Offt ist ein guter Tod der beste Lebens-Lauff
Johann Christian Günther, Buß-Gedancken (ca. 1720)
Offt ist ein guter Tod der beste Lebens-Lauff
Johann Christian Günther, Buß-Gedancken (ca. 1720)
Ins Netz gegangen (22.5. — 25.5.):
Später im Aufstieg war’s so weit: Ich hörte auf, Gott um Hilfe anzuflehen, stattdessen überlegte ich mir, ob ich mich auf einen Deal mit dem Teufel einlassen sollte, falls er hier und jetzt auftauchte. Eine halbe Meile vor dem Pass erhielt ich meinen Sack, der Wind blies so stark, dass ich das Velo kaum in der Spur halten konnte. Aber hätte ich da angehalten, ich wäre wohl nie mehr wieder losgefahren. (…) In der Abfahrt musste ich erst die Bremsen von Hand enteisen. Zum Glück war es in der Höhe eine Schotterstrasse, auf der der Schnee nicht so schnell gefror wie auf Asphalt. Zuschauer und Mechaniker rannten hin und her, im Unwissen, ob das Rennen überhaupt noch im Gang war. Ein Carrera-Mechaniker trug diesen tollen Goretex-Ganzkörperanzug – was hätte ich dafür gegeben! Ich schaute auf meine Beine, durch eine Schicht von Eis und Massageöl leuchteten sie knallrot. Ich entschied, nicht wieder hinzugucken.
wunderschön, diese Aufnahmen des Quartetts um Ken Vandermark oder Russ Johnson vom April 2013:
auch Teil 2:
sowie Teil 3 & 4 sind das Anhören wert …
Henri Dutilleux ist heute gestorben — zu seinem Gedenken höre man seine zweite Sinfonie:
Ins Netz gegangen (20.5. — 21.5.):
Ein wesentlicher Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen ist, dass Erwachsene teilweise in der Zukunft leben können. Sie können sagen: Jetzt arbeite ich zwei Jahre lang wie wahnsinnig, dann können wir uns das Haus, das Auto, was auch immer leisten. Kinder können das nicht sagen, die leben im Hier und Jetzt. Deshalb entwickeln sie sehr schnell Symptome, die zeigen, dass unser Lebensstil nicht passt. Sie fangen an, Nein zu sagen und trotzig zu werden. Kinder machen also genau das, was die Erwachsenen eigentlich tun sollten. Die klassischen Stresssymptome wie Bluthochdruck, Burn-out, Beziehungskrise — das kommt bei Erwachsenen meist zeitverzögert.
Es ist gerade in diesem Bereich, wegen der rasanten Entwicklung von Technologie, gar nicht abzusehen, was noch auf uns zukommt. Deshalb möchte ich lieber bei der Frage bleiben, um was geht es in der Gegenwart. Ich würde hoffen, dass die Politik in Bezug auf den Klang der Städte und der Architektur nicht bloß beim Lärm und beim Dezibelwert stehen bleibt. Es muss viel mehr um den Charakter der Sounds gehen. Da gibt es viel positivere Gestaltungsmöglichkeiten. Lärm als solcher ist nicht das Übel, sondern es geht um die Frage: Was hören wir eigentlich.
Marc Ribot zum Geburtstag, natürlich mit Musik von ihm selbst — einer genialen Version von »Take Five«:
Weil heute & morgen Pfingsten ist: Dietrich Buxtehude — Komm, Heiliger Geist, Herre Gott (BuxWV 199)
Ins Netz gegangen (18.5.):
Letztlich ist Harnoncourt der Dirigent, der im 20. Jahrhundert die grössten Impulse gesetzt hat.
Schöner Schlusssatz im Interview mit Thomas Hengelbrock, in dem es eigentlich um etwas ganz anderes geht: um Instrumentationa, Tempo und Klang bei Wagner, v.a. im »Parsifal«:
Ich habe Wagners Anweisungen befolgt. Wenn Sie lesen, was er zur Aufführung seiner Werke geschrieben hat, können Sie gar nicht anders als zur Erkenntnis kommen, dass der Text deutlich und klar zu hören sein muss, sonst verfehlt man einfach den Sinn. […] Ich finde die Klanggestalt beim «Parsifal» ganz entscheidend. Sie macht das Werk geradezu aus, sie hat symbolischen, ja metaphysischen Charakter. Wenn zum Beispiel die alten Holzflöten mit ihrem azurblauen Klang verwendet werden, dann ergibt sich für mich diese metaphysische Verbindung zum Himmel; mit der modernen Metallflöte geht das nicht. Auch diese dunkle, warme, sanfte Farbe der Blechbläser – das war auch für mich eine Überraschung.
Wer die Zeit aufbringt, sich auf einen — sprachlich ja meist komplexen – lyrischen Text zu konzentrieren, der unterbricht die heute ebenso endlos wie ziellos verlaufende Zeitlichkeit des Alltags. Und ein solcher Ansatz zur Aufmerksamkeit wird beim Lesen oder Rezitieren eines Gedichts zu jener anderen, sozusagen archaischen Aufmerksamkeit, welche zum Aussetzen der fließenden Zeit führt und zum Heraufbeschwören von vorher abwesenden Dingen und Stimmungen. Lyrik als Form ist eine Signatur unserer Gegenwart, weii sie für Momente das erhält und an das erinnert, was dieser Gegenwart am meisten fehlt, nämlich Form, Ruhe, Konzentration und wohl auch Gelassenheit
… wer sich die ökonomischen Bedingtheiten dieser Art von Reisen bewusst macht und diese zu akzeptieren bereit ist, wer sich stark genug fühlt, den oftmals massiv vorgetragenen Verkaufsangeboten erfolgreich Widerstand zu leisten, der wird am Ende nicht enttäuscht sein.
Merkel ist eine Machttechnikerin mit schwachem idealistischen Hintergrund. Sie ist keine Gestalterin, außer der Gestaltung ihrer politischen Karriere und ihrer Macht. Sie macht sich – zumindest öffentlich – keine Gedanken über Deutschland in zehn Jahren.
Ihm selbst scheint wie mir auch eher unbegreiflich, warum sie deshalb/trotzdem so beliebt ist und immer wieder gewählt wird …
Peter Gabriel & New Blood Orchestra, Book of Love
Ins Netz gegangen (16.5.):
Vor zehn Jahren gründeten die 28-jährige Dichterin und Lektorin Daniela Seel und der Grafiker Andreas Töpfer Kookbooks. Zehn Jahre und 55 Bücher später gilt der Verlag als einer der renommiertesten deutschen Verlage. Die Liste der Autoren, die hier ihre Heimat und Zuflucht gefunden haben, liest sich wie ein Lexikoneintrag »Deutsche Lyrik des 21. Jahrhunderts«, verfasst im Jahre 2050.
Aber solange sich Werbung und Privatsphäre ausschließen […], bleiben halt auch Werbemittel geblockt.
Ich habe vorgestern auch getestet: Das Ausschalten des AdBlockers erreicht nur, dass an manchen Stellen der Webseite das Wörtchen »Anzeige« auftaucht — die Anzeigen sind aber durch NoScript und v.a. RequestPolicy immer noch geblockt. Da muss man schon sehr viel Schnüffler zulassen, bis die auftauchen …
Ganz dicht an den Konturen der Dinge entlang entfalten diese Gedichte eine detailversessene Phänomenologie der Naturstoffe, wobei die einzelnen Teile stets in eine Kreis– oder Drehbewegung versetzt werden.
— Michael Braun ist von Nico Bleutges neuestem Gedichtband »verdecktes gelände« sehr angetan