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Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: wissenschaft (Seite 1 von 3)

Vigiles et studeas atque legas

Vigiles et studeas atque legas, ut ex hoc buio tibi remanente, exciteris ad studendum et legendum, cum vivere sine litteris mors sit et vilis hominis sepultura — Wache und studiere und lies, damit du, wenn dir dabei ein Zweifel bleibt, dadurch (erst recht) angespornt wirst zum Studieren und Lesen, da ohne Wissenschaft zu leben der Tod ist und ein elendes Grab für den Menschen.Siger von Brabant, Questiones de anima intellectiva

Placebo

Wer sich mal kurz Gedanken über Placebos und Wirksamkeitsnachweise machen möchte – bitte schön:

Man beachte die mustergültige Angabe der zugrundliegenden Studie per DOI, die noch nicht einmal erfunden ist …

Kein Versuch wurde unternommen, dieses Ergebnis zu verstehen

Wunderbar, dieser Abstract, der tatsächlich in einem Tagungsband (EOS Trans. AGU Vol 72 1991, No 27-53, S. 456) veröffentlicht wurde:

Fractal Analysis of Deep Sea

Fractal Analysis of Deep Sea

und da heißt es immer, die Geisteswissenschaften würden leere Luft veröffentlichen, während die Naturwissenschaften durch strenge peer-reviews vor solchem Unsinn geschützt seien … (via wired)

Physik für/von Biologen

Wunderbar, was Jan-Martin Klinge da in seinem “Halbtagsblogzeigt:

Physik für Biologen

Physik für Biologen

Gute wissenschaftliche Praxis nur im Verborgenen?

Die DFG – die immerhin einen Großteil der deutschen Forschung finanziert und damit auch inhaltlich maßgebend bestimmt – hat zusammen mit der Hochschulrektorenkonferenz beschlossen, dass “gute wissenschaftliche Praxis” (eine Wortkonstruktion, die mich immer sehr an die genauso unspezifierte “gute fachliche Praxis” der Bäuerinnen und Bauern erinnert) verlangt, dass Whistleblower ihre Beobachtungen, Entdeckungen und Befürchtungen – zum Beispiel von Plagiaten – nicht öffentlich machen sollen, sondern nur den zuständigen Gremien der Hochschulen vermelden – damit, so muss man sich das wohl denken, die dann in Ruhe und ohne von den blöden Fragen der nervenden Öffentlichkeit (die zwar alles bezahlt, aber was soll’s …) oder gar Fachkolleginnen und -kollegen belästigt zu werden, entscheiden können, was sie zu tun gedenken. Fast wie die arcana imperii also …

Wer das – wie ich – nicht so gut findet und solche Dinge auch zukünftig lieber öffentlich verhandelt sehen möchte, der oder die möge bitte diese von Stefan Heßbrüggen initiierte Petition hier mitzeichnen. Viel Hoffnung habe ich zwar nicht, dass sie wirklich etwas bewegt, aber versuchen sollte und muss man es wenigstens. Also: Mitzeichnen!

Nachtrag: Der Peteten Stefan Heßbrüggen hat im Redaktionblog von Hypotheses noch einmal ausführlich begründet, warum die Petition notwendig ist und warum HRK & DFG irren.

Verreißen

In der „Süddeutschen Zeitung” kann man heute ein wunderbares Beispiel für einen Totalverriss finden: Jens Hacke lässt kein einziges gutes Haar an der Habilitationsschrift von Friedrich Kießling, der die alte Bundesrepublik auf ihre/eine Ideengeschichte untersucht. Und Hacke bemängelt wirklich alles, was man an einer historischen Studie kritisieren kann: Die (fehlende) Methode, die mangelnde Berücksichtigung neuer Literatur, die dünne und unverständliche Quellenauswahl und sogar den Titel. Und natürlich die mageren Ergebnisse. Gründlicher kann man einen Historikerkollegen kann erledigen. Zumindest nicht mit Feder und Tinte …

Universitäres Blutgeld

schön und auch gar nicht weiter kommentierungsbedürftig, dieser Seitenhieb, den Diederichsen (der die Universität ja inzwischen von innen kennt) in seinem Büchlein zu den “Sopranos” da schnell noch in Richtung (privat-)spendenfinanierte Universitäten austeilt:

In dieser Episode ist nicht nur endlich einmal befriedigens beschrieben worden, wie Hochschulen sich dort finanzieren, wo dies der Staat nicht tut – indem sie durch geschulte Kräfte Druck auf die ideologisch unsicheren und legitimationsbedürftigen Teilde des privatwirtschaftlich-mafiösen Komplexes ausüben -, sondern vor allem sehen wir zu, wie die Akteure der “Sopranos” sich ihren Seelenfrieden zurechtkonstruieren

Diedrich Diederichsen: The Sopranos. Zürich: Diaphanes 2012, S. 84

Digitale Pausen

Hans Ulrich Gumbrecht betreibt ja schon seit geraumer Zeit eine Anti-Blog-Blog bei der FAZ: Digital/Pausen. Mareike König vom DHI Paris hat ihn dazu befragt – und abgesehen von dem etwas verwirrenden Sprachgebrauch Gumbrechts, der Blogposts immer als “Blog” bezeichnet, ist das durchaus interessant. Gerade weil Gumbrecht ja aus einer enorm privilegierten Positon spricht – er gibt ganz offen zu, bei der FAZ nur mit dem bloggen angefangen zu haben, weil er gut dafür bezahlt wird – und gerade weil Gumbrecht ja nicht im eigentlichen Sinne bloggt, weist er doch auf einige wichtige Punkte hin, aus denen ich auch das Bloggen von Wissenschaftler fordere oder befürworte: Weil das eine Möglichkeit der Kommunikation ist, die für die Wissenchaft enorm wichtig ist – und die enorme Bandbreite entwickeln kann, zum Beispiel:

Man erschließt sich damit ein Publikum – nicht nur quantitativ – was man über ein Buch nicht erreichen kann.

Und später:

Wenn ich etwas produziere, was letztlich für Kommunikation produziert ist – und das ist Wissenschaft immer – dann muss ich schon sehen, dass ich einige Leute erreiche.

Nebenbei weist er zum Schluss übrigens auch noch auf einen in den letzten Jahren wieder etwas in Vergessenheit geratenen kategorialen Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften hin: Dass Geisteswissenschaften im eigentlichen Sinne gar nicht forschen, keine neuen Regelmäßigkeiten oder Gesetzmäßigkeiten entdecken (oder das zumindest seltent tun). Und das gerade aus der spezifischen Form der geisteswissenschaftlichen Übung – der “Kontemplation” – eigentlich ein Gebot der Offenheit der Wissenschaft resultiert, für das neue digitale Medien ein großer Segen sind. Oder sein könnten, wenn sie systembedingt/institutionell die entsprechende Würdigung erführen.

Das gesamte Interview kann man hier nachhören: klick.

Suchbild #1

Finde den Fehler:

Akupunktur funktioniert nicht nur beim Menschen – auch bei Kühen und Kälbern ist sie ein wirksames, schonendes und wirtschaftliches Verfahren.

Gelobt sei die Kopie

Gerade erschienen und schon weggelesen: Das “Lob der Kopie”, das Dirk von Gehlen unter dem Titel “Mashup” geschrieben hat.
Worum geht’s? Eigentlich sagen die beiden Titel schon das wesentliche: von Gehlen geht es darum, der Kopie zu ihrem Recht zu verhelfen. Er will zeigen, dass die Kopie nicht zwangsläufig etwas minderwertiges, etwas weniger wertvolles sein muss/ist als das Original. Inspiriert ist das natürlich wesentlich von der Erfahrung der Möglichkeit der Digitalisierung, die die Kopie ja nicht nur identisch macht, sondern das “Original” auch unbeeinträchtigt lässt, ihm nichts “wegnimmt” (weswegen es, abgesehen von den juristischen Aspekten, eine digitale “Raubkopie” ja nicht geben kann).

Das ist ein ungeheuer materialgesättigtes Büchlein geworden: Dirk von Gehlen, im wahren Leben Leiter der Jetzt.de-Redaktion der Süddeutschen, hat ganz fleißig recherchiert und gelesen – und er lässt den Leser an seinen Forschungsfrüchten teilhaben. Wer also irgend welche Informationen zu irgend einem Aspekt der Kopie sucht, sollte hier ziemlich sicher einige Hinweise finden. Schade nur, dass Suhrkamp (oder von Gehlen?) auf ein literaturverzeichnis verzichtet haben – bei der Fülle der verwendeten Quellen hätte ich das sehr hilfreich gefunden.

Der entscheidende Punkt, warum Kopien zu loben sind, ist – trotz des Hintergrund des digital turns – ein alter: Kreativität etc. ist nur mit der Verwendung anderen Materials möglich. Das ist ein ganz alter Gedanke, der mehr oder weniger parallel zur Etablierung der Originalität in der Frühen Neuzeit auch schon gedacht und formuliert wurde, von Gehlen weist auf einige Fundstellen hin. Auch Goethe wird in diesem Zusammenhang mehrfach zitiert – genau wie diverse Popmusiker und viele andere “Kreative” aus vielen Zeiten. Dieses “Mashup”, das verarbeitende Benutzen (fremden) Materials, ist natürlich nicht nur auf Kunst oder Denken beschränkt – auch im Fußball z.B. kann man das beobachten (das liefert den Einstieg in das Lob der Kopie: Das von Messi kopierte Maradona-Tor).

Von Gehlen selbst beschreibt das Ziel dieses Buches so:

Über die bestehende Strategie der technischen und juristischen Erschwerung und Verhinderung des Kopierens hinaus will ich einerseits die Chancen des technologischen Fortschritts aufziegen und vor allem die Gefahren benennen, die die bisherige Kriminalisierungsstrategie mit sich bringt. Wer die Kopie einseitig verdammt, greift damit die Grundlagen unserer Kultur an. (15, Hervorhebung von mir)

– das ist doch mal eine Ansage.

Er tut dies in eigentlich fünf Schritten: Von der “Krise des Originals” über das “Gesetz der vagabundierenden Kopie” bis zum abschließenden “Plädoyer für einen neuen Begriff des Originals”.
Das wesentliche Moment dabei ist, ich habe es ja bereits erwähnt, zunächst das Lob der Kopie:

Das hier angestimmte Lob der Kopie ist als alles andere als ein Abgesang auf das Urheberrecht und auch kein Plädoyer für die vergütungsfreie Nutzung kultureller Erzeugnisse. Mir geht es nur darum zu betonen, dass es fruchtbar sein kann, sich von einem übersteigerten Originalbegriff zu lösen, die sprachlichen Probleme mit dme Konzept des geistigen Eigentums zu benennen und darauf hinzuweisen, dass nur ein Urheberrecht, das sich als Immaterialgüterrecht versteht und die Verädnerungen der Read-write-Society und des kopierenden Verbrauchers berücksichtigt, seine gesellschaftliche Legitimation wieder erlangen und somit auch seine eigentliche Intention erfüllen kann: Kreativität zu fördern.” (123)

Diese und andere Überlegungen (und Beobachtungen) führen von Gehlen dann eben dazu, einen neuen Begriff des Originals vorzuschlagen, der durch drei Aspekte gekennzeichnet ist: Das Original

ist kein binär zu unterscheidendens solitäres Werk (1), sondern ein in Bezüge und Referenzen verstrickter Prozess (2), und seine skalierte Originalität beruht immer auf Zuschreibungen und Konstruktionen (3), die man mit ihm verbinden will.” (174)

Das ist, diese Volte sei hier noch erlaubt, auch nicht wahnsinnig bahnbrechend und originell, im Kern steckt das alles schon in der postmodernen Theorie und anderen (sozialphilosophischen) Überlegungen der letzten Jahrzehnte. Es muss aber wohl mal so dezidiert gesagt werden. Vor allem, weil das nicht nur eine rein theoretische Gedankenspielerei ist:

Ich halte diese veränderte Herangehensweise nicht nur as intellektuellen oder künstlerischen Gründen für notwendig, sondern aus politischen. Denn […] ich verstehe das Mashup als politisches Instrument, als Form von “ultimativer Demokratie, offen für unbegrenzte Kritik, Neu-Interpretation und Weiterentwicklung”. (174, er zitiert hier Matt Mason)

Schade fand ich allerdings, dass nach dem material- und zitatreichen Ritt der Text hier fast abbricht und gerade die genuin politische Komponente, ihre (Spreng-)Kraft und ihre (utopischen?) Möglichkeiten nicht noch näher ausführt.

Abgerundet wird das Buch, das man fast als eine Art Werkstattbuch oder Gedankenjournal lesen kann, durch einige kurze Interviews mit einschlägig bekannten und aktiven Personen, eine Auflistung musikalischer Mashups (die auch vorher schon auftauchen und die im Blog Dirk von Gehlens (als Kopie) zu bestaunen sind) und schließlich einem super ausführlichen Glossar – für all die, die noch nicht wissen, was A2K meint, was Retweeten ist oder was die Creative Commons vom Copyleft unterscheidet (und noch vieles, vieles mehr).

Dirk von Gehlen: Mashup. Lob der Kopie. Berlin: Suhrkamp 2011. 233 Seiten. ISBN 78-3-518-12621-9. 15,50 Euro.

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