sylvie courvoisier: lonelyville

lonely­ville heißt das neu­este album der schwei­zer pia­nis­tin syl­vie cour­voi­ser. aber ein­sam ist es über­haupt nicht. im gegen­teil, diese cd ist geprägt von einer unheim­lich durch­drin­gen­den kom­mu­ni­ka­tion des quin­tetts. lau­ter aus­ge­spro­chen viel­sei­tige, klangphantasie-begabte musi­ker sind betei­ligt: syl­vie cour­voi­sier natür­lich, mark feld­man mit vio­line auch so ein urge­stein und über­flie­ger, der irgend­wie alles kann. dann ist noch dabei und auf die­ser auf­nahme ganz und gar unver­zicht­bar: ikue mori mit ver­hal­te­nen elec­tro­nics, die lücken per­fekt aus­fül­len und über­lei­tun­gen gene­rie­ren wie kaum sonst jemand. außer­dem noch gerald clea­ver am schlag­zeug, der bleibt auf­fal­lend zurück­hal­tend — lange pas­sa­gen des schwei­gens, dann sehr zart und leise spie­le­risch tum­melnd. und schließ­lich noch der cel­list vin­cent cour­tois, der das gan­ze­als bin­de­glied zwi­schen vio­line und schlag­werk, grun­die­rend, ohne im bass-keller zu ver­schwin­den, auch ein­grei­fend, nicht nur fun­da­mente bau­end, ergänzt.

der erste track, „tex­tu­ro­lo­gie” beginnt mit einem lang­sa­men ein­schlei­chen und scheint sehr weit­ge­hend kom­po­niert. ein ele­gi­sches violin-solo mit leich­ten piano-einwürfen mar­kiert den ers­ten teil. aber dann legen die fünf so rich­tig los: sie über­wäl­ti­gen den hörer, ohne ihn zu über­fah­ren — die klar­heit der gedan­ken ist fas­zi­nie­rend. und der walter-quintus-einfluss ist nicht zu über­hö­ren in die­ser trans­pa­renz des klang­ge­sche­hens. wun­der­bar ist auch die inte­gra­tion der elec­tro­nics von ikue mori — sel­ten so per­fekt ein­ge­passt erlebt, als so wun­der­bare atmo­sphä­ri­sche ergän­zung (leich­tes zwit­schern und plät­schern, das nie belang­los und gedan­ken­los abge­spult daher­kommt, son­dern gerade in sei­ner feins­ten, dafür ganz unauf­fäl­li­gen gestal­tung über­zeugt). diese musik lebt von reduk­tion und vom wech­sel: nicht immer alle drauf­los, son­dern sehr leben­dige gestal­tung durch wech­selnde beset­zun­gen — faszinierend.

der track 2 mit dem titel „cosmo­rama” ist wie­der ein stark kom­po­niert auf­tre­ten­der, sehr ver­dich­te­ter beginn, der sich nur sehr lang­sam auf­löst in rich­tung der mehr swin­gen­den bewe­gung, die hier stär­ker bestimm­tend ist als die atmo­sphä­ri­sche nach­denk­li­che aus­lo­tung des ers­ten tracks. aber auch hier die auf­lö­sung so weit getrie­ben, dass irgend­wann die her­kunft der klänge voll­kom­men ver­schlei­ert wird: ist das im kla­vier, auf der geige, dem cello oder doch elek­tro­nisch ent­stan­den? aber genau das ist ja voll­kom­men egal — es passt ein­fach perfekt.

der dritte track, „con­traste 2005″, zeigt sich dann viel stär­ker frag­men­tiert, stark epi­so­disch struk­tu­riert, aber mit ganz gro­ßemn finale.

lonely­ville” schließ­lich, mit abstand das kür­zeste stück, ver­dich­tet das ein wei­te­res mal. dump­fes grol­len und zwit­schern­des gefri­ckel sind die rah­men, in denen sich die geballte ener­gie der gut sechs minu­ten ent­lädt — ohne große ruhe­punkte, frei­lich immer noch sorg­sam struk­tu­riert und ver­liert sich im dunk­len rumpeln.

ins­ge­samt ist die cd damit stark geprägt von einer­seits cour­voi­siers kom­po­si­tio­nen, ande­rer­seits die­sem spe­zi­el­len ensem­ble und sei­nen fähig­kei­ten — was wie­derum eng zusam­men­hängt, da die stü­cke genau für diese grup­pie­rung von men­schen und musi­kern geschrie­ben wur­den. beson­ders auf­fal­lend sind die gewisse nach­denk­lich­keit, kein auf­ge­setz­ter aktio­nis­mus, nichts vor­der­grün­di­ges, kein fal­scher, unehr­li­cher ton — auch wenn es hang zur melan­cho­lie hat: wun­der­bare musik — ganz typisch für intakt mal wieder.

syl­vie cour­voi­sier: lonely­ville. intakt 2007.

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