Leise, Leiser, David Fray

Es war wahr­schein­lich der lei­seste Kla­vier­abend, den der Frank­fur­ter Hof in den letz­ten Jah­ren erlebt hat. Dafür war jede Regung des Publi­kums, jedes Räus­pern und jeder noch so geschickt unter­drückte Hus­ten wun­der­bar zu hören. Denn David Fray, der die neue Spiel­zeit der vom SWR aus­ge­rich­te­ten Reihe „Inter­na­tio­nale Pia­nis­ten in Mainz“ eröff­nete, ver­steht sich ganz beson­ders auf das leise Spiel. Ihm ste­hen ganz selbst­ver­ständ­lich Dut­zende ver­schie­dene Pia­nos zur Verfgün­gung, die er pro­blem­los abru­fen kann.
Sein Ton kann ganz weich klin­gen, er kann wun­der­bar klar sein, im nächs­ten Moment aber auch ganz gla­sig, seine Akkorde kön­nen herr­lich durch­schei­nend tönen, aber auch völ­lig abge­kap­selt und ver­schlos­sen. Fray spielt – immer ganz leise – mal zuckend, manch­mal empört, vor allem aber ganz vor­sich­tig und oft genug auch ziem­lich kapri­ziös. Er ver­liert sich gerne in sei­nen Klang­tüf­te­leien, die nicht immer strin­gent und kon­sis­tent erscheinen.

Mit die­ser Spiel­art wird etwa Mozarts D-Dur-Sonate KV 311 zu einer lan­gen Kette von Brü­chen, zwi­schen denen unschlüs­sig und ziel­los viele ein­zelne Töne und Phra­sen den Hörer ver­zau­bern zu suchen, aber keine Zusam­men­hänge ent­ste­hen. Auch in Mozarts Fan­ta­sie C-Moll KV 475 erhält jeder ein­zelne Ton von David Fray ein dickes Fra­ge­zei­chen. Das ist nicht völ­lig abwe­gig, aber doch ein wenig ein­sei­tig. Skru­pel bestim­men seine Gestal­tung: Beden­ken, irgend­et­was zu über­se­hen, noch die kleinste klang­li­che Nuance inner­halb eines Akkor­des wirkt genau bedacht und über­legt – aber der Gesamt­zu­sam­men­hang der Musik lei­det schreck­lich dar­un­ter, unter die­ser Auf­lö­sung in die musi­ka­li­sche Anti-Materie.

Egal, wel­ches Stück gerade auf dem Pro­gramm steht, Frays Inter­pre­ta­tio­nen wir­ken eigent­lich immer zer­set­zend. Seine boh­ren­den Zwei­fel, die zu wun­der­ba­ren Klän­gen füh­ren, durch­lö­chern den Noten­text der Waldstein-Sonate von Beet­ho­ven wie einen Emmen­ta­ler, bis deren glanz­volle C-Dur-Pracht voll­stän­dig getilgt ist und las­sen von der „Pas­to­rale“ genann­ten D-Dur-Sonate Beet­ho­vens nur eine zer­fal­lene Ruine übrig.

Mit all die­sen fun­da­men­ta­len Hem­mun­gen, die­ser Abschot­tung wirkt sein Spiel dann manch­mal nahezu autis­tisch. Und das ist eigent­lich schade, denn tech­nisch ist es ein­fach gran­dios, wie fein und fei­ner er sei­nen Anschlag nuan­cie­ren kann, wie er jeder Note einen ande­ren Klang mit­ge­ben kann. Aber die­ses Kön­nen dient nur noch sich selbst, nicht mehr der Musik. Und muss man als Pia­nist wirk­lich, wenn man schon das Pia­nis­simo so sehr bevor­zugt, auch noch mitsummen?

(so weit für die main­zer rhein-zeitung. Das war am Anfang viel län­ger und viel schöner …):

Das leise Spiel ist ja über­haupt kein Pro­blem. An sich. Aber das nahezu aus­schließ­lich leise Spiel kann schon schwie­rig wer­den. Wenn näm­lich dar­über ande­res, was auch im Noten­text steht, ver­schwin­det. Oder zumin­dest ver­blasst oder ver­schwimmt. In Beet­ho­vens „Pas­to­rale” war das ziem­lich deut­lich: Fray spielt mit der Musik wie die Katze mit ihrer Beute, nur dass seine schon tot ist, er scheu­dert sie in alle Rich­tun­gen, traut ihr aber kei­nen Mil­li­me­ter weit: Nur sich und sei­nem Emp­fin­den und Klang­aus­druck ver­traut er über­haupt, dem Kom­po­nis­ten aber anschei­nend nicht.

Auch seine Ver­mei­dung der klang­li­chen und emotionalen/inhaltlichen Größe um jeden Preis kann ungüns­tig wir­ken. Und ob er den Kom­po­si­tio­nen immer gerecht wurde, ist zumin­dest Ansichts­sa­che. Beet­ho­ven klang jeden­falls ganz anders, als man das gewohnt ist. Was ja nicht not­wen­dig schlecht sein muss. Er klang aber auch oft anders, als es in den Noten steht. Natür­lich extrem guter Tech­ni­ker, fal­sche Töne sind nicht das Pro­blem, rich­ti­gen Tas­ten trifft er immer. Nur der Zeit­punkt und der Klang und die Laut­stärke, die das ganze erst zur Musik wer­den las­sen, pas­sen nicht immer rich­tig, stim­men nicht zusam­men. So ent­ste­hen vor allem Lücken, Rui­nen des Noten­tex­tes, die der gran­diose Stim­mungs­tech­ni­ker Fray da herbeizaubert.

Manch­mal ist das näher an der Par­ti­tur (Mozart c-moll-Fantasie z.B.), manch­mal sehr weit weg. Bezeich­nen­der­weise ist ihm die Waldstein-Sonate auch am wenigs­ten Fas­zi­no­sum gewor­den: Da muss eine gewisse Vir­tuo­si­tät ein­fach deut­lich wer­den, sonst funk­tio­niert das nicht. Selbst die ver­sucht er zu ver­steckn – nicht nur in lei­sen Tönen, auch im ver­wi­schen­den Pedal­hall, im wei­chen Übergang oder in dem stän­di­gen Abbre­chen, Unter­bre­chen der Ent­wick­lung. Einen wiirk­li­chen Flow gibt es (nich nur) da eh’ nicht, immer nur schöne Augenblicke.

Das könnte man als große Neu­ent­de­ckung, als einen neuen Zugang zu bekann­ter Musik sehen. Es ist aber wohl vor allem Manie­ris­mus – schon das Hin­fle­geln in den Stuhl (der ganz bewusst kein Kla­vier­ho­cker ist), die gepflegte Scheu­heit vor dem Instru­ment (Die Hände zucken bei jeder noch so klei­nen Gele­gen­heit weg vond er Tas­ta­tur in den Schoß) deu­ten dar­auf (und auf seine Annä­he­rung an andere Exzen­tri­ker, z.B. Glenn Gould) hin. Und muss man dann als Pia­nist wirk­lich, wenn man auch noch das Pia­nis­simo bevor­zugt, unbe­dingt mitsummen?