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	<title>„Nächstens mehr.“ &#187; freiheit</title>
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	<description>Literatur, Musik, Theater - die Welt meiner Kultur.</description>
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		<title>Taglied 8.1.2012</title>
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		<pubDate>Sun, 08 Jan 2012 22:50:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>matthias</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Irgendwie schwebte mir schon morgens, auf dem Weg zur Orgel, die Freiheitsmusik von Max Roach im Kopf herum — schon ewig nicht mehr geh&#246;rt, ist aber nat&#252;rlich als Klassiker immer mal wieder wert, geh&#246;rt zu werden. http://www.youtube.com/watch?v=nvdU5R7ywQ4]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Irgendwie schwebte mir schon morgens, auf dem Weg zur Orgel, die Freiheitsmusik von Max Roach im Kopf herum — schon ewig nicht mehr gehört, ist aber natürlich als Klassiker immer mal wieder wert, gehört zu werden. </p>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=nvdU5R7ywQ4">http://www.youtube.com/watch?v=nvdU5R7ywQ4</a></p>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=nvdU5R7ywQ4"><img src="http://img.youtube.com/vi/nvdU5R7ywQ4/default.jpg" width="130" height="97" border=0></a></p>

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		<title>Insubordination</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Oct 2011 20:59:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>matthias</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Seltsam. Rafael Behr, Professor f&#252;r „Polizeiwissenschaften” (im Plural!) in Hamburg, schreibt in der Zeit 44/2011 (S. 17, jetzt auch online — nat&#252;rlich sofort von den erwartbaren Kommentarreflexen &#252;berschwemmt …) einen eigentlich recht vern&#252;nftigen Text &#252;ber die angebliche Zunahme der Gewalt gegen Polizisten, weist zu Recht darauf hin, dass diese Zunahme sich durch nichts belegen l&#228;sst [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seltsam. <a href="http://www.rafael-behr.de/" target="_blank">Rafael Behr</a>, <a href="http://hdp.hamburg.de/professoren/1952944/rafael-behr.html" target="_blank">Professor</a> für „Polizeiwissenschaften” (im Plural!) in Hamburg, schreibt in der Zeit 44/2011 (S. 17, <a href="http://www.zeit.de/2011/44/P-Polizei" title="behr bei der zeit" target="_blank">jetzt auch online</a> — natürlich sofort von den erwartbaren Kommentarreflexen überschwemmt …) einen eigentlich recht vernünftigen Text über die angebliche Zunahme der Gewalt gegen Polizisten, weist zu Recht darauf hin, dass diese Zunahme sich durch nichts belegen lässt und verweist — etwas diffus — auf gesellschaftlichen Wandel, dem sich die Polizei (und ihre Ausbildung) anzupassen habe. Aber etwas ist mir mittendrin aufgestoßen: Da spricht Behr auf einmal von „Insubordination”:</p>
<blockquote><p>Es ist also nicht die Gewalt, die den Polizisten Schwierigkeiten bereitet, sondern die aggressive Kommunikation der Bevölkerung, mit der es Polizei zu tun hat. Ich nenne es Insubordination, ein Ungehorsam, der um sich greift und auf den Polizisten nicht gut vorbereitet sind.</p></blockquote>
<p>Und genau das offenbart ein Teil des Problems: Insubordination kann es in diesem Zusammenhang gar nicht gegen. Insubordination, also so etwas wie „Befehlsverweigerung”, gibt es nur zwischen Untergeordneten und Vorgesetzten, im strengeren Sinne eigentlich nur in militärischen Kontexte. Im Duden heißt es z.B.: „mangelnde Unterordnung; Ungehorsam gegenüber [militärischen] Vorgesetzten”. Und das kann ich bei der Kommunikation zwischen Polizei und Zivilisten nicht einfach so unterstellen — das ist ja gerade der Punkt: Auch im Kontakt mit Polizisten verfüge ich als Bürger über Freiheiten. Schön brav gehorchen muss ich vielleicht (nicht einmal das unbedingt!) im Militär, nicht aber in einer modernen Gesellschaft. Und auch wenn er selbst den Rekurs auf die Zeiten, in der der Schutzmann (Frauen spielen natürlich keine Rolle hier) noch quasi unangefochten über Autorität verfügte, zurückweist, unterschlägt er — wie fast alle in solchen Diskussionen — einen Punkt, den ich nicht ganz unwichtig finde: Das Auftreten heutiger Polizisten ist mit dem eines „Schutzmannes” — für mich (!) eine Institution, die es seit 50–60 Jahren nicht mehr gibt — nicht zu vergleichen. Man muss sich nur mal die Ausrüstung eines normalen Streifenpolizisten anschauen: Der ist so ausgestattet, als ob er jeden Moment mit sehr viel Gewalt rechnet. Sicherlich aus guten Gründen. Oft genug schlägt sich das aber auch in der Haltung und in der initialen Kommunkation von Polizisten nieder — un provoziert natürlich ganz selbstverständlich eine entsprechende Abwehrhaltung und angepasste Kommunikation im Gegenüber. Wenn man sich dann noch vor Augen hält, wie oft und nonchalant sich Polizisten im Alltag über die von ihnen gehüteten Gesetze hinwegsetzen (und sich natürlich immer im Recht wähnen), wundert es mich fast, dass sie nicht mehr Gewalt erfahren …</p>

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		<title>Niedrigfrequente Musik aus &#214;sterreich</title>
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		<pubDate>Sat, 16 Apr 2011 20:34:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>matthias</dc:creator>
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		<category><![CDATA[österreich]]></category>
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		<description><![CDATA[Gut, so ganz neu ist es nicht mehr. Aber manchmal dauert es eben etwas, bis Musik aus dem Alpenland den Weg zu mir gefunden hat ;-). K&#252;rzlich bekam ich also endlich die neue Scheibe des Low Frequency Orchestra (LFO) in die H&#228;nde: „Mole” (bei chmafu nocords). Es hat ja eine gute Weile gedauert, seit S [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gut, so ganz neu ist es nicht mehr. Aber manchmal dauert es eben etwas, bis Musik aus dem Alpenland den Weg zu mir gefunden hat ;-). Kürzlich bekam ich also endlich die neue Scheibe des <a title="lfo" href="http://www.lfo.at" target="_blank">Low Frequency Orchestra</a> (LFO) in die Hände: „Mole” (bei <a title="chmafu nocords" href="http://nocords.net/LFO/mole.html" target="_blank">chmafu nocords</a>). Es hat ja eine gute Weile gedauert, seit S aus dem Jahre 2007 (damals noch bei <a title="einklang" href="http://www.einklangrecords.com/" target="_blank">einklang records</a>), bis die Mannen und Frauen mal wieder was von sich hören ließen. Oder auch nicht: Denn der Kern zu Mole wurde auch schon 2007 gelegt, mit der Aufnahme der Mole im ORF-Studio — die natürlich noch erheblich weiter bearbietet wurde. Dafür haben sie für Mole nun noch den meinerseits sehr geschätzen Komponisten und Organisten <a title="mitterer" href="http://www.wolfgangmitterer.com" target="_blank">Wolfgang Mitterer</a> dazugeholt (bei dem Albumtitel (und der entsprechenden Cover-Art) müsste man wohl sagen: Ins Boot geholt.).</p>
<p>Was bietet die „Mole” also? Fünf slugs und eine Mole ausweichlich des Tracklistings. Die slugs sind kurze Impressionen von zwei bis vier Minuten, jeweils von einem Mitglied des LFO verantwortet. Die eigentliche „Mole” ist dann ein großes, halbständiges Gemeinschaftswerk. Man kann vielleicht sagen: „S” hatte mehr Detailreichtum, mehr Plastizität des Klangs — zumindest in der Erinnerung auch mehr ausgeglichene Ruhe, die den ausgefeilten, minimalistischen Expeditionen in unbekannte Klangwelten erst die notwendige Basis, den hilfreichen Anker, einen festen (Bezugs-)Punkt gaben. Ich habe gerade noch einmal nachgehört: Die Erinnerung trügt nicht.</p>
<p>Die „slugs” sind da etwas anders: schon der heftige Einstieg bei Angélica Castelló, der uns vollkommen unvorbereitet (immer wieder …) ins kalte Wasser schmeißt, die Unmittelbarkeit, mit der es hier zur Sache und um alles geht — das ist neu. Und spannend, und überraschend, und ganz oft unerwartet: Es scheint fast so, als suchte LFO hier jetzt im Raum des Klanges möglichst abrupte Wendungen. Das geht in den kurzen Stücken ziemlich kreuz und quer — langweilig ist das keinesfalls. Vielleicht liegts ja an der kleinteiligen, konzentrierten Form: Aber die Imagination scheint mir einige Grade wilder, ungezähmter, blühender zu sein als vor einigen Jahren. Vielleicht daher auch der sehr diskontinuierliche Eindruck, der manchmal verdächtig nach fehlendem Ziel, abwesendem Formprinzip klingt … Wenn man aber weiß, dass das so etwas wie Visitenkarten oder Konzeptpapiere der einzelnen Musiker sind/sein sollen, wird manches klarer. Aber erstaunlich bleibt: Irgendwie sind das fünf vollkommen eigenständige, total verschiedene Dinge. Und doch bilden sie dann — gleich im Anschluss — so etwas wie eine Einheit: Im Modus des LFO ist der Einzelne kaum noch zu entdecken, sind Klänge udn Spielweisen nicht (mehr) einer Person zuzuordnen (Auch die Instrumente bieten da kaum Hilfestellungen — wann klingen sie hier schon mal alleine und pur?). Mathias Kochs slug ist z.B. unvergleich locker, dünnschichtig, hellscheinend und –sichtig. Maja Osojnik gibt sich grundierter, moduliert mehr als Klänge (ab– und aufzu-)brechen, lässt die Ideen schweifen. Thomas Grill verliert sich in den endlosen Feinheiten Digitaliens ganz wunderbar bräsig bruzzelnd und knisternd. Matija Schellander schließlich verknüpft digitales und anloges Tiefenscharfes auf ganz bestimmt sehr bedeutungsvolle Weise.</p>
<p>Im großen „Mole” ist das sozusagen klassischer: komplexer vor allem zunächst mal, ungeheuer dicht geschichtet — woran Mitterer ausweichlich der benutzten Klangerzeuger keinen geringen Anteil hat. Viel Spannung, viel Erwartung spielt hier mit, auch der Wille zum Ausdruck und die unbezähmte Freiheit in genau diesem brechen ganz deutlich hervor. Manchmal bilden sich dann gehörg skurile Momente aus diesem Konglomerat, vor allem aber spannende Entdeckungen. Auch der „Freude schöne Götterfunken” klingt von Ferne wieder an und durch, genau wie am Schluss von „S”. Musik hören wird hier (bzw. kann!) zur Selbstbefragung: Was hat das gewurschtel da mit mir zu tun? Oder überhaupt mit irgend jemanden? Was löst das aus? Was ändert das? .….… Ganz vergessen gerät dabei die sowieso blödsinnige Frage: Was will der/die Künstler damit sagen? — Vermutlich gar nichts, er will, dass ich was sage/denke …</p>
<p>Jedenfalls: Auch wenn es auf der „Mole” nicht wenige Momente der vorübergehenden/scheinbaren/täuschenden Ruhe gibt, ist Bewegung, Veränderung, Fluktuation das Wesentlichere — wie auf einer Mole halt. Klar, diese Gemeinsamkeit von Ruhe und Bewegung in einer Musik, das ist irgendwie paradox. Aber was soll’s? Wer, wenn nicht Kunst, darf Paradoxe paradox sein lassen? Der Hörer muss es halt aushalten (diejenigen, die sich so etwas anhören, haben mit so etwas meist wenig Probleme) und irgendwie mitmachen.</p>
<p>Man kann dann sagen, das sei subversive Musik (Bad Alchemy deutet das an und verweist gleicht noch auf den Maulwurf, der hier sein Unwesen treibe). Aber das ist doch irgendwie egal. Denn die „Mole” von LFO und Mitterer ist jedenfalls ganz sicher Musik/Klang/Ereignis, das selbst nur ganz wenige Konstanten kennt und anerkennt, das sich die Freiheit nimmt, frei zu sein — was in der Praxis der Realität ja blöderweise wahnsinnig schwierig und anstrengend ist. Dafür kann man den Musikern kaum genug danken: Dass sie hier — im Klang (wo auch sonst? in der Sprache geht so etwas wahrscheinlich gar nicht (mehr)) — Wege, Löcher, Möglichkeiten im Leben und um es herum zeigen — ob man was draus macht, bleibt jedem selbst überlassen …</p>
<p><strong>Low Frequency Orchestra &amp; Wolfgang Mitterer</strong>: Mole. Chmafu Nocords 2010.</p>

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		<title>Juli Zeh, Corpus Delicti</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jan 2010 15:11:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>matthias</dc:creator>
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		<description><![CDATA[… habe ich gelesen auf der Reise von Venedig zur&#252;ck nach Mainz. Ein Thesenroman. Reinsten Wassers. Und durchaus oberster G&#252;teklasse. Aber eben mit all den typischen Problemen — Man merkt die Absicht und ist verstimmt (oder so &#228;hnlich). Nun hielt sich die Verstimmung bei mir extrem in Grenzen, weil ich dem Ziel Zehs, dem freien [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>… habe ich gelesen auf der Reise von Venedig zurück nach Mainz.</p>
<p>Ein Thesenroman. Reinsten Wassers. Und durchaus oberster Güteklasse. Aber eben mit all den typischen Problemen — Man merkt die Absicht und ist verstimmt (oder so ähnlich). Nun hielt sich die Verstimmung bei mir extrem in Grenzen, weil ich dem Ziel Zehs, dem freien statt dem sicheren Menschen voll zustimme und stark sympathisiere. Das ändert aber wenig daran, dass der Roman — der sich im Untertitel als „Ein Prozess” ausgibt (Gerichtsverhandlung und Entwicklung — natürlich ist beides gemeint … [und diese absolut durchschaubare Doppeldeutigkeit ist typisch für das Buch {leider, meines Erachtens, den semantische Leerstellen sind interpr), künstlerich eher mittelmäßig ist. Ok, die Informationsvergabe ist ganz gut gelungen, sie entwickelt sich halbwegs ungezwungen (am Anfang freilich mit hohem Tempo — und bewusst auf Klarheit der message ausgerichtet).</p>
<p>Worum geht’s? Um einen Staat der Zukunft, in dem Normalität als Gesundheit definiert wird (bzw andersrum) und Krankheit demzufolge abgeschafft ist — gesellschaftlich und privat. Das bedarf natürlich einiger Vorkehrungen … Jedenfalls gerät die Hauptfigur, eine Biologin, mit diesen staatlichen Vorkehrungen, genannt die „Methode”, in Konflikt. Und entwickelt sich zur Widerständlerin auf sehr eigenen Weise, zu einer Art Revolutionärin ohne Revolution. Jedenfalls zu einem Problem für die „Methode”, dass mit allen Mitteln gelöst und schließlich beseitigt werden muss — nicht ohne einige Verwicklungen natürlich. Durch die Montage verschiedener Ebenen, u.a. auch die eines Putzfrauen-Trios, wird das ganz harmonisch in seiner Vielstimmigkeit und Perspektivität. Aber nichtsdestotrotz bleibt die Botschaft klar: Ohne Freiheit ist der Mensch kein Mensch mehr, ist das Leben keine Leben mehr, sondern nur noch Existenz. Die mag zwar sorgen-, schmerz– &amp; krankheitsfrei sein, aber eben ohne Leben. Die Parallelen zu aktuellen Diskussionen sind wohl mehr als zufällig ;-). Und auch mehr als deutlich … Das, es klang oben ja schon an, mindert meine Begeisterung für dieses Buch etwas: Dass die Phantasie zu wenig ausgereizt wird, die Vorstellungkraft zu blass scheint — auch um den Preis der etwa unvollkommenen Vermittlung der zentralen Textbotschaft wäre das doch etwas spannender gewesen. Für mich zumindest. Aber man kann ja nicht immer alles haben.</p>
<p>Juli Zeh: Corpus Delicit. Ein Prozess. Frankfurt am Main: Schöffling 2009.</p>

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		<title>willensfreiheit — aber richtig, bitte!</title>
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		<pubDate>Fri, 19 May 2006 19:22:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>matthias</dc:creator>
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		<description><![CDATA[endlich das merkur-heft von m&#228;rz angegangen. wie so oft steht das beste am anfang: ein text von jan philipp reemtsma, das scheinproblem „willensfreiheit”. ein pl&#228;doyer f&#252;r das ende einer &#252;berfl&#252;ssigen debatte. denn reemtsma gelingt — mit zun&#228;chst erstaunlich geringem, sehr schnell aber bewundernd beobachtet &#246;konomischen einsatz von gehirnschmalz und argumentation, die von den neurologen (um [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>endlich das merkur-heft von märz angegangen. wie so oft steht das beste am anfang: ein text von <strong>jan philipp reemtsma, <em>das scheinproblem </em>„</strong><strong><em>willensfreiheit</em>”</strong><strong><em>. ein plädoyer für das ende einer überflüssigen debatte</em></strong>. denn reemtsma gelingt — mit zunächst erstaunlich geringem, sehr schnell aber bewundernd beobachtet ökonomischen einsatz von gehirnschmalz und argumentation, die von den neurologen (um wolf singer und konsorten) angezettelte debatte um die neurologische vorbestimmung aller menschlichen entscheidungen und die damit angeblich einhergehende unmöglichkeit des konstruktes, der idee einer personalen, subjektiven, ich-gebundenen willensfreiheit, — ja man muss sagen, abzuschmettern und mit einigen vernichtend genau platzierten schlägen auf den boden zu schicken.  wenn ich das richtig verstanden habe, geht die argumentation ungefähr so: zunächst muss man natürlich erst mal klarstellen, was willensfreiheit ist — nämlich die unterstellung, „menschen hätten auch anders handeln können, als sie es getan haben”. das impliziert ja gerade die idee der verwantwortung des subjektes für seine entscheidungen und v.a. taten, und entsprechend seine schuldfähigkeit. der entscheidende schritt, der reemtsma von den scheinbar philosophischen argumenten der neurobiologen trennt, ist nun folgender: „nichts spricht gegen die annahme, daß solche phänomene [d.h. entscheidungen, gedanken, stimmungen etc.] als hirnvorgänge in einem neurobiologischen respektive biochemischen vokabular vollständig beschrieben werden können. nichts spricht für die annahme, daß mit der möglichkeit einer solchen beschreibung ein vokabular der moralischen oder eines der ästhetischen oder eines der juristischen beschreibung solchen verhaltens überflüssig würde.” und vor allem dann: „ebensowenig spricht dafür, daß die letztgenannten vokabularien das wesentliche an diesen phänomenen erfaßten, wogegen die ersteren nur die ‚materielle erscheinungsform’.” parallel dazu weist reemtsma natürlich auch das kausalitätsargument zurück — das lässt sich ja durch einfachen regress ad adsurbum führen: „wenn alles vom urknall an wie eine gut gebaute linie dominosteine durch die jahrmillionen klappert, dann ist auch die art und weise, wie ernst jemand dies als argument nimmt, ebenso determiniert wie das vorbringen des arguments selbst. dann ist das für-läppisch-halten dieses arguments bei einigen ebenso notwendig determiniert wie das vorbringen des arguments selbst.”  der nächste schritt ist nun, das libet-experiment als argument für einen neurologischen determinismus zurückzuweisen. denn das experiment sagt ja bei genauer betrachtung nur aus, dass „das bereitschaftspotential entsteht, bevor die versuchsperson der empfindung, einen entschluß gefaßt zu haben, ausdruck verleiht.” das entscheidende hierbei ist nämlich, nicht aus den augen zu verlieren, dass „wir niemals jene momente des bewußten übergangs, des schwanken zwischen mehreren möglichkeiten” einer entscheidung überhaupt erleben. der wichtige schritt von den neurobiologischen vorgängen zu den gedanken schafft nämlich die neurobiologie offenbar noch nicht, da ist noch eine — entscheidende — lücke. wie reemtsma nun aber zeigen kann, muss singer die „vorstellung eines subjektes ‚hinter’ den neuronalen prozessen, das sich ihrer gleichsam bedient” überhaupt erst etablieren, um es dann ach so wirkungsvoll abwehren zu können. und die ursache dieser argumentativen misere sieht reemtsma in der mangelhaften philosophischen bildung singers. denn: „das kuriose dabei ist, daß in dieser weise ambitionierte akademiker den anspruch der philosophie zunächst ernst nehmen müssen, um ihn dann vehement bestreiten zu können.” „denn die unkenntnis der philosophischen tradition ist ja bei diesen texten oft mit händen zu greifen.”  und aus all dem folgt schießlich ganz unaufdringlich: „die moderne hirnforschung zeigt uns, wie wir im laufe unseres lebens zu dem werden, was wir sind. … wenn wir unter ‚freiheit’ verstehen würden, daß menschen handelten, als hätten sie eingebaute zufallsgeneratoren, würden wir die freiheit nicht schätzen” — „die bedeutung von ‚willensfreiheit’ ist niemals die unterstellung, jemand könne oder solle handeln, als wäre er nicht er selbst oder jemand anderes.” freiheit meint also — das ist nicht überraschend — autonomie: „freiheit heißt nicht handeln, als wäre ich nicht ich selbst, sondern anders handeln zu können als jemand anderes.” und dann ist die ganze neurobiologie und ihr determinismus doch ziemlich belanglos: „was tut es hinzu, zu erwähnen, daß dies ‚wollen’, ‚die entscheidung’, wie immer wir es nennen, im gehirn stattfindet? … was tut es hinzu, daß sich dies ‚wollen’, ‚die entscheidung’, wie immer wir es nennen, als eine abfolge neuronaler prozesse beschreiben läßt? nichts.” genau, das ist es!</p>
<p>reemtsma ergänzt das ganze dann noch um einige anmerkungen zum problem der moralischen (und rechtlichen) verantwortung, der schuld — fragen, die ja die neurobiologen auch gerne aufwerfen. auch hier besteht reemtsma natürlich auf die weiterhin gültige voraussetzung der willensfreiheit: „daß jemand gehandelt hat, wie er gehandelt hat, beweist natürlich überhaupt nicht, daß er nicht anders handeln konnte, sondern allein, daß er nicht anders handeln wollte.” –&gt; „wer meint, die neurobiologie könne das strafrecht auf ein ganz anderes wissenschaftliches fundament stellen, hat das funktionieren moderner gesellschaften nicht verstanden. denn das strafrecht ruht auf überhaupt keinem wissenschaftlichen (oder philosophischen) fundament, sondern beruht auf den unterscheidungen, die sein spezifisches vokabular erlaubt, in der welt zu treffen.”  und damit wäre das jetzt auch endlich mal geklärt.</p>

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