»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Der Heizer hat ganze Arbeit geleistet.Margret Franzlik, Erinnerung an Wolfgang Hilbig, 62

Ins Netz gegangen (11.2.)

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  • Literaturblogs: Dieses Buch wird Ihr Leben verändern! | Zeit – ana maria michel schreibt am mythos der guten, objektiven literaturkritiken in (zeitungs)feuilletons und der schlechten, subjektiven werbenden besprechungen in blogs und youtube-kanälen fort. eines der kriterien ihres ziemlich unzulänglichen textes: in blogs gäbe es nur positive, lobende besprechungen – als ob das in feuilleton anders wäre!
  • Stradivari: Frau General lässt bitten | ZEIT ONLINE – wolfram goertz kann sich nicht einkriegen vor begeisterung, dass frank peter zimmermann für drei jahre eine neue geige hat.
  • Der Online-Freud – alle 17 bände der "gesammelten werke" von freud gibt es hier online: zum lesen im browser oder als pdf- bzw. epub-download.
  • Open Access zerstört die Wissenschaft. Meint Urs Heftrich in der FAZ. | LIBREAS.Library Ideas – ben kaden setzt der verlagspropaganda der faz entgegen

    faktisch ist die Bedrohung des wissenschaftlichen Verlagswesens durch Open Access und Zweitveröffentlichungsrechte keinesfalls so akut, wie sie ihren Lesern glauben machen wollen. Zum Diskurs gehört also auch, darauf hinzuweisen. Ursächlich für einen Rückgang bei den Erwerbungen sind sicher nicht vorrangig die Repositorien und Open-Access-Verlage, sondern vielmehr die grotesken Preissteigerung der STEM-Monopolisten sowie Kürzungen in den Bibliotheksetats. Wie sehr würde man sich über regelmäßige, gern auch scharfe Feuilleton-Beiträge aus Heidelberg gegen die Preispolitik von Elsevier und für die bessere finanzielle Ausstattung von deutschen Hochschulbibliotheken freuen.

  • Deutschland: Off Duty | NEO MAGAZIN ROYALE mit Jan Böhmermann – ZDFneo – YouTube – so bescheuert, dass es schon wieder gut ist: jan böhmermanns neuestes video "Deutschland: Off Duty"
  • Geschichte der Gegenwart – "eine Gruppe von Geistes- und Kultur­wis­sen­schaft­le­rInnen" v.a. aus zürich startete gerade die "Geschichte der Gegen­wart" als plattform, um sich in die öffentliche diskussion einzumischen.
    Texte, in denen die Gegen­wart nicht verneint wird durch das, was man immer schon zu wissen glaubt, sondern zugäng­lich wird durch das, was man erschließen und rekon­stru­ieren, erörtern und analy­sieren, begreifen und einschätzen lernen kann.

    Gegen­wart liegt nicht einfach vor, sondern sie passiert, wobei sie sich unserer Aufmerk­sam­keit laufend wieder entzieht… Halten wir sie fest! Dabei gilt: Wie sie passiert und was in ihr passiert, folgt aus all ihren Vergan­gen­heiten, die nicht abgeschlossen sind.

    Geschichte der Gegen­wart bietet bewusst keine Möglich­keit, Artikel unmit­telbar zu kommen­tieren. Diese heute so verbrei­tete Form der medialen Öffent­lich­keit hat u. E. den Nachweis ihrer publi­zis­ti­schen Unabding­bar­keit und politi­schen Produk­ti­vität bislang nicht erbringen können, sondern öffnete das Feld nicht zuletzt dem ungefil­terten Vorur­teil, der Ranküne und der blossen Mutmas­sung, die sich um Argumente nicht zu kümmern braucht.

    könnte interessant werden …

  • Stellungnahme zu “Siegerkunst” | ideenfreiheit – wolfgang ullrich berichtet perversitäten des urheberrechts: künstler_innen nutzen das zunehmend, um abbildungen ihrer (öffentlich ausgestellten) werke in publikationen, die ihnen nicht gefallen, zu verhindern und somit eine wissenschaftliche auseinandersetzung (fast) unmöglich machen. und das spiel kann man bis zu 70 jahre nach dem tod der urheberinnen weiterspielen …

Die Monos erobern Galtür

Beim größten Treffen der mono-ski.org aller Zeiten mit ungefähr 35 Monoskifahrerinnen (wenn ich richtig gezählt habe) in Galtür war viel los. Vor allem wurde viel Ski gefahren. Mehr zu den vier Tagen habe ich aus meiner Sicht drüben im Bewegungsblog aufgeschrieben: klick.

Ins Netz gegangen (3.2.)

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  • Peter Schaar: Ist das „Privacy Shield“ endlich ein sicherer Hafen? | heise – auch peter schaar ist vom "privacy shield" nicht begeistert:
    Man darf deshalb auf den Text der von der Europäischen Kommission mit der US-Regierung ausgehandelten Vereinbarung gespannt sein. Nach den Worten von EU-Vizepräsident Ansip soll das neue Arrangement wesentlich besser sein als das alte Safe-Harbor-System. Das muss es auch sein, denn ansonsten geht die Kommission ein großes Risiko ein, dass auch dieser neue Rahmen für die Datenübermittlung in die USA die Prüfung durch den Europäischen Gerichtshof nicht übersteht. Dies wäre schlecht für den Grundrechtsschutz der Bürgerinnen und Bürger und es wäre auch nicht im Interesse der europäischen oder US-amerikanischen Wirtschaft.

  • Safe Harbor: Alter Wein in neuen Schläuchen › Digitale Gesellschaft – die "digitale gesellschaft" mit klaren worten zum neuen pseudo-datenschutzabkommen, dass die eu mit den usa ausgehandelt hat
  • Grigory Sokolov: „Man spielt jeden Tag anders“ | ZEIT – wunderbar kurioses interview von christine lemke-matwey in der "zeit" mit dem großen pianisten grigory sokolov

    Für echte Kunst gibt es keine Zeit und keine Grenzen. Und keine Geografie. Für einen Weltmenschen spielt das alles keine Rolle.
    […]Erfolge feiern nicht die Künstler, sondern die Zuhörer, die den Künstler mehr und mehr verstehen.
    […]Die Kunst ist ein Paralleluniversum zur Wirklichkeit.

  • In der Wahrheit liegt die Lüge – anatol stefanowitsch über sprache und sprachliche maximen, die dazu führen, dass auch geäußerte trivialitäten plötzlich (falsches) gewicht bekommen – am beispiel von drogensüchtigen, korrupten ministerinnen
  • Radwege: Potsdam macht es vor | Zeit – andrea reidl in der zeit über die radverkehrsförderung in potsdam, die den radanteil innerhalb weniger jahre auf 20% brachte (unterdessen ist die faz immer noch die meinung, die 12% in frankfurt seien ein ganz toller wert … – kopenhagen nähert sich den 50%)
  • 4740,10 Euro pro Medikament | ZEITmagazin
    4.740,10 Euro kostet eine Packung Nexavar. Sie reicht einen Monat. Wie viel ist uns das Leben der anderen wert?

    guter, ausführlicher text über neue, sehr teure medikamente (v.a. in der krebstherapie), die oft nur einen vergleichsweise geringen nutzen haben – z.b. 14 tage mehr lebenszeit …

  • Kunstspedition: Niemals stürzen … | ZEIT ONLINE – schöne reportage über den kunstspediteur klaus hilmann mit dem wunderbaren schlusssatz des unternehmers: "Nur weil etwas 500.000 Euro gekostet hat, ist es noch nicht nationales Kulturgut."

Arbeitsplatz (2)

Die Orgel der Evangelischen Johanniterkirche in Ober-Mossau, von einem (mir) unbekannten Erbauer aus der Mitte des 19. Jahrhunderts – manchmal etwas ruppig und lärmend, vor allem aber am Spieltisch viel zu eng (wenn der Gottesdienst – und vor allem die Predigt … – lange dauert, wird es hart, weil ich nie weiß, wo ich meine Beine unterbringen soll …). Irgendwann hat mal irgendwer (ein Orgelbauer oder vielleicht doch ein Orgelschüler?) auf der Leiste vor den Tasten des einzigen Manuals mit inzwischen recht abgegriffenen Elfenbeintasten die Oktaven angezeichnet.

tastatur orgel mossau

Twitterlieblinge Januar 2016

Schuldzuschreibung

Die Polizei Mainz twittert gerade:

https://twitter.com/PolizeiMainz/status/692343424129875968

Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie man als Behörde mehr oder weniger subtil und mehr oder weniger indirekt Schuld zuschreibt und verschiebt (im Englischen gibt es das schöne Wort victimblaiming dafür): Eine Frau wird von einem/einer anderen Verkehrsteilnehmer/in verletzt. Die Polizei legt aber dann Wert darauf, dass sie „dunkel gekleidet“ war – und impliziert, dass der Autofahrer sie deshalb nicht rechtzeitig sehen konnte. Nun ist aber laut StVO der Autofahrer verpflichtet, so zu fahren, dass er andere nicht gefährdet. Das heißt vielleicht auch, im Dunkeln etwas mehr Vorsicht walten zu lassen. Interessant ist auch der letzte Satz: „Sie stürzte und wurde verletzt.“ Man hätte auch schreiben können: Sie wurde umgefahren und vom Autofahrer verletzt.

In der Langfassung ist es übrigens überhaupt nicht besser: Dann ist nicht der Führer des Kfz schuld, sondern sein Fahrzeug: „Der graue Renault Megane erfasste die Fußgängerin mit der rechten Fahrzeugseite.“ Offenbar also ein vollkommen autonom fahrendes Auto …

Es kann ja durchaus sein, dass die Fußgängerin (mit)schuldig am Unfall war – die Polizei ist sich dessen aber offenbar nicht sicher, sondern bitte um Zeugenhinweise … Ihre Meldungen sprechen aber eben eine andere Sprache. Und das ist eben leider kein Einzelfall: Immer wieder werden solche Meldungen allein aus der Sicht von Autofahrenden geschrieben, für die andere Verkehrsteilnehmer wie Fußgängerinnen oder Radfahrerinnen Störfaktoren sind, die sich gefälligst den Pkws anzupassen und unterzuordnen haben. Das muss auch gar keine Absicht sein, dass die Polizei so schreibt – ich vermute sogar, dass es gerade keine ist: Sie denken eben einfach als Autofahrer. Schließlich sind sie ja im Dienst auch nahezu ausschließlich motorisiert in Blechschachteln unterwegs …

Ins Netz gegangen (21.1.)

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  • Max Reger: Akkordarbeiter im giftigen Klima der Moderne | Der Standard – roland pohl im standard über max reger, seine rezeption und warum er so wenig bekannt und geschätzt wird – immerhin ist in diesem jahr sein hunderster todestag zu begehen …
    Es fällt nicht leicht, nach den Gründen zu suchen, warum der deutsche Komponist Max Reger (1873-1916) derart gründlich in Vergessenheit geraten ist. Den meisten seiner unzähligen Werke haftet eine gewisse Sprödigkeit an. Reger, im privaten Umgang ein humoriger Kauz, hat vor allem auf dem Gebiet der Harmonik Epochales gelei[s]tet.

    Des Meisters viel zu früher Tod – er entschlief herzkrank in einem Leipziger Hotelzimmer – dürfte auch hundert Jahre später kein Reger-Fieber auslösen. Die Klassikbranche fasst den eigenbrötlerischen "Akkordarbeiter" nicht mit der Kneifzange an. Einer größeren Verbreitung steht die Komplexität der introvertierten Reger-Musik im Wege.

  • Sport, überall nur noch Sport: Die geistige Macht unserer Epoche | taz – robert redecker hat in der taz eine wunderbare, fulminante abrechnung mit dem sport und unserer obsessiven beschäftigung damit geschrieben:
    Die heutige Gesellschaft hat eine neue Variante des Totalitarismus erfunden: den Sport.[…]
    Diese Sportanlässe besetzen schamlos und rücksichtslos den gesamten Platz in den Medien.
    Wie ein Nimmersatt mit unstillbarem Hunger vereinnahmt der Sport den ganzen Platz für sich. Niemand kann dieser erdrückenden Invasion der Sportberichte entgehen, die alles andere verdrängt. Diese Überdosis an Sport hat eine zerstörerische Umkehrung der Werte und der Hierarchie der Information zur Folge. Statt sich auf ein paar Worte am Ende der Fernseh- und Rundfunknachrichten zu beschränken, was angesichts ihrer Bedeutungslosigkeit normal wäre, verweist die Sportberichterstattung alles wirklich Wichtige auf die Randplätze.

    Was dagegen für die Zivilisation von Bedeutung wäre, woran man sich noch Jahrhunderte später erinnern wird – die herausragenden Persönlichkeiten der Philosophie, der Malerei, Dichtung, Choreografie, Musik oder Architektur – findet dagegen kaum Beachtung in den Medien.

  • David Bowie: Schön dick aufgetragen | ZEIT ONLINE – diedrich diederichsen über das bowie-album, das blackstar-video und bowies auftritte

    Hier, bei einem Album, das die rundum zu begrüßende Devise seiner Eröffnungsoper, "Mehr ist mehr", bis zum Schluss beherzigt, hat man beides versucht: Jazz-Virtuosität und die dunkle Ekstase heutiger Dance- und Gothic-Kulturen.

  • Israel ǀ Kibbuzim: Auf der Suche nach der Identität — der Freitag – über die entwicklung der kibbuzim von sozialistischen gemeinschaften zu marktkonformen wirtschaftsunternehmen – sehr interessant …
  • Online-Fortsetzungsroman: Lang lebe der Shandyismus! | FAZ – jan wiele in der faz mit einer ersten einschätzung von tilman rammstedts gerade enstehendem "morgen mehr" – seine beobachtungen treffen sich ziemlich genau mit meinen eigenen …
  • Trainingslager in den Golfstaaten : „Der Sport ist ein löchriger Käse“ – taz.de – die taz sprach mit dem "sportethiker" elk franke:
    Die Politik nimmt den Sport gern für sich in Anspruch. Umgekehrt profitiert der Sport auch stark davon. Somit wird der Satz „Der Sport ist unpolitisch“ zu einer ideologischen Aussage, die in der Alltagspraxis keine Gültigkeit hat.
    […]
    Der Sport ist ein inhaltsfreies Drama, das eine Identifikation mit allen möglichen Inhalten erlaubt. Ein Schweizer Käse, in dessen Löcher allerhand reinpasst, ohne dass der Geschmack verloren geht.

  • Als der Kaiser musste: Eine Unterstreichung und die Schuld am Ersten Weltkrieg | Aktenkunde – Als der Kaiser musste: Eine Unterstreichung und die Schuld am Ersten Weltkrieg – holger berwinkel zeigt (mal wieder) sehr schön, wie wichtig historische hilfswissenschaft (und genauigkeit) ist, auch für "großhistoriker"
  • schleef-bilder – die erbengemeinschaft einar schleefs hat einige seiner bilder online bereitgestellt

Arbeitsplatz (1)

In der kleinen Kirche der kleinen Gemeinde Güttersbach im Odenwald steht eine schöne, 1740 vom kurpfälzischen Hof- und Landorgelbauer Johann Friedrich Ernst Müller geschaffene Orgel, die – abgesehen von einer kleinen, behutsamen Erweiterung um ein zweiregistriges Pedal – noch weitgehend im originalen Zustand ist – inklusive „Noli me tangere“ und der Werckmeister-III-Stimmung, die auch noch einen Halbton höher als heute gewöhnlich liegt. Die Orgel hat nicht nur einige sehr schöne, charakteristische Stimmen, sondern auch eine aufwendig gearbeitete Tastatur:

tastenfront klaviatur orgel güttersbach

Kunststück

Einen Nagel mit wenigen Hammerschlägen so in ein Stück Holz zu schlagen, dass ist kein Handwerk mehr, sondern ein Kunststück (das ich nicht selbst vollbrachte):

nagel im holz

Beim Schrei nach Gerechtigkeit

In der Sonderausstellung „Schrei nach Gerechtigkeit“ des Dommuseums Mainz:

Der

Der „Schrei nach Gerechtigkeit“ hat Gesellschaft bekommen …

Arg viele Besucher hat die Ausstellung wohl nicht (als ich da war, war ich öfters sehr alleine), das Aufsichtspersonal hat Zeit zum Lesen …

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