Theoretiker als Giftmischer: Jochen Hörischs „Theorie-Apotheke”

Eine schöne Idee ist das, die der Lite­ra­tur– und Medi­en­wis­sen­schaft­ler Jochen Hörisch (ursprüng­lich für „Die Andere Biblio­thek”) da ver­wirk­licht hat: Eine „Theorie-Apotheke. Die soll die gän­gi­gen theo­re­ti­schen Medi­ka­mente, Gifte und Gegen­gifte so unge­fähr der zwei­ten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts bereit­hal­ten. Und über „Risi­ken und Neben­wir­kun­gen” auch gleich noch infor­mie­ren — der Arzt wird also fast über­flüs­sig. Fan­gen wir gleich mit den Risi­ken an: Die „Risi­ken und Neben­wir­kun­gen” zu den vor­ge­stell­ten Theo­rien sind aller­dings oft (nicht immer) der schwä­chere Teil, manch­mal etwas unter­be­lich­tet und — ja — auch ein klei­nes biss­chen geschwätzig.

Aber wie sieht es mit der Haupt­sa­che aus, den eigent­li­chen Theo­rien? Auch das ist — natür­lich — kein streng wis­sen­schaft­li­ches Refe­rat und auch keine metho­do­lo­gi­sche Hand­rei­chung. Selbst der Unter­ti­tel „Hand­rei­chung” scheint mir fast ein wenig hoch­ge­grif­fen: Hörisch bie­tet einen sehr gut les­ba­ren, klu­gen und infor­mier­ten Über­blick über wich­tige (und ein paar weni­ger wich­tige) theo­re­ti­schen Kon­zepte der erwei­ter­ten Gegen­wart. Das umfasst Stich­worte wie „Ana­ly­ti­sche Phi­lo­so­phie” (von der er nicht sehr viel hält), „Anthro­po­lo­gie”, „Dekon­struk­tion”, „Dis­kurs­theo­rie”, „Kon­struk­ti­vis­mus”, „Kri­ti­sche Theo­rie”, „Postmoderne/Posthistoire”, „Seins­den­ken”, „Sys­tem­theo­rie” und — natür­lich — auch die „Medientheorie(n)”. Hörisch bemüht sich meist, die Ent­ste­hung und Ent­wick­lung die­ser Theo­rien kurz anzu­rei­ßen, ihre wesent­li­chen Ver­tre­ter mög­lichst mehr oder weni­ger direkt zu Wort kom­men zu las­sen, ihre Wir­kung und ihre theo­re­ti­schen sowie prak­ti­schen Impli­ka­tio­nen zu schil­dern. Das tut er mit kaum ver­hoh­le­ner Sym­pa­thie für einige die­ser Theo­rien (z.B. eben den Medi­en­theo­rien, aber auch dem Dekon­struk­ti­vis­mus und der Dis­kurs­theo­rie), aber auch mit Zurück­hal­tung und Skepsis[1 Mit der Habermas’schen Spiel­art der Kri­ti­schen Theo­rie etwa kann Hörisch so gar nichts anfange. Und das macht er nicht nur ein­mal, näm­lich dort, deut­lich, son­dern immer dann, wenn es ihm gerade ein­fällt.] (etwa in Bezug auf die cul­tu­ral stu­dies oder die Ana­ly­ti­sche Phi­lo­so­phie). Das ist, wie schon gesagt, und wie aus dem ursprüng­li­chen Erschei­nung­zu­sam­men­hang leicht zu erklä­ren, meis­tens eher essay­is­tisch geschrie­ben (was ja über­haupt kein Nach­teil sein muss …). Manch­mal scheint es mir aber, dort, wo Hörisch sich nicht so recht zu Hause fühlt, etwas arg summarisch.[2 Reich­lich schwach scheint mir vor allem seine Dar­stel­lung des Femi­nis­mus, die zwar mehr­fach betont, dass hier die Theo­rie die Pra­xis sehr vie­ler maß­geb­lich ver­än­derte, aber den Femi­nis­mus als Theo­rie selbst eher unwil­lig beschreibt — gerade die argu­men­ta­to­ri­schen Fein­hei­ten spä­te­rer Autor(innen) wie Iri­ga­ray und Kris­t­eva wir­ken in die­sem Zusam­men­hang sei­ner Aus­füh­run­gen, die immer­hin schon bei Bachofen ein­set­zen, wie reine Glas­per­len­spiele.] Aber das lässt sich bei einem sol­chen Rund­um­schlag, mit die­sem eigent­lich schon enzy­klo­pä­di­schen Anspruch, wohl nie vermeiden.

Was auf jeden Fall sehr deut­lich wird in die­sem Buch: Die Viel­falt der „Theorie-Landschaft”, die Dif­fe­ren­zen, aber auch die Kon­gru­en­zen zwi­schen ganz ver­schie­de­nen theo­re­ti­schen Kon­zep­tio­nen. Und da Hörisch (nicht nur hier) auch vor poin­tier­ten For­mu­lie­run­gen über­haupt nicht zurück schreckt, fin­det man immer wie­der schöne Spit­zen und — je nach eige­ner theo­re­ti­scher Posi­tio­nie­rung — tref­fende oder unmög­li­che Wer­tun­gen und Ein­schät­zun­gen. Wun­der­bar ist etwa der kür­zeste Ein­trag über­haupt, die Aus­füh­rung zur „Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät”, die ich hier ein­fach mal zitie­ren muss (169):

Das Mode­wort der geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Antrags­prosa der letz­ten Jahr­zehnte schlecht­hin. Es ist so infla­tio­när wie schwach­brüs­tig, was schon der Umstand zeigt, daß es keine valide Theo­rie der Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät gibt. Den­noch gilt: Wer Dritt­mit­tel ein­wer­ben will, muß(te) die­ses glanz­lose Zau­ber­wort ver­wen­den. Wer zei­gen will, daß er wirk­lich à la haut­eur ist, muß heute statt „Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät” „Meta­di­s­zi­pli­na­ri­tät”, bes­ser noch „Trans­dis­zi­pli­na­ri­tät” sagen und schrei­ben — aber mög­lichst nicht prak­ti­zie­ren. Die Risi­ken und Neben­wir­kun­gen sind näm­lich erheb­lich, wenn ein soge­nann­ter Geis­tes­wis­sen­schaft­ler dis­zi­pli­när wirk­lich fremd­geht. So erklärt sich auch die Kon­junk­tur der S(t)ammelbände.

Jochen Hörisch: Theorie-Apothke. Eine Hand­rei­chung zu den human­wis­sen­schaft­li­chen Theo­rien der letz­ten fünf­zig Jahre, ein­schließ­lich ihrer Risi­ken und Neben­wir­kun­gen. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 2010. 386 Sei­ten. ISBN 978−3−518−46152−5.