Drachentocher: Aufwachsen, Leben & Rebellieren in der DDR

Die „Dra­chen­to­cher” von Kers­tin Młynkec ist ein beson­de­res Buch. Beson­ders etwas in der Bru­ta­li­tät des Inhalts und ihrem Nie­der­schlag in der Spra­che: Erzählt mehr oder weni­ger in der Ich-Form (Ich kann var­ri­ie­ren in sei­ner Gestalt im Text …) von der Kind­heit und Jugend und frü­hen Erwach­se­nen­zeit einer abso­lu­ten Außen­sei­te­rin in der DDR, die — unehe­li­ches Kind, halbe Sor­bin, halb aso­zial, halb analpha­be­tisch, jeden­falls im fort­wäh­ren­den — auch kör­per­li­chen — Kon­flikt mit Mut­ter und Staat bzw. sei­nen Für­sor­ge­in­sti­tu­tio­nen (die so für­sorg­lich nicht of sind) und ihren per­so­nel­len Ver­kör­pe­runge, im Erzie­hungs­heim, in der Schule, bei der Aus­bil­dung und in ver­schie­de­nen Betrie­ben — nicht ihren Lebens­weg, son­dern eher ihren Lei­dens­weg hier beschreibt …

Das wäre wahr­schein­lich nur mit­tel­mä­ßig inter­es­sant, wäre da nicht die abso­lut ein­ma­lige sprach­li­che Form, in der Młynkec dies in ihrem Erst­ling erzählt. Sie tut das abso­lut bru­tal teil­nahms­los und gran­dios poe­tisch zugleich: Die­ser Roman ist eine Mischung aus teil­neh­men­der Selbst­be­ob­ach­tung und Ver­ar­bei­tung durch radi­kale Poe­ti­sie­rung — immer wie­der pas­sie­ren da kleine Wun­der. Man müsste sich nur die Per­so­nen­na­men anschauen, die auf ihre Weise spre­chend sind und kleine Sprach­kunst­werke, Minimal-Gedichte sozu­sa­gen. Das alles wird dann aber in einer der­art sim­plen parata­ki­schen Rei­hung erzählt, die von der ers­ten Seite bis zum letz­ten Satz fast voll­stän­dig ohne Kon– oder Sub­junk­tio­nen aus­kommt und damit in ziem­lich groß­ar­ti­ger Weise mit der poe­ti­schen Spra­che der Sätze, ihren abwegig-schönen Ver­glei­chen vor allem, in Kon­flikt gerät. (Und die steht ja wie­derum in Kon­flikt zum Inhalt, der eigent­lich nie zu die­ser Schön­heit pas­sen mag — höchs­tens wenn die Erzäh­le­rin sich kurze Momente der Frei­heit, des Bei-sich-selbst-Seins ermo­gelt und schafft: auf dem Pferderücken.)

Der Weg der Außen­sei­te­rin oder (stil­len) Rebel­lin führt die namen­lose Prot­ago­nis­tin bis in die Obdach­lo­sig­keit (in Ber­lin, Prenz­lauer Berg), mit und ohne Arbeit. Sie stellt einen Aus­rei­se­an­trag, unter­nimmt einen fast geglück­ten, aber abge­bro­che­nen Flucht­ver­such am Bro­cken, for­ciert die (Wieder-)Entdeckung der sor­bi­schen Wur­zel als wesent­li­chen Iden­ti­täts­bau­stein und der sor­bi­schen Spra­che als des­sen Aus­druck. Aber auch das klappt nicht so rich­tig nach­hal­tig: „Meine Iden­ti­tät ist nur noch ein Käfig, aus dem der Papa­gei längst ent­flo­gen ist.” (279) Oder etwas spä­ter: „Ich bin Sor­bin. Ob das ein Pro­blem ist, weiß ich nicht, ein Poli­ti­kum auf jeden Fall.” (283)

Das Buch ist so vol­ler Selt­sam­kei­ten, gesuch­ten und wun­der­schö­nen Ver­glei­chen, unge­wöhn­li­chen Bil­dern, star­ken Meta­phern, dass irgen­wann nur noch die größ­ten Abe­ra­tio­nen auf­fal­len. Zum Bei­spiel „ÿbl” — wirk­lich mit Diä­rese über dem y — was das sein soll, ist mir völ­lig unklar? Viel­leicht eine Mar­kie­rung, ein gezielt ein­ge­setz­ter Fremd­kör­per, so wie das „Übel” von außen auf die Erzäh­le­rin her­ein­bricht, in sie kommt. Es taucht aller­dings auch in ande­ren Zusam­men­hänge, zusam­men als „ÿblegte” auf, die so nicht unbe­dingt zu erklä­ren sind …

Das ist fas­zi­nie­rend, unge­heuer mit­rei­ßend in sei­ner atem­lo­sen Schön­heit und has­tig pul­sie­ren­den Gewal­tig­keit der Bru­ta­li­tät, die hier — per­so­nell und insti­tu­tio­nell — gegen ein Indi­vi­duum oder (bes­ser gesagt) ein mensch­li­ches Wesen, das gerade erst ein Indi­vi­duum wer­den mill/möchte/sollte und so mit aller Gewalt immer wie­der daran gehin­dert wird.

Dra­chen­toch­ter” endet — natür­lich, wie das momen­tan bei Roma­nen über die DDR so üblich ist — mit dem Fall der Grenze (in Ber­lin) in Kapi­tel 24 und einem kur­zen Aus­blick in die fol­gende Frei­heit und ihrer Irrun­gen (das Ende in Süd­ost­asien und Süd­ame­rika ist sicher­lich der schwächste Teil des Buches), was gleich für eine Reise zu Bri­gitte Bar­dot genutzt wird:

Der fran­zö­si­sche Grenz­po­li­zist guckte tief ins Archiv mei­nes DDR-Reisepasses. Er fand her­aus, daß ich mit dem Aus­weis eines Lndes reiste, das schon längst von der Welt­karte ver­schwun­den ist. „Der Welt­un­ter­gang fängt ganz klein an”, sagte ich, und er ließ mich bis zum Kra­ter pas­sie­ren, in dem die DDR ver­schwun­den war. So kam ich nach Ber­lin, gerade noch­recht­zei­tig, um die alte Wäh­rung gegen die Hälfte der neuen ein­zu­tau­schen. (270)

Mein Lieb­lings­satz des Buches ist die­ser hier:

Ein Mäh­dre­scher ent­kornte gerade Rog­gen, das abge­schnit­tene Blond­haar des Som­mers hin­ter sich wer­fend. (225)

Aber von denen gibt es da ganz, ganz viele, so dass „Lieb­lings­satz” viel­leicht doch über­trie­ben ist …

Kers­tin Młynkec: Dra­chen­toch­ter. Rein­bek: Rowohlt 2005 (Ber­lin 2004). 288 Sei­ten. ISBN 3−499−23972−8.

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