Christian Friedrich Daniel Schubart kennen viele. Bzw. seine zehnjährige Haft auf dem Hohenasperg. Danach hört es mit dem Wissen aber schon bald auf — je nach Gusto kann man dann vielleicht noch ein paar Takte zu seinen Liedern sagen, seine journalistischen Arbeiten erwähnen oder auf das eine oder andere Gedicht erwähnen. Bernd Jürgen Warneken hat vor einiger Zeit eine Biographie dieses Mannes geschrieben, die ich jetzt endlich mal gelesen habe (auf der Liste stand sie schon lange …). „Der unbürgerliche Bürger” hat er sein bei Eichborn in der „Anderen Bibliothek” im letzten Jahr erschienenes Buch betitelt.
Das gibt sich irgendwie schon als Biographie, ist dann aber doch als Lebensbeschreibung nur halbherzig umgesetzt. Denn Warneken liefert vor allem so etwas wie eine geistige Biographie, das simple „Leben”, seine äußere Gestalt spielt hier kaum eine Rolle, das Wissen darum (und nicht nur darum, aber dazu später mehr) wird eigentlich vorausgesetzt: Eine Biographie ohne Bios, sozusagen (aber natürlich gilt das nicht absolut, sondern tendenziell). Wobei ich, wenn ich das so schreibe, auch schon wieder einschränken muss: „Geistige Biographie” trifft es auch kaum. Denn Warneken beschränkt sich recht stark auf die schriftlich-literarischen Zeugnisse Schubarts (und seines Sohnes). Wie Schubart wurde was wer war lässt er z.B. auch weitgehend im Dunkel.
Wer war also Schubart — oder wer war er für Warneken? Vor allem vieles zugleich. Immer wieder wird seine Multigenialität betont, seine Fähigkeiten, die sich gleichermaßen auf das Gebiet der Musik wie der Literatur, auf den Journalismus wie die Pädagogik, auf das Deklamieren Klopstock’scher Gedichte wie auf das Improvisieren an der Orgel erstreckten. Und Schubart scheint hier als Ekstatiker, der sein Genie gegen die behäbige, saturierte Bürgerlichkeit setzt. Und zwar auf allen Feldern, auf denen er tätig war: Als Literat, Journalist, Rhetor, Lehrer, Prediger, Musiker (Komponist, Pianist, Organist), Deklamator … Überall begeistert sich Warneken mit Schubarts Zeitgenossen an der Schnelligkeit der Ideen, der Einfälle Schubarts — und der (oftmals improvisierten) Ausführung, die öfters auch mal im unfertigen stecken bleibt.
Die Leidenschaft(en) sind Warneken also so etwas wie der zentrale Begriff zum Verständnis seines Subjektes: „Schubarts Engagement für die ‚Leidenschaften’ ist ein Plädoyer für einen umfassenden bürgerlichen Aufbruch: für das künstlerische Geniewesen, für wirtschaftlichen Unternehmungsgeist, für politische Reformatoren und Bewegungen; und es ist zugleich Gegenwehr gegen die andere Seite des bürgerlichen Zivilisationsprozesses, die dem Individuum wachsende psychische Selbstzwänge, mehr Gefühlskontrolle, mehr Askese auferlegt.” (91)
Oder, in anderem Zusammenhang: „Schubart ist nicht nur ein Kind, er ist ein Musterkind des ‚geselligen Jahrhunderts’, dabei niemals zufrieden mit distanzwahrender Konversation, sondern heiß bemüht um Konvergenz, die auch die körperliche Zu-Neigung einschloß.” (81)
Ein bisschen unklar bleibt dabei aber, ob Schubart nun typische Entwicklungen des Bürgertums im späten achtzehnten Jahrhundert in Deutschland in sich konzentriert oder aus dieser Form eher hinausfällt: „Theologe, Lehrer, Kirchenmusiker, Adelsunterhalter, Privatsekretär, freier Autor: In Schubarts bis dahin (1773) elfjähriger Berufsbiographie verdichtet sich die ENtwicklungsgeschichte der frühbürgerlichen Intelligenz in Deutschland.” (109) — auf der einen Seite. Auf der anderen Seite dann die „Unbürgerlichkeit” Schubarts: Der Schubart, den Warneken hier beschreibt, ist eigentlich im wahren Sinne nicht nur ein unbürgerlicher Bürger, sondern überhaupt keiner (was etwa seine Einstellungen zu den Leidenschaften angeht, die sich ja nicht nur literarisch, sondern auch handfest im Lebensvollzug äußert …). Die Liebe und ausdauernde Hinwendung zum Wirtshaus und darüber hinaus zum Volk und seiner Masse als mehr oder weniger direkt avisiertem Ziel der „Deutschen Chronik” (Warneken würdigt Schubarts Bemühungen um eine diesem Ziel angemessene Sprache ausführlich) sind da eigentlich deutliche Zeichen. Aber auch die Tatsache, dass Schubart ein Bürger höchstens im Äußeren ist (etwas nach der Haft als Theaterdirektor in Stuttgart) — und das auch nur geradeso, mit vielen Übertretungen und Dehnungen der Moral/des (bürgerlichen!) Anstands, der Zucht (im Kirchendienst!), des in der Gesellschaft eigentlich Üblichen …
Dazu passt natürlich recht eigentlich auch seine fürstenkritische Haltung und die entsprechende Agitation. Aber alles in allem bleibt dann bezüglich Schubart vor allem der Eindruck ewiger Ambivalenzen hängen, der Unklarheiten seiner Auffassungen und Ideen: War er z.B. Republikaner, gar Demokrat, oder Monarchist? Gläubiger Christ oder Volksaufklärer? Usw. (und da stellt sich mir öfters die Frage: Muss man wirklich bei der Ambivalenz Schubarts stehenbleiben? Soll heißen: War er sich selbst wirklich unklar, so schwankend? Oder müsste man nur noch genauer hinschauen und die Texte, in erster Linie natürlich die Jahre der „Chronik”, detaillierter analysieren? Mangels Quellenkenntnis mir nicht möglich, aber immerhin denkbar — Warneke zitiert in der Regel nur offensichtliches bzw. schließt — so scheint es mir — recht umstandslos aus scheinbar offensichtilichen Äußerungen in der „Chronik” auf die Haltung Schubarts. Das müsste man wohl noch präzisieren …)
Sagen kann Warneken immerhin: „Gewiß ist Schubart kein Sozialreformer. Er denkt — wie das aufgklärte Bürgertum der Zeit allgemein — nicht im entferntesten an eine Aufhebung der ständischen Ordnung, sondern fordert lediglich Respekt, Rücksicht, Milde im Ungang mit den Unterschichten ein. […] Schubartscher Zorn also, der aber nur eine fürsorgliche Herrschaft einfordert.” — und keine Ablösung der Herrschaft (191)
Zur allgemeinen und speziellen Vielseitigkeit Schubarts gehört aber auch seine Fähigkeit der adaptiven Eigendarstellung: Gegenüber der Ehefrau verhält er sich anders (und berichtet denselben Vorfall anders) als zum Schwiegervater als zum Freund als zum Vorbild als zum Vorgesetzten.
Dieses Buch ist also einerseits v.a. eine Berufsbiographie und eine Beschreibung der Mentalität, des diskursiven Feldes, in dem Schubart sich bewegte (also wenig „Lebensbeschreibung”), zum anderen aber genau in diesem Punkt zu wenig, zu zufällige Einbettung und Verknüpfung mit Geistesgeschehen udn politischen Vorgängen/Entwicklungen seiner Zeit. Das alles geschieht durchaus, scheint aber irgendwie mehr oder weniger zufällig, en passant, auf gut Glück zu passieren (das Literaturverzeichnis gibt sich da auch extrem zurückhaltend …). In dieser Hinsicht setzt Warneken dann wieder ein durchasu solides Allgemeinwissen der politischen und kulturellen Geschehnisse der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts voraus, aber andererseits — vielleicht war das aber auch der Verlag … — werden in den langen Quellenzitaten unheimlich viel eher geläufige Wörter per Anmerkung erklärt: Allzuviel Wissen und Recherchefähigkeit wird dann doch wieder nicht erwartet. Und irgendwie erschien mir diese Ambivalenz auch wieder typisch für dieses Buch, das — so mein Eindruck — nicht genau weiß, was es sein will: Biographie oder Werkanalyse, umfassende Kulturgeschichte oder spezielle Analyse eines Einzelfalls.
Dessen ungeachtet liest es sich aber angenehm flüssig. Die fast übervielen, oftmals erfrischend ausführlichen Quellen-Ausschnitte und Zitate aus dem Werk Schubarts und seinen Briefen sowie die reichhaltige Ausstattung mit ausreichend sorgfältig reproduzierten Abbildungen prägen deutlich das durchaus schön gemachte Buch (natürlich, ist ja Teil der Anderen Bibliothek, das ist ja immer noch eine gewisse Restverpflichtung, auch wenn der Standard nicht mehr ganz so hoch ist wie bei den frühen Bänden).
(Das ist jetzt weder eine ausreichend gerechte Würdigung des Buches von Warneke noch des Lebens von Schubart, sondern nur eine Ansammlung einiger loser Gedanken und Einfälle oder Assoziation, die mir beim Lesen untergekommen sind und sich festgesetzt haben, aber überhaupt keinen weitergehenden Anspruch haben.)
Literatur von Christian Friedrich Daniel Schubart gibt es übrigens auch im Netz, etwa bei Wikisource, bei Zenodot oder beim Projekt Gutenberg.
Bernd Jürgen Warneken: Schubart. Der unbürgerliche Bürger. Frankfurt am Main: Eichborn 2009 (Die Andere Bibliothek 294). 419 Seiten. ISBN 978−3−8218−4598−2.