Der erste Versuch war gleich ein Meisterwerk. Nun war Bach, als er die Johannes-Passion für den Karfreitag 1724 in Leipzig komponierte, ja beileibe kein Anfänger mehr. Erfahren ist auch Domkapellmeister Mathias Breitschaft. Das merkt man seiner Interpretation der Johannes-Passion im Domkonzert mit der Domkantorei St. Martin und dem Mainzer Kammerorchester durchaus an – im besten Sinne. Denn Breitschaft agiert durchweg mit ruhiger Hand und mit Respekt vor dem Meisterwerk, in großen, ausholenden Gebärden steuert er durch die Passionserzählung. Nicht zu ruhig allerdings. Immer wieder beweist er nämlich treffendes Gespür für die vielen dramatischen Momente, von den Bach und sein Texdichter so vielfältigen Gebrauch machten. Schon der Beginn, der Eingangschor „Herr,unser Herrscher“ verdeutlichte das: Mit Größe und Großartigkeit von Breitschaft weit ausgespannt, umfasst der schwingende Chorklang Herrlichkeit und Marter der Passion Jesu zugleich.
Man merkt aber auch, dass der Domkapellmeister sich für diese Aufführung eine ziemlich junge Solisten-Riege engagiert hat. Und zwar ebenfalls durchaus positiv. Denn die Sänger, insbesondere die sowieso von Bach quantitativ und qualitativ hier sehr bevorzugten Männer, beleben mit ihren frischen und energischen Stimmen die Passion enorm. Zudem singen sie auch mit Mut zum Risiko, zum musikalischen Wagnis. Insbesondere der Evangelist von Thomas Volle wird so zu einem engagierten, beteiligten und unmittelbar betroffenem Erzähler, der selbst noch mitten im Geschehen steht und seine Zuhörer da auch direkt hinein führt. Der Jesus von Clemens Breitschaft wirkte gegen diesen frischen Zugang fast etwas altväterlich – sehr abgeklärt, fast entrückt und menschlicher Pein weit enthoben. Mechtild Bach und Heike Wessels ergänzten das passend mit Hingabe und Wärme.
Aber eigentlich ist in der Johannes-Passion mehr der Chor als die Solisten die Hauptperson – mit den Chorszenen und vor allem den Chorälen, den Meisterwerken Bachscher Satzkunst. Solide und engagiert, in den Chorälen manches zwar sehr getragen und bedeutungsvoll inszeniert. Aber nichtsdestotrotz bei Domkantorei in besten Händen – bis hin zum gelungenen Finale, der treffenden Kombination aus großem Gestus im Chor „Ruht wohl“ und der grandiosen Steigerung des zart beginnenden Schlusschorals „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“, der energisch-satt im ewigen Lob Christi kulminiert.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung)