Hoffnungslose Schönheit: Sokolov spielt Bach, Brahms & Schumann

Scheu wie ein Gespenst huscht der Musi­ker im Halb­dun­kel zu sei­nem Instru­ment, kaum scheint er das Publi­kum wahr­zu­neh­men, eine kanpp ange­deu­tete Ver­beu­gung muss rei­chen und auch der spä­ter tosende Applaus scheint ihm eher läs­tig als ange­nehm. Aber es ist ein Geist mit beson­de­ren Fähig­kei­ten – denn Gri­gory Soko­lov kann Kla­vier spie­len wie kaum jemand sonst. Die Burg­hof­spiele brach­ten den rus­si­schen Meis­ter alter Schule für ein Reci­tal ins Wies­ba­de­ner Kur­haus. Und er brachte ein Pro­gramm mit, das von Bach über Brahms bis Schu­mann reichte.

Schu­manns Kla­vier­so­nate op. 14 f-Moll war dabei nicht nur der Schluss eines gro­ßen Kla­vier­abends, son­dern zwei­fel­los auch der Höhe­punkt. Soko­lov, der sich für die fünf­sät­zige Ver­sion die­ses „Kon­zer­tes ohne Orches­ter“, wie eine frühe Form der drit­ten Sonate noch über­ti­telt war. Und er ent­schied sich für radi­kale Klar­heit. Von der oft etwas ver­wir­ren­den poly­pho­nen Struk­tur des ers­ten Sat­zes über die dras­ti­sche Deut­lich­keit der ener­gi­schen Scherzi zu den virtuos-verspielten Varia­tio­nen des vier­ten Sat­zes und dem rasen­den Finale: Unter Sokols Hän­den ent­wi­ckelt das eine unbarm­her­zige Fol­ge­rich­tig­keit, eine unüber­hör­bare Prä­gnanz nicht nur der zahl­lo­sen Details, son­dern auch des gesam­ten Zusam­men­hangs der Sonate.
Was hier funk­tio­niert, mehr noch, wirk­lich begeis­tern kann, wird in Bachs zwei­ter Par­tita stel­len­weise aber frag­wür­dig. Dann näm­lich, wenn Sokols Insis­tie­ren auf der Wich­tig­keit bestimm­ter Momente, sein per­ma­men­tes „Über­höre das nicht! Das ist wich­tig!“ Gefahr läuft, zu ein­sei­tig zu wer­den, wich­tige Teile der Kom­po­si­tion, ins­be­son­dere die lebendig-freudige Seite ein­fach zu verschweigen.

In den sie­ben Fan­ta­sien op. 116 von Johan­nes Brahms wird diese Ten­denz noch stär­ker. Sicher, seine abso­lut über­ra­gende Tech­nik, sein stark fokus­sier­ter Ton und seine unge­heuer aus­dif­fe­ren­zierte Dyna­mik ste­hen ihm wei­ter zur Ver­fü­gung. Aber über weite Stre­cken wirkt diese Musik ver­dammt unmensch­lich und abwei­send. Denn Soko­lov ent­äu­ßert sie all ihrer Hoff­nung, ihrer – eigent­lich durch­aus vor­han­de­nen – posi­ti­ven Ener­gie. Immer wie­der scheint ihn aus­schließ­lich das Brü­chige, das Zer­bro­chene zu inter­es­sie­ren. Die schmerz­haf­ten Kan­ten und Ecken, die Ver­luste und Ent­beh­run­gen, Ent­täu­schun­gen und Ver­rat domi­nie­ren alles. Sie tun dies aller­dings auf eine unbe­streit­bar fas­zi­nie­rende Weise – denn Gri­gory Soko­lov beherrscht sein Hand­werk eben in außer­or­dent­li­chem Maße: Sie blit­zen und fun­keln, don­nern und grum­meln mit Stärke und über­kla­rer Deut­lich­keit und las­sen zumin­dest zeit­weise gerne ver­ges­sen, dass das hier nicht unbe­dingt der ganze Brahms ist.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)