Bach, Händel und Erlebach beim Mainzer Musiksommer

Für die Kam­mer­mu­sik war der Barock keine beson­ders gute Zeit – sie fand hin­ter ver­schlos­se­nen Türen statt, dort, wo ein Gön­ner sich das Ver­gnü­gen und den Luxus leis­tete oder – sel­ten genug – einige Musi­ker zusam­men­ka­men. Zum Gück ist das heute anders, heute gibt es Unter­neh­mun­gen wie den Main­zer Musik­som­mer, der die Ber­li­ner Barock-Compagney ein­ge­la­den hat, in der St. Anto­ni­us­ka­pelle die Beson­der­heit der baro­cken Kam­mer­mu­sik zu zele­brie­ren – und das dem Publi­kum zugäng­lich macht.

Baro­cke Kam­mer­mu­sik, das ist vor allem die Trio­so­nate. Die Ber­li­ner Barock-Compagney, wegen einer Arm­ver­let­zung des Gei­gers in ande­rer Beset­zung und mit leicht geän­der­tem Pro­gramm, hatte gleich drei davon dabei. Ganz beson­ders span­nend: die sel­ten zu hörende „Sonate terza“ von Phil­ipp Hein­rich Erle­bach. Der, um 1700 immer­hin mehr als drei Jahr­zehnte Hof­ka­pell­meis­ter im thü­rin­gi­schen Rudol­stadt, bie­tet hier näm­lich eine Mischung aus Sonate und Suite: In die Satz­folge der Sonate rei­hen sich meh­rere Tänze ganz unkom­pli­ziert ein. Und auch eine raf­fi­nierte, ein­falls­rei­che Cia­conne, die der Ber­li­ner Barock-Compagney Raum gibt, ihre ganze, nicht unbe­trächt­li­che Klang­pracht zu ent­fal­ten: Vom sanf­ten Säu­seln bis zum stür­mi­schen Brau­sen, vom her­ri­schen Apell bis zur fle­hen­den Bitte ist da alles wun­der­bar entwickelt.

Das gab es auch schon im Bach‘schen Trio zu hören, im Ori­gi­nal eigen­lich die fünfte der sechs Orgel­so­nate. Die drei Musi­ker nutz­ten hier ihre klang­li­che Viel­falt, ihre stär­ke­ren Dif­fe­ren­zie­rungs­mög­lich­kei­ten und den leben­dig ein– und aus­klin­gen­den Ton der Streich­in­stru­mente sehr geschickt. Noch geschick­ter gelang ihnen das aller­dings in Hän­dels F-Dur Trio­so­nate. Diese Musik selbst tanzt ein­fach, sie schlägt Fun­ken und Salti wie beim ers­ten Mal, sie
streift durch die Emp­fin­dun­gen der gemüt­vol­len Seele wie ein Wan­de­rer durch men­schen­ver­las­sene Gebiete, ent­deckte Altes neu und Unbe­kann­tes neu.

Der Esprit der Ber­li­ner Barock Com­pa­gney macht‘s mög­lich, dass die oft so sehr als tro­cken und lang­wei­lig vepönte baro­cke Kam­mer­mu­sik frisch und leben­dig glit­zert. Denn ihre Form der His­to­ri­schen Auf­füh­rungs­pra­xis lebt nicht nur von den kor­rek­ten Ver­zie­run­gen und der his­to­risch über­lie­fer­ten Bogen­hal­tung, son­dern auch in ihrer Her­an­ge­hens­weise, ihrer Neu­gierde auf die Musik, ihrer Spon­ta­nei­tät – und vor allem ihrer unbän­di­gen Lust, die sich ganz unüber­hör­bar auf die Musik überträgt.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)