Das Programm ist typisch für ein Konzert, das sich ausschließlicher Alter Musik widmet: Wer schon einmal die Namen von mehr als drei Komponisten gehört hat, darf sich Kenner nennen – und wem alle vierzehn Tonsetzer bekannt sind, der ist bestimmt ein heimlicher Spezialist für die Entwicklung des Lautenlieds um 1600. Denn genau das ist es, was die englische Sopranistin Emma Kirkby und der schwedische Lautenist Jakob Lindberg in der Augustinerkirche präsentieren.
Aber das macht überhaupt nichts, dass man bei weitem nicht alles kennt. Und das die Komponisten ständig wechseln, bringt vor allem viel Abwechslung und Bewegung in den Abend. Denn thematisch geht es in allen Liedern immer wieder um das selbe: Die Liebe. Und da hat sich in den letzten vierhundert Jahren wenig geändert. Man singt heute wohl keine Lieder der Angebeteten mehr, schon gar nicht mit Lautenbegleitung. Aber Zurückweisung und Erfüllung, Glückendes Werben und Scheitern immer noch nahe beieinander.
Aber diese Fülle verschiedenartiger Musik aus Frankreich, England, Italien und Deutschland bleibt nicht nur ein loser Haufen diverser Puzzlestücke. Das weiß Emma Kirkby schon zu verhindern – nicht umsonst betreibt sie das Geschäft schon einige Jahrzehnte. Ihre unvergleichliche Souveränität hilft ihr dabei enorm. Nicht nur stimmlich ist sie sehr präsent, auch wenn sie nicht mehr so hell strahlt wie früher, auch in der Interaktion mit ihrem Publikum. So ergibt sich also eine entspannte Geselligkeit mit rundum weltlicher Musik in Kirche. Entspannt ist das, trotz der großen Konzentration, weil Kirkby als detailversessene Sängerin genau weiß, was sie tun muss und wie, um den Liedern noch einmal Leben einzuhauchen: Sanft und geschmeidig schmeichelt sie verführerisch, kann aber auch – wo es der Effekt verlangt — kräftig werden. Am besten und überzeugendsten ist sie aber in den leisen Tönen, im Klagen und Sehnen, in den zart aushauchenden Enden der kurzen, oft sehr schlichten Lieder.
Jakob Lindberg bleibt dabei als Begleiter ziemlich zurückhaltend – aber die meisten Lieder geben ihm auch recht wenig Gelegenheit, seine Fähigkeiten voll auszuspielen. Dass kann er mit einigen Soli von John Dowland, einer wunderbaren Passacaglia von Alessandro Piccinini und vor allem mit den von ihm selbst bearbeiteten sieben kleinen Lautenstücken von Henry Purcell umso besser
Warm tönend, scheut er polyphone Strukturen genauso wenig wie swingende Melodien – und überbrückt die zeitliche Differenz damit genauso problemlos und selbstverständlich wie Emma Kirkby mit ihrem Gesang.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)