mendelssohn bartholdy im dreierpack

die semes­ter­er­öff­nung nah­men die dozen­ten lie­ber selbst in die hand ;-) mit recht. es wurde näm­lich ein ziem­lich schö­nes, über­ra­schend gutes kon­zert — obwohl die ja nicht regel­mä­ßig als ensem­ble zusam­men­spie­len, fan­den sie zu einer sehr star­ken, gelun­ge­nen einheit:

Kraft und Sen­si­bi­li­tät sind zwei Ele­mente, die sich in der Musik Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dys zu einer ganz beson­de­ren Ein­heit ver­bin­den. Das macht die­ses Jahr, in dem sein 200. Geburts­tag aus­gie­big gefei­ert wird, mit sei­nen vie­len, vie­len Auf­füh­run­gen sehr deut­lich. Auch die Hoch­schule für Musik wollte da nicht hin­ten­an­ste­hen und hat zur Eröff­nung des Win­ter­se­mes­ters mit einem rei­nen Jubi­lä­ums­pro­gramm in ihren Roten Saal gela­den. Und als wäre es geplant gewe­sen, haben die drei Dozen­ten um Manuel Fischer-Dieskau, der mit die­sem Abend zugleich auch seine neue Ver­an­stal­tungs­reihe „Cam­pus Con­certs“ star­tet, mit gerade ein­mal drei Wer­ken ganz viel von der Band­breite des Men­dels­sohn­schen Schaf­fens vorgeführt.

Fischer-Dieskau, von Con­nie Shih am Kla­vier beglei­tet, eröff­net mit der zwei­ten Cello-Sonate: Ein kraft­voll bis stür­mi­sches Drän­gen, sehr span­nungs­ge­la­den und dra­ma­tisch insze­niert, mit Effekt und Aplomb gespielt. Dage­gen wirkte dann die eigent­lich unfer­tig geblie­bene, in ver­schie­de­nen Ver­sio­nen über­lie­ferte Vio­lin­so­nate in F-Dur abge­klärt und sub­til. Das lag natür­lich auch an der locke­ren Läs­sig­keit, mit der sich die Gei­ge­rin Anne Shih der Musik fast wider­stands­los auslieferte.

Das war zwar sehr niveau­voll, ver­blasste vor dem zwei­ten Teil aber sehr. Je län­ger man die­sen drei Musi­kern näm­lich beim ers­ten Kla­vier­trio aus Men­dels­sohn Bar­thol­dys Feder lau­schen durfte, desto kla­rer wurde es: Dies hier war der eigent­li­che Anlass, das eigent­li­che Ziel des Kon­zer­tes. Ein rau­schen­der Höhe­punkt war das, der die Inter­pre­ten selbst ganz begeis­terte – und das zu Recht. Denn ihnen gelang das kleine Kunst­stück, zugleich sehr kon­krete und sehr ent­rückte Musik zu machen: Inhalt­lich sehr genau – aber mei­len­weit ent­rückt vom grauen All­tag, von den Bana­li­tä­ten des Lebens glit­ten sie fast wie im Traum in wei­cher Har­mo­nie und orga­ni­scher Klan­gent­fal­tung durch die Mischung aus inten­si­ver Span­nung und woh­li­ger Gebor­gen­heit. Aber sie blie­ben eben doch immer min­des­tens mit einem Fuß auf dem Boden der Tat­sa­chen. Nie wichen sie ganz und gar in das Reich der Feen aus – was das Trio zumin­dest in den Mit­tel­sät­zen durch­aus erlaubt hätte. Nein, hier bleibt das ein form­voll­en­det Psy­cho­gramm einer unru­hi­gen, suchen­den Seele. Aber eben immer einer wirk­li­chen Seele, nicht einer fik­ti­ven Traum­per­son. Dadurch, in die­ser Kom­bi­na­tion, wird das Trio ganz nahe­ge­hend und anrüh­rend. Selbst wenn sie durch­weg dies­sei­tige Musik machen: Sie wird ihnen nie banal. Nur müs­sen weder sie noch Felix Men­dels­sohn Bar­tholdy hier Tran­szen­den­zen bemü­hen: Die reine Kraft der roman­ti­schen Musik, ihre ener­gi­sche Wie­der­be­le­bung, der Mut sowohl zum der­ben Strick als auch zum zar­tes­ten Klang­tup­fer eröff­net ein gewal­ti­ges Feld – das übergroße Reich der emp­fin­den­den Seele mit ihren kraft­vol­len Empfindungen.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)