bach und die virtuosen romantiker

Es wirkte zunächst fast wie eine Beer­di­gung: Der große schwarze Flü­gel, Kirill Ger­stein ganz und gar in Schwarz gewandt, der gemes­se­nen Schrit­tes zu sei­nem Platz schritt und dort war­tete, ganz in sich selbst ver­sun­ken. Aber eine Trau­er­feier war der Kla­vier­abend, das fünfte Kon­zert der SWR-Reihe „Inter­na­tio­nale Pia­nis­ten“, im Frank­fur­ter Hof nun wirk­lich nicht. Eine Respekt­be­zeu­gung aller­dings schon. Zunächst ging es näm­lich um JOhann Sebas­tian Bach. Als Kom­po­nist und als Vor­bild, als Inspi­ra­tion und als Heroe der klas­si­schen Musik auch im 19. Jahr­hun­dert.
Kirill Ger­stein hatte sein kurz­fris­tig noch geän­der­tes Pro­gramm rund um Bach kon­zi­piert, mit des­sen zwei­ter Eng­li­schen Suite als Mit­tel– und Refe­renz­punkt. Und dann spielte auch Fer­ruc­cio Busoni eine große Rolle: Zunächst, zum Warm­spie­len und zur gegen­sei­ti­gen Gewöh­nung, stand des­sen fünfte Sona­tine an — „in signo Joanni Sebas­tiani magni”. Aber schon das reichte, um Ger­steins Prin­zi­pien klar zu erken­nen: Über allem stand ihm die Deut­lich­keit. Die kna­ckige, aber sanft arti­ku­lierte Aus­ar­bei­tung der For­men, der Motive und The­men, ihrer Ver­ar­bei­tun­gen und Ver­bin­dun­gen – das lag ihm am Her­zen und das gelang ihm tre­flich.
Dar­über hin­aus hatte Ger­stein sich aber auch noch Buso­nis Toc­cata ver­schrie­ben. Hier ging es dann rich­tig zur Sache — vir­tuos aus­ge­spielt und deut­lich bis fast zur Gro­teske, zeigte er sich von tech­ni­schen Schwie­rig­kei­ten völ­lig unbe­ein­druckt.
Und noch eine Toc­cata bil­dete das Bin­de­glied von Bach und Busoni zu Liszt im zwei­ten Teil: Die C-Dur-Toccata Robert Schu­manns, die Ger­stein als Epi­so­den­hafte Traum­be­we­gung, weit ent­rückt der Rea­li­tät vor­stellte — ein Traum, der kris­tallne Klar­hei­ten offen­barte und zugleich ganz und gar irreal erschien — erst der Applaus holte ihn wie­der zurück in die Rea­li­tät.
Das war also schon eine ganze Menge. Vor allem viel Musik mit sehr hohem spiel­tech­ni­schen Anspruch. Aber Ger­stein setzte noch eines drauf und schloss den Abend mit Liszts h-Moll-Sonate ab. Die ist Schu­mann gewid­met – womit sich der Kreis der gegen­sei­ti­gen Bezie­hun­gen und Ver­weise an die­sem Abend run­dete. Natür­lich wurde das ein groß­ar­ti­ger Schluss. Auch wenn, gerade in den letz­ten Tei­len der Sonate, die Kon­zen­tra­tion ein klei­nes biss­chen nach­zu­las­sen schien, die Prä­zi­sion Ger­steins mini­mal auf­weichte. Davor ent­wi­ckelte er aber ganz viel düs­tere, kraft­volle, kon­zen­trierte, faus­ti­sche und doch ganz licht­helle Musik. Denn Ger­stein spielte das so klar und deut­lich, dass man im Geiste mit­schrei­ben hätte können.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)