Das aktuelle Zitat

Verse stel­len ihrem Sinn ein Bein oder ihrem Fuß einen Sinn.

—Franz Josef Czernin: Sätze (73)

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Organist

Der Orga­nist:

organist (aus dem "ständebuch")

Das Posi­tiff mit süs­sem hal /
Schlag ich auff Bür­ger­li­chem Sal /
Da die ehr­barn der Gschlecht sind gsessn /
Ein köst­lich Hoch­t­zeit­mal zu essen /
Daß jn die weil nicht werd zu lang
Brauchn wir die Ley­ern mit gesang /
Daß sich dar­von jr Hertz eben /
In freud vnd wunne thu erhebn.

—aus: Jost Amman, Eygent­li­che Beschrei­bung aller Stände auff Erden, hoher und nid­ri­ger, geist­li­cher und welt­li­cher, aller Küns­ten, Hand­wer­cken und Hän­deln. Durch d. weit­be­rümp­ten Hans Sach­sen gantz fleis­sig beschrie­ben u. in teut­sche Rei­men gefas­set. 1568

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  • Im Gespräch ǀ „Der Frust beginnt beim Job“ — der Frei­tag — kur­zes inter­view mit ange­lika hager über rol­len­bil­der, gleich­stel­lung etc

    Da ent­wi­ckeln junge Frauen, schon ermü­det, jene Krank­heit, die ich Schnee­witt­chen­fie­ber nenne: Sie ver­krie­chen sich in Idyl­len und kochen Obst ein.

  • Vom Suchen und Fin­den ver­ges­se­ner Auto­ren | intel­lec­tures — sebas­tian gug­golz, ehe­ma­li­ger lek­tor bei matthes & seitz, der jetz gerade sei­nen eige­nen ver­lag gegrün­det hat:
    Ich bin mir sicher, dass die lau­fende Dis­kus­sion von wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen gelei­tet ist, von bei­den Sei­ten, also auch von den Ver­la­gen um Bon­nier. Der Streit­punkt sind ja die Rabatte, die Ama­zon for­dert. Wenn Ama­zon meine Bücher über die Bar­sor­ti­mente kau­fen, dann bekom­men die die Bücher zum glei­chen Preis, wie jede andere Buch­hand­lung auch. Ich weiß nicht, ob die noch einen Son­der­ver­trag mit den Bar­sor­ti­men­ten haben, aber das kann mir auch egal sein. Das heißt, jedes Buch, das ich bei Ama­zon ver­kaufe, ist ein ver­kauf­tes Buch und damit gut für mich. Die Dis­kus­sion um die eBook-Rabatte betrifft mich gleich gar nicht, da ich der­zeit ja keine eBooks ver­kaufe. Und wenn man als Ver­lags­kunde mit Ama­zon ein Part­ner­pro­gramm ein­geht, und damit erreicht, dass alle Bücher des jewei­li­gen Ver­lags auf Lager und umge­hend lie­fer­bar sind, dann muss man ohne­hin mit Ama­zon direkt die Rabatte aus­han­deln. Man bekommt dann bestimmte Vor­teile, muss aber höhere Rabatte ein­räu­men. Das ist dann ein­fach Ver­hand­lungs­sa­che. Ama­zon ist dann aber ein zuver­läs­si­ger Geschäfts­part­ner. Mein Pro­blem auf dem Buch­markt ist nicht Ama­zon. Da bin ich auf­find­bar und meine Bücher sind rela­tiv schnell lie­fer­bar. Mein Pro­blem sind nach wie vor die Groß­buch­hand­lun­gen, also Tha­lia und Hugen­du­bel, und noch schlim­mer die gan­zen Bahn­hofs­buch­hand­lun­gen. Die wer­den in der Amazon-Debatte plötz­lich von den Ver­la­gen mit ins Boot geholt, weil dort die gro­ßen Ver­lage ver­tre­ten sind, aber für mich als Klein­ver­lag sind die wie gesagt das eigent­li­che Pro­blem. Die neh­men mich nicht wahr und bestel­len mich nicht, weil ich immer unter einer gewis­sen Min­dest­stück­zahl bleibe. Bei denen tau­che ich nicht auf, bei Ama­zon schon. Des­halb ist es aus geschäft­li­cher Per­spek­tive auch schwie­rig, ein­fach nur zu sagen, Ama­zon ist der Böse und wir Ver­lage und der Buch­han­del die Guten. Das Bedenk­li­che an der aktu­el­len Debatte ist die Tat­sa­che, dass dahin­ter wirt­schaft­li­che Inter­es­sen ste­cken und nicht, wie man mei­nen könnte und wie sug­ge­riert wird, kulturelle.

  • xkcd: Wat­ches — (sehr wahr …)
  • Arthur Schnitz­ler Por­tal :: Start­seite — die digi­tale aus­gabe der historisch-kritischen edi­tion der werke arthur schnitz­lers

    Ziel des Pro­jekts ist die Erar­bei­tung einer digi­ta­len historisch-kritischen Edi­tion der lite­ra­ri­schen Werke Arthur Schnitz­lers aus dem Zeit­raum von 1905 bis 1931. Die Edi­tion wird im Rah­men einer bina­tio­na­len deutsch-britischen Koope­ra­tion erar­bei­tet und von der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek Cam­bridge beher­bergt werden

  • Rassismus-Skandal in Poli­zei­klasse: „Aus­län­der­schlampe“ und schlim­mer -
    taz.de
     — Die bes­ten der bes­ten (oder: früh übt sich): Rassismus-Skandal in Poli­zei­klasse: „Aus­län­der­schlampe“ und schlimmer
  • Inter­net­kul­tur: Der Auf­stieg des Daten­pro­le­ta­ri­ats | ZEIT ONLINE — gün­ter hack:
    Sie sind Lizenz­bür­ger auf Zeit, das mul­mige Gefühl beim Bestä­ti­gungs­klick auf die unge­le­se­nen juris­ti­schen Bin­dungs­flos­keln vor der Soft­ware­instal­la­tion ist das des Aus­ge­lie­fert­seins. Der Pro­duk­ti­vi­täts­schub durch Mobil­ge­räte wie­derum lässt sich nur dann wirk­lich nut­zen, wenn die wich­tigs­ten Pro­zesse ver­teilt in der »Cloud« lau­fen, bevor­zugt auf den Platt­for­men der weni­gen Marktführer.

    Wie etwa Jeremy Rif­kin in sei­nem Buch Access gezeigt hat, birgt die Miet­menta­li­tät auch Chan­cen für die Fle­xi­bi­li­tät und eine effi­zi­en­tere Res­sour­cen­nut­zung. Aber im domi­nan­ten Kon­kur­renz­sze­na­rio gilt: Wer mit­hal­ten will, ver­liert mehr an Frei­heit als er gewinnt. Und es gibt Unter­schiede, je nach Bran­che und Situa­tion: Für einen Land­wirt ist es sinn­voll, Mit­glied im Maschi­nen­ring zu sein, bestimmte Geräte nur dann zu mie­ten, wenn er sie braucht. Aber wenn das Saat­gut paten­tiert und an die Ver­wen­dung eines bestimm­ten Insek­ti­zids geknüpft ist, dann ist die Repro­duk­tion sei­ner Lebens­grund­lage betrof­fen. Die Balance von Geben und Neh­men zwi­schen Kunde und Dienst­leis­ter stimmt nicht mehr, allein schon wegen der Kon­zen­tra­tion der Macht in den Hän­den weni­ger star­ker Platt­form­an­bie­ter. Und diese neh­men immer noch mehr mit, als ihnen bezahlt wurde, sei es an Geld oder an Auf­merk­sam­keit, näm­lich die Nutzungsdaten.

    Egal, wel­chen gesell­schaft­li­chen Sta­tus sie nach außen hin beklei­den mögen, sie sind in die­sen Momen­ten nicht ein­mal mehr Lizenz­bür­ger, son­dern sie sind ins Daten­pro­le­ta­riat abge­glit­ten. Wie viel Geld sie auch immer mit ihrer Arbeit ver­die­nen mögen, egal wie stark sich ihre indi­vi­du­elle Pro­duk­ti­vi­tät erhö­hen mag: Jede ihrer Aktio­nen mehrt Reich­tum und Wis­sen der Platt­form­an­bie­ter, den eigent­li­chen Besit­zern der Pro­duk­ti­ons­mit­tel. Pro­le­ta­ri­sie­rung und Ver­lust an Pri­vat­sphäre gin­gen schon immer Hand in Hand.

  • Fahr­rad­wege: Jeder inves­tierte Euro zahlt sich mehr­fach aus — WiWo Green — noch ein grund, in fahr­ra­d­in­fra­struk­tur zu inves­tie­ren: es spart geld (näm­lich bei den gesund­heits­kos­ten):
    Je mehr in Fahr­ra­d­in­fra­struk­tur inves­tiert werde, je mehr nehme die Lebens­qua­li­tät und der Umwelt­schutz zu und damit auch die Gesund­heit der betrof­fe­nen Stadt­be­woh­ner – das alles sorge für mas­sive Ein­spa­run­gen bei der Stadt­ver­wal­tung (wenn diese für die Gesund­heits­kos­ten auf­kom­men muss) oder eben der öffent­li­chen Haushalte.

  • »Die Zoos schei­tern auf gan­zer Linie« — Süddeutsche.de — sind zoos noch zeit­ge­mäß? brin­gen sie uns, der umwelt oder den tie­ren irgend etwas?
    Machen wir uns nichts vor: Zoos sind Gefäng­nisse, in denen die Tiere lebens­lang ein­ge­sperrt sind. Die Hal­tung von exo­ti­schen Wild­tie­ren sollte aus­lau­fen. Keine Nach­zuch­ten, keine Importe mehr. Solange die gegen­wär­tig leben­den Tiere noch da sind und nicht aus­ge­wil­dert wer­den kön­nen, müs­sen sie so gehal­ten wer­den, dass ihre Bedürf­nisse und Ansprü­che erfüllt sind, und nicht die der Besu­cher. Wo das nicht geht, müs­sen eigene Refu­gien für sie geschaf­fen wer­den. Im Übri­gen müsste das Steu­er­geld, das in immer neue Zoo­ge­hege hier­zu­lande gesteckt wird, bes­ser in den Aus­bau von Schutz­zo­nen in den natür­li­chen Hei­ma­ten der Tiere inves­tiert wer­den. Zoos pas­sen nicht mehr in die heu­tige Zeit.

Ein Blick ins »Buch der Madrigale« von Amarcord

Fünf Män­ner alleine in einer ita­lie­ni­schen Renaissance-Villa: Selbst­ver­ständ­lich fan­gen die an zu sin­gen. Ganz stil­echt ertö­nen dort natür­lich Madri­gale des 16. Jahr­hun­dert, wie es zur Bau­zeit der Villa Godi von Anto­nio Pal­la­dio, die der Fil­me­ma­cher Gün­ter Atteln mit­samt ihrem Park als Dreh­ort für den Musik­film gewählt hat, passt.

amarcord, book of madrigals»The Book of Madri­gals«: Der Titel der ers­ten eige­nen DVD des Ensem­ble Amar­cord (neben der bereits 2010 ver­öf­fent­lich­ten Doku­men­ta­tion von Chris­toph Scholtz) lehnt sich natür­lich an die gleich­na­mig Auf­nahme des Quin­tetts von 2007 an, ohne jedoch das selbe Reper­toire auf­zu­wei­sen — immer­hin hat seit­dem auch der zweite Tenor gewech­selt. Auf­nahme– und Repertoire-Erfahrung hat das Quin­tett, das merkt man, genau wie die lange Rou­tine (das Ensem­ble singt ja schon seit mehr als zwan­zig Jah­ren), auch wenn dies ihre erste Auf­nahme beweg­ter Bil­der ist. So arg bewegt sind die dann aber doch nicht: Drei bis fünf Män­ner sit­zen oder ste­hen in dem alten Gemäuer herum und sin­gen, ab und an unter­stützt von der Gam­bis­tin Hille Perl, dem Lau­te­nis­ten (und Gitar­ris­ten) Lee San­tana und dem Tromm­ler Michael Metz­ler. Viel mehr pas­siert in den mini­mal ange­deu­te­ten Sze­nen nicht. Die pit­to­reske Umge­bung (und die wech­selnde Gar­de­robe) sorgt trotz­dem für nette Bil­der. Vor allem gibt sie der Kamera die Mög­lich­keit, durch den Park oder über die schö­nen Wand– und Decken­ma­le­reien zu schwei­fen. Das Schönste bleibt den­noch die Ton­spur die­ser klei­nen Euro­pa­tour, mit der Amar­cord die Ubi­qui­tät des Madri­gals in der Renais­sance betont: Eng­land — natür­lich mit Dow­land wür­dig ver­tre­ten -, Frank­reich, Deutsch­land und Ita­lien sind selbst­ver­ständ­lich dabei, mit di Lasso, Gesualdo, Gom­bert, Wil­la­ert und Schütz. Aber auch das Spa­nien des Gol­de­nen Zeit­al­ters gehört dazu, das mit zwei fast vul­gä­ren Madri­ga­len von Juan del Encina ver­tre­ten ist.

Viel bekann­tes ist zu hören — das man aber nicht immer in so har­mo­nisch aus­ta­rier­ten Klän­gen gebo­ten bekommt. Amar­cord singt auch für den Film weich und geschmei­dig, bleibt immer aus­ge­wo­gen und klar in den Details — man merkt die lange Beschäf­ti­gung mit die­ser Musik. Neben aller Kunst­fer­tig­keit ist da durch­aus auch Platz für mehr oder weni­ger deut­li­ches Augen­zwin­kern und für pos­sier­li­che Fri­vo­li­tä­ten (die vor allem Juan del Encina bei­steu­ert), die sich dann nicht nur hören las­sen, son­dern auch in der Mimik der Sän­ger sicht­bar wer­den. Und das gehört ja ja genauso zur Geschichte des Madri­gals wie die jauch­zen­den Lie­bes­be­schwö­run­gen oder weh­mü­tige Blick zurück, das vom Abschieds­schmerz ver­schlei­erte Geden­ken an die schö­ne­ren Tage und die ver­gan­gene Liebe (nahezu per­fekt führt Amar­cord das in Gom­berts »Trist départ« vor), bei denen die Sän­ger schau­spie­le­risch zurück­hal­ten­der agie­ren.
Nicht nur sin­gend, auch in den kur­zen Inter­viewschnip­seln beto­nen die Sän­ger die über­zeit­li­che Gül­tig­keit der hier in Musik gefass­ten Gefühle und Ideen, machen aber nicht wie die Kings‹ Sin­gers mit ihrer »Madri­gal History Tour« eine klin­gende Vor­le­sung dar­aus. Dazu passt auch, dass die Unter­ti­tel lei­der nur die über­setz­ten Texte bie­ten: »The Book of Madri­gals« ist eben vor allem ein Film zur Musik.

Amar­cord: The Book of Madri­gals. DVD 2014.

— Zuerst erschie­nen in Chor­zeit — Das Vokal­ma­ga­zin, Aus­gabe Sep­tem­ber 2014.

Pilger beim italienischen Zirkus: Christoph Irniger Pilgrim erzählen Musik

christoph irniger pilgrim, italian circus storyChris­toph Irni­ger ist ein wirk­lich inter­es­san­ter Schwei­zer. Der noch ziem­lich junge Saxo­pho­nist hat bei Intakt bereits im letz­ten Jahr mit sei­nem Trio die wun­der­bar kraft­volle CD Gowa­nuns Canal ver­öf­fent­licht. Und jetzt legt er nach — und noch eines drauf. Mit der losen For­ma­tion »Chris­toph Irni­ger Pil­grim«, die in etwas ande­rer Beset­zung schon eine Auf­nahme gemacht hat (die ich (noch) nicht kenne), hat er wie­der bei Intakt (die sind eben wirk­lich gut, die Züri­cher …) Ita­lian Cir­cus Story vor­ge­legt. Und das ist tolle Musik, die mich beim ers­ten Hören berührt, beim zwei­ten begeis­tert und beim drit­ten ent­zückt hat.

Schon der Beginn ist ziem­lich cool: schleicht sich auf wei­chen Klang­pfo­ten hin­ein, mit Zeit für Ent­wick­lun­gen und Ent­de­ckun­gen. Über­haupt die Ent­wick­lung: Wie span­nend und viel­fäl­tig es sein kann, die Ideen zu ent­fal­ten, hört man wohl am bes­ten beim vier­tel­stün­di­gen Titel­stück Ita­lian Cir­cus Story. Das ist keine akro­ba­ti­sche Ver­ren­kung (für die ich ja durch­aus auch eini­ges übrig habe …), son­dern eine phan­tas­ti­sche Geschichte vol­ler Ver­wand­lun­gen, Über­ra­schun­gen und Ent­wick­lun­gen, Höhe­punkte und Tie­fen. Neben­bei bemerkt klingt die Auf­nahme auch sehr gut, hat einen schö­nen war­men und plas­ti­schen Sound. Über­haupt zeich­net die ganze Ita­lian Cir­cus Story eine große Prä­zi­sion des klang­li­chen Gefü­ges aus. Die Klänge ver­fü­gen in so ziem­lich jedem Moment über beein­dru­ckende Klar­heit — trotz der (zeit­weise) hohen Dichte und durch­aus vor­han­de­nen Kom­ple­xi­tät erschei­nen sie wie selbst­ver­ständ­lich und fast natür­lich. Das hängt damit zusam­men, dass das Quin­tett aus Klang­pil­gern besteht: Fest ste­hen sie auf gemein­sa­men Grund, über­zeugt in ihrem Tun, sehr selbst­si­cher und selbst­be­wusst. Und das durch­aus mit Grund, denn sie sind hör­bar alle große Kön­ner und erstaun­lich reife Sti­lis­ten. Das zeigt sich gerade immer wie­der darin, dass sie Zeit haben oder sich Zeit neh­men, die Musik nicht drän­gen, son­dern ihr Frei­raum zur inne­ren und äuße­ren Ent­fal­tung geben.

Die Klar­heit der Far­ben und Motive, das oft auch sehr durch­sich­tig Ensem­ble, selbst bei erheb­li­cher klang­li­cher Dichte bezie­hungs­weise momen­ta­ner Ver­dich­tung ver­mit­telt so immer wie­der eine die­ser Musik inne­woh­nende poe­ti­sche Frei­heit. Dabei ist alles sehr kon­zen­triert, genau und im höchs­ten Maße aus­ge­feilt — nicht die Frei­heit des egal was, des War­tens auf die Inspi­ra­tion hört man hier, son­dern die Frei­heit der Vor­be­rei­tung — und der dar­aus resul­tie­ren­den Gewiss­heit und Über­zeu­gung (des Gelingens).

Chris­toph Irni­ger ist dabei selbst als Saxo­pho­nist gar nicht so sehr prä­sent, wie man das von Band­lea­dern gewohnt ist: Er drän­gelt nicht, son­dern lässt viel Raum — unter ande­rem für den klang­sin­ni­gen Pia­nis­ten Ste­fan Aeby oder den schwe­ben­den Gitar­ren­sound von Dave Gis­ler. Aber egal, wer gerade zu hören ist: Immer wie­der beein­druckt die kon­zen­trierte Gelas­sen­heit der Musik, die erar­bei­tete, her­ge­stellte Locker­heit und die ange­spannte Auf­merk­sam­keit für jedes rhyth­mi­sche, moti­vi­sche und klang­li­che Detail.

Chris­toph Irni­ger Pil­grim: Ita­lian Cir­cus Story. Intakt CD 238. Intakt Records 2014.

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  • Der Druck der nächs­ten fei­nen Sache — Per­len­tau­cher — flo­rian kess­ler dis­ku­tiert mit daniela seel & axel von ernst über die hot­list, ver­mark­tung von büchern und nischen oder schub­la­den. daniela seel (kook­books) stellt grund­sätz­li­che fra­gen:
    So macht die Hot­list sich selbst zur klei­ne­ren Kopie der Gro­ßen und trägt mit zur Ver­en­gung des Lite­ra­tur­ver­ständ­nis­ses bei. Was eigent­lich nötig wäre, näm­lich auf eine Ver­mitt­lung gerade des Sper­ri­ge­ren hin­zu­wir­ken, sich für andere lite­ra­ri­sche For­men und auch kom­ple­xer gestal­tete Bücher stark zu machen, die nicht so leicht schub­la­di­siert wer­den kön­nen, fin­det viel zu wenig statt.

    Die Abdrän­gung in »Nischen« ist durch­aus ein Sym­ptom von Ver­drän­gung im dop­pel­ten Sinn. Dabei steht die Ero­sion tra­di­tio­nel­ler Lite­ra­tur­ver­mitt­lung, durch Zei­tungs­kri­tik, Buch­han­del, Schul­lek­türe und so wei­ter, ja gerade erst am Anfang. Viel­leicht wird es in zehn Jah­ren kaum noch Auf­la­gen über 1000 Exem­plare geben oder Kri­ti­ken mit einer höhe­ren Reich­weite, und die ver­blie­be­nen Gewinne lan­den fast voll­stän­dig bei Online­kon­zer­nen und Gerä­te­her­stel­lern. Umso wich­ti­ger wäre es, jetzt alter­na­tive, zukunfts­fä­hige Instru­mente zu erfin­den und ins Gespräch zu brin­gen — über­haupt als Akteure in die­sem Wan­del zu han­deln statt sich von ihm trei­ben zu las­sen — , gerne auch mit erwei­ter­ten Hotlist-Werkzeugen. Wei­ter bloß die gerade publi­zier­ten Bücher mög­lichst vie­len Men­schen ver­kau­fen zu wol­len, riecht jeden­falls nach Para­ly­sie­rung durch Panik und greift nach allen Sei­ten zu kurz.

  • Preu­ßens demo­kra­ti­sche Sen­dung — Kul­tur — DIE WELT — flo­rian stark schreibt in der »welt« den nach­ruf auf hagen schulze:
    Aber Schulze wollte nicht der herr­schen­den Schule gefal­len, son­dern die Quel­len zum Reden brin­gen. Bei­des machte ihn zum Soli­tär, des­sen Klasse viele Kri­ti­ker aber zäh­ne­knir­schend aner­ken­nen mussten.

  • child­Lex (Ger­man Children‘s Book Cor­pus) | Max-Planck-Institut für Bil­dungs­for­schung — coo­ler Kor­pus:
    child­Lex ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt mit der Uni­ver­si­tät Pots­dam und der Berlin-Brandenburgischen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten. Das Kor­pus umfasst über 10 Mil­lio­nen Wör­ter, die in einer Aus­wahl von 500 Kin­der– und Lese­bü­chern ent­hal­ten sind. Die Bücher decken den Alters­be­reich von 6 – 12 Jahre ab und kön­nen ent­we­der ins­ge­samt oder in drei ver­schie­de­nen Alters­grup­pen (6 – 8, 9 – 10, 11 – 12 Jahre) getrennt abge­fragt wer­den. Dabei wer­den die meis­ten lin­gu­is­tisch und psy­cho­lo­gisch rele­van­ten Varia­blen für ca. 200.000 unter­schied­li­che Wör­ter zur Ver­fü­gung gestellt.

  • Uber, die deut­sche Star­tup­szene und die Medien im Kampf gegen Regu­lie­rung und das Taxi-Establishment » Zukunft Mobi­li­tät — sehr guter text von mar­tin ran­del­hoff bei »zukunft mobi­li­tät« über die gründe, warum »uber« viel­leicht doch keine so tolle idee ist (und der regu­li­terte taxi-markt gar nicht so schlecht ist, wie inter­na­tio­nale erfah­run­gen mit dere­gu­lie­run­gen zei­gen) — weder für den städ­ti­schen ver­kehr ins­ge­samt noch für den indi­vi­du­el­len nut­zer (von den fah­rern wohl zu schweigen …)
  • Tra­c­ing Jewish history along the Rhine — Tra­c­ing Jewish history along the Rhine (NYT)
  • Fahr­rad­ku­riere: „Am Abend bin ich ein Held“ — Die @FAZ_NET hat die Fahr­rad­ku­riere in Frank­furt ent­deckt: „Am Abend bin ich ein Held“ >
  • Wer pflegt die Fülle sel­ten gehör­ter Stim­men? — taz.de — Jür­gen Brô­can schreibt in der taz sehr beden­kens­wert über das selt­same miss­ver­hält­nis zwi­schen der hohen zahl guter neuer lyrik und ihrer schwin­den­den reich­weite:
    Lyrik ist das Ange­bot einer nicht pri­mär auf Infor­miert­heit und Effek­ti­vi­tät gegrün­de­ten Denk­weise in einer ande­ren Spra­che als der des täg­li­chen Umgangs. Darin besteht ihr Wert und ihre Stärke, darin besteht lei­der auch ihre Pro­ble­ma­tik hin­sicht­lich der Rezep­tion.
    […]
    Dabei brau­chen Gedichte nur jeman­den, der wil­lens ist, nicht bloß zu kon­su­mie­ren, son­dern sich kon­zen­triert auf eine Sache ein­zu­las­sen, sich ihr behut­sam anzu­nä­hern und selbst ein gele­gent­li­ches Sto­cken nicht als hin­der­lich, viel­mehr als berei­chernd zu emp­fin­den. Ent­spinnt sich auf diese Weise ein Gespräch mit dem Text, wird sogar das ein­same Lese­zim­mer nicht als Iso­la­tion empfunden.

    vor­schläge, die mar­gi­na­li­sie­rung der lyrik umzu­keh­ren, dem gedicht zu mehr bedeu­tung & rezep­tion zu verhelfen:

    Mir scheint zwei­er­lei unab­ding­bar: Die mediale Auf­merk­sam­keit müsste dezen­tra­li­siert wer­den, denn es ist nicht alles »Pro­vinz«, was sich außer­halb Ber­lins oder Leip­zigs befin­det, künst­le­ri­sches Poten­zial kann man über­all ent­de­cken, es ent­fal­tet sich an den Peri­phe­rien oft­mals eige­ner als in den Schutz­zo­nen der Metro­po­len. Dar­über hin­aus soll­ten Preise und Sti­pen­dien der vor­han­de­nen Viel­falt stär­ker als bis­her Rech­nung tra­gen; deren man­gelnde Unter­stüt­zung setzt näm­lich einen Teu­fels­kreis in Gang, der am Ende die Argu­men­ta­tion stützt, es exis­tiere diese Viel­falt gar nicht.

  • Reste aus 6. Jahr­hun­dert ent­deckt — All­ge­meine Zei­tung — Wer in Mainz anfängt zu gra­ben …: »Älteste Main­zer Kir­che ist noch älter« — beim 6. Jhd sind sie jetzt angekommen
  • Ano­nAus­tria on Twit­ter: Die AfD fin­det, dass das Thema »Schre­ckens­herr­schaft der NSDAP« den Geschichts­un­ter­richt zu sehr »über­schat­tet«: http://t.co/6RAstU3QXk — Steile These: Die AfD meint, 1848 hätte »unser Land« stär­ker geprägt als der Natio­nal­so­zia­lis­mus. >
  • Sicht­achse deluxe | anmut und demut — Sicht­achse deluxe | anmut und demut
  • Char­lotte Jahnz on Twit­ter: Hihihi. http://t.co/u3x8id7o4g — RT @CJahnz: Hihihi.
  • Oranienplatz-Flüchtlinge: Der große Bluff — taz.de — ganz schön mies, was der Ber­li­ner Senat da als Poli­tik ver­steht: »Oranienplatz-Flüchtlinge: Der große Bluff«

Aus-Lese #36

Nor­bert Scheuer: Bis ich dies alles liebte. Neue Hei­mat­ge­dichte. Mün­chen: Beck 2011. 101 Seiten

scheuer, bisIm Jahr 2011 Hei­mat­ge­dichte zu schrei­ben, ist natür­lich eine Pro­vo­ka­tion — die Gat­tung gilt (genauso wie »Hei­mat« über­haupt) als erle­digt und über­holt. Aber immer­hin sind es »Neue Hei­mat­ge­dichte«, die Nor­bert Scheuer hier vor­ge­legt hat. Und sie sind lange nicht so pro­vo­zie­rend, wie man erwar­ten mag. Was auch damit zusam­men­hän­gen dürfte, dass sie schon als Gedichte — unab­hän­gig von ihrer The­ma­tik — nich so sehr pro­vo­zie­ren kön­nen und wol­len. Eine leichte Weh­mut lässt sich oft erken­nen, vor allem aber zeich­net die Hei­mat­ge­dichte Scheu­ers wohl so etwas wie eine Zufrie­den­heit mit der „Hei­mat“ trotz der vorhandenen/erworbenen Kennt­nis des Ande­ren (als das wären: Welt, Unsterb­lich­keit der Lite­ra­tur und der­glei­chen mehr) aus. »Hei­mat« selbst ist ja eigent­lich eine sehr unge­naue Spe­zi­fi­zie­rung. Hier trifft sie vor allme — und das ist tat­säch­lich in der Lyrik der letz­ten Jahre nicht unbe­dingt gewöhn­lich — auf das Dorf. Man kann gerade die ers­ten Gedichte des Ban­des auch als eine klit­ze­kleine Geschichte des Dor­fes im Zeit­raf­fer lesen, mit den Men­schen und den Tätig­kei­ten und der Umge­bung, die dazu gehört. Wo andere Lyri­ker Sze­nen der Stadt beschrei­ben, steht hier eben das dörf­li­che oder länd­li­che Leben und Erle­ben im Vor­der­grund. Das war aber auch schon der Unter­schied — na gut, viel­leicht über­haupt die deut­li­che und starke Ver­or­tung in bestimmt-unbestimmten Raum (der „Hei­mat“, auf dem Lande …). Die­ser Ort bleibt aber unge­nannt und nicht ganz fass­bar — es ist eine manch­mal ideale, manch­mal nicht so ehr ideale Kon­struk­tion aus dem Typi­schen.
Ein paar sehr feine, klare (spre­chende) Gedichte sind dabei, aber auch eini­ges eher mit­tel­mä­ßige und auch bana­les. For­mal hat sich das lei­der auch eher schnell erschöft, hat man schnell kapiert und ist dann zwar nicht schlech­ter, aber auch nicht mehr beson­ders span­nend oder anre­gend — etwa das Spiel mti der Ober­flä­chen­form der Gedichte udn ihrer Spra­che. Aber viel­leicht ist das eben ein­fach Lyrik der Nor­ma­li­tät (des Lebens, eben des Lebens in der Hei­mat und auf dem Land).

Julien Gracq: Der Ver­su­cher. Graz: Dro­schl 2014. 232 Seiten.

gracq, versucherEin Buch, das voll­stän­dig aus Ober­tö­nen besteht« schreibt der Über­set­zer Die­ter Hor­nig im Nach­wort zu einem der Vor­bil­der für Gracq, Cha­teu­abri­ands Vie de Rancé. Das gilt aber auch für den Ver­su­cher: Das ist näm­lich ein Roman, der maß­geb­lich von sei­ner Atmo­sphäre lebt. Es ist fas­zi­nie­rend, wie genau und leicht Gracq die her­auf­be­schwö­ren kann: Seine ele­gan­ten Beschrei­bun­gen der Ele­ganz ver­lo­re­ner Zeit(en) und unter­ge­gang­nen Epo­chen, wie sie sich im Urlaubs­le­ben in einem Strand­ho­tel mani­fes­tie­ren, las­sen eine ent­spannte, offene, zugleich erwar­tende und erwar­tungs­volle Stim­mung ent­ste­hen, die wun­der­bar zum som­mer­li­chen Schwe­ben im Urlaub, dem Entrückt-Sein aus dem All­tag, pas­sen. In der Land­schaft der bre­to­ni­schen Küste, mit ihrer Melan­cho­lie und Ver­gäng­lich­keit, die Gracq bezau­bernd beschreibt, trifft der Erzäh­ler (und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler) Gér­ard unter ande­rem auf Allan, eine selt­sam chan­gie­rende Figur zwi­schen Hoch­stap­ler und tra­gi­schem Schick­sal — und ein wun­der­sa­mes und wun­der­ba­res Kam­mer­spiel ent­fal­tet sich, das man auch ganz und gar genie­ßen kann, ohne die inter­tex­t­u­el­len Anspie­lun­gen, die Gracq hier offen­bar (und mehr oder weni­ger offen­sicht­lich) ver­ar­bei­tet hat, zu verstehen.

Jan Kuhl­brodt: Stöt­zers Lied. Gesang vom Leben danach. Ber­lin: J. Frank 2013 (Quart­heft 40). 180 Seiten.

kuhlbrodt, stötzers liedEin selt­sa­mes Buch, das mir eher fremd geblie­ben ist. Der »Gesang«, unter­teilt in diverse durch »Embo­lien« getrennte Abschnitte (dar­un­ter »Stöt­zers Gedichte«, »Par­a­li­po­mena zu Stöt­zer« oder »Deut­scher Platz«) ist eine Art Pro­sa­ge­dicht. For­mal gibt sich das als Lyrik, mit Ver­sen und Stro­phen etc. Sprach­lich bleibt es aber im Gro­ßen und Gan­zen Prosa. Und so wie es beide Gat­tun­gen glei­cher­ma­ßen bedient, so bedient es sich auch bei den gro­ßen Thema. Irgend­wie geht es immer um Geschichte und den Umgang mit ihr, beson­ders im (post)sozialistischen Leip­zig, von Völ­ker­schlacht­denk­mal über Lenin bis zur Ästhe­tik der Plat­ten­bau­ten wird so ziem­lich alles mög­li­che ange­ris­sen und auf­ge­ru­fen. Der Klap­pen­text schreibt da ganz treffend:

Stöt­zer [die von Kuhl­brodt ein­ge­setzte Sprecher-/Reflektorfigur] ist ein Wahr­neh­mungs­spei­cher, ein Seis­mo­graph. […] Er nimmt das auf, was ihn über­rollt: Poli­tik, Öko­no­mie, Kunst, Geschichte. Stöt­zer kom­men­tiert aus der Sta­tik her­aus die Bewe­gun­gen, das Aus­klin­gen des Ver­gan­ge­nen und das Her­ein­bre­chen des neuen Jahrtausends.

Das ist eine Mischung aus Bana­li­tä­ten der Ober­flä­che und tie­fer boh­ren­den Refle­xio­nen gewor­den, die unver­mit­telt neben ein­an­der auf­tau­chen und da auch ste­hen blei­ben, sich dadurch aber recht erfolg­reich gegen­sei­tig befruch­ten und ergän­zen. Dar­über hin­aus ist das aber auch ein sehr schö­nes, gut gemach­tes Buch gewor­den, das mit ver­schie­de­nen Gestal­tungs­ele­men­ten der Typo­gra­phie und der Illus­tra­tio­nen die ver­schie­de­nen Teile oder Ebe­nen des Texte gut illus­trie­rend ergänzt und verdeutlicht.

Christa Rei­nig: Feu­er­ge­fähr­lich. Neue und aus­ge­wählte Gedichte. Aus­ge­wählt und mit einem Nach­wort von Klaus Wagen­bach. Ber­lin: Wagen­bach 2010 (Klaus Wagen­bachs Oktav­hefte). 79 Seiten.

reinig, feuergefaerhlichWirk­lich näher gebracht hat mir diese Aus­wahl Klaus Wagen­bachs die Lyrik von Christa Rei­nig nicht. Der Anfang ist schreck­lich banal, schon die Form — bravste Paar– und Kreuz­reime in regel­mä­ßi­ger Metrik und Zwölf­zei­lern — ver­hin­dert fast das inter­es­sierte Lesen. Zum Glück wan­delt sich das mit dem Fort­schrei­ten der Sei­ten, eine zuneh­mende Kon­zen­tra­tion und Ver­dich­tung. Das macht die nun auch mal lako­nisch wir­ken­den Gedichte bes­ser. Allein schon des­halb, weil sie nicht mehr so geschwät­zig sind. Aller­dings bleibt der Ein­druck, dass hier eine Auto­rin schreibt, die irgend­wie stän­dig belei­digt von der Welt und ihrer Schlech­tig­keit wirkt. Weil das oft den Bei­klang per­sön­li­chen Belei­digtseins hat (z.B. bei »Der Andere«!), hat mich das etwas genervt. Die Gegen­über­stel­lung der Macht­lo­sig­kei­ten, der Ohn­macht, der rich­ti­gen Spra­che und den offi­zi­el­len Verlautbarungen/Wörtern, den Herr­schen­den, den Mäch­ti­gen durch­zieht fast alle Texte mehr oder weni­ger. Das ist ja eigent­lich eine sym­pa­thi­sche Sache, weil aber vie­les mir eigent­lich zu offen­sicht­lich, zu deut­lich und ein­deu­tig gesagt ist, ver­liert das etwas von sei­ner Wirkung.

In die Gewehre rennen

mein tiefs­tes herz heißt tod
wenn das die mör­der wüss­ten
wären sie es müde (34)

außer­dem noch:

  • Arno Schmidt, »Na, Sie hät­ten mal in Wei­mar leben sol­len!« Über Wie­land — Her­der — Goe­the. Mit einem Essay von Jan Phil­ipp Reem­tsma, hrsg. von Jan Phil­ipp Reem­tsma. Stutt­gart: Reclam 2013. 234 Sei­ten. (mit dem wun­der­ba­ren Essay »Goe­the und einer sei­ner Bewunderer«)
  • Ein­hard, Vita Karoli Magni (zur Vor­be­rei­tung auf den Aus­stel­lungs­be­such in Aachen)
  • Stramm, August, Gedichte Dra­men Prosa Briefe. Her­aus­ge­ge­ben von Jörg Drews. Stutt­gart: Reclam 1997. 242 Seiten.

Critical Mass Mainz — Septemberausgabe

Am Frei­tag war wie­der die Cri­ti­cal Mass in Mainz unter­wegs. Und ich war wie­der dabei — zum drit­ten Mal in die­sem Jahr, zum zwei­ten Mal mit dem Lie­ge­rad. Das ist dafür aber offen­sicht­lich nicht das am bes­ten geeig­nete Gefährt (aber dazu gleich mehr). Es waren bei ange­nehm som­mer­li­chen Tem­pe­ra­tu­ren wie­der etwas mehr als hun­dert Rad­le­rin­nen und Rad­ler vor dem Staats­thea­ter zusam­men­ge­kom­men, um ein biss­chen spa­zie­ren zu fah­ren in der Lan­des­haupt­stadt am Rhein. Bis es so weit war, dau­erte es aber noch etwas. Eigent­lich will die Main­zer Cri­ti­cal Mass am ers­ten Frei­tag im Monat um 18 Uhr star­ten. Das hat sie aber, glaube ich, noch nie getan — und das muss sie natür­lich auch nicht. Die­ses Mal fand ich die Ver­zö­ge­rung bis zum Start aller­dings arg lang. Das heißt näm­lich vor allem: rum­ste­hen und war­ten (gut, ich konnte sit­zen …). Aber irgend­wann reicht’s halt doch mal mit dem Her­um­lun­gern.
Doch alles War­ten hat irgend­wann ein Ende und so setzte sich kurz vor halb Sie­ben der lange Wurm auf zwei (bzw. bei zwei Teil­neh­mern auch auf drei) Rädern in Bewe­gung. Aber was heißt da schon Bewe­gung: Ich hatte den Ein­druck (der kann aber auch täu­schen …), dass es die­ses Mal seee­ehr gemüt­lich war. Auf dem Lie­ge­rad war das jeden­falls kein super ent­spann­tes Tempo — etwas Geschwin­dig­keit brau­che ich halt schon, damit sich das Ding sta­bi­li­siert. Aber das ist natür­lich mein per­sön­li­ches Luxus­pro­blem. Ande­rer­seits fand ich gerade am Anfang — es ging die­ses Mal übers Höf­chen auf die Rhein­straße, dann über die Holz­hofal­lee und Umbach zur Gro­ßen Blei­che, mit einem Schlen­ker über die Kai­ser­straße (weil das Blei­che­n­ende ja wegen Open-Air-Konzert-Aufbau gesperrt war) auf die Theodor-Heuss-Brücke und über den Rhein nach Kas­tel, von dort nach einer groß­zü­gi­gen Schleife wie­der zurück nach Mainz und noch etwas durch die Neu­stadt und schließ­lich zurück zum Thea­ter -, dass ziem­lich viele wack­lig und unru­hig fuh­ren. Außer­dem hat das auch durch­aus etwas pro­vo­zie­ren­des, wenn 110 Zwei­rä­der so lang­sam wie mög­lich über die Kreu­zun­gen schlei­chen und die ande­ren Ver­kehrs­teil­neh­mer — unter denen ja auch nicht wenige Fuß­gän­ger sind — blo­ckie­ren. Die Durch­schnitts­ge­schwin­dig­keit von knapp 10 km/h war für mich und mein Lie­ge­rad jeden­falls grenz­wer­tig — da eier ich immer selbst im ebe­nen in den klei­nen und kleins­ten Gän­gen herum, ohne auf eine ordent­li­che Tritt­fre­quenz zu kom­men. Dafür hat das Cor­ken aber, so weit ich das mit­be­kam, wun­der­bar geklappt — vie­len Dank dafür!
Etwas ande­res, was mich — neben der Stre­cken­füh­rung, die ich etwas erra­tisch fand — mit zuneh­men­der Zeit nervte: Zwei Sound­sys­teme. Das ist für mei­nen Geschmack min­des­tens eines zu viel. Zumal die beide — wie­derum für mich — ästhe­tisch nicht gerade über­zeug­ten mit ihrer Beschal­lung. Vor allem aber hatte ich am Frei­tag den Ein­druck, dass das etwas in eine Par­ty­runde abglei­tet. Und ich befürchte, damit tun sich die Rad­le­rin­nen und Rad­ler kei­nen Gefal­len. Denn eigent­lich sollte es bei der Cri­ti­cal Mass ja darum gehen, zu zei­gen, dass Fahr­rä­der auch Teil des Ver­kehrs sind und ihren Anspruch auf ange­mes­se­nen (Verkehrs-)Raum gel­tend machen wol­len — nicht aber so sehr, dass sie am Frei­tag Abend für etwas kuriose Unter­hal­tung sor­gen. Na ja, in die­ser Hin­sicht mag ich aber auch etwas vor­sich­tig bzw. zurück­hal­tend sein. Ähn­li­ches gilt viel­leicht auch für mein leich­tes Unbe­ha­gen auch beim Platz­be­darf: Offi­zi­ell gilt ja eigent­lich nur, dass ein Rad-Verband eine Spur nut­zen darf und nicht alle ver­füg­ba­ren. Das eine oder andere Mal musste aber sogar der Gegen­ver­kehr war­ten — und das muss nun wirk­lich nicht sein. Die Aktion im Krei­sel in Kas­tel, bei der ein Last­wa­gen und ein PKW, die gerade auf das Ende der Rad­fah­rer war­te­ten, von der Spitze »umschlos­sen« wur­den, war natür­lich auch eher mis­tig oder unsin­nig.
Das alles hat jeden­falls dazu geführt, dass ich die­ses Mal nicht den aller­größ­ten Spaß hatte. Aber schlecht war’s natür­lich auch nicht ;-) — auch wenn das jetzt ein recht kri­ti­scher Text gewor­den ist. Aber den­noch: Die Idee der Cri­ti­cal Mass finde ich immer noch eine gute Sache. Und es war sicher­lich nicht meine letzte Teil­nahme, obwohl ich frei­tags abends oft etwas ande­res vor habe …

Ins Netz gegangen (31.8.)

Ins Netz gegan­gen am 29.8.:

  • Strand: Wie Gold am Meer | ZEIT ONLINE -
    Es ist nicht nur das Meer, das den Sand vom Strand weg­holt, es ist auch der Mensch.

    span­nen­der text über den sand — am strand und im beton etc. und was der in den letz­ten jah­ren alles für pro­bleme berei­tet (weil der mensch herumpfuscht …)

  • Spen­den­ak­tion ǀ Ice Bucket Chal­lenge? Fuck off! — der Frei­tag — RT @derfreitag: Spen­den­ak­tion: #Ice­Bu­cket­Chal­lenge? Fuck off! »
  • Kolumne Luft und Liebe: Wahn und Schmod­der — taz.de — »Brea­king News: Die Welt ist kom­pli­ziert. Und im Inter­net gibt es gleich­zei­tig Femi­nis­tin­nen und krasse Por­nos« >
  • 50 — Na 1, 356 — Kor­re­spon­den­zen mit Her­bert Mar­cuse (p. V 118, 1 – 383) — Seite — Max Hork­hei­mer — Digi­tale Samm­lun­gen — RT @benni_b: Doof wenn man berühmt wird und dann im Nach­lass des Kum­pels der eigene Sexis­mus zu Tage tritt: #mar­cuse #horkheimer
  • Sim­ply Explai­ned — Geek&Poke — Sim­ply Explai­ned — Geek&Poke;
  • Deut­sche Poli­tik vor den Welt­krie­gen — FAZ — hein­rich august wink­ler über den kriegs­be­ginn 1914, die frage der schuld bzw. haupt­schuld und warum sei­ner mei­nung nach deutsch­land nicht ganz auf einer ebene mit den ande­ren euro­päi­schen staa­ten anzu­sie­deln ist:
    Schwe­rer noch wiegt die Aus­klam­me­rung der innen­po­li­ti­schen Vor­ge­schichte des deut­schen Weges in den Ers­ten Welt­krieg bei Clark und Münk­ler. Der Mili­ta­ris­mus war ein gesamt­eu­ro­päi­sches Phä­no­men, aber nir­gendwo waren die Gesell­schaft und das poli­ti­sche Den­ken so mili­ta­ri­siert wie im Deut­schen Reich. „Kriegs­par­teien“ gab es über­all, aber nir­gendwo ver­füg­ten sie über einen so brei­ten gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Rück­halt wie in Deutsch­land. Er reichte vom ost­el­bi­schen Rit­ter­guts­be­sitz über die Schwer­in­dus­trie und Teile des gebil­de­ten Bür­ger­tums bis zu den Ver­bän­den des gewerb­li­chen Mit­tel­stan­des und der kauf­män­ni­schen Ange­stell­ten. Deutsch­land war eine kon­sti­tu­tio­nelle, keine par­la­men­ta­ri­sche Mon­ar­chie. Der Reichs­kanz­ler war dem Kai­ser, nicht dem Reichs­tag ver­ant­wort­lich. Die mili­tä­ri­sche Kom­man­do­ge­walt des Königs von Preu­ßen, der zugleich Deut­scher Kai­ser war, bedurfte nicht der minis­te­ri­el­len Gegen­zeich­nung — ein Relikt des Absolutismus.

     — und zur kon­ti­nui­tät von 1914 und 1939 (was alles zusam­men bei den faz-lesern nicht auf große gegen­liebe stößt …)

  • In Rede­si­gned Room, Hos­pi­tal Pati­ents May Feel Bet­ter Alre­ady — NYTimes.com — die new york times über die rolle von archi­tek­ten im gesund­heits­we­sen, hier am bei­spiel eines neu­baus des »Uni­ver­sity Medi­cal Cen­ter of Prin­ce­ton«:
    But the real eye-opener was this: Pati­ents also asked for 30 per­cent less pain medication.

  • Es geht ums Lesen — taz.de — johan­nes thum­fart in der der taz über das befrei­ende poten­zial von ebooks (und warum es schein­hei­lig ist, dem gedruck­ten buch so sehr nach­zu­wei­nen):
    Kern der ableh­nen­den Hal­tung gegen­über dem E-Book ist, dass es eben nur den eigent­li­chen Zweck von Büchern erfüllt, näm­lich das Gele­sen­wer­den. Dage­gen ist das gedruckte Buch in unse­ren Brei­ten­gra­den vor allem ein Dummy für den Gaben­tisch, das man geschenkt bekommt, im Bücher­schrank abstellt, als Acces­soire neben den Latte mac­chiato legt, aber auch — etwas sel­te­ner — an Freunde ver­leiht und wei­ter­ver­kauft. Für all diese Neben­as­pekte der Buch­kul­tur taugt das E-Book nicht.

    Anstatt also dem gedruck­ten Buch nach­zu­wei­nen oder gar zu ver­su­chen, es durch Orna­mente im bis­lang herr­lich redu­zier­ten E-Book zu imi­tie­ren, muss E-Book-Kultur davon han­deln, den Pro­zess der Demo­kra­ti­sie­rung, Säku­la­ri­sie­rung und Ratio­na­li­sie­rung der Schrift, der schon mit der Erfin­dung des Alpha­bets begann, zu beschleu­ni­gen. In dem Sinne fin­det sich die Speer­spitze der Buch­kul­tur heute in den tri­via­len Ecken fernab der Bücher­mes­sen und ähn­li­cher Ver­an­stal­tun­gen: In der »Fan Fic­tion« zum Bei­spiel, wo mas­sen­weise Schmud­del­li­te­ra­tur for the people by the people gemacht wird, die auch noch in der U-Bahn voll­kom­men unsicht­bar gele­sen wird und in kei­nem Regal als Tro­phäe aus­ge­stellt wer­den muss.

    Buch­ge­stal­ter, Ver­lage, Kri­ti­ker, Buch­de­ckel und Dru­cker­schwärze ste­hen die­ser neuen, auf das Wesent­li­che redu­zier­ten Ästhe­tik der sich lite­ra­risch eman­zi­pie­ren­den Masse nur im Wege.

  • Warum ich die Peti­tion gegen Ama­zon nicht unter­schreibe — Süddeutsche.de — ich finde, ste­fan weid­ner hat durch­aus recht, auch wenn er sich in details irrt (wann/womit bitte ist es bes­ser, auf dem tablet als auf dem ebook-reader zu lesen? und natür­lich ist es nicht egal, wo ich meine ebooks kaufe, weil ama­zon sie ein­sperrt. aber das sind neben­säch­lich­kei­ten, die hier nichts zur sache tun)
    Aggres­si­vi­tät und einen unsen­ti­men­ta­len Blick nach vorn. Ama­zon hat das, der deut­sche Buch­markt nicht, nichts ande­res belegt der Pro­test gegen Ama­zon. Ich ver­stehe die Gründe für den Pro­test und die Angst, aber das ändert nichts an der Ver­knö­che­rung und Refor­mun­wil­lig­keit des Buch­mark­tes. An sich ist er, ich sagte es, per­fekt. Aber das Sys­tem hat den Kon­takt zur Außen­welt ver­lo­ren. Und da diese, wie Außen­welt oft, unbe­kannt und böse ist, will man sich nur umso mehr von ihr abkap­seln. So sind schon viele Spe­zies ausgestorben.