YouTube hat das Beatboxen revolutioniert“

Raue Indus­trie­klänge mischen sich hier mit feins­ten Har­mo­nien — der Vocal Jazz Sum­mit in der Main­zer Phö­nix­halle bringt reine Töne in eine eher unge­müt­li­che Gegend. Aber die Sän­ger und Fans sind ja nicht gekom­men, die Aus­sicht zu bestau­nen. Son­dern zu arbei­ten, zu ler­nen und vor allem ganz viel Vocal Jazz zu hören. In allen Facetten.

Mit­ten­drin in dem Gewu­sel schlen­dert Tobias Hug gelas­sen vom Stu­dio­raum zur Kaf­fee­theke, vom Foyer auf die große Bühne. Der auf den ers­ten Blick unschein­bare, zurück­hal­tende Bass der Swingle Sin­gers ist eine der zen­tra­len Figu­ren des Sum­mits, der nach der Pre­miere 2005 zum zwei­ten Mal in Mainz stattfindet.

Hug, immer eine schi­cke Kappe auf dem kah­len Kopf, hat seine Arbeit näm­lich schon vor dem eigent­li­chen Beginn ange­fan­gen. Drei Tage hat er mit drei Kol­le­gen und 28 Lern­wil­li­gen die Mas­ter­class „Beat­box and Beyond“ in der Main­zer Hoch­schule für Musik auf die Beine gestellt.

Es war unge­heuer inten­siv. Und es hat wahn­sin­nig viel Spaß gemacht. Wir hat­ten eine ganz starke Eigen­dy­na­mik, die Gruppe hat sich ganz schnell zusam­men­ge­fun­den. Und was uns beson­de­ren Spaß gemacht hat: Wir haben noch nicht zusam­men gear­bei­tet, das war auch für uns ein neues Kon­zept.“ Wir, das sind die vier Dozen­ten: Neben Hug sein Bass-Kollege bei den Swingle Sin­gers, Kevin Fox, dazu der bel­gi­sche Beat­bo­xer und Vize-Weltmeister Rox­or­Loops und der Fran­zose Jérôme Col­l­oud, ein Akro­bat nicht nur der Stimme.

Erst­mals haben wir hier mit Dozen­ten aus ver­schie­dene Rich­tun­gen gear­bei­tet“, erzählt Hug: „Hip-Hop, Vocal-Jazz, Thea­ter: die ver­schie­dens­ten Impro­vi­sa­ti­ons­tech­ni­ken waren hier ver­tre­ten. Und natür­lich spielte das Beat­bo­xen eine beson­dere Rolle, aber wir haben auch viel mit ande­ren Impro­vi­sa­ti­ons­mo­del­len gear­bei­tet, mit cir­cle songs oder Tech­ni­ken aus der Thea­terim­pro­vi­sa­tion. Unser Ziel war immer, abwechs­lungs­reich zu blei­ben und doch zu etwas Gemein­sa­men zu kommen.“

Die Mas­ter­class lebte auch von ihrer bun­ten Zusam­men­set­zung — von Hip-Hop-Kids bis zu gestan­de­nen Chor­lei­tern und Musik­leh­rern war so ziem­lich alles ver­tre­ten. Und alle waren nicht nur musi­ka­lisch neu­gie­rig und offen: „Wir haben unge­heuer viel zurück­be­kom­men von den Teil­neh­mern, die haben sich gut mit­ein­an­der ver­stan­den. Und die Expe­ri­men­tier­freude hat uns immer wie­der über­rascht. Vor allem aber die gro­ßen Ent­wick­lun­gen in die­sen drei Tagen, wie wirk­lich alle sehr bald ihre Hem­mun­gen fal­len gelas­sen haben – das war wirk­lich toll. Denn am Anfang ist man natür­lich scheu, es klingt ja auch etwas albern zunächst, wenn man es noch nie gemacht hat – aber in der Mas­ter­class haben alle diese Scheu abge­legt.“ Das Abschluss­kon­zert, zugleich offi­zi­el­ler Beginn des eigent­li­chen Sum­mits, war zwar fast eine reine Insider-Sache, konnte den Enthu­si­as­mus Tobias Hugs aber gut bele­gen: Die Dozen­ten tra­ten kaum mehr in Erschei­nung, die Gruppe steu­erte sich selbst durch ver­schie­dene Impro­vi­sa­tio­nen, in Grup­pen und solis­tisch, im Cir­cle Song und dem Hip-Hop-Break.

Aber wie kommt man als Schul­mu­sik­stu­dent in Tros­sin­gen über­haupt zu den Swingle Sin­gers? Und zum Beatboxen?

Ich habe in einer a-cappella-Gruppe gesun­gen, die sich aus dem Jazz­chor Frei­burg ent­wi­ckelt hat. Da war ich Bass und habe ange­fan­gen, gleich­zei­tig Beats zum Bass dazu zu machen. Dann hat mich das so inter­es­siert und fas­zi­niert, das ich nach allem gesucht habe, was ich irgend­wie fin­den konnte und habe einen Beatbox-Workshop in Öster­reich mit­ge­macht. Gleich­zei­tig war dort auch ein Swingle-Singers-Workshop. Da habe ich die Swingle Sin­gers ken­nen gelernt und gemeint, wenn ihr mal einen Bass braucht, mel­det euch. Damals stu­dierte ich noch Schul­mu­sik in Tros­sin­gen. Sechs Monate spä­ter hatte ich – am Tag mei­ner Zwi­schen­prü­fung – das erste Vor­sin­gen in London …“

Seit 2001 ist er jetzt Bass bei dem wohl dienst­äl­tes­ten Vocal-Jazz-Ensemble der Welt. Und inzwi­schen auch künst­le­ri­scher Lei­ter des Ensembles.

Über­haupt hat er schon viel gemacht – Anthro­po­lo­gie stu­diert, Geschäfts­mann mit eige­nem Unter­neh­men zum Import von Com­pu­ter­tei­len gewe­sen, als Koch gear­bei­tet – und dann doch der Ent­schluss: „Ich muss es mit der Musik pro­bie­ren. Wenn es nicht klappt – okay. Aber bis­her läuft es ganz gut. Es kann also gut sein, dass das deut­sche Beam­ten­tum mich für immer ver­lo­ren hat.“

Inzwi­schen ist er trotz­dem eine Art Leh­rer gewor­den. Denn immer öfter lässt er andere, junge Sän­ger und Ensem­bles an sei­nem rei­chen Erfah­rungs­schatz teil­ha­ben – da geht es längst nicht nur um das Beat­bo­xen, son­dern auch um klas­si­sche Ensem­ble­tech­ni­ken oder ver­schie­dene Metho­den des Ober­ton­ge­sangs. Auch das ist typisch für Tobias Hug: „Ich habe halt schon immer, von Kin­des­bei­nen an, ganz viel mit der Stimme ein­fach expe­ri­men­tiert und rum­ge­spielt.“ Gren­zen gibt es da kaum noch.

YouTube hat das Beat­bo­xen wirk­lich revo­lu­tio­niert: Zum Einen kennt jetzt fast jeder Beat­bo­xen. Dann hat es das Beat­bo­xen auch in den Main­stream geschafft – Björk, Jus­tin Tim­ber­lake, DSDS – über­all fin­det man sie jetzt.“ Er selbst hat noch ohne das hilf­rei­che Internet-Videoportal gelernt – mit einer ame­ri­ka­ni­schen VHS-Kassette und vie­len direk­ten Kon­tak­ten zu Beat­bo­xern. Aber Tobias Hug ist doch immer noch in ers­ter Linie Bass, kein rei­ner Stimma­kro­bat: „Das Inter­es­sante beim Beat­bo­xen ist dann eigent­lich, es nicht nur als so ein Gim­mick zu benut­zen, als etwas Wit­zi­ges, als Par­ty­trick, son­dern wirk­lich Musik damit zu machen, das Beat­bo­xen also auch musi­ka­lisch wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Oder es ver­nünf­tig in ein Ensem­ble ein­zu­bauen. Das sind zwei völ­lig ver­schie­dene Dis­zi­pli­nen, das Solo-Beatboxing im Hip-Hop-Style mit sei­nen Batt­les und Shows und die Vocal Per­cus­sion in einem a-cappella-Ensemble. Und da habe ich ein­fach viel Erfah­rung, wie man Vokal-Schlagzeuger ist in einer Band.“

Schließ­lich ist er ja inzwi­schen seit acht Jah­ren die eine Hälfte des tie­fen Vier­tels der Swingle Sin­gers. Was unter­schei­det die Arbeit in einer sol­chen Gruppe also vom Solisten?

Die Tech­nik ist schon die­selbe, aber viel stär­ker zurück­ge­nom­men: Man macht einen Groove, viel­leicht noch ein paar Varia­tio­nen, wäh­rend der Solo-Beatboxer viel stär­ker mit elek­tro­ni­schen Soun­di­mi­ta­tio­nen aus allen Berei­chen der Musik arbei­ten wird. Vokal­schlag­zeu­ger benutzt dann oft wirk­lich nur die vier, fünf Klänge des Schlag­zeugs – mehr nicht.“

Und die sind in ihren Grund­zü­gen schnell gelernt: In meh­re­ren Work­shops gaben die Masterclass-Dozenten beim Vocal Jazz Sum­mit noch ein­mal eine ganz kurze Ein­füh­rung in das Beat­bo­xing für alle: Den Auf­bau der Groo­ves aus den ein­zel­nen Instru­ment des Schlag­zeugs, das bewusste Kom­bi­nie­ren von Bass Drum, Snare, Hi-Hat und Toms nicht nur so, dass es groovt, son­der auch so, dass genü­gend Luft zum Durch­hal­ten bleibt. Und dann muss man nur noch üben – die Grund­la­gen sind nicht schwer.

Aber natür­lich bot auch der Vocal Jazz Sum­mit mehr als reine Vocal Per­cus­sion. Sehr viel mehr sogar. Neben den gro­ßen Kon­zer­ten mit Top Acts aus der gan­zen Welt — den Swingle Sin­gers, The Real Group, Man­hat­tan Trans­fer — eine Menge (noch) nicht so berühm­ter Ensem­bles, Nach­wuchs­grup­pen aus ganz Europa – nicht unbe­dingt viel schlech­ter, wenn über­haupt. Für jede Menge Abwechs­lung im Stil und Reper­toire, für Grup­pen von solis­ti­schen Ensem­bles bis zur voka­len Big Band war so gesorgt. Eine Menge Anre­gun­gen also, diese inter­na­tio­nale Leis­tungs­schau des Vocal Jazz, eine Menge Stoff für die Ohren – danach braucht man erst ein­mal Pause.

Die gab’s aber nicht. Denn selbst zwi­schen Nach­mit­tags– und Abend­kon­zert, zwi­schen mor­gend­li­chem Work­shop und mit­täg­li­chem Coa­ching ist da ja auch noch das zen­trale Zelt vor der Phö­nix­halle, wo sich alle Welt wie­der trifft, um beim Kaf­fee wei­ter zu machen, das Gehörte zu dis­ku­tie­ren und Kon­takte zu knüp­fen. Und dann waren da ja auch noch die Work­shops — eher theo­re­ti­sches zum Pro­ben, Arran­gie­ren und Diri­gie­ren von Vocal Jazz-Sätzen mit Ste­phen Zegree oder Bertrand Grö­ger (der seine Loop-Songs auch in den abend­li­chen Kon­zer­ten mit dem Publi­kum zele­brierte) und ande­ren oder etwa eine Ein­füh­rung in die Arran­ge­ments Gene Puer­lings von Jesper Holm. Die Teil­neh­mer waren dafür teil­weise weit ange­reist – aus ganz Deutsch­land sowieso, aus den Nie­der­lan­den, Bel­gien, der Schweiz. Und auch aus dem Iran: Das Tehe­ran Vocal Ensem­ble, gerade in Europa auf ver­schie­de­nen Fes­ti­vals unter­wegs, nutzte die Chance, sich in einem der ange­bo­te­nen Coa­chings durch die Real Group und die Swingle Sin­gers noch einen Fein­schliff beim gro­ßen Vor­bild aus Eng­land abzu­ho­len. Mehdi Abtahi war ganz begeis­tert: „Die haben diese Art der Musik bei uns über­haupt erst bekannt gemacht. Und jetzt konn­ten wir von ihnen ler­nen – das war sehr hilf­reich und hat uns gro­ßen Spaß gemacht.“

Das Niveau war nicht nur in den Kon­zer­ten hoch – auch in den Coa­chings offen­bar­ten so einige Ama­teur­grup­pen pro­fes­sio­nel­les Kön­nen. Tobias Hug beob­ach­tet das auch von Lon­don aus: „Ich sehe, dass sich in den letz­ten fünf, sechs Jah­ren hier viel getan hat, dass viele Grup­pen nicht nur den Schritt in die Pro­fes­sio­na­li­tät geschafft haben, son­dern rich­tige Stars sind.“ Und dass die Ent­wick­lung auch in die Breite geht: „Die Leute wol­len eben sin­gen – und a-cappella ist unschlag­bar, vor allem im Live-Kontext: Die Stimme ist das Unmit­tel­barste über­haupt um mit dem Publi­kum in Kon­takt tre­ten. Die Men­schen wol­len sin­gen, aber nicht mehr im Kir­chen­chor – da ent­wi­ckeln sich eben Jazz-, Pop– und Gos­pel­chöre. Viel­leicht hängt das auch mit dem Beat­bo­xen zusam­men. Aber a-cappella war schon immer cool. Nur haben’s die Leute noch nicht gewusst. Und jetzt mer­ken sie es.“ Und damit ver­ab­schie­det sich Tobias Hug. Er hat noch viel vor – ein wei­te­rer Work­shop war­tet, dann der Sound­check und das große Kon­zert der Swingle Singers.

(geschrie­ben für die neue chor­zeit)