Das Leben, das Universum und der ganze Rest – darum geht es in Gustav Mahlers zweiter Sinfonie. Er selbst stellte sie in seinem Versuch, das Programm dieser Sinfonie für sein Publikum in Worte zu fassen, unter die Frage „Was ist dieses Leben – und dieser Tod?“
Mahlers Zweite wird gerne Auferstehungssinfonie genannt – wegen der Texte von Mahler und Klopstock, die im fünften Satz von Chor und Soli gesungen werden. Lebenssinfonie wäre aber viel passender, denn es geht wirklich um alles, das Leben, den Tod, die Auferstehung, die Ewigkeit, vor allem aber um den Sinn des menschlichen Lebens – Fragen, die vielleicht wirklich am besten in der Musik zu stellen sind und die sich in der sprachlosen Kunst der Tonsetzer wenn nicht beantworten, so doch wenigstens er– und mitfühlen lassen.
Um alles oder nichts geht es auch für jeden Dirigenten dieser alles umfassenden Sinfonie.
Paaro Järvi lässt sich von so etwas offenbar aber nicht einschüchtern: Beim Eröffnungskonzert des Rheingau-Musik-Festival in der Basilika des Kloster Eberbach gelang ihm mit seinem Orchester, dem hr-Sinfonieorchester, so ziemlich alles. Er hat freilich auch gute Voraussetzungen: Das Orchester ist fähig, keine Frage, und auch Mahlererfahren genug für so eine Aufführung, die immerhin auch noch live im Radio übertragen und vom Fernsehen aufgezeichnet wurde. Das gegenseitige Vertrauen ist hörbar auch vorhanden: Die Frankfurter Musiker folgen ihrem Chef willig und mit Überzeugung. Auch die Chöre – der Bayrische und der Norddeutsche Rundfunk halfen hier mit vokaler Unterstützung aus – und die beiden Solistinnen, Camilla Tilling und Lilli Paasikiv, fügen sich wunderbar und bruchlos ins große Ganze.
Letztlich hängt aber doch immer wieder alles an einer Person, am Dirigenten. Järvi ließ von Anfang an keine Zweifel aufkommen, dass er alles, sich selbst und die Musiker genauso wie die Partitur, fest im Griff hat.
Schon der markige Einstieg in den ersten, die Sinnfrage gleich ganz unvermittel aufwerfenden Satz lässt er nicht nur fühlbar, sondern fast greifbar werden: Der Orchesterklang ist geradezu unheimlich genau definiert und präsent. Und das hält er dann tatsächlich knapp 90 Minuten durch – mit einer wahnsinnigen Konzentration und verblüffenden Stringenz. Ob im überschießend vitalen Lebenstaumel des ersten Satzes oder den abgründigen, mehrfach gebrochenen und reflektierten Tänzen des zweiten Satzes oder schließlich den grandiosen Fast-Apotheose des Finales: Järvi konzentriert sich ganz bestimmt auf das Wesentliche, auf den Kern von Mahlers Musik – ohne ihr irgend etwas aufzudrängen. Das ist dann vielleicht keine endgültige Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Aber zumindest eine Utopie des Glücks steckt da doch drin.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung)