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Verreißen

In der „Süd­deut­schen Zei­tung« kann man heute ein wun­der­ba­res Bei­spiel für einen Total­ver­riss fin­den: Jens Hacke lässt kein ein­zi­ges gutes Haar an der Habi­li­ta­ti­ons­schrift von Fried­rich Kieß­ling, der die alte Bun­des­re­pu­blik auf ihre/eine Ide­en­ge­schichte unter­sucht. Und Hacke bemän­gelt wirk­lich alles, was man an einer his­to­ri­schen Stu­die kri­ti­sie­ren kann: Die (feh­lende) Methode, die man­gelnde Berück­sich­ti­gung neuer Lite­ra­tur, die dünne und unver­ständ­li­che Quel­len­aus­wahl und sogar den Titel. Und natür­lich die mage­ren Ergeb­nisse. Gründ­li­cher kann man einen His­to­ri­ker­kol­le­gen kann erle­di­gen. Zumin­dest nicht mit Feder und Tinte …

verriss: jens hacke über friedrich kießling
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Universitäres Blutgeld

schön und auch gar nicht wei­ter kom­men­tie­rungs­be­dürf­tig, die­ser Sei­ten­hieb, den Diede­rich­sen (der die Uni­ver­si­tät ja inzwi­schen von innen kennt) in sei­nem Büch­lein zu den »Sopra­nos« da schnell noch in Rich­tung (privat-)spendenfinanierte Uni­ver­si­tä­ten austeilt:

In die­ser Epi­sode ist nicht nur end­lich ein­mal befrie­di­gens beschrie­ben wor­den, wie Hoch­schu­len sich dort finan­zie­ren, wo dies der Staat nicht tut — indem sie durch geschulte Kräfte Druck auf die ideo­lo­gisch unsi­che­ren und legi­ti­ma­ti­ons­be­dürf­ti­gen Teilde des privatwirtschaftlich-mafiösen Kom­ple­xes aus­üben -, son­dern vor allem sehen wir zu, wie die Akteure der »Sopra­nos« sich ihren See­len­frie­den zurechtkonstruieren

Died­rich Diede­rich­sen: The Sopra­nos. Zürich: Dia­pha­nes 2012, S. 84
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Digitale Pausen

Hans Ulrich Gum­brecht betreibt ja schon seit gerau­mer Zeit eine Anti-Blog-Blog bei der FAZ: Digital/Pausen. Mareike König vom DHI Paris hat ihn dazu befragt — und abge­se­hen von dem etwas ver­wir­ren­den Sprach­ge­brauch Gum­brechts, der Blog­posts immer als »Blog« bezeich­net, ist das durch­aus inter­es­sant. Gerade weil Gum­brecht ja aus einer enorm pri­vi­le­gier­ten Posi­ton spricht — er gibt ganz offen zu, bei der FAZ nur mit dem blog­gen ange­fan­gen zu haben, weil er gut dafür bezahlt wird — und gerade weil Gum­brecht ja nicht im eigent­li­chen Sinne bloggt, weist er doch auf einige wich­tige Punkte hin, aus denen ich auch das Blog­gen von Wis­sen­schaft­ler for­dere oder befür­worte: Weil das eine Mög­lich­keit der Kom­mu­ni­ka­tion ist, die für die Wis­sen­chaft enorm wich­tig ist — und die enorme Band­breite ent­wi­ckeln kann, zum Beispiel:

Man erschließt sich damit ein Publi­kum – nicht nur quan­ti­ta­tiv – was man über ein Buch nicht errei­chen kann.

Und spä­ter:

Wenn ich etwas pro­du­ziere, was letzt­lich für Kom­mu­ni­ka­tion pro­du­ziert ist – und das ist Wis­sen­schaft immer – dann muss ich schon sehen, dass ich einige Leute erreiche.

Neben­bei weist er zum Schluss übri­gens auch noch auf einen in den letz­ten Jah­ren wie­der etwas in Ver­ges­sen­heit gera­te­nen kate­go­ria­len Unter­schied zwi­schen Natur– und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten hin: Dass Geis­tes­wis­sen­schaf­ten im eigent­li­chen Sinne gar nicht for­schen, keine neuen Regel­mä­ßig­kei­ten oder Gesetz­mä­ßig­kei­ten ent­de­cken (oder das zumin­dest sel­tent tun). Und das gerade aus der spe­zi­fi­schen Form der geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Übung — der »Kon­tem­pla­tion« — eigent­lich ein Gebot der Offen­heit der Wis­sen­schaft resul­tiert, für das neue digi­tale Medien ein gro­ßer Segen sind. Oder sein könn­ten, wenn sie systembedingt/institutionell die ent­spre­chende Wür­di­gung erführen.

Das gesamte Inter­view kann man hier nach­hö­ren: klick.

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Gelobt sei die Kopie

Gerade erschie­nen und schon weg­ge­le­sen: Das »Lob der Kopie«, das Dirk von Geh­len unter dem Titel »Mas­hup« geschrie­ben hat.
Worum geht’s? Eigent­lich sagen die bei­den Titel schon das wesent­li­che: von Geh­len geht es darum, der Kopie zu ihrem Recht zu ver­hel­fen. Er will zei­gen, dass die Kopie nicht zwangs­läu­fig etwas min­der­wer­ti­ges, etwas weni­ger wert­vol­les sein muss/ist als das Ori­gi­nal. Inspi­riert ist das natür­lich wesent­lich von der Erfah­rung der Mög­lich­keit der Digi­ta­li­sie­rung, die die Kopie ja nicht nur iden­tisch macht, son­dern das »Ori­gi­nal« auch unbe­ein­träch­tigt lässt, ihm nichts »weg­nimmt« (wes­we­gen es, abge­se­hen von den juris­ti­schen Aspek­ten, eine digi­tale »Raub­ko­pie« ja nicht geben kann).

Das ist ein unge­heuer mate­ri­al­ge­sät­tig­tes Büch­lein gewor­den: Dirk von Geh­len, im wah­ren Leben Lei­ter der Jetzt.de–Redak­tion der Süd­deut­schen, hat ganz flei­ßig recher­chiert und gele­sen — und er lässt den Leser an sei­nen For­schungs­früch­ten teil­ha­ben. Wer also irgend wel­che Infor­ma­tio­nen zu irgend einem Aspekt der Kopie sucht, sollte hier ziem­lich sicher einige Hin­weise fin­den. Schade nur, dass Suhr­kamp (oder von Geh­len?) auf ein lite­ra­tur­ver­zeich­nis ver­zich­tet haben — bei der Fülle der ver­wen­de­ten Quel­len hätte ich das sehr hilf­reich gefunden.

Der ent­schei­dende Punkt, warum Kopien zu loben sind, ist — trotz des Hin­ter­grund des digi­tal turns — ein alter: Krea­ti­vi­tät etc. ist nur mit der Ver­wen­dung ande­ren Mate­ri­als mög­lich. Das ist ein ganz alter Gedanke, der mehr oder weni­ger par­al­lel zur Eta­blie­rung der Ori­gi­na­li­tät in der Frü­hen Neu­zeit auch schon gedacht und for­mu­liert wurde, von Geh­len weist auf einige Fund­stel­len hin. Auch Goe­the wird in die­sem Zusam­men­hang mehr­fach zitiert — genau wie diverse Pop­mu­si­ker und viele andere »Krea­tive« aus vie­len Zei­ten. Die­ses »Mas­hup«, das ver­ar­bei­tende Benut­zen (frem­den) Mate­ri­als, ist natür­lich nicht nur auf Kunst oder Den­ken beschränkt — auch im Fuß­ball z.B. kann man das beob­ach­ten (das lie­fert den Ein­stieg in das Lob der Kopie: Das von Messi kopierte Maradona-Tor).

Von Geh­len selbst beschreibt das Ziel die­ses Buches so:

Über die beste­hende Stra­te­gie der tech­ni­schen und juris­ti­schen Erschwe­rung und Ver­hin­de­rung des Kopie­rens hin­aus will ich einer­seits die Chan­cen des tech­no­lo­gi­schen Fort­schritts auf­zie­gen und vor allem die Gefah­ren benen­nen, die die bis­he­rige Kri­mi­na­li­sie­rungs­stra­te­gie mit sich bringt. Wer die Kopie ein­sei­tig ver­dammt, greift damit die Grund­la­gen unse­rer Kul­tur an. (15, Her­vor­he­bung von mir)

- das ist doch mal eine Ansage.

Er tut dies in eigent­lich fünf Schrit­ten: Von der »Krise des Ori­gi­nals« über das »Gesetz der vaga­bun­die­ren­den Kopie« bis zum abschlie­ßen­den »Plä­do­yer für einen neuen Begriff des Ori­gi­nals«.
Das wesent­li­che Moment dabei ist, ich habe es ja bereits erwähnt, zunächst das Lob der Kopie:

Das hier ange­stimmte Lob der Kopie ist als alles andere als ein Abge­sang auf das Urhe­ber­recht und auch kein Plä­do­yer für die ver­gü­tungs­freie Nut­zung kul­tu­rel­ler Erzeug­nisse. Mir geht es nur darum zu beto­nen, dass es frucht­bar sein kann, sich von einem über­stei­ger­ten Ori­gi­nal­be­griff zu lösen, die sprach­li­chen Pro­bleme mit dme Kon­zept des geis­ti­gen Eigen­tums zu benen­nen und dar­auf hin­zu­wei­sen, dass nur ein Urhe­ber­recht, das sich als Imma­te­ri­al­gü­ter­recht ver­steht und die Veräd­ne­run­gen der Read-write-Society und des kopie­ren­den Ver­brau­chers berück­sich­tigt, seine gesell­schaft­li­che Legi­ti­ma­tion wie­der erlan­gen und somit auch seine eigent­li­che Inten­tion erfül­len kann: Krea­ti­vi­tät zu för­dern.« (123)

Diese und andere Über­le­gun­gen (und Beob­ach­tun­gen) füh­ren von Geh­len dann eben dazu, einen neuen Begriff des Ori­gi­nals vor­zu­schla­gen, der durch drei Aspekte gekenn­zeich­net ist: Das Original

ist kein binär zu unter­schei­den­dens soli­tä­res Werk (1), son­dern ein in Bezüge und Refe­ren­zen ver­strick­ter Pro­zess (2), und seine ska­lierte Ori­gi­na­li­tät beruht immer auf Zuschrei­bun­gen und Kon­struk­tio­nen (3), die man mit ihm ver­bin­den will.« (174)

Das ist, diese Volte sei hier noch erlaubt, auch nicht wahn­sin­nig bahn­bre­chend und ori­gi­nell, im Kern steckt das alles schon in der post­mo­der­nen Theo­rie und ande­ren (sozi­al­phi­lo­so­phi­schen) Über­le­gun­gen der letz­ten Jahr­zehnte. Es muss aber wohl mal so dezi­diert gesagt wer­den. Vor allem, weil das nicht nur eine rein theo­re­ti­sche Gedan­ken­spie­le­rei ist:

Ich halte diese ver­än­derte Her­an­ge­hens­weise nicht nur as intel­lek­tu­el­len oder künst­le­ri­schen Grün­den für not­wen­dig, son­dern aus poli­ti­schen. Denn […] ich ver­stehe das Mas­hup als poli­ti­sches Instru­ment, als Form von »ulti­ma­ti­ver Demo­kra­tie, offen für unbe­grenzte Kri­tik, Neu-Interpretation und Wei­ter­ent­wick­lung«. (174, er zitiert hier Matt Mason)

Schade fand ich aller­dings, dass nach dem mate­rial– und zitat­rei­chen Ritt der Text hier fast abbricht und gerade die genuin poli­ti­sche Kom­po­nente, ihre (Spreng-)Kraft und ihre (uto­pi­schen?) Mög­lich­kei­ten nicht noch näher ausführt.

Abge­run­det wird das Buch, das man fast als eine Art Werk­statt­buch oder Gedan­ken­jour­nal lesen kann, durch einige kurze Inter­views mit ein­schlä­gig bekann­ten und akti­ven Per­so­nen, eine Auf­lis­tung musi­ka­li­scher Mas­h­ups (die auch vor­her schon auf­tau­chen und die im Blog Dirk von Geh­lens (als Kopie) zu bestau­nen sind) und schließ­lich einem super aus­führ­li­chen Glos­sar — für all die, die noch nicht wis­sen, was A2K meint, was Ret­wee­ten ist oder was die Crea­tive Com­mons vom Copy­left unter­schei­det (und noch vie­les, vie­les mehr).

Dirk von Geh­len: Mas­hup. Lob der Kopie. Ber­lin: Suhr­kamp 2011. 233 Sei­ten. ISBN 78−3−518−12621−9. 15,50 Euro.

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Hochverdünnung

Prin­zip der Hochverdünnung:

Je dün­ner die Beweise für die Wirk­sam­keit [der Homöo­pa­thie], desto popu­lä­rer wird sie.

und:

Homöo­pa­thie ist also so ähn­lich, wie wenn ich in Frank­furt einen Auto­schlüs­sel in den Main werfe – und dann in Würz­burg ver­su­che, mit dem Main­was­ser das Fahr­zeug zu starten.

Vince Ebert in amü­san­ten (wenn’s nicht so tra­gisch wäre) Minu­ten über die Gei­ßel unse­rer Zeit, die Homöo­pa­hie: klick.
[pro-player width=‚220’ type=‚video’]http://www.youtube.com/watch?v=UdwJQGZHupg[/pro-player]

via GWUP

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Langeweile

»Nicht gering­zu­schät­zen ist der Rat, lang­wei­lig zu schrei­ben. Je gelang­weil­ter die Leser beim Leser sind, desto weni­ger wer­den sie Zeit auf die nähere Befas­sung mit dem Text auf­wen­den. Aller­dings ist das Lang­wei­lig­schrei­ben eine Kunst oder wenigs­tens ein Kunst­hand­werk oder aller­we­nigs­tens ein Hand­werk. Die meis­ten Men­schen müs­sen jah­re­lang stu­diert haben, um das zu kön­nen.« (Roland Schim­mel, Von der hohen Kunst ein Pla­giat zu fer­ti­gen, 57)

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Liszt zum Zweihundertsten

2011 als Jubi­lä­ums­jahr — sein Geburts­tag jährt sich zum 200. Mal — war der offen­sicht­li­che Anlass für diese Buch: Wolf­gang Döm­lings kleine Bio­gra­phie »Franz Liszt«. Erschie­nen ist das in der von mir grund­sätz­lich sehr geschät­zen Reihe »Wis­sen« des Beck-Verlags. Aber da passt die­ses Buch kaum rein — im Gegen­satz zu ande­ren dort erschie­nen Bänd­chen hat es mich sehr ent­täuscht, obwohl es in der Taschen­buch­ko­lumne der Süd­deut­schen Zei­tung sehr direkt emp­foh­len wurde. Und zwar war ich sowohl inhalt­lich als auch for­mal und sprach­lich ziem­lich enttäuscht.

Fan­gen wir mit dem pin­ge­ligs­ten an, den For­ma­la­li­tä­ten: Ent­ge­gen der Reihen-Gepflogenheiten gibt es hier über­haupt keine ver­nünf­ti­gen Lite­ra­tur­hin­weise: Döm­ling erwähnt den MGG-Artikel — und genau ein Buch.1 Das war’s auch schon — sehr ent­täu­schend. Und auch wenig hilf­reich. Es gibt doch bestimmt auch gute musik­wis­sen­schaft­li­che, wer­kana­ly­ti­sche Lite­ra­tur zu Liszt, die dem Leser etwas wei­ter­hel­fen könnte.2 Damit hängt viel­leicht auch das inhalt­li­che Pro­blem zusam­men … — aber dazu spä­ter noch etwas.

Sprach­lich fal­len sofort die Satz-Ungetüme oder –Unge­heuer auf: Döm­ling häuft näm­lich gerne in einem Satz alles an, was ihm so an Infor­ma­tion über den Weg läuft — mit unzäh­li­gen Ein­schü­ben, Appo­si­tio­nen, Rela­tiv­sät­zen und so wei­ter. Und irgend­wann, das ist bei ihm gar nicht sel­ten, ist der ursprüng­li­che Satz gar nicht mehr zu erken­nen. Ob der tro­ckene, spröde Stil (der nur auf den letz­ten Sei­ten, wo es um Liszts Spät­werk geht, einige Fun­ken schlägt) als Plus– oder Minus­punkt zu wer­ten ist, bleibt sicher Geschmack­sa­che. Ich fand es oft arg dürr.

Und inhalt­lich? Das hängt durch­aus wie­der mit der sprach­li­chen Gestal­tung zusam­men. Döm­ling gibt sich gerne etwas bes­ser­wis­se­risch, etwas pater­na­lis­tisch beleh­rend erzählt er den Lebens­weg in gro­ben (oft nur sehr bruch­stück­haf­ten) Umris­sen, greift gerne mal auf das »wie bekannt« zurück. Dabei hat er offen­bar durch­aus den Laien im Blick, vie­les musik­fach­li­ches wird von ihm näm­lich gut und knapp erklärt, die fach­li­chen Vor­aus­set­zun­gen hält er aus­ge­spro­chen nied­rig: Selbst eigent­lich banale Dinge wie das Trans­po­nie­ren oder vom-Blatt-Spielen erklärt er mehr­fach (aber wer eine Vir­tuo­sen– & Kom­po­nis­ten­bio­gra­phie liest, wird solch ele­men­tare Sach­ver­hal­ten doch wohl unge­fähr parat haben …). Das sieht dann z.B. mal so aus:

 

1834 begeg­nete Liszt der Schrift­stel­le­rin George Sand (nom de plume für Aurore Dude­vant), einer Frau, deren Kli­schee­bild in der Nach­welt, beson­ders der deut­schen, recht unfreund­lich ist: als hosen­tra­gende, zigar­ren– und män­ner­ver­schlín­gende Emanze, die viele schlechte Romane geschrie­ben hat und nur als Pflegerin-Muse des unglück­li­chen Cho­pin in Erin­ne­rung bleibt. (Eine der mit ste­ter Regel­mä­ßig­keit auf­tau­chen­den Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen in deut­schen Städ­ten heißt »Ein Win­ter auf Mal­lorca«, mul­ti­me­dial gestal­tet mit einer Lesung aus Sands gleich­na­mi­gem Buch, mit Licht­bil­dern und mit Cho­pins Musik — dar­un­ter natür­lich das »Regentropfen-Prélude«, das frei­lich als sol­ches nur in der popu­lä­ren Über­lie­fe­rung iden­tifizier­bar scheint …) Sand und Cho­pin lern­ten sich übri­gens bei Liszt ken­nen. Der Win­ter auf Mal­lorca 1838/1859, wor­un­ter man sich heute viel­leicht etwas »Ror­nan­ti­sches« vor­stellt, war vol­ler mehr oder weni­ger schreck­li­cher Erleb­nisse. (Welch selt­same Idee ja auch, mit zwei Kin­dern und einem Pia­nis­ten und Kom­po­nis­ten, Groß­stadt­mensch und krank dazu, sich im Win­ter auf eine unwirt­li­che und ungast­li­che Insel zurück­zu­zie­hen!) 3

 

Gut gelingt Döm­ling aber auch man­ches, vor allem die (musik-)historische Situ­ie­rung und Ein­ord­nung Liszts, sei­ner Kon­zert­pra­xis und sei­ner Kom­po­si­tio­nen. Das nimmt zar nur sehr wenig Raum ein, aber immer­hin nimmt er sich die Zeit und den Platz — gerne auch mit ent­spre­chen­den Rück­bli­cken, zu klar soll es ja nicht wer­den — zu schil­dern, was an Listzs Trei­ben Beson­der­heit oder Nor­ma­li­tät im 19. Jahr­hun­dert war — das ist ein sehr guter Zug.

Im gan­zen wirkt das aber auf mich noch arg unfer­tig, wie eine Vor­stu­die für ein »rich­ti­ges« Buch: Döm­ling springt flei­ßig hin und her, ohne das immer aus­rei­chend deut­lich zu machen, beginnt irgend­wie immer wie­der neu. Deut­lich wird das vor allem in sei­ner Dar­stel­lung der 1830er: Liszts Kon­zert­kar­riere darf hier unzäh­lige Male neu begin­nen — aber über das wie, das was und vor allem das warum erfährt man dann doch herz­lich wenig. Über­haupt, der Kon­zert­künst­ler Liszt ist hier total unter­be­lich­tet, gerade was die zeit­ge­nös­si­sche Rezep­tion angeht, aber auch, was seine eigent­li­chen Unter­neh­mun­gen betrifft.
Dazwi­schen, in die­ser Mate­ri­al­samm­lung oder die­sem Stein­bruch, ste­hen dann doch immer wie­der kluge Sätze, die Ein­sicht und Ein­füh­lungs­ver­mö­gen ver­ra­ten und den Leser wie­der ver­söh­nen.4 Schade nur, dass es so wenige blei­ben und dass sie so ver­streut sind. Seine Andeu­tun­gen haben aber irgend­wie Methode: Das geschieht immer auf ähn­li­che Weise, wie z.B. Liszts Bezie­hung zu Wagner:

Cosi­mas detail­lierte Tage­buch­no­tate sagen dazu mehr als genug.5

Toll, dass Döm­ling das weiß. Ich hätte es auch gerne erfahren …

Mein Haupt-»Problem« bei der Lek­türe des bio­gra­phi­schen Abris­ses aber: Mir scheint, er hat keine wirk­li­che Deu­tung des Lebens, keine Inter­pre­ta­tion des Lebens­we­ges — des­we­gen wirkt das so aka­de­misch, weil er über große Teile des Tex­tes nur die äuße­ren Sta­tio­nen abhan­delt, die Psy­cho­lo­gie des Kom­po­nis­ten aber keine (bzw. nur eine kleine) Rolle spielt. Dazu kommt dann noch eine eher ver­wun­der­li­che Zurück­hal­tung, was die Beschrei­bung und/oder Ana­lyse der Musik Liszts angeht — das ist oft erschre­ckend und ärger­lich kurz, ober­fläch­lich und nichts­sa­gend. Von einem Musik­wis­sen­schaft­ler, der sich schon län­ger mit Liszt beschäf­tigt, hätte ich gerade in die­sem Punkt deut­lich mehr erwartet.

Also, in mei­nen Augen keine emp­feh­lens­werte Bio­gra­phie, auch im Jubi­lä­ums­jahr nicht: Wer noch keine Kennt­nisse der Bio­gra­phie Liszts hat, wird sich hier­mit wohl schwer­tun. Und warum die Süd­deut­sche das emp­feh­lens­wert fand, erschloss sich mir über­haupt nicht.

Wolf­gang Döm­ling: Franz Liszt. Mün­chen: Beck 2011 (Wis­sen). ISBN 978−3−406−61195−7. 112 Seiten.

  1. Der MGG-Artikel von Det­lef Alten­burg ist durch­aus zu recht erwähnt, der ist schon sehr gut. Und dass Döm­ling sich bei Bur­gers Bild– und Doku­ment­band flei­ßig bedient hat (natür­lich nur, was die Texte angeht, Bil­der gibt es in die­ser Reihe ja nicht), merkt man im Text deut­lich.
  2. Ich kenne mich da nicht wirk­lich aus — aber Döm­ling ist ja mit Wer­kana­ly­sen oder wenigs­tens –beschrei­bun­gen auch ärger­lich extrem zurück­hal­tend.
  3. S. 34f. — so steht das wirk­lich mit­ten in einer Liszt-Biographie. Und das ist nicht die ein­zige der­ar­tige Stelle, sol­che und ähn­li­che Sei­ten­hiebe gibt es unzäh­lige …
  4. Zum Bei­spiel die weni­gen, knap­pen, aber m. E. sehr genau tref­fen­den Sätze zur Heimat-Idee Liszts, zu sei­ner Bezie­hung zu Ungarn — das hätte durch­aus Poten­zial zur Aus­ar­bei­tung gehabt …
  5. Und damit ist Döm­ling auch fast am Ende sei­ner knappe Schil­de­rung der Begeg­nung Wagner-Liszt im Win­ter 1882/83, S. 100.
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Redlichkeit und so weiter

Dass es der liebe Herr zu Gut­ten­berg manch­mal nicht allzu genau nimmt, merkt man sei­ner Poli­tik ja durch­aus an. Dass er damit aber schon vor­her ange­fan­gen hat, ist dann doch neu. Und beschäf­tigt heute viele: Meine Blo­groll ist voll von kur­zen und weni­ger kur­zen, detail­lier­ten und grund­sätz­li­chen, bösen und abwä­gen­den Über­le­gun­gen und Kom­men­ta­ren zum Pla­gi­ats­dok­tor und sei­ner Dissertation.

Doku­men­ta­tio­nen der gehei­men Abschreiberei:

da müsste man eigent­lich gar nichts mehr sagen müssen …