Ausgegraben: Wilhelm Friedemann Bachs Kantaten

- pünk­lich zu sei­nem 300. Geburts­tag, sozu­sa­gen. Und der Bach­chor Mainz hat sie nicht nur wun­der­schön auf­ge­führt, son­dern auch für die CD und für’s Fern­se­hen (Arte/ZDF) auf­ge­nom­men. Das lief erstaun­lich wenig stö­rend — nur der Mode­ra­tor, der im Hin­ter­grund zwi­schen­drin seine Ansa­gen auf­ge­sagt hat, war ein bis­serl ner­vig. Zumal er selt­sa­mes Zeug (soweit ich es ver­stan­den habe) von sich gab — unter ande­rem tat­säch­lich mal wie­der Zitate aus Albert Emil Brach­vo­gels unsäg­li­chem Roman „Frie­de­mann Bach“.:

Noch wuseln über­all schwarz geklei­dete Män­ner herum und geben durch ihre Head­sets letzte Anwei­sun­gen, das halbe Dut­zend Kame­ras lau­ert noch in War­te­stel­lung und fängt höchs­tens die erwar­tungs­voll ange­spannte Stim­mung in der Augus­ti­ner­kir­che ein. Aber gleich wird Bewe­gung hin­ein­kom­men, wird die Fern­seh­ka­mera vor­bei an den fla­ckern­den Ker­zen der fest­lich erleuch­te­ten Semi­nar­kir­che laut­los über das Publi­kum hin­weg­lei­ten, immer wie­der vom Decken­ge­mälde der Augus­ti­ner­kir­che vor zur Solis­tin und zum Diri­gen­ten schwe­ben und die Leuch­ter dabei jedes­mal um Haa­res­breite ver­feh­len.
Denn der Bach­chor unter Ralf Otto hat wie­der ein­mal etwas Beson­de­res auf die Beine gestellt: Lange in den Archi­ven ver­ges­sene Kan­ta­ten Wil­helm Frie­de­mann Bachs, dem ältes­ten Sohn Johann Sebas­ti­ans. Und so etwas will sich eben auch das Fern­se­hen nicht ent­ge­hen las­sen: ZDF und Arte sind dabei, pro­du­zie­ren einen Kon­zert­mit­schnitt für die Weih­nachts­zeit. Und des­halb fin­det Weih­nach­ten die­ses Jahr im Juni statt. Und auch noch zeit­gleich mit Him­mel­fahrt – den Schluss des Kon­zer­tes macht näm­lich „Gott fäh­ret auf mit Jauch­zen“ — nach­dem er wenige Momente zuvor erst gebo­ren wurde.
Die aus­drück­li­che Bitte an das Kon­zert­pu­bli­kum, trotz der som­mer­li­chen Wit­te­rung in fest­li­cher Abend­gade­robe zu erschei­nen, wäre nicht nötig gewe­sen: Petrus hat ein Auge daraf, dass es nicht zu warm wurde. In der Kir­che selbst war es frei­lich ange­nehm mol­lig – die in jeder Nische pos­tier­ten Schein­wer­fer leuch­ten nicht nur die weit im Chor auf­ge­stell­ten Musi­ker aus, son­dern auch die Rest­kir­che und Publi­kum. Und sor­gen neben­bei für ange­nehme Tem­pe­ra­tu­ren.
Aber lohnt sich der ganze Auf­wand für neun­zig Minu­ten ver­ges­se­ner Musik? Auf jeden Fall.
Denn Wil­helm Frie­de­mann Bach hat tolle Werke hin­ter­las­sen, ganz ohne Frage. Er braucht dazu nicht ein­mal Chor, wie die eigent­lich recht schlichte Sin­fo­nia d-Moll beweist. Zumal Ralf Otto wie­der ein­mal die vor­treff­li­che „L‘arpa fest­ante“ aus Mün­chen ver­pflich­tet hat, die auf authen­ti­schen Instru­men­ten mit beach­tens­wer­ter Prä­zi­sion und erstaun­li­cher Emp­find­sam­keit eine hoch­e­mo­tio­nale Klang­welt her­bei­zau­bern.
Auch sonst spar­ten alle Betei­lig­ten weder an Herz­blut noch an Genau­ig­keit. Und der ver­gleichs­weise klein besetzte Bach­chor singt schein­bar beson­ders mühe­los, wech­selt in einem Wim­pern­schlag von zar­ter Ver­zü­ckung zu laut­hals juch­zen­dem Jubel. Auch die Solis­ten pas­sen sich wun­der­bar ein: Nicht nur der sam­tige Tenor Georg Poplutz und der warme, stark tönende Alt von Ger­hild Rom­ber­ger, auch der wei­che Sopran von Doro­thee Mields fügt sich vor­bild­lich in den Gesamt­klang ein. Und dann ist da natür­lich noch der lässig-souveräne, zugleich hoch­kon­zen­triert und bis zur dra­ma­ti­schen Ekstase stei­ge­rungs­fä­hige Bass von Klaus Mer­tens – ganz beson­ders groß­ar­tig in der Arie „Rüs­tet euch, erboste Feinde“ aus der spä­ten Weih­nachts­kan­tate „Ach, dass du den Him­mel zer­ris­sest“. Die war auch sonst ein Juwel – mit ihren star­ken Kon­tras­ten zwi­schen Chor– und Solo­par­tien, ihrer grund­sätz­li­chen emo­tio­na­len Expres­si­vi­tät, die durch­aus mal fast wie ein fet­zi­ger Schla­ger daher­kommt. Über­haupt ist das ein Merk­mal Wil­helm Frie­de­manns, das ihn recht deut­lich von sei­nem Vater unter­schei­det: Die Musik des Soh­nes ist viel­leicht for­mal und rhe­to­risch nicht immer so aus­ge­tüf­telt, dafür aber ungleich aus­drucks­stär­ker und emo­tio­na­ler. Und genau diese Expres­si­vi­tät kit­zelt Otto zur Freude des Publi­kums immer wie­der aus den ver­staub­ten Noten. Nur die Kame­ra­män­ner zei­gen keine Begeis­te­rung und ver­rich­ten unge­rüht ihren Dienst.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

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