Italiensche Marienverehrung des 17. Jahrhunderts in der Mainzer Christuskirche

So ein­fach geht das also mit dem Rei­sen in der Zeit. Man braucht nur ein paar spe­zi­elle Instru­mente, gute Musi­ker und einen ver­stän­di­gen Diri­gen­ten. Zumin­dest in die Ver­gan­gen­heit kommt man damit recht leicht. Etwa 400 Jahre zurück, ins Ita­lien kurz nach 1600. Da hatte Clau­dio Mon­te­verdi sich gerade auf den Weg nach Rom gemacht, um dem Papst eine sei­ner Par­ti­tu­ren zu über­rei­chen. Die ent­hielt neben einer Messe auch die Mari­en­ves­per. Und wäh­rend die Mess­ver­to­nung eher ver­ges­sen wurde, ist die „Ves­pro della Beata Ver­gine“ heute leben­di­ger denn je. Den Papst, Paul V., hat Mon­te­ver­dis Musik übri­gens nicht beson­ders inter­es­siert oder fas­zi­niert. Heute ist das anders, die Mari­en­ves­per begeis­tert nicht nur Katho­li­ken. Auch in der Chris­tus­kir­che, wo Ralf Otto sie mit dem Bach­chor und dem Orches­ter L‘Arpa fest­ante auf­führte, stieß sie auf offene Ohren.

Mit Zin­ken, Dul­cian, eng men­su­rier­ten Posau­nen und Lau­ten könnte das, nach allem, was wir wis­sen, zumin­dest nahe an den Gege­ben­hei­ten um 1600 sein. Aber wie genau das mit dem überein­stimmt, was Mon­te­verdi im Ohr hatte, ist gar nicht so wich­tig. Ent­schei­den­der ist, dass es den heu­ti­gen Zuhö­rer über­zeugt. Und das gelingt Ralf Otto wie­der ein­mal ziem­lich gut. Sicher, die ers­ten Sätze, vor allem die Psalm­ver­to­nun­gen, nimmt er gera­dezu rasant – da hätte etwas mehr Dif­fe­ren­zie­rung nicht gescha­det. Und ja, auch die Text­ver­ständ­lich­keit des Bach­cho­res war schon bes­ser. Aber wer kann heute schon noch so gut Latein, dass er die in ita­lie­ni­scher Aus­sprach gesun­ge­nen Bibel­texte ohne Pro­gramm­heft und Über­set­zung verstünde?

Spä­tes­tens ab der Sonata und dem Hym­nus „Ave maris stella“ war das aber rest­los ver­ges­sen. Denn hier und vor allem im abschlie­ßen­den gro­ßen Magni­fi­cat spiel­ten alle Betei­lig­ten ihre Tugen­den voll aus: Der Bach­chor sang leben­dig, geschmei­dig ange­passt glei­cher­ma­ßen kraft­voll und sanft schmel­zend. Otto setzte Akzente, trieb das Gesche­hen immer wie­der voran und sorgte für die not­wen­dige dra­ma­tur­gi­sche Strin­genz. Und das Orches­ter begeis­terte mit Spiel­kul­tur und nahezu swin­gen­dem Drive. Auch Solis­ten stan­den auch nicht zurück: Alle sechs tra­fen sehr ele­gant die Mitte zwi­schen Her­vor­tre­ten mit teil­weise vir­tuo­sen Par­tien und rück­sichts­vol­ler Ein­glie­de­rung in den Gesamt­klang. Über­haupt war das ein gro­ßer Ver­dienst Ottos: Das stim­mige Kon­zept für die gesamte Mari­en­ves­per hör­bar zu machen. Und zwar nicht nur zeit­li­ches Nach­ein­an­der von gran­dio­ser Herr­lich­keit und innig bit­ten­der Ver­eh­rung, son­dern in gegen­sei­tige Befruch­tung. Genau so, wie man sich die Mari­en­ver­ehe­rung von 400 Jah­ren vorstellt.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)