Nomen est omen. Titel und Namen

Warum? Warum nur? Warum ist es nach über 90 Jah­ren nicht in den Köp­fen ange­langt, dass es in Deutsch­land kei­nen Adel mehr gibt? Und dass es dem­ent­spre­chend auch keine Adels­ti­tel mehr geben kann?
Johan Schloe­mann schreibt in der heu­ti­gen Süd­deut­schen Zei­tung einen nette klei­nen Text über die Unnö­tig­keit und Kon­tra­pro­duk­ti­vi­tät der deut­schen Pra­xis, den Dok­tor­grad in den Per­so­nal­aus­weis ein­tra­gen las­sen zu kön­nen. Und dann, nach­dem er durch­aus tref­fend und schön dar­ge­stellt hat, wie unnö­tig das alles ist, wie es den Dok­tor vom aka­de­mi­schen Titel zum Protz­werk und (angeb­li­chen) Kar­rier­boos­ter macht, kommt wie­der der blö­des­tes Feh­ler von allen, der in Deutsch­land seit fast 100 Jah­ren unend­lich per­pe­tu­iert wird: Frei­herr wird zum Titel, der im Aus­weis steht: „… anders als ein ererb­ter Titel wie ‚Frei­herr’.” Inzwi­schen bin ich ja dafür, allen, die sich öffent­lich bemerk­bar machen, eine Zwangs­schu­lung in Gschichte und Gegen­wart zukom­men zu las­sen. Da soll­ten sie unter ande­rem ler­nen: In Deutsch­land gibt es kei­nen Adel. Die Adels­ti­tel sind seit der Wei­ma­rer Repu­blik abge­schafft — per Gesetz.1 Das ganze Gelump mit Frei­herr, Graf, Fürst, was weiß ich — das sind nur Namens­be­stand­teile (eben aus­nahms­weise dekli­nierte Teile) von groß­ko­zer­ten Hoch­stap­lern, deren Gel­tungs­sucht durch die fort­wäh­rende Wei­ter­füh­rung des gan­zen als „Adel” nur wei­ter bedient wird. Denn wenn der Adel und seine Titel legit­la­tiv abge­schafft wurde, bekommt der ehe­ma­lige Titl als Namen nur durch die Zuschrei­bung in der Per­form­anz über­haupt einen Wert. Denn Adel heißt: Vor­rechte kraft Geburt. Das gibt es in der BRD nicht, das ver­hin­dern Grund­ge­setz und Gleich­heits­grund­satz — schon mal gehört? Des­halb sollte man so einen abso­lu­ten hane­büch­nen Blöd­sinn nicht mehr ver­brei­ten. Auch in einer „Qua­li­täts­zei­tung” nicht — haben die inzwi­schen nie­man­den mehr, der ein biss­chen Ahnung hat? Und das fast per­verse daran ist: Schloe­mann ist pro­mo­viert — so weit ich weiß, in klas­si­scher Phi­lo­lo­gie. Er sollte also doch eigent­lich so etwas wis­sen, so banale Dinge wie Adel und Gleich­heit begrif­fen haben … Aber er — und seine Zei­tung tut das per­ma­nent ebenso — ent­schei­den sich offen­bar dafür, in die­sen Fäl­len immer wie­der, immer noch ein­mal alle hoch­ge­lob­ten ehren­volle Ideale des Jour­na­lis­mus in den Wind zu schrei­ben. Trau­rig, die­ses Land und seine Medien …

  1. Offen­bar war das nicht radi­kal genug. Viel­leicht hätte die öster­rei­chi­sche Vari­ante, die auch die Titel ersatz­los abschaffte, bes­ser funk­tio­nier?