Dietmar Dath dichtet Deutschland dicht

(sorry, die Alli­te­ra­ti­ons­kette musste sein …)
Das also ist es, das neu­este Buch von Diet­mar Dath. Und es hin­ter­lässt mal wie­der das typi­sche Dath-Gefühl nach dem Lesen: Begeis­te­rung und freu­di­ges Stau­nen, aber auch Irri­ta­tio­nen, Unver­ständ­nis und Ablehnung.

In vie­ler­lei Hin­sicht ist „Deutsch­land macht dicht” (mit pas­sen­der Web­seite, die aber erstaun­lich mager wirkt) wirk­lich ein typi­sches Dath-Werk. Zum Bei­spiel wie­der mal mit leicht ver­schlüs­sel­ten „rea­len” Per­so­nen — die „erha­bene Zei­tung” ist natür­lich die FAZ, deren Redak­tion Dath schließ­lich mal ange­hörte, Bernd Voll­fens­ter, „Held des direk­ten begriff­li­chen Zugriffs” (58) (diese Namen, ihre glei­cher­ma­ßen phan­tas­ti­sche und doch imemr auch banale Gestalt, sind typisch für Dath über­haupt) erin­nert als Feuilleton-Chef natür­lich an Frank Schirr­ma­cher und so wei­ter und so fort.

Dazu kom­men dann noch Hen­drik Kilian, Clea Pin­guin (deren Mut­ter ziem­lich gran­dios cha­rak­te­ri­siert wird: „Hilde Pin­guin war alles andere als die Her­rin ihrer eige­nen Ange­le­gen­hei­ten. Im Gegen­satz zu den ganz gro­ßen Ver­bre­chern, die den Pla­ne­ten zu der Hölle zuge­rich­tet hat­ten, die er den meis­ten Men­schen war, mußte sie zuse­hen, daß si von ihrem vie­len Glück nicht hin­ter­rücks auf­ge­fres­sen wurde.” (32)) und Rosa­lie Voll­fes­ter als behü­tete Kin­der mehr oder weni­ger rei­cher Frank­fur­ter Bür­ger im Beginn und Zen­trum der „Mandelbaumiade”.

Und unter­des­sen sperrt der Kanz­ler (der frü­her mal eine Frau war und kopf­über im Büro hängt) in Anwe­sen­heit des Wirt­schafts­mi­nis­ters und des „Geis­tes” Schum­pe­ters das Land zu — der Monogenis-Plan:

Wenn wir das machen … hchhh …’, grunzte der Kanz­ler, ‚dann natür­lich nicht für immer. Eher wie beim Krä­mer­la­den, wegen Inven­tur geschlos­sen … danach kön­nen wir dann fil­r­ter. Das Pro­blem ist … doch nur .. die­ses unge­re­gelte Rein und Raus […]. Die­ses Abschot­ten und Auf­räu­men, erst mal den eige­nen Laden in Schuß brin­gen, und dann sor­tie­ren, wer spä­ter irgend­wann wie­der rein kann, den gan­zen Han­del und Wan­del, einer­seits Ein­wan­de­rere, ande­rer­seits Export … Monogenis-Plan. Inter­net abschal­ten. Prima.” (31)

Ganz so ein­fach geht es dann doch nicht, der Moment der Abdichtung/Dichtmachung bzw. Plom­bie­rung for­dert die Phan­ta­sie her­aus … und hat Fol­gen, auch einige uner­wünschte bzw. unge­plante Neben­ef­fekte, z.B. „Involution[en] der Welt­er­schlie­ßungs­funk­tion des gesamt­deut­schen Bewußt­seins” (62).

Hän­gen bleibt vor allem: Die Wirk­lich­keit ist aber ein Flui­dum hier — es gibt spre­chende Kunst­werke, stot­ternde, nicht-grammatische Sätze bil­dende Pro­fes­so­ren und rede­ge­wandt dozie­rende Stoff­ha­sen mit dem Namen Man­del­baum leben ein­träch­tig mit– und neben­ein­an­der — dazu noch die selt­sam antho­po­mor­phi­schen Tiere und die „bil­li­gen”, unfer­tig aus­se­hen­den Men­schen — und fer­tig ist auch schon wie­der ein typi­scher Dath-Text.

Dazu tritt dann noch der „älteste Kom­mu­nist Deutsch­lands”, einige ver­rückte Bege­ben­hei­ten gesche­hen, die zunächst völ­lig zusam­men­hang­los neben­ein­an­der ste­hen und erzählt wer­den, mehr braucht es für einen ech­ten Dath eigent­lich gar nicht: „Es fing jetzt an, unter­be­zahlt zu reg­nen.” (43) — sol­che Sätze gibt es hier hau­fen­weise. Die Hand­lung dage­gen ist reich­lich wirr und irgend­wie auch gar nicht so wich­tig. Inter­es­san­ter sind die Motive und ihre Verwendungen.

Etwa das ver­ro­tende Geld, auch so eine typi­sche Dath-Idee: Ein­fach mal die Redens­art der „har­ten” und „wei­chen” Wäh­rung — so in der Art eines Eulen­spie­gels — wört­lich neh­men und die Men­schen daran wie an einer anste­cken­den Krank­heit lei­den lassen.

Der Moment des Dicht­ma­ches ist dann — natür­lich — grau­sam schön, hin­ter­lässt ein „rei­nes” Deutsch­land — alle irgend­wie aus­län­di­schen Men­schen über­ste­hen den Pro­zess nicht. Und dann, mit die­ser Dicht­ma­chung, beginnt natür­lich der eigent­li­che Spaß erst — weil das nicht ganz so glatt läuft, dann tre­ten natür­lich wie­der Zom­bies und ähnli­ches auf, es wird gekämpft mit allen Mit­teln, der Käse gegen den Hase, die Tat gegen die Anschau­ung — und die Men­schen mit­ten­drin und dazwi­schen. Das Geld nicht nur leben­dig, son­dern zum Akteur gewor­den und steht als sol­cher natür­lich im Zen­trum der Hand­lung und der gan­zen Scharade .…

Über­haupt tritt Alle­go­ri­sches zuhauf in Erschei­nung. Und dann wird, auch wie­der typisch Dath, noch die eine oder andere Meta-Ebene ein­ge­zo­gen — z.B. die Figu­ren 15 Jahre spä­ter an ande­rem Ort, die sich das gerade gele­sene erzäh­len und dar­über — und über die Fik­tio­na­li­tät des­sen — reflek­tie­ren — was aber dann doch wie­der nur ein Effekt der „Überg­angs­trance” ist und damit sich selbst sozu­sa­gen wie­der wiederruft.

Und mit­ten­drin in die­sem Gewu­sel gibt es aber auch durch­aus „schöne”, d.h. eher nette, weil tref­fende Stel­len — z.B. das „Schäu­ble­prin­zip” — „Alles ist ver­däch­tig!” (170) und ähnli­che Momente. Genau an die­ser Stelle zeigt sich aber auch: Dath ist wie­der mal hyper­ak­tu­ell — das ist jetzt gerade ganz nett, aber ob das in 15, 20 Jah­ren auch noch trag­fä­hig ist?

Typisch Dath ist das alles, aber vor allem die Situa­tion der „End­zeit” (nicht unbe­dingt die einer Apo­ka­lypse, aber doch nahe dran). Aber — damit ein­her­ge­hend — schreibt Dath mehr oder weni­ger immer von Situa­tio­nen der Ver­än­de­rung, eine Lage der Ände­run­gen, der neuen Umstände, des Anders­sein (der Gesell­schaft, des Lebens, der Men­schen etc.) — also der Not­wen­dig­keit der Ent­schei­dun­gen. Hier in „Deutsch­land macht dicht” wird das sozu­sa­gen noch poten­ziert, durch die stän­dig insta­bil fluk­tu­ie­rende Wirk­lich­keit und das Hin– und Her­rei­sen in der Zeit. Genau das unter­schei­det ihn von vie­len ande­ren Skri­ben­ten — und ich glaube, es macht für mich einen Groß­teil der Fas­zi­na­tion (oder der zumin­dest der Anzie­hung) aus, die Daths Werke auf mich aus­üben: Die Idee, dass etwas ande­res, eine andere Ver­fasst­heit der Gesellschaft/Gemeinschaft, der politischen/kulturellen/wirtschaftlichen Gemein­we­sen mög­lich ist, — und das eben auch dann Ände­run­gen, neue Kurse mög­lich sind, dass — auch ein­zelne — Men­schen das wei­tere Geschick, die Ent­wick­lung grö­ße­rer, kom­ple­xere Gebilde beein­flus­sen kön­nen. Übri­gens auch per Kunst. Und das ist ja nicht nur ein unge­mein trös­ten­der, son­dern auch ein zwar uto­pi­scher, aber posi­ti­ver Akt der Zu-Mut-ung. Dage­gen ste­hen die „Beschrei­ber”, Erfas­ser und Erzäh­ler des sta­tus quo — ich sage nur Rai­nald Goetz -, die zwei­fel­los auch wich­tig sind, weil sie oft genug (wie gerade Goetz, aber auch z.B. in eher his­to­ri­scher Per­spek­tive Rein­hard Jirgl) nicht nur beschrei­ben, son­dern auch erken­nen und/oder durch­schauen und/oder diese Erkennt­nis dem Leser nicht nur vor­le­gen, son­dern auch selbst ermög­li­chen — eine Seite, die bei Dath nicht so sehr aus­ge­prägt ist.

Genauso wenig übri­gens auch die künst­le­ri­sche Seite, die lei­der nicht ganz so anzie­hungs­kräf­tig für mich ist: das ist (kunst­hand­werk­lich) alles geschickt gemacht, aber ohne beson­ders her­aus­ra­gende Qua­li­tä­ten — for­mal oder sti­lis­tisch zum Bei­spiel bleibt das im unge­fäh­ren — und im Mittelmaß.

Diet­mar Dath: Deutsch­land macht dicht. Eine Man­del­bau­miade. Mit Bil­dern von Piwi. Ber­lin: Suhr­kamp 2010. 201 Sei­ten. ISBN 978−3−518−42163−5.