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„Das Konzert ist beinahe ein Abfallprodukt“

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Pianist Kristian Zimerman in einem aufschlussreichen Gespräch mit dem NZZ-Redakteur Peter Hagmann. Da geht es neben anderem auch um Motivation und Ziel des Pianisten:

Man könnte ja sagen: Das Konzert ist beinahe ein Abfallprodukt. Ich übe nicht, um Karriere zu machen, ich übe auch nicht für ein Konzert. Ich versuche mich zu entwickeln und zu bereichern

Aber hauptsächlich geht es um Chopin, dessen Jubiläum ja gerade ganz dringend ansteht. Und da ist Zimerman als einer der besten gegenwärtigen Chopin-Pianisten natürlich ein wunderbarer Gesprächspartner, der nicht nur Klavier spielen kann, sondern auch eine Menge weiß. Z.B. über das Problem der Nation & der Nationalität – im Leben und in der Musik:

Am Ende geht es aber überall um dasselbe: um Liebe, um Sicherheit, um das Dazugehören, um Heimat. Und Chopin schreibt über diese Dinge, er schreibt aus der Seele heraus über die Seele. Und er schreibt in einer besonderen Ehrlichkeit.

Oder über das Genie der Konstanz der Qualität bei Chopin, oder über den Begriff der Romantik und ihrer heutige Interpreation:

Das geht daneben, man muss Chopin in einem eigentlichen Sinn romantisch spielen. Das fängt an mit dem Rubato. Das Rubato darf nicht mit zu kleinen Werkzeugen gemacht werden. Man muss sich vielmehr bewusst sein, dass die Masse, die hier bewegt werden soll, von enormer Dimension ist und dass dieser Bewegungsvorgang seine Zeit braucht. Das Rubato darf sich also nicht auf allzu kleinem Raum entfalten, es muss im Gegenteil in einen grossen Atem integriert sein.

Das sind auch die Gründe, warum ich Zimeman so schätze: Weil man dieses Wissen, diese Überlegung und die Detailfreudigkeit sowie seine Genauigkeit auch hört.

Heute in der Neuen Zürcher Zeitung: klick.

Geschrieben von matthias

27. Februar 2010 um 18:07

klavierkunst für eine bessere welt

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Er scheint ein ganz normaler junger Pianist zu sein, so wie er in Jeans und schwarzem Hemd auf die Bühne des Frankfurter Hofes kommt. Aber in Kai Schumacher steckt mehr. Denn wer „The People United Will Never Be Defeated“ aufnimmt (für das Mainzer Label Wergo) und auch noch live spielt, der muss etwa Besonderes sein. Schließlich ist Frederic Rzewskis riesiger Variationenzyklus nicht irgend ein Werk

Zum einen sind da die technischen Schwierigkeiten: In diesen gut sechzig Minuten ist eine Menge verpackt – rasende Läufe, donnernde Akkorde, wilde Sprünge, brutale Lautstärke und subtile Feinheiten wechseln ständig. Und die musikalischen Anforderungen sind auch nicht gering: Diese 36 Variationen erfordern viel Gestaltungskraft, viel Übersicht und gleichzeitig enorme Konzentration im Detail.

Es geht aber noch weiter: Wer diese Musik spielt, bezieht immer auch irgend eine politische Position. Schließlich ist das Musik, die etwas verändern will. Denn Rzewski hat nicht irgend eine Melodie als Grundlage genommen, sondern das chilenische „El pueblo unido jamás será vencido“, das Anfang der 1970er Jahre zum musikalischen Symbol des Widerstands gegen Pinochet wurde.

Kai Schumacher macht das im Frankfurter Hof überdeutlich, er lässt nämlich erst einmal das Original einspielen – gleich ein erster Gänsehaut-Moment. Davon wird es noch eine ganze Menge geben. Denn was Rzewski komponiert hat, das ist nicht nur hochvirtuos und vielfältig, artifiziell und natürlich zugleich. Sondern auch so voller Ideen, Stile, Anklänge, dass es ungeheuer viel zu entdecken gibt. Und Kai Schumacher scheint das alles im Blick zu haben. Seine Interpretation dieses aufgrund seiner hohen Schwierigkeit nahezu nie gespielten Werkes ist gerade dadurch ausgezeichnet, die kunstvolle Gestalt der Musik besonders in den Fokus zu holen.

Andererseits verliert der Zyklus dadurch an Schärfe – und auch die Gewissheit, dass das geeinte Volk wirklich niemals besiegt werden wird. Vielleicht ist das zwangsläufig so, die weltgeschichtliche Entwicklung seit 1975, als Rzewski das Mammutwerk komponierte, ist ja keine reine Erfolgsgeschichte der Befreiung unterdrückter Völker. Gerade diese Spannung zwischen Optimismus und dem Bewusstsein um Niederlage und Unterdrückung auf der anderen Seite führt Schumacher immer wieder ganz besonders hervor.

So realisiert er mit elastischem Ton, mit federnder Kraft ein sehr offenes Kunstwerk: Das hier ist eine Aufführung, die gerade die stilistische Vielfalt der Variationen, von den analytisch die Melodie zersplitternden Sätzen über virtuose Tastendonnermomente bis zu Jazz- und Blues-Impressionen, besonders deutlich macht. Diese Kontraste arbeitet Schumacher sehr stark heraus – und ist doch immer wieder dann besonders überzeugend, wenn er sich ganz in die Musik versenken kann, wenn die zarten und zerbrechlichen Momente auch ihn selbst neu ergreifen und berühren.

Geschrieben von matthias

28. Oktober 2009 um 19:09

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