Richard Galliano braucht weder eine große Bühne noch viel Material: Zwei Mikros, ein Hocker – und der Mann mit seinem Instrument ist versorgt für einen Abend. Einen Abend, der sein Publikum im Frankfurter Hof mehr als einmal begeisterte. Denn der Franzose mit seinem Akkordeon, der im Rahmen der Französischen Woche in Mainz gastierte, beherrscht sein Handwerk. Oder besser gesagt, seine Kunst. Wie kaum ein anderer hat er sich bemüht, seinem oft belächelten Instrument Geltung zu verschaffen. Und wie kaum einem anderen ist es ihm auch gelungen. Mit seinen musikalischen Reportagen aus dem Niemandsland zwischen Folklore, Chanson, Valse Musette, Jazz und Klassik hat er nebenbei seine ganz eigene Welt geschaffen.
Nichts lenkt dabei vom Eigentlichen, der Musik, ab. Im kargen mönchischen Schwarz steht er einfach auf der Bühne und legt los, lässt die Finger tanzen, wirbelt meist ziemlich rasant über die unzähligen Tasten des Akkordeons und ruft immer wieder ungläubiges Staunen hervor. Und bleibt dabei doch ganz locker und offen, auch während des Konzertes – da überlegt er schon mal mitten drin, was er eigentlich als nächstes spielen könnte. Was ihm gerade in den Sinn kommt, das wird dann auch gemacht – ob es ein klassischer Bach ist, eine seiner zahlreichen Eigenkompositionen oder auch Jazz-Standards ist dann völlig gleich: Wenn Galliano unterwegs noch ein, zwei Stilgrenzen überwinden kann, geht es ihm gut. Sein kleine Hör-Dramen, in denen schon einmal ein Bandit gejagt und bekämpft wird, erzählen so immer wieder von neuen Abenteuern, von Sieg und Niederlage, von Freude und auch ein klein bisschen Wehmut. Aber im Kern ist Galliano kein Kind der Traurigkeit, sondern ein fröhlicher Musiker, der einfach spielt, was er mag. So stehen dann eben Variationen über eine Melodie Eric Saties neben Theolonius Monks „Round Midnight“, einem der besten Momente seines Konzertes: Wie er die Atmosphäre des Standards ganz stark konzentriert und in dichter Komplexität variiert, das hat echte Größe. Aber lange hält es ihn dann doch nicht im „reinen“ Jazz – eine klassische Valse Musette bringt schnell wieder Abwechslung. Klassisch bleibt sie aber nur in den ersten Takten, bis Galliano auch das sich wieder ganz zu eigen macht: Ein paar knackige Bassläufe, wild jagende Improvisationen über die Melodie, die darüber fast in Vergessenheit gerät – das ist Galliano pur. Genau wie das brasilianische Feuer, das er wiederholt entfacht. Mit Werken von Hermeto Pascoal, Ernesto Nazareth oder von ihm selbst – großartig etwa „Sertão“ — zeigt er immer wieder, was er drauf hat. Für den Hörer sind das immer wieder neue Expeditionen ins unbekannte Gebirge: Hinter jeder Biegung des Weges tauchen neue Abgründe und Schwierigkeiten auf, hinter jedem erklommenen Kamm eröffnen sich neue, atemberaubende Panoramen.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung)