Franz Schreker komponierte eine große Oper ihrer Suche, Magnus Lindberg behauptet sie in seinem Violinkonzert einfach und ignoriert tapfer alle Zweifel, aber Robert Schumann scheint sie in der dritten Sinfonie tatsächlich gefunden zu haben: Die Geborgenheit der musikalischen Heimat, das Reich des fernen, erträumten und immer wieder beschworenen reinen Klangs. Genau darum ging es nämlich im dritten Sinfoniekonzert des Staatstheaters. Und Catherine Rückwardt gelang es mit diesem umfassenden Programm, spannende Verbindungen zwischen Romantik, Spätromantik und zweiter Moderne zu ziehen. Ihren Höhepunkt fand diese Umschau aber schon im frühesten Werk, Schumanns „Rheinischer“ Sinfonie am Ende des Konzertes. Rückwardt machte diesen gewaltigen Geniestreich, in gerade einmal drei Wochen komponiert, zu einem runden, geschmeidigen Hörerlebnis. Alle Antworten schienen hier schon gefunden, in dieser Verknüpfung aus volkstümlicher Einfachheit, formaler Strenge und genialer Eingebung. Und das Philharmonische Staatsorchester sorgte mit sämig-weichem Klang für die akustische Verwirklichun dieser Fantasie einer heilen Welt, die selbst durch die dunklen Schatten im zweiten und dritten Satz nicht dauerhaft eingetrübt werden kann: Gegen diese konzentrierte Harmonie, die farbige Ausgestaltung der paradiesischen Zustände auf Erden (wunderbar schon die Hörner!), dieses gelöste und frei sprudelnde Musizieren hat keine rauhe Wirklichkeit auch nur den Hauch einer Chance.
Magnus Lindbergs Violinkonzert kann sich, 2006 komponiert, der Welt und ihren Ambiguitäten nicht so vollkommen verschließen. Und doch finden sich auch hier mehr als genug Augenblicke, denen genau das gelingt. Freilich, mehr als momentane Erlösung kann es hier aber nicht mehr geben. Da kann sich der junge Solist Jack Liebeck noch so brillant in die höchsten Lagen aufschwingen, da hilft auch der energischste Strich und seine größtmögliche Klarheit nicht mehr. Im Gegenteil, so wird nur noch deutlicher, dass auch in der Musik der Weg zurück ins Paradies der puren Harmonie auf immer verschlossen bleiben muss.
Genau das erfuhr ja auch schon Fritz, die komponierende Hauptfigur aus Franz Schrekers Oper „Der ferne Klang“. „Nachtstück“ ist dort das Zwischenspiel des dritten Aktes übertitelt, das im Staatstheater das Programm wunderbar ergänzte. Vor allem, weil Rückwardt es so schön fragil und offen erklingen ließ, weil das Orchester mit feinen silbrigen Klangspitzen so klar und kontrolliert blieb, dass man meinte, jede Gefühlsregung und jeden Gedankengang des Protagonisten zu hören. Doch das bleibt eine Illusion, genau wie der ewig „ferne“ Klang. Aber eine wunderschöne.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung)