be heu­te, die­ses Techno-​Zeug war für ihn auch irgend­wie Wag­ner, nur mit ande­ren Mit­teln, aber wenn man genau hin­hört, ist es doch über­ra­schend ähn­lich im tie­fen Gedröh­ne. im hys­te­ri­schen Gefie­pe und in der gesam­ten Ufer­lo­sig­keit, ja, ich glau­be, er mein­te Wag­ner, wenn er Tech­no hör­te, das Tota­le, das All­um­fas­sen­de, das Gesamt­kunst­werk­haf­te hat­te es ihm eben ange­tan […]. (102f.)

Das gan­ze ist wun­der­bar mit vie­len klei­nen, tref­fen­den Sei­ten­hie­ben auf die Poli­tik der Bun­des­re­pu­blik und ihre Akteu­re, auf die deut­sche Gesell­schaft und die Medi­en, das Kul­tur­le­ben (nicht nur Hele­ne Hege­mann, auch Ingo Schul­ze kommt vor …) gespickt. Und es sti­lis­tisch gekonnt durch­ge­hend als simu­lier­te Beich­te bzw. „Jetzt sage ich euch mal die Wahrheit“-Rede geschrie­ben – so gut, dass man ein­fach eine Men­ge Spaß damit hat. Und an nicht weni­gen Stel­len wirkt die Sati­re dann doch wie­der so rea­lis­tisch, dass man fast Angst bekommt – Angst um ein Land und eine Gesell­schaft, in der so eine „Kar­rie­re“ und so vie­le Fehl­zu­schrei­bun­gen samt den Heils­er­war­tun­gen mög­lich sind.

Aber bei ARD und ZDF hieß es: Unse­re Zuschau­er mögen kei­ne Kin­der, die sind immer so laut und so frech und schie­ßen mit dem Fuß­ball Fens­ter­schei­ben kaputt, wenn man Mit­tags­schlaf hal­ten will. Sat.1 woll­te nur mit­ma­chen, wenn ein Pro­fi­ler aus den Lei­chen der Opfer auf den Täter schließt. Und das rich­ti­ge RTL bestand dar­auf, dass erst einbmal die Super­nan­ny mit allen Betei­lig­ten redet. Aber ich hat­te Ste­pha­nie ver­spro­chen, ihr Kon­zept unver­fälscht und ohne Wenn und Aber durch­zu­bo­xen. Da blie­ben am Ende nur der Home­shop­ping­ka­nal und RTL2. Na ja, und dann doch wohl lie­ber RTL2, nicht wahr? (142f.)

Das Kon­zept für die unsäg­li­che Sen­dung der Frau Gut­ten­berg hat­te natür­lich auch Hop­pe en pasant mal ent­wi­ckelt. Am Ende übri­gens, auch eine schö­ne Poin­te, fin­det Hop­pe doch wie­der einen neu­en Arbeitsplatz:

Ich habe inzwi­schen wie­der einen Job, wie­der als Reden­schrei­ber und als Stich­wort­ge­ber, auch lei­der wie­der in Ber­lin, aber dafür dies­mal wenigs­tens hübsch im Grünen.
Das Schloss Bel­le­vue ist Ihnen ein Begriff?
Die Wulffs – irre net­te Leu­te, sag ich Ihnen. (Und die Haa­re von ihr! Die Haa­re!! Aber das ist ein ande­res Thema.)

Nor­bert Hop­pe: Ich war Gut­ten­bergs Ghost. Eine Sati­re. Köln: Kie­pen­heu­er & Witsch. 156 Sei­ten. ISBN 978–3‑452–04435‑5.

ACTA, geistiges Eigentum & Privatisierung der Rechtsdurchsetzung

Nach SOPA/​PIPA drängt ACTA als gewis­ser­ma­ßen „euro­päi­sche“ Ver­si­on (ein durch­aus pro­ble­ma­ti­scher Ver­gleich, aber dar­um geht es hier nicht …) gera­de in die Auf­merk­sam­keit. mspr0 hat eine schö­ne, klei­ne Ein­füh­rung in die Pro­ble­me des ACTA-​Abkommens geschrie­ben: klick. Mehr ins Detail geht ars tech­ni­ca. Auch bei netzpolitik.org gibt es eini­ges zum Abkom­men, den Geheim­ver­hand­lun­gen und dem Pro­test in Euro­pa, Mar­kus Becke­dahl hat im Auf­trag der Digi­ta­len Gesell­schaft auch auf Spie­gel Online die wesent­li­chen Pro­ble­me von ACTA noch ein­mal zusam­men­ge­fasst.. Emp­foh­len sei des­halb zumin­dest die Peti­ti­on an das EU-​Parlament bei Avaaz oder ande­re For­men des Pro­tes­tes gegen die­se ein­sei­ti­ge, unver­nünf­ti­ge und rück­sichts­lo­se sowie voll­kom­men unde­mo­kra­ti­sche Art der Politik.

Verhängnis

Es wal­tet ein Ver­häng­nis über die­sem Land und ich weiß genau, daß es nicht nur der Kapi­ta­lis­mus ist. Daß die­ser bes­tia­lisch wer­den kann, hat kei­nes­wegs öko­no­mi­sche Grün­de allein. […]Ich erken­ne nur ein all­ge­mei­nes Schla­mas­sel, und bei­na­he wäre mir am liebs­ten, es könn­te noch so fort­ge­wurs­telt wer­den.“ (Sieg­fried Kra­cau­er an Theo­dor W. Ador­no, 28.8.1930)

Insubordination

Selt­sam. Rafa­el Behr, Pro­fes­sor für „Poli­zei­wis­sen­schaf­ten“ (im Plu­ral!) in Ham­burg, schreibt in der Zeit 44/​2011 (S. 17, jetzt auch online – natür­lich sofort von den erwart­ba­ren Kom­men­tar­re­fle­xen über­schwemmt …) einen eigent­lich recht ver­nünf­ti­gen Text über die angeb­li­che Zunah­me der Gewalt gegen Poli­zis­ten, weist zu Recht dar­auf hin, dass die­se Zunah­me sich durch nichts bele­gen lässt und ver­weist – etwas dif­fus – auf gesell­schaft­li­chen Wan­del, dem sich die Poli­zei (und ihre Aus­bil­dung) anzu­pas­sen habe. Aber etwas ist mir mit­ten­drin auf­ge­sto­ßen: Da spricht Behr auf ein­mal von „Insub­or­di­na­ti­on“:

Es ist also nicht die Gewalt, die den Poli­zis­ten Schwie­rig­kei­ten berei­tet, son­dern die aggres­si­ve Kom­mu­ni­ka­ti­on der Bevöl­ke­rung, mit der es Poli­zei zu tun hat. Ich nen­ne es Insub­or­di­na­ti­on, ein Unge­hor­sam, der um sich greift und auf den Poli­zis­ten nicht gut vor­be­rei­tet sind.

Und genau das offen­bart ein Teil des Pro­blems: Insub­or­di­na­ti­on kann es in die­sem Zusam­men­hang gar nicht gegen. Insub­or­di­na­ti­on, also so etwas wie „Befehls­ver­wei­ge­rung“, gibt es nur zwi­schen Unter­ge­ord­ne­ten und Vor­ge­setz­ten, im stren­ge­ren Sin­ne eigent­lich nur in mili­tä­ri­schen Kon­tex­te. Im Duden heißt es z.B.: „man­geln­de Unter­ord­nung; Unge­hor­sam gegen­über [mili­tä­ri­schen] Vor­ge­setz­ten“. Und das kann ich bei der Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Poli­zei und Zivi­lis­ten nicht ein­fach so unter­stel­len – das ist ja gera­de der Punkt: Auch im Kon­takt mit Poli­zis­ten ver­fü­ge ich als Bür­ger über Frei­hei­ten. Schön brav gehor­chen muss ich viel­leicht (nicht ein­mal das unbe­dingt!) im Mili­tär, nicht aber in einer moder­nen Gesell­schaft. Und auch wenn er selbst den Rekurs auf die Zei­ten, in der der Schutz­mann (Frau­en spie­len natür­lich kei­ne Rol­le hier) noch qua­si unan­ge­foch­ten über Auto­ri­tät ver­füg­te, zurück­weist, unter­schlägt er – wie fast alle in sol­chen Dis­kus­sio­nen – einen Punkt, den ich nicht ganz unwich­tig fin­de: Das Auf­tre­ten heu­ti­ger Poli­zis­ten ist mit dem eines „Schutz­man­nes“ – für mich (!) eine Insti­tu­ti­on, die es seit 50–60 Jah­ren nicht mehr gibt – nicht zu ver­glei­chen. Man muss sich nur mal die Aus­rüs­tung eines nor­ma­len Strei­fen­po­li­zis­ten anschau­en: Der ist so aus­ge­stat­tet, als ob er jeden Moment mit sehr viel Gewalt rech­net. Sicher­lich aus guten Grün­den. Oft genug schlägt sich das aber auch in der Hal­tung und in der initia­len Kom­mun­ka­ti­on von Poli­zis­ten nie­der – un pro­vo­ziert natür­lich ganz selbst­ver­ständ­lich eine ent­spre­chen­de Abwehr­hal­tung und ange­pass­te Kom­mu­ni­ka­ti­on im Gegen­über. Wenn man sich dann noch vor Augen hält, wie oft und non­cha­lant sich Poli­zis­ten im All­tag über die von ihnen gehü­te­ten Geset­ze hin­weg­set­zen (und sich natür­lich immer im Recht wäh­nen), wun­dert es mich fast, dass sie nicht mehr Gewalt erfahren …

Datenschützer und das Internet

Alles nicht so ein­fach, die­se Ver­lin­kun­gen und Ein­bi­dun­gen und der gan­ze Kram in die­sem neu­en Inter­net da. Und dann sind es auch noch nicht nur die bösen Facebook-​Buttons, son­dern die Ein­bet­tun­gen sind ein­fach über­all – Hilfe!

Zum Bei­spiel auch mal hier (obwohl es hier bei mir sonst eher sel­ten ist/​sein soll, ich bemü­he mich, mög­lichst viel bei mir zu haben bzw. zu halten):
PrivacyImg - Ein interaktives Beispiel.

Verein ohne Mitglieder?

Irgend­wie ist das alles wie­der ganz trau­rig und per­vers: Da hat jemand die Idee, die Netz­ge­sell­schaft (was auch immer das ist) als Lob­by zu orga­ni­sie­ren und grün­det mit wahn­sin­ni­gem Tam­tam einen Ver­ein. Einen Vor­stand hat man auch schon – Mit­glie­der möch­te man aber mög­lichst kei­ne. Die könn­ten ja auch eine Mei­nung haben (das man das in einem Ver­ein nicht zu hoch hän­gen sollt mit der vol­len Betei­li­gung aller Mit­glie­der dürf­te jeder wis­sen, der bei so etwas schon mal mit­ge­macht hat …) – des­we­gen bit­tet man nur um Unter­stüt­zer und Hel­fer, nicht aber um Mit­glie­der. Was soll die­ser Mist? Wie will eine Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on Gehör fin­den, wenn Sie nie­man­den ver­tritt, nie­man­dem zei­gen kann, dass sie eine mehr oder min­der bedeu­ten­de Grup­pie­rung im Volk ist? Einen Ver­ein Mit­glie­dern zu öff­nen heißt ja noch lan­ge nicht zwangs­läu­fig, über alles basis­de­mo­kra­tisch abzu­stim­men. Auch der hat ja einen geschäfts­füh­ren­den Vor­stand. Aber den kann man als Mit­glied wenigs­tens (ab-)wählen und nicht nur „unter­stüt­zen“. Kein Wun­der, dass man sich bei sol­chen Unter­neh­mun­gen ganz vor­nehm „Digi­ta­le Gesell­schaft“ nennt und das „Ver­ein“ nicht so ger­ne her­aus­stellt. Das Vor­bild Gree­peace hat das mei­nes Wis­sens etwas anders gehand­habt – die waren/​sind zwar auch oft mehr als ein Ver­ein (über ihre etwas aufdringlich-​gewalttätige Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie – will man das in der Netz­po­li­tik wirk­lich nach­ah­men?), aber sie waren eben doch – auch – ein nor­ma­ler Ver­ein mti allem Drum und Dran. Hier wird das – so sieht es im Moment, der zuge­ge­be­ner­ma­ßen noch sehr früh ist – (wie­der) nur ein eli­tä­re Kreis, der sich mit Namen und (Pseudo-)Organisation den Anspruch gibt, für vie­le zu spre­chen – die­se Vie­le aber auf kei­nen Fall hören mag oder ihnen gar Mög­lich­kei­ten der Mit­be­stim­mung der Rich­tung „ihrer“ Ver­tre­tung ein­zu­räu­men. Und weil ich mich zumin­dest am Ran­de doch zu den Vie­len zäh­le, rege ich mich hier gera­de etwas sehr auf …

Der schi­cke Name hat auch noch den Vor­zug, so schön schil­lernd viel­deu­tig zu sein: Gibt es eine digi­ta­le Gesell­schaft? Ist das ein Ziel? Ist das eine Gesell­schaft wie die Deut­sche Tisch­ge­sell­schaft Achim von Arnims oder meint das Gesell­schaft hier den sozio­lo­gi­schen Begriff? Fra­gen über Fra­gen – ein paar Ant­wor­ten hät­te man sich da doch schon gewünscht – denn eigent­lich will ich das ja gut fin­den, was die Recken um Mar­kust Becke­dahl da anzap­fen. Aber so geht das irgend­wie nicht so rich­tig. Und Leu­te, die so sehr in all­täg­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on ein­ge­bun­den sind wie die Grün­der die­ser Gesell­schaft soll­ten doch sol­che grund­le­gen­den Kom­mu­ni­ka­tio­nen im Griff haben. Wie kann man sie sonst ernst neh­men? Und natür­lich stellt sich auch gleich wie­der die Fra­ge: Ist das gut, hier über die Män­gel der Orga­ni­sa­ti­on zu meckern? Oder soll­te man das ob des heh­ren Ziels lie­ber las­sen um der Poli­tik nicht in die Hän­de zu spie­len?

[ohne kommentar]

 

via @oliverhering[via @oli­verhe­ring bei twit­pic]

Konservative Tugenden: Lügen, Täuschen, Betrügen

Gus­tav Seibt hat für das heu­ti­ge Feuil­le­ton der Süd­deut­schen Zei­tung eine wun­der­ba­re klei­ne Abhand­lung geschrie­ben, in der er Gut­ten­bergs unsäg­li­che Ver­su­che, die kon­ser­va­ti­ven Tugen­den­den des Lügen, des Anpas­sen von Regeln und Wer­ten (des Staa­tes vor allem) den eige­nem Gut­dün­ken unter­zu­ord­nen, auf die Wis­sen­schaft aus­zu­deh­nen, in eine his­to­ri­sche Kon­ti­nui­tät stellt und auf eine Nähe die­ses „put­schis­ti­schen Regel­ver­sto­ßes“ zum verfassungs- und geset­zes­ver­ach­ten­den Ver­hal­ten Ber­lus­co­nis hin­weist. Und den Schluss muss ich ein­fach hier noch ein­mal zitie­ren, das ist zu gut und zu treffend:

Und es ist schon toll, dass wir nun, zehn Jah­re nach Casi­mir, Kan­ther und Kohl, schon wie­der ein Vir­tuo­sen­stück die­ser gum­mi­ar­tig beweg­li­chen und zugleich wet­ter­fest tan­nen­haf­ten aris­to­kra­ti­schen Prin­zi­pi­en­stär­ke anstau­nen dür­fen. Nach der bru­talst­mög­li­chen Auf­klä­rung kam die mühe­volls­te Klein­ar­beit elek­tro­nisch gestütz­ter Text­ge­ne­se, mit der min­des­tens zwei Grund­re­geln wis­sen­schaft­li­chen Anstan­des ver­letzt wur­den: das Urhe­ber­recht und die ehren­wört­li­che Ver­si­che­rung selb­stän­di­ger Her­stel­lung einer wis­sen­schaft­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­ons­schrift. Dazu kommt jener dreis­te Mut zur Unwahr­heit gegen­über der Öffent­lich­keit, der die bald ein­deu­tig beleg­ten Ver­feh­lun­gen zunächst als „abstrus“ und dann als unab­sicht­lich hin­stellt. Mög­li­cher­wei­se kommt durch die Ver­wen­dung wis­sen­schaft­li­cher Zuar­bei­ten aus dem Bun­des­tag noch Amts­miss­brauch hinzu.

Gekrönt wird das Ver­hal­tens­mus­ter des put­schis­ti­schen Regel­ver­sto­ßes dadurch, dass der so über­führ­te Edel­mann sich nach­träg­lich zum Her­ren des Pro­mo­ti­ons­ver­fah­rens macht und sei­nen Dok­tor­ti­tel von sich aus ablegt. Der Gro­ße steht dabei im Sturm des Bei­falls einer Men­ge, die, wie Pro­fes­sor Baring weiß, beim Wort „Fuß­no­ten“ fragt: Ach, wer­den jetzt auch Füße beno­tet? Dage­gen wir­ken ein Uni­ver­si­täts­kanz­ler und ein in Urlaub gegan­ge­ner Dok­tor­va­ter mit ihren tüdeli­gen Prü­fungs­ver­fah­ren nur bürgerlich-​grau und glanz­los. Das Ste­hen­de der Insti­tu­ti­on und ihres Ethos ver­dampft unter der Son­ne stän­di­schen Glan­zes. Der Bei­fallum­tos­te mag kurz wackeln, aber vor­erst steht er fest, weil jede und jeder, der ihm den ent­schei­den­den Stoß ver­set­zen wür­de, der wüten­den Men­ge um ihn zum Opfer fal­len müss­te. Viel­leicht ist die­se geschicht­li­che Anpas­sungs­fä­hig­keit an Zeit­um­stän­de das eigent­li­che Geheim­nis acht­hun­dert­jäh­ri­ger Familiengeschichten.

Aber was unter­schei­det sol­che Durch­hal­te­kraft eigent­lich noch von der Zähig­keit eines Sil­vio Berlusconi?

Der gan­ze Text mit der Über­schrift „Der Herr des Ver­fah­rens“ steht sogar online.

Ideologie, Bildung, Leistung

Das sind so die Schlag­wor­te, die hier in Rheinland-​Pfalz gera­de von den Bil­dungs­po­li­ti­kern (oder denen, die es ger­ne wer­den möch­ten) in die Dis­kus­si­on gewor­fen wer­den. Und das Ergeb­nis ist schreck­lich und schau­rig. Man muss sich nur mal den Text der CDU-​Seite, ver­tre­ten durch den His­to­ri­ker Andre­as Röd­der (des­sen Leh­re ich auch schon mehr oder weni­ger genos­sen haben), anschau­en: Das ist ein schlim­mer Rück­fall in Zei­ten und Mus­ter, die ich längst für erle­digt hielt. Schon wenn man sich Wort­wahl, Rhe­to­rik und Argu­men­ta­ti­ons­struk­tur des Bei­tra­ges in der Rhein-​Zeitung anschaut, wird jedem ver­nünf­ti­gen Men­schen hof­fent­lich schlecht: Allen, die ande­re Ideen von Bil­dung ver­tre­ten als der CDU-„Experte“, wird wie­der­holt und pene­trant „Ideo­lo­gie“ unter­stellt und vor­ge­wor­fen. Natür­lich gar­niert mit dem bösen, bösen Wort „Ein­heits­schu­le“ (wenn ich mich recht ent­sin­ne, ver­sucht das ja auch auf die Schu­le der DDR anzu­spie­len [aber damit kann ich­auch irren]). Röd­der benö­tigt sowie­so den meis­ten Raum sei­ner Aus­füh­run­gen dazu, den SPD-​Politikern Ver­sa­gen, Unehr­lich­keit („durch die Hin­ter­tür“) und Feh­ler vor­zu­wer­fen. Was er dem ent­ge­gen­set­zen will, bleibt dann – um es höf­lich aus­zu­drü­cken – blass. Viel mehr als „Leis­tung“ steht da nicht. Die wird vor allem und bevor­zugt mit dem Gym­na­si­um in Ver­bin­dung gebracht, das wie­der zur Eli­ten­schu­le ver­gan­ge­ner Jahr­hun­der­te wer­den soll. Und sol­che kuschel­päd­ago­gi­schen Kon­zep­te (das Wort fällt nicht, ist aber ziem­lich offen­sicht­lich mit­ge­dacht) wie Bin­nen­dif­fe­ren­zie­rung oder indi­vi­du­el­le Beur­tei­lungs­maß­stä­be oder – Gott behü­te – die Erset­zung der nume­ri­schen Zen­su­ren durch ver­ba­le (schrift­li­che) Beur­tei­lun­gen über die zwei­te Klas­se hin­aus wer­den – übri­gens so ziem­lich kom­plett gegen den in die­sen Belan­gen rela­tiv ein­deu­ti­gen bil­dungs­wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­stand – als böse, unge­nü­gend und vor allem die ange­be­te­te Leis­tung ver-​/​behindernd dar­ge­stellt. Auf so einen Blöd­sinn muss man auch erst ein­mal kommen. 

Wie eigent­lich immer bei den Leis­tungs­a­po­lo­ge­ten spielt auch nur die Spit­ze eine Rol­le [wäre man böse, könn­te man ein­fü­gen: der Autor hat es dahin ja auch nicht geschafft, son­dern ist an so einer mit­tel­mä­ßi­gen Uni­ver­si­tät wie der Main­zer hän­gen geblie­ben], was mit den ande­ren – im Gym­na­si­um selbst und vor allem außer­halb bzw. hier eben deut­lich unter­halb des­sen – pas­sie­en soll, das ist kei­ner Über­le­gung wert. War­um auch, die haben ja ein­fach nicht genug geleistet …

Bei Doris Ahnen von der SPD kom­men immer­hin sol­che Prin­zi­pi­en wie „Viel­falt“ und „sozia­le Gerech­tig­keit“ als Leit­fä­den einer Bil­dungs­po­li­tik, die nicht nur in die Geschich­te schaut, son­dern sich bemüht, auf die Ände­run­gen und Her­aus­for­de­run­gen der Gegen­wart zumin­dest ein­mal zu reagie­ren (wenn nicht sogar gestal­tend ein­zu­grei­fen), vor. Dass Ahnen auch nur wenig kon­kre­te Pro­jek­te und Zie­le nennt, son­dern vor allem die Erfol­ge der letz­ten Jah­re her­an­zi­tiert, bleibt frei­lich auch ent­täu­schend. Aber immer­hin, inter­essnt ist es schon, dass aus­ge­rech­net jetzt, nach­dem in den letz­ten Jah­ren eigent­lich etwas Ent­span­nung in die auf­ge­la­de­ne Bildungs- und Schul­dis­kus­si­on gera­ten war, das wie­der so stark auf die alten Gegen­sät­ze pola­ri­siert wird. Ob es dem Gegen­stand gut tut? Ich bezweif­le es …

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