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Kategorie: medien Seite 2 von 45

spinnennetz vor natur

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Ins Netz gegan­gen am 5.9.:

  • „Die Gesell­schaft pro­fi­tiert von unse­rer Auto­no­mie“ | FAZ → ein schö­nes, inter­es­san­tes, klu­ges inter­view mit der his­to­ri­ke­rin bar­ba­ra stollberg-rilinger

    Die gan­ze Gesell­schaft pro­fi­tiert von der Auto­no­mie der Wis­sen­schaft. Die eigent­li­che Arbeit der His­to­ri­ker ist mei­ner Ansicht nach von sol­chem bür­ger­recht­li­chen Enga­ge­ment zu unter­schei­den. Indem man Geschich­te nach his­to­risch-kri­ti­schen Stan­dards schreibt, leis­tet man ja schon Aufklärungsarbeit.

  • Vor­bild Frank­furt: Restau­ra­ti­ve Schi­zo­phre­nie| Mer­kur → ein sehr klu­ger und, trotz sei­ner kla­ren posi­tio­nie­rung, unauf­ge­reg­ter kom­men­tar von phil­ipp oswalt zur rekon­struk­ti­ons­ar­chi­tek­tur wie der frank­fur­ter „neu­en alt­stadt“ (schon der name ist in sei­ner ästhe­ti­schen grau­sam­keit ja bezeichnend)

    Es ist eine Medi­en­ar­chi­tek­tur, die aus tech­ni­schen Bil­dern gene­riert nun vor allem der Erzeu­gung neu­er media­ler Bil­der dient. Auch sonst ist die Archi­tek­tur kei­nes­wegs so tra­di­tio­nell, wie sie auf den ers­ten Blick erschei­nen mag. Der Roh­bau besteht – von den weni­gen Fach­werk­häu­sern abge­se­hen – aus Stahl­be­ton und Indus­trie­zie­geln, die Aus­stat­tung umfasst Fuß­bo­den­hei­zung mit Fern­wär­me, Drei­fach­ver­gla­sung, mecha­ni­sche Lüf­tung, modern geschnit­te­ne, offe­ne Wohn­kü­chen, umfang­rei­che Sani­tär­räu­me und meist einen direk­ten Zugang zu den pri­va­ten Stell­plät­zen in der zuge­hö­ri­gen Tiefgarage.

    Nicht nur für die Bewoh­ner, auch für die zeit­knap­pen Fern­tou­ris­ten aus Asi­en und Über­see ist die neue Alt­stadt die moder­ne Alter­na­ti­ve, und so wird sie auch beworben.

    […]

    Ob ico­nic buil­ding oder Rekon­struk­ti­on his­to­ri­scher Bau­ten – bei­des sind sym­bo­li­sche Ges­ten zur Iden­ti­täts­kon­struk­ti­on, wie sie seit den 1990er Jah­ren in Mode gekom­men sind.

    […] Der Staat hat sich aus der Flä­che zurück­ge­zo­gen, und die vor­he­ri­ge Kohä­si­ons­po­li­tik wur­de durch einen Insel­ur­ba­nis­mus abge­löst, bei dem gro­ße Berei­che der Stadt dere­gu­liert und pri­va­ti­siert wer­den, wäh­rend an aus­ge­wähl­ten zen­tra­len Orten klei­ne Inseln mit gro­ßer Kon­troll­tie­fe beplant werden. […]

    Mit dem Zer­fall einer im All­tag prak­ti­zier­ten Kohä­si­on ist die Auf­wer­tung eines sym­bo­lisch-media­len Ersat­zes umso wichtiger.

    […]

    Doch die Alt­stadt Frank­furt ist kei­ne über­zeu­gen­de Ant­wort auf die drän­gen­den Fra­gen des heu­ti­gen Städ­te­baus, sie ist Teil des Problems.

  • Im Ruck­sack: die Frei­heit | Oli­ver B. Weber → ein inter­es­san­ter essay über die spe­zi­fi­sche form des rei­sens der gegen­wär­ti­gen back­pa­cker und die dar­aus entstehende/​erwachsende „glo­ba­li­ty“

    Der Back­pa­cker ver­steht sich als Zeit­rei­sen­der. Er sucht die seli­ge Ver­gan­gen­heit in geo­gra­phi­scher Fer­ne. Die Men­schen, die dar­in leben müs­sen, begut­ach­tet er mit einer ambi­va­len­ten Mischung aus Stau­nen und Her­ab­set­zung. Immer sel­te­ner hin­ge­hen ist ein tat­säch­lich ein­tre­ten­der habi­tu­el­ler Posi­ti­ons­wech­sel des Beob­ach­ters. Woher kommt die häu­fi­ge Blind­heit gegen­über der tat­säch­li­chen Welt, zu deren Ent­de­ckung das Back­pack­ing ja ange­tre­ten war?

  • Sehn­sucht nach Retro­to­pia | Zeit → ein klu­ger essay von nils mark­wardt über „Poli­ti­sie­rung der Nost­al­gie“ und die „Feti­schi­sie­rung von Geschich­te unter Aus­blen­dung von Geschichtlichkeit“:

    Im Ange­sicht der aktu­el­len Retro­ma­nia besteht die Auf­ga­be dar­in, Geschich­te als glei­cher­ma­ßen bewuss­ten wie pro­gres­si­ven Wie­der­ho­lungs­pro­zess, nicht als blo­ßes Abstau­ben der Ver­gan­gen­heit zu verstehen.

  • Da läuft etwas ganz schief | For­schung & Leh­re → der erzie­hungs­wis­sen­schaft­ler vol­ker laden­thin hat genug von den man­geln­den fähig­kei­ten und kennt­nis­sen der aktu­el­len stu­die­ren­den (ich bin mir nicht sicher, ob das in die kate­go­rie „frü­her war alles bes­ser“ fällt oder ob es wirk­lich die rea­li­tät trifft)

    Die Stu­die­ren­den sind über­aus freund­lich und kom­mu­ni­ka­tiv, im Zwie­ge­spräch sehr geschickt. Eben­so sind sie flei­ßig, gut­wil­lig und kon­struk­tiv: Aber es lässt sich ein ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gi­sches Pro­blem fest­stel­len. Auf Grund der kogni­ti­ven Ent­wick­lung schei­nen die Stu­die­ren­den in den Anfangs­se­mes­tern mehr­heit­lich nicht in der Lage, kom­ple­xe, anti­no­mi­sche und mul­tik­au­sa­le Pro­zes­se, wie sie heu­te in allen Wis­sen­schaf­ten übli­cher­wei­se beschrie­ben wer­den, ange­mes­sen auf­zu­neh­men und Vor­gän­ge streng aspekt­ge­bun­den oder mul­ti­per­spek­ti­visch zu betrachten.

geknüpftes netz (knoten)

Ins Netz gegangen (13.6.)

Ins Netz gegan­gen am 13.6.:

  • „Die Ret­tungs­or­ga­ni­sa­ti­on hat sich nach Esche­de wei­ter­ent­wi­ckelt“ – Inter­view mit dem Unfall­me­di­zi­ner Ewald Hüls | Sozi­al­theo­ris­ten → span­nen­des inter­view mit ewald hüls, der beim ice-unglück in esche­de lei­ten­der notartzt war, über mög­lich­kei­ten, kon­zep­te, stra­te­gien und lern­pro­zes­se der rettungsmedizin

    Der Ret­tungs­dienst hat genau das erst­mal ler­nen müs­sen – im Gegen­satz zu allen ande­ren betei­lig­ten Orga­ni­sa­tio­nen wie Bun­des­wehr, Poli­zei, Grenz­schutz, Berufs­feu­er­weh­ren – in sol­chen Lagen wirk­lich umzu­schal­ten und bei einem Mas­sen­an­fall von Ver­letz­ten anders zu agie­ren, als wir das aus dem täg­li­chen Ret­tungs­dienst, näm­lich der Indi­vi­du­al­ver­sor­gung, ken­nen. Das war eine der stärks­ten Anstren­gun­gen in den letz­ten Jah­ren, sol­che Kon­zep­te dann auch tat­säch­lich zu ver­in­ner­li­chen. Wenn ich eine Groß­scha­dens­la­ge habe, kann ich nicht ein­fach irgend­wo rein stür­men, son­dern muss auf Befehl ganz bestimm­te Arbei­ten ver­rich­ten, die abge­stimmt sind.

  • Der Thea­ter­be­trieb ist ein Män­ner­la­den | FR → die regis­seu­rin karin hen­kel im inter­view mit dirk pilz über thea­ter, männ­li­che (macht)strukturen, ungleich­heit und veränderungen

    Es gibt ja viel weni­ger gro­ße Rol­len für Frau­en, aber ich möch­te mit den tol­len Schau­spie­le­rin­nen arbei­ten, die ich ken­ne. Das habe ich mir durch­aus zur Auf­ga­be gemacht: Wie kön­nen die­se mehr vor­kom­men? Und das ist dann natür­lich ein femi­nis­ti­scher Blick. Immer alles aus einer Män­ner­per­spek­ti­ve zu erzäh­len – das lang­weilt mich. 

  • Die Kli­ma­wand­ler | taz → bern­hard pöt­ter sieht in kei­nen grund für posi­ti­ve nachrichten:

    Denn in der Umwelt‑, Ener­gie- und Nach­hal­tig­keits­po­li­tik legt das Kabi­nett Mer­kel IV gera­de einen Fehl­start hin. Schon im Wahl­kampf 2017 kamen die­se The­men prak­tisch nicht vor. Im Koali­ti­ons­ver­trag von CDU/​CSU und SPD wur­den sie an den Rand gedrängt. Und in der Rea­li­tät der ers­ten drei Mona­te wur­de es noch schlim­mer: Zie­le wur­den gekappt, Fris­ten ver­säumt, Zusa­gen kas­siert, Drin­gen­des wur­de auf die lan­ge Bank gescho­ben. […] Aber auf ein Signal für mehr Nach­hal­tig­keit aus dem Kanz­ler­amt, wo eigent­lich die Nach­hal­tig­keits­po­li­tik koor­di­niert wird, war­tet sie bis­her vergeblich.

  • Zu Büchern fin­det man nicht allein | FAZ → ein schö­nes und (lei­der) not­wen­di­ges plä­doy­er von til­man spre­ckel­sen für die erhal­tung von stadt­bi­blio­the­ken und ihre rol­le im lese­le­ben, aber eben auch für die gesell­schaft insgesamt:

    Denn wenn es einen Ort gibt, an dem sich unse­re Gesell­schaft mit all ihren Wer­ten und ihren Wider­sprü­chen spie­gelt samt der Frei­heit, sich aus dem Ange­bot ganz allein und unbe­ob­ach­tet das Pas­sen­de her­aus­zu­su­chen, ohne befürch­ten zu müs­sen, wie im Inter­net dabei auf Schritt und Tritt regis­triert zu wer­den, dann ist er hier.

  • „Die Blu­men sind weg, die Schmet­ter­lin­ge auch“ | taz → inter­view mit Clau­di­us Prö­ßer über insek­ten­ster­ben, land­wirt­schaft und zwän­ge der gegen­wart – sehr lesenswert.
netzstruktur auf blauem hintergrund (vernetzungsgraph)

Ins Netz gegangen (16.5.)

Ins Netz gegan­gen am 16.5.:

  • Der neue Ber­li­ner Fei­er­tag muss der Euro­pa­tag am 9. Mai wer­den! | Der (euro­päi­sche) Föde­ra­list → manu­el mül­ler schlägt vor, einen fei­er­tag für eruopa/​die euro­päi­sche einigung/​befriedung einzuführen

    In Erin­ne­rung an die Schu­man-Erklä­rung begeht die Euro­päi­sche Uni­on den 9. Mai bereits seit vie­len Jah­ren als Euro­pa­tag. Euro­pa­weit fin­den heu­te Fes­te und Ver­an­stal­tun­gen statt, um die euro­päi­sche Idee, die Errun­gen­schaf­ten der euro­päi­schen Inte­gra­ti­on und das bür­ger­schaft­li­che Enga­ge­ment für län­der­über­grei­fen­den Aus­tausch und Ver­stän­di­gung zu feiern.

    Nur eines ist der Euro­pa­tag noch nicht: ein gesetz­li­cher Fei­er­tag. Das Land Ber­lin hat jetzt die Chan­ce, das zu ändern.

  • Im Kor­sett des Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus | SZ → im gegen­satz zu ger­hard mät­zigs etwas her­umei­ern­den sowohl-als-auch-arti­kel for­dert lau­ra weiss­mül­ler einen guten punkt, bevor man über die angeb­lich bes­se­re leis­tung der nach­ge­bau­ten pseu­do-alt­stadt in frank­furt diskutiert:

    Und genau des­we­gen macht es kei­nen Sinn, das neue Frank­fur­ter Alt­stadt­quar­tier in Stel­lung gegen eine Archi­tek­tur zu brin­gen, die ver­sucht, auf die Pro­ble­me unse­rer Zeit zu reagie­ren. Wer die Qua­li­tä­ten bei­der Rich­tun­gen – hier die Bau­ten der Alt­stadt­freun­de, dort die der Avant­gar­dis­ten – ernst­haft ver­glei­chen möch­te, müss­te erst mit der­sel­ben Sorg­falt, Detail­freu­de und Unter­stüt­zung der Bau­be­hör­de ein ähn­lich dich­tes Stück Stadt, und zwar in glei­cher zen­tra­ler Lage, in zeit­ge­nös­si­schem Gewand bau­en las­sen. Ansons­ten ist es unlau­ter, eine Archi­tek­tur für ihre Unbe­haust­heit ver­ant­wort­lich zu machen, wenn man sie aus Kos­ten­grün­den genau in die­ses Kor­sett zwingt.

  • Ein Rei­sen­der auf dem Oze­an der Tex­te: Gérard Genet­te ist tot | NZZ → milo rau schreibt einen gut infor­mier­ten nach­ruf auf den gro­ßen lite­ra­tur­theo­re­ti­ker gérard genet­te, der letz­te woche verstarb:

    Der­art zahl­reich sind die Bezü­ge aus­ser­halb und inner­halb sei­ner Dis­zi­plin, der­art viel­fäl­tig ist Genet­tes Ein­fluss auf die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten ins­ge­samt, dass es letzt­lich wohl die­se tota­li­sie­ren­de Unab­hän­gig­keit von Schu­len und Denk­rich­tun­gen ist, die sein Werk auszeichnet.

spinnennetz in blühpflanzen

Ins Netz gegangen (2.5.)

Ins Netz gegan­gen am 2.5.:

  • Umso schlim­mer für die Tat­sa­chen | Süd­deut­sche → wolf­gang kraus­haar wirft einen instruk­ti­ven blick auf die „ergeb­nis­se“ des gedenk­jah­res zum 50. jubi­lä­um von „1968“

    Kaum jemand, der sich damals auf die Bewe­gung ein­ge­las­sen hat­te, dürf­te so wie­der aus ihr her­aus­ge­kom­men sein, wie er zuvor in sie hin­ein­ge­gan­gen war. Das war ein kom­pri­mier­ter, äußerst dyna­mi­scher Pro­zess, der die Ein­zel­nen nur zu häu­fig grund­le­gend ver­än­dert hat.

    Die­se Bewe­gung war aber in ihrem Kern auch etwas völ­lig Neu­ar­ti­ges. Ihre Akteu­re woll­ten ja nicht ein­fach wie noch die Arbei­ter- oder Gewerkschafts‑, die Frie­dens- oder Oster­marsch­be­we­gung durch ihren Pro­test Inter­es­sen ver­fol­gen und bestimm­te Zie­le errei­chen. Nein, sie woll­ten sich dabei auch selbst ent­wi­ckeln, ver­än­dern, man­che sogar „befrei­en“. Es ging 1968 zugleich auch immer um die Beweg­ten selbst, um ihre Bedürf­nis­se, ihre Wün­sche, ihre Träu­me – in einem empha­ti­schen Sin­ne um Sub­jek­ti­vi­tät. Die Scha­len der alten Per­son soll­ten abge­schüt­telt und dar­un­ter ein neu­es Ich ent­deckt und gebor­gen wer­den. Damit hat­te sie allen Irrun­gen und Wir­run­gen zum Trotz ein Bewe­gungs­for­mat geschaf­fen, das für ande­re Pro­tes­tie­ren­de zum Fix­punkt wur­de und an dem sich vie­le spä­ter ori­en­tiert haben.

  • Die Schein­frei­heit der Bibel | taz → heinz-wer­ner kubitz­ka erklärt, war­um es falsch (und schein­hei­lig) ist, sich für moder­ne wer­te auf das chris­ten­tum zu berufen:

    Tole­ranz und Frei­heit sind eben nicht orga­nisch aus dem Chris­ten­tum erwach­sen, son­dern muss­ten gera­de­zu in Geg­ner­schaft zum Chris­ten­tum ver­wirk­licht wer­den. […] Befrei­ung fin­det und fand nicht mit, son­dern meist gegen die Reli­gio­nen statt. Moder­ne Wer­te nimmt man nicht aus alten Schriften.

  • Ver­ba­le Aus­schuss­wa­re | Spie­gel → sascha lobo ver­zwei­felt an face­books com­mu­ni­ty-stan­dards – und zwar aus­drück­lich schon an ihrer sprach­li­chen verfasstheit
  • Mein ers­ter DSGVO Rant – Zu vie­le Mythen und gefähr­li­ches Halb­wis­sen zum neu­en euro­päi­schen Daten­schutz­recht | Recht 2.0 → cars­ten ulb­richt ärgert sich über panik und fal­sche infor­ma­tio­nen in bezug auf die dsgvo

    Wer sich hier von der Panik­ma­che nicht anste­cken lässt, son­dern sich aus ver­nünf­ti­gen Quel­len oder bei Bera­tern infor­miert, die einen prak­ti­ka­blen Weg zur Umset­zung zei­gen und nicht nur mit­tei­len, wie unsi­cher und ris­kant alles wird, der wird auch die Vor­ga­ben der DSGVO sinn­voll umge­setzt bekommen.

  • Von der Lügen­pres­se zur Lügen­wis­sen­schaft? | Zeit­ge­schich­te online → andre­as wir­sching macht sich gedan­ken über den platz und die rele­vanz der (zeit-)geschichte in der heu­ti­gen gesellschaft:

    Mit ihrem plu­ra­len Blick auf die Ver­gan­gen­heit ver­mei­det die Pro­blemer­zeu­gungs­ge­schich­te zugleich die Frag­men­tie­rung ihres Gegen­stan­des ent­lang iden­ti­tä­rer Abgren­zun­gen. Sie lässt sich daher nicht vor den Kar­ren außer­wis­sen­schaft­li­cher Iden­ti­täts­kon­struk­ti­ons­be­dürf­nis­se span­nen, son­dern ana­ly­siert die­se selbst als Pro­blem­ho­ri­zont der Gegenwart.
    So – und wie ich mei­ne nur so – lässt sich die Zeit­ge­schich­te als Vor­ge­schich­te der Gegen­wart ver­ste­hen. Und als sol­che kann sie nicht nur, son­dern soll­te unbe­dingt ihre Stim­me in der Deu­tung aktu­el­ler Pro­blem­la­gen erhe­ben. Gegen­über den Reduk­tio­nis­ten aller Cou­leur wirkt sie stö­rend, aber eben das erweist ihre öffent­li­che Relevanz.
    Und in nicht weni­gen Dis­kus­sio­nen liegt dar­in auch ihre beson­de­re Kom­pe­tenz. His­to­ri­sche Wis­sen­schaf­ten sind näm­lich die ein­zi­gen Dis­zi­pli­nen, die gleich­sam mit zwei Augen sehen. Wäh­rend das eine Auge in der Zeit- und Stand­ort­ge­bun­den­heit des Wis­sen­schaft­lers haf­ten bleibt, rich­tet sich das ande­re auf die his­to­ri­sche Tie­fe. Und erlau­ben Sie mir zum Schluss eine nicht ganz ernst­zu­neh­men­de Wei­ter­füh­rung des Bil­des. Denn sind nicht die rein gegen­warts­ori­en­tier­ten Wis­sen­schaf­ten gleich­sam die Ein­äu­gi­gen unter den Blin­den – den blin­den Zeit­ge­nos­sen, die ihre Gegen­wart nicht zu ver­ste­hen ver­mö­gen? Und ist es dem­ge­gen­über nicht allein die Zeit­ge­schich­te, die mit ihren bei­den Augen zusam­men räum­lich sehen kann. Wenn es sich so ver­hält, ist die Zeit­ge­schich­te weder anti­qua­ri­sche noch Lügen­wis­sen­schaft und um ihre Rele­vanz braucht uns nicht ban­ge zu sein.

fischernetz

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  • Fata, Libel­li. Lite­ra­tur­ko­lum­ne | Mer­kur → ekke­hard knö­rer wirft einen instruk­ti­ven blick auf den buch­markt und sei­ne (haupt-) akteur*innen

    Ein Buch ist ide­al­ty­pisch das, was eine Autorin ver­fasst, ein Agent in ihrem Namen ver­kauft, eine Lek­to­rin lek­to­riert, ein Ver­lag set­zen lässt, publi­ziert und bewirbt, was ein Händ­ler online oder im Laden ver­kauft, eine Rezen­sen­tin rezen­siert, eine Käu­fe­rin kauft. Ein Buch ist also ein ziem­lich kom­ple­xes, aus geis­ti­gen, mate­ri­el­len, öko­no­mi­schen Aspek­ten zusam­men­ge­setz­tes Objekt. […] Das Schrei­ben von Büchern ist eine in jeder Hin­sicht auf­wän­di­ge und anstren­gen­de Sache. Die aller­meis­ten Autorin­nen und Autoren von Lite­ra­tur kön­nen, wie sich aus den genann­ten Zah­len ohne viel Rech­nen ergibt, weder von den Ver­käu­fen ihrer Bücher noch von den Vor­schüs­sen leben. Das gilt für die USA, das gilt für Deutsch­land, es gilt wohl über­all auf der Welt. Den­noch erschei­nen Jahr für Jahr unfass­bar vie­le bel­le­tris­ti­sche Titel. Wovon leben all die­se Menschen?

  • Geschlos­sen gegen ima­gi­nier­te Bedro­hun­gen | Süd­deut­sche → ein ziem­lich guter essay von felix ste­phan über die ver­bies­ter­ten, eng­stir­ni­gen kämp­fe um (deutungs-)hoheit (auch) in der kul­tur­sze­ne, die er er im ver­har­ren in den eige­nen echo­kam­mern begrün­det sieht
  • Aber über Juden­hass nicht lachen wol­len! | Über­mei­den → gabri­el yoran regt sich ziem­lich zu recht über dum­me fra­gen beim dlf auf:
    [Levit] soll allen Erns­tes erklä­ren, wie sich sein Twit­tern jüdi­scher Wit­ze mit Kri­tik an einem Preis für Ver­ächt­lich­ma­chung von Ausch­witz-Häft­lin­gen ver­trägt. Was ist das für ein furcht­ba­res Land, in dem ein füh­ren­des, seriö­ses Medi­um sol­che Fra­gen stellt? 
  • Moni­ka Grüt­ters im Inter­view | Tages­spie­gel → ein total irres inter­view mit moni­ka grüt­ters, die sich ernst­haft dar­über beschwert, dass bei kul­tur­po­li­ti­schen ent­schei­dun­gen (zu) vie­le mit­re­den wol­len. nun ja:

    Manch­mal wür­de auch der Kul­tur­be­trieb eine Auto­ri­tät gut vertragen.

  • Die gro­ße Inklu­si­on | taz → vor­ab­druck eines auzu­ges aus armin nas­sehs neu­em buch über 1968, „Gab es 1968?“, das – wenn ich den hier ver­öf­fent­lich­ten text als maß­stab neh­me – sehr inter­es­sant zu sein scheint:

    Als wirk­sa­mes Erbe [von 1968] haben sich Inklu­si­ons­schü­be voll­zo­gen, in deren Fol­ge es zu einer Gene­ra­lin­k­lu­si­on der Bevöl­ke­rung kam. Dadurch ist es, so mei­ne The­se, in allen west­eu­ro­päi­schen Län­dern zu einem mehr oder weni­ger merk­li­chen impli­zi­ten Links­ruck gekom­men – nicht expli­zit links gemäß der Vor­stel­lung der radi­ka­len Revo­lu­ti­ons­per­spek­ti­ve des klei­nen har­ten Kerns von „1968“, wonach die Gesell­schaft ein umbau­ba­res Objekt dar­stellt. Doch die Inklu­si­ons­dy­na­mik hat durch­aus zu einer dis­kur­si­ven Betei­li­gung grö­ße­rer Grup­pen geführt, und es kam zu einer grup­pen­über­grei­fen­den Prä­mi­ie­rung von Abwei­chung allein des­halb, weil die „Arbeits­tei­lung“ von Schich­ten und Milieus durcheinandergeriet.
    […] Die Poli­ti­sie­rung der Inklu­sion ist das, was ich hier als das impli­zit Lin­ke bezeich­nen möch­te. Es ist links, weil es die ega­li­tä­ren, auf sozia­le Ungleich­heit zie­len­den For­men von Mit­glied­schaft und Gene­ra­lin­k­lu­si­on von Bevöl­ke­run­gen offen­siv angeht und sich mit jedem Schritt in Rich­tung Gene­ra­lin­k­lu­si­on die Unmög­lich­keit ein­han­delt, sol­che For­men wie­der zurück­zu­dre­hen. Und es ist impli­zit links, weil es für die Ver­fol­gung sol­cher Poli­tik kei­ner expli­zit lin­ken Seman­tik und Pro­gram­ma­tik bedarf. 

spinnennetz mit tautropfen

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  • Oh-rani­en­platz, Ih-rani­en­platz | taz → roland berg über die feh­len­de schöne/​ästhetische gestal­tung von bau­ten in der stadt heute:

    Und stets ori­en­tiert man sich dabei an der ver­meint­lich „schö­nen“ Ver­gan­gen­heit. Zeit­ge­nös­sisch-ver­bind­li­che Vor­stel­lun­gen über das Schö­ne schei­nen zu feh­len. Also das, was Imma­nu­el Kant sei­ner­zeit „Gemein­sinn“ nann­te. Heu­te scheint das Vor­mo­der­ne aus der Geschich­te als ein­zi­ge Norm für die Gegen­wart als ver­bind­lich. Und selt­sa­mer­wei­se wird – zumin­dest in ästhe­ti­scher Hin­sicht – von den meis­ten das Frü­he­re dem Heu­ti­gen vor­ge­zo­gen. […] Retro­spek­ti­ve Ästhe­tik und Rekon­struk­ti­on von (Alt‑)Bauten und gan­zer Stadt­räu­me bis hin zu Wie­der­auf­er­ste­hung des abge­ris­se­nen Ber­li­ner Schlos­ses fül­len die Lee­re, die der Ver­lust des Gemein­sinns für das Schö­ne in der Gegen­wart mit sich gebracht hat. 

  • Wer Gedich­te liest, weiss mehr über das Leben | NZZ → die nzz doku­men­tiert leicht gekürzt die dan­kes­re­de von micha­el brauch für den alfred-kerr-preis

    Bei der Beschäf­ti­gung mit der Fra­ge, war­um sich einer wie ich mit Gedich­ten befasst und Rezen­sio­nen zu Gedicht­bän­den schreibt, gelangt man zu ähn­li­chen Ein­sich­ten, wie sie Nico­las Born 1970 for­mu­liert hat: Es hat mit dem eige­nen Exis­tie­ren zu tun, mit dem Ver­such, dem Rät­sel des eige­nen Daseins auf die Spur zu kom­men. Beim Lesen von Gedich­ten ist man fast immer mit den Fra­gen nach den letz­ten Din­gen kon­fron­tiert, wir wer­den unmit­tel­bar und ohne schüt­zen­de Ein­lei­tung in medi­as res gewor­fen. Die Ver­se der Gedich­te, die wir lesen, ver­mit­teln uns das «punk­tu­el­le Zün­den der Welt im Sub­jec­te», wie es ein Schü­ler des Phi­lo­so­phen Hegel for­mu­lier­te. […] Beim Lesen von Gedich­ten wird ein Riss sicht­bar in dem Welt­ge­bäu­de, das uns eben noch ver­traut schien. Ein Riss wird sicht­bar im Welt­ge­bäu­de, und – so sagt es ein­mal der rus­si­sche Welt­po­et Ossip Man­del­s­tam – die poe­ti­sche Rede weckt uns mit­ten im Wort auf. Gedich­te spre­chen von dem skan­da­lö­sen Fak­tum, dass wir gebo­ren wor­den sind und dass wir in noch nicht vor­stell­ba­rer, aber doch nicht all­zu fer­ner Zukunft ster­ben werden. 

  • Über ein rich­ti­ges Leh­rer-Leben im fal­schen Schul­sys­tem | Bil­dungs­lü­cken → schreibt über kri­tik an schu­le und ihrem sys­tem und mög­lich­kei­ten der ver­bes­se­rung und ver­än­de­rung, auch auf indi­vi­du­el­ler ebene

    Denn unser Schul­sys­tem hat so vie­le grund­le­gen­de Män­gel, dass ich mir oft die Fra­ge stel­le, ob es das über­haupt geben kann: ein rich­ti­ges Lehr­erle­ben im fal­schen Schul­sys­tem. Im Lau­fe der Zeit habe ich eini­ge (Über-)Lebensstrategien entwickelt.

  • Secu­ri­ty | Ohne Text singt kein Mensch mit

    Die Chan­ge-Manage­ment-Fach­kraft einer gro­ßen Unter­neh­mens­be­ra­tung und ein Stu­dent im dunk­len Kapu­zen­pul­li legen in der Schlan­ge nach­ein­an­der ihre Gür­tel, die Geld­bör­sen und ihre Lap­tops in die Durch­leuch­tungs-Scha­len auf das Band der Sicher­heits­kon­trol­le. Sie schau­en sich kurz lächelnd an, weil bei­de das­sel­be Lap­top-Modell aus ihren Hand­ge­päck-Rei­se­ta­schen nesteln.

  • Rad­fah­ren in Kopen­ha­gen und Ber­lin: Vom Para­dies in die Vor­höl­le| Deutsch­land­funk Kul­tur → die über­schrift sagt eigent­lich schon alles – ein kur­zer, sub­jek­ti­ver ver­gleich der rad­fahr­mög­lich­kei­ten in den bei­den städten

    Lie­ber über gute Rad­we­ge ohne Helm als über schlech­te mit.

  • Jüdisch, ehren­hal­ber | FAZ → clau­di­us seidl sehr rich­tig zu dem blöd­sin­ni­gen geschwätz von „jüdisch-christ­li­cher prägung“:

    Inso­fern schließt die Rede von der „jüdisch-christ­li­chen Prä­gung“ nicht nur den Islam aus – was ja der eigent­li­che Zweck die­ser Behaup­tung ist. Auch Auf­klä­rung und Athe­is­mus, auch die, gera­de in der deut­schen Lite­ra­tur­ge­schich­te, so wich­ti­ge Sehn­sucht nach jenem hei­te­re­ren Him­mel, in wel­chem die mensch­li­che­ren Göt­ter der Grie­chen woh­nen, wer­den von die­ser Rede, wenn nicht aus­ge­schlos­sen, dann doch zu den Apo­kry­phen einer Tra­di­ti­on, deren Kanon angeb­lich jüdisch-christ­lich ist (man möch­te die Namen all derer, die die­se Rede zu Frem­den macht in der deut­schen Kul­tur, gar nicht auf­zäh­len müssen).

  • Wun­der­ba­rer Eigen­sinn| Faust Kul­tur → ein wun­der­ba­res, klu­ges gespräch mit dem lyrik­kri­ti­ker micha­el braun, den ich immer wie­der ger­ne lese (auch wenn ich nicht in allem mit ihm übereinstimme …):

    Ich wür­de für mich sagen: Es muss eine Stö­rung der geläu­fi­gen Sprach­struk­tu­ren erfol­gen, wir müs­sen beim Spre­chen und Schrei­ben die Ver­traut­heit ver­lie­ren – auch in unse­rem Ver­ste­hen -, wir müs­sen aus­ge­he­belt wer­den beim Lesen sol­cher Ver­se, sonst kann kein gutes Gedicht ent­ste­hen. […] Das poe­ti­sche Selbst­ge­spräch ver­mag manch­mal eben doch ande­re zu errei­chen. Und ob das nun 17 oder 97 oder 1.354 sind, spielt kei­ne Rol­le. Also, 1.354, die­se berühm­te Enzens­ber­ger­sche Kon­stan­te, ist ja noch zu opti­mis­tisch ange­legt. Nicht 1.354 Men­schen pro Popu­la­ti­on, ob in Island oder den USA, grei­fen zu Gedicht­bän­den, son­dern nur 135,4 Lyri­k­le­ser! Also die Enzens­ber­ger­sche Kon­stan­te müss­te durch 10 geteilt wer­den. 135,4 Rezi­pi­en­ten pro Gedicht­band ist die neue Kon­stan­te für öffent­li­che Auf­merk­sam­keit auf Gedichte.

gefrorenes spinnennetz

Ins Netz gegangen (14.3.)

Ins Netz gegan­gen am 14.3.:

  • «Ulysses»-Neuedition: «Recht­lich ist die Sache tot»| NZZ → ange­la scha­der fasst die vor­gän­ge um die revi­dier­te joy­ce-über­set­zung anschau­lich zusam­men – dass einem ver­lag wie suhr­kamp so etwas pas­siert, ist schon reich­lich peinlich …
  • Staats­mi­nis­te­rin für fal­sche Ver­spre­chun­gen und flie­gen­de Autos | Zeit → fried­helm greis nimmt die beru­fung bärs zur staats­mi­nis­te­ring für digi­ta­les und ihre ers­ten inter­views sehr zu recht kri­tisch unter die lupe

    Ihre bis­he­ri­gen Äuße­run­gen las­sen dar­auf schlie­ßen, dass sich Bär vor allem als Lob­by­is­tin der Digi­tal­wirt­schaft und der Pro­vi­der sieht. […] Bärs Ziel scheint es dage­gen zu sein, die Daten­schutz­re­geln für alle Nut­zer auf­zu­wei­chen, damit deut­sche Fir­men mit der Daten­sam­mel­wut der US-Kon­zer­ne kon­kur­rie­ren können.

  • „Eine Poli­zei, die sich auf Micro­soft stan­dar­di­siert, betreibt Daten-Hara­ki­ri“ | Süd­deut­sche → ein gutes inter­view mit rafa­el lagu­na über open source, das freie netz, ver­ant­wor­tung und sicherheit

    Wenn die öffent­li­che Hand Geld für Soft­ware-Ent­wick­lung inves­tiert, soll­te sie es immer so tun, dass am Ende Open-Source-Soft­ware raus­kommt. Dann kön­nen auch ande­re Behör­den in Euro­pa die Ergeb­nis­se nut­zen. Und wenn man sen­si­bels­te Daten einer Bun­des- oder Lan­des­be­hör­de abspei­chert, dann doch bit­te in einem Sys­tem mit volls­ter Kon­trol­le – das geht nur mit Open Source. Eine Poli­zei, die sich auf Micro­soft stan­dar­di­siert, betreibt Daten-Harakiri.

  • Im Stahl­ge­zwit­scher | Pop-Zeit­schrift → jörg schel­ler und wolf­gang ull­rich „bespre­chen“ gekonnt und umfas­send den twit­ter-account von nor­bert bolz, über den ich auch kürz­lich gestol­pert bin und den ich auf­grund sei­ner inhal­te nicht (mehr) für voll neh­men kann

    Der wich­ti­ge­re Grund für unse­re Beschäf­ti­gung mit dem Account von Bolz ist jedoch, dass sich in ihm die Geschich­te einer Radi­ka­li­sie­rung abspielt. Und eben dar­in ist er wohl sym­pto­ma­tisch. Bolz gehört zu der Gene­ra­ti­on älte­rer Män­ner, aus deren Rei­hen seit dem Herbst 2015 viel­fach schar­fe Kri­tik an der Flücht­lings­po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung, nament­lich an Ange­la Mer­kel geübt wird. Wie etwa auch Peter Slo­ter­di­jk, Rüdi­ger Safran­ski oder Jörg Bab­e­row­ski steht Nor­bert Bolz damit auf ein­mal in der Nähe von Rechts­po­pu­lis­mus, AfD und Pegi­da. Sei­ne Tweets erfah­ren von dort viel Zuspruch, der ihn offen­bar nicht nur nicht stört, son­dern sogar anspornt, noch pole­mi­scher zu for­mu­lie­ren und sich die Reiz- und Kampf­vo­ka­beln der rech­ten Sze­nen zu eigen zu machen. […] So sieht also die Twit­ter-Kar­rie­re von jeman­dem aus, der sei­ne libe­ral-kon­ser­va­ti­ve Hal­tung einem Ver­fol­gungs­wahn opfert. […] In Bolz‘ Tweets wal­tet der „Thy­mos“, also der von der Neu­en Rech­ten beschwo­re­ne „Zorn“ und „Stolz“, in Beam­ten­ge­stalt. Aus kom­for­ta­bler Distanz, umhegt von Väter­chen Staat, gut abge­si­chert durch ein unkünd­ba­res Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis, das Bolz all sei­nen Kla­gen über das Elend der Uni­ver­si­tä­ten zum Trotz auf­recht­erhält. Was das mit dem von ihm häu­fig beschwo­re­nen libe­ra­len Geist und Mut zu tun haben soll, ist mir schlei­er­haft. Bolz zählt ja zu den­je­ni­gen Pro­fes­so­ren, die auch in der Pri­vat­wirt­schaft über­le­ben könn­ten. Er ist in den Mas­sen­me­di­en prä­sent, er ist ein gefrag­ter Red­ner und er ver­dient gut damit.

  • Sett­ling the score: cele­bra­ting the women era­sed from the musi­cal canon | Guar­di­an → ana­sta­sia beli­na erin­nert an ver­ges­se­ne kom­po­nis­tin­nen, ins­be­son­de­re an augus­ta holmès

    We are the poorer for her absence. Wit­hout kno­wing and under­stan­ding the work of fema­le com­po­sers, we will always have a limi­t­ed view on the histo­ry of com­po­si­ti­on. Why do we still dif­fe­ren­tia­te bet­ween male and fema­le com­po­sers? Sure­ly gen­der has no bea­ring on the qua­li­ty of the music.

  • ÖPP-Plei­te mit Ansa­ge – der exem­pla­ri­sche Fall A1 mobil | Luna­park 21 → carl waß­muth über die grün­de, war­um öpps für die gesell­schaft (und das gemein­wohl) eher kei­ne gute idee sind – was in der regel mit den ver­trä­gen zusammenhängt:

    ÖPP-Ver­trä­ge bewir­ken, dass der Staat für Ände­run­gen immer bezah­len muss.

zaun im schnee

Ins Netz gegangen (28.2.)

Ins Netz gegan­gen am 28.2.:

  • Düs­sel­dor­fer Ver­klä­rung | Begleit­schrei­ben → anläss­lich der „Düs­sel­dor­fer Erklä­rung“ der klein(eren) ver­la­ge und den wunsch nach för­de­rung und prei­se für die immense kul­tu­rel­le (sie behaup­ten sogar, es sei eine künst­le­risch) leis­tung die­ser ver­la­ge schlägt gre­gor keu­sch­nig vor, gleich nägel mit köp­fen zu machen:

    Aber es gibt noch Stei­ge­rungs­po­ten­ti­al. Wie wäre es mit einem Auf­ruf, den Leser, die Lese­rin mit einem adäqua­ten Preis staat­lich zu unter­stüt­zen? Die Kri­te­ri­en für die Preis­ver­ga­be sind leicht zu eru­ie­ren: Der preis­wür­di­ge Leser, die preis­wür­di­ge Lese­rin, muss min­des­tens 50 Bücher im Jahr lesen (3 davon Lyrik und min­des­tens 20% von soge­nann­ten unab­hän­gi­gen Ver­la­gen). Er/​Sie ver­steht sein Tun als künst­le­ri­sche Leis­tung. Ein Dienst an der Literatur.

  • Wie ich bei­na­he ein Pla­gi­at ent­hüll­te | Zeit → eine net­te geschich­te über (klas­si­sche) musik und die ver­wir­rung, die fal­sche met­da­da­ten bei strea­ming­diens­ten aus­lö­sen kön­nen, hat gabri­el yoran hier aufgeschrieben
  • Bür­ger­meis­ter, fangt ein­fach an! | Zeit → ste­fan ramm­ler for­dert nicht ganz zu unrecht dazu auf, bei der ver­kehrs­po­li­tik und vor allem der ver­kehrs­wen­de nicht immer nur auf die bun­des­po­li­tik zu star­ren und zu war­ten, son­dern auch lokal und kom­mu­nal zu den­ken und vor allem zu handeln

    Es ist ja nicht so, dass klu­ge, gut ver­wo­be­ne und lang­fris­tig aus­ge­rich­te­te Kon­zep­te für einen zukunfts­ge­rech­ten Umbau des Mobi­li­täts­sys­tems in Deutsch­land fehl­ten. Man wüss­te sehr wohl, wie es gin­ge – man will es aber nicht wol­len oder glaubt, es nicht wol­len zu kön­nen. Noch immer haben die Han­deln­den nicht ver­stan­den, dass das Behar­ren beim Alten oder wei­te­re Inno­va­tio­nen in der fos­si­len Mas­sen­mo­to­ri­sie­rung eben gera­de nicht die Zukunft der deut­schen Auto­in­dus­trie sichern. 

  • Die Köni­gin des poe­ti­schen Eigen­sinns | Zeit → micha­el braun wür­digt die gro­ße lyri­ke­rin elke er zu ihrem 80. geburtstag
  • Platt­form-Kapi­ta­lis­mus: „Wir müs­sen über Ver­staat­li­chung nach­den­ken“| Zeit → inter­es­san­tes inter­view mit Nick Srnicek über platt­for­men, die platt­form­öko­no­mie und die damit ver­bun­de­nen veränderungen
gefrorenes spinnennetz

Ins Netz gegangen (31.1.)

Ins Netz gegan­gen am 31.1.:

  • Inter­view: „Die Rele­vanz von Geschlecht nimmt ab“ | Cam­pus Mainz → die ger­ma­nis­ti­sche sprach­wis­sen­schaft­le­rin dama­ris nüb­ling über spra­che und geschlecht, gen­der und gerechtigkeit

    Lang­fris­tig wäre es gut, die Kate­go­rie Geschlecht auf­zu­lö­sen, statt sie zu dra­ma­ti­sie­ren. Das funk­tio­niert neben dem Streu­en auch mit neu­tra­li­sie­ren­den Pro­no­men im Plu­ral wie „alle“, „vie­le“ oder „man­che“. Außer­dem kann man auch anstel­le von Per­so­nen­be­zeich­nun­gen abs­trak­te­re Begrif­fe ver­wen­den, zum Bei­spiel: „Das Insti­tut hat ent­schie­den“ anstel­le von „Der Insti­tuts­lei­ter hat ent­schie­den“ und so weiter.
    Aller­dings kommt das immer auf den Kon­text an. Fes­te Rezep­te gibt es nicht, Krea­ti­vi­tät ist gefragt. Dazu gehö­ren auch die zuneh­men­den Prä­sens­par­ti­zi­pi­en im Plu­ral wie „Stu­die­ren­de“. Sin­gu­la­re wie „der Stu­die­ren­de“ tau­gen dage­gen nicht, da Sin­gu­la­re immer mit Genus auf­ge­la­den sind. Mei­ne Erfah­rung ist, dass es weni­ger eine Fra­ge der Mög­lich­kei­ten als des Wil­lens ist. 

  • Kul­tur­gut Buch – brö­ckelt der Mythos? | Deutsch­land­funk Kul­tur → ein nach­denk­li­ches inter­view mit jörg sun­dermei­er vom famo­sen ver­bre­cher-ver­lag zur lage des buch­mark­tes und der lite­ra­tur im ganz allgemeinen

    Ich glau­be, momen­tan ist eher das Pro­blem nicht so sehr, dass die Leu­te nicht lesen wol­len oder nicht lesen kön­nen, son­dern dass es ein biss­chen demi mode ist, und ich habe aber den Ein­druck, dass es sich ändert und dass das Lesen wie­der zurückkommt,

  • „Gewon­nen hat die deut­sche Nati­on“ | Zeit → noch ein älte­res inter­view, das schon lan­ge in mei­ner lese­lis­te schlum­mert: georg schmidt spricht über den drei­ßig­jäh­ri­gen krieg (die leser­kom­men­ta­re igno­riert man aber besser …)
  • The Ulti­ma­te Pro­duc­ti­vi­ty Blog → groß­ar­tig, sehr tref­fend auf den punkt gebracht
  • Abwe­sen­heit als Kri­se | Sozi­al­theo­ris­ten → span­nen­de über­le­gun­gen von ste­fan kühl zum pro­blem der anwe­sen­heits­kon­trol­len an universitäten

    Selbst in Über­wa­chungs­prak­ti­ken begab­te Leh­ren­de wer­den fest­stel­len, dass sie trotz ein­zel­ner Sie­ge über beson­ders auf­fäl­li­ge Drü­cke­ber­ger am Ende die­se Kon­troll­kämp­fe ver­lie­ren wer­den. Die Krea­ti­vi­tät von Stu­die­ren­den beim Erfin­den von Wegen, die­se Kon­trol­len zu unter­lau­fen, wird immer grö­ßer sein als die Krea­ti­vi­tät von Leh­ren­den im Erfin­den neu­er Wege der Kon­trol­le. Anwe­sen­heits­lis­ten sind des­we­gen ein stump­fes Schwert, um das Leis­tungs­ni­veau von Stu­die­ren­den anzu­he­ben. […] Das Pro­blem der Abwe­sen­heit von Stu­die­ren­den ist also nicht vor­ran­gig ein Pro­blem der Qua­li­tät der Leh­ren­den, son­dern liegt viel­mehr in der Gestal­tung der Stu­di­en­gän­ge selbst […] Statt auf das Pro­blem der Abwe­sen­heit mit dem eher bra­chia­len Mit­tel der Anwe­sen­heits­lis­te zu reagie­ren, gäbe es eine Alter­na­ti­ve. Man könn­te chro­ni­sche Abwe­sen­hei­ten – oder Anwe­sen­hei­ten, die nur über Anwe­sen­heits­lis­ten durch­ge­setzt wer­den kön­nen – als ein Zei­chen dafür sehen, dass irgend­et­was in dem Stu­di­en­gang nicht stimmt. 

  • Trump ist der Geburts­hel­fer von „Me Too“ | SZ → eine gute – und wie mir scheint, sehr tref­fen­de – ein­ord­nung von hed­wig rich­ter der #MeToo-bewe­gung in den wan­del von män­ner-/männ­lich­keits­bil­dern und die geschich­te der gleichberechtigung

    Die Empö­rung über die Gewal­ti­gen, die sich der Lei­ber der ande­ren bedie­nen, ist mehr als ein Hash­tag und etwas ande­res als eine Hetz­jagd. Sie ist das Ende der letz­ten Selbst­ver­ständ­lich­keit: Das Zwei­fel- und Beden­ken­lo­se einer männ­li­chen Herr­schaft, das in die Kör­per ein­ge­schrie­ben war, scheint end­gül­tig außer Kraft gesetzt zu sein.

  • The Hori­zon of Desi­re | Longreads → ein her­vor­ra­gen­der essay von lau­rie pen­ny über kon­sens, rape cul­tu­re, männ­lich- und weib­lich­keit und die damit ein­her­ge­hen­den (ste­reo­ty­pen) erwar­tun­gen an das ver­hal­ten beim sex

    Rape cul­tu­re is not about demo­ni­zing men. It is about con­trol­ling fema­le sexua­li­ty. It is anti-sex and anti-plea­su­re. It tea­ches us to deny our own desi­re as an adap­ti­ve stra­tegy for sur­vi­ving a sexist world. […] But unless we talk about desi­re, about agen­cy, about con­sent, then we’ll only ever be fight­ing this cul­tu­re war in retre­at. It’s a real war, one that impacts our bodi­ly auto­no­my and our eco­no­mic and poli­ti­cal power. The batt­le for fema­le desi­re and agen­cy goes way bey­ond the bed­room, and it’s a batt­le that right now ever­yo­ne is losing. 

weihnachtsbaum im netz

Ins Netz gegangen (22.12.)

Ins Netz gegan­gen am 22.12.:

  • Unter fal­scher Flag­ge. Rech­te “Iden­ti­tä­re” set­zen auf Anti­ken-Pop. Die Geschich­te ihrer Sym­bo­le dürf­te ihnen kaum gefal­len | Pop Histo­ry → eine wun­der­ba­re klei­ne geschich­te: bodo mro­zek erzählt, was hin­ter dem lamb­da als signet der iden­ti­tä­ren bewe­gung steckt – wie so oft, ist das zei­chen, sei­ne ent­ste­hung und nut­zung deut­lich weni­ger ein­deu­tig als sei­ne nut­zer es ger­ne hät­ten oder suggerieren …
  • Der nor­mier­te All­tag | Neu­es Deutsch­land → ein kur­zer rück­blick auf 100 jah­re nor­mung in deutsch­land – von kegel­stif­ten bis rettungstragen …
  • Ist die­ser Mann an allem schuld? Oder doch Sig­mar Gabri­el? | zeit → bernd ulrich sehr rich­tig über das irr­lich­tern­de den­ken und argu­men­tie­ren von sig­mar gabri­el und (zumin­dest tei­le) der spd:

    Öko­lo­gie … wird als etwas Zweit­ran­gi­ges und im Prin­zip schon Gere­gel­tes abge­tan, die fun­da­men­ta­le Kri­se wird oft­mals geleug­net. … Und als dann das ZDF segens­rei­cher­wei­se eine ein­schlä­gi­ge Umfra­ge in Auf­trag gab, waren alle ganz über­rascht von den Ergeb­nis­sen: Auf die Fra­ge, ob zum Errei­chen der Kli­ma­zie­le auch dann Koh­le­kraft­wer­ke abge­schal­tet wer­den soll­ten, wenn das öko­no­misch nega­ti­ve Fol­gen haben könn­te, ant­wor­te­ten zwei Drit­tel mit Ja. 82 Pro­zent gaben an, gegen den Kli­ma­wan­del wer­de inter­na­tio­nal nicht genug getan, wäh­rend immer­hin 52 Pro­zent der Mei­nung waren, selbst Deutsch­land tue hier zu wenig. Offen­bar bewe­gen sich vie­le Poli­ti­ker und Jour­na­lis­ten öko­lo­gisch gese­hen in einer Sonderwelt. 

  • Bücher ver­le­gen und Holz hacken | Deutsch­land­funk Kul­tur → peter engst­ler im gespräch mit ulri­ke timm beim deutsch­land­funk kultur
  • Wozu noch Biblio­the­ken? | Deutsch­land­funk → inter­es­san­ter (lan­ger) essay von micha­el kno­che über biblio­the­ken und das inter­net, wenn auch manch­mal etwas selt­sa­me argu­men­ta­ti­on (u.a.: such­ma­schi­nen erfas­sen nicht das gan­ze inter­net, des­we­gen benö­tigt man biblio­the­ken, die wis­sen mit aus­ge­wähl­ten wer­ken bereitstellen …)

    Die Fokus­sie­rung auf die eige­ne Samm­lung reicht heu­te nicht mehr aus. Die eige­ne Samm­lung muss als Teil eines Netz­werks begrif­fen wer­den. Biblio­the­ken müs­sen heu­te viel arbeits­tei­li­ger vor­ge­hen und viel mehr mit­ein­an­der koope­rie­ren, als dies in der Welt der gedruck­ten Lite­ra­tur not­wen­dig war. Biblio­the­ken müs­sen Bestand hal­ten, aber sie funk­tio­nie­ren nur noch als System.

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