„Nächstens mehr.“

Literatur, Musik, Theater – die Welt meiner Kultur. Und das Laufen.

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wise guys: so viel nettigkeit – das kann doch nicht sein

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sie nervt zumindest ein bisschen. aber bevor ich das lästern anfange, zunächst einmal den text, den ich für die mainzer rhein-zeitung schrieb:

Sie sind bringen alle zusammen: Singende Kinder, kreischende Teenies mit und ohne Eltern, alte Fans, die schon beim ersten dabei waren genau wie zahlreich neu enthusiasmierte, solche mit Partitur unterm Arm und diejenigen, die schon im Tour-T-Shirt erscheinen und signierte CDs als Trophäen heimtragen. Bei den Wise Guys ist einfach jeder zu Hause. Und die fünf sind überall dort daheim, wo ein Bühne und einige gut gelaunte Zuhörer zu finden sind. In passiert das öfters. Jetzt wieder mal in der Phönix-Halle, um ihr neues Album vorzustellen. Das heißt „Klassenfahrt“ – ein wunderbarer, passender Titel für das Quintett. Die auch nicht mehr ganz so jungen Herren aus Köln werden nämlich einfach nicht so richtig erwachsen. Dafür haben sie viel zu viel Spaß am Rumalbern. Und am Singen. Und ganz besonders, wenn sie beides verbinden können. Zum Beispiel in der Rap-Parodie „Hamlet“, in der zumindest zwei aus ihrer Mitte, Sari und Ferenc, mal die ganz harten Kerle geben. Das erfordert einige Umstellung, denn eigentlich sind die Wise Guys viel zu nett für so etwas. Deshalb ist das auch nicht gerade der Höhepunkt des Konzertes. Davon gibt es aber mehr als genug andere – mit den alten Hits wie „Es ist nicht immer leich ich zu sein“ oder dem unvergessenlichen „Radio“. Aber auch mit neuer Musik und neuen Texten, wie immer vor allem von Dän und Eddi.
Denn, das zeigt „Klassenfahrt“ sehr schön, die Wise Guys bleiben sich treu. Und das heißt, dass sie weiterhin sehr nette, hitverdächtige Popsongs schreiben. Dass sie die als -Gruppe halt ausschließlich mit ihren Stimmbändern produzieren, ist da fast zufällig. Und gar nicht so wichtig. Hauptsache, die gute Laune kommt. Dafür brauchen sie nie viel: Eine eingängige Melodie, ein unbedingt gereimter Text, etwas Augenzwinkern: Und fertig ist schon die Rock-Hymne „Latein“, die den Klassenprimus zum Helden macht. Zumindest für diesen Song. Überhaupt ihr ungebrochener Optimismus. Das wird manchmal fast zu viel, wenn sie immer noch und wieder nur an das Gute glauben – selbst „Am Ende des Tages“, mag er noch so ruppig gewesen sein. Und das „Schlechte Karma“ wird natürlich auch umgehend überwunden. Das sind eben die Wise Guys: unverdrossen gut drauf. Das es musikalisch einfallsreichere und stimmlich raffiniertere Gruppen gibt, macht da gar nix. Denn wenn die Wise Guys dann zum Beispiel „Wo der Pfeffer wächst“ anstimmen, könnten sie sich ganz entspannen und aufs pantominische Singen verlegen – das Publikum singt gerne und rundum begeistert an ihrer Stelle. Aber das tun sie natürlich nicht. Sondern legen noch einen Zahn zu und rocken auf der Bühne mal so richtig ab. Schließlich wollen ja alle Spaß haben – und das „ganz ohne Drogen“, wie es einmal heißt. Aber irgendewie sind die Wise Guys doch auch eine Droge. Man kommt einfach nicht los von ihnen.

ja, so war das. und ich habe noch ein bisschen mehr drüber nachgedacht. vielleicht ist ja der erfolg der wise guys in deutschland das beste zeichen für ihr mittelmaß – in zeit und ort –, für die zufriedenheit der musiker & des publikums mit der bequemen mitte, dem ewigen sowohl-als auch: ein bisschen witz, ein bisschen nachdenklichkeit, ein bisschen gut, ein bisschen böse, ein bisschen freud und ein bisschen leid. aber halt nichts richtig … nichts wirklich zu ende gedacht oder geführt. und das nervt nach einer weile – mich zumindest: diese ewigen halbheiten, die – das unterstelle ich – durchaus berechnet, zumindest beabsichtigt sind: nämlich aus der orientierung am größten gemeinsamen nenner. die offensichtliche ästhetische (und intellektuelle) belanglosigkeit ist die folge davon. und damit ist die musik nicht nur nachrangig, sondern auch voll zufrieden: das streben nach besonderem, nach außergewöhnlichem hat sie längst aufgegeben. das aber macht sie (fast) blödsinnig (ok, das ist vielleicht ein wenig hoch gegriffen) massenkompatibel. nur eben auch langweilig und vorhersehbar. da ist für mich einfach kein kitzel, kein reiz mehr dran – weder musikalisch noch inhaltlich irgend etwas überraschendes, neues.

schon die besetzung weist ja darauf hin: fünf männerstimmen – aber keine extreme. kein wirklich tiefer bass und kein ordetnlicher hoher tenor. auch keine beatbox oder wirklich gute vocal percussion. und, das ist die kehrseite, deswegen sind sie ja auch so wunderbar zum mitsingen geeignet. aber das liegt natürlich auch an den einfachst gebauten songs, den übersichtlichen arrangements und vor allem den eingängigen, unkomplizierten, eigentlich sogar simplen melodien.

Geschrieben von matthias

8. Februar 2010 um 19:27

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„YouTube hat das Beatboxen revolutioniert“

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Raue Industrieklänge mischen sich hier mit feinsten Harmonien – der Vocal Jazz Summit in der Mainzer Phönixhalle bringt reine Töne in eine eher ungemütliche Gegend. Aber die Sänger und Fans sind ja nicht gekommen, die Aussicht zu bestaunen. Sondern zu arbeiten, zu lernen und vor allem ganz viel zu hören. In allen Facetten.

Mittendrin in dem Gewusel schlendert Tobias Hug gelassen vom Studioraum zur Kaffeetheke, vom Foyer auf die große Bühne. Der auf den ersten Blick unscheinbare, zurückhaltende Bass der Swingle Singers ist eine der zentralen Figuren des Summits, der nach der Premiere 2005 zum zweiten Mal in stattfindet.

Hug, immer eine schicke Kappe auf dem kahlen Kopf, hat seine Arbeit nämlich schon vor dem eigentlichen Beginn angefangen. Drei Tage hat er mit drei Kollegen und 28 Lernwilligen die Masterclass „Beatbox and Beyond“ in der Mainzer Hochschule für Musik auf die Beine gestellt.

„Es war ungeheuer intensiv. Und es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht. Wir hatten eine ganz starke Eigendynamik, die Gruppe hat sich ganz schnell zusammengefunden. Und was uns besonderen Spaß gemacht hat: Wir haben noch nicht zusammen gearbeitet, das war auch für uns ein neues Konzept.“ Wir, das sind die vier Dozenten: Neben Hug sein Bass-Kollege bei den Swingle Singers, Kevin Fox, dazu der belgische Beatboxer und Vize-Weltmeister RoxorLoops und der Franzose Jérôme Colloud, ein Akrobat nicht nur der Stimme.

„Erstmals haben wir hier mit Dozenten aus verschiedene Richtungen gearbeitet“, erzählt Hug: „Hip-Hop, Vocal-, Theater: die verschiedensten Improvisationstechniken waren hier vertreten. Und natürlich spielte das Beatboxen eine besondere Rolle, aber wir haben auch viel mit anderen Improvisationsmodellen gearbeitet, mit circle songs oder Techniken aus der Theaterimprovisation. Unser Ziel war immer, abwechslungsreich zu bleiben und doch zu etwas Gemeinsamen zu kommen.“

Die Masterclass lebte auch von ihrer bunten Zusammensetzung – von Hip-Hop-Kids bis zu gestandenen Chorleitern und Musiklehrern war so ziemlich alles vertreten. Und alle waren nicht nur musikalisch neugierig und offen: „Wir haben ungeheuer viel zurückbekommen von den Teilnehmern, die haben sich gut miteinander verstanden. Und die Experimentierfreude hat uns immer wieder überrascht. Vor allem aber die großen Entwicklungen in diesen drei Tagen, wie wirklich alle sehr bald ihre Hemmungen fallen gelassen haben – das war wirklich toll. Denn am Anfang ist man natürlich scheu, es klingt ja auch etwas albern zunächst, wenn man es noch nie gemacht hat – aber in der Masterclass haben alle diese Scheu abgelegt.“ Das Abschlusskonzert, zugleich offizieller Beginn des eigentlichen Summits, war zwar fast eine reine Insider-Sache, konnte den Enthusiasmus Tobias Hugs aber gut belegen: Die Dozenten traten kaum mehr in Erscheinung, die Gruppe steuerte sich selbst durch verschiedene Improvisationen, in Gruppen und solistisch, im Circle Song und dem Hip-Hop-Break.

Aber wie kommt man als Schulmusikstudent in Trossingen überhaupt zu den Swingle Singers? Und zum Beatboxen?

„Ich habe in einer -Gruppe gesungen, die sich aus dem Jazzchor Freiburg entwickelt hat. Da war ich Bass und habe angefangen, gleichzeitig Beats zum Bass dazu zu machen. Dann hat mich das so interessiert und fasziniert, das ich nach allem gesucht habe, was ich irgendwie finden konnte und habe einen Beatbox-Workshop in Österreich mitgemacht. Gleichzeitig war dort auch ein Swingle-Singers-Workshop. Da habe ich die Swingle Singers kennen gelernt und gemeint, wenn ihr mal einen Bass braucht, meldet euch. Damals studierte ich noch Schulmusik in Trossingen. Sechs Monate später hatte ich – am Tag meiner Zwischenprüfung – das erste Vorsingen in London …“

Seit 2001 ist er jetzt Bass bei dem wohl dienstältesten Vocal--Ensemble der Welt. Und inzwischen auch künstlerischer Leiter des Ensembles.

Überhaupt hat er schon viel gemacht – Anthropologie studiert, Geschäftsmann mit eigenem Unternehmen zum Import von Computerteilen gewesen, als Koch gearbeitet – und dann doch der Entschluss: „Ich muss es mit der Musik probieren. Wenn es nicht klappt – okay. Aber bisher läuft es ganz gut. Es kann also gut sein, dass das deutsche Beamtentum mich für immer verloren hat.“

Inzwischen ist er trotzdem eine Art Lehrer geworden. Denn immer öfter lässt er andere, junge Sänger und Ensembles an seinem reichen Erfahrungsschatz teilhaben – da geht es längst nicht nur um das Beatboxen, sondern auch um klassische Ensembletechniken oder verschiedene Methoden des Obertongesangs. Auch das ist typisch für Tobias Hug: „Ich habe halt schon immer, von Kindesbeinen an, ganz viel mit der Stimme einfach experimentiert und rumgespielt.“ Grenzen gibt es da kaum noch.

„YouTube hat das Beatboxen wirklich revolutioniert: Zum Einen kennt jetzt fast jeder Beatboxen. Dann hat es das Beatboxen auch in den Mainstream geschafft – Björk, Justin Timberlake, DSDS – überall findet man sie jetzt.“ Er selbst hat noch ohne das hilfreiche Internet-Videoportal gelernt – mit einer amerikanischen VHS-Kassette und vielen direkten Kontakten zu Beatboxern. Aber Tobias Hug ist doch immer noch in erster Linie Bass, kein reiner Stimmakrobat: „Das Interessante beim Beatboxen ist dann eigentlich, es nicht nur als so ein Gimmick zu benutzen, als etwas Witziges, als Partytrick, sondern wirklich Musik damit zu machen, das Beatboxen also auch musikalisch weiterzuentwickeln. Oder es vernünftig in ein Ensemble einzubauen. Das sind zwei völlig verschiedene Disziplinen, das Solo-Beatboxing im Hip-Hop-Style mit seinen Battles und Shows und die Vocal Percussion in einem -Ensemble. Und da habe ich einfach viel Erfahrung, wie man Vokal-Schlagzeuger ist in einer Band.“

Schließlich ist er ja inzwischen seit acht Jahren die eine Hälfte des tiefen Viertels der Swingle Singers. Was unterscheidet die Arbeit in einer solchen Gruppe also vom Solisten?

„Die Technik ist schon dieselbe, aber viel stärker zurückgenommen: Man macht einen Groove, vielleicht noch ein paar Variationen, während der Solo-Beatboxer viel stärker mit elektronischen Soundimitationen aus allen Bereichen der Musik arbeiten wird. Vokalschlagzeuger benutzt dann oft wirklich nur die vier, fünf Klänge des Schlagzeugs – mehr nicht.“

Und die sind in ihren Grundzügen schnell gelernt: In mehreren Workshops gaben die Masterclass-Dozenten beim Summit noch einmal eine ganz kurze Einführung in das Beatboxing für alle: Den Aufbau der Grooves aus den einzelnen Instrument des Schlagzeugs, das bewusste Kombinieren von Bass Drum, Snare, Hi-Hat und Toms nicht nur so, dass es groovt, sonder auch so, dass genügend Luft zum Durchhalten bleibt. Und dann muss man nur noch üben – die Grundlagen sind nicht schwer.

Aber natürlich bot auch der Summit mehr als reine Vocal Percussion. Sehr viel mehr sogar. Neben den großen Konzerten mit Top Acts aus der ganzen Welt – den Swingle Singers, The Real Group, Manhattan Transfer – eine Menge (noch) nicht so berühmter Ensembles, Nachwuchsgruppen aus ganz Europa – nicht unbedingt viel schlechter, wenn überhaupt. Für jede Menge Abwechslung im Stil und Repertoire, für Gruppen von solistischen Ensembles bis zur vokalen Big Band war so gesorgt. Eine Menge Anregungen also, diese internationale Leistungsschau des , eine Menge Stoff für die Ohren – danach braucht man erst einmal Pause.

Die gab’s aber nicht. Denn selbst zwischen Nachmittags- und Abendkonzert, zwischen morgendlichem Workshop und mittäglichem Coaching ist da ja auch noch das zentrale Zelt vor der Phönixhalle, wo sich alle Welt wieder trifft, um beim Kaffee weiter zu machen, das Gehörte zu diskutieren und Kontakte zu knüpfen. Und dann waren da ja auch noch die Workshops – eher theoretisches zum Proben, Arrangieren und Dirigieren von -Sätzen mit Stephen Zegree oder Bertrand Gröger (der seine Loop-Songs auch in den abendlichen Konzerten mit dem Publikum zelebrierte) und anderen oder etwa eine Einführung in die Arrangements Gene Puerlings von Jesper Holm. Die Teilnehmer waren dafür teilweise weit angereist – aus ganz Deutschland sowieso, aus den Niederlanden, Belgien, der Schweiz. Und auch aus dem Iran: Das Teheran Vocal Ensemble, gerade in Europa auf verschiedenen Festivals unterwegs, nutzte die Chance, sich in einem der angebotenen Coachings durch die Real Group und die Swingle Singers noch einen Feinschliff beim großen Vorbild aus England abzuholen. Mehdi Abtahi war ganz begeistert: „Die haben diese Art der Musik bei uns überhaupt erst bekannt gemacht. Und jetzt konnten wir von ihnen lernen – das war sehr hilfreich und hat uns großen Spaß gemacht.“

Das Niveau war nicht nur in den Konzerten hoch – auch in den Coachings offenbarten so einige Amateurgruppen professionelles Können. Tobias Hug beobachtet das auch von London aus: „Ich sehe, dass sich in den letzten fünf, sechs Jahren hier viel getan hat, dass viele Gruppen nicht nur den Schritt in die Professionalität geschafft haben, sondern richtige Stars sind.“ Und dass die Entwicklung auch in die Breite geht: „Die Leute wollen eben singen – und ist unschlagbar, vor allem im Live-Kontext: Die Stimme ist das Unmittelbarste überhaupt um mit dem Publikum in Kontakt treten. Die Menschen wollen singen, aber nicht mehr im Kirchenchor – da entwickeln sich eben -, - und Gospelchöre. Vielleicht hängt das auch mit dem Beatboxen zusammen. Aber war schon immer cool. Nur haben’s die Leute noch nicht gewusst. Und jetzt merken sie es.“ Und damit verabschiedet sich Tobias Hug. Er hat noch viel vor – ein weiterer Workshop wartet, dann der Soundcheck und das große der Swingle Singers.

(geschrieben für die Neue Chorzeit)

Geschrieben von matthias

13. November 2009 um 19:25

angebissen: der don-camillo-chor auf cd

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Musik dazu verwenden, jemanden zu verführen, ist keine neue Idee. Das Opfer mit der Musik als Köder zur Musik zu begehren, ist schon etwas ungewöhnlicher. Und wenn ein das dann auch noch so offen und direkt unternimmt wie der „Don-Camillo-“ aus dem Münchner Umland, dann gehen jeder Zielperson schnell die Argumente für den Widerstand aus.

Das liegt, wie ihre neueste (und erste) CD mit dem passenden Titel „Good Bait“ beweist, zu großem Teil an der jugendlichen Frische und dem unbändigen Überschwang, mit dem der gesamte sich auf sein Repertoire vorwiegend aus und stürzt. So eine freizügige Freude teilt sich dem Hörer in jedem Moment mit, dass er mit dem größten Vergnügen anbeißt.

Das Vergnügen ist allerdings nicht nur ein Verdienst der Sänger und ihres Chorleiters, der sie immer wieder knackig auf den Punkt fokussiert. Es liegt zu einem großen Teil auch an den angenehm einfallsreichen Arrangements, die mehrheitlich vom Dirigenten selbst oder aus der bewährten Feder des um keine Pointe verlegenen stammen.

Das reicht vom feurigen „Chili con Carne“ aus dem Fundus der „Real Group“ über aufgefrische Swing-Klassiker bis zu – in ihren komplexen Arrangements kaum noch erkennbaren – -Hits der letzten Jahrzehnte. Mit einer recht freien Bearbeitung von Brahms‘ „Guten Abend, gut‘ Nacht“ beweist der Don-Camillo- dann nebenbei auch noch, dass er mehr als nur reiner -- ist: Diese jungen Sänger und Sängerinnen fühlen sich in vielen Gefilden zu Hause. Mit Recht. Denn „Good Bait“ ist nicht nur eine schöne, gelungene Leistungsschau, sondern auch einfach gute Unterhaltung.

Don Camillo : Good Bait. Spektral SRL4-09049, 2009.

(geschrieben für die neue chorzeit)

Geschrieben von matthias

5. Juli 2009 um 16:32

harte männer ganz sanft: rammsteins „engel“ a-cappella

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Mutig ist es, was der Bosse-Verlag macht: Seine neue Reihe „Bosse Hits “ gleich mit Rammsteins „Engel“ zu eröffnen. Denn vielen ist in Deutschland (im Ausland übrigens im Grunde gar nicht) immer noch ein Ärgernis. „Engel“ ist aber sicherlich eines der unverfänglichsten Lieder. Und zugleich einer der großen Erfolge der umstrittenen Band, der Durchbruch in die größere Öffentlichkeit vor über zehn Jahren.

Was der Bosse-Verlag nun vorlegt, ist aber nicht so sehr eine -Version des -Songs, sondern eine noch einmal bearbeitete Version – für gemischten sowie Frauenchor/Männerchor – des Maybebop-Arrangements. Und das Quartett verkehrt die „Neue Deutsche Härte“ des Originals ins ziemlich genau Gegenteil – eine weiche, schmusige Ballade haben sie daraus gemacht. Mit einem recht raffinierten, sehr ökonomischen . Das findet sich auch in den vorliegenden Sätzen so wieder – die halten sich nämlich sehr genau ans Maybebop-Original, nur minimale Anpassungen an die verschiedenen Besetzungen hat noch vorgenommen.

Ein schönes Beispiel ist dieser Satz zugleich, wie sehr eine Bearbeitung den Charakter eines Stückes verändern kann: Die Noten „stimmen“ eigentlich noch ziemlich genau mit der Musik von überein. Aber die Reduktion auf vier menschliche Stimmen und die Veränderung der Struktur tun einiges, dem Engelslied jede Härte zu nehmen – damit aber auch viel von seinem eigentlichen Reiz. Jedenfalls ist es ein gut singbares , das zwar technisch schon versierte Sänger fordert (etwa beim Zwischenspiel in klassischer Imitationstechnik, eine echte Maybebop-Zutat und -Spezialität), sonst aber zurückhaltend bleibt. Und es lässt den Interpreten wiederum einigen Raum – man muss das nicht unbedingt so wie Maybebop singen. Dass ist das große Plus dieser Ausgabe und ihre Aufgabe an Chöre und Ensembles: Einen eigenen Weg zwischen und Maybebop zu finden.

: Engel. : Maybebop/. Gustav Bosse Verlag 2008. (Bosse Hits a cappella, hrsg. von Stefan Kalmer). Gemischter : BE 721, Frauenchor: Be 722, Männerchor: BE 723. 7 Seiten, 3,50 Euro.

(geschrieben für die neue chorzeit)

Geschrieben von matthias

10. März 2009 um 11:24

Abgelegt in kritik,pop

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st. petersburg und mainz

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Der Zusammenprall zweier Kulturen gilt oft als ein Zeichen von Unheil. Das muss aber nicht unbedingt so sein. Gerade in der Musik haben sich immer wieder große Ereignisse aus dem Aufeinandertreffen vollkommen unterschiedlicher Stile und Musiker ereignet. Das adventliche Chorkonzert im Dom war genau so ein Fall. Im Zentrum stand zwar der St. Petersburger . Aber die Mainzer ließen es sich nicht nehmen, den Mädchenchor wenigstens ein bisschen singen zu lassen. Und das war eine großartige Idee. Denn einen großen Teil seiner Wirkung und Eindrücklichkeit zog diese Adventsmusik aus dieser Konfrontation. Hier traten zwei völlig verschiedene Chortraditionen ins Blickfeld, zwei ganz gegensätzliche Klangkulturen.
Den Anfang machte der Mainzer Mädchenchor. Nicht viel war es, was sie sangen. Aber es reichte Karsten Storck, um das Niveau und die Qualität seines Ensembles wieder einmal plastisch bewusst zu machen. Egal, ob verträumt und sanft schwingend wie der Satz des Weihnachtsliedes „Maria durch ein Dornwald ging“ oder federnd zupackend wie bei der ausgewählten Magnificat-Vertonung: Immer bewiesen sie volle Präsenz, vorbildliche Klarheit und Einheit des Klangkörpers, der alle Strukturen klar erkennen ließ.
Und dann der Wechsel zu den russischen Jungen. Das war nicht nur ein anderes Geschlecht, das war eine ganz andere Idee des Chorklangs. Denn Transparenz und kompositorische Strukturen waren jetzt überhaupt nicht mehr wichtig. Jetzt ging es vor allem darum, den Raum mit Klang auszufüllen – ein Vorhaben, das im Mainzer Dom zu sehr anregenden Ergebnissen führte.
Alles war immer im Fluss, jeder Übergang wurde von Wladimir Ptscholkin so sorgsam abgefedert, dass er nahezu unerkennbar wurde. Es war eine scheinbar nie versiegende Fülle weicher Klangbilder, die sie aus den Werken vorwiegend russischer Komponisten herausholten. Und es war immer wieder verblüffend, wie nahtlos sie sich in den Raum schmiegten, wie die gar nicht so vielen Kinder und Jugendliche die Energien fließen ließen. Einen Sieger gab es in diesem natürlich nicht, nur zwei völlig unterschiedliche klangliche Ergebnisse. Aber schön waren beide.

(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung)

Geschrieben von matthias

18. Dezember 2008 um 14:20

musik, den glauben zu festigen: voces cantantes in st. stephan

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Anfangs lag noch ein sanfter blauer Schimmer über dem Kirchenraum. Doch bald schon schwand jede Außenwelt ganz und gar dahin. Das lag nicht nur an der einbrechenden Dunkelheit, sondern vor allem an dem, was in der Kirche passierte. Denn reiner Chorklang eroberte den Raum, machte ihn sich zu eigen: St. Stephan feierte das 30-jährige Jubiläum der Chagall-Fenster mit einem der Voces Cantantes.
Und mit einer passenden Auswahl Musik: Werke, die zwar immer wieder ein Außen mit sich bringen, im Kern aber ganz auf sich selbst konzentriert bleiben hatte sich Alexander Süß für seinen Kammerchor ausgesucht. Denn in allem, was hier erklang, geht es nicht um die Welt, sondern um Gott, um den Glauben und die Zweifel der Christen – egal ob mit Musik aus der Renaissance oder der Romantik, egal ob nun Jacobus Gallus, Johannes Brahms oder Felix Mendelssohn Bartholdy christliche Texte vertonen.
Der Kern des Konzertes waren einige der vielen Psalmvertonungen von Mendelssohn Bartholdy. Und die trugen hier schon so viel Vielfalt in sich, dass sie allein schon ausgereicht hätten. Denn die Voces Cantantes bemühten sich sehr und mit hörbarem Erfolg um eine passende Klanggestalt für jeden Satz, fast sogar für jedes Wort. Immer wieder suchte – und fand – Alexander Süß die treffendste Ausdrucksform, die eine genau passende, adäquate Umsetzung der stummen Noten in aussagekräftigen Schall.
Und die Chorsänger folgten ihm dabei sehr willig. Ob es nun die durchweg sehr flexiblen Tempi, die weichen Einsätze oder der strahlend triumphierende Schlussakkord waren – immer blieben sie eine homogene Einheit. Dadurch blieben alle Gemütslagen der Musik nicht nur erfahrbar, sondern auch verständlich. Der Zweifel an der Gerechtigkeit Gottes leuchtete ebenso unmittelbar ein wie die unbeirrbare Festigkeit des Glaubens und die Freude an der Geborgenheit in Gottes Hand oder an der Herrlichkeit der Schöpfung.
Dass der eine oder andere Übergang dabei etwas abrupt erfolgte, dass die Spannungsbögen manchmal etwas kurzatmig blieben, trübte die Freude nur sehr geringfügig und kurzzeitig. Denn schließlich endet alles immer wieder im Wohlklang, auf den die Voces Cantantes abonniert schienen. Keine Zweifel bleiben, wenn nur der Glaube fest genug ist – und die Schönheit der Musik groß genug.

(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)

Geschrieben von matthias

29. September 2008 um 12:48

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