Was ist das wohl, ine „Bewusstseinsnovelle”? 1 Ob Botho Strauß das vernünftig definieren oder erklären könnte? Immerhin hat er eine geschrieben. „Die Unbeholfenen” heißt sie, ein kleiner Text, der im dtv-Taschenbuch mit Mühe auf 123 Seiten kommt.
Der Text sieht schon auf den ersten Blick wie ein echter Botho-Strauß-Text aus: Mit den typischen Textblöcken, die meist ein bis ein paar wenige Absätze umfassen und schön säuberlich von einander getrennt werden. Ein einzelner Gesprächsbeitrag, ein einziger Teil einer Diskussion kann sich aber auch gerne über mehrere solcher Abschnitte hinziehen — etwas gewöhnungsbedürftig, das. Aber daran stört man sich bald nicht mehr. Denn es kommt ziemlich häufig vor. Weil bei den Unbeholfenen nämlich vor allem das getan wird: geredet. Oder diskutiert. Obwohl, so viel Diskussion ist da gar nicht, das sind eher eine lange Reihe von Statements, die da in den Raum gestellt werden, von anderen ergänzt werden — aber Gegenrede oder Einspruch, so etwas kommt nicht vor.
Es sind nur wenige, seltsam blass erscheinende Menschen, die hier beteiligt sind. Zunächst im Zentrum der ehemalige Traumdeuter Florian Lackner, der eine seltsame Gruppe verschworener, abgeschieden lebender, fast sektenartig erscheinender Menschen — die „Unbeholfenen”? — besucht: Da ist Albrecht, der älteste Bruder der vier Geschwister; Nadia, so etwas wie Florians Geliebte (so einfach lassen sich die Beziehungen hier nicht (mehr) fassen); die wesentlich jüngeren Zwillinge Elena und die taube Ilona sowie Romero, ehemaliger Liebhaber Nadias. Und kurz vor Schluss, als Katalysator — und wohl so etwas wie Goethes „unerhörte Begebenheit” — die Mutter der hier versammelten Geschwister, die dann auch noch so etwas wie Florians Geliebte wird — es ist also ziemlich kompliziert … Aber darum geht es auch gar nicht so sehr. Vielmehr um die hier geführten Gespräche — denn die sind ja auch der „eigentliche” Text der Bewusstseinsnovelle. Die Gespräche einer sehr konzentrierten, auf sich selbst fokussierten Gruppe. Albrecht, so etwas wie der „Chefideologe” dort, erklärt das einmal so:
Und nur eine Bindung, eine Ordnung durfte gelten in diesem Haus, in dem wir uns vor den seelenräuberischen Einflüssen der Zeit, so gut es ging, durch engsten Zusammenschluß bewahren wollten. Wir sind als Einzelmenschne wie als Geistfiguren Endstationen. Keiner von uns wird Kinder haben. Niemand je wieder so denken wie wir. Auch verstehen wir uns nicht als Abkömmling unserer Eltern. […] Also, mti einem Wort: keine Eltern, keine Kinder. Kein Vorher, kein Nachher. Endstationen. (46f.)
Am Anfang fand ich das schrecklich mühsam und quälend. Keine Wunder: „Zwar merkst du bald: Es handelt sich um eine fortwährende Unterhaltung, die anscheinend dieser Abgeschiedenen einzige Beschäftigung, ja ihr ehrgeiziges Lebenskunstwerk ist. Das grenzt und stößt dich ab zunächst.” (50) Jetzt, nach einer kleinen Ruhepause, ging es dann aber doch recht zügig zu lesen. Denn Strauß ist ja immer noch ein nicht so schlechter Stilist. Seine Texte, auch dieser, haben eigentlich immer eine hohe sprachliche Eleganz. Hier freilich kam die mir oft etwas spröde und trocken vor — fast so wie der Prunk vergangener Zeiten, irgendwie, es liegt ein Hauch von Nachzeitigkeit über dem Text — äußerlich und innerlich. Und stellenweise wird das, also die gelobte Eleganz seines Ausdrucks, auch arg bemüht und gezwungen. Einen vernünftigen Flow hat die Novelle eh’ nicht — zumindest habe ich keinen gefunden …
Aber darum soll es wohl auch nicht gehen. Sondern um die hier vorgeführte Zeitdiagnostik. Und die ist, wen wundert es bei diesem Autor, nicht so sehr rosig. Zumindest für die Gegenwart nicht — der Straußsche Kulturpessimismus, die Ablehnung der Moderne und ihrer Erscheinungen sowie Folgen, all das schlägt sich hier immer wieder nieder. Menschen als Individuen verschwinden, gehen unter, haben keine Äußerungs– oder Gestaltungsmöglichkeit mehr. Und das ist natürlich ein ziemlich heftiger Vorwurf, eine starke Anklage an, ja, an wen eigentlich? An die Zeit? An die Gegenwart? An die Menschen selbst, die das hinnehmen oder gar nicht erst erkennen?
Erschwerend für die Orientierung kommt hinzu, daß ich immer schlechter den leibhaftigen Menschen von seinem Schatten unterscheiden kann. Computeranimiert erscheinen sie mir beide, Realperson wie Schablone — doch wer gleicht sich wem an? Wer kommt aus wessen Werkstatt? Gerade erst entworfene Geschöpfe, Atavare, keuchen neben mir im Sportstudio oder servieren mir im Café das Frühstück. Kein Unterschied im Sprechen, Gehen, Meinen: lauter Animiert ohne anima. (56)
Oder, wenig später:
Am Ende der modernen Bewußtseinsgeschichte, die vielleicht mit Cézannes Ausruf: Nichts entgeht mir! begann, steht nur noch die Ruine des Informierten, der nichts mehr bedenkt und schließlich auch nichts mehr mitbekommt, Infodemenz. (64f.)2
Was fehlt, ist natürlich — klar — das klassische „reflektierende Subjekt”:
Weshalb es allgemein nicht mehr zu einer Krise des Wissens oder Bewußtseins kommt udn eine solche auch für die Zukunft nicht zu erwarten ist, hat […] vor allem damit zu tun, daß das reflektierende Subjekt für unsere Wirklichkeitsauffassung so gut wie keine Rolle mehr spielt.
Das ‚Ich’, Held empfindsamerer Zeiten, ist heute eine minderbemittelte Instanz, wenn es um die vielfältigen Verarbeitungen von Informationen geht. Es wird letztlich nicht fertig mti der Last an Ungedachtem, Rohem, nämlich Informationen, die sich ihm nicht einbilden wollen. (81)
Das ist schön diagnostiziert, bleibt aber beim Blick auf die defizitäre Gegenwart irgendwie doch stehen. Denn die Unbeholfenen geben ja auch keinen Ausweg — sie sind ja nur „Endstationen”. Und ihr Versuch endet ja ganz seltsam, in der totalen Verwandlung in so etwas wie oberflächliche Glückseligkeit, die mit der (Wieder-)Aufnahme der Mutter, die durch Florian veranlasst wird, ausgelöst wird (oder so ähnlich …). Es bleibt also dochnur bei Ahnungen, Voraussichten oder Weissagungen — kurz vor Schluss wird noch einmal eine offenbar weit verbreitete, immer wiederkehrende beschrieben:
Alle fürchten ihn, doch uns wird er verschonen. Ich spreche vom Feuerball der Wertlosigkeit. Er rast durch unsere Einrichtungen, Parlamente und Institute, nicht nur durch die Banken und Handelshäuser, sondern auch durch Schulen, Vereine, Freundschaften und Familien. Ein Feuerball, der alles mit sich reißt, was noch real und von faßbarem Bestand ist. Alles verbrennt er im Nu und bläht sich zum Roten Riesen. Es wird nichts gründlich Neues geben, ehe nicht eine gewaltige Explosion der Wertlosigkeit sich ereignet hat. (118)
Düstere Aussichten, also. Zumindest vorerst.
Botho Strauß: Die Unbeholfenen. Bewusstseinsnovelle. München: dtv 2010. 123 Seiten. ISBN 978−3−423−13827−7.
- Eigentlich müsste ich ja „Bewußtseinsnovelle” schreiben — denn Botho Strauß hält (natürlich) an der alten Rechtschreibung fest, konservativer Knochen der er ist — aber davon lasse ich mich jetzt mal nicht stören. ↩
- Eine Diagnose, die ja nicht nur bei Strauß zu finden ist, sondern — vor allem wenn es um Nutzer des Internet geht — immer wieder gerne auftaucht und besonders von den Bewahrern der Kultur gerne angeführt wird … ↩