Im toten Winkel des Lebens, dort, wo man nicht oder nur unter großen Umständen hinschauen kann oder hinschauen mag, spielen sich die Geschichten aus Ulrike Almut Sandigs Band „Flamingos” ab.
Es sind auch tatsächlich „Geschichten” und nicht Erzählungen, darauf legt die Autorin — der Untertitel weist darauf hin — offenbar wert. Zugleich scheint sie die damit verbundene Bedeutung — nämlich „wahre” Geschichten, reale, lebende, nicht bloß erzählte — aber mit der Anmerkung am Schluss des Bandes wieder zu widerrufen. Oder zumindest zu relativieren: „Alle in diesem Band versammelten Geschichten sind phantastischer Natur. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder historischen Tatsachen sind rein zufällig.” Möglicherweise ist das aber auch nur die Angst vor den Gerichten … Denn erkennbar ist in den Geschichten kaum etwas — ob die nun „erfunden” oder „wahr” sind, ist ohne Belang. Genau das ist aber ein wesentliches Merkmal von Sandigs Kunst: Ihr Realitätssinn. Der allerdings nicht in bloßer Mimesis, im simplen Nacherzählen sich erschöpft. Schon das oben zitierte caveat enthält ja einen Hinweis auf eine ganz wesentliche Komponente ihrer Prosa: das phantastische Moment. Zwar bleiben die elf kurzen und etwas längeren Texte durchweg sehr real, realistisch. Aber sie verbergen nie den Blickwinkel des Phantasten, der Phantastin, die das hier erzählt (oder auch nicht erzählt, sondern nur „niederschreibt”).
Freilich, das ist vielleicht größtes Kunststück der Autorin, die bisher vor allem als Lyrikerin hervortrat: Phantastisch im Rahmen der Möglichkeiten des realen Lebens. Also, das soll heißen: Sie sind eine Spur unwirklich, aber immer möglich. Unwirklich vor allem aufgrund ihrer Intensität — der Beobachtung und Schilderung, der genauen psychologischen Gestaltung der Figuren, ihrer Handlungen und ihrer Motivationen. Die sind immer schon vertraut, aber nicht banal oder bloß alltäglich: Durch den phantastischen Überschuss minimal vefremdet (wobei verfremdet eigentlich falsch ist: verdeutlicht, stärker konturiert — damit sogar näher, nicht fremder als die bloße „Wirklichkeit”) und damit wirklicher als die Wirklichkeit.
Man kann nicht sagen, dass das in dem einen oder anderen Text besser oder schlechter gelingt. Besonders deutlich aber wird es etwa in „Mutabor”, der Geschichte zweier Schulmädchen und Freundinnen, das eine (fast) blind, die andere an ihrer Seite — bis ein eigentlich gutmütiger Musiklehrer die blinde Anja in ihren Unfalltod treibt. Eine sehr tragische, aber unglaublich liebevoll geschilderte Geschichte. Und eine Geschichte, die — so etwas findet bei mir immer besonderen Anklang — mit sich selbst und der Möglichkeit ihrer selbst spielt, also selbstreflexiv das Erzählen der gerade erzählten oder erzählenden Geschichte in den Blick nimmt.
Die rührende Emotionalität der Sachlichkeit, der den Figuren ganz nahekommenden Distanz, das ist die große Stärke Sandigs. Nirgends wird das wohl deutlicher als in „Vatertod”, einer Geschichte, die den schon im Titel — mit dem merkwürdigen klingenden, nah und distanziert zugleich erscheinenden Wort perfekt beschriebenen — angereissenen Vorgang beschreibt und entfaltet, in seiner Banalität — alle Väter sterben irgendwann — genauso eindrücklich wie in seiner Individualität und bedrückenden Einmaligkeit.
Wer also gerne eindringliche, eindrucksvolle Geschichten liest, die auch ohne vielfältige äußere Geschehen, ohne große „Ereignisse” oder dramatische Wendungen ihre Kraft entfalten und von der Wahrhaftigkeit und Lebendigkeit ihrer Figuren leben können, dem sei dieser Band — mit 172 Seiten auch nicht gerade ein unüberwindlicher Wälzer — sehr ans Herz gelegt.
Ulrike Almut Sandig. Flamingos. Geschichten. Frankfurt am Main: Schöffling 2010. ISBN 9783895611858 (bei Goodreads, bei Amazon)