dreifacher spaß mit frank gratkowski

das knarzt und knurp­selt und fiepst, dass es eine reine freude ist (wenn man so etwas aus den rand­be­rei­chen der impro­vi­sier­ten musik mag, natür­lich). eigent­lich sind es — zumin­dest über ganz lange stre­cken die­ser wun­der­ba­ren cd — nur geräuschr, nur fet­zen, bruck­stü­cke einer musik. die lau­fen aber doch zusam­men und mit­ein­an­der ab — dafür sorgt vor allem tho­mas lehn mit sei­nen ana­lo­gen syn­the­si­zern. quasi mikro­sko­pisch ist der blick — die makro­ebene wird ein­fach mal als gege­ben (und ver­taut) vor­aus­ge­setzt. oder bes­ser gesagt: ihre men­tale kon­struk­tion wird ein­fach dem (geneig­ten) hörer überlassen.

die gren­zen des hör­be­reichs aus­zu­lo­ten, nicht nur phy­sio­lo­gisch, son­dern — und vor allem — auch phsy­s­ich — das ist grat­kow­skis spe­zia­li­tät. die sub­ti­li­tät, mit der er dabei vor­geht, ist kaum anders als genial zu bezeich­nen. und wirk­lich unüber­trof­fen ist er darin, auch das ergeb­nis die­ser for­schun­gen, also das auf die­sen sil­ber­ling gebannte klang­ge­sche­hen, ganz sub­til und fein­sin­nig zu erschei­nen lassen.

ganz sachte for­men, oft nur sche­men­hafte umrisse in bis kurz vorm plat­zen gedehn­ter zeit, aus dem ab und ganz und gar ver­hal­te­nes, ver­steck­tes, ver­schäm­tes pul­sie­ren her­vor­lugt, prä­gen die vier titel von tris­kai­de­ka­pho­nia. klap­pen­ge­klap­per, blas­ge­räu­sche, gemischt mit dem ana­lo­gen syn­the­si­zer, erge­ben eine fast unmerk­li­che ein­heit: alle drei lasse sich unheim­lich weit auf das wag­nis des freien impro­vi­sie­rens ein — wei­ter als die meis­ten ihrer kol­le­gen. und so weit, dass auch mal eine weile fast nichts zu pas­sie­ren scheint … das „kaputt­spie­len” (peter kowald) haben sie ihren vor­gän­gern über­las­sen — sie machen sich jetzt an einen neuen auf­bau, offen­bar wirk­lich frei, näm­lich zumin­dest schein­bar los­ge­löst aus allen kon­ven­tio­nen und musi­ka­li­schen traditionsformen.

das ergeb­nis ist dann auch eher eine „klang­kunst” als her­kömm­li­cher jazz: klang­bil­der, oft ganze pan­ora­men, die die große weite lee­rer land­schaf­ten abbil­den, aus denen nur ganz wenig her­aus­ragt, die auf­merk­sam­keit auf sich zu zie­hen — das aber dafür umso deut­li­cher. aber das heißt nicht, dass es hier einen durch­ge­hen­den klang­tep­pich gebe — fast alles, wirk­lich rest­los, ist vor­der­grund, ist momen­tan geschöpft, voll­kom­men neu. und trotz­dem ergibt sich dar­aus eine drei­di­men­sio­nale land­schaft — das ist das tolle, begeis­ternde, groß­ar­tige die­ses trios!

vier lange „stü­cke” sind auf der cd ver­sam­melt, alles mehr oder weni­ger will­kür­lich benannt — denn herr­kömm­li­che stü­cke sind das natür­lich nicht, son­dern eben eher abfol­gen, aus­schnitte, epi­sche ver­su­che, aber bestimmt keine lie­der. die titel sind ganz offen­sicht­lich bloße asso­zia­tio­nen — und auch gar nicht wich­tig, könn­ten genauso gut titel­los blei­ben. denn sie haben als kom­po­si­tion, als werk gar keine iden­ti­tät, sie sind nur das (momen­tane) ergeb­nis einer situa­tion, die die drei musi­ker zusam­men­führte (näm­lich im köl­ner „loft”, aus dem so viel inter­es­sante musik kommt.

irgend wann, kurz vor schluss des ers­ten teils, „lad­ders and stairs” benannt , kippt es plötz­lich — ohne ersicht­li­chen grund: genau das macht diese art der impro­vi­sier­ten musik so span­nend: nie vor­her­se­hen zu kön­nen, nie zu wis­sen, was in der nächs­ten sekunde pas­sie­ren wird — und nimmt fahrt auf, wird wie­der etwas ruhier, bleibt aber jetzt, wo der damm durch­bro­chen ist, zeris­sen und reizbar.

der zweite titel gibt sich ins­ge­samt etwas rauer und kan­ti­ger, auch erup­ti­ver und bro­deln­der, trotz des eher gemüt­lich klin­gen­den und schutz und gebor­gen­heit ver­hei­ßen­den titels „umbrellas”.

in „ren­a­ming a boat” klingt das ganze noch freier, unbe­küm­mer­ter und spon­ta­ner, erfährt eine zuneh­mende ver­dich­tung und erneute öffnung. zum ende der cd (vor allem in „hot cross buns”) hin steigt die action — d.h., die epi­so­den erhöh­ter akti­vi­tät häu­fen sich und ihre abstände wer­den immer kürzer.

ein­fach genial großartig.

frank grat­kow­ski / tho­mas lehn / mel­vyn poore: tris­kai­de­ka­pho­nia. leo records 2006.

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