Franz Liszt lebt

Jubi­läen sind wohl nir­gends so wich­tig wie in der Musik­bran­che. Zu jedem halb­wegs run­den Todes– und Geburts­tag wer­den die Pro­gramme geän­dert, jeder meint, unbe­dingt etwas pas­sen­des auf­zu­füh­ren (natür­lich aber nur, wenn es um „große” Kom­po­nis­ten geht). In die Kate­go­rie „Jubi­lä­ums­hype” passt auf den ers­ten Blick auch „The Liszt Pro­ject”, wie die Doppel-CD, die Pierre-Laurent Aimard — immer­hin einer mei­ner allzeit-Lieblingspianisten — im Früh­jahr für die Deut­sche Gram­mo­phon auf­ge­nom­men hat.[1] Aber diese zwei CDs erhe­ben sich aus der Masse der Pflicht-Erinnungen. Aus einem Grund: Pierre-Laurent Aimard. Der hat näm­lich (natür­lich) nicht ein­fach ein paar bekannte Liszt-Werke zusam­men­ge­sucht und auf­ge­nom­men. Nein, er macht etwas ande­res — etwas bes­se­res: Er kon­fron­tiert einige, wenige aus­ge­wählte Liszt-Kompositionen mit ganz viel ande­rer Musik: Mit Wag­ner (Kla­vier­so­nate As-Dur), mit Scria­bin und Ravel, aber auch mit Bar­tók, Berg, Mes­siaen und dem 1959 gebo­re­nen Marco Stroppa. Und das hat ganz viel Sinn und Bedeu­tung — sonst würde er es ja nicht machen. Vor allem aber: Diese Kon­fron­ta­tion stellt Liszt in ganz ver­schie­dene Tra­di­ti­ons­zu­sam­men­hänge, zeigt — auch uner­war­tete — Bezie­hun­gen. Und ergibt ein wun­der­ba­res Gan­zes. Das Pro­gramm ist also — schon auf dem Papier — über­zeu­gend. Aber das ist nicht alles.

Ich bin jeden­falls gerade total begeis­tert und fas­zi­niert von die­ser CD: Wahr­schein­lich ist das in der Summe und im Detail eine der bes­ten Klavier-CDs, die ich kenne (und besitze). Allein schon wegen der gran­dio­sen Auf­nah­me­tech­nik, die dem Flü­gel eine unver­gleich­li­che Prä­senz ver­schafft,[2] eine gran­diose Detail­auf­lö­sung (auch im räum­li­chen — jeder Ton hat sei­nen eige­nen Platz!) hören lässt und ein­fach ver­blüf­fend rea­lis­tisch klingt.

Vor allem ist die CD aber groß­ar­tig, weil sie musi­ka­lisch begeis­tert. Und das liegt, wenn man es auf den Punkt brin­gen will, an der leben­di­gen Genau­ig­keit, mit der Pierre-Laurent Aimard arbei­tet (spie­len mag das kaum nen­nen). Gerade die Ver­nüp­fung von unge­heuer detail­ver­lieb­ter Genau­ig­keit, die wirk­lich an jedem Ton bis zur Ver­voll­komm­nung arbei­tet, mit der ago­gi­schen und phra­sie­ren­den Leben­dig­keit ist Aimards Markenzeichen.[Seine Auf­nahme der Bach­schen „Kunst der Fuge” weist — in ganz ande­rem Zusam­men­hang — eben­falls genau diese Qualität(en) auf.[/ref]

Immer wie­der fas­zi­niert mich ja seine Fähig­keit, nicht nur die for­male Gestal­tung sowohl auf der Makro– als auch auf der Mikro­ebene voll­ko­men im Blick zu haben, son­dern vor allem seine unmensch­lich genaue klang­li­che Dif­fe­ren­zie­rung (und ihre Dis­zi­pli­nie­rung), mit der er das Ton wer­den lässt.

Ein paar High­lights bis­her: Unbe­dingt die vitale, fast strah­lende Sonate op. 1 von Alban Berg, die trotz ihrer Kon­zen­tra­tion ganz unge­zwun­gen und natür­lich wirkt.

Dann selbst­ver­ständ­lich die h-moll-Sonate von Liszt selbst:[3] Kein pia­nis­ti­sches Bra­vour­stück, keine tro­ckene Form­übung und auch kein Kampf musi­ka­li­scher Cha­rak­tere: Das ist aus­ge­gli­chen, aber nie blass; ver­mit­telnd, aber alle Sei­ten und Aspekte genau voll­zie­hen. Wahr­schein­lich ist es gerade die­ser Aspekt, mög­lichst viel­sei­tig zu spie­len, mög­lichst viele Facet­ten eines Wer­kes leben­dig wer­den zu las­sen, ohne einige oder wenige davon zu abso­lu­tie­ren, der mich hier und bei dem Rest der Auf­nahme so anzieht. Das ist in der Pra­xis natür­lich nie ein­fach, weil so eine umfas­sen­der Inter­pre­ta­ti­ons­ver­such oft reich­lich blass und lang­wei­lig wirkt und nur den Ein­druck erweckt, der Inter­pre­ta­tion wolle es um jeden Preis ver­mei­den, einen Stand­punkt zu bezie­hen. Davon kann hier aber keine Rede sein.

Auch die/das (?) „Tan­gata manu” von Marco Stroppa ist beein­dru­ckend: Diese Musik passt fast naht­los zwi­schen Liszts Vogel­pre­dikt des Franz von Assisi aus den „Année de Pélè­ri­nage, Band II und den Was­ser­spie­len der Villa Este (aus Band III). Das ist auch eine Form, moderne und zeit­ge­nös­si­sche Musik dem Hörer nahe­zu­brin­gen — ganz ohne gro­ßes didak­ti­sches Klim­bim, son­dern eben ein­fach als Musik, die man als Wei­ter­ent­wick­lung klassischer/romantischer Modelle hören kann.[4] Über­haupt ist der zweite Teil/die zweite CD fast ein ein­zi­ger Klang­rausch, durch­weg auf höchs­tem Niveau. Auch Ravels „Jeux d’eau” sind schlicht grandios.

Was mich (wie­der ein­mal) aber ziem­lich abschreckt, ist die gGs­tal­tung der CD. Abge­se­hen davon, dass sie über­säht ist mit Auf­merk­sam­keits­ha­schern, mit meh­rern Auf­kle­bern beklebt, ver­steckt sie gerade die wich­ti­gen Infor­ma­tio­nen — näm­lich die Spiel­folge — ziem­lich gut. Dafür sind noch ein paar nichts­sa­gende Sätze und über­schwäng­li­ches Lob drauf­ge­druckt wor­den … Immer­hin, der Kom­po­nis­ten­name ist ein biss­chen grö­ßer als der Aimards — auch keine Selbst­ver­ständ­lich­keit, bei vie­len CDs scheint der Inter­pret heute (zumin­dest typo­gra­fisch) wich­ti­ger zu sein als der Kom­po­nist. Dafür aber in einer reich­lich selt­sa­men, eigent­lich unaps­sen­den Schrift …

Schade auch, dass die Deut­sche Gram­mo­phon, die doch so stolz auf ihre Tra­di­tion ist, dem kein ver­nünf­ti­ges Bei­heft mehr spen­diert: Ein klit­ze­klei­nes Inter­view mit dem Pia­nis­ten ist da drin — sonst nichts. Kei­ner­lei mehr oder weni­ger ana­ly­ti­schen Anmer­kun­gen, keine (musik-)historischen Ein­ord­nun­gen, nichts. So kann das Niveau auch immer wie­der unterbieten …

Davon mal abge­se­hen (und das merkt man beim Hören ja glück­li­cher­weise nicht): Eine CD zum glück­lich Wer­den. Eindeutig.

The Liszt Pro­ject. Pierre-Laurent Aimard spielt Bar­tók, Berg, Mes­siaen, Ravel, Scria­bin, Stroppa, Wag­ner und Liszt. Deut­sche Gram­mo­phon 2011.

  1. [1] Warum das als „Pro­jekt” ver­kauft wird, ist mir voll­kom­men unklar — abge­se­hen davon, dass „Pro­jekt” irgend­wie modern und hip klingt (klin­gen soll). Schließ­lich ist das nichts ande­res als die Stu­dio­ver­sion eines erprob­ten Kon­zert­pro­gramms.
  2. [2] Das ist — obwohl das Kla­vier ja sozu­sa­gen ein Stan­dard­in­stru­ment ist — alles andere als die Regel!
  3. [3] Sehr sinn­voll übri­gens auch, die h-moll-Sonate an den Schluss des ers­ten Teils zu stel­len — das Ende, die letz­ten Töne, mit denen auch die erste CD aus­kling, wir­ken so ein­fach gran­dios …
  4. [4] Wobei der Umstand, dass Liszt (nicht nur) hier als fast proto-moderner Kom­po­nist gezeigt wird, sozu­sa­gen die andere Seite die­ser Medaille ist.

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