Raue Industrieklänge mischen sich hier mit feinsten Harmonien – der Vocal Jazz Summit in der Mainzer Phönixhalle bringt reine Töne in eine eher ungemütliche Gegend. Aber die Sänger und Fans sind ja nicht gekommen, die Aussicht zu bestaunen. Sondern zu arbeiten, zu lernen und vor allem ganz viel Vocal Jazz zu hören. In allen Facetten.
Mittendrin in dem Gewusel schlendert Tobias Hug gelassen vom Studioraum zur Kaffeetheke, vom Foyer auf die große Bühne. Der auf den ersten Blick unscheinbare, zurückhaltende Bass der Swingle Singers ist eine der zentralen Figuren des Summits, der nach der Premiere 2005 zum zweiten Mal in Mainz stattfindet.
Hug, immer eine schicke Kappe auf dem kahlen Kopf, hat seine Arbeit nämlich schon vor dem eigentlichen Beginn angefangen. Drei Tage hat er mit drei Kollegen und 28 Lernwilligen die Masterclass „Beatbox and Beyond“ in der Mainzer Hochschule für Musik auf die Beine gestellt.
„Es war ungeheuer intensiv. Und es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht. Wir hatten eine ganz starke Eigendynamik, die Gruppe hat sich ganz schnell zusammengefunden. Und was uns besonderen Spaß gemacht hat: Wir haben noch nicht zusammen gearbeitet, das war auch für uns ein neues Konzept.“ Wir, das sind die vier Dozenten: Neben Hug sein Bass-Kollege bei den Swingle Singers, Kevin Fox, dazu der belgische Beatboxer und Vize-Weltmeister RoxorLoops und der Franzose Jérôme Colloud, ein Akrobat nicht nur der Stimme.
„Erstmals haben wir hier mit Dozenten aus verschiedene Richtungen gearbeitet“, erzählt Hug: „Hip-Hop, Vocal-Jazz, Theater: die verschiedensten Improvisationstechniken waren hier vertreten. Und natürlich spielte das Beatboxen eine besondere Rolle, aber wir haben auch viel mit anderen Improvisationsmodellen gearbeitet, mit circle songs oder Techniken aus der Theaterimprovisation. Unser Ziel war immer, abwechslungsreich zu bleiben und doch zu etwas Gemeinsamen zu kommen.“
Die Masterclass lebte auch von ihrer bunten Zusammensetzung – von Hip-Hop-Kids bis zu gestandenen Chorleitern und Musiklehrern war so ziemlich alles vertreten. Und alle waren nicht nur musikalisch neugierig und offen: „Wir haben ungeheuer viel zurückbekommen von den Teilnehmern, die haben sich gut miteinander verstanden. Und die Experimentierfreude hat uns immer wieder überrascht. Vor allem aber die großen Entwicklungen in diesen drei Tagen, wie wirklich alle sehr bald ihre Hemmungen fallen gelassen haben – das war wirklich toll. Denn am Anfang ist man natürlich scheu, es klingt ja auch etwas albern zunächst, wenn man es noch nie gemacht hat – aber in der Masterclass haben alle diese Scheu abgelegt.“ Das Abschlusskonzert, zugleich offizieller Beginn des eigentlichen Summits, war zwar fast eine reine Insider-Sache, konnte den Enthusiasmus Tobias Hugs aber gut belegen: Die Dozenten traten kaum mehr in Erscheinung, die Gruppe steuerte sich selbst durch verschiedene Improvisationen, in Gruppen und solistisch, im Circle Song und dem Hip-Hop-Break.
Aber wie kommt man als Schulmusikstudent in Trossingen überhaupt zu den Swingle Singers? Und zum Beatboxen?
„Ich habe in einer a-cappella-Gruppe gesungen, die sich aus dem Jazzchor Freiburg entwickelt hat. Da war ich Bass und habe angefangen, gleichzeitig Beats zum Bass dazu zu machen. Dann hat mich das so interessiert und fasziniert, das ich nach allem gesucht habe, was ich irgendwie finden konnte und habe einen Beatbox-Workshop in Österreich mitgemacht. Gleichzeitig war dort auch ein Swingle-Singers-Workshop. Da habe ich die Swingle Singers kennen gelernt und gemeint, wenn ihr mal einen Bass braucht, meldet euch. Damals studierte ich noch Schulmusik in Trossingen. Sechs Monate später hatte ich – am Tag meiner Zwischenprüfung – das erste Vorsingen in London …“
Seit 2001 ist er jetzt Bass bei dem wohl dienstältesten Vocal-Jazz-Ensemble der Welt. Und inzwischen auch künstlerischer Leiter des Ensembles.
Überhaupt hat er schon viel gemacht – Anthropologie studiert, Geschäftsmann mit eigenem Unternehmen zum Import von Computerteilen gewesen, als Koch gearbeitet – und dann doch der Entschluss: „Ich muss es mit der Musik probieren. Wenn es nicht klappt – okay. Aber bisher läuft es ganz gut. Es kann also gut sein, dass das deutsche Beamtentum mich für immer verloren hat.“
Inzwischen ist er trotzdem eine Art Lehrer geworden. Denn immer öfter lässt er andere, junge Sänger und Ensembles an seinem reichen Erfahrungsschatz teilhaben – da geht es längst nicht nur um das Beatboxen, sondern auch um klassische Ensembletechniken oder verschiedene Methoden des Obertongesangs. Auch das ist typisch für Tobias Hug: „Ich habe halt schon immer, von Kindesbeinen an, ganz viel mit der Stimme einfach experimentiert und rumgespielt.“ Grenzen gibt es da kaum noch.
„YouTube hat das Beatboxen wirklich revolutioniert: Zum Einen kennt jetzt fast jeder Beatboxen. Dann hat es das Beatboxen auch in den Mainstream geschafft – Björk, Justin Timberlake, DSDS – überall findet man sie jetzt.“ Er selbst hat noch ohne das hilfreiche Internet-Videoportal gelernt – mit einer amerikanischen VHS-Kassette und vielen direkten Kontakten zu Beatboxern. Aber Tobias Hug ist doch immer noch in erster Linie Bass, kein reiner Stimmakrobat: „Das Interessante beim Beatboxen ist dann eigentlich, es nicht nur als so ein Gimmick zu benutzen, als etwas Witziges, als Partytrick, sondern wirklich Musik damit zu machen, das Beatboxen also auch musikalisch weiterzuentwickeln. Oder es vernünftig in ein Ensemble einzubauen. Das sind zwei völlig verschiedene Disziplinen, das Solo-Beatboxing im Hip-Hop-Style mit seinen Battles und Shows und die Vocal Percussion in einem a-cappella-Ensemble. Und da habe ich einfach viel Erfahrung, wie man Vokal-Schlagzeuger ist in einer Band.“
Schließlich ist er ja inzwischen seit acht Jahren die eine Hälfte des tiefen Viertels der Swingle Singers. Was unterscheidet die Arbeit in einer solchen Gruppe also vom Solisten?
„Die Technik ist schon dieselbe, aber viel stärker zurückgenommen: Man macht einen Groove, vielleicht noch ein paar Variationen, während der Solo-Beatboxer viel stärker mit elektronischen Soundimitationen aus allen Bereichen der Musik arbeiten wird. Vokalschlagzeuger benutzt dann oft wirklich nur die vier, fünf Klänge des Schlagzeugs – mehr nicht.“
Und die sind in ihren Grundzügen schnell gelernt: In mehreren Workshops gaben die Masterclass-Dozenten beim Vocal Jazz Summit noch einmal eine ganz kurze Einführung in das Beatboxing für alle: Den Aufbau der Grooves aus den einzelnen Instrument des Schlagzeugs, das bewusste Kombinieren von Bass Drum, Snare, Hi-Hat und Toms nicht nur so, dass es groovt, sonder auch so, dass genügend Luft zum Durchhalten bleibt. Und dann muss man nur noch üben – die Grundlagen sind nicht schwer.
Aber natürlich bot auch der Vocal Jazz Summit mehr als reine Vocal Percussion. Sehr viel mehr sogar. Neben den großen Konzerten mit Top Acts aus der ganzen Welt – den Swingle Singers, The Real Group, Manhattan Transfer – eine Menge (noch) nicht so berühmter Ensembles, Nachwuchsgruppen aus ganz Europa – nicht unbedingt viel schlechter, wenn überhaupt. Für jede Menge Abwechslung im Stil und Repertoire, für Gruppen von solistischen Ensembles bis zur vokalen Big Band war so gesorgt. Eine Menge Anregungen also, diese internationale Leistungsschau des Vocal Jazz, eine Menge Stoff für die Ohren – danach braucht man erst einmal Pause.
Die gab’s aber nicht. Denn selbst zwischen Nachmittags- und Abendkonzert, zwischen morgendlichem Workshop und mittäglichem Coaching ist da ja auch noch das zentrale Zelt vor der Phönixhalle, wo sich alle Welt wieder trifft, um beim Kaffee weiter zu machen, das Gehörte zu diskutieren und Kontakte zu knüpfen. Und dann waren da ja auch noch die Workshops – eher theoretisches zum Proben, Arrangieren und Dirigieren von Vocal Jazz-Sätzen mit Stephen Zegree oder Bertrand Gröger (der seine Loop-Songs auch in den abendlichen Konzerten mit dem Publikum zelebrierte) und anderen oder etwa eine Einführung in die Arrangements Gene Puerlings von Jesper Holm. Die Teilnehmer waren dafür teilweise weit angereist – aus ganz Deutschland sowieso, aus den Niederlanden, Belgien, der Schweiz. Und auch aus dem Iran: Das Teheran Vocal Ensemble, gerade in Europa auf verschiedenen Festivals unterwegs, nutzte die Chance, sich in einem der angebotenen Coachings durch die Real Group und die Swingle Singers noch einen Feinschliff beim großen Vorbild aus England abzuholen. Mehdi Abtahi war ganz begeistert: „Die haben diese Art der Musik bei uns überhaupt erst bekannt gemacht. Und jetzt konnten wir von ihnen lernen – das war sehr hilfreich und hat uns großen Spaß gemacht.“
Das Niveau war nicht nur in den Konzerten hoch – auch in den Coachings offenbarten so einige Amateurgruppen professionelles Können. Tobias Hug beobachtet das auch von London aus: „Ich sehe, dass sich in den letzten fünf, sechs Jahren hier viel getan hat, dass viele Gruppen nicht nur den Schritt in die Professionalität geschafft haben, sondern richtige Stars sind.“ Und dass die Entwicklung auch in die Breite geht: „Die Leute wollen eben singen – und a-cappella ist unschlagbar, vor allem im Live-Kontext: Die Stimme ist das Unmittelbarste überhaupt um mit dem Publikum in Kontakt treten. Die Menschen wollen singen, aber nicht mehr im Kirchenchor – da entwickeln sich eben Jazz-, Pop- und Gospelchöre. Vielleicht hängt das auch mit dem Beatboxen zusammen. Aber a-cappella war schon immer cool. Nur haben’s die Leute noch nicht gewusst. Und jetzt merken sie es.“ Und damit verabschiedet sich Tobias Hug. Er hat noch viel vor – ein weiterer Workshop wartet, dann der Soundcheck und das große Konzert der Swingle Singers.
(geschrieben für die Neue Chorzeit)