Die Bühne in der Rheingoldhalle ist voll. Das riesige Orchester, zusammengesetzt aus dem Philharmonischen Staatsorchester Mainz und der Koblenzer Rheinischen Philharmonie, braucht viel Platz. Und dabei sind noch nicht einmal alle Musiker von Anfang an dabei: Der Chor und die beiden Solistinnen treten erst zum dritten Satz auf – ganz hinten, direkt an der Rückwand, findet die Domkantorei tatsächlich noch gerade genug Platz. Allein die Pauker und Blechbläser des Fernorchesters dürfen überhaupt nicht auf die Bühne. Und das alles für eine einzige Sinfonie: Gustav Mahlers Zweite, die sogenannte „Auferstehungs-Sinfonie“ ist es, die diesen riesenhaften Apparat verlangt — für ihr großes Panorama menschlichen Denkens und vor allem Empfindens, mit all seinen Höhen und Tiefen, mit Trauer und Verzweiflung, mit Ehrfurcht und Hybris, mit bohrenden Zweifeln und schließlich erlösendem Glauben. Das alles tönt bei Mahler in höchster Expressivität, gerade noch so mit klassischen Formen und Harmonik gebändigt, aber schon spürbar in alle Richtungen darüber hinaus drängend.
Und hier gehorcht alles dem Dirigentenstab Catherine Rückwardts. Die entwickelt aus Mahlers Sinfonie ein durchaus ambivalentes Bild. Zunächst, vor allem im ersten Satz, prägen harte Kontraste und abrupte Wechsel das Klanggeschehen. Mit einerseits sehr forciert zügigen Tempi, aber auch gewaltigen Bremsmanövern und stark verhaltenen Abschnitten betont Rückwardt die ewige Erschütterung der Menschen und lässt vieles fast überdeutlich lebendig werden.
Auch die Mittelsätze werden von ihr ganz bewusst auf Kontrast gebürstet. Immer wieder beschleunigt sie recht forsch und drängt das Orchester zu fast hemdsärmelig kräftigem Klang: Bloß keine simple Idylle zulassen, keine reine Seeligkeit erlauben, das scheint ihr Hauptziel zu sein. Dafür pulverisiert sie in scharfzüngiger Klangrede jede Versöhnlichkeit, jeden Gedanken an ein harmonisches und gelingendes Leben. Freilich geschieht das hier immer im Modus der historischen Erzählung, als Rest vergangener, aber eigentlich längst überholter und erledigter Zeiten, als Rückblick auf frühere Lebensentwürfe.
Und im vierten Satz verliert das dann ganz plötzlich jede reflektierte Brechung: Das Altsolo (wunderbar glatt wohllautend: Mareike Braun) ist reine Verklärung der naivsten Transzendenz, purer Wohlklang und reine Freude – ganz und gar ungebrochen. Das Finale entgrenzt das noch weiter: Das raunende „Aufersteh‘n“ des Chors (sehr souverän: die Domkantorei und Kerrie Sheppard) erscheint hier fast ungläubig ob all der vorangegangenen irdischen Mühen. Die gewaltigen Durchbrüche, die Monumentalität der penibel und ausgesprochen klar aufgetürmten Klangmassen – all das wirkt zunehmend entrückt, selbst schon ins Jenseits weisend. Und allein dafür lohnt sich der riesige Aufwand schon.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung)