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Weltdeutung mit Mahler

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Immer wieder nicht nur überwältigend, sondern auch einleuchtend und sinnstiftend: Die Erinnerungsgewebe der fünften Sinfonie Mahlers. Und live nochmal so gut – mit diesen Klangmassen, ihrer Ballung und Differenzierung kommt keine Hifi-Anlange mit. Selbst wenn es nur die akustisch sehr langweilige, mittelmäßige Rheingoldhalle ist.

Spätestens um 21.32 Uhr war es um das Publikum geschehen: Da hob der berühmteste Teil von Gustav Mahlers fünfter Sinfonie an, das Adagietto des vierten Satzes. Und damit hatte der junge Finne Pietra Inkinen mit dem famosen SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg auch die letzten Zweifler unter den Zuhörern in der Rheingoldhalle von seinem Können überzeugt. Denn er wählt nicht den einfachsten Weg – reine Sentimentalität verbietet sich ihm hier, das ist seit der Verwendung dieser Musik für Luchino Viscontis Film „Tod in Venedig“ keinem ernsthaften Musiker mehr eine Option. Aber Inkinen weicht auch nicht einfach ins Gegenteil, die kühl e analytische Exekution des Notentextes aus. Nein, er sucht zu vermitteln, zwischen Kitsch und Wissenschaft, zwischen triefendem Schmalz und knöcherner Erbsenzählerei. Und das gelingt ihm mit dem SWR-Sinfonieorchester ziemlich gut.

Geschmeidig im Ton und flexibel in allen Dimensionen steht ihm von Anfang an und immer wieder die Vielfalt besonders hoch im Kurs: Viel Zeit lässt er dabei freilich weder sich noch Mahlers Musik. Und manchmal laufen auch einige Fäden ins Leere, lässt er die eine oder andere Masche fallen. Insgesamt aber gelingt ihm ein erstaunlich konzises Gewebe, das die Einheit der Vielheit zelebriert: Jede Idee, jede Harmonie mit sich selbst und der Welt, jeder Frieden und jede Erlösung sind in dieser Musik nur vorübergehend. Sie können zwar wieder erscheinen – aber niemals gleich. Stetig treibt der Dirigent sein Orchester nach vorn, drängt immer weiter, auf der Suche nach der nächsten Sensation und dem nächsten Glücksmoment. Und davon gibt es viele. Etwa der Augenblick, in dem die Trompetenfanfare des ersten Satzes vom Totenmarsch zur Elegie wird. Oder die Apotheose im Geschwindmarsch des Finales. Oder das bestens organisierte Chaos des Scherzos.

Auch zusammen mit dem Pianisten Nicholas Angelich in Robert Schumanns Klavierkonzert wurde zuvor schon einiges beglückendes geleistet. Denn auch hier verlieren sich weder Dirigent noch Solist im romantischen Sehnsuchtsbrei. Gerade Angelich befeuert das romantischste aller Klavierkonzerte mit strahlenden Ton sehr deutlich. Diese klare Brillanz, an manchen Stellen strategisch geschickt zurückgenommen, paart sich mit luzidem Orchesterklang und forschen Tempi zu einer sehr selbverständlich gelingenden Einheit. Selbstverständlich, dass die beiden dafür auch entsprechend gefeiert werden.

(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung)

Geschrieben von matthias

8. Juni 2010 um 21:11

schumann, schumann, schumann

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nein, nicht robert, eusebius und florestan. einfach drei mal schumann. ihm zum 200. geburtstag. ein konzert mit erster und vierter symphonie und der späten konzertphantasie für violine & orchester. und einfach ein wunderbares konzert. nix zu meckern gibt es da …

Darüber hätte Robert Schumann sich bestimmt gefreut: Wenn er gehört hätte, wie Lena Neudauer seine Phantasie für Violine und Orchester spielt. Zusammen mit dem Philharmonischen Staatsorchester unter Catherine Rückwardt, das dem vor 200 Jahren geborenen Komponisten standesgemäß mit einem Konzert gratulierte. Leider vor überwiegend leeren Sitzen in der Phönixhalle. Und das ist nun wirklich ausgesprochen schade, dass diese Hommage an den Orchesterkomponisten Schumann so wenig Resonanz gefunden hat. Verdient hätte sie nämlich ein ausverkauftes Haus. Schließlich kam hier fast alles zusammen, was ein wunderbares Konzerterlebnis garantiert: Ein gut aufgelegtes Orchester, eine inspirierte Dirigentin und eine außergewöhnliche Solistin. Denn Lena Neudauer macht Schumanns selten gespielte späte Konzertphantasie zu einem wirklich phantastischen Ereignis. Mit überirdisch scheinender Präzision führt sie die „Phantasie für Violine und Orchester“ vor, mit hyperkontrollierter Bogenführung und höchster intonatorischer Genauigkeit. Aber, und das war das wirklich faszinierende, ihr Können reicht weit über technische Vollkommenheit hinaus. Denn ihre Perfektion ist nie trocken, sondern als Mittel der Gefühlsdarstellung und Empfindung grandios treffsicher ausgenutzt. Pure Natürlichkeit und hohe Kunst in einem ist das – Widersprüche, die nicht jeder Solist so nahtlos und scheinbar unproblematisch vereinen kann wie Neudauer.

Gerahmt wurde diese Phantasie von der ersten und letzten Symphonie Schumanns. Die Frühlingssinfonie, sein erster Versuch, dem kaum etwas versuchendes anhaftet, ließ Rückwardt pulsierend treibend spielen. Und das Orchester machte mit schlankem, klarem Klang die impulsive Seite sehr stark. Die Frühlingssinfonie ist so kein verträumtes romantisches Traumgespinst, selbst die idyllischen Mittelsätze sind ganz wirklich – mit einem minimalen Schuss romantischer Verklärung.
Wesentlich gesteigert wurde dieses frühlingsfrische Frohlocken in Schumanns vierter Symphonie, zwei Jahre vor seinem Tod vollendet. Mit dem typischen Hang zu grandiosen, leicht überreizten Steigerungen ließ Rückwardt dem Überschwang hier reichlich Raum – genau so, wie es sich für Schumann gehört. So wurde das wunderbar großartig, ein kleines bisschen pathetisch und klanglich reichhaltig ein perfekter Abschluss für das Geburtstagskonzert.

(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung)

Geschrieben von matthias

2. Mai 2010 um 18:18

bach und die virtuosen romantiker

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Es wirkte zunächst fast wie eine Beerdigung: Der große schwarze Flügel, Kirill Gerstein ganz und gar in Schwarz gewandt, der gemessenen Schrittes zu seinem Platz schritt und dort wartete, ganz in sich selbst versunken. Aber eine Trauerfeier war der Klavierabend, das fünfte Konzert der SWR-Reihe „Internationale Pianisten“, im Frankfurter Hof nun wirklich nicht. Eine Respektbezeugung allerdings schon. Zunächst ging es nämlich um JOhann Sebastian Bach. Als Komponist und als Vorbild, als Inspiration und als Heroe der klassischen Musik auch im 19. Jahrhundert.
Kirill Gerstein hatte sein kurzfristig noch geändertes Programm rund um Bach konzipiert, mit dessen zweiter Englischen Suite als Mittel- und Referenzpunkt. Und dann spielte auch Ferruccio Busoni eine große Rolle: Zunächst, zum Warmspielen und zur gegenseitigen Gewöhnung, stand dessen fünfte Sonatine an – „in signo Joanni Sebastiani magni“. Aber schon das reichte, um Gersteins Prinzipien klar zu erkennen: Über allem stand ihm die Deutlichkeit. Die knackige, aber sanft artikulierte Ausarbeitung der Formen, der Motive und Themen, ihrer Verarbeitungen und Verbindungen – das lag ihm am Herzen und das gelang ihm treflich.
Darüber hinaus hatte Gerstein sich aber auch noch Busonis Toccata verschrieben. Hier ging es dann richtig zur Sache – virtuos ausgespielt und deutlich bis fast zur Groteske, zeigte er sich von technischen Schwierigkeiten völlig unbeeindruckt.
Und noch eine Toccata bildete das Bindeglied von Bach und Busoni zu Liszt im zweiten Teil: Die C-Dur-Toccata Robert Schumanns, die Gerstein als Episodenhafte Traumbewegung, weit entrückt der Realität vorstellte – ein Traum, der kristallne Klarheiten offenbarte und zugleich ganz und gar irreal erschien – erst der Applaus holte ihn wieder zurück in die Realität.
Das war also schon eine ganze Menge. Vor allem viel Musik mit sehr hohem spieltechnischen Anspruch. Aber Gerstein setzte noch eines drauf und schloss den Abend mit Liszts h-Moll-Sonate ab. Die ist Schumann gewidmet – womit sich der Kreis der gegenseitigen Beziehungen und Verweise an diesem Abend rundete. Natürlich wurde das ein großartiger Schluss. Auch wenn, gerade in den letzten Teilen der Sonate, die Konzentration ein kleines bisschen nachzulassen schien, die Präzision Gersteins minimal aufweichte. Davor entwickelte er aber ganz viel düstere, kraftvolle, konzentrierte, faustische und doch ganz lichthelle Musik. Denn Gerstein spielte das so klar und deutlich, dass man im Geiste mitschreiben hätte können.

(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung)

Geschrieben von matthias

1. März 2010 um 21:54

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