Freund­lich sein.
[…] Man sollte es mit allen Mit­teln ver­su­chen. Man sollte immer ein paar Melo­dien im Kopf haben, daß man ein­falls­lo­sen Stra­ßen­gei­gern Vor­schläge machen kann.

—Chris­toph Meckel, Freund­lich sein (1961)

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  • Was hin­ter­lässt Gün­ter Grass?: Olymp der Old Boys — taz.de — mar­lene stre­e­ru­witz blickt kri­tisch aus Gün­ter Grass und sein poli­ti­sches Enga­ge­ment zurück:
    Wenn die soziale Gerech­tig­keit am Ende doch par­tei­isch gedacht war. Die Moral zer­bricht an so einem Wider­spruch. Das kam wohl auch daher, dass diese Gene­ra­tion von kri­ti­schen Söh­nen sich auf einem Olymp der Mora­li­tät wähn­ten und dort blei­ben woll­ten. Aber unge­stört. Statt also den Olymp zu demo­kra­ti­sie­ren, wurde die deut­sche Kul­tur zu einem der vie­len old boys clubs, wie sie die Welt immer schon beherrsch­ten. Sol­che Per­so­nen haben viel ver­än­dert und am Ende dann wie­der gar nicht so viel.

  • Die Geschichte offen­hal­ten (junge Welt) — ingar solty & enno stahl dia­gnos­ti­zie­ren die gesell­schaft­li­che Bedeu­tungs­lo­sig­keit der Lite­ra­tur und machen Vor­schläge, wie sich das ändern ließe
    Diese sozia­len und öko­no­mi­schen Dis­so­nan­zen müs­sen sich in der Lite­ra­tur nie­der­schla­gen, die mons­tröse Asym­me­trie des Lebens, Momente der Schön­heit neben Aus­brü­chen ata­vis­ti­scher Grau­sam­keit, die Ver­stri­ckun­gen des ein­zel­nen im gro­ßen Gan­zen, gerade wenn er oder sie sich her­aus­zu­hal­ten sucht. Die Lite­ra­tur muss sagen, was Sache ist, muss doku­men­tie­ren, nach­hal­tig auf­be­wah­ren und damit ankla­gen, wel­che Ver­hee­run­gen sich ereig­net haben und wer die Ver­ur­sa­cher sind

  • Mara Gen­schel: Die Erha­ben­heit des Tesa­films | ZEIT ONLINE — Michael braun über die wun­der­bare und span­nende Lyri­ke­rin mara genschel
  • Mau­er­fall: Schabowski-Zettel soll gestoh­len wor­den sein — Poli­tik — Süddeutsche.de — Mehr als 20 Jahre lang galt der Notiz­zet­tel von Gün­ter Scha­bow­ski für die Pres­se­kon­fe­renz, die den Mau­er­fall aus­löste, als ver­schol­len. Dann tauchte er bei der Stif­tung »Haus der Geschichte« auf. Scha­bow­skis Ehe­frau erhebt schwere Vor­würfe gegen Bekannte.
  • Don’t make bicy­clists more visi­ble. Make dri­vers stop hit­ting them. — The Washing­ton Post — eben weiss hat zwar die usa im blick, seine argu­mente (etwa in bezug auf die helm­pflicht für rad­fah­rer) las­sen sich aber pro­blem­los auf europa & deutsch­land über­tra­gen:
    Effec­tively, we’ve lost equal access to the public road­ways unless we’re wil­ling and able to foot the hefty bill for a car. Instead, what we have is an infra­struc­ture opti­mi­zed for pri­vate vehi­cles and a nation of sub­si­di­zed dri­vers who balk at the idea of sub­si­di­zing any other form of tran­sit, and who react to a par­king ticket as though they’ve been crucified.

  • Blitz­ma­ra­thon: Rasen und wit­zeln — Welt — Tages­spie­gel — inter­es­san­ter ver­gleich:
    Die Römer hiel­ten Gla­dia­to­ren­kämpfe, also das, was wir heute Bar­ba­rei nen­nen, für Spiele. In einer spä­te­ren Zivi­li­sa­tion wird man womög­lich auf uns zurück­bli­cken und sich fra­gen, warum wir die Bar­ba­rei auf unse­ren Stra­ßen für Sport gehal­ten haben.

  • Der Wort­van­dale — taz.de — jens uthoff wür­digt rolf die­ter brink­mann zu sei­nem 75. geburts­tag:
    Brink­mann wollte die unge­fil­terte Wirk­lich­keit dar­stel­len, einen unver­mit­tel­ten, ers­ten Ein­druck der Dinge wie­der­er­lan­gen und sprach­lich for­mu­lie­ren.[…]
    Brink­mann ist als Poet, des­sen gro­ßes Thema Ent­frem­dungs­er­fah­run­gen, die Wahr­neh­mung und das Bewusst­sein waren, noch immer aktu­ell: Die Media­ti­sie­rung ist vor­an­ge­schrit­ten; die Erfah­run­gen sind noch weni­ger als zu Brink­manns Zei­ten unmit­tel­bare. Mehr noch: Die mediale Ver­wer­tung des Augen­blicks muss heute stets mit­ge­dacht wer­den, erst das Sel­fie dient dazu, uns unse­rer selbst zu ver­si­chern. Und auch sein Stram­peln und Schla­gen »gegen die Sub­jekt­ver­drän­gung« (Handke), gegen die Ver­ding­li­chung und den Ver­lust natür­li­cher Lebens­wel­ten spie­gelt stets aktu­elle mensch­li­che Grund­kon­flikte oder fort­lau­fende Prozesse.

  • Die Gründe, bitte | law blog — udo vet­ter
    Hier sind nach wie vor die Befür­wor­ter der Spei­che­rung in der Pflicht nach­zu­wei­sen, dass eine Ein­schrän­kung der Bür­ger– und Frei­heits­rechte über­haupt einen Nut­zen bringt, der den wei­te­ren Aus­ver­kauf des Grund­ge­set­zes und euro­päi­scher Wer­te­stan­dards ver­schmerz­bar erschei­nen lässt.
    Wenn ich schon Ver­zicht üben und künf­tig in einem ande­ren Staat leben soll, der mich als poten­zi­ell Ver­däch­ti­gen beha­nelt, dann möge man mir bitte plau­si­bel erklä­ren, warum.

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  • Vor­rats­da­ten­spei­che­rung: Du bist ver­däch­tig | ZEIT ONLINE — ach, das ist doch alles so blöd, unsin­nig, ohne ver­stand und gemein — manch­mal möchte man wirk­lich aus­flip­pen. erst insze­niert sich jus­tiz­mi­nis­ter maas als stand­haf­ter geg­ner der anlass­lo­sen über­wa­chung namens vor­rats­da­ten­spei­che­rung — jetzt knickt er doch wie­der ein und lässt sich halt einen neuen namen ein­fal­len. zum kot­zen, das alles, diese ver­ach­tung der grund­recht an höchs­ten stel­len … kai bier­mann hat dazu einen — ich weiß nicht, sei­nen wie viel­ten — klu­gen kom­men­tar geschrie­ben
    Und dann bleibt da noch die Hal­tung, die sich in dem Vor­ha­ben zeigt. Das Grund­ge­setz wurde in dem Wis­sen geschaf­fen, dass die Exe­ku­tive prin­zi­pi­ell über­grif­fig ist, dass sie immer ver­su­chen wird, ihre Bür­ger stär­ker zu über­wa­chen. Das Grund­ge­setz soll die Bür­ger davor schüt­zen, soll den Staat im Zaum hal­ten. Diverse Gerichte haben das ange­sichts der vie­len, vie­len Über­wa­chungs­in­stru­mente, die es längst gibt, immer wie­der betont, bekräf­tigt, daran erin­nert. Über­wa­chung trotz­dem aus­deh­nen zu wol­len, ist geschichts­ver­ges­sen und igno­rant gegen­über der Verfassung.

  • Er war kein Urva­ter des Pop — Rolf Die­ter Brink­mann zum 75. Geburts­tag : literaturkritik.de — mar­kus fau­ser erin­nert an rolf die­ter brink­mann und seine lite­ra­ri­sche prä­gung, die kei­nes­wegs — wie immer noch oft ange­nom­men und behaup­tet wird — vor allem der pop war:
    Ihm war nicht zu hel­fen. In sei­nem kur­zen Leben schuf er unter enor­mem Druck einige grö­ßere Werke. […]
    Seine gesamte Prosa hatte ohne­hin mit Pop nichts zu tun und nur ein klei­ner Teil sei­ner Gedichte war davon ange­regt. Gerade auch die jün­ge­ren Stu­dien aus der For­schung legen dar­auf Wert. Pop steht nicht nur in der Lite­ra­tur bis heute für ein posi­ti­ves Welt­ver­hält­nis, für einen spie­le­ri­schen Umgang mit der Rea­li­tät und – viel­leicht am wich­tigs­ten – für das Hin­neh­men von Kon­sum und Kom­merz. Nichts davon passt auf Brink­mann. […]
    Sein Werk steht viel­mehr im Zei­chen der nach­ho­len­den Moderne.

  • Kon­kur­renz zu Ama­zon: Nette Buch­händ­le­rin­nen allein rei­chen nicht — Bücher — FAZ — ulf erd­mann zieg­ler über­legt, ob nicht ver­lage, gros­sis­ten etc. in deutsch­land ein konkurrenz-unternehmen zu ama­zon im bereich des buchverkaufs/buchversands auf­zie­hen könn­ten und/oder sollten
  • Gün­ter Grass: Oskar Mat­z­er­ath ist eine ganze Epo­che — nora bossong denkt anläss­lich des todes von gün­ter grass wohl­tu­end unauf­ge­regt über die rolle und die mög­lich­kei­ten einer schrift­stel­le­rin damals und heute nach
    Auch hat sich der Dis­kurs frag­men­tiert und in ver­schie­dene Zustän­dig­keits­be­rei­che auf­ge­teilt. Hier die Poli­tik, da die Kunst, spre­chen Sie, wenn Sie auf­ge­for­dert wer­den und für den Rest gilt: Ruhe, set­zen. Ein Wei­sungs­mo­no­pol, wie es Grass inne­hatte, kann heute kein Intel­lek­tu­el­ler mehr für sich bean­spru­chen und es scheint auch nicht mehr erwünscht. Die Frage ist, ob zu viel Stille irgend­wann taub macht.

  • »House of Cards«: Die teu­erste Sei­fen­oper der Welt | ZEIT ONLINE — nick­las baschek zeigt die pro­bleme von »house of cards« sehr schön auf. mich stört ja daran vor allem: die­ses ver­ständ­nis von poli­tik wird größ­ten­teils als rea­lis­tisch wahr­ge­nom­men — und das hat, befürchte ich, doch mas­sive aus­wir­kun­gen auf unser/das poli­ti­sche han­deln in der wirk­lich­keit, die ich nicht gut fin­den kann. man muss sich zum ver­gleich nur mal die dar­stel­lung des poli­ti­schen han­delns in »the west wing« anschauen, um zu sehen, wie zer­stö­re­risch das netflix-bild ist (und wie sehr sich das »durch­schnitt­li­che« bild von poli­tik offen­bar in den letz­ten jah­ren gewan­delt hat) …
  • Medien Inter­net: Die Okku­pa­tion der Pri­vat­sphäre | Kul­tur - Frank­fur­ter Rund­schau -
    Wir gefähr­den die Demo­kra­tie, wenn wir die Gren­zen zwi­schen öffent­lich und pri­vat auf­he­ben, sei es mut­wil­lig oder nachlässig.

    sehr schö­nes gespräch mit harald wel­zer über pri­vat­heit, den nut­zen und die gefah­ren von inno­va­tio­nen, auch digi­ta­len tech­ni­ken, und die mög­lich­kei­ten, sich dem ent­ge­gen­zu­stel­len, das zu ändern …

  • Diese miese Krise — Nach­rich­ten Print — DIE WELT — Kein Geld, keine Würde. Eine grie­chi­sche Fort­set­zungs­ge­schichte – mar­lene stre­e­ru­witz als nelia fehn schreibt die geschichte von »Die Reise einer jun­gen Anar­chis­tin nach Grie­chen­land« in einem recht selt­sa­men text fort
  • Wolf Wond­rat­schek: Best­sel­ler, Auf­lage: 1 — Bücher — FAZ — sehr selt­sa­mer text von vol­ker wei­der­mann über den mei­nes erach­tens ten­den­zi­ell über­be­wer­te­ten wolf wond­rat­schek. und das war mal ein lite­ra­tur­kri­ti­ker! hier ist alles nur eine ein­zige jube­lei. irgend ein his­to­ri­scher kon­text fehlt völ­lig: dass kunst mäzene hat, die unter umstän­den die ein­zi­gen sind, die das werk ken­nen dürfen/können, ist ja nun wirk­lich nicht neu. inter­es­sant auch, wie kri­tik­los er den »mäzen« wond­rat­scheks por­trä­tiert, der aus­drück­lich nicht kunst, son­dern »den men­schen« kauft — alles sehr selt­sam. aber was soll man von einem lite­ra­tur­kri­ti­ker hal­ten, der sol­che sätze schreibt: »Was für ein herr­li­cher Moment für einen Kri­ti­ker: Ein Buch, das er nicht lesen kann, wird ihm vom Dich­ter selbst erzählt.« — das ist ja mal wie­der typisch: da bleibt doch nur der inhalt — aber die form, die das erst zur kunst macht, ist doch da nicht mehr vorhanden!

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  • christian2 | Pro­jekt­be­schrei­bung — an der hab wol­fen­büt­tel wird ein fürst­li­ches tage­buch aus dem 17. jahr­hun­dert ediert:
    Die digi­tale Edi­tion der Tage­bü­cher des refor­mier­ten Fürs­ten Chris­tian II. von Anhalt-Bernburg (1599 – 1656) aus dem Zeit­raum von 1621 bis 1656 erschließt einen quan­ti­ta­tiv wie qua­li­ta­tiv ganz ein­zig­ar­ti­gen Brenn­spie­gel der deut­schen und euro­päi­schen Geschichte sowie der viel­fäl­tigs­ten Dis­kurse wäh­rend der ers­ten Hälfte des 17. Jahr­hun­derts. Dar­über hin­aus weist die Quelle einen außer­ge­wöhn­lich hohen Anteil an ver­ba­li­sier­ter zeit­ge­nös­si­scher Sub­jek­ti­vi­tät auf, der dem Text stel­len­weise sogar lite­ra­ri­sche Qua­li­tät ver­leiht. Die trans­dis­zi­pli­näre Bedeu­tung des Wer­kes bet­tet sich in eine Viel­zahl von For­schungs­in­ter­es­sen und –kon­tex­ten ein. Dazu zäh­len nicht nur die jüngs­ten Unter­su­chun­gen zur klas­si­schen Poli­tik– und Mili­tär­ge­schichte, zu früh­neu­zeit­li­chen Selbst­zeug­nis­sen, zur Sozial-, All­tags– und Geschlech­ter­ge­schichte, zur Kon­fes­sio­na­li­sie­rung, zu ver­schie­de­nen Aspek­ten des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges, zur Hof– und Adels­for­schung oder zur Sprach-, Lite­ra­tur– und all­ge­mei­nen Kul­tur­ge­schichte, son­dern auch zu The­men wie der Geschichte der Emo­tio­nen und des Trau­mes in jener Epo­che. Als eine den gegen­wär­ti­gen wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards ent­spre­chende digi­tale Edi­tion wird sie den ver­schie­dens­ten For­schungs­per­spek­ti­ven eine Viel­zahl von Anknüp­fungs­punk­ten bie­ten kön­nen.
    Das in quan­ti­ta­ti­ver wie qua­li­ta­ti­ver Hin­sicht unüber­trof­fene, im Lan­des­haupt­ar­chiv Dessau-Roßlau auf­be­wahrte Dia­rium besteht aus 23 Bän­den mit unge­fähr 17.400 größ­ten­teils eigen­hän­dig in deut­scher (ca. 87%), fran­zö­si­scher (ca. 11%), ita­lie­ni­scher (ca. 1%), latei­ni­scher, spa­ni­scher und nie­der­län­di­scher Spra­che beschrie­be­nen Seiten.

    das ist ein ziem­lich auf­wen­di­ges, gro­ßes und lan­ges pro­jekt:

    Das auf 12 Jahre ange­legte DFG-Projekt beginnt mit einer drei­jäh­ri­gen Pilot­phase, inner­halb wel­cher zunächst die knapp 1.500 Sei­ten umfas­sende Periode vom Januar 1635 bis August 1637 tran­skri­biert und ver­öf­fent­licht wird. Deren beson­ders dichte und viel­sei­tige Nie­der­schrif­ten stel­len ein geeig­ne­tes Feld zur Bewäh­rung und Jus­tie­rung der edi­to­ri­schen Grund­satz­ent­schei­dun­gen hin­sicht­lich der Wie­der­gabe und Kom­men­tie­rungs­tiefe der Texte in den Gren­zen des zeit­lich Mög­li­chen dar. Außer­dem ver­spre­chen sie einen Ertrag, der para­dig­ma­tisch die wis­sen­schaft­li­che Bedeu­tung des gesam­ten Fürs­ten­ta­ge­bu­ches zeigt.

  • Ver­schol­lene Bücher zum Ers­ten Welt­krieg ent­deckt — georg giers­berg erzählt in der faz (etwas wirr) die geschichte der offi­ziö­sen wirt­schafts­ge­schichte des ers­ten welt­krie­ges aus den zwi­schen­kriegs­jah­ren nach, die offen­bar so bri­sant war, dass die ver­öf­fent­li­chung damals nach dem druck unter­sagt wurde und die ent­spre­chen­den stu­dien (fast) ver­schwun­den sind
  • Bruck­ner Online — das bruckner-archiv hat was online gestellt:
    bruckner-online.at ist ein umfang­reich ange­leg­tes Anton Bruckner-Internetportal (Web­ar­chiv), in dem neben der elek­tro­ni­schen Doku­men­ta­tion hand­schriftlicher Quel­len auch Kom­po­si­tio­nen, rele­vante Per­so­nen und Orte ent­hal­ten sind. Zudem wer­den von allen Hand­schrif­ten, Erst­dru­cken und der Alten Gesamt­aus­gabe voll­stän­dige Digi­ta­li­sate zur Ver­fü­gung gestellt.

  • David Gar­rett: Habt mich bitte lieb! | ZEIT ONLINE — julia spi­nola hat sich david gar­ret mit den brahms­so­na­ten ange­hört und war nicht begeis­tert. des­halb schreibt sie einen erst­klas­si­gen ver­riss:
    David Gar­rett will end­lich wie­der als seriö­ser Musi­ker ver­stan­den wer­den und geht mit den Vio­lin­so­na­ten von Johan­nes Brahms auf Tournee

    sehr amü­sant auch die lese­rin­nen­stim­men — unter den fan­boys und –girls fin­den sich so ziem­lich alle pseu­doar­gu­mente gegen kri­tik, die seit jahr­hun­der­ten wider­legt sind … (und viel hass auf jeman­den, der ihr idol nicht ver­göt­tert) — sehr amüsant …

  • Vom Mythos der tech­ni­schen Insti­tu­tion « Micha­lis Pan­telou­ris — micha­lis pan­telou­ris lie­fert ein paar hin­ter­gründe zu legi­ti­ma­tion, zie­len und pro­ble­men (u.a. demo­kra­ti­e­theo­re­ti­sche, von den öko­no­mi­schen ganz abge­se­hen) der teil­neh­mer der »troika«:
    Poli­ti­sche Insti­tu­tio­nen sind nie­mals ein­fach tech­nisch, aber die hier­zu­lande weit­ge­hend unkri­ti­sche Dar­stel­lung der Troika-Institutionen als sol­che, die ein­fach nur die Ein­hal­tung von bereits aus­ge­han­del­ten Ver­trä­gen über­wa­chen sorgt dafür, dass jeder ihr Wider­spre­chende auto­ma­tisch als Ver­trags­bre­cher wahr­ge­nom­men wer­den muss. Das ist es, was viele Medien mit der neuen grie­chi­schen Regie­rung machen: Um eine Dis­kus­sion um ihre Poli­tik zu ver­mei­den, zie­hen sie die Dis­kus­sion ins Unpo­li­ti­sche, ins Tech­ni­sche: Ver­träge sind ein­zu­hal­ten; Die Regie­rung ist inkom­pe­tent (was man poli­tisch ja kaum sein kann); Sie wol­len “Refor­men zurück­dre­hen”.
    Die Wahr­heit ist eine andere: Die Troika hat eine Poli­tik ver­tre­ten, eine Ideo­lo­gie, die in Wahr­heit nir­gends in Europa eine Mehr­heit hat. Es gibt auch in Deutsch­land keine neo­li­be­rale Mehr­heit. Es sind zwei unter­schied­li­che Dinge, ob man auf die Ein­hal­tung von Ver­trä­gen pocht, oder ob man einem ande­ren Land eine Poli­tik auf­zwingt, und dann eine, die ganz expli­zit von der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung abge­lehnt wird. Mit dem Mythos der rein tech­ni­schen Ein­griffe wird die Abschaf­fung der Demo­kra­tie verschleiert.

  • Gra­bun­gen in der St. Johan­nis­kir­che in Mainz — mar­kus schug über die spek­ta­ku­lä­ren aus­gra­bun­gen unter der johan­nis­kir­che in mainz, wo schon zu mero­wi­ni­gi­scher zeit eine große kir­che stand …
  • Peti­tio­nen: Peti­tion 58168 — eine wun­der­bare peti­tion (die sicher erfolg­los blei­ben wird, aber trotz­dem — im sinne der bewusst­seins­bil­dung — not­wen­dig ist): Der Deut­sche Bun­des­tag möge beschlie­ßen, dass homöo­pa­thi­sche Behand­lungs­me­tho­den nicht mehr als Sat­zungs­leis­tung von gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen gezahlt wer­den dür­fen.  — das ist übri­gens schon der gesamte text der petition.
  • Klage gegen Kruzifix-Pflicht in Bay­ern: Karls­ruhe ver­trö­delt heik­les Urteil — taz.de — hört sich sehr pein­lich & feige an, wie das bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt unter voß­kuhle & mül­ler mit die­ser klage umgeht
  • Ein­füh­rung in den Fefis­mus. | H I E R — mspr0 erklärt fefe (und den »fefis­mus«) und rech­net gleicht mit ihm ab — und ver­ba­li­siert damit ziem­lich genau mein eige­nes unbe­ha­gen mit fefe …
    Fefe ist mehr als der Mensch, es ist mehr als das Blog. Zusam­men mit sei­nem Leser­mob ist es eine Hass­ma­schine. Diese Shits­torm­kul­tur gegen alles, was ihnen Fremd ist, ist kaum noch ohne God­win­ge­pulle zu beschrei­ben.[…] Die Nerd­szene lei­det extrem unter dem Fefis­mus. Es wird Zeit, dass es in ihr zu einer Form der Selbst­auf­klä­rung kommt. Ne…

Twitterlieblinge März 2015

Ins Netz gegangen (26.3.)

Ins Netz gegan­gen am 26.3.:

  • Fahr­rad­boom und Fahr­ra­d­in­dus­trie — Vom Draht­esel zum »Bike« — ein sehr schö­ner, lan­ger, viel­fäl­ti­ger, brei­ter und inten­si­ver text von gün­ter breyer zur situa­tion des fahr­rads als pro­dukt in deutsch­land: her­stel­lung, ver­trieb, ver­kauf in deutsch­land, europa und asien — mit allem, was (öko­no­misch) dazu gehört …
  • Gesetz­ge­bung: Unsinn im Straf­ge­setz­buch | ZEIT ONLINE — tho­mas fischer legt in sei­ner zeit-kolumne unter dem titel »Unsinn im Straf­ge­setz­buch« sehr aus­führ­lich dar, warum es im deut­schen recht ein­fach schlechte, d.h. hand­werk­lich ver­pfuschte, para­gra­phen gibt und for­dert, in die­ser hin­sicht auch mal auf­zu­räu­men
    Ein Bei­spiel für miss­glückte Gesetz­ge­bung und insti­tu­tio­na­li­sierte Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit – und ein Auf­ruf zur Reparatur

  • Anti­se­mi­tis­mus: Was heißt »N.soz«? | ZEIT ONLINE — adam soboczyn­ski über den ver­dacht (der sich bis­lang nicht erhär­ten oder wider­le­gen lässt), dass die heidegger-ausgabe mög­li­cher­weise phi­lo­lo­gisch nicht sau­ber erstellt wurde (was inso­fern pro­ble­ma­tisch ist, als der zugang zum nach­lass nur ein­ge­schränkt mög­lich ist und die heidegger-ausgabe eh‹ schon keine kri­ti­sche ist — was bei einem phi­lo­so­phen die­ses ran­ges & ein­flus­ses eigent­lich not­wen­dig wäre)
    Hätte der mas­sive Anti­se­mi­tis­mus des Phi­lo­so­phen Mar­tin Hei­deg­ger frü­her belegt wer­den kön­nen? Das fragt sich mitt­ler­weile auch der Ver­lag der umstrit­te­nen Gesamt­aus­gabe und ver­langt jetzt den Her­aus­ge­bern Rechen­schaft ab.

  • Musik — Der voll­kom­mene Musi­ker — Süddeutsche.de — rein­hard brem­beck wür­digt zum 90. geburts­tag pierre bou­lez und seine eigent­lich irren leis­tun­gen:
    Bou­lez, der an die­sem Don­ners­tag sei­nen 90.Geburtstag fei­ert, ist der voll­kom­mene Musi­ker. Er ist Kom­po­nist, Diri­gent, For­scher, Intel­lek­tu­el­ler, Pro­vo­ka­teur, Päd­agoge, Ensem­ble– und Insti­tuts­grün­der in Per­so­nal­union. Und das alles nicht nur im Neben-, son­dern im Haupt­be­ruf. Damit steht er heute zwar allein da, er knüpft aber an ein bis in die Roman­tik durch­aus gän­gi­ges Berufs­bild an, das Musi­ker nur gel­ten lässt, wenn sie mög­lichst all diese Tätig­kei­ten glei­cher­weise aus­üben.
    Bou­lez ist von Anfang an ein Prak­ti­ker gewe­sen. Aber einer, der sich nie seine Träume durch die Ein­schrän­kun­gen und fau­len Kom­pro­misse der Pra­xis kor­rum­pie­ren ließ.

  • Pierre Bou­lez: »Sprengt die Opern­häu­ser!« | ZEIT ONLINE — eine geburts­tags­wür­di­gung für pierre bou­lez von felix schmidt, die sich stel­len­weise schon fast wie ein nach­ruf liest …
    Bou­lez hat dem Musik­be­trieb einen gewal­ti­gen Stoß ver­setzt und ihm viel von sei­ner Gedan­ken­leere aus­ge­trie­ben. Die Lang­zeit­fol­gen sind unüberhörbar.

  • Ille­gale Down­loads machen dem E-Book-Markt Sor­gen — ein etwas selt­sa­mer arti­kel von cle­mens voigt zur pira­te­rie bei ebooks: eigent­lich will er gerne etwas panik ver­brei­ten (und pira­te­rie mit dem dieb­stahl phy­si­cher gegen­stände gleich­set­zen) und lässt des­halb aus­führ­lich die abmahn­an­wälte waldorf-frommer zu wort kom­men und anbie­ter von piraterie-bekämpfungs-software. ande­rer­seits wol­len die ver­le­ger diese panik­ma­che wohl nicht so ganz mit­ma­chen … — des­we­gen bleibt das etwas einseitig …
  • Selbst­bild einer Uni­ver­si­tät « erlebt — françois bry über das pro­ble­ma­ti­sche ver­ständ­nis von wis­sen­schaft & uni­ver­si­tät, dass »kin­de­ru­nis« ver­mit­teln kön­nen:
    Die Fami­li­en­vor­le­sung war unter­halt­sam. Lehr­reich war sie inso­fern, dass sie ein paar Vor­stel­lun­gen auf den Punkt brachte:
    Ein Pro­fes­sor ist ein Star.
    Eine Vor­le­sung ist eine ein­drucks­volle Schau.
    Ver­ste­hen, worum es bei einer Vor­le­sung geht, tut man wenn über­haupt außer­halb des Hörsaals.

  • Feh­lende Netz­neu­tra­li­tät für Telekom-Kunden spür­bar | daniel-weber.eu — daniel weber erklärt, wie die tele­kom den feh­len­den zwang zur netz­neu­tra­li­tät aus­nutzt und warum das auch für ganz »nor­male« kun­den schlecht ist
  • Auto­ren nach der Buch­messe — Sibylle-Berg-Kolumne — SPIE­GEL ONLINE — sibylle berg ist gemein — zu ihre kol­le­gen schrif­stel­lern und den ver­tre­tern des liter­ar­jour­na­lis­mus:
    Auf allen Kanä­len wur­den Schrift­stel­ler wie­der über ihr Schrift­stel­ler­tum befragt, und sie gaben mit schief­ge­leg­tem Kopf Aus­kunft. Warum Leute, die schrei­ben, auch noch reden müs­sen, ist unklar. Aber sie tun es. Es wird erwar­tet. Da muss irgend­ein Anspruch befrie­digt wer­den, von wem auch immer. Da muss es wabern, tief und kapri­ziös sein. Das muss sein, denn das Schrei­ben ist so ein unge­mein tie­fer Beruf, dass jeder gerne ein wenig von der lei­den­den tie­fen Tiefe spü­ren mag.

    (das beste kann ich nicht zitie­ren, das muss man selbst lesen …)

  • Russ­land: Was Putin treibt | ZEIT ONLINE — gerd koe­nen als (zeit-)historiker über ukraine, russ­land und was putin so umtreibt … (und die kom­men­tare explodieren …)
  • Woh­nungs­bau: Es ist zum Klot­zen | ZEIT ONLINE — hanno rau­ter­berg ran­tet über den ein­falls­lo­sen woh­nungs­bau in ham­burg — gilt aber so ähn­lich auch für andere städte …
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    Jenen »Fra­ge­bo­gen«, auf des­sen Beant­wor­tung die Bun­des­re­gie­rung angeb­lich so gedrun­gen hat, erach­te­ten die Ame­ri­ka­ner jeden­falls »als beant­wor­tet«, teilte das Aus­wär­tige Amt jüngst auf Fra­gen der Linkspartei-Abgeordneten And­rej Hunko und Niema Movas­sat mit. Man sehe die Ange­le­gen­heit damit als »geklärt« an, schrieb eine Staats­se­kre­tä­rin. Die Fra­gen blei­ben also weit­ge­hend unbe­ant­wor­tet. Und die Bun­des­re­gie­rung nimmt das ein­fach so hin. »Das Aus­wär­tige Amt will keine Auf­klä­rung, inwie­fern US-Standorte in Deutsch­land am töd­li­chen Droh­nen­krieg der US-Armee in Afrika und Asien betei­ligt sind«, kri­ti­sie­ren die Par­la­men­ta­rier Hunko und Movas­sat. »Das ist nicht nur unde­mo­kra­tisch, son­dern es erfüllt den Tat­be­stand der Strafvereitelung.«

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Liebe ist scheiße und andere wichtige Lebensweisheiten

basta, dominoBasta ist selbst­be­wusst: »Oh, wir haben so viel Niveau« sin­gen sie, auch wenn’s »nur a-cappella ist«, wie es an ande­rer Stelle heißt. Und sie kön­nen sich das durch­aus erlau­ben. Ihre Texte sind zwar nicht immer ganz geschmacks­si­cher, aber die Musik bringts garan­tiert auf den Punkt: »Basta« macht ein­fach gute Laune — basta.

Die fünf Män­ner aus Köln haben ihre Vor­bil­der oder Kon­kur­renz jeden­falls hör­bar gut stu­diert — nicht zufäl­lig greift Oli­ver Gies von May­be­bop dem Basta-Tenor Wil­liam Wahl, der sonst haupt­säch­lich für Musik und Arran­ge­ments ver­ant­wort­lich ist, bei eini­gen Songs unter die Arme.

Egal von wem, allen Stü­cken des „Domino“ beti­tel­ten Albums sind die leben­di­gen, durch­weg sehr bewegt und gezielt abwechs­lungs­reich gebau­ten Arran­ge­ments eigen, die ein Ohr und Gespür für die Details des Hin­ter­grunds ver­ra­ten. Dass „Basta“ aber gerade einen der schwächs­ten Songs zum Titel der CD beför­dert hat, ist schade. Denn das mitt­ler­weile siebte Album der seit 2000 akti­ven Band hat viel mehr und vor allem viel bes­se­res zu bie­ten als eben die kit­schige, halb­lus­tige Spie­le­rei mit Wort und Klang lit­ur­gi­scher Gesänge, die „Basta“ im Song „Domino“ betreibt.

Sonst geht es ihnen viel um das Sin­gen selbst, die Exis­tenz des Quin­tetts als Boy­group und vor allem als A-Cappella-Ensemble. Die wird vor allem in dem durch­aus als Wer­bung für diese Musik geeig­ne­ten »Es ist nur a cap­pella, doch ich mag es« besun­gen. Aber auch ganz wun­der­bar tra­gisch kann die Musik betei­ligt sein, wie »Der Mann, der keine Beat­box konnte« zeigt — so eine erbärm­lich schlechte, grau­sige Beatbox-Imitation muss man erst ein­mal hin­be­kom­men! Über­haupt die Imi­ta­tio­nen: Auch Rein­hard Mey wird von »Basta« geschickt nach­ge­ahmt. Dabei – und das ist ein wenig das Han­di­cap von „Domino“ — ist nicht alles glei­cher­ma­ßen niveau­voll: Inspi­rierte und intel­li­gente Unter­hal­tung steht hier immer wie­der neben schwa­chem Abklatsch.
Eines der bes­se­ren Lie­der ist etwa ihre Ver­sion der „Schöp­fung“. Nein, das hat nichts mit Haydn zu tun und auch nur ein biss­chen mit der Bibel. Denn ihre „Schöp­fung« erzählt musi­ka­lisch sehr geschickt und, nunja, theo­lo­gisch etwas eigen­wil­lig, von Got­tes ers­tem Ver­such mit der Welt, den er längst als Feh­ler sich selbst – und der FDP – über­las­sen hat. Nicht nur hier bricht sich immer wie­der ihre Ten­denz zur gro­ßen (musi­ka­li­schen) Geste Bahn: Immer wie­der setzt „Basta“ auf große Stei­ge­run­gen, immer wie­der kul­mi­nie­ren ihre Songs im gro­ßen Finale, immer wie­der loten sie die Gren­zen des Quin­tetts klang­lich aus. Manch­mal gelingt das so schön wie beim »Wel­len­rei­ter«, manch­mal bleibt es aber auch etwas auf­ge­setzt wie etwa bei »Bevor ich bei dir war«. Ein gemisch­ter Ein­druck also — jeder darf und soll hier etwas fin­den, jeder wird andere Lieb­linge haben.

Basta: Domino. Eat The Beat Music ETB 001, 2014.

(zuerst erschie­nen in »Chor­zeit — Das Vokal­ma­ga­zin«, Aus­gabe 2/2015)