Man könnte es fast einen Glücksfall nennen. Die Solistin des ersten Meisterkonzertes, Vilde Frang, erkrankte zwei Tage vor dem Mainzer Konzert. Dem Veranstalter gelang es aber, Ersatz aufzutreiben. Und das war Glück: Hyeyoon Park ist alles andere als eine Ersatzgeigerin. Auch eine Frau, dafür noch jünger und noch preisgekrönter als Vilde Frang. Und vor allem hatte sie das Violinkonzert von Jean Sibelius parat, so dass das Meisterkonzert ganz ohne Programmänderung stattfinden konnte. Und wie sie es parat hatte.
Die junge Violinistin beeindruckte vom ersten Ton an durch ihre gelassene technische Souveränität und die ausgesprochen starke Präsenz ihres Tons. Mit voller Kraftentfaltung bot sie hier echtes Powerplay ohne sicht– oder hörbare Anstrengung – ein Zugriff, der dem Sibelius-Konzert durchaus gut tut. Kein Wunder, dass die herzliche Dankbarkeit und gespannte Erwartung, mit der Publikum in der Rheingoldhalle Park empfing, großer Begeisterung wich.
Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz hatte dagegen einen schweren Stand. Zumal die Rolle des Orchesters in diesem Violinkonzert nie besonders dankbar ist. Aber Dirigent Hubert Soudant beschränkte sich doch sehr stark, stärker noch als Sibelius das schon angelegt hat, auf das harmlos-zurückhaltende Grundieren.
Dafür stand ja noch ein „Konzert“ nur fürs Orchester auf dem Plan: Die „Symphonie fantastique“ von Hector Berlioz. Soudant ging aber auch hier nicht besonders gerne und oft in die Tiefe – er bevorzugte eher eine glatte, saubere, schön kultivierte und weitgehend ungefährliche Klanggeschichte. Seine Interpretation suchte die möglichst reine Schönheit, ohne Zweifel, Widerhaken oder Gefahren – von denen Berlioz in der Symphonie fantastique, die ja als „Instrumental-Drama“ Szenen eines Künstlerlebens programmatisch vertont, aber so einige schildert. Das gelang Soudant nicht schlecht, auch wenn er freilich arg zügig über vieles hinweg eiltt. Ohne Frage gelangen ihm hier viele Momente, vor allem im zweiten und dritten Satz, wo Berlioz zunächst die Erlebenisse eines Künstlers auf großem, festlichem Ball schildert und dann eine grandiose ländliche Szene entwirft, die nicht nur die Hirten und ihre Musik imaginiert, sondern auch ein breites Gedankenpanorama des Helden,
Das transzendierte Soudant wunderbar ins Allgemein, für die gesamte Menschheit gültige – wenn Einsamkeit immer so schön wäre, gäbe es wohl wesentlich mehr Eremiten. Überhaupt entdeckt er immer und überall vor allem Hoffnung und Schönheit – auch im Gang zum Richtplatz, bei der Hinrichtung selbst oder dem geträumten Hexensabbat mit drohendem „Dies Irae“: Bedrohlich oder verunsichernd ist Berlioz’ Musik in der Rheingoldhalle nie. Aber immer wieder einfach schön.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)