07 09
Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.
das hier ist so etwas wie mein virtuelles ich oder meine heimat im netz. deswegen sind hier ganz verschiedene sachen versammelt: fundsachen, kuriosa, zitate, mein lifestream, meine textuelle produktion und vieles andere mehr – viel spaß beim stöbern!
ich bediene mich dabei oft, aber nicht immer der radikalen kleinschreibung, die ich generell bevorzuge.
momentan liegt bei mir auf dem lektüretisch:
10 03
„herz an herz“: der bachchor mit brahms & reger
Es erbebt die Seele, es zittert das Herz und es schmachtet das Gemüt: In der romantischen Chormusik wird gerne gesehnt und gelitten – aber auch geliebt und gefreut. Nicht gerade typisches Repertoire für einen Kirchenchor. Aber der Bachchor ist ja schon länger über seine ursprüngliche Funktion hinausgewachsen. Und dass er und sein Dirigent Ralf Otto romantische Musik ziemlich gut in Klang setzen können, haben sie auch schon ausreichend bewiesen.
Gute Voraussetzungen für ein gelingendes Konzert also. Und in der Tat, das dritte Abonnement-Konzert, für das der Bachchor mitten in der Passionszeit ins Staatstheater wechselte, gelang ihnen. Nicht nur dem Chor, auch den begleitenden Instrumenatlisten (Burkhard Schaeffer und Petra Morath-Pousinelli am Klavier) und dem Kammermusik-Duo. Denn zwischen den liebestrunkenen und wehevollen Chorsätzen sorgten auch noch Violinist Benjamin Bergmann, wiederum von Burkhard Schaeffer am Klavier unterstützt, für etwas Abwechslung: Mit einer klaren, geradlinigen A-Dur-Violinsonate von Johannes Brahms und Teilen aus der a-Moll-Suite von Max Reger.
Nicht, dass die Abwechslung unbedingt nötig gewesen wäre. Denn der Bachchor selbst bringt schon genügend viele Klangfarben und Stimmungen mit, um einen Konzertabend vielfältig zu gestalten.
Zumal das Programm sich zwar auf zwei Komponisten, eben Brahms und Reger, beschränkte, aber doch alles andere als langweilig war. Da gab es eine kleine Auwahl aus den Ausgewähltenn Volksliedern Regers, die beiden „Nachtwachen“ aus den Fünf Gesängen von Brahms, aber auch Regers frühe Chöre für gemischte Stimmen mit Klavier op. 6. Und schließlich noch die kompletten Brahmsschen Liebesliederwalzer. Die waren natürlich ein echter Höhepunkt, versammelten sie zum Schluss doch noch einmal die große Vielfalt romantischer Chormuik in einem – textlich und musikalisch, inhaltlich und formal.
Und die reichen Differenzierungen des Chores waren hier besonders gut zu beobachten und zu bestaunen. Denn nicht nur der tanzende Dirigent sorgte für Stimmung, auch die präzisen, klaren Chorsätze machten Freude. Otto schaffte es nämlich wieder einmal, genau ins Ziel zu treffen: Durchhörbare Harmonien (selbst in den komplexen Sätzen Max Regers gelang ihm das sehr locker) verbinden sich mit einer wunderbar klaren Verdeutlichung der Komposition. Aber er begnügte sich eben noch lange nicht damit. Denn er ließ seine Sänger und Sängerinnen das zu wirklicher Musik machen: Mit Empfindung und auch etwas Emphase, mit Gefühl und Geschmack leihen sie dem leidenden Herz und der überschwänglich jubilierenden Seele immer wieder ganz frisch ihre klangvollen Stimmen.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung)
01 03
bach und die virtuosen romantiker
Es wirkte zunächst fast wie eine Beerdigung: Der große schwarze Flügel, Kirill Gerstein ganz und gar in Schwarz gewandt, der gemessenen Schrittes zu seinem Platz schritt und dort wartete, ganz in sich selbst versunken. Aber eine Trauerfeier war der Klavierabend, das fünfte Konzert der SWR-Reihe „Internationale Pianisten“, im Frankfurter Hof nun wirklich nicht. Eine Respektbezeugung allerdings schon. Zunächst ging es nämlich um JOhann Sebastian Bach. Als Komponist und als Vorbild, als Inspiration und als Heroe der klassischen Musik auch im 19. Jahrhundert.
Kirill Gerstein hatte sein kurzfristig noch geändertes Programm rund um Bach konzipiert, mit dessen zweiter Englischen Suite als Mittel- und Referenzpunkt. Und dann spielte auch Ferruccio Busoni eine große Rolle: Zunächst, zum Warmspielen und zur gegenseitigen Gewöhnung, stand dessen fünfte Sonatine an – „in signo Joanni Sebastiani magni“. Aber schon das reichte, um Gersteins Prinzipien klar zu erkennen: Über allem stand ihm die Deutlichkeit. Die knackige, aber sanft artikulierte Ausarbeitung der Formen, der Motive und Themen, ihrer Verarbeitungen und Verbindungen – das lag ihm am Herzen und das gelang ihm treflich.
Darüber hinaus hatte Gerstein sich aber auch noch Busonis Toccata verschrieben. Hier ging es dann richtig zur Sache – virtuos ausgespielt und deutlich bis fast zur Groteske, zeigte er sich von technischen Schwierigkeiten völlig unbeeindruckt.
Und noch eine Toccata bildete das Bindeglied von Bach und Busoni zu Liszt im zweiten Teil: Die C-Dur-Toccata Robert Schumanns, die Gerstein als Episodenhafte Traumbewegung, weit entrückt der Realität vorstellte – ein Traum, der kristallne Klarheiten offenbarte und zugleich ganz und gar irreal erschien – erst der Applaus holte ihn wieder zurück in die Realität.
Das war also schon eine ganze Menge. Vor allem viel Musik mit sehr hohem spieltechnischen Anspruch. Aber Gerstein setzte noch eines drauf und schloss den Abend mit Liszts h-Moll-Sonate ab. Die ist Schumann gewidmet – womit sich der Kreis der gegenseitigen Beziehungen und Verweise an diesem Abend rundete. Natürlich wurde das ein großartiger Schluss. Auch wenn, gerade in den letzten Teilen der Sonate, die Konzentration ein kleines bisschen nachzulassen schien, die Präzision Gersteins minimal aufweichte. Davor entwickelte er aber ganz viel düstere, kraftvolle, konzentrierte, faustische und doch ganz lichthelle Musik. Denn Gerstein spielte das so klar und deutlich, dass man im Geiste mitschreiben hätte können.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung)
27 02
„Das Konzert ist beinahe ein Abfallprodukt“
Pianist Kristian Zimerman in einem aufschlussreichen Gespräch mit dem NZZ-Redakteur Peter Hagmann. Da geht es neben anderem auch um Motivation und Ziel des Pianisten:
Man könnte ja sagen: Das Konzert ist beinahe ein Abfallprodukt. Ich übe nicht, um Karriere zu machen, ich übe auch nicht für ein Konzert. Ich versuche mich zu entwickeln und zu bereichern
Aber hauptsächlich geht es um Chopin, dessen Jubiläum ja gerade ganz dringend ansteht. Und da ist Zimerman als einer der besten gegenwärtigen Chopin-Pianisten natürlich ein wunderbarer Gesprächspartner, der nicht nur Klavier spielen kann, sondern auch eine Menge weiß. Z.B. über das Problem der Nation & der Nationalität – im Leben und in der Musik:
Am Ende geht es aber überall um dasselbe: um Liebe, um Sicherheit, um das Dazugehören, um Heimat. Und Chopin schreibt über diese Dinge, er schreibt aus der Seele heraus über die Seele. Und er schreibt in einer besonderen Ehrlichkeit.
Oder über das Genie der Konstanz der Qualität bei Chopin, oder über den Begriff der Romantik und ihrer heutige Interpreation:
Das geht daneben, man muss Chopin in einem eigentlichen Sinn romantisch spielen. Das fängt an mit dem Rubato. Das Rubato darf nicht mit zu kleinen Werkzeugen gemacht werden. Man muss sich vielmehr bewusst sein, dass die Masse, die hier bewegt werden soll, von enormer Dimension ist und dass dieser Bewegungsvorgang seine Zeit braucht. Das Rubato darf sich also nicht auf allzu kleinem Raum entfalten, es muss im Gegenteil in einen grossen Atem integriert sein.
Das sind auch die Gründe, warum ich Zimeman so schätze: Weil man dieses Wissen, diese Überlegung und die Detailfreudigkeit sowie seine Genauigkeit auch hört.
Heute in der Neuen Zürcher Zeitung: klick.
„das Größte, was wir in unserer Sprache überhaupt haben“
Andreas Maier in einem auch sonst ganz netten Interview über den von ihm (schon öfters) sehr bewunderten Peter Kurzeck:
Aber wenn ich mir vorstelle, dass ich mit allen meinen Büchern bis heute erfolgreicher bin als einer der allerwichtigsten deutschen Autoren, Peter Kurzeck, dann greife ich mir wirklich an den Schädel. Peter Kurzeck ist weder irgendwohin übersetzt, noch hat er irgendwo Taschenbücher. Das ist ein Mensch, der immer unter meinen Auflagen liegt. Er ist meiner Meinung nach das Größte, was wir in unserer Sprache überhaupt haben.
sonst geht es vor allem um die Schaffung des „eigenen“ Werkes und die Mechanismen des Literaturmarktes und -betriebes. Gesprochen mit Maier hat Lisa-Maria Seydlitz, zu finden ist das ganze bei subpool: klick.
politik & feuilleton
wie (fast) jeden samstag wieder die allwöchentliche empfehlung der vortrefflichen kolumne „deutscher alltag“ von kurt kister in der wochenend-beilage der süddeutschen zeitung. auch wenn es schon bessere wochen gab … aber einen satz will & muss ich doch zitieren:
Irgendjemand, es könnte der Autor dieser Kolumne gewesen sein, hat einmal gesagt, „Politik“ komme aus dem Griechischen und bedeute auf Deutsch so viel wie „ich habe recht“, wohingegen „Feuilleton“ aus dem Französischen stamme und sinngemäß übersetzt „ich habe recht und du bist doof“ heiße.
dem ist ja auch nichts mehr hinzuzufügen ;-)
26 02
religiöse konservative sind dümmer als atheistische linke
zumindest haben sie offenbar einen niedrigeren intelligenz-quotienten. im durchschnitt natürlich. zu dem schluss kommt man, wenn man ergebnisse einer amerikanischen und einer englischen studie kombiniert. beide fanden leichte varianzen im iq, die mit der politischen einstellung signifikant korrelieren: die gruppe der sehr konservativen hat demnach einen iq-durchschnitt von 95, die der sehr progressiven einen von 106. ähnlich, wenn auch etwas geringer in der differenz, bei der differenzierung zwischen sehr religiös (97) und überhaupt nicht religiös (103). in der süddeutschen von heute hat christopher schraer das nett erzählt und mit kommentaren und erklärungsversuchen der psychologen garniert, z.B. von Detlef Rost:
Um progressiv zu sein, brauchen Menschen kognitive Leistungsfähigkeit. Wer immer im Bekannten bleibt, muss nicht viel überlegen.
(via papier-zeitung)
nachtrag: noch mehr dazu hat florian rötzer bei telepolis geschrieben: „Intelligente Menschen sind eher Atheisten und gehen nachts später schlafen“ (via @viertelnachvier)
