„Nächstens mehr.“

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Eric Schaefer bedankt sich für den SWR-Jazzpreis

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Im Hintergrund der Bühne steht tatsächlich noch ein richtiges Schlagzeug – oder was davon übrig ist. Aber auch jede Menge Gongs, Glocken und anderes Schlagwerk sind auf der Bühne verteilt. Dabei ist noch nicht einmal der experimentellste unter den gegenwärtigen -Schlagzeugern – im Gegenteil, er ist im Mainstream stark verankert. Aber mit vielen Ambitionen in andere Richtungen. Und damit durchaus ein würdiger Preisträger.

Es gibt kaum eine Musik, die er nicht spielt: Eric Schaefer, der Träger des diesjährigen -Jazzpreis. Und die Preisverleihung der gemeinsam vom und dem Land Rheinland-Pfalz mit 15.000 Euro dotierten Ehrung machte diese Vielfalt sehr deutlich hörbar. Der Schlagzeuger Schaefer, der den meisten wohl als Drummer in Deutschlands erfolgreichstem Jazztrio mit Michael Wollny und Eva Kruse, [em], bekannt sein wird, tummelt sich nämlich nicht nur im Mainstream-. Überhaupt ist schon die Beschränkung auf den zu eng für ihn – schließlich hat er schon als Jugendlicher bei den „Klassikern“ im Bundesjugendorchester mitgespielt. Und so war es auch nur folgerichtig, dass der in Berlin lebende Schaefer sein Dankkonzert in der Lobby des -Funkhauses mit einem fast vollständig auskomponierten Werk begann: „faces – surfaces“ hat er diesen Zyklus betitelt. Das Ensemble Henosis mit drei Streichern, Klarinette und eben Schlagwerk – das heißt, vor allem eine große Palette Gongs, Glocken und ähnlich tönendem Gerät, das Schaefer auf so ziemlich alle möglichen Arten bearbeitet – führt hier so etwas wie für Anfänger vor: Ein bisschen fremd, aber nie ganz unvertraut. Ein wenig pointilistisch, aber immer wieder zu tonalen Zentren und melodischen Fragmenten zurückkehrend. Vor allem aber größtenteils harmlos.
Alles andere als harmlos ist dagegen der Auftritt des Trios „Johnny La Marama“, das Schaefer mit dem Gitarristen Kalle Kalima und Chris Dahlgren am Bass betreibt. Da schlagen, in einer extrem verspielten Aktualisierung des -Gedankens, durchaus auch Schaefers frühe Hardcore-Punk-Erfahrungen deutlich zu Buche.

Brutale Lärmstürme lassen die drei dann losbrausen, zusammengefügt zu Hörreisen durch die ganze Welt und so ziemlich alle denkbaren Musikstile – am wahnsinnigsten vielleicht im Blues-Schnellkochtopf „Billy Pilgrim“, bei dem nicht nur mehr oder weniger die gesamte Bluesgeschichte evoziert wird, sondern dabei auch so sehr unter Druck gerät, dass sie immer wieder zu explodieren droht. Nur ein beherzter Griff zum Nothalt kann da wenigstens so viel Dampf herausnehmen, dass die ungestüme, ungemütliche und immer wieder überrumpelnde Raserei ohne Ziel und ohne Kompass mit heilen Knochen weitergehen kann. Denn so eine ungezähmt vitale Musik hört nie auf. Und genau deshalb freute sich Schaefer auch so über den -Jazzpreis: Weil er den als „Forschungsauftrag“ versteht, der es ihm möglich macht, seine Expedition in die musikalische Vielfalt immer weiter zu treiben.

(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung)

Und noch ein paar Beobachtungen, was mir so eingefallen ist:
„Bicycle Revolution“ (den Titel kapiere ich nicht, aber das macht ja nix): Eine extrem verspielte, eklezitische zusammengestoppelt Großmusik mit Soundmanipulationen aller Art – Normalität ist der Feind, hier geht’s ums Ausflippen. Einflüsse, Ideen und Material aus allen Ecken der Welt geben sich zu erkennen – ein Zeichen der radikalen Offenheit, mit der „“ in ihrer Songstruktur arbeit: Geschehen und wirken lassen ist die Devise. Meist kriegen sie aber auch wieder die Kurve, das irgendwie halbwegs konzis zusammentreffen zu lassen. Manchmal aber zerfasert das unterwegs auch so sehr, dass sie anscheinend die Lösung des Puzzles aufgeben und sich zu abgesprochenen Cues retten. Jedenfalls produzieren die drei so lauter kleine (und nicht so kleine) Hörfilme, ob’s um die Fahrradrevolution geht oder um Aliens, die ihnen ihre Süßigkeiten wegessen, ist ihnen, die sich nicht nur manchmal wie kleine Jungs im Spielzeugladen aufführen, dann eigentlich egal. Hauptsache, es gibt immer wieder einen Grund, möglichst viel disparate Klangfetzen zusammenzuwerfen und mit- und aufeinander reagieren zu lassen.

Vielleicht ist der militaristische Flecktarn, in den sich der Gitarrist Kalle Kalima kleidet, tatsächlich die richtige Uniform für so etwas: Nicht weil die Musik besonders kriegerisch wäre, sondern weil sie sich in voller Deckung anschleicht, hinter die feindlichen Linien und von dort ihre Sabotageakte auf de Hörerwartungen und den guten Geschmack loslässt.

Geschrieben von matthias

11. Juni 2010 um 14:41

jazz oder was? die dritten jazztage des mainzer klangraums

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zumindest der erste tag, beim zweiten abend konnte ich leider nicht dabei sein. aber die erste hälfte war schon ziemlich an- & aufregend – genau wie es das lineup verhieß: , frau contra bass, daniel stelter band etc.

hier meine betrachtungen für die mainzer rhein-zeitung:
Zwei Duos und zwei Quartette: Schon der Auftakt der dritten Klangraum-Jazztage bot ein reichhaltiges Programm: Mit Blue Snow, FrauContraBass, und der Daniel-Stelter-Band war das Programm nicht nur gut vollgepackt, sondern auch sehr unterschiedlich bestückt. Und einige Bekannte waren ja auch dabei, zusammen mit den neuen Gesichtern beim ausverkauften ersten Tag in der Showbühne. Die Veranstalter vom Klangraum-Studio freut der wachsende Zuspruch, die am am Eingang vergeblich noch um Einlass bittenden vermutlich weniger. Ddenn sie verpassten wirklich einiges. Nach dem leisen, feinsinnig-versponnen Auftakt von Blue Snow, dem schweizerischen Percussionisten-Duo, das mit Marimbaphon, Vibraphon und auch auf dem umfunktionierten Ikea-Tisch Rhythmen aller möglichen Herkünfte ganz ohne schweizer Gemütlichkeit mischte, war es aber mit der Ruhe und Gelassenheit ganz schnell vorbei.
FrauContraBass, das andere Duo, erfreuten schon im letzten Jahr bei den Jazztagen. Auch jetzt hatten Sängerin Katharina Debus und Bassist Hanns Höhn wieder viel launige Musik dabei. Mit Stevie Wonder, Jamiroquai und vielen anderen widmen die beiden sich der Liebe – der körperlichen und der platonischen, der erfüllten und der versagten. Trotz der Reduktion des musikalischen Materials erzeugen sie großartige Effekte: Höhn schrammelt, zupft, klopft und reibt an allen Ecken und Enden seines Kontrabasses, Debus lässt ihre kräftige, volle Stimme röhren, scatten und schmeicheln.
Auch die Daniel-Stelter-Band, die zum Schluss, gegen Mitternacht, als das Publikum schon anfing zu schwächeln, der Showbühne einheizte, war im letzten Jahr schon zu Gast. Und immer noch scheinen die vier Männer über unerschöpfliche Energiereservoirs zu verfügen. Die Rhythmusgruppe ist zwar personalidentisch mit der von . Aber mit Ulf Kleiner an den Fender-Rhodes und Daniel Stelters sowie seiner E-Gitarre wird das ganz anders: Die druckvollen, knackig dröhnenden Grooves werden mit dem Mut und der Kraft zu ganz schlichten, betörenden Melodien großer Prägnanz konfrontiert und ergänzt. Egal, ob als Hommage an einen HipHopper oder in der traurigen Geschichte eines untergehenden Papierbötchens: Alles überflüssige wird gnadenlos entsorgt, auf der Suche nach dem Optimum ihrer Musik ist das Quartett schon ziemlich nah am Ziel.
Damit knüpfen sie nicht nur personell an an. Auch die machen nicht gerne viele unnötige Worte und Töne. Aber sie sind exaltierter, experimentierfreudiger. Ihre Mischung aus Pop, , Funk und einem reichlichen Schuss ist dabei aber auch wunderbar ausgefeilt. Und live noch besser als im Studio: Noch präziser in den Stimmungen, noch genauer und auch noch konzentrierter, noch – was man kaum glauben mag – ein bisschen mehr entschlackt und zugleich gnadenlos fokussiert. Diese Strenge, gepaart mit der unbändigen Freude – die Musiker scheinen oft noch mehr Spaß zu haben als das auch schon begeisterte Publikum – das ist so zwingend, so unbarmherzig richtig – und so wunderbar gut.
Und es ist eine herrliche Ergänzung für die Jazztage und passt genau in deren Profil. Nach dem ersten Abend war ja noch nicht Schluss: Am Samstag ging es genauso bunt und umfangreich weiter – diesmal mit der Phoenix-Foundation und Lars Reichow, mit dem akustischen von Spaniol 4, dem elektronisch abgeschmeckten Klängen von „2 fishes in the big big sea“ und den hauseigenen Vibes.

Geschrieben von matthias

30. Januar 2010 um 21:40

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„YouTube hat das Beatboxen revolutioniert“

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Raue Industrieklänge mischen sich hier mit feinsten Harmonien – der Vocal Jazz Summit in der Mainzer Phönixhalle bringt reine Töne in eine eher ungemütliche Gegend. Aber die Sänger und Fans sind ja nicht gekommen, die Aussicht zu bestaunen. Sondern zu arbeiten, zu lernen und vor allem ganz viel Vocal zu hören. In allen Facetten.

Mittendrin in dem Gewusel schlendert Tobias Hug gelassen vom Studioraum zur Kaffeetheke, vom Foyer auf die große Bühne. Der auf den ersten Blick unscheinbare, zurückhaltende Bass der Swingle Singers ist eine der zentralen Figuren des Summits, der nach der Premiere 2005 zum zweiten Mal in stattfindet.

Hug, immer eine schicke Kappe auf dem kahlen Kopf, hat seine Arbeit nämlich schon vor dem eigentlichen Beginn angefangen. Drei Tage hat er mit drei Kollegen und 28 Lernwilligen die Masterclass „Beatbox and Beyond“ in der Mainzer Hochschule für Musik auf die Beine gestellt.

„Es war ungeheuer intensiv. Und es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht. Wir hatten eine ganz starke Eigendynamik, die Gruppe hat sich ganz schnell zusammengefunden. Und was uns besonderen Spaß gemacht hat: Wir haben noch nicht zusammen gearbeitet, das war auch für uns ein neues Konzept.“ Wir, das sind die vier Dozenten: Neben Hug sein Bass-Kollege bei den Swingle Singers, Kevin Fox, dazu der belgische Beatboxer und Vize-Weltmeister RoxorLoops und der Franzose Jérôme Colloud, ein Akrobat nicht nur der Stimme.

„Erstmals haben wir hier mit Dozenten aus verschiedene Richtungen gearbeitet“, erzählt Hug: „Hip-Hop, Vocal-, Theater: die verschiedensten Improvisationstechniken waren hier vertreten. Und natürlich spielte das Beatboxen eine besondere Rolle, aber wir haben auch viel mit anderen Improvisationsmodellen gearbeitet, mit circle songs oder Techniken aus der Theaterimprovisation. Unser Ziel war immer, abwechslungsreich zu bleiben und doch zu etwas Gemeinsamen zu kommen.“

Die Masterclass lebte auch von ihrer bunten Zusammensetzung – von Hip-Hop-Kids bis zu gestandenen Chorleitern und Musiklehrern war so ziemlich alles vertreten. Und alle waren nicht nur musikalisch neugierig und offen: „Wir haben ungeheuer viel zurückbekommen von den Teilnehmern, die haben sich gut miteinander verstanden. Und die Experimentierfreude hat uns immer wieder überrascht. Vor allem aber die großen Entwicklungen in diesen drei Tagen, wie wirklich alle sehr bald ihre Hemmungen fallen gelassen haben – das war wirklich toll. Denn am Anfang ist man natürlich scheu, es klingt ja auch etwas albern zunächst, wenn man es noch nie gemacht hat – aber in der Masterclass haben alle diese Scheu abgelegt.“ Das Abschlusskonzert, zugleich offizieller Beginn des eigentlichen Summits, war zwar fast eine reine Insider-Sache, konnte den Enthusiasmus Tobias Hugs aber gut belegen: Die Dozenten traten kaum mehr in Erscheinung, die Gruppe steuerte sich selbst durch verschiedene Improvisationen, in Gruppen und solistisch, im Circle Song und dem Hip-Hop-Break.

Aber wie kommt man als Schulmusikstudent in Trossingen überhaupt zu den Swingle Singers? Und zum Beatboxen?

„Ich habe in einer -Gruppe gesungen, die sich aus dem Jazzchor Freiburg entwickelt hat. Da war ich Bass und habe angefangen, gleichzeitig Beats zum Bass dazu zu machen. Dann hat mich das so interessiert und fasziniert, das ich nach allem gesucht habe, was ich irgendwie finden konnte und habe einen Beatbox-Workshop in Österreich mitgemacht. Gleichzeitig war dort auch ein Swingle-Singers-Workshop. Da habe ich die Swingle Singers kennen gelernt und gemeint, wenn ihr mal einen Bass braucht, meldet euch. Damals studierte ich noch Schulmusik in Trossingen. Sechs Monate später hatte ich – am Tag meiner Zwischenprüfung – das erste Vorsingen in London …“

Seit 2001 ist er jetzt Bass bei dem wohl dienstältesten Vocal--Ensemble der Welt. Und inzwischen auch künstlerischer Leiter des Ensembles.

Überhaupt hat er schon viel gemacht – Anthropologie studiert, Geschäftsmann mit eigenem Unternehmen zum Import von Computerteilen gewesen, als Koch gearbeitet – und dann doch der Entschluss: „Ich muss es mit der Musik probieren. Wenn es nicht klappt – okay. Aber bisher läuft es ganz gut. Es kann also gut sein, dass das deutsche Beamtentum mich für immer verloren hat.“

Inzwischen ist er trotzdem eine Art Lehrer geworden. Denn immer öfter lässt er andere, junge Sänger und Ensembles an seinem reichen Erfahrungsschatz teilhaben – da geht es längst nicht nur um das Beatboxen, sondern auch um klassische Ensembletechniken oder verschiedene Methoden des Obertongesangs. Auch das ist typisch für Tobias Hug: „Ich habe halt schon immer, von Kindesbeinen an, ganz viel mit der Stimme einfach experimentiert und rumgespielt.“ Grenzen gibt es da kaum noch.

„YouTube hat das Beatboxen wirklich revolutioniert: Zum Einen kennt jetzt fast jeder Beatboxen. Dann hat es das Beatboxen auch in den Mainstream geschafft – Björk, Justin Timberlake, DSDS – überall findet man sie jetzt.“ Er selbst hat noch ohne das hilfreiche Internet-Videoportal gelernt – mit einer amerikanischen VHS-Kassette und vielen direkten Kontakten zu Beatboxern. Aber Tobias Hug ist doch immer noch in erster Linie Bass, kein reiner Stimmakrobat: „Das Interessante beim Beatboxen ist dann eigentlich, es nicht nur als so ein Gimmick zu benutzen, als etwas Witziges, als Partytrick, sondern wirklich Musik damit zu machen, das Beatboxen also auch musikalisch weiterzuentwickeln. Oder es vernünftig in ein Ensemble einzubauen. Das sind zwei völlig verschiedene Disziplinen, das Solo-Beatboxing im Hip-Hop-Style mit seinen Battles und Shows und die Vocal Percussion in einem -Ensemble. Und da habe ich einfach viel Erfahrung, wie man Vokal-Schlagzeuger ist in einer Band.“

Schließlich ist er ja inzwischen seit acht Jahren die eine Hälfte des tiefen Viertels der Swingle Singers. Was unterscheidet die Arbeit in einer solchen Gruppe also vom Solisten?

„Die Technik ist schon dieselbe, aber viel stärker zurückgenommen: Man macht einen Groove, vielleicht noch ein paar Variationen, während der Solo-Beatboxer viel stärker mit elektronischen Soundimitationen aus allen Bereichen der Musik arbeiten wird. Vokalschlagzeuger benutzt dann oft wirklich nur die vier, fünf Klänge des Schlagzeugs – mehr nicht.“

Und die sind in ihren Grundzügen schnell gelernt: In mehreren Workshops gaben die Masterclass-Dozenten beim Vocal Summit noch einmal eine ganz kurze Einführung in das Beatboxing für alle: Den Aufbau der Grooves aus den einzelnen Instrument des Schlagzeugs, das bewusste Kombinieren von Bass Drum, Snare, Hi-Hat und Toms nicht nur so, dass es groovt, sonder auch so, dass genügend Luft zum Durchhalten bleibt. Und dann muss man nur noch üben – die Grundlagen sind nicht schwer.

Aber natürlich bot auch der Vocal Summit mehr als reine Vocal Percussion. Sehr viel mehr sogar. Neben den großen Konzerten mit Top Acts aus der ganzen Welt – den Swingle Singers, The Real Group, Manhattan Transfer – eine Menge (noch) nicht so berühmter Ensembles, Nachwuchsgruppen aus ganz Europa – nicht unbedingt viel schlechter, wenn überhaupt. Für jede Menge Abwechslung im Stil und Repertoire, für Gruppen von solistischen Ensembles bis zur vokalen Big Band war so gesorgt. Eine Menge Anregungen also, diese internationale Leistungsschau des Vocal , eine Menge Stoff für die Ohren – danach braucht man erst einmal Pause.

Die gab’s aber nicht. Denn selbst zwischen Nachmittags- und Abendkonzert, zwischen morgendlichem Workshop und mittäglichem Coaching ist da ja auch noch das zentrale Zelt vor der Phönixhalle, wo sich alle Welt wieder trifft, um beim Kaffee weiter zu machen, das Gehörte zu diskutieren und Kontakte zu knüpfen. Und dann waren da ja auch noch die Workshops – eher theoretisches zum Proben, Arrangieren und Dirigieren von Vocal -Sätzen mit Stephen Zegree oder Bertrand Gröger (der seine Loop-Songs auch in den abendlichen Konzerten mit dem Publikum zelebrierte) und anderen oder etwa eine Einführung in die Arrangements Gene Puerlings von Jesper Holm. Die Teilnehmer waren dafür teilweise weit angereist – aus ganz Deutschland sowieso, aus den Niederlanden, Belgien, der Schweiz. Und auch aus dem Iran: Das Teheran Vocal Ensemble, gerade in Europa auf verschiedenen Festivals unterwegs, nutzte die Chance, sich in einem der angebotenen Coachings durch die Real Group und die Swingle Singers noch einen Feinschliff beim großen Vorbild aus England abzuholen. Mehdi Abtahi war ganz begeistert: „Die haben diese Art der Musik bei uns überhaupt erst bekannt gemacht. Und jetzt konnten wir von ihnen lernen – das war sehr hilfreich und hat uns großen Spaß gemacht.“

Das Niveau war nicht nur in den Konzerten hoch – auch in den Coachings offenbarten so einige Amateurgruppen professionelles Können. Tobias Hug beobachtet das auch von London aus: „Ich sehe, dass sich in den letzten fünf, sechs Jahren hier viel getan hat, dass viele Gruppen nicht nur den Schritt in die Professionalität geschafft haben, sondern richtige Stars sind.“ Und dass die Entwicklung auch in die Breite geht: „Die Leute wollen eben singen – und ist unschlagbar, vor allem im Live-Kontext: Die Stimme ist das Unmittelbarste überhaupt um mit dem Publikum in Kontakt treten. Die Menschen wollen singen, aber nicht mehr im Kirchenchor – da entwickeln sich eben -, Pop- und Gospelchöre. Vielleicht hängt das auch mit dem Beatboxen zusammen. Aber war schon immer cool. Nur haben’s die Leute noch nicht gewusst. Und jetzt merken sie es.“ Und damit verabschiedet sich Tobias Hug. Er hat noch viel vor – ein weiterer Workshop wartet, dann der Soundcheck und das große Konzert der Swingle Singers.

(geschrieben für die Neue Chorzeit)

Geschrieben von matthias

13. November 2009 um 19:25

20 jahre upart in mainz: grund zum feieren. mit vandermark & brötzmann

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Gemeinsames Musikhören und die dazu gehörenden Diskussionen waren und sind die Keimzelle dieses Vereins. Vor zwanzig Jahren fanden sich einige Idealisten zusammen, um den , die freie improvisierte Musik häufiger nach zu bringen: Der -Verein war gegründet. Im Kern ist das seit damals vor allem eine basisdemokratisch organisierte Vereinigung von Idealisten und Fans. Angefangen hat alles an der Universität, im Asta, der 1987 das erste „Akut-“ veranstaltete. Und der harte Kern machte dann nach dem Ende des Studiums einfach weiter – jetzt eben als Verein. Die knapp zwanzig Mitglieder – viel größer ist der Verein auch heute nicht, trotz des stetigen Kommens und Gehens – übernahmen das Akut- und führten es in Eigenregie fort.
Das ist auch heute noch der Kern der Veranstaltungsarbeit von . Auch wenn sie vor einigen Jahren den schweren Entschluss fassen mussten, nur noch im zweijährigen Turnus große Namen der improvisierten Musik nach zu holen. Das lag, natürlich, am Geld: Das Publikumsinteresse an experimenteller, freier Musik ist in den beiden Dekaden deutlich zurückgegangen, wie Gründungsmitglied Uwe Saßmannshausen weiß: „Es ist nicht einfacher geworden.“ Auch die Zuschüsse von Stadt und Land sind immer weiter geschrumpft. Und doch machen sie immer weiter, versichtert Saßmannshausen: „Wir sind halt unverdrossene Idealisten. So lange es irgendwie geht und wir noch Spaß daran haben, wird es weiter geben.“
Und das ist ein großes Glück für , wie man beim Jubiläumskonzert in der Alten Patrone erfahren konnte. Dafür hatte sich der Verein zwei große Meister des zeitgenössischen geleistet: Den deutschen Saxophonisten Peter Brötzmann und seinen amerikanischen Kollegen Ken Vandermark. Zunächst vergnügten sich die beiden Bläser im intimen Duo. Ausgerüstet mit verschiedenen Saxophonen und Klarinetten stürzten sie sich ins Vergnügen – nicht nur für das Publikum, sondern offenbar auch für die beiden Bläser. Mit großer, nie nachlassender Intensität, wahnsinnigem Ideenreichtum und natürlich der gerade für Brötzmann typischen ungebändigten Energie.
In ganz andere Gefilde stürmte das Frame-Quartett, Vandermarks Kerntruppe aus Chicago mit Fred Lonberg-Holm am elektronisch verstärkten und gewandelten Cello, am ebenfalls elektronisch behandelten Bass und Tim Daisy am – ganz klassischen – Schlagzeug. Mit vertrackten Arrangements, per Handzeichen abgerufenen Schnitten, experimentieren diese vier an der Grenze zwischen teilweise notierter und improvisierter Musik. Sie beginnen mal mit verträumten Streicher-Intro, lassen krachende Gewitter folgen, unterbrechen das mit harten Beats oder synthetischem Gefrickel aus den Effektgeräten – und sie finden aus den unwegsamsten Gebieten immer auf fast wundersame Weise wieder zusammen. Mit solcher Musik kann man zwar keine großen Massen anziehen, am immerhin die Alte Patrone ganz gut füllen. Und Geld verdienen muss mit ihren Konzerten ja nicht – der unschlagbare Vorteil ehrenamtlicher Initiativen.

(mein text für die mainzer rhein-zeitung. eine ausführlichere betrachtung des konzertes steht schon seit vorgestern im blog.)

Geschrieben von matthias

9. September 2009 um 10:24

angebissen: der don-camillo-chor auf cd

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Musik dazu verwenden, jemanden zu verführen, ist keine neue Idee. Das Opfer mit der Musik als Köder zur Musik zu begehren, ist schon etwas ungewöhnlicher. Und wenn ein Chor das dann auch noch so offen und direkt unternimmt wie der „Don-Camillo-Chor“ aus dem Münchner Umland, dann gehen jeder Zielperson schnell die Argumente für den Widerstand aus.

Das liegt, wie ihre neueste (und erste) CD mit dem passenden Titel „Good Bait“ beweist, zu großem Teil an der jugendlichen Frische und dem unbändigen Überschwang, mit dem der gesamte Chor sich auf sein Repertoire vorwiegend aus und Pop stürzt. So eine freizügige Freude teilt sich dem Hörer in jedem Moment mit, dass er mit dem größten Vergnügen anbeißt.

Das Vergnügen ist allerdings nicht nur ein Verdienst der Sänger und ihres Chorleiters, der sie immer wieder knackig auf den Punkt fokussiert. Es liegt zu einem großen Teil auch an den angenehm einfallsreichen Arrangements, die mehrheitlich vom Dirigenten selbst oder aus der bewährten Feder des um keine Pointe verlegenen stammen.

Das reicht vom feurigen „Chili con Carne“ aus dem Fundus der „Real Group“ über aufgefrische Swing-Klassiker bis zu – in ihren komplexen Arrangements kaum noch erkennbaren – Pop-Hits der letzten Jahrzehnte. Mit einer recht freien Bearbeitung von Brahms‘ „Guten Abend, gut‘ Nacht“ beweist der Don-Camillo-Chor dann nebenbei auch noch, dass er mehr als nur reiner -Pop-Chor ist: Diese jungen Sänger und Sängerinnen fühlen sich in vielen Gefilden zu Hause. Mit Recht. Denn „Good Bait“ ist nicht nur eine schöne, gelungene Leistungsschau, sondern auch einfach gute Unterhaltung.

Don Camillo Chor: Good Bait. Spektral SRL4-09049, 2009.

(geschrieben für die neue chorzeit)

Geschrieben von matthias

5. Juli 2009 um 16:32

orff, bartók und gershwin glücklich vereint

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Béla Bartók, George Gershwin und Carl Orff haben wenig gemein. Und doch passen sie alle in das Konzert des Bachchores in der Christuskirche. Denn kleine Übereinstimmungen finden sich doch. Zum Beispiel, um ganz pragmatisch anzufangen, es gibt von jedem Musik für zwei Klaviere – wenn man schon zwei hochklassige Pianisten wie die Brüder Paratore zur Verfügung hat, muss man das ja auch nutzen. Und sie komponierten (fast) zur gleichen Zeit: Gershwins „Rhapsody in Blue“ war 1924 erstmals zu hören, Bartóks Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug im Januar 1938 und Orffs „Carmina burana“ entstand ab 1934. Das hört man ihnen aber kaum an, denn trotz der zeitlichen Nähe bleibt diese Trias grundverschieden.

Bartóks Sonate zum Beispiel ist ein eher sprödes, auch nur selten aufgeführtes Werk. Und eigentlich klingt es auch nicht so harmlos, wie hier in der Christuskirche. Da trägt der Raum große Mitschuld, der vieles weichzeichnet und verschwimmen lässt. Anthony und Joseph Paratore versuchen zwar, durch knackige Pointierungen dem etwas entgegenzusetzen. Aber so richtig weit kommen sie damit nicht. So bleibt die Sonate mit der ungewöhnlichen Besetzung für zwei Klaviere und zwei Schlagwerker (die aus dem Ensemble Babette Haag kamen) für dieses Mal fast eine verwunschene Feenmusik, deren weich fließende, stellenweise sogar ins rauschhaft taumelnde Klangwelten aber durchaus auch bedrohlichere Szenarien herbeizaubert. Doch noch bleibt alles Rohe und Wilde in sicherer Distanz und fest eingezäunt.

Gershwins Musik kennt solche Gefahren nicht. Routiniert arbeiten sich die Pianisten mit jahrzehntelanger Erfahrung durch die Rhapsody in Blue. Das Schlagwerk bleibt hier aber eher rasselnder und scheppernder Fremdkörper, was dem Zauber aber nicht weiter schadet.

Dafür dürfen die Percussionisten danach noch einmal alles geben: Die „Carmina burana“, die der Bachchor in der vom Orff-Schüler Wilhelm Killmayer angefertigten Fassung für zwei Klavier und Schlagwerk präsentierte, bietet ja nicht nur dem Chor reichlich Möglichkeiten zum Brillieren. Dem aber ungedingt auch – und der Bachchor nutzt die wie immer ganz selbstverständlich. Unter Ralf Ottos beseelter Leitung ergibt sich organisch eines aus dem anderen, laufen Chorsätze nahtlos in Soli und umgekehrt, verbinden sich Humoreske und Folklore, Liebesleid und Freudentaumel zu einer mächtigen, klangewaltigen Einheit. Besonders auszeichnend dabei: Die unerschüttliche Präzision – nicht nur technisch, sondern auch klanglich und emotional treffen Otto und seine Sänger immer genau auf den Punkt. Auch die Solisten passen gut dazu: Daniel Sans gefällt mit beherrschter Sicherheit, der komödiantisch begabte Klaus Häger mit seinem unkompliziertem Bass und die Sopranistin Valentina Farcas fügt sich mit selbst in großer Höhe klarer Stimme wunderbar ins Gesamtbild. Kein Wunder, dass die ausverkaufte Christuskirche restlos begeistert ist.

(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung)

Geschrieben von matthias

9. Juni 2009 um 22:57

Abgelegt in kritik,musik

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