Das aktuelle Zitat

Ele­men­tar­ge­schwätz, wind­klug wie
Sand

—Ste­fan Popp, Dickicht mit Reden und Augen, 7

10. Dezember

Ablauf. Am 10.Dezember ent­deckte ich plötz­lich, daß der Ablauf der Vor­gänge wahr­schein­lich durch ein bestimm­tes Prin­zip regu­liert wird. Das ist das Voll­stän­digste, was ich über den Ablauf sagen kann, hier, zwi­schen den feuch­ten Tischen, den hoh­len Schrän­ken, den schwit­zen­den Fens­tern, in die­sem dunk­len Geruch, der aus dem Hin­ter­haus kommt. Wäh­rend ich also über den Ablauf der Vor­gänge nach­denke, höre ich das Auf­stöh­nen der Küchen­ge­räte, den Gesang der Zer­klei­ne­rungs­ma­schi­nen, die Geräu­sche der Tor­ten­schau­feln, der Topf­de­ckel, der Brot­t­rom­meln, ich höre das Löf­fel­klap­pern und das plötz­li­che Plat­zen der Pell­kar­tof­feln. Und wäh­rend ich diese Geräu­sche höre, betrete ich das gefähr­li­che Gebiet der Ver­mu­tun­gen. Vor dem Fens­ter sehe ich die Stampf­müh­len, die Sod­af­a­bri­ken, die aus­ge­dehn­ten Über­blu­tungs­ge­biete. Kurzum, ich glaube in die­sem Moment, am l0.Dezember ein uner­schro­cke­ner For­scher zu sein, ohne die Ange­wohn­hei­ten des Stu­ben­men­schen, der sich ein Loch in die Welt schlägt, um es sich darin gemüt­lich zu machen. Das ist meine Mei­nung über den Ablauf der Vor­gänge am l0.Dezember und ich schreibe das jetzt in gro­ßer Gelas­sen­heit nie­der. — Nachts nas­ser dunk­ler Geruch.

—Ror Wolf, Raoul Tran­chi­rers Noti­zen aus dem zer­sch­net­zel­ten Leben, 9

Ins Netz gegangen (9.12.)

Ins Netz gegan­gen am 9.12.:

  • 30. Neo­his­tof­lo­xi­kon oder Neue Flos­keln braucht das Land | Geschichte wird gemacht — achim land­wehr wird grund­sätz­lich:
    Es ist eigent­lich immer an der Zeit, das eigene Den­ken über Ver­gan­gen­heit und Geschichte mal etwas durch­zu­schüt­teln und auf den grund­sätz­li­chen Prüf­stand zu stellen.

  • Who is afraid of jazz? | Jazz­Zei­tung — »Wer hätte gedacht, dass ich sogar Bruck­ner ein­mal span­nen­der und fre­ne­ti­scher fin­den würde als neuen Jazz!«
  • Essay: Schläf­rig gewor­den — DIE WELT — er osteuropa-historiker karl schlö­gel wider­spricht in der »welt« den ver­fas­sern & unter­zeich­nern des auf­ru­fes »wie­der krieg in europa?« — mei­nes erach­tens mit wich­ti­gen argu­men­ten:
    Denn in dem Auf­ruf ist neben vie­len All­ge­mein­plät­zen, die die Eigen­schaft haben, wahr zu sein, von erstaun­li­chen Din­gen die Rede. So lau­tet der erste Satz: »Nie­mand will Krieg« – so als gäbe es noch gar kei­nen Krieg. Den gibt es aber. Rus­si­sche Trup­pen haben die Krim besetzt
    […]
    Aber­mals ist vom »Nach­barn Russ­land« die Rede: Wie muss die Karte Euro­pas im Kopf derer aus­se­hen, die so etwas von sich geben oder mit ihrer Unter­schrift in Kauf neh­men! Pein­lich – und wahr­schein­lich in der Eile von den viel beschäf­tig­ten, ernst­haf­ten Unter­zeich­nern nicht zur Kennt­nis genom­men – die Behaup­tung, Russ­land sei seit dem Wie­ner Kon­gress Mit­ge­stal­ter der euro­päi­schen Staa­ten­welt. Das geht viel wei­ter zurück, wie auch Laien wis­sen, die schon von Peter dem Gro­ßen gehört haben. Und aus­ge­rech­net die Hei­lige Alli­anz zu zitie­ren, mit der die Tei­lung Polens zemen­tiert, die pol­ni­schen Auf­stände nie­der­ge­wor­fen und die 1848er-Revolution bekämpft wor­den ist – das passt nicht gut zur Ernst­haf­tig­keit eines um den Dia­log bemüh­ten Unter­neh­mens. Vom Molotow-Ribbentrop-Pakt – eine zen­trale Erfah­rung aller Völ­ker »dazwi­schen« und im 75. Jahr der Wie­der­kehr des Ver­tra­ges, der den Zwei­ten Welt­krieg mög­lich gemacht hat – ist im Text gar nicht die Rede, ein­fach zur Seite gescho­ben, »verdrängt«.

  • Was bewegt Yvan Sagnet?: Hoff­nung der Skla­ven | ZEIT ONLINE -
    Arbei­ter aus dem Sudan, aus Bur­kina Faso, aus Mali, aus fast jedem Land Afri­kas. In dre­cki­gen Män­teln suchen sie vor den Müll­hau­fen nach Ver­wert­ba­rem. Es ist, als würde man durch einen düs­te­ren, apo­ka­lyp­ti­schen Roman von Cor­mac McCar­thy fah­ren. An den Feld­we­gen, die von den Land­stra­ßen abge­hen, ste­hen Pro­sti­tu­ierte. Rumä­nin­nen und Bul­ga­rin­nen. So sieht es aus, das Herz der ita­lie­ni­schen Tomatenproduktion.

     — fritz schaap in der zeit über den ver­such des gewerk­schaf­ters yvan sagnet, die mise­ra­blen bedin­gun­gen der arbei­ter in ita­lien, v.a. der ern­te­hel­fer, zu ver­bes­sern. der sagt u.a.

    »Der Käu­fer muss wis­sen: Wenn er in den Super­markt geht und ein Kilo­gramm ita­lie­ni­sche Toma­ten für acht­zig Cent kauft, dann wur­den diese Toma­ten von mise­ra­bel ent­lohn­ten Arbei­tern geern­tet, die man ohne Wei­te­res als moderne Skla­ven bezeich­nen kann.«

  • Eine wich­tige Infor­ma­tion der Ver­ei­nig­ten Geheim­dienste — YouTube — Bet­ter no Let­ter: Eine wich­tige Infor­ma­tion der Ver­ei­nig­ten Geheim­dienste (siehe auch: The U.S.S.A. says: BET­TER NO LET­TER!)
  • Union kri­ti­siert Ramelow-Wahl in Thü­rin­gen: Ver­lo­gene Heul­su­sen | tagesschau.de — wow, bei der ARD & der Tages­schau ist jemand genauso ange­wi­dert vom Ver­hal­ten der CDU in Thü­rin­gen wie ich
  • For­schung: So will doch kei­ner arbei­ten! | ZEIT ONLINE — For­schung: So will doch kei­ner an Unis arbei­ten! — Die­ses Mal mit einer Historikerin
  • Zer­schla­gen, aber im Samm­lungs­kon­text erschließ­bar: In der Baye­ri­schen Staats­bi­blio­thek wurde über den Ankauf des Schott-Archivs infor­miert | nmz — neue musik­zei­tung — Zer­schla­gen, aber im Samm­lungs­kon­text erschließ­bar: Die Bestände des Archivs des Schott-Verlages tei­len sich künf­tig auf die Staats­bi­blio­the­ken Mün­chen und Ber­lin sowie sechs For­schungs­ein­rich­tun­gen auf. Über den Kauf­preis wurde Still­schwei­gen vereinbart.
  • So ent­stand der Mythos der »Trüm­mer­frauen« — Poli­tik — Süddeutsche.de — die sz lässt sich von der his­to­ri­ke­rin leo­nie tre­ber noch ein­mal erklä­ren, woher die »trüm­mer­frauen« kom­men:
    Es wurde ein äußerst posi­ti­ves Bild die­ser Frauen ver­mit­telt: Dass sie sich frei­wil­lig und mit Freude in die harte Arbeit stür­zen und den Schutt weg­räu­men, um den Wie­der­auf­bau vor­an­zu­trei­ben. Die PR war auch enorm wich­tig, weil die Trüm­mer­räu­mer — wie zuvor erwähnt — stig­ma­ti­siert waren und sol­che schwe­ren Jobs bis dahin eigent­lich nicht von Frauen erle­digt wer­den soll­ten. Des­halb wurde das Bild der »Trüm­mer­frau« posi­tiv auf­ge­la­den mit den Ste­reo­ty­pen, die wir noch heute mit dem Begriff verbinden.

  • Main­zer Schott-Musikverlag: His­to­ri­sches Archiv wird öffent­lich zugäng­lich — Rheinland-Pfalz | SWR.de — »opti­male Erschlie­ßung« = Zer­stö­rung des Zusam­men­hangs. Schott-Musikverlag: Archiv wird öffent­lich zugänglich
  • Hat die Jugend kei­nen Ehr­geiz mehr? | Blog Maga­zin — phil­ipp ting­ler über die gegen­wart, die kul­tur und den ehr­geiz zum glück:
    Gegen­wär­tig leben wir in einer Gesell­schaft, die Selbst­per­fek­tio­nie­rung, die Arbeit am Ich, als Selbst­ge­nuss pos­tu­liert; einer der letz­ten Leit­werte in der irre­du­zi­blen Viel­falt der uns allent­hal­ten umge­be­nen Kon­tin­genz­kul­tur ist: Authen­ti­zi­tät. Dafür steht auch Diane von Fürs­ten­berg. Die Bio­gra­fie als Pro­jekt. Wenn jetzt also plötz­lich alle aus ihrem Leben ein Kunst­werk machen wol­len, dann ist das nicht nur ein ethi­scher, son­dern auch ein sehr ehr­gei­zi­ger Impe­ra­tiv: Lebens­wel­ten und –for­men wer­den ambi­tio­niert durch­äs­the­ti­siert, und das Pathos der Selbster­schaf­fung rich­tet sich auf die bei­den gros­sen Ziele der Post­wachs­tums­ge­sell­schaft: Spass und Glück.
    […]
    Wir sehen also, dass Ehr­geiz durch­aus nicht ver­schwun­den ist, son­dern sich nur ver­irrt hat.

    seine the­ra­pie ist übri­gens ziem­lich ein­fach (und wahr­schein­lich gar nicht so ver­kehrt): selbst­iro­nie als die »schönste Form der Eigenliebe«

  • Duden | Konrad-Duden-Preis 2014 geht an Dama­ris Nüb­ling | — Der Konrad-Duden-Preis 2014 geht an @DFDmainz-Projektleiterin Dama­ris Nübling
  • E-Books: Wir sind die Fähr­ten­le­ser der neuen Lite­ra­tur — Bücher — FAZ — elke hei­ne­mann über die viel­falt der neuen (kleine) e-book-verlage:
    Dich­tung ist längst auch digi­tal: Auf der Suche nach E-Books abseits des Main­streams führt der Weg in Deutsch­land vor allem nach Ber­lin. Doch die enga­gier­ten Spe­zi­al­ver­lage haben auch spe­zi­elle Probleme.

  • Gender-Debatte: Anschwel­len­der Ekel­fak­tor | ZEIT ONLINE — wun­der­bar: robin detje rech­net gna­den­los mit den kolum­nen­het­zern #ulf­ha­rald­jan­mat­thias aber (schade nur, dass das bei der @Zeit wie­der nie­mand lesen wird und harald des­halb wei­ter die leser­schaft ver­gif­ten darf):
    Heute tobt die Schluss­strich­de­batte Femi­nis­mus. Ende: nicht abzu­se­hen. Alternde Män­ner an vor­ders­ter Front. Hoher Unter­hal­tungs­wert, aber auch anschwel­len­der Ekel­fak­tor. Die Argu­men­ta­tion wie­der fas­zi­nie­rend: Femi­nis­mus gibt es inzwi­schen doch schon so lange, das nervt, Frauen ner­ven ja immer, und die Frauen wol­len offen­bar tat­säch­lich, dass wir Män­ner unser Ver­hal­ten ändern, wes­halb jetzt wir die eigent­li­chen Opfer sind.
    […]
    Und des­halb husch, husch, ihr all­män­ner­mäch­ti­gen Dis­kurs­be­herr­scher, zurück in eure Eck­kneipe. Die jetzt lei­der von einem Gender-Studies-Lesben-, Tran­sen– und X-trupp über­nom­men wird, und ihr schiebt für eine Weile in der Küche Abwaschdienst.

    Ent­schul­di­gung, aber das wird man sich als auf­ge­klär­ter, älte­rer deut­scher Mann doch noch wün­schen dürfen.

  • “Femi­nis­mus kann nie­mals Life­style sein” • Denk­werk­statt — gabriele micha­litsch im inter­view mit eini­gen sehr rich­ti­gen beob­ach­tun­gen:
    Femi­nis­mus kann nie­mals Life­style sein, Femi­nis­mus ist immer poli­tisch. Wenn die Medien eine sol­che Dis­kus­sion befeu­ern, ist das eine Form von Anti­fe­mi­nis­mus und der Ver­such, den Begriff Femi­nis­mus zu ver­ein­nah­men, ihm seine poli­ti­sche Rele­vanz abzu­spre­chen. Femi­nis­mus war zudem nie män­ner­feind­lich, er wurde immer auch von Män­nern mit­ge­tra­gen. Wenn, dann wen­det er sich gegen bestimmte Kon­zep­tio­nen von Männ­lich­keit – wie auch Weib­lich­keit. Wäre die­ser angeb­lich neue Femi­nis­mus nicht Gegen­stand öffent­li­cher Debat­ten, müss­ten wir uns erst gar nicht damit aus­ein­an­der­set­zen – in mei­nen Augen ist das eine anti­fe­mi­nis­ti­sche Strategie.

    und spä­ter auf den punkt gebracht:

    Wenn Femi­nis­mus auf Kar­riere mit Kin­dern redu­ziert wird, ist das das Ende des Feminismus.

Dämonen und andere Chorkunst von Adriana Hölszky

cover»Gemälde eines Erschla­ge­nen«, »Dämo­nen«, »Jagt die Wölfe zurück« — schon die Titel ver­ra­ten, dass Adriana Höl­sz­kys Musik sich nicht mit beschau­li­cher Besin­nung auf­hält. Aus Live-Aufnahmen von der musica viva haben der Baye­ri­sche Rund­funk und Neos jetzt eine CD vor allem mit Chor­mu­sik zusam­men­ge­stellt. Und die fängt gleich über­wäl­ti­gend, ganz groß an: 72 Stim­men ver­langt das »Gemälde eines Erschla­ge­nen« von 1993, das auf einem Text von Jakob Michael Rein­hard Lenz beruht. Davon schnappt man immer wie­der Worte, ein­zel­nen Sil­ben, kurze Satz­teile auf. Ins Zen­trum des Tru­bels einer Mord­szene führt die Musik, hin­ein in die klang­lich bedrü­ckende und ein­drück­li­che Schil­de­rung einer Tötung eines Wehr­lo­sen. Damit ist das »Gemälde eines Erschla­ge­nen« eine Musik, der man sich aus­lie­fern muss — und die einen dann in die­ser Auf­nahme mit dem von Gus­taf Sjök­vist vor­züg­lich geführ­ten Chor des Baye­ri­schen Rund­funks mit emo­tio­na­ler Gewalt umzin­gelt: Grauen und Schre­cken kann sie dem Hörer leh­ren und vege­gen­wär­ti­gen, ihn — kör­per­lich ganz unbe­schä­digt und ent­spannt — mit­ten durch diese dumpfe Szene menchli­scher Abgründe führen.

Auch die »Dämo­nen« sind wie­der groß notiert: Statt 72 sind es immer­hin noch 48 ein­zeln notierte Stim­men, die Hölz­sky dem Chor vor­legt. Wie­derum wird die Spra­che auf­ge­löst — und wie­derum ist das inhalt­lich begrün­det. Die­ses Mal — »Dämo­nen« ist ein Auf­trags­werk für das Mozart­jahr 2006 der Salz­bur­ger Fest­spiele — sind es die inne­ren Stim­men Don Gio­van­nis bei sei­ner Höl­len­fahrt, die sie ver­tont. Das sind wahr­haft dämo­ni­sche, sehr geheim­nis­volle Stim­men total ver­wirr­ter Gedan­ken, die sich eben auf kei­nen fes­ten Text mehr zurück­füh­ren las­sen. Aus ein­zel­nen klang­li­chen und sprach­li­chen Ereig­nis­sen, die als Impuls­ge­ber die­nen, ent­fal­tet die Kom­po­nis­tin fas­zi­nie­rende Psy­cho­gramme en minia­ture, die zusam­men das plas­ti­sche klang­li­che Abbild einer rauen, zer­wühl­ten und ver­leb­ten Seele geben. Und genau so rabiat, roh und ver­wil­dert lässt der Chor des Baye­ri­schen Rund­funks, der hier in einem Mit­schnitt der deut­schen Erst­auf­füh­rung zu hören ist, das auch klin­gen — ganz großartig!

Fast natur­wis­sen­schaft­lich begrün­det wirkt dage­gen »For­mi­ca­rium«, dass auf der Beob­ach­tung von Amei­sen­völ­kern beruht. Auch hier sind die vie­len Stim­men des Chor des Baye­ri­schen Rund­funks bei der Urauf­füh­rung (fast) immer in Bewe­gung. Kleine Par­zel­len unter­schied­lichs­ter Stru­ku­ren lösen ein­an­der ab. Immer wie­der kann man dabei die Auf­lö­sung von ein­zel­nen Klang­grup­pen hören, kann man mit­er­le­ben, wie die ganz ohne Text funk­tio­nie­ren­de­nen, streng orga­ni­sier­ten, weit auf­ge­fä­cher­ten flä­chi­gen Klänge in ein kraft­vol­les, aber weit­ge­hend chao­tisch erschei­nen­des dich­tes Gewu­sel der in Grup­pen geord­ne­ten Stim­men auf­bre­chen — wie in einem Amei­sen­stock eben. Über­haupt zeich­net das die hier vom Chor des BR so enga­giert auf­ge­führ­ten Chor­werke alles aus: Die Ver­bin­dung von oft weit auf­ge­split­te­ten, ver­zweig­ten und kom­plex orga­ni­sier­ten Abschnit­ten — die Stim­men­zahl der Chöre gibt einen Hin­weis — mit oft ganz dicht und eng, um Nuan­cen des Klangs und der Erfah­rung rin­gen­den Klangbildern.

Ergänzt wird das auf die­ser for­mi­da­blen CD noch um zwei instru­men­tale Werke, die eben­falls im Rah­men der Mün­chenr »musica viva« auf­geom­men wur­den: »on the other side«, ein klei­nes Kon­zert für Kla­ri­nette, Har­mo­nika, Akkor­deon und Orches­ter sowie die Arbeit »Jagt die Wölfe zurück« für sechs Schlagzeuger.

Adriana Höl­szky: Chor­werke und ande­res 1993 – 2010 (musica viva Vol. 19). Neos Music 2014

(zuerst erschie­nen in »Chor­zeit — Das Vokal­ma­ga­zin«, Aus­gabe 12/2014)

Autorenseele

Ein Autor, der sein Buch dar­stellt, gibt, wenn dies Gedan­ken ent­hält, die er, wo nicht erfand (denn wie weni­ges läßt sich in uns­rer Zeit eigent­li­ches Neues erfin­den?) so doch wenigs­tens fand und sich eigen machte, ja in denen er Jahre lang wie im Eigen­tum sei­nes Geis­tes und Her­zens lebte: ein Autor die­ser Art, sage ich,gibt mit sei­nem Buch, es möge dies schlecht oder gut sein, gewis­ser­maße einen Teil sei­ner Seele dem Publi­kum Preis.

—Johann Gott­fried Her­der, Ideen zur Phi­lo­so­phie der Geschichte der Mensch­heit, Vor­rede (1784)

Twitterlieblinge November 2014

http://twitter.com/MoritzvonUslar/status/536835841310855168

Sicherheitstechnik à la Polizei

Aus mei­nem Mail­wech­sel mit dem Poli­zei­prä­si­dum Südhessen:

Zu Ihrer Anfrage zur Mög­lich­keit eines elek­tro­nisch siche­ren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ges, z.B. mit PGP-Signaturen, kön­nen wir fol­gen­der­ma­ßen Stel­lung nehmen:

Aus IT-sicherheitstechnischen Grün­den ist es der­zeit nicht mög­lich, der­ar­tige in das Poliz­ei­netz ein­ge­hende E-Mails zustell­bar zu machen. Grund­sätz­lich ent­wi­ckeln die jewei­li­gen Fach­dienst­stel­len für die IT-Sicherheit jedoch alle Fach­ver­fah­ren — dar­un­ter auch Exchange/E-Mail — fort­lau­fend weiter.

Aus sicher­heits­tech­ni­schen Grün­den ist es nicht mög­lich, sicher zu kom­mu­ni­zie­ren. Das ist der Tech­no­lo­gie­stand­ort Deutsch­land. (Mal abge­se­hen davon, dass es zeigt, wie ernst die Sicher­heits­be­hör­den die Kom­mu­ni­ka­tion mit den Bür­gern nehmen.)

Aus-Lese #38

Albert Oster­maier: Schwarze Sonne scheine. Ber­lin: Suhr­kamp 2012. 288 Seiten

ostermaier, schwarze sonne scheineEin schö­ner Text über die Zeit zwi­schen Leben und Ster­ben, der vor allem von der rei­chen Welt der Gedan­ken lebt. Hand­lung gibt es wenig, dafür viel Über­le­gen, viel Erin­nern und viel Selbst­be­fra­gung: Oster­mai­ers Roman lebt von sei­nen Aus– und Abschwei­fun­gen. Das klingt jetzt tro­cke­ner, als es wirk­lich ist. Denn für den Prot­ago­nis­ten, der auf ver­schlun­ge­nen Wegen die Dia­gnose einer wahr­schein­lich töd­li­chen Infek­ti­ons­krank­heit erhält (es sei denn, er unter­zieht sich einer sehr obsku­ren The­ra­pie) geht es eben wirk­lich um Leben um Tod, um sein bis­he­ri­ges Leben, sein momen­ta­nes und darum, wie er in den Tod geht oder mit ihm umgeht oder ihm viel­leicht enflieht. Dass sich dann her­aus­stellt, dass die Ärz­tin eine Schar­la­ta­nin ist, von Krank­heit nichts zu spü­ren ist und alles nur als eine Art Ver­schwö­rung scheint, ist dann fast ent­täu­schend — denn der Text, der sehr durch seine bewusste Sprach­lich­keit lebt, hätte so einen etwas scha­blo­nen­haf­ten Plot viel­leicht gar nicht benötigt

Ich hatte nicht ver­stan­den, dass alles zu Lite­ra­tur wer­den konnte, und gedacht, alles sei nichts, das nicht Lite­ra­tur sei. (30)

Die Zeit geriet mir aus dem Den­ken, dem Füh­len, dem Schauen, ich konnte nicht auf­hö­ren zu den­ken, konnte mich nicht ablen­ken, nicht ver­ges­sen. (163)

Tho­mas Sches­tag: Lesen – Spre­chen – Schrei­ben (Krit­zeln). Ber­lin: Matthes & Seitz 2014. 142 Seiten

schestag, lesenEin wun­der­ba­res klei­nes Bänd­chen, das zeigt, wie groß­ar­tig postmodern-dekonstruktivistische Ana­lyse sein kann. Dazu gehört auch der ent­spre­chende post­mo­derne Stil — auf den muss man sich ein­las­sen (wol­len), sonst wird das keine Spaß. Drei Essays ver­sam­melt Sches­tag hier: Zu einem Gedicht von Paul Celan, zu Bau­de­laire und Poe und ihrem (Übersetzer-)Verhältnis und zu einem Dro­gen­ver­such Wal­ter Ben­ja­mins, der für das »Krit­zeln« sorgt. Beein­druckt hat mich vor allem die Unter­su­chung von Paul Cel­ans Gedicht. Das ist kurz und schein­bar recht unproblematisch:

Jetzt, da die Bet­sche­mel bren­nen,
eß ich das Buch
mit allen
Insignien.

An die­sen weni­gen Zei­len und Wör­tern exer­ziert Sches­tag die dekon­struk­ti­vis­ti­sche Methode (falls man das so nen­nen kann …) gera­dezu exem­pla­risch durch — und schöpft dar­aus erstaun­li­che Ein­sich­ten. Da gibt es einige ver­blüf­fende, über­ra­schende, aber durch­aus ein­leuch­tende Ein­bli­cke in den wei­ten Bedeu­tungs­raum, den diese vier Zei­len mit den gerade mal 12 Wör­tern eröff­nen (kön­nen) … Man muss dem Autor da sicher­lich nicht in jede Ver­äs­te­lung fol­gen — aber es ist eine intel­lek­tu­elle Freude, es zu tun. Der zweite Essay zu Bau­de­laire und Poe bie­tet inter­es­sante Über­le­gung zur Inter­text­ua­li­tät, vor allem zum »Pau­sen« (im Sinne von Durch­pau­sen, von Ab-Schreiben etc) als pri­mä­ren (?) Schrei­bakt. Inter­es­sant fand ich hier vor allem die all­ge­mei­ne­ren Über­le­gun­gen, weni­ger (für mich) die Aus­füh­run­gen zum kon­kre­ten Ver­hält­nis von Bau­de­laire und Poe (dafür kenne ich beide zu wenig).

Johanna Sini­salo: Fin­ni­sches Feuer. Stutt­gart: Tro­pen 2014. 318 Seiten

sinisalo, finnisches feuerFin­ni­sches Feuer ist eine sehr unter­halt­same Lek­türe. Dabei ist es eigent­lich eine Dysto­pie: Die Geschlech­ter­kli­schees wur­den inzwi­schen noch wei­ter ver­ab­so­lu­tiert und sogar in gewis­ser Weise „ver­staat­licht“. Im Namen der gesell­schaft­li­chen Gesund­heit, die zur Tyran­nis wurde (und natür­lich die Frauen noch wei­ter ent­mün­digt als die Män­ner) sind die Frauen zu »Eloi« domes­ti­ziert wor­den. Chilli — das »Feuer« — bzw. Cap­sai­cin ist in die­ser Gesund­heits­dik­ta­tur zwar auch schon ver­bo­ten, aber als ein­zige Droge, als ein­zi­ges Sucht­mit­tel über­haupt noch halb­wegs zu bekom­men. In einer schö­nen Mon­tage aus Geset­zen, Anwei­sun­gen, Mär­chen, Brie­fen an die ver­schwun­dene Schwes­ter und der Erzäh­lung Van­nas und Jares hat Sini­salo dar­aus eine unter­halt­same und inter­es­sante Para­bel des Bezie­hungs­ka­pi­ta­lis­mus geschrie­ben, in der Chili als eine Art Reli­gio oder Befrei­ungs­theo­lo­gie dient — trotz des gan­zen Feu­ers ein sehr coo­les Buch!

Manch­mal braucht man nur eine Gruppe von Leu­ten, die laut und ein­fluss­reich genug ist, um die Welt so zu ver­än­dern, wie die Mit­glie­der die­ser Gruppe es wol­len. Die Gruppe muss nicht beson­ders groß sein. Es genügt, wenn einige Leute ihre eige­nen per­sön­li­chen Vor­lie­ben zur ein­zi­gen Wahr­heit erklä­ren und mit ihrer Laut­stärke den Ein­druck ent­ste­hen las­sen, dass hin­ter ihnen Mas­sen von Ver­ges­se­nen und Miss­ach­te­ten ste­hen. (239)

Kurt Oes­terle: Der Wunsch­bru­der. Tübin­gen: Köp­fer und Meyer 2014. 533 Seiten

oesterle, wunschbruder

Der Wunsch­bru­der ist ein (über­mä­ßig) lan­ges Buch vol­ler Vol­ten. Dabei ist die Geschichte eigent­lich gar nicht über­mä­ßig kom­pli­ziert: Es geht um Max Stoll­stein, ein wohl behü­te­tes Ein­zel­kind im beschau­li­chen dörf­li­chen Nachkriegs-Baden-Württemberg. Weil er eben das ein­zige Kind sei­ner Eltern — der Vater ist Schrei­ner — bleibt, soll/darf er die volle Ladung des bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Bil­dung mit all ihren Aufstiegs-Implikationen genie­ßen. Zur Geschichte gehört aber auch Wen­zel, Kind einer zer­rüt­te­ten Aus­sied­ler­fa­mi­lie, der dann eben Wunsch­bru­der — und bei­nahe Adop­tiv­bru­der — wird. Und dann geht es noch wei­ter und wei­ter — das alles wird erzählt in der Rück­schau des älte­ren Max, der auf ein­mal wie­der Wen­zel begeg­net. Und da kom­men sie eben in immer neuen Schü­ben, die Vol­ten in die Ver­gan­gen­heit, in die Erin­ne­rung des Ich-Erzählers (der von (fast) kei­nen Erin­ne­rungs­pro­ble­men getrübt ist). Dem­ent­spre­chend wird eigent­lich alles nur berich­tet, fast nichts pas­siert, alles — quasi das ganze Leben — gibt es nur im Rück­blick, im Erin­nern: Ein Leben in der Ver­gan­gen­heit. Nach der Aus­trei­bung aus der Hei­mat ist es das Wüh­len in der Geschichte, das an ihre Stelle tritt. Erzäh­le­risch (und auch sprach­lich) fand ich das aber recht uner­gie­big — nur ausch­wei­fend, umständ­lich, hyper­ge­nau, alles wird immer bis ins Letzte aus­er­zählt und wie­der und wie­der durch­de­kli­niert und vor­ge­kaut. Das ent­mü­digt den Leser in gewis­ser Weise, lässt ihm keine Arbeit, keine Vor­stel­lung mehr. Das liegt aber weder am Umfang noch an der Detail­ver­ses­sen­heit, son­dern an der man­geln­den Poe­sie der Spra­che — wie es mit ähn­li­chen The­men bes­ser geht, zeigt Peter Kurzeck.

Du kennst eben den wah­ren Wert dei­ner Geschichte nicht, den Erzähl– und Erfah­rungs­wert, gewis­ser­ma­ßen ihren Gold­ge­ahlt – aber die meis­ten Men­schen heut­zu­tage ken­nen die­sen Wert ihrer Geschichte nicht und wis­sen ihn darum auch nicht zu schät­zen; einen Wert ver­mu­ten sie nur in den Geschich­ten von deren: denen, die jeden Tag öffent­lich vor­ge­führt wer­den, im Netz, im Fern­se­hen, in der Presse … (227)

Wenn ich ein Gedicht aus­wen­dig konnte, dann hatte ich es besiegt und beherrschte es. Die­ses Gedicht [Cel­ans Todes­fuge], das spürte ich gleich, wollte nicht beherrscht wer­den und wies mich ab wie kein zwei­tes. Nicht ein ein­zi­ges Gefühl, das ich kannte, war darin ent­hal­ten. (484)

Die­ter West­er­hoff: Ein schö­ner Tag. Rein­bek: Rowohlt 1969. 151 Seiten

wellershoff, tag
Der Klas­si­ker des »Neuen Rea­lis­mus«. Und trotz­dem konnte mich das 1966 erst­mals erschie­nen Ein schö­ner Tagnicht so recht fes­seln oder begeis­tern. Es gibt zwei­fel­los große Momente, in denen Wel­lers­hoff zeigt, wie genau er beob­ach­tet hat und wie sorg­fäl­tig er beschreibt, seine Figu­ren wahr­neh­men und erken­nen lässt. Im Gedächt­nis geblie­ben ist mir etwa die Epi­sode im ach­ten Kapi­tel, in dem Gün­ther einer Frau ins Frei­bad folgt und ver­sucht, sich ihr anzu­nä­hern — was einser­seits gelingt, ande­rer­seits total in die Hose geht. Da steckt wirk­lich unheim­lich viel Rea­li­tät drin, das ist leicht zu erken­nen und nach­zu­voll­zie­hen. Unklar bleibt mir dage­gen noch der eigent­li­che Kern des Romans: Will Wel­lers­hoff hier nur die Dys­funk­tio­na­li­tät des Modells (Kern-)Familie vor­füh­ren? Oder will er dem Leser mehr sagen? Das hängt viel­leicht auch damit zusam­men, dass nur Miss­lin­gen gezeigt wird, dass nur nega­tive Ele­mente, schei­ternde Lebens­ent­würfe und Bezie­hungs­un­fä­hig­kei­ten, gezeigt wer­den, posi­tive Ideen oder Ent­wick­lun­gen dage­gen eigent­lich über­haupt nicht vor­kom­men: Die (gesell­schaft­li­che und ästhe­ti­sche) Kri­tik ist also klar — aber was soll an die Stelle der defi­zi­tä­ren Gegen­wart und ihrer Rea­li­tät treten?

Tho­mas Gla­vi­nic: Das bin doch ich. München: Deut­scher Taschen­buch Ver­lag 2010. 238 Seiten.

glavinic, ichDas ist ein sehr lus­tig­ses, amü­san­tes klei­nes Büch­lein. Gla­vi­nic taucht hier gleich selbst als Erzäh­ler, Haupt­fi­gur und Autor auf, als Schrif­stel­ler, der zwi­schen (mäßi­gem) Erfolg und Schei­tern tau­melt oder hängt, sich zugleich auch noch mit sei­ner Hypo­chon­drie und dem Fami­li­en­le­ben mit Klein­kind her­um­schla­gen muss. Dazu noch etwas Lite­ra­tur­be­triebs­be­schrei­bung der Wie­ner Vari­ante, etwas gro­teske Begeg­nun­gen im Kul­tur– und Medi­en­we­sen sowie die Freund­schaft mit Daniel Kehl­mann, des­sen Buch gerade alle Erfolgs­gren­zen über­schrei­tet — und fer­tig ist die Mischung aus Gro­teske, Satire und lako­ni­scher Selbst­be­ob­ach­tung, die beim Lesen viel Spaß macht …

Mar­lene Stre­e­ru­witz als Nelia Fehn: Die Reise einer jun­gen Anar­chis­tin in Grie­chen­land. Frank­furt: Fischer 2014. 188 Seiten.

fehn, reise

Manch­mal schaut über­le­ben eben nicht schön aus, und Hel­den sind immer schon tot, wenn sie Hel­den genannt wer­den. (33)

Sehr posi­tiv sind weder das Buch noch seine »Hel­din«, die Auto­rin Nelia Fehn. Die kennt man schon aus Stree­uwitz‹ Nach­fah­ren., in dem sie wegen eben die­ses Buches oder Tex­tes, der Reise einer jun­gen Anar­chis­tin in Grie­chen­land nach Frank­furt zur Buch­preis­ver­lei­hung kommt. Eigent­lich ist es auch ein recht selt­sa­mes Büch­lein — und nicht nur wegen der Auto­ren­fik­tion, die es auf ganz spe­zi­elle Weise in das Stre­e­ru­witz–Werk ein­glie­dert (ähn­li­ches hat sie ja schon bei Lisa’s Welt unter­nom­men) -, son­dern auch in sei­ner gan­zen Gestalt. Inter­es­sant wird es näm­lich eben nur durch die Ver­knüp­fung im Stre­e­ru­witz–Werk-Kontext. Für sich ist das sprach­lich mäßig span­nend, inhalt­lich fand ich es auch nur so halb inter­es­sant: der „Kampf“ mit/gegen die Macht, die unsicht­ba­ren polititischen/exekutiven Mächte des Staa­tes und des Zufalls, der immer wie­der das Zusam­men­tref­fen der bei­den Lie­ben­den in Athen ver­hin­dert bzw. ver­zö­gert und erschwert — das ist schnell durch­schaut und ver­mag dann nur noch mäßig zu fas­zi­nie­ren. Aller­dings ist der Text ja auch nicht über­mä­ßig lang …

Es war nur eine die­ser Lügen. Es war eine die­ser Lügen, von denen ohne­hin alle wuss­ten, dass sie Lügen waren. Man musste nur das Klein­ge­druckte durch­stu­die­ren, um zu einer gewis­sen Wahr­heit zu gelan­gen, und man durfte kein Ver­trauen haben. […] Am Ende kos­te­ten alle diese Über­griffe die Liebe. Mir war elend, und ich hatte Angst. (23f.)

außer­dem noch:

  • Stef­fen Popp: Dickicht mit Reden und Augen. Ber­lin: kook­books 2013.
  • Edit. Papier für neue Texte. #65 (2014)
  • Gün­ter Her­bur­ger: Ven­tile. 1966
  • Judith C. Vogt & Michael Kuhn (Hrsg.): Karl. Geschich­ten eines Gro­ßen. Aachen: Ammia­nus 2014.
  • Phil­ipp Thei­sohn: Lite­ra­ri­sches Eigen­tum. Zur Ethik geis­ti­ger Arbeit im digi­ta­len Zeit­al­ter. Stutt­gart: Krö­ner 2012 (Krö­ner Taschen­buch 510).