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	<title>„Nächstens mehr.“ &#187; gedächtnis</title>
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	<description>Literatur, Musik, Theater - die Welt meiner Kultur. Und das Laufen.</description>
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		<title>Ged&#228;chtnis</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Dec 2011 21:36:35 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[„Erst hatte ich den Weg nicht mehr beschreiben, dann nicht mehr gehen k&#246;nnen, das Ged&#228;chtnis ist manchmal fl&#252;chtiger als das schiere Wissen der F&#252;&#223;e.” (Katharina Hacker, Eine Dorfgeschichte, 103)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Erst hatte ich den Weg nicht mehr beschreiben, dann nicht mehr gehen können, das Gedächtnis ist manchmal flüchtiger als das schiere Wissen der Füße.” (Katharina Hacker, Eine Dorfgeschichte, 103)</p>

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		<title>Digitales Erinnern und Vergessen</title>
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		<pubDate>Wed, 13 Apr 2011 16:19:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>matthias</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit großen Worten spart Viktor Mayer-Schönberger nicht: Eine „Tugend des Vergessens” beschwört er. Und will sie auch in „digitalen Zeiten” umsetzen. Aber eigentlich ist dieses — ziemlich positiv besprochene — Buch eine Mogelpackung. Denn Idee, Thema und Argument Mayer-Schönbergers ließe sich auf einigen wenigen Seiten ausreichnd genau darstellen — genauer wird er hier auch nicht. Er bläst das nur unheimlich und fast unerträglich auf.</p>
<p>Worum es geht ist schnell gesagt: Mayer-Schönberger hätte gerne, dass digitale Daten ein Verfallsdatum mit auf den Weg bekommen, an dem sie (automatisch) gelöscht, nicht mehr zugänglich werden. Sein Argument geht ungefähr so: Die über Zeit und Raum nahezu unbeschränkte (das nahezu fehlt bei ihm schon meistens) Verfügbarkeit von Informationen ist schädlich. Schädlich für Individuen und auch für Gesellschaften. Deswegen eben das automatische Löschen digitaler Daten (also z.B. Fotos, Zeitschriftenartikel, Suchdaten, Profile, Einkäufe etc.), um so das „analoge”, vor-digitale „Erinnern” zu simulieren. Das ist so weit eine ganz sympathische und auch überhaupt nicht verkehrte Idee, auch wenn alternative Strategien im Umgang mit der Ubiquität digitaler Daten (etwa die Anpassung des Verhaltens an diesen Umstand) bei ihm arg forsch beiseite gewischt werden.</p>
<p>Geärgert an dem Buch hat mich aber zum einen, dass er ewig weit ausholt, eine gesamt Geschichte der Schrift als Medium der Erinnerung noch einbaut (die auch furchtbar ungenau und teilweise nicht auf dem aktuellen Stand der Forschung ist, so weit ich das überblicken kann). Und dann natürlich sein Hauptproblem: Die fehlende Genauigkeit im Umgang mit den Begriffen. Gedächtnis — Erinnerung — Archiv ist hier ein einziger Mischmasch, in dem nichts unterschieden wird. So spricht Mayer-Schönberger z.B. unentwegt davon, dass wir digitale Daten erinnern (und durchs Löschen eben vergessen).  Genau das ist aber falsch: Sicher, wir archivieren die. Aber sie sind dann noch lange nicht zwangläufig ein Teil unserer Erinnerung. Sie können es wieder werden, müssen es aber nicht. Diesen Unterschied zwischen (Individuums-)internen und externen Informationen macht er einfach nicht (bzw. nicht ausreichend genau). Daher kommt dann auch die Verwirrung von Gedächtnis und Erinnerung und Informationen, die digital verfügbar sind. Macht man diese Unterscheidung, nimmt man ihm einen Großteil seiner großsprecherischen kulturellen Geste: „Während wir früher mit der Zeit das meiste vergaßen, haben wir heute die Möglichkeit, uns an das meiste zu erinnern.” (199) — genau das bezweifle ich eben.<sup class='footnote'><a href='#fn-4579-1' id='fnref-4579-1'>1</a></sup> Das Problem, das muss man ihm zugestehen, bleibt aber dennoch: Digitale Daten sind einfacher, länger, ortsungebundener verfügbar, das Archiv und die Findemittel werden immer umfangreichr, schneller und bequemer.</p>
<p>Mir jedenfalls scheint ein Plädoyer für eine Art des „digitalen Erinnerns”, die sich der Speichermöglichkeiten der Computer und Netzwerke bedient, aber auch deren Problematik bewusst macht (sowohl beim Speichern eben als auch beim erinnernden/rekonstruierenden Abrufen) eine interessantere, angemessenere Reaktion als das bloße Simulieren der Ungenügsamkeiten bisheriger Aufzeichnungsmethoden im digitalen Raum. Ich bin mir nämlich überhaupt nicht so sicher wie Mayer-Schönberger, dass die „analoge”/vor-digitale Form des Gedächtnisses/Erinnerns eine evolutionäre Leisung ist, die allein dem Menschen gemäß ist. Aber das wird sich noch zeigen …</p>
<p>Viktor Mayer-Schönberger: Delete. Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten. Berlin: Berlin University Press 2010. 264 Seiten. ISBN <a href="http://worldcat.org/isbn/9783940432902" target="_blank">978–3-940432–90-2</a>.</p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-4579-1'>Mal ganz abgesehen davon, dass das alles für nur einen Bruchteil der Menschheit gilt — mit ausreichendem Zugang zu den entsprechenden Ressourcen … <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-4579-1'>↩</a></span></li>
</ol>
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		<title>Wahrheit oder Leben</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Oct 2010 18:49:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>matthias</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Zwei Romane zum Preis von Einen. Oder auch nicht. Eigentlich ist ja doch nur einer, „Die Leinwand” von Benjamin Stein, der im „Turmsegler” auch ein sehr interessantes Blog hat. Aber er wird doppelt erz&#228;hlt, mit Jan Wechsler und Amnon Zichroni als Zentren der jeweiligen Teile. Und damit auch jeder die Besonderheit merkt, sind die beiden [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zwei Romane zum Preis von Einen. Oder auch nicht. Eigentlich ist ja doch nur einer, „Die Leinwand” von Benjamin Stein, der im „Turmsegler” auch ein sehr interessantes Blog hat. Aber er wird doppelt erzählt, mit Jan Wechsler und Amnon Zichroni als Zentren der jeweiligen Teile. Und damit auch jeder die Besonderheit merkt, sind die beiden Teile so gedruckt, dass man das Buch von jeder Seite beginnen kann: „Zwei Hauptwege und verschlungene Nebenpfade führen durch diesen Roman. Hinter jedem Umschlag befindet sich ein möglicher Ausgangspunkt für das Geschehen. Es ist Ihnen überlassen, wo Sie zu lesen beginnen.” — so heißt es auf dem Umschlag. Man darf aber auch zwischen jedem der 11 Kapitel die Leserichtung wechseln. Ich fing mit Ammon Zchroni an, las das komplett und wechselte erst dann zum Jan-Wechsler-Teil. Keine Ahnung, ob es eine bessere Variante gibt ;-).</p>
<p>Worum geht es: Um Wahrheit, um Erinnerung, ums Gedächtnis — und vor allem die ganzen Probleme, die damit zusammenhängen. Die trügerische Erinnerung, der unklare Status von Erinnerungen, und immer wieder die Frage: Was ist hier die Wahrheit? Was ist passiert? Was wird wie warum erinnert? Ziemlich am Anfang des Wechsler-Teiles, auf der Seite W.14 heißt es:</p>
<blockquote><p>Niemand wüsste besser als ich, dass die Grenze zwischen Realität und Fiktion in jeder Erzählung mäandernd inmitten der Sprache verläuft, getarnt, unfassbar — und beweglich. Selbst das Wort „Wirklichkeit” führt ins Unwägbare.</p></blockquote>
<p>Damit ist eigentlich schon fast alles über diese großartige Buch gesagt. Die Story ist entsprechend elaboriert. Der Zichroni-Teil erzählt die Geschichte eines mehr oder weniger strenggläubign Juden, seine Ausbildung, seine Zweifel und Glaubensanfechtungen, aber auch seine Festigkeit im Glauben. Jan Wechsler ist ein Schriftsteller (oder auch nicht, er ist sich selbst da extrem unsicher, weil sein Gedächtnis ihn systematisch im Stich lässt), der im Endeffekt Zichroni umbringt — oder umgekehrt, je nach Erzählrichtung. Die fehlende Erinnerung, ihr trügerische (Un-)Sicherheit wird so zum Kriminalfall, das eher philosophische Problem des Status der „Wahreheit” hat auf einmal handfeste Konsequenzen. Dazu kommt noch, damit eng verknüpft, die Frage der Identität des Menschen — bin ich, was ich erinnere? Gibt es einen „wahren” Kern der Identität, die (auch) außerhalb mir selbst, meiner — ja sowieso unzuverlässigen — Erinnerung liegt? Die ganzen „großen” Themen werden zwar sehr deutlich, aber — und das ist dann halt einfach das Schöne an diesem Buch — sie bleiben in die Erzählung wunderbar harmonisch eingebettet: Klar, man merkt recht schnell, worum es dem Autor geht. Aber die story bleibt spannend, die Erzähler können mit ihrer oft weit ausholenden, allen Nebenpfaden nachgehenden, aber genau konstruierten Erzählung trotzdem weiterhin fesseln.</p>
<p>Das entwickelt ziemlich schnell einen deutlichen Sog — vor allem der Zichroni-Teil hat mich sehr gefesselt: Mit seinen sehr farbigen Beschreibungen, seinen ausgesuchten Vergleichen und poetischen Stil — der Wechsler-Teil ist deutlich prosaischer, zumindest kam es mir beim Lesen so vor. Aber irgendwie gelingt es mir gerade nicht, die Freude und Begeisterung meiner Lektüre in Worte zu fassen … Gregor Keuschnig hat dagegen eine nicht nur sehr umfangreiche, sondern auch ziemlich gute und genaue <a href="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/6174948/" target="_blank">Inhaltsangabe</a> für das „<a title="begleitschreiben" href="http://begleitschreiben.twoday.net/" target="_blank">Begleitschreiben</a>” geschrieben. Einige weitere Reaktionen lassen sich über den oben erwähnten <a title="&quot;Die Leinwand&quot; beim Turmsegler" href="http://turmsegler.net/die-leinwand/" target="_blank">Turmsegler</a> oder beim <a title="&quot;Die Leinwand&quot; beim Perlentaucher" href="http://www.perlentaucher.de/buch/33727.html" target="_blank">Perlentaucher</a> finden — die meisten sind ziemlich positiv, was ich gut nachvollziehen kann.</p>
<blockquote><p>Die Welt <em>in</em> mir war für micht die Welt. (W.75)</p>
<p>Ich bin, woran ich mich erinnere. Etwas anderes hab ich nicht. (W.121)</p></blockquote>
<p>Benjamin Stein: Die Leinwand.Roman. München: Beck 2010. ISBN <a href="http://www.worldcat.org/oclc/587651044">978–3-406–59841-8</a>.</p>

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		<title>„Vermutlich kann er …</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Oct 2009 19:02:51 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[„Vermutlich kann er mit seinen Hirnwindungen nur irgendwelche Formeln in den Rechner programmieren und sich teure Autos und Frauen besorgen, aber sich erinnern, das kann er nicht.” (Thomas Klupp, Paradiso, 19)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Vermutlich kann er mit seinen Hirnwindungen nur irgendwelche Formeln in den Rechner programmieren und sich teure Autos und Frauen besorgen, aber sich erinnern, das kann er nicht.” (Thomas Klupp, Paradiso, 19)</p>

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		<title>„Das Ged&#228;chtnis ..</title>
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		<pubDate>Tue, 25 Aug 2009 07:44:29 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>… ist ein hoffnungsloser Romantiker und eng befreundet mit dem Klischee.” (Benjamin Maack, Die Welt ist ein Parkplatz und endet vor Disneyland, 32)</p>

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		<title>peter kurzeck: oktober und wer wir selbst sind</title>
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		<pubDate>Thu, 17 May 2007 16:05:59 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>schon der titel ist ja ein meisterwerk — ein anspruch, den der roman auch einö?sen kann: „Ein Buch, wie es noch keins gibt, aber wie es scheint, merkt das keiner.” (154 — das schreibt der erzähler über sein zweites buch. die parallelen zu peter kurzeck und dessen „das schwarze buch” von 1982 sind natürlich alles andere als zufällig. immerhin merken die qualität inzwischen ein paar mehr. aber das sind immer noch nur die kritiker — leser gibt es immer noch zu wenige. dabei hätte die lektüre von kurzecks büchern für die meisten einen gewaltigen gewinn und erkenntniszuwachs zu bieten — erheblich mehr als die bücher, die sich so auf den bestsellerlisten tummeln.) und auch sonst ist es wieder ein echter kurzeck — unbedingt, etwas monomanisch, aber faszinierend und fesselnd. nicht nur wegen der stilistischen virtuosität — kaum ein anderer gegenwärtiger autor hat so einen unverkennbar eigenen stil oder besser gesagt tonfall: denn es klingt immer, das von kurzeck geschriebene, es schwebt quasi schwerelos wie zarte kammermusik — sondern auch seiner themen und motive wegen. das buch ist wieder übervoll von schönen stellen, schönen formulierungen — einige stehen ja auch hier…</p>
<p>der beginn ist schon ein ende und verlust — oder umgekehrt: das ende ist der beginn — der anfang des erzählens: –&gt; von dort startet das schreiben, das des erzählers und das des autors. aus angst, das geschehene, d.h. vergangene, zu verlieren — und aus dieser furcht beginnt sofort die suche nach der vergewisserung: „[…] wisst ihr den Sommer noch?” (7)</p>
<p>und noch etwas zeigt sich schon auf den ersten seiten: die gewissheit, die vergangenheit verloren zu haben, ist noch stärker als sonst (wenn ich die letzten bücher recht erinnere, die lektüre ist jetzt schon eine weile her): „unauffindbar. […] für immer in einem kerker.” (10) da hilft dann nur noch das erzählen: erzählen, um die wirklichkeit (der vergangenheit) aufzubauen, „in Gang” zu halten.</p>
<p>die erinnerung wird allerdings immer unsicherer, immer ungerichteter und fragiler: „Nachträglich kommt dir vor, du hättest ihn an einunddemselben Tag wenigstens zwei– oder dreimal gehört.” (50) aber alles ist verloren, die erinnerung, das gedächtnis, die orte, die ganze vergangene realität — und die gegenwart als zuk?nftige vergangenheit auch schon: „Wo ist der Tag hin?” (50) und diese ahnung der wiederholung der realität greift inzwischen selbst auf die träume aus:  „[…] oder den gleichen Traum immer wieder?” (75) aber noch ist hoffnung (freilich ist die auch schon zwiespältig und gebrochen): „Und dann bleibt dir für immer das Bild.” — man muss es nur richtig und immer wieder erzählen. die frage ist dann nur: „wohin jetzt mit dieser geschichte?” (71). für diese art zu erzählen, zu schreiben gibt es allerdings keine direkten wege — und genau das macht eine wesentliche faszination der lektüre aus: „beim erzählen immer noch einen umweg.” (29). schlie?lich ist das ganze buch ein einziger umweg — eigentlich sollte es nur ein einziges kapitel der vorgeschichte sein, kein eigener roman.</p>
<p>auch das schreiben an sich spielt natürlich (wieder) eine große rolle — von anfang an. und wieder ist der erzähler seinem text ziemlich gnadenlos ausgeliefert: „Noch bei keinem Buch hat die Sprache mich so sehr gepackt, wie bei diesem — oder denkst du das jedesmal wieder?” (19) insbesondere die enden der kapitel führen immer wieder zum prozess des schreibens hin, zum erzählen an sich, zu den projekten des erzählers. und die sind schon lange mehr oder weniger zwanghaft geworden: „Ausnahmsweise vielleicht heut nicht mehr? Ausruhen? Eine Pause? Aber das fehlt mir dann morgen früh und was fehlt, fehlt für immer.” (111) sp?ter hei?t es dann noch einmal: „Doch inzwischen will die Zeit, die kein Einssehen hat, mir keine Ruhe mehr lassen.” (162)</p>
<p>und natürlich auch die zeit an sich wieder thema — <em>das</em> themas überhaupt, das kurzeck in seinen büchern umtreibt (vor allem natürlich in der chronik der frankfurter achtziger): hier ist sie aber noch offener thematisiert als in den letzten werken: „Die Zeit. Als ob man sich selbst sucht. Wo bin ich, wenn ich nicht bei mir bin? Wo geht die Zeit mit uns hin?” (23) oder später: „Daß die Zeit auch so schnell vergeht! Man weiß es und kann es doch nicht begreifen” (101)<br />
die probleme der zeit: einerseits fliegt sie, rast davon — andererseits verlangsamt sie bis zum stillstand: „Ist für uns die Zeit stehengeblieben? Ist es jeden Herbst wieder der gleiche Tag?” (45) und dann taucht aber auch noch immer wieder die frage auf: „Wie soll man die Zeit erzählen?” (77) die kernfrage, die kurzeck (und seinen erzähler) schon länger beschäftigt und begleitet, wird nun immer expliziter gestellt: „[…] und in Ruhe die Zeit, immer weiter die Zeit aufschreiben. Den Fluß und die Zeit und das ganze Land.” (121)</p>
<p>viel stärker spielen daneben allerdings auch die fragen der realität eine rolle: gibt es zeit überhaupt? gibt es die dinge, vor allem aber gibt es orte? — oder ist alles nur ausgedacht, imaginiert? die zeit wird dabei auch noch stärker verdinglicht, zum objekt gemacht: „Wie die zeit selbst. als ob es die zeit ist, die immerfort über sie hinstreicht, unablässig, die heilige zeit.” (94) mehr noch als früher tritt dem leser peter kurzeck hier nicht nur als phänomenologe, sondern auch als erkenntniskritiker gegenüber. genau deshalb beherrscht ihn auch der zwang zur wiederholung (und zur wiederholung gehürt auch das erzählen als wiederholen — auf anderer stufe — der erlebten wirklichkeit): „Man muß sie glauben, weil man sie sieht, aber kann sie sich nicht erklären.” (47) — und dann sind ja da noch „überall Zeichen. […] Aber wie soll man die Zeichen deuten?” (49) — Zeichen haben sich ubiquitär ausgebreitet, alles wird zum Zeichen, der Erzähler weiß nicht mehr, was jetzt Zeichen ist und was nicht — von der Frage ihrer Bedeutung natürlich einmal ganz abgesehen.</p>
<p>ein anderes motiv, dass neu ist, durchzieht den text auch noch: der vater des erzählers taucht immer mehr und deutlicher auf — bisher war es vor allem die mutter der erzählers „peter”, die in den texten vorkam — hier wird immer wieder auch auf den vater bezug genommen.</p>
<p>und das alles gibt wieder so einen herrlichen text, das man nur ins schwärmen kommen kann. wie anders kann man auch auf solche zeilen reagieren: „Man kommt an und Ort und Zeit warten schon” (173)?</p>
<p><strong>peter kurzeck</strong>: <em>oktober und wer wir selbst sind</em>. frankfurt am main: stromefeld 2007.</p>

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