Begrüßung — Verabschiedung — Interviewrunde zweimal — dazwischen noch musikalische Einlagen: Diese Lesung war gut organisiert. Aber mir war’s ein bisschen viel Tara …
Die Kerzen passen nicht mehr auf den Geburtstagskuchen. So wird es also Zeit, dass der Jubilar nach 91 Lebensjahren sich auf die Reise macht. So passiert es dem Erzähler in Urs Widmers neuestem Roman „Herr Adamson“. Und so wünscht es sich wohl auch Widmer selbst. Denn der Mainzer Stadtschreiber von 2003 macht es bei seiner Lesung im Rathaus, die die Bücherei am Dom aus Anlass der Bibliothekswoche organisiert hat, immer wieder deutlich: Die Ähnlichkeiten zwischen ihm selbst und dem Ich-Erzähler sind kein Zufall. „Ich schreibe hier meinen eigenen Tod. Und das ist anstrengend. Das Vorlesen aber auch.“ — so pariert er dann nach seiner einstündigen Lesung gekonnt die erste Frage des Moderators Sven Herget.
Auch sonst verleitet ihn das große und ernste Thema der eigenen Sterblichkeit keineswegs zu besonderem Ernst. Im Gegenteil. Weder im Buch noch bei der Lesung kann Widmer seinen Schalk, seine lebendig ausufernde Fantasie verbergen. Schon sein Roman erzählt eine eigentlich ziemlich kuriose Geschichte: Der Ich-Erzähler trifft als Achtjähriger seinen Vor-Toten: Herr Adamson. Das ist der Mensch, der genau in dem Augenblick seiner Geburt gestorben ist. Mit ihm kommt er schon – sozusagen besuchsweise – ins Reich der Toten. Und dieser Vor-Tote wird ihn am Ende auch endgültig abholen in den Tod. Doch bis dahin passiert noch eine ganze Menge, diverse Verwicklungen legen ein Zeugnis von der reichen Einbildungskraft Widmers ab.
Widmer liest das natürlich nicht alles – sein dickes inzwischen gut abgegriffenes, benutztes und bearbeitetes Manuskript, aus dem er im Ratssaal vorträgt, würde für einige Lesungen ausreichen. Geschickt wählt er Auschnitte des Anfangs, mitten aus dem Geschehen und natürlich das Ende – und überbrückt die Lücken mit fast druckreifen Zusammenfassungen des Textes. Überhaupt liest Widmer so lebendig und frisch, dass man immer wieder vergessen kann, dass der Text ja längst in gedruckter Form vorliegt. Mit kleinen Gesten und geschickter Modulation erweckt der Autor den Anschein, er erzählte einfach eine Geschichte. Und zwar eine sehr fantasiereiche. Da glaubt man ihm aufs Wort, dass für ihn nicht nur Schreiben, sondern auch das Vorlesen zwar schwer sei, aber auch glücklich – und süchtig — macht. Die Gefahr besteht allerdings auch, wenn man Urs Widmer nur zuhört.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)