Freund­lich sein.
[…] Man sollte es mit allen Mit­teln ver­su­chen. Man sollte immer ein paar Melo­dien im Kopf haben, daß man ein­falls­lo­sen Stra­ßen­gei­gern Vor­schläge machen kann.

—Chris­toph Meckel, Freund­lich sein (1961)

Ins Netz gegangen (26.3.)

Ins Netz gegan­gen am 26.3.:

  • Fahr­rad­boom und Fahr­ra­d­in­dus­trie — Vom Draht­esel zum »Bike« — ein sehr schö­ner, lan­ger, viel­fäl­ti­ger, brei­ter und inten­si­ver text von gün­ter breyer zur situa­tion des fahr­rads als pro­dukt in deutsch­land: her­stel­lung, ver­trieb, ver­kauf in deutsch­land, europa und asien — mit allem, was (öko­no­misch) dazu gehört …
  • Gesetz­ge­bung: Unsinn im Straf­ge­setz­buch | ZEIT ONLINE — tho­mas fischer legt in sei­ner zeit-kolumne unter dem titel »Unsinn im Straf­ge­setz­buch« sehr aus­führ­lich dar, warum es im deut­schen recht ein­fach schlechte, d.h. hand­werk­lich ver­pfuschte, para­gra­phen gibt und for­dert, in die­ser hin­sicht auch mal auf­zu­räu­men
    Ein Bei­spiel für miss­glückte Gesetz­ge­bung und insti­tu­tio­na­li­sierte Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit – und ein Auf­ruf zur Reparatur

  • Anti­se­mi­tis­mus: Was heißt »N.soz«? | ZEIT ONLINE — adam soboczyn­ski über den ver­dacht (der sich bis­lang nicht erhär­ten oder wider­le­gen lässt), dass die heidegger-ausgabe mög­li­cher­weise phi­lo­lo­gisch nicht sau­ber erstellt wurde (was inso­fern pro­ble­ma­tisch ist, als der zugang zum nach­lass nur ein­ge­schränkt mög­lich ist und die heidegger-ausgabe eh‹ schon keine kri­ti­sche ist — was bei einem phi­lo­so­phen die­ses ran­ges & ein­flus­ses eigent­lich not­wen­dig wäre)
    Hätte der mas­sive Anti­se­mi­tis­mus des Phi­lo­so­phen Mar­tin Hei­deg­ger frü­her belegt wer­den kön­nen? Das fragt sich mitt­ler­weile auch der Ver­lag der umstrit­te­nen Gesamt­aus­gabe und ver­langt jetzt den Her­aus­ge­bern Rechen­schaft ab.

  • Musik — Der voll­kom­mene Musi­ker — Süddeutsche.de — rein­hard brem­beck wür­digt zum 90. geburts­tag pierre bou­lez und seine eigent­lich irren leis­tun­gen:
    Bou­lez, der an die­sem Don­ners­tag sei­nen 90.Geburtstag fei­ert, ist der voll­kom­mene Musi­ker. Er ist Kom­po­nist, Diri­gent, For­scher, Intel­lek­tu­el­ler, Pro­vo­ka­teur, Päd­agoge, Ensem­ble– und Insti­tuts­grün­der in Per­so­nal­union. Und das alles nicht nur im Neben-, son­dern im Haupt­be­ruf. Damit steht er heute zwar allein da, er knüpft aber an ein bis in die Roman­tik durch­aus gän­gi­ges Berufs­bild an, das Musi­ker nur gel­ten lässt, wenn sie mög­lichst all diese Tätig­kei­ten glei­cher­weise aus­üben.
    Bou­lez ist von Anfang an ein Prak­ti­ker gewe­sen. Aber einer, der sich nie seine Träume durch die Ein­schrän­kun­gen und fau­len Kom­pro­misse der Pra­xis kor­rum­pie­ren ließ.

  • Pierre Bou­lez: »Sprengt die Opern­häu­ser!« | ZEIT ONLINE — eine geburts­tags­wür­di­gung für pierre bou­lez von felix schmidt, die sich stel­len­weise schon fast wie ein nach­ruf liest …
    Bou­lez hat dem Musik­be­trieb einen gewal­ti­gen Stoß ver­setzt und ihm viel von sei­ner Gedan­ken­leere aus­ge­trie­ben. Die Lang­zeit­fol­gen sind unüberhörbar.

  • Ille­gale Down­loads machen dem E-Book-Markt Sor­gen — ein etwas selt­sa­mer arti­kel von cle­mens voigt zur pira­te­rie bei ebooks: eigent­lich will er gerne etwas panik ver­brei­ten (und pira­te­rie mit dem dieb­stahl phy­si­cher gegen­stände gleich­set­zen) und lässt des­halb aus­führ­lich die abmahn­an­wälte waldorf-frommer zu wort kom­men und anbie­ter von piraterie-bekämpfungs-software. ande­rer­seits wol­len die ver­le­ger diese panik­ma­che wohl nicht so ganz mit­ma­chen … — des­we­gen bleibt das etwas einseitig …
  • Selbst­bild einer Uni­ver­si­tät « erlebt — françois bry über das pro­ble­ma­ti­sche ver­ständ­nis von wis­sen­schaft & uni­ver­si­tät, dass »kin­de­ru­nis« ver­mit­teln kön­nen:
    Die Fami­li­en­vor­le­sung war unter­halt­sam. Lehr­reich war sie inso­fern, dass sie ein paar Vor­stel­lun­gen auf den Punkt brachte:
    Ein Pro­fes­sor ist ein Star.
    Eine Vor­le­sung ist eine ein­drucks­volle Schau.
    Ver­ste­hen, worum es bei einer Vor­le­sung geht, tut man wenn über­haupt außer­halb des Hörsaals.

  • Feh­lende Netz­neu­tra­li­tät für Telekom-Kunden spür­bar | daniel-weber.eu — daniel weber erklärt, wie die tele­kom den feh­len­den zwang zur netz­neu­tra­li­tät aus­nutzt und warum das auch für ganz »nor­male« kun­den schlecht ist
  • Auto­ren nach der Buch­messe — Sibylle-Berg-Kolumne — SPIE­GEL ONLINE — sibylle berg ist gemein — zu ihre kol­le­gen schrif­stel­lern und den ver­tre­tern des liter­ar­jour­na­lis­mus:
    Auf allen Kanä­len wur­den Schrift­stel­ler wie­der über ihr Schrift­stel­ler­tum befragt, und sie gaben mit schief­ge­leg­tem Kopf Aus­kunft. Warum Leute, die schrei­ben, auch noch reden müs­sen, ist unklar. Aber sie tun es. Es wird erwar­tet. Da muss irgend­ein Anspruch befrie­digt wer­den, von wem auch immer. Da muss es wabern, tief und kapri­ziös sein. Das muss sein, denn das Schrei­ben ist so ein unge­mein tie­fer Beruf, dass jeder gerne ein wenig von der lei­den­den tie­fen Tiefe spü­ren mag.

    (das beste kann ich nicht zitie­ren, das muss man selbst lesen …)

  • Russ­land: Was Putin treibt | ZEIT ONLINE — gerd koe­nen als (zeit-)historiker über ukraine, russ­land und was putin so umtreibt … (und die kom­men­tare explodieren …)
  • Woh­nungs­bau: Es ist zum Klot­zen | ZEIT ONLINE — hanno rau­ter­berg ran­tet über den ein­falls­lo­sen woh­nungs­bau in ham­burg — gilt aber so ähn­lich auch für andere städte …
    Häu­ser wer­den streng rasiert gelie­fert, oben alles ab. Das alte Spiel mit Tra­pez– und Trep­pen­gie­beln, mit Walm-, Sat­tel– oder Man­sard­dä­chern, ein Spiel, das Häu­sern etwas Gemüt­vol­les ver­leiht, auch etwas Behü­ten­des, scheint die meis­ten Archi­tek­ten kaum zu inter­es­sie­ren. Es regiert die kalte Logik des Funk­tio­na­lis­mus, sie macht aus dem Woh­nen eine Ware. Und da kann ma…
  • Ukraine: Frei­heit gibt es nicht umsonst | ZEIT ONLINE — gei­ge­rin Lisa Batia­sh­vili zur situa­tion in der ukraine und europa sowie seine werte
  • Son­nen­fins­ter­nis: Ein Main­stream der Angst­ma­che — Feuille­ton — FAZ — Main­stream der Angstmache
  • Ame­ri­ka­ni­scher Droh­nen­krieg — Was die Regie­rung unter Auf­klä­rung ver­steht — Süddeutsche.de — die süd­deut­sche über die unfä­hig­keit der bun­des­re­gie­rung, sich ans völ­ker­recht zu hal­ten (wol­len), hier beim droh­nen­krieg der usa:
    Jenen »Fra­ge­bo­gen«, auf des­sen Beant­wor­tung die Bun­des­re­gie­rung angeb­lich so gedrun­gen hat, erach­te­ten die Ame­ri­ka­ner jeden­falls »als beant­wor­tet«, teilte das Aus­wär­tige Amt jüngst auf Fra­gen der Linkspartei-Abgeordneten And­rej Hunko und Niema Movas­sat mit. Man sehe die Ange­le­gen­heit damit als »geklärt« an, schrieb eine Staats­se­kre­tä­rin. Die Fra­gen blei­ben also weit­ge­hend unbe­ant­wor­tet. Und die Bun­des­re­gie­rung nimmt das ein­fach so hin. »Das Aus­wär­tige Amt will keine Auf­klä­rung, inwie­fern US-Standorte in Deutsch­land am töd­li­chen Droh­nen­krieg der US-Armee in Afrika und Asien betei­ligt sind«, kri­ti­sie­ren die Par­la­men­ta­rier Hunko und Movas­sat. »Das ist nicht nur unde­mo­kra­tisch, son­dern es erfüllt den Tat­be­stand der Strafvereitelung.«

  • Deutsch­land: Am Arsch der Welt | ZEIT ONLINE — david hugen­dick haut den deut­schen das abend­land um die ohren
    Das Abend­land ist ein deut­scher Son­der­weg von Kul­tur, Geist, Stolz, Volk und Wei­ner­lich­keit. Warum die­ses Geis­ter­reich der Gefühle nicht tot­zu­krie­gen ist. Eine Polemik

Liebe ist scheiße und andere wichtige Lebensweisheiten

basta, dominoBasta ist selbst­be­wusst: »Oh, wir haben so viel Niveau« sin­gen sie, auch wenn’s »nur a-cappella ist«, wie es an ande­rer Stelle heißt. Und sie kön­nen sich das durch­aus erlau­ben. Ihre Texte sind zwar nicht immer ganz geschmacks­si­cher, aber die Musik bringts garan­tiert auf den Punkt: »Basta« macht ein­fach gute Laune — basta.

Die fünf Män­ner aus Köln haben ihre Vor­bil­der oder Kon­kur­renz jeden­falls hör­bar gut stu­diert — nicht zufäl­lig greift Oli­ver Gies von May­be­bop dem Basta-Tenor Wil­liam Wahl, der sonst haupt­säch­lich für Musik und Arran­ge­ments ver­ant­wort­lich ist, bei eini­gen Songs unter die Arme.

Egal von wem, allen Stü­cken des „Domino“ beti­tel­ten Albums sind die leben­di­gen, durch­weg sehr bewegt und gezielt abwechs­lungs­reich gebau­ten Arran­ge­ments eigen, die ein Ohr und Gespür für die Details des Hin­ter­grunds ver­ra­ten. Dass „Basta“ aber gerade einen der schwächs­ten Songs zum Titel der CD beför­dert hat, ist schade. Denn das mitt­ler­weile siebte Album der seit 2000 akti­ven Band hat viel mehr und vor allem viel bes­se­res zu bie­ten als eben die kit­schige, halb­lus­tige Spie­le­rei mit Wort und Klang lit­ur­gi­scher Gesänge, die „Basta“ im Song „Domino“ betreibt.

Sonst geht es ihnen viel um das Sin­gen selbst, die Exis­tenz des Quin­tetts als Boy­group und vor allem als A-Cappella-Ensemble. Die wird vor allem in dem durch­aus als Wer­bung für diese Musik geeig­ne­ten »Es ist nur a cap­pella, doch ich mag es« besun­gen. Aber auch ganz wun­der­bar tra­gisch kann die Musik betei­ligt sein, wie »Der Mann, der keine Beat­box konnte« zeigt — so eine erbärm­lich schlechte, grau­sige Beatbox-Imitation muss man erst ein­mal hin­be­kom­men! Über­haupt die Imi­ta­tio­nen: Auch Rein­hard Mey wird von »Basta« geschickt nach­ge­ahmt. Dabei – und das ist ein wenig das Han­di­cap von „Domino“ — ist nicht alles glei­cher­ma­ßen niveau­voll: Inspi­rierte und intel­li­gente Unter­hal­tung steht hier immer wie­der neben schwa­chem Abklatsch.
Eines der bes­se­ren Lie­der ist etwa ihre Ver­sion der „Schöp­fung“. Nein, das hat nichts mit Haydn zu tun und auch nur ein biss­chen mit der Bibel. Denn ihre „Schöp­fung« erzählt musi­ka­lisch sehr geschickt und, nunja, theo­lo­gisch etwas eigen­wil­lig, von Got­tes ers­tem Ver­such mit der Welt, den er längst als Feh­ler sich selbst – und der FDP – über­las­sen hat. Nicht nur hier bricht sich immer wie­der ihre Ten­denz zur gro­ßen (musi­ka­li­schen) Geste Bahn: Immer wie­der setzt „Basta“ auf große Stei­ge­run­gen, immer wie­der kul­mi­nie­ren ihre Songs im gro­ßen Finale, immer wie­der loten sie die Gren­zen des Quin­tetts klang­lich aus. Manch­mal gelingt das so schön wie beim »Wel­len­rei­ter«, manch­mal bleibt es aber auch etwas auf­ge­setzt wie etwa bei »Bevor ich bei dir war«. Ein gemisch­ter Ein­druck also — jeder darf und soll hier etwas fin­den, jeder wird andere Lieb­linge haben.

Basta: Domino. Eat The Beat Music ETB 001, 2014.

(zuerst erschie­nen in »Chor­zeit — Das Vokal­ma­ga­zin«, Aus­gabe 2/2015)

Regentonnen, Seife und drei Esel: Jan Wagners »Regentonnenvaritationen«

wagner, regentonnenvariationenIch bin unter­wäl­tigt. Aber es ist für mich schwie­rig, zu Jan Wag­ners Gedich­ten eine kohä­rente Posi­tion zu fin­den. Sei­nen ers­ten Band, Pro­be­boh­rung im Him­mel, habe ich mit gro­ßem Ver­gnü­gen gele­sen und sehr gemocht. Bei Aus­tra­lien war ich schon nicht mehr so sicher, ob das Lyrik ist, die mir zusagt. Bei den Regen­ton­nen­va­ria­tio­nen bin ich jetzt ziem­lich sicher: Das ist Lyrik, mit der ich nur wenig anfan­gen kann.

Das heißt aber auf kei­nen Fall, dass sie »schlecht« ist. Denn ein Kön­ner ist Jan Wag­ner sicher­lich. Ihm gelin­gen immer wie­der, auch in den Regen­ton­nen­va­ria­tio­nen, ein­fach wun­der­schöne Gedichte, die fas­zi­nie­rende Beob­ach­tun­gen ver­sprach­li­chen. Aber, und das ist für mich als Leser ein ziem­lich gro­ßes Aber, das war’s dann auch schon. Denn trotz der Schön­heit der Gedichte einer­seits ver­spüre ich beim Lesen ande­rer­seits vor allem eines: Lan­ge­weile, gäh­nende Langeweile.

Woran liegt es, dass ich mich zu kei­nem ech­ten Lob ver­füh­ren las­sen kann? Ich glaube, es hängt mit der Posi­tion des Autors, die sich in den Gedich­ten zeigt, zusam­men — mit sei­ner Stel­lung zur Welt, die sich in den Gedich­ten immer wie­der aus­drückt. Da geht es vor allem um die Schön­heit der Umwelt. Aber das bie­tet mir zu viel Glätte und zu wenig Über­ra­schung und Ver­blüf­fung. Man­ches scheint mir fast pein­lich banal, wie etwa »laken« oder »melde« (die auch noch auf­ein­an­der fol­gen), die sich beide (wie lei­der viele andere Gedichte auch) im Bestä­ti­gen des Beste­hen­den erschöp­fen. Das wird zwar durch schöne Spra­che an der Ober­flä­che auf­ge­hübscht, ver­rät aber eben einen gesät­tig­ten Blick auf die Welt: Da stört nichts, da ist irgend­wie schon alles so in Ord­nung, wie es ist — und es ist auch alles gut so, wie es ist und wie man es sehen und beschrei­ben kann. Man muss also nur rich­tig hin­schauen, um die Schön­heit der Dinge, Tiere, Pflan­zen und Land­schaf­ten zu erken­nen. Denn darum geht es Wag­ner offen­bar: Um die Poe­ti­sie­rung der Welt (man könnte mei­nen, er hätte sich den Slo­gan des J.-Frank-Verlages aus­ge­lie­hen …). Das ist aber eben fast immer auch eine poe­ti­sche Ver­klä­rung der Tiere und Pflan­zen und Dinge, die ich oft als leichte Melan­cho­lie, als eine zumin­dest unter­schwel­lige Sehn­sucht nach Ver­gan­ge­nem lese (wie etwa in »der letzte von zani­grad«). Andert­halb Verse von Seite 69 schei­nen mir das ganz gut auf den Punkt zu bringen:

wie­der geht dein blick
zurück zu dem detail

Und da blei­ben der Blick und seine Spra­che dann meis­tens auch: Im Detail — das heißt, in der Beob­ach­tung eines kleins­ten Aus­schnit­tes der Welt, der mit dem Rest nicht in Ver­bin­dung kommt (und auch nicht mit dem Beob­ach­ter, des­sen Rolle zu sel­ten reflek­tiert wird).

Vie­les lese ich dabei — und mög­li­cher­weise bin ich da zu ein­sei­tig — als zumin­dest ten­den­zi­elle Ver­klä­rung des Rück­zugs, eines Rück­zgs ins Pri­vate, in sich selbst, in den Kokon der Ver­gan­gen­heit oder über­haupt in die Idylle … Deut­lich wird die­ser Inner­lich­keits­ges­tus an vie­len Stel­len, exem­pla­risch etwa in den Schluss­ver­sen von »por­ta­for­tuna« (Seite 48):

doch da war ein moment und das gefühl,
daß etwas sich im inners­ten verband,

mich ahnen ließ, was mir für alle tage
erhal­ten bleibt, was ich stets in mir trage.

Das ist poe­ti­scher Eska­pis­mus, ein Rück­zug in die Gemüt­lich­keit des trau­ten Heims (mit sei­nem Gar­ten und dem ent­spre­chen­den Gekreu­che und Gefleu­che) — und des­halb langweilig.

Auch ande­res erschloss sich mir nicht so recht. Die Vor­liebe Wag­ners für Sonette (und einige andere tra­di­tio­nelle For­men) etwa: Die sind hier zwar als Form erkenn­bar, aber eben doch leer (und auch ohne Reim und Metrum, eigent­lich ist vom Sonett nur die Anzahl und Anord­nung der Vers­grup­pen (4+4+3+3) übrig geblie­ben): Dass er sich die­ser Form bedient, scheint mir eher Zufall zu sein, oder ein Ver­weis auf Kennt­nisse und Fähig­kei­ten des Dich­ters, aber nicht im Gedicht moti­viert. Man darf das als Leser erken­nen — aber was macht man dann damit? Mir ist keine ver­nünf­tige, wei­ter­füh­rende Deu­tung oder Erklä­rung ein­ge­fal­len, warum etwa der »giersch« oder der »nagel« gerade in Sonet­ten geprie­sen werden.

Auf­fal­lend ist ja auch, dass nur ganz wenig Men­schen auf­tau­chen: In eini­gen Gedich­ten gibt es ein sehr unspe­zi­fi­sches »wir«, fast nie aber andere Per­so­nen als den Beobachter/die Beob­ach­te­rin, die dadurch eine Gott-ähnliche Stel­lung in die­sem Uni­ver­sum der unbe­leb­ten und beleb­ten Dinge hat: Beseel­tes gibt es außer ihr (um das etwas auf die Spitze zu trei­ben) offen­bar nicht.

Viel­leicht liegt meine eher able­hende Lek­türe auch darin begrün­det, dass ich in letz­ter Zeit offen­bar Lyrik bevor­zuge, die stär­ker mit den Eigen­hei­ten der Spra­che als Zei­chen– und Bedeu­tungs­sys­tem arbei­tet, die ihre eigene Grund­lage in der Spra­che hin­ter­fragt und damit expe­ri­men­tiert und spielt. Das kann man Wag­ner natür­lich nicht vor­wer­fen, sein »Dich­tungs­an­lass«, um das mal so geschwol­len aus­zu­drü­cken, ist offen­bar ein ande­rer. Aber wenn ich dann Gedichte wie das »requiem für einen fri­seur« lese, merke ich sehr deut­lich, dass diese Lite­ra­tur meine Sache nicht ist. Das fängt so an:

weil mon­tags alles ruht, nun alles mon­tag bleibt,
ver­hängt die spie­gel. nehmt der schere ihren schneid.

und mäan­dert sich dann eine Weile durch den ver­las­se­nen Fri­seur­sa­lon und die dort frü­her aus­ge­üb­ten Tätig­kei­ten (mit der »große[n] orgel aus fönen«), um dann tat­säch­lich so zu schließen:

[…] und wer inne­hält
nicht län­ger weis, was es zu fin­den gilt, wonach zu suchen,
nur daß die haare wei­ter wach­sen, wei­ter wuchern.

Das klingt jetzt alles able­hen­der und nega­ti­ver, als ich es eigent­lich haben wollte. Aber das liegt wohl daran, dass die Gedichte der Regen­ton­nen­va­ria­tio­nen mich ein­fach nicht (genug) berüh­ren — und dann fal­len mir eher die Pro­bleme auf, dich ich beim Lesen damit habe, als die schö­nen und gelun­ge­nen Momente, die es frei­lich genauso gibt: Schlecht ist das nicht alles, nur oft falsch. Aber nun ja, da lese ich dann doch lie­ber noch ein biss­chen in Elke Erbs neu­es­tem rough­book

Jan Wag­ner: Regen­ton­nen­va­ria­tio­nen. Gedichte. Mün­chen: Han­ser Ber­lin 2014. 103 Sei­ten. ISBN 9783446246461

Sonnenfinsternis 1321

In die­sem Jahre gab es am Tag der sel. Mär­ty­rer Johan­nes und Pau­lus am Frei­tag eine Son­nen­fins­ter­nis, die von der ers­ten Stunde bis zur drit­ten dau­erte. Als das gesche­hen war, wur­den die Kör­ner und Samen aller Boden­pflan­zen, die vor­her in gutem Zustand waren, sicht­bar ver­klei­nert. Es folg­ten große Über­schwem­mun­gen an den Flüs­sen, die auf den Fel­dern, in den Städ­ten, an den Mau­ern und Dör­fern gro­ßen Scha­den anrichteten.

so heißt es unter der Über­schrift »Das Jahr des Herrn 1321. Von der Hand­lungs­weise König Johanns und von ande­rem« in der König­saa­ler Chro­nik. Etwas spä­ter, immer noch im 10. Kapi­tel des zwei­ten Buches der Chro­nik, wird dann berichtet:

Es soll allen, die bei Gott an Chris­tus glau­ben, bekannt wer­den, dass im Jahr des Herrn 1321, am Frei­tag nach der Geburt des hei­li­gen Johan­nes des Täu­fers, in der Graf­schaft Anjou und Tou­raine eine schreck­li­che Son­nen­fins­ter­nis statt­fand, sodass bald über vier Stun­den die­ses Tages die Sonne glü­hend und blut­rot war, und in der Nacht des­sel­ben Tages war der Mond ver­un­stal­tet und ver­dun­kelt wie ein Sack, sodass die Ein­woh­ner des Lan­des­glaub­ten, es sei das jüngste Ende der Welt.
Und am sel­ben Tag war ein unglaub­li­cher Don­ner zu hören und unaus­sprech­li­che Blitze zu sehen, sodass viele sahen, dass sehr viele Feu­er­glo­ben vom Him­mel auf die Erde und auf Häu­ser fie­len, sodass die Dächer, die mit Stroh gedeckt waren, an eini­gen Orten ver­brann­ten, und es war ein schreck­li­cher Dra­che in der Luft zu sehen, durch des­sen Atem und übel­rie­chen­des
Geschnaube nicht wenige Men­schen aus­ge­löscht wur­den. Dar­über hin­aus gab es an eini­gen Orten und ande­ren ein Erd­be­ben, sodass die ganze Erde zit­terte, sodass durch die­ses Zit­tern viele Gebäude, die jen­seits des eng­li­schen Mee­res gele­gen waren, einstürzten.

Mal sehen, was heute noch so alles auf uns zukommt …

Aus-Lese #40

Klaus Wagen­bach (Hrsg.): Stö­rung im Betriebs­ab­lauf. 77 kurze Geschich­ten für den öffen­li­chen Nah­ver­kehr. Ber­lin: Wagen­bach 2014. 143 Seiten.

wagenbach, störung im betriebsablaufEine lus­tige Edi­tion ist das, die mir zufäl­lig im Buch­la­den in die Augen und Hände gefal­len ist: Klaus Wagen­bach hat kleine Texte gesam­melt, für die Lek­türe unter­wegs im ÖPNV. Der Zweck bestimmt auch die Ord­nung der Texte nach Anlass und Länge: Kurz­stre­cken, Bahn­hof, Zwei Sta­tio­nen etc. sind die Kapi­tel über­schrie­ben. Hin­ter der wit­zi­gen und sym­pa­thi­schen Idee steckt aber vor allem eine schöne und viel­fäl­tige Samm­lung größ­ten­teils groß­ar­ti­ger Kurz­prosa: Kurz­ge­schich­ten, Para­beln, Anek­do­ten, Fabeln und vie­les mehr. Wagen­bachs Aus­wahl beweist ein sehr hohes Qua­li­täts­ni­veau ohne Aus­rei­ßer: Das ist ein­fach gut aus­ge­sucht. Und vie­les Bekann­tes ist dabei, natür­lich — aber auch eini­ges Über­ra­schen­des, Uner­war­te­tes. Und auch beim Wie­der­le­sen ent­wi­ckelt so man­ches in die­sem Zusam­men­hang neue Aspekte. Das kleine Bänd­chen ist wirk­lich eine vor­treff­li­che Lek­türe für die Zeit des Bewegt-Werdens — da wünscht man sich manch­mal bei­nahe eine tat­säch­li­che »Stö­rung im Betriebsablauf« …

Ulrike Almut San­dig: Buch gegen das Ver­schwin­den. Geschich­ten. Frank­furt am Main: Schöff­ling 2015. 207 Seiten.

sandig, verschwinden »Es ist so leicht zu ver­schwin­den.« (35) Das ist das ganze Pro­blem. Denn wir Men­schen sind tat­säch­lich kaum mehr als ein Gras im Wind — ein­mal hier, bald wie­der weg. Und darum geht es in die­sem Geschichten-Band (aus­drück­lich nicht Erzäh­lun­gen!): Um das Ver­schwin­den, um das Ver­ges­sen. Und darum, wie sich das (viel­leicht) doch ver­hin­dern oder auf­schie­ben lässt — mit dem Erzäh­len zum Bei­spiel. Aber wer sagt dann, dass das Erzählte was mit der vergangenen/verschwundenen Rea­li­tät zu tun hat? Doch: Das ist keine phi­lo­so­phi­sche Abhand­lung, kein Essay — und will es auch gar nicht sein. Son­dern eine Feier des Erzäh­lens. Denn San­dig ist eine groß­ar­tige Erzäh­le­rin, deren brei­tes sti­lis­ti­sches Reper­toire und deren Spra­che ich sehr mag (das war auch schon bei den Fla­min­gos so!). Ich zitiere aus Faul­heit mal die Ver­lags­web­seite:

Ein jun­ger Jour­na­list ver­sucht inmit­ten der Unru­hen um den Istan­bu­ler Gezi-Park die Erwar­tun­gen sei­ner Mut­ter abzu­schüt­teln, die nach dem Mau­er­fall 1989 das Rei­se­fie­ber gepackt hat. Ein Wan­de­rer geht wäh­rend eines Schnee­sturms in den ural­ten ver­wun­sche­nen Wäl­dern des Enga­din ver­lo­ren. Ein klei­nes Mäd­chen wird zum nächs­ten Venus­durch­gang von der Groß­mut­ter ans Ende der Welt geflo­gen. Wohin ihre Spu­ren füh­ren, ist eines der vie­len Rät­sel die­ser Geschichten.

Rät­sel wei­sen San­digs Geschich­ten immer wie­der auf. Aber keine Span­nungs– oder Krimi-Rätsel, son­dern Rät­sel, die auf die Frage nach der Wahr­heit, der Wirk­lich­keit der Ver­gan­gen­heit und der Erin­ne­rung ver­wei­sen. Mir ist dann die eigent­lich Geschichte oft gar nicht so wich­tig — ob es nun um einen Wit­wer geht, der sich und seine Ein­sam­keit sowie seine fort­schrei­tende Demenz beob­ach­tet, um einen jun­gen Jour­na­lis­ten, die Wan­de­rer im Enga­din, die den mythisch-verklärten Tamangur-Wald ent­de­cken wol­len — die Haupt­sa­che ist immer wie­der das Erzäh­len selbst.

Ja, an die­sem Tag und in die­ser Minute fin­det sie plötz­lich, dass sie sich diese Geschichte immer wie­der anhö­ren könnte und immer wie­der in der jeweils aktu­el­len Ver­sion, und jeder Ver­sion würde sie Glau­ben schen­ken, wohl wis­send, dass wir, jede Ein­zelne von uns, die Erzäh­le­rin­nen unse­rer eige­nen Geschich­ten sind und dass es nicht dar­auf ankommt, was in Wirk­lich­keit pas­siert ist, solange wir eine Ver­sion haben, die uns das Leben und alle, die darin ver­schwin­den, erträg­li­cher macht. (36f.)

Es gibt auch ein nett gemach­tes »Video zum Buch« von Harald Opel:

Joa­chim Zel­ter: Wie­der­se­hen. Tübin­gen: Klöp­fer und Meyer 2015. 126 Seiten.

zelter, wiedersehenOffi­zi­ell als »Novelle« beti­telt — und das haut auch hin. Ein kur­zer Text für zwi­schen­durch (die 126 Sei­ten sind recht groß­zü­gig gesetzt), mit hohem Spaß­fak­tor: Der Lieb­lings­schü­ler Arnold Lit­ten trifft nach zwan­zig Jah­ren wie­der auf sei­nen immer schon etwas kau­zi­gen Lieb­lings­leh­rer Thors­ten Kort­hau­sen, der ihn, der mitt­ler­weile zum Germanistik-Professor (ver­mut­lich …) gewor­den ist, damals im Fach Deutsch unter­rich­tet und für die Lite­ra­tur begeis­tert hat. Im Rück­blick tau­chen die sehr unge­wöhn­li­chen Lehr­me­tho­den Kort­hau­sens noch ein­mal auf (die jeder Ord­nung, Ver­gleich­bar­keit oder Plan­mä­ßig­keit spot­ten, aber natür­lich höchst genial waren und alle Schü­le­rin­nen und Schü­ler enorm begeis­ter­ten …). Jetzt also das Wie­der­se­hen, auf einer von Kort­hau­sen extra dafür aus­ge­rich­te­ten Party, bei der Lit­ten auch noch ohne Vor­war­nung einen Vor­trag hal­ten soll. Das alles geht, fast erwar­tungs­ge­mäß, fürch­ter­lich schief und gibt allen, vor allem aber Lit­ten selbst, gründ­lich Gele­gen­heit, sich selbst, ihre Stel­lung und ihrer (Lebens-)Ziele, aber auch die gemein­same Ver­gan­gen­heit, noch ein­mal gründ­lich zu über­den­ken. Das ist alles sehr lie­be­voll geschil­dert, mit wun­der­ba­ren Typen (gerade die Neben­fi­gu­ren sind herr­lich). Die kon­fron­ta­tive Situa­tion stei­gert sich immer mehr, bis das Ganze schließ­lich in eine ziem­lich wilde Gro­teske umkippt. Kurz vor dem Schluss (der noch ein­mal eine abso­lut unnö­tige »über­ra­schende Wen­dung« bie­tet) heißt es dann:

Er hätte nie­mals hier­her­kom­men dür­fen. […] Dass es ein Feh­ler sei, einen Men­schen wie Kort­hau­sen nach über zwan­zig Jah­ren ein­fach wie­der­zu­se­hen. Dass man dabei nur ver­lie­ren kann, zuerste einen gelieb­ten Leh­rer udn dann sich selbst. Dass man sich dadurch sei­ner grund­le­gens­ten Ebe­nen beraubt. Und sei­ner schöns­ten Bil­der. (125)

Pau­lus Böh­mer: Weric­j­bin. Gedichte. Frank­furt am Main: Edi­tion Faust 2014. 56 Seiten.

boehmer, wer ich bin»Gedichte« stimmt hier gerade so — es sind näm­lich genau zwei Lang­ge­dichte, die in die­sem klei­nen Bän­chen zu fin­den sind: »Werich­bin« (das scheint die bevor­zugte Schreib­weise des Titels zu sein) und »Über das Zusam­men­fü­gen von Tei­len«. Beide sind wie­der typi­sche Böhmer-Schöpfungen: Auf Mit­tel­achse ste­hen diese Text­türme, ohne Reim oder fes­tes Metrum, sind sie fort­lau­fende Ket­ten von Ein­fäl­len und Asso­zia­tio­nen. Form­ge­bend ist beim Titel­ge­dicht »Wer ich bin« zum Bei­spiel das »Wie« — »So« und »Daß« am Beginn der ein­zel­nen Vers­grup­pen in den drei Tei­len des Titelgedichts.

Wer die­sen (Vor-)Namen trägt, muss viel­leicht so schrei­ben: vol­ler Bild­ge­walt, vol­ler Wis­sen, immer alles wol­lend und auch alles sagen wol­lend, Texte vol­ler Welt­hal­tig­keit (oder viel­leicht auch Welt­all­hal­tig­keit?) und Sprach­be­herr­schung pro­du­zie­rend. Auch »Werich­bin« über­wäl­tigt mit die­ser Viel­falt, wie immer bei Böh­mer ist das alles kaum fass­bar. Seine Gedichte hin­ter­las­sen bei mir den Ein­druck von Größe und auch Erha­ben­heit (das mag mit dem hym­ni­schen Ton sei­ner Lyrik zusam­men­hän­gen), von Sprach­ge­walt und wis­sen­der Klug­heit, die den Leser empor­zu­he­ben scheint (auch wenn ich nicht unbe­dingt sagen könnte, wohin — oder was ich dar­aus »gelernt« hätte): Man kann — und das behaupte ich ja gerne von guten Kunst­wer­ken — das nicht lesen (bzw. sehen oder hören), ohne danach ein ande­rer Mensch zu sein. Und hat immer etwas von per­ma­nen­ter Über­for­de­rung: Ich habe beim Lesen immer das Gefühl, dass mir viel ent­geht — zugleich aber auch den Ein­druck, dass ich ganz viel davon habe, das jetzt zu lesen. Michael Braun hat in sei­ner Rezen­sion wohl nicht ganz zu Unrecht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Böh­mers Lyrik als »Überfluss-Produktion« funk­tio­niere. Das macht sie aber eben schwie­rig und fas­zi­nie­rend zugleich …
Das kleine Bänd­chen — sozu­sa­gen Böh­mer für Ein­stei­ger (Kad­dish ist da allein wegen sei­nes Umfangs ja schon abschre­cken­der …) — ent­hält außer den bei­den Gedich­ten noch ein kur­zes Nach­wort (das mir wenig brachte) und drei Col­la­gen — eine bunte vom Autor auf dem Umschlag, eine schwarz-weiße von ihm im Vor­satz und eine wei­tere von Lydia Böh­mer zu Beginn von »Über das Zusam­men­fü­gen von Teilen«.

Marc Degens: Fuckin Sushi. Köln: DuMont 2014. 320 Seiten.

degens, sushiEin tol­les Buch übers Erwach­sen­wer­den in Bonn, die Musik (und den Alko­hol), das Leben und den gan­zen Rest: intel­li­gent aus­ge­dacht, schnell und flott geschrie­ben und auch zügig gele­sen — und zudem gibt es eine reich­hal­tige cross­me­diale Beglei­tung für die, die so etwas mögen — die fängt übri­gens mit Play­lists des Prot­ago­nis­ten (u.a. sein ers­ter Ipod mit »lan­ger« Musik) schon im Buch selbst an. Mehr zu die­ser Lese­emp­feh­lung gibt es in einem eige­nen Text, näm­lich hier.

Ulrich Lap­pen­kü­per & Ulf Mor­gen­stern (Hrsg.): Dem Otto sein Leben von Bis­marck. Die bes­ten Anek­do­ten über den Eiser­nen Kanz­ler. Mün­chen: Beck 2015. 128 Seiten.

lappenküper, bismarckDer Titel ist natür­lich sel­ten däm­lich. Wieso sich der Beck-Verlag zu so einem Unsinn hin­rei­ßen las­sen hat, ver­stehe ich nicht. Denn das Büch­lein hat ja durch­aus einen hohen Anspruch. Sicher, es geht um Anek­do­ten. Aber die sol­len viel leis­ten, wie die bei­den Her­aus­ge­ber in der Ein­lei­tung betonen:

[…] hegen die Her­aus­ge­ber die Hoff­nung, mit­els der hier ver­sam­mel­ten Äuße­run­gen von und über Bis­marck sei­ner Per­sön­lich­keit näher zu kom­men, als es manch tief­grün­dige his­to­ri­sche Dar­stel­lung ver­mag. (8)

Ich halte das prin­zi­pi­ell für gewagt und im Falle die­ser klei­nen Samm­lung auch für nicht erfüllt. So viel also zum Nega­ti­ven. Was bleibt dann? Eine kuriose Samm­lung von mehr oder min­der amü­san­ten Begeg­nun­gen, Bege­ben­hei­ten und Erin­ne­run­gen Bis­marcks und sei­nes Umfel­des. Die ers­ten Jahre sind natur­ge­mäß schwach ver­tre­ten und gerade dort bleibt der Prot­ago­nist auch blass, wenn auch seine Genia­li­tät natür­lich (schließ­lich wur­den die Anek­do­ten alle Jahr­zehnte spä­ter nie­der­ge­schrie­ben) schon allen Ver­stän­di­gen sicht­bar war. Über­haupt ent­steht hier das Bild eines Bis­marck, der nicht so sehr »Eiser­ner Kanz­ler« war, son­dern vor allem ein gewitz­ter Drauf­gän­ger. Das liegt natür­lich (auch) in der Natur der hier ver­sam­mel­ten Quel­len begrün­det — wie wahr das ist, kann ich nicht wirk­lich beur­tei­len. Fest­stel­len lässt sich aber auch ohne detail­lierte Bismarck-Kenntnisse die Nei­gung zur frü­hen und ziem­lich voll­stän­di­gen (Selbst-)Stilisierung.

Dane­ben wer­den aber durch­aus auch schöne Bege­ben­hei­ten hier berich­tet. Zum Bei­spiel über die Rolle des Rau­chens im Frank­fu­ter Bun­des­tag, das schnell als Rang­merk­mal, als Sta­tus­sym­bol ent­deckt wird (wer darf in den Sit­zun­gen rau­chen?) und das fast genauso schnell seine Untaug­lich­keit dafür erweist, weil schließ­lich (nahezu) alle rau­chen, selbst wenn sie, d.h. die Gesand­ten, es nur unter größ­tem per­sön­li­chem Wider­wil­len tun. Auch schön: Bis­marcks etwas däm­li­cher Feld­zug gegen die Antiqua-Drucke und sein Beste­hen auf Fraktur-Schriften für den Dienst­ge­brauch. Und hier darf natür­lich nicht feh­len: Sein Wider­stand gegen die Ein­füh­rung einer neuen Recht­schrei­bung (1876). Dazu heißt es in die­sem Bänd­chen, das alles in allem doch eine nette Lek­türe für zwi­schen­durch ist:

Er sprach mit wah­rem Ingrimm über die Ver­su­che, eine neue Ortho­gra­phie ein­zu­füh­ren. Er werde jeden Diplo­ma­ten in eine Ord­nungs­strafe neh­men, wel­cher sich der­sel­ben bediene. Man mute dem Men­schen zu, sich an neue Maße, Gewichte, Mün­zen zu gewöh­nen, ver­wirre alle gewohn­ten Begriffe, und nun wolle man auch noch eine Sprach­kon­fu­sion ein­füh­ren. Das sei uner­träg­lich. Beim Lesen auch noch Zeit zu ver­lie­ren, um sich zu besin­nen, wel­chen Begriff das Zei­chen aus­drü­cke, sei eine uner­hörte Zumu­tung. Ebenso sei es Unsinn, Deutsch mit latei­ni­schen Let­tern zu schrei­ben und zu dru­cken, was er sich in sei­nen dienst­li­chen Bezie­hun­gen ver­bit­ten werde, solange er noch etwas zu sagen habe. (79)

außer­dem gelesen:

  • Mar­cel Beyer: XX. Lichtenberg-Poetikvorlesungen. Göt­tin­gen: Wall­stein 2015 (Göt­tin­ger Sudel­blät­ter). 80 Seiten.
  • Ber­tolt Brecht: Der gute Mensch von Sezuan. Para­bel­stück. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 1964. 144. Seiten.
  • Gott­fried Imma­nuel Wen­zel: Ver­bre­chen aus Infa­mie. Eine thea­tra­li­sche Men­schen­schil­de­rung für Rich­ter und Psi­cho­lo­gen in drei Akten. Mit einem Nach­wort her­aus­ge­ge­ben von Alex­an­der Kosenina. Han­no­ver: Wehr­hahn 2014 [1788] (Thea­ter­texte, Bd. 43). 64 Seiten.

Ins Netz gegangen (19.3.)

Ins Netz gegan­gen am 19.3.:

  • Die zwölf Arbei­ten des Ver­le­gers | Edit — jan wen­zel cha­ra­ke­ri­siert die tätig­keit des ver­le­gens in 12 arbei­ten und beginnt mit dem »ein­krei­sen der gegen­wart«, bevor er sich eher pro­sai­schen arbei­ten wid­met
    Die Arbeit des Ver­le­gers ist vor allem eine Suche. […] Der Wunsch, die flüch­tige Gegen­wart les­bar zu machen, ist sein Antrieb. Die Spur sei­ner Such­be­we­gung sind die Bücher, die ent­ste­hen. Jetzt und jetzt und jetzt.

  • Vor­schläge für eine bes­sere Opern­welt. | Bad Blog Of Musick — moritz eggert macht — ziem­lich ein­fa­che — vor­schläge, wie die opern­welt deutsch­lands bes­ser (und vor allem: aktu­el­ler) wer­den könnte: ein­fach mehr neue opern spie­len — und zwar nicht nur urauf­füh­run­gen, son­dern auch nach-inszenierungen …
    Gäbe es aber viel Neues, Ver­rück­tes und Expe­ri­men­tel­les in den Opern­häu­sern zu sehen, so würde man sich auch gerne mal eine Mozar­to­per anschauen, die ohne sinn­lo­sen Schnick­schnack aus­kommt und in der sich nie­mand anpis­sen muss. Das wäre dann auch nicht spie­ßig, son­dern leben­dige Tra­di­tion in Kom­mu­ni­ka­tion mit dem Neuen. Wenn ich mir die “Mona Lisa” anschaue, so ist es halt die “Mona Lisa”, und das ist auch in Ord­nung so. Ein Doku­ment einer bestimm­ten Zeit, einer bestimm­ten Sicht auf die Dinge. Ich muss das nicht zer­stö­ren, son­dern kann es auch so mal ste­hen las­sen.
    Es wäre alles so ein­fach.
    Wenn sich nur jemand mal end­lich trauen würde, etwas dau­er­haft zu ändern.

  • Heidegger-Lehrstuhl-Streit: Rek­tor ver­steht nicht — jür­gen kaube über die »auf­re­gung« um die umwid­mung eines lehr­stuhls zur junior-professur an der uni frei­burg:
    Doch der Rek­tor der Uni­ver­si­tät Frei­burg ver­steht die ganze Auf­re­gung nicht. Wir glau­ben ihm. Er ver­steht es ein­fach nicht, aber genau das ist ja das Pro­blem. An deut­schen Uni­ver­si­tä­ten, die dau­ernd Exzel­lenz beschwö­ren und nach Stan­ford schauen, gibt es zu viel Spit­zen­per­so­nal, das ein­fach nicht ver­steht, wenn sich andere über die Phra­sen auf­re­gen, mit denen es seine merk­wür­di­gen Ent­schei­dun­gen dekoriert.

  • BND-Überwachung: Warum schickt der BND der Bun­des­wehr abge­hörte Daten? | ZEIT ONLINE — es hört nicht auf mit den spio­na­geskan­da­len — der bnd scheint wirk­lich kei­ner­lei respekt für irgend­wel­che deut­schen gesetze und gren­zen zu haben:
    Warum gibt der BND der Bun­des­wehr abge­hörte Daten? Und lässt von ihr Spio­nage­mel­dun­gen über­set­zen? Es ist illegal

  • Vor­rats­da­ten­spei­che­rung : Ein Schritt zur tota­len Über­wa­chung | ZEIT ONLINE — kai bier­mann erin­nert (mal wie­der, lei­der aber eben auch mal wie­der not­wen­di­ger­weise) daran, warum eine lücken­lose über­wa­chung der gesam­ten bevöl­ke­rung mit der vor­rad­ts­da­ten­spei­che­rung keine so gute idee ist:
    Darum aber, die Arbeit der Poli­zei beque­mer zu machen, darf es nicht gehen. Sicher­heit ist nicht das oberste Ziel eines Staa­tes, auch wenn Innen­mi­nis­ter das gerne behaup­ten. Wäre es das, würde die­ser Staat bald all seine Bür­ger voll­stän­dig über­wa­chen. Genau um das zu ver­hin­dern, gibt es das Grund­ge­setz, es ist eine Samm­lung von Abwehr­rech­ten, mit denen sich die Bür­ger den Staat vom Leib hal­ten sol­len. Und dort steht, die Würde der Men­schen zu schüt­zen und zu erhal­ten, sei die erste Regel.
    […]
    Kein Anschlag der ver­gan­ge­nen Jahre war im Nach­hin­ein eine Über­ra­schung, alle Täter waren bereits zuvor auf­ge­fal­len. Für diese Erkennt­nisse brauchte es keine gesetz­li­che Vorratsdatenspeicherung.

  • Peter Engst­ler: Die Frei­heit, lang­sam zu sein | Frank­fur­ter Rund­schau — sabine vog­ler hat den wun­der­ba­ren peter engst­ler und sei­nen ver­lag besucht und ein schö­nes por­trät eines idea­lis­ten geschrie­ben:
    Als Engst­ler 1986 mit dem Bücher­ver­le­gen begann, hatte er kei­ner­lei Finanz­ka­pi­tal im Hin­ter­grund. Das ist bis heute so. Sein Ein­mann­be­trieb rech­net sich markt­wirt­schaft­lich nicht. Engst­lers Bücher, nun­mehr knapp 200 und fast alle noch lie­fer­bar, sind Nischen­pro­dukte: Lyrik, expe­ri­men­telle Prosa.
    […]
    Engst­ler ist ein Bei­spiel dafür, dass doch ein rich­ti­ges Leben im fal­schen mög­lich ist. Ein glück­li­cher Rebell, dem nichts man­gelt. […] Was immer da abläuft, es ist unbezahlbar.
  • ICE-Anbindung Darm­stadts: Kniff­lige Über­le­gun­gen — neue Eisen­bahn­stre­cken zu pla­nen kann ganz schön kom­pli­ziert sein. Hier: ICE in Darm­stadt — hält er oder nicht?

Musik, Alkohol — und Bonn: »Fuckin Sushi« von Marc Degens

degens, sushi
Das ist — man muss es so direkt sagen — ein gran­dio­ses Buch. Viel­leicht liegt das gerade an sei­ner Unschein­bar­keit. Denn eigent­lich erzählt Marc Degens etwas, das man so ähn­lich schon tau­send­mal (und in letz­ter Zeit auch gehäuft) lesen konnte: Das Erwach­sen­wer­den in der Pro­vinz. Nun gut, Pro­vinz ist für Bonn viel­leicht zu bös­ar­tig, aber es trifft das Gefühl des Prot­ago­nis­ten Niels. Der ist 17 Jahre alt, gerade mit sei­nen Eltern (von denen wir sehr wenig erfah­ren) von Gel­sen­kir­chen nach Bonn umge­sie­delt und wid­met sich zuneh­mend der Musik. Zunächst vor allem hörend — und zwar nur lange Lie­der, keine kur­zen (Hit-)Songs -, bald aber auch, zusam­men mit sei­nem Freund René bzw. R@ selbst musi­zie­rend. Die star­ten, das wird nicht so ganz klar, ent­we­der als Genies oder als eine Art »Geniale Dil­le­tan­ten« mit einer Mischung aus Kon­zert, Per­for­mance und Hap­pe­ning vor dem Café, das Heino gehört. Dar­aus ent­wi­ckelt sich dann schnell gro­ßes, näm­lich »Fuckin Sushi«, zunächst als Trio, dann als Quar­tett, und am Schluss wie­der als Trio — dann aber ohne Niels. Dazwi­schen steht ein mehr­mo­na­ti­ger Rausch an und mit der Musik (und jede Menge Alko­hol und Ziga­ret­ten …). »Fuckin Sushi« lan­det mehr oder weni­ger zufäl­lig einen You-Tube-Hit, tin­gelt kurz durch Deutsch­land, zer­strei­tet sich, zer­fällt an Que­re­len und der Unei­nig­keit über die Aus­rich­tung der Band. Niels ver­kraf­tet den Aus­schluss nicht so gut, unter­nimmt auch einen Pseudo-Selbstmordversuch im Hoch­was­ser des Rheins, gam­melt lange vor sich hin und fin­det sich schließ­lich — wie­derum mit Hilfe einer Frau — in New York, wo er sich als Schrift­stel­ler neu erfin­det, der Fuckin Sushi niederschreibt.

Das klingt, so erzählt, banal und lang­wei­lig. Das Ent­schei­dende am Roman von Marc Degens ist aber das Wie des Erzäh­lens, vor allem seine Spra­che: Die ist direkt und unver­fälscht — sie lässt den Leser in den Rausch und die Glück­se­lig­keit des Musik­ma­chens sehr unmit­tel­bar ein­tau­chen. Und sie lässt ihn auch die Schwie­rig­kei­ten des Älter– oder Erwach­sen­wer­dens von Niels sozu­sa­gen haut­nah mit­er­le­ben. Dass Fuckin Sushi neben­bei auch noch eine ziem­lich rea­lis­ti­sche Schil­de­rung der BRD am Anfang des 21. Jahr­hun­derts, ins­be­son­dere Bonns und Umge­bung, ist, kann man als nette Zugabe ver­bu­chen. Wich­ti­ger ist aber das Tempo, der Drive und der Witz, mit dem Degens erzählt. Der Kri­ti­ker der »taz«, Jens Uthoff, hat das sehr gut auf den Punkt gebracht: »Über weite Stre­cken ist Fuckin Sushi eine span­nend geschrie­bene Hom­mage an das Unre­gle­men­tierte, das Unre­flek­tierte, das Jung­fräu­li­che der Jugend — wobei auch dies­be­züg­lich die Zwi­schen­töne, ein heute anders erleb­tes „No future“, stimmen.«

So laut die Band »Fuckin Sushi« ist, so leise kommt — und doch ziem­lich erwart­bar — das Ende: Es kommt, wie es kom­men muss, die Band zer­strei­tet sich, Niels wird raus­ge­wor­fen, weil, das klang vor­her schon immer wie­der an, die Band sich stär­ker an Hits und Rezi­pi­en­ten ori­en­tiert und die Begeis­te­rung und das empa­thi­sche Auf­ge­hen im Akt des Musi­zie­rens in den Hin­ter­grund gerät. Damit — und mit den Depres­sio­nen Niels‹ — gerät aller­dings auch das zen­trale Prin­zip von »Fuckin Sushi« in Bedräng­nis: Mit dem »Abrent­nern« ist es sowohl bei der Band als auch bei Niels nicht mehr so weit her. Dabei klang das vor­her doch noch nach so einer tol­len Idee: »Welt­frie­den und Abrent­nern sofort« ist nicht nur der Slo­gan der Band, son­dern auch ein Ideal ihrer Prot­ago­nis­ten, zumin­dest von Niels. Der for­mu­liert ein­mal sehr treffend:

»Abren­tern ist gut«, sagte ich war­nend. »Aber man darf auf kei­nen Fall ver­a­de­nau­ern.« (269)

Nach der begeis­ter­ten Begleitschreiben-Rezension musste ich das auch lesen. Und ich kann Gre­gor Keu­sch­nig ziem­lich voll­kom­men zustim­men, des­we­gen brau­che ich das hier nicht noch mal alles aus­zu­brei­ten: Das ist ein guter Roman. Sicher, Degens fokus­siert das sehr stark auf sei­nen Prot­ago­nis­ten Niels. Das hat etwas vom Tun­nel­blick: alles, was nicht mit ihm, R@ und vor allem eben der Musik, also in ers­ter Linie »Fuckin Sushi«, zu tun hat, wird ziem­lich radi­kal aus­ge­blen­det oder zumin­dest an den Rand gedrängt. Es geht dem Rest der Figu­ren (und auch des Lebens Niels) dabei ein biss­chen so wie den Band-Mitgliedern im Müll-Tower, ihrem ziem­lich abge­fuck­ten Pro­be­raum: Nur sie sind zu erken­nen, die Decke — das heißt die Umwelt — bleibt im undurch­dring­li­chen Dun­kel ver­bor­gen. Und im Müll-Tower wird es ja, ganz furcht­bar sym­bo­lisch, auch immer dunk­ler und käl­ter, je wei­ter sich Niels und der Rest der Band von ein­an­der ent­fer­nen (diese etwas platte Sym­bo­lik ist nicht das stärkste Moment, aber ande­rer­seits auch nicht über­mä­ßig auf­dring­lich) … Warum es aber diese selt­sa­men, halb­her­zi­gen Ver­su­che gibt, die­ses Dun­kel zu durch­bre­chen, mit ziem­lich auf­wen­di­gen Vor­be­rei­tun­gen und Ein­käu­fen von extrastar­ken Taschen­lam­pen (aber eben immer nur Taschen­lam­pen, nie Schein­wer­fern, obwohl Strom ja da wäre und für die Band-Instrumente ja auch nötig ist …) und so wei­ter, und zwar sowohl von Niels als auch von Lloyd, die aber beide damit irgend­wie sehr vor­her­seh­bar schei­tern und diese Aus­leuch­tungs­ver­su­che dann auch nicht wei­ter ver­fol­gen, bleibt mir recht unklar. Doch das nur neben­bei … Denn der Witz von Fuckin Sushi ist ja eher, dass es sich gar nicht über­mä­ßig um tie­fere Bedeu­tung, große Zusam­men­hänge, hohen Sinn bemüht, son­dern genau die Suche eines jun­gen Erwach­se­nen, eines erwach­sen wer­den­den Jugend­li­chen, nach die­sen Zusam­men­hän­gen, nach einem Stand­punkt, einer Deu­tung des Lebens, der Welt und des gan­zen Rests genau und mit­füh­lend beschreibt, ohne sen­ti­men­tal oder flach zu wer­den. Darin liegt die große Stärke und nicht zuletzt das große Ver­gnü­gen von Degens‹ Roman.

Bonn war eine schöne, alte Frau, in deren Gesicht an man­chen Stel­len der Schä­del durch­schien. Nicht durch die Pracht­bau­ten wurde die Stadt ver­edelt, son­dern durch den Schmutz und den Dreck. Die Fixer und Stri­cher am Haupt­bahn­hof waren das Geilste an Bonn. Sie schür­ten die Angst und die Angst war der Motor unse­rer Musik. Ohne Musik aber gab es nur noch Angst. (292)

Marc Degens: Fuckin Sushi. Köln: DuMont 2015. 320 Sei­ten. ISBN 9783832197476.

Privilegiert

my brightest diamond, all things will unwind

When you’re pri­vi­le­ged you don’t even know you’re pri­vi­le­ged
When you’re not, you know

so bringt my brigh­test dia­mond eines der gro­ßen pro­bleme unse­rer zeit und gesell­schaft mit den ers­ten zei­len eines pop­songs ganz tref­fend und klar auf den punkt — noch dazu in einem auch sonst sehr guten song: high low middle heißt der und klingt so:

der text des 2011 auf all things will unwind erschie­ne­nen songs geht übri­gens so weiter:

When you’re happy you don’t even know you’re happy
When you’re not, you know

Righ­teous hea­then
Blin­ded and see­ing
You’re next you’re before
You’re pom­pous you are poor
You’re hungry yet stran­gely
You’re working like crazy
Sel­ling buy­ing
Laug­hing and crying

High low middle
High low middle
High low middle
Keep your­self low, but not too low

Saving was­ting
Dying for a tas­ting
Ban­ging for a buck
And you’re shit and out of luck

Are you fat or are you eating up your hat
Are you fat
Are you

High low middle
High low middle
High low middle
Keep your­self low, but not too low

Lord help you when you’re gro­wing old
Lord help you when you’re tired and cold
Lord help you when the dea­lings done
Lord help you when the gettin’s gone