Italienische Musik französisch gespielt

5, 4, 3 … Nein, im Kreuz­gang von St. Ste­phan wird keine Rakete gestart. Denn das ist kein
Count­down, son­dern nur die ver­schie­den starke Beset­zung, in der das Quin­tett Aqui­lon hier beim
Main­zer Musik­som­mer auf­tritt. Abwechs­lung ist also garan­tiert. Dabei hätte das Blä­ser­quin­tett
das gar nicht nötig, denn auch in vol­ler Beset­zung kön­nen die fünf Fran­zö­sin­nen näm­lich mit
klang­li­cher Viel­falt über­zeu­gen – das ist alles andere als Langweile.

Pro­fes­sio­nell und gekonnt zie­hen sie ihre Linien und las­sen sich auch vom Hub­schrau­ber­lärm
oder der aus­fal­len­den Beleuch­tung nicht stö­ren. Ansons­ten ver­läuft das Kon­zert aller­dings ohne
grö­ßere Über­ra­schun­gen: Sehr geschmei­dig und glatt gelingt ihnen eigent­lich alles, ob das eine
frühe Trio­so­nate von Anto­nio Vivaldi ist oder, ganz am Schluss, das erst wenige Jahre alte „Pic­colo
Quin­tetto“ von Fran­cesco Chiari. Und plötz­lich erscheint die Dif­fe­renz zwi­schen 17. und 20.
Jahr­hun­dert gar nicht mehr so groß. Denn das Aquilon-Quintett ver­steht diese und alle Musik
vor allem aus dem Klang her­aus, dem Klang der Instru­mente und dem Sound des Ensem­bles.
Und da macht es wenig Unter­schied, ob das eine baro­cke Sonate, das Arran­ge­ment der Ouver­türe
zu einer roman­ti­schen Oper oder ein Blä­ser­quin­tett der sehr gemä­ßig­ten Moderne ist. Stets sind
die wesent­li­chen Kom­po­nen­ten die glei­chen. Vor allem der warme Klang, das von Noblesse
und Ele­ganz geprägte Zusam­men­spiel prägt das gesamte Kon­zert, auch die Quin­tette von Giulio
Bric­ci­aldi und Giu­seppe Cam­bini. Das ist typisch fran­zö­sisch, könnte man sagen, diese wei­che
Hülle, die sich um alles schmiegt und die auch man­che Härte überdeckt.

Dabei ste­hen aus­schließ­lich Ita­lie­ner auf dem Pro­gramm: Neben Vivaldi sorgt Gio­ac­chino Ros­sini
mit der Ouver­türe zu „Il bar­biere di Siviglia“ nicht nur für einen aus­ge­spro­chen fri­schen Auf­takt,
son­dern vor allem mit sei­nem Bläser-Quartett für einen Höhe­punkt. Hier, in die­ser aus­ge­spro­chen
nett unter­hal­ten­den Musik tritt das Aquilon-Quintett nicht nur als Ensem­ble, son­dern auch als
Quasi-Solisten auf: Die flat­ternde Flöte, das weich grun­die­rende Horn, die zart tup­fende und
schmei­chelnd sin­gende Kla­ri­nette und das fun­da­men­tale Fagott über­ge­ben sich die Motive im
per­ma­nen­ten Spiel, for­men stän­dig neue Alli­an­zen und Klangbilder.

Doch auch wenn alle Musik aus Ita­lien stammt, ver­rät sie nichts von ihrer Her­kunft. Zumin­dest
nicht so gepflegt und zivi­li­siert, wie das Aquilon-Quintett sie spielt: Mit klas­si­scher, fei­ner
Nuan­cie­rung und immer mit einer klei­nen Min­dest­dis­tanz. Das ist durch­weg sehr ange­nehm
zu hören, aber sel­ten über­ra­schend und nie über­wäl­ti­gend. Denn die Schwer­kraft hält auch das
Aquilon-Quintett am Boden.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

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