„Nächstens mehr.“

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Archiv für das Schlagwort ‘19. jahrhundert’

51 Saiten im Akkord

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Mit 51 Saiten lässt sich eine Menge Musik machen. Die Kombination Harfe und Violine ist zwar nicht so sehr verbreitet, weder heute noch in der Musikgeschichte. Aber es gab doch immer wieder Zeiten, in denen sie favorisiert wurde. Zum Beispiel und vor allem im 19. Jahrhundert, als die Harfe ihre moderne Form bekam. Und etwa in den Pariser Salons, wo das Instrument durchaus beliebt war.
Das Sommerkonzert in den unklimatisierten und entsprechend aufgeheizten Räumen der Villa Musica trieb die historische Aufführungspraxis vielleicht ein wenig weiter als unbedingt nötig. Aber bei offenen Fenstern war es auszuhalten – und die Vögel im Garten hatten auch etwas davon. Aber ob sie die Kunstfertigkeit der beiden Preisträger des Villa-Musica-Förderpreis zu schätzen wussten? Das menschliche Publikum tat es jedenfalls.

Es gab schließlich auch einiges zu hören – vorwiegend Unbekanntes allerdings. Denn ein Duo Geige und Harfe findet sich eher aus Zufall, etwa weil beide gleichzeitig Preisträger sind, wie bei Helena Madoka Berg und Christoph Bielefeld. Die jungen, aber versierte Instrumentalisten stellten ihr Können auch solistisch unter Beweis. Helena Berg tat dies mit einer knackig-kantigen, kraftvollen Interpretation der vierten Violinsonate von Eugène Ysaye, während Christoph Bielefeld sich und seine Harfe mit Louis Spohrs C-Moll-Fantasie ins rechte Licht rücke. Der Gedanke an Mozart liegt bei diesem Werk nahe, heute würde so etwas wohl leicht unter den Plagiatsverdacht fallen und bestimmt keinen Innovationspreis gewinnen. Nichtsdestotrotz zeigte Bielefeld sehr genau, dass das auch so schöne und gute Musik ist, die mit einer ganz eigenen klanglichen Poesie aufwarten kann.

Die Hauptsache des Abends in der Villa Musica waren aber die Duos. Auch hier war Spohr wieder vertreten mit einem gefälligem Potpurri über Themen aus Mozarts Zauberflöte, komponiert für die eigene Konzertpraxis, der Violinvirtuose Spohr war mit der konzertierenden Harfenistin Dorette Scheidler verheiratet. Und das hört man der lose gefügten Reihung durchaus an: Die Harfe darf hier zeitweise auch mal richtig angeben, was auf ihr alles möglich ist.

Daneben gab es noch viel Französisches zu hören. Besonders herausragend dabei: Camille Saint-Saens „Fantaisie“, eine formal eher lockere Reihung melodisch und harmonsich sehr verführerischer Reize. Bielefeld und Madoka Berg trugen das brillant und inspiriert vor, ließen die leicht fließende Schwärmerei mit ihrer gefangennehmender Mischung aus unterhaltsamen Belanglosigkeiten und suchender Nachdenklichkeit wirbeln und blitzen: Eine Fantasie, die das ganze Konzertprogramm noch einmal wunderbar zusammenfasste.

(geschrieben für die Mainzer Rhein-Zeitung.)

Geschrieben von matthias

12. Juli 2010 um 19:17

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bach und die virtuosen romantiker

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Es wirkte zunächst fast wie eine Beerdigung: Der große schwarze Flügel, Kirill Gerstein ganz und gar in Schwarz gewandt, der gemessenen Schrittes zu seinem Platz schritt und dort wartete, ganz in sich selbst versunken. Aber eine Trauerfeier war der Klavierabend, das fünfte Konzert der SWR-Reihe „Internationale Pianisten“, im Frankfurter Hof nun wirklich nicht. Eine Respektbezeugung allerdings schon. Zunächst ging es nämlich um JOhann Sebastian Bach. Als Komponist und als Vorbild, als Inspiration und als Heroe der klassischen Musik auch im 19. Jahrhundert.
Kirill Gerstein hatte sein kurzfristig noch geändertes Programm rund um Bach konzipiert, mit dessen zweiter Englischen Suite als Mittel- und Referenzpunkt. Und dann spielte auch Ferruccio Busoni eine große Rolle: Zunächst, zum Warmspielen und zur gegenseitigen Gewöhnung, stand dessen fünfte Sonatine an – „in signo Joanni Sebastiani magni“. Aber schon das reichte, um Gersteins Prinzipien klar zu erkennen: Über allem stand ihm die Deutlichkeit. Die knackige, aber sanft artikulierte Ausarbeitung der Formen, der Motive und Themen, ihrer Verarbeitungen und Verbindungen – das lag ihm am Herzen und das gelang ihm treflich.
Darüber hinaus hatte Gerstein sich aber auch noch Busonis Toccata verschrieben. Hier ging es dann richtig zur Sache – virtuos ausgespielt und deutlich bis fast zur Groteske, zeigte er sich von technischen Schwierigkeiten völlig unbeeindruckt.
Und noch eine Toccata bildete das Bindeglied von Bach und Busoni zu Liszt im zweiten Teil: Die C-Dur-Toccata Robert Schumanns, die Gerstein als Episodenhafte Traumbewegung, weit entrückt der Realität vorstellte – ein Traum, der kristallne Klarheiten offenbarte und zugleich ganz und gar irreal erschien – erst der Applaus holte ihn wieder zurück in die Realität.
Das war also schon eine ganze Menge. Vor allem viel Musik mit sehr hohem spieltechnischen Anspruch. Aber Gerstein setzte noch eines drauf und schloss den Abend mit Liszts h-Moll-Sonate ab. Die ist Schumann gewidmet – womit sich der Kreis der gegenseitigen Beziehungen und Verweise an diesem Abend rundete. Natürlich wurde das ein großartiger Schluss. Auch wenn, gerade in den letzten Teilen der Sonate, die Konzentration ein kleines bisschen nachzulassen schien, die Präzision Gersteins minimal aufweichte. Davor entwickelte er aber ganz viel düstere, kraftvolle, konzentrierte, faustische und doch ganz lichthelle Musik. Denn Gerstein spielte das so klar und deutlich, dass man im Geiste mitschreiben hätte können.

(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung)

Geschrieben von matthias

1. März 2010 um 21:54

wie man aus einer normalen mittelgebirgslandschaft deutschlands ein verwunschenes geisterland macht

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willi weiss reiste für die süddeutsche zeitung durch den odenwald. und es schon interessant, so etwas mal zu lesen, wenn man das zielgebiet etwas kennt. da kommen nämlich so einige ungenauigkeiten und verzerrungen zutage.

zum beispiel steht da: erbach wurde im späten mittelalter zum zentrum der elfenbeinschnitzer. franz I, graf von erbach, der dafür maßgeblich verantwortlich war, lebte leider erst 1754–1823 – also unbedeutend später (übrigens, um den abstand zum mittelalter zu verdeutlichen: franz I. war auch der letzte graf vor der mediatisierung der grafschaft erbach). im späten mittelalter war im odenwald noch nicht so viel los mit spezialisierter wirtschaftspolitik und so …

was mich aber am meisten stört (abgesehen von der ungenauen darstellung der geschichte um die fusion von erbach und michelstadt): der odenwald ist hier eine einzige waldidylle, nahezu menschenleer – abgesehen von den wenigen hier hausenden originalen, den künstlern auf der suche nach „kontemplation“ und den alten bauern –, ständig werden mythen und aberglauben des 18. und 19. jahrhunderts zitiert und evoziert, die im odenwald faktisch kaum noch jemand kennt …und  sonst: vor allem lauter abgelegene dörfchen, einzelne höfe, alte scheunen etc. – das der odenwald inzwischen ziemlich großflächig zugebaut wurde, erfährt man da kaum. stattdessen heißt es dann: „wasserreiche wälder, aus denen immer wieder hügel mit burgen oder fachwerk-städtchen … auftauchen“ – nun ja. so viele burgen tauchen da nicht auf. und fachwerk-städtchen auch nicht so oft. aber das wäre ja zu normal und würde nicht in die rezeption des odenwaldes als magisch-verwunschene landschaft passen, in der auch heute noch die bauern schauergeschichten erzählen, wenn sie dem vorbeischauenden reisenden aus der fernen großstadt kochkäse auftischen – wie das gespräch mit dem landwirt in ober-kainsbach wirklich abgelaufen ist, würde ich ja schon gerne wissen. und ob weiss wirklich glaubt, dass sei real, was er hier schreibt und andeutet.

der artikel mit dem passenden titel „der ritter der lüfte“ will sich ausweislich seine runterzeile dem „rodensteiner land im odenwald“ widmen. seltsam, dass weiss dann auf einmal in hesseneck und am krähberg auftaucht – das ist doch eine ziemlich andere ecke. immerhin hat er mitbekommen, dass der odenwald ein größeres problem mit gehirnamputierten motorradfahrern hat, die sich wie die lemminge auf den straßen in den tod stürzen. aber selbst dieser ziemlich moderne irrsinn wird dann wieder in das abergläubische, mythisch-verwuschene bild des odenwaldes ganz nahtlos eingepasst: „Was sind das für Geräusche? Sind es ferne Motorräder  oder ist es anschwellendes Geschrei aus der Höhe? [Weiss sollte sich mal im Sommer an einem sonntag an einem ziemlich beliebigen ort im odenwald raussetzen – er wird den krach der motorräder schnell kennenlernen] Bellen Hunde? Klirren Schwerter? Man kann da nicht so sicher sein – im Odenwald.“ na ja, eilli weiss vielleicht nicht – man schon.

Geschrieben von matthias

23. Juli 2009 um 09:05

deutsche literaturgeschichte in einer stunde

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auch wenn klabund der verfasser der jetzt als nachdruck der zweiten auflage von 1921 beim textem-verlag erschienen deutschen literaturgeschichte in einer stunde. von den ältesten zeiten bis zur gegenwart istdie autorität des schriftstellers reicht in diesem falle nicht aus, über die mängel solcher unternehmen hinwegzutäuschen. das sind natürlich zuforderst ganz prinzipielle – eine solche „literaturgeschichte“ kann weder literatur noch geschichte sein, sie ist bloß eine knappe versammlung der höhenkammliteratur, eine aufzählung des kanons. auch wenn klabund sein ziel noch anders verfehlt – in einer stunde wird der text kaum zu schaffen sein, ich brauchte fast drei dafür (und habe nicht sehr getrödelt). auffallend an klabunds unternehmung sind eher die immer wieder eingestreuten unbekannten namen – z.b. johann christian günther, zu dem ihm einfällt: „wie ein sturmwind braust [er], der götterbote einer neuen zeit, in die deutsche dichtung.“ (35) anlässlich eines anderen unbekannten schwingt er sich zu wahren großtaten auf: salomon „geßner war einmal eine europäische berühmtheit. es wird nicht besser werden in der welt, ehe es geßner nicht wieder ist. wir werden erst dann ewigen frieden haben, wenn arkadische dichter wie er wahrhaft populär geworden sind.“ (41)

und damit sind wir ja auch schon beim eigentlichen problem: klabund ist ein bekennender und gnadenloser emphatiker, um eine kürzlich aufgebrachte unterscheidung hier anzuwenden. als autor hat er natürlich jedes recht, ein solcher zu sein – als literarhistoriker meines erachtens aber überhaupt keines. und es ist natürlich sehr passend, dass ausgerechnet volker weidermann, an dessen „lichtjahre“ sich die von hubert winkels (zeit vom 30.3.) eingeführte unterscheidung der literaturkritiker zwischen emphatikern und gnostikern überhaupt entzündete, das vorwort zu diesem nachdruck beisteuert: eine rückvergewisserung des eigenen unternehmens – seht her, auch der große klabund war (wie ich) ein emphatiker! und die „lichtjahre“ sind dann auf einmal so etwas wie eine fortsetzung von klabunds werk, der ja zu beginn des 20. jahrhunderts aufhört zu lesen und sich zu begeistern (und schon ab der zweiten hälfte des 19. jahrhunderts gehörig ins schwimmen gerät und kaum noch sortiert bzw. zwischen gut und schlecht unterscheidet und deshalb notgedrungen auch nichts mehr wirklich beschreibt, sondern alles nur noch gehetzt anreißen kann).

als solcher präsentiert klabund naturgemäß einen vollkommen subjektiven blick auf die geschichte der deutschen literatur und tut doch gleichzeitig so, als sei dies eine richtige literaturgeschichte. dazu passend ist sein ansatz viel zu sehr personal geprägt, um wirklich zu relevanten einschätzungen zu kommen – personal insofern, als er bedeutung zunächst an seiner eigenen leseerfahrung misst und personal auch insofern, als er literaturgeschichte als geschichte von autorenpersonen schreibt (die fast durchweg männlich sind, natürlich). das ergibt ein ziemliches misch-masch, geprägt von einer fast ausschließlich identifikatorischen lektüre. epochen, geistige verbindungslinien, traditionen etc. kommen bei ihm allenfalls am rande vor. und solch ein ansatz führt naturgemäß zu einigen gerechten, aber auch zu einigen ungerechten urteilen und fehlern (z.b. das hier: „friedrich schiller ist der dichter der jugend“ (53) – dazu muss man schon einiges aus dem werk schillers ausblenden) – immerhin unternimmt klabund nicht noch den versuch, das zu verbergen: die (selbst-)sicherheit des urteilens hat schon fast etwas großartiges. als zeitdokument und in seiner ausgrabung gerade zu diesem zeitpunkt heute, wo sich immer mehr literaturkritiker als emphatiker genügen und darauf auch noch stolz sind (was natürlich in der tradition des großen grauenhaften anti-kritikers reich-ranicki steht), ist das immerhin eine ergötzliche lektüre – für historische wahrheit und gerechtigkeit ist klabund hier halt nicht zuständig.

Geschrieben von matthias

17. Juli 2006 um 12:43

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