Strenge Lebendigkeit: Mozart und Haydn im Staatstheater

Schon wie­der ein sehr schö­nes, gelun­ges Sin­fo­nie­kon­zert … (ich habe schon lange kei­nen Ver­riss mehr schrei­ben müssen/können/dürfen …)
also:

Ob er auch mal gelacht hat? Auf den über­lie­fer­ten Bil­dern schaut er jeden­falls immer recht streng, der Papa Haydn. Ganz so schlimm kann es aber nicht gewe­sen sein, denn seine Musik kennt durch­aus Witz und Komik. Und vor allem das Spiel mit den Erwar­tun­gen sei­ner Hörer, das Expe­ri­ment in For­men und Klän­gen. Ganz viel von die­sem For­scher­drang lässt sich in einer sei­ner bekann­tes­ten Sin­fo­nien, der 103. „Mit dem Pau­ken­wir­bel“ beob­ach­ten. Vor allem, wenn man sie so auf­führt wie das der Diri­gent Andreas Spe­ring beim ach­ten Sin­fo­nie­kon­zert im Thea­ter mit dem Phil­har­mo­ni­schen Staats­or­ches­ter machte.

Denn bei ihm steht die Deut­lich­keit und die Schärfe der Kon­traste ganz oben. Aber er zeigt sie nicht als aka­de­mi­sche Ana­ly­se­übung, son­dern als Bild des Lebens gewis­ser­ma­ßen – denn nicht nur die for­ma­len Beson­der­hei­ten wer­den von Spe­ring her­vor­ge­kit­zelt, auch die vitale Seite der Sym­pho­nie, ihre lebens­frohe Hei­ter­keit betont er ganz beson­ders. Selbst die Dies-Irae-Anklänge des ers­ten Sat­zes ver­lie­ren vor die­ser Kulisse ihre Bedroh­lich­keit voll­kom­men. Und weil er auch wei­ter­hin jeder Ver­äs­te­lung gewis­sen­haft folgt, mit gan­zem Her­zen und vol­ler Über­zeu­gung jede Sku­ri­li­tät und Befremd­lich­keit genüß­lich aus­kos­tet, bleibt selbst diese bekannte Sin­fo­nie span­nend bis wirk­lich zum letz­ten Ton.

Die her­aus­ra­gende Strenge und Kon­zen­tra­tion, die das Phil­har­mo­ni­sche Staats­or­ches­ter auch exakt und klang­freu­dig umsetzte, bestimmte schon Mozarts d-Moll-Klavierkonzert. Spe­ring und der Solist, Evgeni Koro­liov, har­mo­nier­ten näm­lich wun­der­bar in ihrer Dar­stel­lung: Nicht nur die Abkehr von jeder Gefühls­du­se­lei, auch ihre Bemü­hung um Klar­heit, Ver­ständ­lich­keit und Leben­dig­keit einte sie. Koro­liov, mit hel­lem Ton und prä­zi­ser Akzen­tu­ie­rung, spielt das d-Moll-Konzert als Stu­die der Nach­denk­lich­keit und der Ver­nunft – deren Hel­lig­keit, das Licht der Auf­klä­rung, wurde so etwas wie Leit­idee ihrer Inter­pre­ta­tion. Ein Dia­mant – vol­ler prä­zi­sem Feuer.
Klar­heit ist das gemein­same Ziel von Pia­nist und Diri­gent. Aber nicht als Wis­sen­schaft­ler, son­dern als Musi­ker – als leben­dige Men­schen, als Lieb­ha­ber der Musik mit vol­ler Hin­gabe. So ent­wi­ckeln sie auch die Dyna­mik und die Span­nung des Mozart­schen Spät­werks ganz orga­nisch. Und mit die­ser Kom­bi­na­tion inter­pre­ta­to­ri­scher Tugend, dem ver­stän­di­gen und lie­be­vol­len Spiel, erklingt auch das Bekannte wie­der ganz neu und span­nend wie nie zuvor.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)