Kein Versuch wurde unternommen, dieses Ergebnis zu verstehen

Wun­der­bar, die­ser Abstract, der tat­säch­lich in einem Tagungs­band (EOS Trans. AGU Vol 72 1991, No 27 – 53, S. 456) ver­öf­fent­licht wurde:

Fractal Analysis of Deep Sea

Frac­tal Ana­ly­sis of Deep Sea


und da heißt es immer, die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten wür­den leere Luft ver­öf­fent­li­chen, wäh­rend die Natur­wis­sen­schaf­ten durch strenge peer-reviews vor sol­chem Unsinn geschützt seien … (via wired)

Gute wissenschaftliche Praxis nur im Verborgenen?

Die DFG — die immer­hin einen Groß­teil der deut­schen For­schung finan­ziert und damit auch inhalt­lich maß­ge­bend bestimmt — hat zusam­men mit der Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz beschlos­sen, dass »gute wis­sen­schaft­li­che Pra­xis« (eine Wort­kon­struk­tion, die mich immer sehr an die genauso unspe­zi­fierte »gute fach­li­che Pra­xis« der Bäue­rin­nen und Bau­ern erin­nert) ver­langt, dass Whist­leb­lo­wer ihre Beob­ach­tun­gen, Ent­de­ckun­gen und Befürch­tun­gen — zum Bei­spiel von Pla­gia­ten — nicht öffent­lich machen sol­len, son­dern nur den zustän­di­gen Gre­mien der Hoch­schu­len ver­mel­den — damit, so muss man sich das wohl den­ken, die dann in Ruhe und ohne von den blö­den Fra­gen der ner­ven­den Öffent­lich­keit (die zwar alles bezahlt, aber was soll’s …) oder gar Fach­kol­le­gin­nen und –kol­le­gen beläs­tigt zu wer­den, ent­schei­den kön­nen, was sie zu tun geden­ken. Fast wie die arcana impe­rii also …

Wer das — wie ich — nicht so gut fin­det und sol­che Dinge auch zukünf­tig lie­ber öffent­lich ver­han­delt sehen möchte, der oder die möge bitte diese von Ste­fan Heß­brüg­gen initi­ierte Peti­tion hier mit­zeich­nen. Viel Hoff­nung habe ich zwar nicht, dass sie wirk­lich etwas bewegt, aber ver­su­chen sollte und muss man es wenigs­tens. Also: Mit­zeich­nen!

Nach­trag: Der Pete­ten Ste­fan Heß­brüg­gen hat im Redak­ti­on­blog von Hypo­the­ses noch ein­mal aus­führ­lich begrün­det, warum die Peti­tion not­wen­dig ist und warum HRK & DFG irren.

Verreißen

In der „Süd­deut­schen Zei­tung« kann man heute ein wun­der­ba­res Bei­spiel für einen Total­ver­riss fin­den: Jens Hacke lässt kein ein­zi­ges gutes Haar an der Habi­li­ta­ti­ons­schrift von Fried­rich Kieß­ling, der die alte Bun­des­re­pu­blik auf ihre/eine Ide­en­ge­schichte unter­sucht. Und Hacke bemän­gelt wirk­lich alles, was man an einer his­to­ri­schen Stu­die kri­ti­sie­ren kann: Die (feh­lende) Methode, die man­gelnde Berück­sich­ti­gung neuer Lite­ra­tur, die dünne und unver­ständ­li­che Quel­len­aus­wahl und sogar den Titel. Und natür­lich die mage­ren Ergeb­nisse. Gründ­li­cher kann man einen His­to­ri­ker­kol­le­gen kann erle­di­gen. Zumin­dest nicht mit Feder und Tinte …

Universitäres Blutgeld

schön und auch gar nicht wei­ter kom­men­tie­rungs­be­dürf­tig, die­ser Sei­ten­hieb, den Diede­rich­sen (der die Uni­ver­si­tät ja inzwi­schen von innen kennt) in sei­nem Büch­lein zu den »Sopra­nos« da schnell noch in Rich­tung (privat-)spendenfinanierte Uni­ver­si­tä­ten austeilt:

In die­ser Epi­sode ist nicht nur end­lich ein­mal befrie­di­gens beschrie­ben wor­den, wie Hoch­schu­len sich dort finan­zie­ren, wo dies der Staat nicht tut — indem sie durch geschulte Kräfte Druck auf die ideo­lo­gisch unsi­che­ren und legi­ti­ma­ti­ons­be­dürf­ti­gen Teilde des privatwirtschaftlich-mafiösen Kom­ple­xes aus­üben -, son­dern vor allem sehen wir zu, wie die Akteure der »Sopra­nos« sich ihren See­len­frie­den zurechtkonstruieren

Died­rich Diede­rich­sen: The Sopra­nos. Zürich: Dia­pha­nes 2012, S. 84

Digitale Pausen

Hans Ulrich Gum­brecht betreibt ja schon seit gerau­mer Zeit eine Anti-Blog-Blog bei der FAZ: Digital/Pausen. Mareike König vom DHI Paris hat ihn dazu befragt — und abge­se­hen von dem etwas ver­wir­ren­den Sprach­ge­brauch Gum­brechts, der Blog­posts immer als »Blog« bezeich­net, ist das durch­aus inter­es­sant. Gerade weil Gum­brecht ja aus einer enorm pri­vi­le­gier­ten Posi­ton spricht — er gibt ganz offen zu, bei der FAZ nur mit dem blog­gen ange­fan­gen zu haben, weil er gut dafür bezahlt wird — und gerade weil Gum­brecht ja nicht im eigent­li­chen Sinne bloggt, weist er doch auf einige wich­tige Punkte hin, aus denen ich auch das Blog­gen von Wis­sen­schaft­ler for­dere oder befür­worte: Weil das eine Mög­lich­keit der Kom­mu­ni­ka­tion ist, die für die Wis­sen­chaft enorm wich­tig ist — und die enorme Band­breite ent­wi­ckeln kann, zum Beispiel:

Man erschließt sich damit ein Publi­kum – nicht nur quan­ti­ta­tiv – was man über ein Buch nicht errei­chen kann.

Und spä­ter:

Wenn ich etwas pro­du­ziere, was letzt­lich für Kom­mu­ni­ka­tion pro­du­ziert ist – und das ist Wis­sen­schaft immer – dann muss ich schon sehen, dass ich einige Leute erreiche.

Neben­bei weist er zum Schluss übri­gens auch noch auf einen in den letz­ten Jah­ren wie­der etwas in Ver­ges­sen­heit gera­te­nen kate­go­ria­len Unter­schied zwi­schen Natur– und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten hin: Dass Geis­tes­wis­sen­schaf­ten im eigent­li­chen Sinne gar nicht for­schen, keine neuen Regel­mä­ßig­kei­ten oder Gesetz­mä­ßig­kei­ten ent­de­cken (oder das zumin­dest sel­tent tun). Und das gerade aus der spe­zi­fi­schen Form der geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Übung — der »Kon­tem­pla­tion« — eigent­lich ein Gebot der Offen­heit der Wis­sen­schaft resul­tiert, für das neue digi­tale Medien ein gro­ßer Segen sind. Oder sein könn­ten, wenn sie systembedingt/institutionell die ent­spre­chende Wür­di­gung erführen.

Das gesamte Inter­view kann man hier nach­hö­ren: klick.

Suchbild #1

Finde den Fehler:

Aku­punk­tur funk­tio­niert nicht nur beim Men­schen — auch bei Kühen und Käl­bern ist sie ein wirk­sa­mes, scho­nen­des und wirt­schaft­li­ches Verfahren.

Gelobt sei die Kopie

Gerade erschie­nen und schon weg­ge­le­sen: Das »Lob der Kopie«, das Dirk von Geh­len unter dem Titel »Mas­hup« geschrie­ben hat.
Worum geht’s? Eigent­lich sagen die bei­den Titel schon das wesent­li­che: von Geh­len geht es darum, der Kopie zu ihrem Recht zu ver­hel­fen. Er will zei­gen, dass die Kopie nicht zwangs­läu­fig etwas min­der­wer­ti­ges, etwas weni­ger wert­vol­les sein muss/ist als das Ori­gi­nal. Inspi­riert ist das natür­lich wesent­lich von der Erfah­rung der Mög­lich­keit der Digi­ta­li­sie­rung, die die Kopie ja nicht nur iden­tisch macht, son­dern das »Ori­gi­nal« auch unbe­ein­träch­tigt lässt, ihm nichts »weg­nimmt« (wes­we­gen es, abge­se­hen von den juris­ti­schen Aspek­ten, eine digi­tale »Raub­ko­pie« ja nicht geben kann).

Das ist ein unge­heuer mate­ri­al­ge­sät­tig­tes Büch­lein gewor­den: Dirk von Geh­len, im wah­ren Leben Lei­ter der Jetzt.de–Redak­tion der Süd­deut­schen, hat ganz flei­ßig recher­chiert und gele­sen — und er lässt den Leser an sei­nen For­schungs­früch­ten teil­ha­ben. Wer also irgend wel­che Infor­ma­tio­nen zu irgend einem Aspekt der Kopie sucht, sollte hier ziem­lich sicher einige Hin­weise fin­den. Schade nur, dass Suhr­kamp (oder von Geh­len?) auf ein lite­ra­tur­ver­zeich­nis ver­zich­tet haben — bei der Fülle der ver­wen­de­ten Quel­len hätte ich das sehr hilf­reich gefunden.

Der ent­schei­dende Punkt, warum Kopien zu loben sind, ist — trotz des Hin­ter­grund des digi­tal turns — ein alter: Krea­ti­vi­tät etc. ist nur mit der Ver­wen­dung ande­ren Mate­ri­als mög­lich. Das ist ein ganz alter Gedanke, der mehr oder weni­ger par­al­lel zur Eta­blie­rung der Ori­gi­na­li­tät in der Frü­hen Neu­zeit auch schon gedacht und for­mu­liert wurde, von Geh­len weist auf einige Fund­stel­len hin. Auch Goe­the wird in die­sem Zusam­men­hang mehr­fach zitiert — genau wie diverse Pop­mu­si­ker und viele andere »Krea­tive« aus vie­len Zei­ten. Die­ses »Mas­hup«, das ver­ar­bei­tende Benut­zen (frem­den) Mate­ri­als, ist natür­lich nicht nur auf Kunst oder Den­ken beschränkt — auch im Fuß­ball z.B. kann man das beob­ach­ten (das lie­fert den Ein­stieg in das Lob der Kopie: Das von Messi kopierte Maradona-Tor).

Von Geh­len selbst beschreibt das Ziel die­ses Buches so:

Über die beste­hende Stra­te­gie der tech­ni­schen und juris­ti­schen Erschwe­rung und Ver­hin­de­rung des Kopie­rens hin­aus will ich einer­seits die Chan­cen des tech­no­lo­gi­schen Fort­schritts auf­zie­gen und vor allem die Gefah­ren benen­nen, die die bis­he­rige Kri­mi­na­li­sie­rungs­stra­te­gie mit sich bringt. Wer die Kopie ein­sei­tig ver­dammt, greift damit die Grund­la­gen unse­rer Kul­tur an. (15, Her­vor­he­bung von mir)

- das ist doch mal eine Ansage.

Er tut dies in eigent­lich fünf Schrit­ten: Von der »Krise des Ori­gi­nals« über das »Gesetz der vaga­bun­die­ren­den Kopie« bis zum abschlie­ßen­den »Plä­do­yer für einen neuen Begriff des Ori­gi­nals«.
Das wesent­li­che Moment dabei ist, ich habe es ja bereits erwähnt, zunächst das Lob der Kopie:

Das hier ange­stimmte Lob der Kopie ist als alles andere als ein Abge­sang auf das Urhe­ber­recht und auch kein Plä­do­yer für die ver­gü­tungs­freie Nut­zung kul­tu­rel­ler Erzeug­nisse. Mir geht es nur darum zu beto­nen, dass es frucht­bar sein kann, sich von einem über­stei­ger­ten Ori­gi­nal­be­griff zu lösen, die sprach­li­chen Pro­bleme mit dme Kon­zept des geis­ti­gen Eigen­tums zu benen­nen und dar­auf hin­zu­wei­sen, dass nur ein Urhe­ber­recht, das sich als Imma­te­ri­al­gü­ter­recht ver­steht und die Veräd­ne­run­gen der Read-write-Society und des kopie­ren­den Ver­brau­chers berück­sich­tigt, seine gesell­schaft­li­che Legi­ti­ma­tion wie­der erlan­gen und somit auch seine eigent­li­che Inten­tion erfül­len kann: Krea­ti­vi­tät zu för­dern.« (123)

Diese und andere Über­le­gun­gen (und Beob­ach­tun­gen) füh­ren von Geh­len dann eben dazu, einen neuen Begriff des Ori­gi­nals vor­zu­schla­gen, der durch drei Aspekte gekenn­zeich­net ist: Das Original

ist kein binär zu unter­schei­den­dens soli­tä­res Werk (1), son­dern ein in Bezüge und Refe­ren­zen ver­strick­ter Pro­zess (2), und seine ska­lierte Ori­gi­na­li­tät beruht immer auf Zuschrei­bun­gen und Kon­struk­tio­nen (3), die man mit ihm ver­bin­den will.« (174)

Das ist, diese Volte sei hier noch erlaubt, auch nicht wahn­sin­nig bahn­bre­chend und ori­gi­nell, im Kern steckt das alles schon in der post­mo­der­nen Theo­rie und ande­ren (sozi­al­phi­lo­so­phi­schen) Über­le­gun­gen der letz­ten Jahr­zehnte. Es muss aber wohl mal so dezi­diert gesagt wer­den. Vor allem, weil das nicht nur eine rein theo­re­ti­sche Gedan­ken­spie­le­rei ist:

Ich halte diese ver­än­derte Her­an­ge­hens­weise nicht nur as intel­lek­tu­el­len oder künst­le­ri­schen Grün­den für not­wen­dig, son­dern aus poli­ti­schen. Denn […] ich ver­stehe das Mas­hup als poli­ti­sches Instru­ment, als Form von »ulti­ma­ti­ver Demo­kra­tie, offen für unbe­grenzte Kri­tik, Neu-Interpretation und Wei­ter­ent­wick­lung«. (174, er zitiert hier Matt Mason)

Schade fand ich aller­dings, dass nach dem mate­rial– und zitat­rei­chen Ritt der Text hier fast abbricht und gerade die genuin poli­ti­sche Kom­po­nente, ihre (Spreng-)Kraft und ihre (uto­pi­schen?) Mög­lich­kei­ten nicht noch näher ausführt.

Abge­run­det wird das Buch, das man fast als eine Art Werk­statt­buch oder Gedan­ken­jour­nal lesen kann, durch einige kurze Inter­views mit ein­schlä­gig bekann­ten und akti­ven Per­so­nen, eine Auf­lis­tung musi­ka­li­scher Mas­h­ups (die auch vor­her schon auf­tau­chen und die im Blog Dirk von Geh­lens (als Kopie) zu bestau­nen sind) und schließ­lich einem super aus­führ­li­chen Glos­sar — für all die, die noch nicht wis­sen, was A2K meint, was Ret­wee­ten ist oder was die Crea­tive Com­mons vom Copy­left unter­schei­det (und noch vie­les, vie­les mehr).

Dirk von Geh­len: Mas­hup. Lob der Kopie. Ber­lin: Suhr­kamp 2011. 233 Sei­ten. ISBN 78 – 3-518 – 12621-9. 15,50 Euro.

Hochverdünnung

Prin­zip der Hochverdünnung:

Je dün­ner die Beweise für die Wirk­sam­keit [der Homöo­pa­thie], desto popu­lä­rer wird sie.

und:

Homöo­pa­thie ist also so ähn­lich, wie wenn ich in Frank­furt einen Auto­schlüs­sel in den Main werfe – und dann in Würz­burg ver­su­che, mit dem Main­was­ser das Fahr­zeug zu starten.

Vince Ebert in amü­san­ten (wenn’s nicht so tra­gisch wäre) Minu­ten über die Gei­ßel unse­rer Zeit, die Homöo­pa­hie: klick.
[pro-player width=›220‹ type=›video‹]http://www.youtube.com/watch?v=UdwJQGZHupg[/pro-player]

via GWUP

Langeweile

»Nicht gering­zu­schät­zen ist der Rat, lang­wei­lig zu schrei­ben. Je gelang­weil­ter die Leser beim Leser sind, desto weni­ger wer­den sie Zeit auf die nähere Befas­sung mit dem Text auf­wen­den. Aller­dings ist das Lang­wei­lig­schrei­ben eine Kunst oder wenigs­tens ein Kunst­hand­werk oder aller­we­nigs­tens ein Hand­werk. Die meis­ten Men­schen müs­sen jah­re­lang stu­diert haben, um das zu kön­nen.« (Roland Schim­mel, Von der hohen Kunst ein Pla­giat zu fer­ti­gen, 57)