Im Hintergrund der Bühne steht tatsächlich noch ein richtiges Schlagzeug – oder was davon übrig ist. Aber auch jede Menge Gongs, Glocken und anderes Schlagwerk sind auf der Bühne verteilt. Dabei ist Eric Schaefer noch nicht einmal der experimentellste unter den gegenwärtigen Jazz-Schlagzeugern – im Gegenteil, er ist im Mainstream stark verankert. Aber mit vielen Ambitionen in andere Richtungen. Und damit durchaus ein würdiger Preisträger.
Es gibt kaum eine Musik, die er nicht spielt: Eric Schaefer, der Träger des diesjährigen SWR-Jazzpreis. Und die Preisverleihung der gemeinsam vom SWR und dem Land Rheinland-Pfalz mit 15.000 Euro dotierten Ehrung machte diese Vielfalt sehr deutlich hörbar. Der Schlagzeuger Schaefer, der den meisten wohl als Drummer in Deutschlands erfolgreichstem Jazztrio mit Michael Wollny und Eva Kruse, [em], bekannt sein wird, tummelt sich nämlich nicht nur im Mainstream-Jazz. Überhaupt ist schon die Beschränkung auf den Jazz zu eng für ihn – schließlich hat er schon als Jugendlicher bei den „Klassikern“ im Bundesjugendorchester mitgespielt. Und so war es auch nur folgerichtig, dass der in Berlin lebende Schaefer sein Dankkonzert in der Lobby des SWR-Funkhauses mit einem fast vollständig auskomponierten Werk begann: „faces – surfaces“ hat er diesen Zyklus betitelt. Das Ensemble Henosis mit drei Streichern, Klarinette und eben Schlagwerk – das heißt, vor allem eine große Palette Gongs, Glocken und ähnlich tönendem Gerät, das Schaefer auf so ziemlich alle möglichen Arten bearbeitet – führt hier so etwas wie Neue Musik für Anfänger vor: Ein bisschen fremd, aber nie ganz unvertraut. Ein wenig pointilistisch, aber immer wieder zu tonalen Zentren und melodischen Fragmenten zurückkehrend. Vor allem aber größtenteils harmlos.
Alles andere als harmlos ist dagegen der Auftritt des Trios „Johnny La Marama“, das Schaefer mit dem Gitarristen Kalle Kalima und Chris Dahlgren am Bass betreibt. Da schlagen, in einer extrem verspielten Aktualisierung des Jazzrock-Gedankens, durchaus auch Schaefers frühe Hardcore-Punk-Erfahrungen deutlich zu Buche.
Brutale Lärmstürme lassen die drei dann losbrausen, zusammengefügt zu Hörreisen durch die ganze Welt und so ziemlich alle denkbaren Musikstile – am wahnsinnigsten vielleicht im Blues-Schnellkochtopf „Billy Pilgrim“, bei dem nicht nur mehr oder weniger die gesamte Bluesgeschichte evoziert wird, sondern dabei auch so sehr unter Druck gerät, dass sie immer wieder zu explodieren droht. Nur ein beherzter Griff zum Nothalt kann da wenigstens so viel Dampf herausnehmen, dass die ungestüme, ungemütliche und immer wieder überrumpelnde Raserei ohne Ziel und ohne Kompass mit heilen Knochen weitergehen kann. Denn so eine ungezähmt vitale Musik hört nie auf. Und genau deshalb freute sich Schaefer auch so über den SWR-Jazzpreis: Weil er den als „Forschungsauftrag“ versteht, der es ihm möglich macht, seine Expedition in die musikalische Vielfalt immer weiter zu treiben.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung)
Und noch ein paar Beobachtungen, was mir so eingefallen ist:
„Bicycle Revolution“ (den Titel kapiere ich nicht, aber das macht ja nix): Eine extrem verspielte, eklezitische zusammengestoppelt Großmusik mit Soundmanipulationen aller Art – Normalität ist der Feind, hier geht’s ums Ausflippen. Einflüsse, Ideen und Material aus allen Ecken der Welt geben sich zu erkennen – ein Zeichen der radikalen Offenheit, mit der „Johnny La Marama“ in ihrer Songstruktur arbeit: Geschehen und wirken lassen ist die Devise. Meist kriegen sie aber auch wieder die Kurve, das irgendwie halbwegs konzis zusammentreffen zu lassen. Manchmal aber zerfasert das unterwegs auch so sehr, dass sie anscheinend die Lösung des Puzzles aufgeben und sich zu abgesprochenen Cues retten. Jedenfalls produzieren die drei so lauter kleine (und nicht so kleine) Hörfilme, ob’s um die Fahrradrevolution geht oder um Aliens, die ihnen ihre Süßigkeiten wegessen, ist ihnen, die sich nicht nur manchmal wie kleine Jungs im Spielzeugladen aufführen, dann eigentlich egal. Hauptsache, es gibt immer wieder einen Grund, möglichst viel disparate Klangfetzen zusammenzuwerfen und mit- und aufeinander reagieren zu lassen.
Vielleicht ist der militaristische Flecktarn, in den sich der Gitarrist Kalle Kalima kleidet, tatsächlich die richtige Uniform für so etwas: Nicht weil die Musik besonders kriegerisch wäre, sondern weil sie sich in voller Deckung anschleicht, hinter die feindlichen Linien und von dort ihre Sabotageakte auf de Hörerwartungen und den guten Geschmack loslässt.
