feldforschung oder erzählung?

am wochen­ende gele­sen: tho­mas meine­ckes schma­les bänd­chen feld­for­schung (frank­furt am main: suhr­kamp 2006). der unter­ti­tel behaup­tet, das seien erzäh­lun­gen. ich habe da so meine zwei­fel.
eigent­lich war ich bis­her von meine­ckes schrift­stel­le­ri­schen arbei­ten immer recht ange­tan: tom­boy habe ich vor eini­gen jah­ren mit gro­ßem ver­gnü­gen gele­sen, dann auch holz und The church of John F. Ken­nedy sehr genos­sen. die vor­ein­stim­mung auf die­sen band, der als &gdquo;narrativer Bei­trag zur im AUgust 2006 eröff­ne­ten Aus­set­lung ‚das achte feld. geschlech­ter, leben und begeh­ren in der kunst sein 1960′“ ent­stand, war also durch­aus posi­tiv. den hin­ter­grund zitiere ich aus dem klap­pen­text des­halb so aus­führ­lich, weil er wahr­schein­lich nicht ganz unwe­sent­lich für die form des tex­tes bzw. der elf stü­cke ver­ant­wort­lich ist. vor allem aber, weil er so auf­fäl­lig noch ein­mal das wort „nar­ra­tiv“ bemüht. denn das ist eigent­lich der knack­punkt bei die­sem werk: wird hier über­haupt erzählt? ist es erzäh­len, wenn sei­ten­lang die dis­kus­sion einer eng­lisch­spra­chi­gen mai­ling­liste über drag queens und kings bzw. ihre zwi­schen­stu­fen und über­la­ge­runge und deren ange­mes­sene und kor­rekte bezeich­nung zitiert wird? oder ist das zitat nur fik­tion? die per­so­nen­na­men sind jeden­falls real und könn­ten auch — nach einer kur­zen inter­net­su­che — zu den ent­spre­chen­den aus­sa­gen pas­sen. eigent­lich ist es aber egal, denn die wirk­lich­keit ist offen­bar nur noch der/ein/ text — und das heißt ja auch, dass wirk­lich­keit (und erst recht natür­lich mime­sis) kein kri­te­rium mehr ist. also, die frage bleibt aber auch unab­hän­gig von der fik­tio­na­li­tät die­ser pas­sage: was wird hier eigent­lich erzählt? natür­lich geht es um geschlecht(er), um ihrer kon­struk­tion, wahr­neh­mung etc. — fast hätte ich geschrie­ben: das übli­che meinecke-thema. aber noch ein­mal: ist das erzählt? es wir ja nur „be“-schrieben, nur situa­tio­nen geschil­dert. nur ganz sel­ten geschieht etwas, gibt es ent­wick­lun­gen und nur in weni­gen ansät­zen gibt es so etwas wie zeit. und das scheint mir doch schon ein merk­mal von erzäh­len zu sein, dass zeit in irgend einer form anwe­send ist, eine rolle spielt. wenn über­haupt noch reste sozu­sa­gen von dem, was man geläu­fig unter erzäh­len fasst, zu fin­den sind, sind sie ganz meinecke-typisch neu­tra­li­siert1: das grund­sätz­li­che prä­sens zum bei­spiel. die unklar­heit von gender/sex der erzähl­stimme — wo es sie noch gibt. zum bei­spiel in mis­ter gay, der rekon­struk­tion eines über­falls auf eine schwu­len­bar, bei der es natür­lich auch wie­der um die ver­schwim­men­den gren­zen geht: die über­gänge von rea­li­tät in fik­tion, von bericht (des­sen stil­mit­tel vor­herr­schen) zur erzäh­lung zum dreh­buch, von psy­s­chi­cher „nor­ma­li­tät“ zu „krank­heit“ usw. usf. oder, auch eine eher spe­zi­elle art des erzäh­lens: ody­see, wo der text nur noch aus einer zeit­ta­fel und der — deu­ten­den — über­schrift besteht.
da ließe sich bestimmt noch viel mehr dazu sagen. aber ob es sich lohnt? denn immer wie­der dreht es sich aber — in die­ser häu­fung dann auch schon sehr pene­trant — um die unklar­hei­ten des geschlechts, seine kon­struk­tio­nen, seine iden­ti­tä­ten (und deren kon­struk­tio­nen)2 und so wei­ter: „schon als klei­ner junge war sie“ (63). wer das aber kapiert hat — und die meinecke-leser ken­nen das ja eh’ schon -, dem ist eigent­lich auch schon alles klar, was diese texte wol­len. und der rest ist vor allem langweile.

  1. ein typi­scher anfang bei meine­cke geht z.b. so: „bras­sai, unter dem unga­ri­schen namen gyula haláSZ gebo­ren im sie­ben­bür­gi­schen kron­stadt, rumä­nisch bra­sov, wovon er sein pseud­onym pho­ne­tisch ablei­tete, des­sen lebens­weg von österreich-ungarn über deutsch­land nach frank­reich führt, in den frü­hen 1930er jah­ren, auf sei­nen nok­tur­nen foto­gra­fi­schen streif­zü­gen durch das soge­nannte geheime paris, augen­blick­lich im le mono­cle, einer, wie er sich, hete­ro­nor­miert, aus­drückt, aus­schließ­lich dem schö­nen geschlecht gewid­me­ten bar, in wel­cher sämt­li­che frauen, die wir­tin, sie hört auf den namen lulu de mont­par­nasse, die andern­orts leicht­be­klei­de­ten bar– und ani­mier­mäd­chen, die kell­ne­rin­nen, selbst die gar­de­ro­biere, män­ner­klei­der tra­gen.“ (58) und das ist gerade ein­mal der erste absatz, es geht noch fünf sei­ten so wei­ter.
  2. er brachte mir bei, was ich war, denn ich hatte ja nie zuvor von fag hags gehört.“ (104)

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