Es sieht ganz locker aus und ungezwungen aus, wie der Figuralchor da so hemdsärmelig in St. Johannis aufgereiht steht. Auch die Mainzer Camerata Musicale musiziert ganz unformell gekleidet. Aber das täuscht: Wenn bei ihrem Jubiläumskonzert zum 30. Chorgeburtstag mit Bachs h-Moll-Messe eines nicht der Fall ist, dann ist das ein laxer Umgang mit der Musik.
Natürlich erwartet das eigentlich auch niemand. Denn der Dirigent des Mainzer Figuralchors, Stefan Weiler, nimmt seinen Job und seine Aufgabe auch schon seit 30 Jahren sehr ernst.
Faszinierend ist es immer wieder, ihm dabei zuzusehen. Wie er auswendig dirigiert und trotzdem präziser als mancher, der die Partitur vor sich hat. Wie er fast zwei Stunden lang zumindest innerlich mitsingt. Und wie er Chor und Orchester immer wieder aufpeitscht. Denn bei Weilers Aufführungen ist es eigentlich nie langweilig. Nicht nur sein Dirigierstil ist sehr extrovertiert, beweglich und dramatisch. Seine Musik klingt genauso, sie trägt jede emotionale Regung nach außen.
Dafür wird aber auch wirklich an jeder Stellschraube so lange gedreht, bis das maximal Mögliche Klang wird. Das heißt zum Beispiel, dass möglichst jeder Kontrast stark gemacht wird, manchmal sogar regelrecht überhöht. Denn von diesen Höhepunkten lebt Weilers Interpretation. Zwar bemüht er sich auch in introvertierten Abschnitten um innige Gestaltung. Aber so richtig aufblühen können er und der Figuralchor dann doch immer wieder in den musikdramatischen Höhepunkten, beim Ende des Glorias etwa oder auch im Credo. Das scheint sowieso Weilers zentraler Ansatzpunkt für die Messe zu sein. Denn hier die Differenz zwischen mythisch hauchenden, bis zur Schmerzgrenze gedehnten Abschnitten (vor allem beim „Et incarnatus est“) und der triumphal-verlocken Glaubensgewissheit besonders groß.
Das hat den Vorteil, dass die zwei Stunden, die Bach für seine Messvertonung braucht, im Nu vorüber sind: Ständig passiert etwas Neues, ständig gibt es Abwechslung und andere Reize.
Allerdings genau das auf Dauer auch ein bisschen deas Problem: Das sind – nicht immer, aber über weite Strecken – an sich reizvolle Kontraste und einfallsreiche Details, die aber unablässig gereiht werden und größere Zusammmenhänge manchmal etwas aus den Augen verlieren.
Aber auf jeden Fall ist diese h-Moll-Messe expressive Überzeugungsarbeit von der ersten bis zur letzten Note. Fast missionarisch erscheint das – als wollte uns ausgerechnet Bach, der protestantische Kirchenmusiker schlechthin, zum Katholizismus verführen. Zum Anhänger der lateinischen Messe könnte man nach so einer Aufführung immerhin leicht werden.
(geschrieben für die Mainzr Rhein-Zeitung)