„Nächstens mehr.“

Literatur, Musik, Theater – die Welt meiner Kultur. Und das Laufen.

Bachs h-moll-Messe zum Chorgeburtstag

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Es sieht ganz locker aus und ungezwungen aus, wie der Figuralchor da so hemdsärmelig in St. Johannis aufgereiht steht. Auch die Mainzer Camerata Musicale musiziert ganz unformell gekleidet. Aber das täuscht: Wenn bei ihrem Jubiläumskonzert zum 30. Chorgeburtstag mit Bachs h-Moll-Messe eines nicht der Fall ist, dann ist das ein laxer Umgang mit der Musik.
Natürlich erwartet das eigentlich auch niemand. Denn der Dirigent des Mainzer Figuralchors, Stefan Weiler, nimmt seinen Job und seine Aufgabe auch schon seit 30 Jahren sehr ernst.
Faszinierend ist es immer wieder, ihm dabei zuzusehen. Wie er auswendig dirigiert und trotzdem präziser als mancher, der die Partitur vor sich hat. Wie er fast zwei Stunden lang zumindest innerlich mitsingt. Und wie er Chor und Orchester immer wieder aufpeitscht. Denn bei Weilers Aufführungen ist es eigentlich nie langweilig. Nicht nur sein Dirigierstil ist sehr extrovertiert, beweglich und dramatisch. Seine Musik klingt genauso, sie trägt jede emotionale Regung nach außen.

Dafür wird aber auch wirklich an jeder Stellschraube so lange gedreht, bis das maximal Mögliche Klang wird. Das heißt zum Beispiel, dass möglichst jeder Kontrast stark gemacht wird, manchmal sogar regelrecht überhöht. Denn von diesen Höhepunkten lebt Weilers Interpretation. Zwar bemüht er sich auch in introvertierten Abschnitten um innige Gestaltung. Aber so richtig aufblühen können er und der Figuralchor dann doch immer wieder in den musikdramatischen Höhepunkten, beim Ende des Glorias etwa oder auch im Credo. Das scheint sowieso Weilers zentraler Ansatzpunkt für die Messe zu sein. Denn hier die Differenz zwischen mythisch hauchenden, bis zur Schmerzgrenze gedehnten Abschnitten (vor allem beim „Et incarnatus est“) und der triumphal-verlocken Glaubensgewissheit besonders groß.
Das hat den Vorteil, dass die zwei Stunden, die Bach für seine Messvertonung braucht, im Nu vorüber sind: Ständig passiert etwas Neues, ständig gibt es Abwechslung und andere Reize.
Allerdings genau das auf Dauer auch ein bisschen deas Problem: Das sind – nicht immer, aber über weite Strecken – an sich reizvolle Kontraste und einfallsreiche Details, die aber unablässig gereiht werden und größere Zusammmenhänge manchmal etwas aus den Augen verlieren.

Aber auf jeden Fall ist diese h-Moll-Messe expressive Überzeugungsarbeit von der ersten bis zur letzten Note. Fast missionarisch erscheint das – als wollte uns ausgerechnet Bach, der protestantische Kirchenmusiker schlechthin, zum Katholizismus verführen. Zum Anhänger der lateinischen Messe könnte man nach so einer Aufführung immerhin leicht werden.

(geschrieben für die Mainzr Rhein-Zeitung)

Geschrieben von matthias

14. Juni 2010 um 22:07

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Eric Schaefer bedankt sich für den SWR-Jazzpreis

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Im Hintergrund der Bühne steht tatsächlich noch ein richtiges Schlagzeug – oder was davon übrig ist. Aber auch jede Menge Gongs, Glocken und anderes Schlagwerk sind auf der Bühne verteilt. Dabei ist Eric Schaefer noch nicht einmal der experimentellste unter den gegenwärtigen Jazz-Schlagzeugern – im Gegenteil, er ist im Mainstream stark verankert. Aber mit vielen Ambitionen in andere Richtungen. Und damit durchaus ein würdiger Preisträger.

Es gibt kaum eine Musik, die er nicht spielt: Eric Schaefer, der Träger des diesjährigen SWR-Jazzpreis. Und die Preisverleihung der gemeinsam vom SWR und dem Land Rheinland-Pfalz mit 15.000 Euro dotierten Ehrung machte diese Vielfalt sehr deutlich hörbar. Der Schlagzeuger Schaefer, der den meisten wohl als Drummer in Deutschlands erfolgreichstem Jazztrio mit Michael Wollny und Eva Kruse, [em], bekannt sein wird, tummelt sich nämlich nicht nur im Mainstream-Jazz. Überhaupt ist schon die Beschränkung auf den Jazz zu eng für ihn – schließlich hat er schon als Jugendlicher bei den „Klassikern“ im Bundesjugendorchester mitgespielt. Und so war es auch nur folgerichtig, dass der in Berlin lebende Schaefer sein Dankkonzert in der Lobby des SWR-Funkhauses mit einem fast vollständig auskomponierten Werk begann: „faces – surfaces“ hat er diesen Zyklus betitelt. Das Ensemble Henosis mit drei Streichern, Klarinette und eben Schlagwerk – das heißt, vor allem eine große Palette Gongs, Glocken und ähnlich tönendem Gerät, das Schaefer auf so ziemlich alle möglichen Arten bearbeitet – führt hier so etwas wie Neue Musik für Anfänger vor: Ein bisschen fremd, aber nie ganz unvertraut. Ein wenig pointilistisch, aber immer wieder zu tonalen Zentren und melodischen Fragmenten zurückkehrend. Vor allem aber größtenteils harmlos.
Alles andere als harmlos ist dagegen der Auftritt des Trios „Johnny La Marama“, das Schaefer mit dem Gitarristen Kalle Kalima und Chris Dahlgren am Bass betreibt. Da schlagen, in einer extrem verspielten Aktualisierung des Jazzrock-Gedankens, durchaus auch Schaefers frühe Hardcore-Punk-Erfahrungen deutlich zu Buche.

Brutale Lärmstürme lassen die drei dann losbrausen, zusammengefügt zu Hörreisen durch die ganze Welt und so ziemlich alle denkbaren Musikstile – am wahnsinnigsten vielleicht im Blues-Schnellkochtopf „Billy Pilgrim“, bei dem nicht nur mehr oder weniger die gesamte Bluesgeschichte evoziert wird, sondern dabei auch so sehr unter Druck gerät, dass sie immer wieder zu explodieren droht. Nur ein beherzter Griff zum Nothalt kann da wenigstens so viel Dampf herausnehmen, dass die ungestüme, ungemütliche und immer wieder überrumpelnde Raserei ohne Ziel und ohne Kompass mit heilen Knochen weitergehen kann. Denn so eine ungezähmt vitale Musik hört nie auf. Und genau deshalb freute sich Schaefer auch so über den SWR-Jazzpreis: Weil er den als „Forschungsauftrag“ versteht, der es ihm möglich macht, seine Expedition in die musikalische Vielfalt immer weiter zu treiben.

(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung)

Und noch ein paar Beobachtungen, was mir so eingefallen ist:
„Bicycle Revolution“ (den Titel kapiere ich nicht, aber das macht ja nix): Eine extrem verspielte, eklezitische zusammengestoppelt Großmusik mit Soundmanipulationen aller Art – Normalität ist der Feind, hier geht’s ums Ausflippen. Einflüsse, Ideen und Material aus allen Ecken der Welt geben sich zu erkennen – ein Zeichen der radikalen Offenheit, mit der „Johnny La Marama“ in ihrer Songstruktur arbeit: Geschehen und wirken lassen ist die Devise. Meist kriegen sie aber auch wieder die Kurve, das irgendwie halbwegs konzis zusammentreffen zu lassen. Manchmal aber zerfasert das unterwegs auch so sehr, dass sie anscheinend die Lösung des Puzzles aufgeben und sich zu abgesprochenen Cues retten. Jedenfalls produzieren die drei so lauter kleine (und nicht so kleine) Hörfilme, ob’s um die Fahrradrevolution geht oder um Aliens, die ihnen ihre Süßigkeiten wegessen, ist ihnen, die sich nicht nur manchmal wie kleine Jungs im Spielzeugladen aufführen, dann eigentlich egal. Hauptsache, es gibt immer wieder einen Grund, möglichst viel disparate Klangfetzen zusammenzuwerfen und mit- und aufeinander reagieren zu lassen.

Vielleicht ist der militaristische Flecktarn, in den sich der Gitarrist Kalle Kalima kleidet, tatsächlich die richtige Uniform für so etwas: Nicht weil die Musik besonders kriegerisch wäre, sondern weil sie sich in voller Deckung anschleicht, hinter die feindlichen Linien und von dort ihre Sabotageakte auf de Hörerwartungen und den guten Geschmack loslässt.

Geschrieben von matthias

11. Juni 2010 um 14:41

Weltdeutung mit Mahler

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Immer wieder nicht nur überwältigend, sondern auch einleuchtend und sinnstiftend: Die Erinnerungsgewebe der fünften Sinfonie Mahlers. Und live nochmal so gut – mit diesen Klangmassen, ihrer Ballung und Differenzierung kommt keine Hifi-Anlange mit. Selbst wenn es nur die akustisch sehr langweilige, mittelmäßige Rheingoldhalle ist.

Spätestens um 21.32 Uhr war es um das Publikum geschehen: Da hob der berühmteste Teil von Gustav Mahlers fünfter Sinfonie an, das Adagietto des vierten Satzes. Und damit hatte der junge Finne Pietra Inkinen mit dem famosen SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg auch die letzten Zweifler unter den Zuhörern in der Rheingoldhalle von seinem Können überzeugt. Denn er wählt nicht den einfachsten Weg – reine Sentimentalität verbietet sich ihm hier, das ist seit der Verwendung dieser Musik für Luchino Viscontis Film „Tod in Venedig“ keinem ernsthaften Musiker mehr eine Option. Aber Inkinen weicht auch nicht einfach ins Gegenteil, die kühl e analytische Exekution des Notentextes aus. Nein, er sucht zu vermitteln, zwischen Kitsch und Wissenschaft, zwischen triefendem Schmalz und knöcherner Erbsenzählerei. Und das gelingt ihm mit dem SWR-Sinfonieorchester ziemlich gut.

Geschmeidig im Ton und flexibel in allen Dimensionen steht ihm von Anfang an und immer wieder die Vielfalt besonders hoch im Kurs: Viel Zeit lässt er dabei freilich weder sich noch Mahlers Musik. Und manchmal laufen auch einige Fäden ins Leere, lässt er die eine oder andere Masche fallen. Insgesamt aber gelingt ihm ein erstaunlich konzises Gewebe, das die Einheit der Vielheit zelebriert: Jede Idee, jede Harmonie mit sich selbst und der Welt, jeder Frieden und jede Erlösung sind in dieser Musik nur vorübergehend. Sie können zwar wieder erscheinen – aber niemals gleich. Stetig treibt der Dirigent sein Orchester nach vorn, drängt immer weiter, auf der Suche nach der nächsten Sensation und dem nächsten Glücksmoment. Und davon gibt es viele. Etwa der Augenblick, in dem die Trompetenfanfare des ersten Satzes vom Totenmarsch zur Elegie wird. Oder die Apotheose im Geschwindmarsch des Finales. Oder das bestens organisierte Chaos des Scherzos.

Auch zusammen mit dem Pianisten Nicholas Angelich in Robert Schumanns Klavierkonzert wurde zuvor schon einiges beglückendes geleistet. Denn auch hier verlieren sich weder Dirigent noch Solist im romantischen Sehnsuchtsbrei. Gerade Angelich befeuert das romantischste aller Klavierkonzerte mit strahlenden Ton sehr deutlich. Diese klare Brillanz, an manchen Stellen strategisch geschickt zurückgenommen, paart sich mit luzidem Orchesterklang und forschen Tempi zu einer sehr selbverständlich gelingenden Einheit. Selbstverständlich, dass die beiden dafür auch entsprechend gefeiert werden.

(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung)

Geschrieben von matthias

8. Juni 2010 um 21:11

Ausgegraben: Wilhelm Friedemann Bachs Kantaten

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- pünklich zu seinem 300. Geburtstag, sozusagen. Und der Bachchor Mainz hat sie nicht nur wunderschön aufgeführt, sondern auch für die CD und für’s Fernsehen (Arte/ZDF) aufgenommen. Das lief erstaunlich wenig störend – nur der Moderator, der im Hintergrund zwischendrin seine Ansagen aufgesagt hat, war ein bisserl nervig. Zumal er seltsames Zeug (soweit ich es verstanden habe) von sich gab – unter anderem tatsächlich mal wieder Zitate aus Albert Emil Brachvogels unsäglichem Roman „Friedemann Bach“.:

Noch wuseln überall schwarz gekleidete Männer herum und geben durch ihre Headsets letzte Anweisungen, das halbe Dutzend Kameras lauert noch in Wartestellung und fängt höchstens die erwartungsvoll angespannte Stimmung in der Augustinerkirche ein. Aber gleich wird Bewegung hineinkommen, wird die Fernsehkamera vorbei an den flackernden Kerzen der festlich erleuchteten Seminarkirche lautlos über das Publikum hinwegleiten, immer wieder vom Deckengemälde der Augustinerkirche vor zur Solistin und zum Dirigenten schweben und die Leuchter dabei jedesmal um Haaresbreite verfehlen.
Denn der Bachchor unter Ralf Otto hat wieder einmal etwas Besonderes auf die Beine gestellt: Lange in den Archiven vergessene Kantaten Wilhelm Friedemann Bachs, dem ältesten Sohn Johann Sebastians. Und so etwas will sich eben auch das Fernsehen nicht entgehen lassen: ZDF und Arte sind dabei, produzieren einen Konzertmitschnitt für die Weihnachtszeit. Und deshalb findet Weihnachten dieses Jahr im Juni statt. Und auch noch zeitgleich mit Himmelfahrt – den Schluss des Konzertes macht nämlich „Gott fähret auf mit Jauchzen“ – nachdem er wenige Momente zuvor erst geboren wurde.
Die ausdrückliche Bitte an das Konzertpublikum, trotz der sommerlichen Witterung in festlicher Abendgaderobe zu erscheinen, wäre nicht nötig gewesen: Petrus hat ein Auge daraf, dass es nicht zu warm wurde. In der Kirche selbst war es freilich angenehm mollig – die in jeder Nische postierten Scheinwerfer leuchten nicht nur die weit im Chor aufgestellten Musiker aus, sondern auch die Restkirche und Publikum. Und sorgen nebenbei für angenehme Temperaturen.
Aber lohnt sich der ganze Aufwand für neunzig Minuten vergessener Musik? Auf jeden Fall.
Denn Wilhelm Friedemann Bach hat tolle Werke hinterlassen, ganz ohne Frage. Er braucht dazu nicht einmal Chor, wie die eigentlich recht schlichte Sinfonia d-Moll beweist. Zumal Ralf Otto wieder einmal die vortreffliche „L‘arpa festante“ aus München verpflichtet hat, die auf authentischen Instrumenten mit beachtenswerter Präzision und erstaunlicher Empfindsamkeit eine hochemotionale Klangwelt herbeizaubern.
Auch sonst sparten alle Beteiligten weder an Herzblut noch an Genauigkeit. Und der vergleichsweise klein besetzte Bachchor singt scheinbar besonders mühelos, wechselt in einem Wimpernschlag von zarter Verzückung zu lauthals juchzendem Jubel. Auch die Solisten passen sich wunderbar ein: Nicht nur der samtige Tenor Georg Poplutz und der warme, stark tönende Alt von Gerhild Romberger, auch der weiche Sopran von Dorothee Mields fügt sich vorbildlich in den Gesamtklang ein. Und dann ist da natürlich noch der lässig-souveräne, zugleich hochkonzentriert und bis zur dramatischen Ekstase steigerungsfähige Bass von Klaus Mertens – ganz besonders großartig in der Arie „Rüstet euch, erboste Feinde“ aus der späten Weihnachtskantate „Ach, dass du den Himmel zerrissest“. Die war auch sonst ein Juwel – mit ihren starken Kontrasten zwischen Chor- und Solopartien, ihrer grundsätzlichen emotionalen Expressivität, die durchaus mal fast wie ein fetziger Schlager daherkommt. Überhaupt ist das ein Merkmal Wilhelm Friedemanns, das ihn recht deutlich von seinem Vater unterscheidet: Die Musik des Sohnes ist vielleicht formal und rhetorisch nicht immer so ausgetüftelt, dafür aber ungleich ausdrucksstärker und emotionaler. Und genau diese Expressivität kitzelt Otto zur Freude des Publikums immer wieder aus den verstaubten Noten. Nur die Kameramänner zeigen keine Begeisterung und verrichten ungerüht ihren Dienst.

(geschrieben für die Mainzer Rhein-Zeitung)

Geschrieben von matthias

3. Juni 2010 um 18:35

Der Nibelungensteig – ein sagenhafter Lauf

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Uns sind in alten Mären Wunder viel gesagt
von Helden, reich an Ehren, von Kühnheit unverzagt,
von Freude und Festlichkeiten, von Weinen und von Klagen,
von kühner Recken Streiten mögt ihr nun Wunder hören sagen

Nun, ganz so heldenhaft geht es hier und heute nicht (mehr) zu. Und auch nicht gnz so sagenhaft. Und noch eine weiter Einschränkung: Ich bin bei weitem auch nicht der Erste, der die Existenz des Wanderweges zum Anlass nimmt, das ganze oder Teile davon läuferisch zu bewältigen (z.B. Gerd, Matthias kürzlich und viele andere). Die meisten, die auf dem Nibelungensteig unterwegs sind, sind aber trotzdem Wanderer. Von denen hatte ich erstaunlich viele zu überholen bzw. zu begegnen.

Aber mal schön der Reihe nach: Angefangen hat es vor langer, langer Zeit, als Siegfried von Hagen erstochen wurde. Irgendwo im Odenwald, das ist ziemlich sicher, denn das war eines der Jagdgebiete der Nibelungen („Da ritten sie von dannen in einen tiefen Wald“). Und an einem Brunnen. Da hört die Sicherheit dann aber schon auf – welche Quelle das gewesen sein soll, darum streiten sich einige Orte. Das meiste Geschick (?) dabei hat wohl Gras-Ellenbach bewiesen, dessen Siegfried-Brunnen als „der“ Tatort gilt. Und da führt auch der Nibelungensteig hin. Allerdings nicht von Worms aus (was naheliegend und folgerichtig wäre), sondern von Zwingenberg an der Bergstraße aus. Zumindest letztes Jahr stimmte das auch noch. Inzwischen, seit diesem Frühjahr, ist das Ziel des Nibelungensteigs nciht mehr das Ende Siegfrieds, sondern Freudenberg am Main. das heißt, er ist von ungefähr 40 auf über 130 Kilometer Weg verlängert worden. Und der erweiterte Nibelungensteig führt dann auch schon in die Nähe von Erbach, nämlich an den Gemarkungsrand von Haisterbach.

Wie dem auch sei, jedenfalls spukte schon seit letztem Jahr die Idee in meinem Läuferkopf umher, diesen Wanderweg laufend kennenzulernen. Die Logistik ist aber etwas umständlich: Nach Zwingenberg kommt man zwar gut mit dem Zug. Aber in Gras-Ellenbach ist man dann zwar nicht ganz am Ende der Welt, aber zumindest am Wochenende faktisch fast außerhalb des Einzugsgebietes des ÖPNV – das wäre extrem kompliziert, langwierig und unpraktisch geworden. Zumal ich nach einem langen Lauf auch nur ungern noch ewig im Zug oder Bus sitze – ganz zu schweigen davon, wie das die Mitreisenden belästigen würde … Aber das ist ja mittlerweile Vergangenheit. Nur ist die zu laufende Strecke jetzt eben auch „etwas“ länger geworden: Die Planung sah ca. 64 sehr, sehr hügelige Kilometer von Zwingenberg nach Erbach vor. Keine ganz leichte Sache also, das war von vornherein klar.

Gestern war es dann endlich so weit: Nach dem Rheinsteig am Wochenende zuvor sollte nun der Nibelungensteig dran glauben. Wirklich ausreichend fit fühlte ich mich aber nicht so sehr. Doch verschieben wollte ich auch nicht – irgendwann muss man es ja einmal wagen. Noch am Samstag morgen, beim Aufwachen, beschlichen mich aber die Zweifel. Das führte dann dazu, dass ich eine Stunde später startete als eigentlich vorgsehen: Um 8:49 verließ ich Mainz, der Zug brachte mich zunächst nach Darmstadt, wo ich umstieg in Richtung Zwingenberg. Immerhin, das Wetter machte es mir leicht: Nicht übermäßig warm, aber größtenteils sonnig – wunderbar zum Laufen. Dabei hatte ich meine Hüfttasche mit 2,5 LIter Wasser, einigen Müsliriegeln, zwei nagelneuen Gels von Ultra-Sports, Handy, Geldbeutel und die klappernden Schlüssel.

Am Zwingenberger Bahnhof (bzw. Haltestelle …) sah ich auch gleich das notwendige Schild: Das große rote N auf weißem Grund, hier noch ergänzt mit dem aufmunternden Worten: „Hier geht’s los“. Und los ging es wirklich gleich: Nach wenigen hundert Metern durch den Ort nämlich gleich hinauf – durch die Weinberg in Richtung Melibokus. Das war gleich das Richtig zum Warmwerden – schön steile Wege ;-) Nicht so sehr allerdings für meine Waden – die beschwerten sich bald und machten erst einmal Schluss. Aber das kenne ich ja – wenn die Kerle nicht ordentlich aufgewärmt werden, fangen sie an zu mosern. Das gibt sich aber erfahrungsgemäß mit steigender Laufdauer. Jedenfalls ging es zunächst bergauf. Und zwar immer weiter. Die ersten Wanderer wurden überholt (und erschreckt), die zweiten und dritten und vierten auch bald. Inzwischen hatten sich meine Füße den Waden solidarisch erklärt und beschlossen einzuschlafen. Das wiederum war mir neu ;-). Aber inzwischen rückte der „Gipfel“ in greifbare Nähe: Also durchhalten, gleich sind wir oben. Die eingeschlafenen Füße konnte ich durch das Lockern der Schnürsenkel schnell aufwecken, die Waden brauchten noch ein wenig meh Zeit. Aber jetzt ging es, nach kurzer Verschnaufpause, erste einmal wieder hinab. Und zwar ziemlich geschwind. So geschwind, dass ich mri auf einmal nicht mehr sicher war, auf dem richtigen Weg zu sein. Das war aber glücklicherweise so (ist eigentlich auch schwer, sich auf dem Nibelungensteig zu verlaufen. Aber bergab rennend erfordert der unebene Grund mit seinen mannigfaltigen Stolperfallen eben viel Aufmerksamkeit, da verliert man die Markierung schnell mal aus dem Blick.) Viel zu schnell war ich wieder unten. Denn dann ging es eben wieder hoch – in RIchtung Felsberg. Der Anstieg dort hinauf war aber vergleichsweise gut zu laufen – ohne Wanderpause und ohne größer Probleme langte ich auch dort oben an. Da gab es allerdings keine vernünftig Belohnung. Denn der Weg hinunter führt durch das Felsenmeer bzw. an dessen Rand. Das heißt: Steil und stufig und eng. Ich versuchte mich als Gazelle, was allerdings nur mittelmäßig gelang – die Oberschenkel meldeten schon Anzeichen von Müdigkeit. Tempo bekommt man so natürlich keines auf die Uhr …

Unten angelangt, kam zur Erholung erst einmal der Weg durch Reichenbach – wunderbar glatte Teerstraßen und gepflasterte Bürgersteige. Am Ortsausgang rächte der Nibelungensteig sich dann mit einem supersteilen Anstieg – selbst der Traktor hinter mir kam nur sehr langsam näher. Oben ist dann ein kleiner Kletterfelsen. Aber wer das als oben ansah, hatte sich zu früh gefreut – der Weg auf den Krehberg (immerhin stolze 576 Meter hoch und damit die höchste Erhebung in diesen Gegenden) zog sich noch etwas hin. Aber immerhin war das nun nicht mehr so steil, sondern ganz gut laufbar. Hinter dem Krehberg ging es, natürlich, erst einmal wieder bergab. Und zwar ziemlich geschwind. Und dann halt wieder bergauf. Und so weiter, und so fort. Verdammt, der Odenwald ist in dieser Ecke noch hügeliger als im Mümlingtal. Aber – auch deshalb – eine wunderschöne Gegend. Zumindest auf dem Nibelungensteig kommt man sich sehr abgelegn fort – um die meisten Orte macht man einen mehr oder weniger großen Bogen, kann dafür ganz viel Wald und Wiesenlandschaften erleben. Einfach herrlich. Irgendwann kommt aber dann doch der nächste Ort. Zum Beispiel Lindenfels. Da hatte ich dann noch nicht einmal 30 Kilometer auf der Uhr, dafür aber überhaupt keine Lust mehr. Aber es hilft ja alles nichts: da muss der Läufer eben durch. Und nach einigen Kilometern wurde es auch weider besser. Zumindest die Motivation. Die Kraft blieb nämlich verschwunden – und sollte auch nicht mehr wiederkehren. Die vielen steilen Wege machten sich mittlerweile doch ziemlich bemerkbar – es sind ja nicht nur die Bergaufstücke, die ermüden – das geschwinde Bergablaufen auf den teilweise deftig steilen, ncoh dazu sehr „naturbelassenen“ Pfaden fordert ebenfalls nicht nur hohe Konzentration, sondern saugt auch erhebliche Kraftreserven aus den Oberschenkeln. Aber das gehört eben dazu, wenn man solche verrückten Sachen anstellen will …

An das nächste Stück habe ich gerade nicht mehr so viel Erinnerung … Irgendwann kommt dann das Gumpener Kreuz. Und dahinter wieder ein saftiger Anstieg, der (mal wieder) eine Wanderpause erforderte. So langsam wurden die Unterbrechungen – zum Wandern, aber auch zum Faulenzen auf einer der zahlreichen Bänke (und dem Genießen der Aussicht an diesem doch so schönen Tag) – zahlreicher. Und länger. Hinter diesem Anstieg streift der Steig das Ostertal und führt dann hinüber nach Weschnitz. Also schon fast nach Gras-Ellenbach. Tja, wenn das mal so einfach wäre. Denn den direkten Weg nimmt der Nibelungensteig bestimmt nicht, wenn es sich irgendwie einrichten lässt. Und, das merkte ich, obwohl meine Orientierung bei dem ewigen Hin und Her bald etwas getrübt war, es lässt sich sehr oft einrichten. Jedenfalls, hinter Weschnitz kommt erst ein Bogen durch den Wald, bevor es am Friedhof vorbeigeht (lecker, kaltes klares Wasser!) und – natürlich – wieder den Berg hoch. Diesmal zur Walburgiskapelle – wieder so ein Anstieg, der eigentlich nicht so wahnsinnig schlimm ist – in vielen Kehren führt es den Hang hinauf – mit meinen müden Beinen aber nicht mehr vernünftig zu laufen war. Hinter der Kapelle führt der Weg dann aber doch so langsam in Richtung Gras-Ellenbach. Vorbei an dessem „Außenposten“, dem Café Bauer, gibt es noch eine kleine Ehrenrunde – wo ich mich tatsächlich einmal verlief, weil ich nicht richtig auf die Markierung geschaut habe – bevor man den kleinen, aber sehr betriebsamen Ort (Samstag Nachmittag: lauter Blechbüchsenfahrer, die sich hier die Mägen vollschlugen) erreicht. Immerhin, jetzt ist es gleich geschafft – der Siegfriedsbrunnen rückt in die Nähe. Davor steht aber noch einmal ein total irrer Weg. Zumindest kam mir der inzwischen so vor: Wie mit dem Lineal gezogen führt er vom Ortsrand einfach geradeaus zum Wasser – aber schön kräftig nach oben. Ok, also wieder einmal Wanderpause ;-)

Die Siegfriedquelle war dann sehr enttäuschend – weil fast kein Wasser floss. Irgendwie hatte ich ein Bild im Kopf, auf dem es recht kräftig sprudelte. Schließlich heißt es im Nibelungenlied:

Kühl war der Brunnen, lauter und gut.
Da legte sich Gunther nieder an die Flut;
mit dem Mund as Wasser des Baches trank er nun.
Sie dachten, daß auch Sigfrid nach im dasselbe würde tun.

Seine Zucht entgalt er. Den Bogen und das Schwert
trug beiseite Hagen von dem Degen wert.
Dann lief zurück er wieder, wo den Ger er fand.
Er sah nach dem Kreuze an des Königs Gewand.

Da der kühne Sigfrid aus der Quelle trank,
war er den Ger durch das Kreuzlein, daß aus der Wunde sprang
das BLut vons einem Herzen bis an Hagens Hemd.
Solche schwere Untat ist jdem andern Degen fremd.

Damit hatte ich nämlich gerechnet – meine Trinkblase war fast leer und sollte hier aufgefüllt werden. Tja, das war jetzt nicht so optimal. Im Ort unten hätte ich das an einem Brunnen auch machen können. Aber nocheinmal da hinunter? Jetzt nicht mehr … Also musste eine Erholungspause an dem kontrafaktisch idyllischen Ort reichen, bevor es weiter ging. Immerhin lauerte mir kein Untreuer mir Mordabsichten auf. Ich zumindest hätte nicht die Kraft wie Sigfrid gehabt, den noch zu verfolgen … Jetzt kam sozusagen die Kür – der weitere Weg ins Mümlingtal. Der hatte noch einige Überraschungen bereit. Und vor allem eine Wegführung, die mir immer öfter sehr umständlich erschien – aber vielleicht war das auch nur meine Erschöpfung. Zunächst kam aber noch eines der schönsten Stücke, der Weg am Rand des Naturschutzgebietes „Rotes Wasser“ oberhalb von Olfen. Da traf ich tatsächlich noch jemand auf dem Weg – der war gerade mit Markierungsarbeiten beschäftigt. Dabei trug dort schon gefühlt jeder zweite Baum eine rotes N – und es gab eigentlich nur diesen, offenbar frisch angelegten Pfad hier, keine Abzweigung weit und breit. Die gab es erst knapp vor Olfen. Und da fand ich den richtigen Weg überhaupt nicht – jenseits der Kreuzung war auf keinem der Wege ein N zu finden. Also habe ich improvisiert und bin erst einmal hinunter nach Olfen. Von dort ging ich dann über die Straße in Richtung Güttersbach – irgendwo da musste, wenn ich mich richtig erinnerte, der Nibelungensteig kreuzen. Und zur Not wäre ich immerhin in bekanntes Gebiet vorgedrungen ;-). Aber tatsächlich, kurz hinter der Olfener Höhe tauchte das magische N wieder auf. Und führte mich nun, tendenziell auf breiten Waldwirtschaftswegen, mit einigem Hin und Her zum Marbach-Stausee. Und dorthin machte der Nibelungensteig wirklich die verrücktesten Wege – immer wenn ich dachte zu wissen, wo es weiterging, führte er mich noch einen Extraschlenker. Inzwischen war ich aber nicht mehr so fit, mich auf meinen Orientierungssinn zu verlassen, und folgte deshalb brav den Markierungen. Am See wartete immerhin frisches Wasser auf mich – das war auch nötig, ich lief jetzt schon einige Kilometer auf dem Trockenen. Oberhalb des Sees kann man sehr schön am Meisenbach Wasser tanken – gleichzeitig auch mal wieder Gelegenheit für eine Rast. Hier probierte ich dann auch mal eines der Wundergels von Ultra-Sports – das ekligste Zeug, das ich je im Mund hatte. Zumindest geschmacklich. Mit viel Wasser (wie es sich gehört) konnte ich es aber runterspülen – auf die Wirkung habe ich aber vergebens gewartet, das war wohl doch ein wenig spät … Inzwischen waren die sanftesten Anstiege Grund für eine Gehpause. Und die durfte sich auch mal auf ebene Teile des Weges ausbreiten …

Immerhin, inzwischen war ich mir sicher, dass ich es (irgendwie) nach Hause schaffen würde – zur Not eben gehend. Ganz so schlimm wurde es nicht, aber einige Gehpausen streute ich doch noch ein. Vom Marbachsee ging es noch auf dem Nibelungensteig bis kurz vor Haisterbach – dort knickt der Nibelungensteig ab, führt zurück nach Ebersberg und von dort aus weiter über Bullau-Gebhardtshütte nach Schöllenbach und dann in Richtung Main. Da wollte ich heute aber nicht hin. Deshalb bin ich einfach durch Haisterbach nach Günterfürst, von dort hinab nach Lauerbach (brutal, jetzt noch einmal so einen richtigen Steilhang hinab) und an der Bundesstraße nach Erbach – und nach Hause. Lang genug war ich jetzt ja unterwegs – so lange, wie noch nie. Selbst der Rennsteig war schneller erledigt (und mit mehr Kilometern, aber weniger Höhenmeter)

Die Daten: Gelaufen bin ich ca. 56 km in 5h 55 min, die Strecke hat eine Länge von mindestens 66 Kilometer (die Differenz bin ich logischerweise gewandert). Höhenmeter hat’s da einige: 2200 hoch und 2100 runter. Insgesamt, mit allen Pausen und so, war ich dann ziemlich genau neun Stunden auf den Beinen. Die Übersicht gibt’s hier bei runsaturday. Allerdings mit Ungenauigkeiten, weil ich die Wanderpausen ausgestoppt habe. Aber dort gibt es auch ein Höhendiagramm.

Nun, was folgt aus diesem Wahnsinn? Zunächst einmal das feste Vorhaben, das das nicht der letzte Besuch auf dem Nibelungensteig war. Die gesamte Länge muss nicht unbedingt sein, mit etwas besserer Form wäre das aber auch machbar. Vor allem aber der Entschluss, der sich schon vorher andeutete: Für die 100 Kilometer in Ulm reicht mir das im Moment nicht. Die würde ich zwar wohl auch irgendwie schaffen, aber mit zuviel Schmerzen und zuviel Gehanteil wahrscheinlich. Und deshalb werde ich mein 100-Kilometer-Debüt erst einmal verschieben. Es zeigt sich doch, dass die fehlenden langen Läufe des Frühjahrs nicht zu ersetzen sind (auch so eine Läuferbinsenweisheit, die man aber erst glaubt, wenn man sie selbst erlebt hat). Und das nächste Mal weiß ich Bescheid, wo ich Wasser fassen kann. Und wo nicht. Aber trotzdem, obwohl es teilweise quälend und durchweg sehr anstrengend war (abends dachte ich, mir fehlt ein Zentimeter Muskel in den Waden …): Das ist ein toller Weg, der Nibelungensteig. Vor allem der „ursprüngliche“ Teil, von Zwingenberg bis zur Siegfriedsquelle. Danach werden die Wege tendenziell doch – wie ich es aus dem Odenwaldkreis auch kenne – breit und eher langweilig. Dazu passt auch, dass da niemand mehr unterwegs war (wirklich niemand: Anfangs begegneten mir immer wieder Wanderer, fast immer in kleinen Gruppen. Hinter Gras-Ellenbach niemand (!) mehr.).
Ach ja, Fotos habe ich keine gemacht – wie so oft vergaß ich den Apparat in Mainz. Dabei hatte ich es mir so fest vorgenommen …

Als sie von dannen wollten zu der Linde breit,
also da sprach Hagen: „Mir ist gesagt allzeit,
daß niemand folgen könne der Kriemhilde Mann,
wenn er laufen wolle; hei, könnten wir das schauen an!“

Da sprach von Niederlanden der schnelle Sigfried:
„Ihr könntes ja versuchen, willt Ihr laufen mit
um die Wette nach dem Brunnen. Ist dieses geschehn,
so sei der Sieger, den man dort sieht als ersten stehn.“

Geschrieben von matthias

30. Mai 2010 um 20:56

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Strenge Lebendigkeit: Mozart und Haydn im Staatstheater

1 Kommentar

Schon wieder ein sehr schönes, gelunges Sinfoniekonzert … (ich habe schon lange keinen Verriss mehr schreiben müssen/können/dürfen …)
also:

Ob er auch mal gelacht hat? Auf den überlieferten Bildern schaut er jedenfalls immer recht streng, der Papa Haydn. Ganz so schlimm kann es aber nicht gewesen sein, denn seine Musik kennt durchaus Witz und Komik. Und vor allem das Spiel mit den Erwartungen seiner Hörer, das Experiment in Formen und Klängen. Ganz viel von diesem Forscherdrang lässt sich in einer seiner bekanntesten Sinfonien, der 103. „Mit dem Paukenwirbel“ beobachten. Vor allem, wenn man sie so aufführt wie das der Dirigent Andreas Spering beim achten Sinfoniekonzert im Theater mit dem Philharmonischen Staatsorchester machte.

Denn bei ihm steht die Deutlichkeit und die Schärfe der Kontraste ganz oben. Aber er zeigt sie nicht als akademische Analyseübung, sondern als Bild des Lebens gewissermaßen – denn nicht nur die formalen Besonderheiten werden von Spering hervorgekitzelt, auch die vitale Seite der Symphonie, ihre lebensfrohe Heiterkeit betont er ganz besonders. Selbst die Dies-Irae-Anklänge des ersten Satzes verlieren vor dieser Kulisse ihre Bedrohlichkeit vollkommen. Und weil er auch weiterhin jeder Verästelung gewissenhaft folgt, mit ganzem Herzen und voller Überzeugung jede Skurilität und Befremdlichkeit genüßlich auskostet, bleibt selbst diese bekannte Sinfonie spannend bis wirklich zum letzten Ton.

Die herausragende Strenge und Konzentration, die das Philharmonische Staatsorchester auch exakt und klangfreudig umsetzte, bestimmte schon Mozarts d-Moll-Klavierkonzert. Spering und der Solist, Evgeni Koroliov, harmonierten nämlich wunderbar in ihrer Darstellung: Nicht nur die Abkehr von jeder Gefühlsduselei, auch ihre Bemühung um Klarheit, Verständlichkeit und Lebendigkeit einte sie. Koroliov, mit hellem Ton und präziser Akzentuierung, spielt das d-Moll-Konzert als Studie der Nachdenklichkeit und der Vernunft – deren Helligkeit, das Licht der Aufklärung, wurde so etwas wie Leitidee ihrer Interpretation. Ein Diamant – voller präzisem Feuer.
Klarheit ist das gemeinsame Ziel von Pianist und Dirigent. Aber nicht als Wissenschaftler, sondern als Musiker – als lebendige Menschen, als Liebhaber der Musik mit voller Hingabe. So entwickeln sie auch die Dynamik und die Spannung des Mozartschen Spätwerks ganz organisch. Und mit dieser Kombination interpretatorischer Tugend, dem verständigen und liebevollen Spiel, erklingt auch das Bekannte wieder ganz neu und spannend wie nie zuvor.

(geschrieben für die Mainzer Rhein-Zeitung)

Geschrieben von matthias

25. Mai 2010 um 17:30

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