deine eig­nen kno­chen mußt du wei­ter den­ken, kom­mata
im satz­bau die­ser gegend

—Lutz Sei­ler, im fel­der­la­tein, 16

Twitterlieblinge Februar 2015

http://twitter.com/conradhackett/status/562323269513412608

CEO

Beste Auto­ren­bio­gra­phie ever:

Til­man Ramms­tedt war bis Ende 2013 CEO bei Til­man Ramms­tedt und ist seit­dem dort als exter­ner Bera­ter tätig. Außer­dem ist er amtie­ren­der deut­scher Vize­meis­ter im Nickerchenmachen.

(auch der Rest des Tex­tes ist ziem­lich großartig!)

Ins Netz gegangen (24.2.)

Ins Netz gegan­gen am 24.2.:

  • Das MoMa New York erwirbt Alvin Luciers “I am sit­ting in a room” « Kul­tur­techno — 
  • Hoch­schwarz­wald: Ab ins gemachte Nest! | ZEIT ONLINE — die zeit macht ein biss­chen wer­bung für moder­ni­sierte (teure) feri­en­woh­nung im schwarz­wald, die mit schi­ckem design über­nach­tungs­gäste anlo­cken wol­len, dafür aber die wert­schöp­fung schön zen­tra­li­sie­ren und kon­zen­trie­ren (und eben nur noch einen bruch­teil bei den besit­zern vor ort las­sen)
    Im Hoch­schwarz­wald hat die Tou­ris­mus GmbH vor­han­dene Feri­en­woh­nun­gen moder­ni­siert. Ein Gewinn für alle Seiten?

  • If Our Sons Were Trea­ted Like Our Daugh­ters | Lori Day — sehr schö­nes gedan­ken­spiel …
    Come with me. Let’s open the door to a par­al­lel uni­verse. Here in this par­al­lel world, the rules are dif­fe­rent because gen­der roles are flip­ped. Loving par­ents and teachers accept this strange cul­ture as if it’s not so bad, or per­haps even good.…

  • Edi­tion: Hit­lers »Mein Kampf« kommt 2016 rund 2000 Sei­ten dick — DIE WELT — sven felix kel­ler­hoff war bei der vor­stel­lung der kom­men­tier­ten aus­gabe von hit­lers »mein kampf«, die er sehr begrüßt:
    Das IfZ und sein Vize­chef Magnus Brecht­ken jeden­falls sind den rich­ti­gen Weg in einer offe­nen Gesell­schaft gegan­gen: Sie suchen gegen den offen­sicht­lich beschränk­ten Hori­zont von Beam­ten und (eini­gen) Poli­ti­kern in Mün­chen die Unter­stüt­zung der Öffent­lich­keit. Denn jede Fort­set­zung des absur­den Tan­zes um Hit­lers »Mein Kampf« führt nur in die Irre.

  • Ver­bot für Brechts Stück „Baal“: In Gra­bes­ruhe — taz.de — es ist ganz ein­fach mit dem brecht-theater:
    Es zählt zur pos­tu­men Iro­nie von Brechts Leben, dass der große Zer­trüm­me­rer des Klas­si­ker­thea­ters schluss­end­lich selbst zum Klas­si­ker gewor­den ist. Pos­tum wer­den Brechts Ideen in Stein gemei­ßelt, wofür sie der Autor nie vor­ge­se­hen hatte.

  • Kie­ler Matro­sen­auf­stand 1918 : Berühm­tes Foto ent­puppt sich nach fast 100 Jah­ren als Irr­tum — quel­len­kri­tik bei foto­gra­fien ist eine schwie­rige und auf­wän­dige sache:
    Erstaun­li­cher Erkennt­nis im Bun­des­bild­ar­chiv: Das bekann­teste Foto, mit dem seit fast 100 Jah­ren der Kie­ler Matro­sen­auf­stand von 1918 illus­triert wurde, ist in Wahr­heit in Ber­lin entstanden.

    hier war es die »ori­gi­nal­vor­lage« (was auch immer das genau ist …), die durch ihre beschrif­tung eine kor­rek­tur erzwang

  • Alte Schrif­ten — wahn­sin­nig umfang­reich, auch mit eini­gen ttf-fonts für aus­ge­fal­le­nes wie die mero­win­gi­sche minus­kel …
    Auf die­sen Sei­ten fin­den Sie eine Samm­lung alter Schrift­zei­chen aller Völ­ker und Kul­tu­ren von Abur bis Zapotekisch.

Hessische Mathematik und das Stöffsche

In Hes­sen wer­den jedes Jahr bei wei­tem nicht alle Äpfel gepflückt, sie ver­fau­len an den Bäu­men. Dabei zahl­ten Kel­te­reien zwi­schen 10 und 13 Euro pro Dop­pel­zent­ner Äpfel

schreibt die FAZ heute, nach­dem einige hes­si­sche Kel­te­reien wohl dabei erwischt wor­den, auch »frem­des« Obst zu ver­ar­bei­ten. Das hier ver­steckte »Dabei« muss man sich auf der Zunge zer­ge­hen las­sen: Ein Dop­pel­zen­ter hat 100 Kilo­gramm, dafür bekommt man ganze 10 Euro (manch­mal auch mehr, manch­mal auch weni­ger …). Dafür muss man die Äpfel­bäume haben, d.h. den Grund nicht anders­wei­tig nut­zen. Man muss die Bäume pflan­zen und lange, lange war­ten, bis so sein Baum einen Dop­pel­zen­ter gibt (zehn Jahre wer­den kaum rei­chen). Man muss die Bäume pfle­gen (sollte man zumin­dest, gut, das kann man sich viel­leicht spa­ren). Wenn man die Äpfel nicht aus einem Dor­nen­ge­strüpp auf­sam­meln will, muss man unter den Bäu­men mähen. Das geht oft nicht mit einem Trak­tor, son­dern nur mit einem Rasen­mä­her (den man auch haben sollte). Man muss die Äpfel auf­le­sen. Einen Dop­pel­zen­ter schafft man auch nicht in zehn Minu­ten … Und, nicht zu ver­ges­sen, man muss sie auch noch zur Kel­te­rei brin­gen. Die sind näm­lich nicht bei den Bäu­men und die kom­men auch nicht vor­bei — das heißt, man braucht auch noch ein Fahr­zeug und Treib­stoff (Dop­pel­zen­tern­weise Äpfel mit dem Fahr­rad oder zu Fuß trans­por­tie­ren würde zwar fit machen, aber nicht sehr ertrag­reich sein …). Und dann darf man froh sein, wenn man 10 Euro für den Dop­pel­zen­ter Äpfel bekommt. Und da wun­dern die sich ernst­haft, dass das in einem der reichs­ten Län­der der Welt nicht mehr so viele machen wollen?

(Und, nur so neben­bei: Ein Apfel­wein, der nach vier Wochen fer­tig ist — das geht doch auch nicht ohne Zusätze? Nor­ma­ler­weise dau­ert das eher vier Monate …)

Ins Netz gegangen (17.2.)

Ins Netz gegan­gen am 17.2.:

  • Was man als klei­ner Ver­lag so alles mit dem Buch­han­del erlebt | Sei­ten­flü­gel — ein (sehr) klei­ner ver­lag über seine erfah­run­gen mit dem hohen »kul­tur­gut« des deut­schen buch­han­dels (und ama­zon zum ver­gleich):
    Viele kleine Buch­händ­ler haben kei­nes­wegs erkenn­bar mehr Ver­ständ­nis für kleine Ver­lage. Sie wet­tern zwar herz­lich gern gegen Kon­zerne und Mono­po­lis­ten, aber wenn man mit ihnen zu tun hat, ist ihr geschäft­li­cher Ego­is­mus oft kei­nen Deut gerin­ger als bei den Großunternehmen.

  • Theo­loge Fried­rich Wil­helm Graf — »Wir haben Reli­gion noto­risch unter­schätzt« — graf, wie meis­tens sehr ver­stän­dig und klug, in einem sehr lesen-/hörenswerten inter­view mit deutsch­land­ra­dio über reli­gio­nen, moderne und ihre bedeu­tung:
    Ich weiß nicht, warum Belie­big­keit so etwas Schlim­mes oder Schlech­tes sein soll. Wir müs­sen ein­fach mit der Tat­sa­che klar­kom­men und dies akzep­tie­ren ler­nen, dass in den ent­schei­den­den Fra­gen unse­res Lebens jeder für sich selbst oder jede für sich selbst ver­ant­wort­lich ist.

  • René Jacobs: »Ich bestehe auf mei­nem Recht, krea­tiv zu sein« — Thea­ter an der Wien — derStandard.at › Kul­tur — rené jacobs über seine arbeit, den »bar­biere« von gio­vanni pai­si­ello heute auf­zu­füh­ren und dem kom­po­nis­ten gerecht zu wer­den:
    Es ist natür­lich gut, wenn man weiß, was ein Auto­graf ent­hält. Aber Oper war immer ein Work in Pro­gress. Und ich bestehe auf mei­nem Recht, auch krea­tiv sein zu dürfen.

  • Equa­tion Group: Spio­na­ge­soft­ware der Super­la­tive ent­deckt | ZEIT ONLINE — es ist kaum zu glau­ben: aber es geht immer noch etwas grau­si­ger, wenn nsa & co. im spiel sind
    Sie ver­steckt sich unlösch­bar auf Fest­plat­ten und spio­niert hoch­ran­gige Ziele aus: Anti­vi­ren­spe­zia­lis­ten ent­de­cken extrem aus­ge­feilte Mal­ware mit Par­al­le­len zu Stuxnet.

  • SZ-Leaks: Schleich­wer­bung für Steu­er­hin­ter­zie­hung | klar und deut­lich -
    Offshore-Leaks, Lux-Leaks und jetzt Swiss-Leaks: Die Süd­deut­sche Zei­tung ist das Sturm­ge­schütz des Finanz­amts. Die Redak­tion ver­öf­fent­licht regel­mä­ßig Infor­ma­tio­nen aus inter­nen Bank­un­ter­la­gen, an die sie durch Whist­leb­lo­wer kommt. Was die Zei­tung nie erwähnt: Dass sie selbst ihre Leser auf die Steu­er­hin­ter­zie­hung im Aus­land hin­ge­wie­sen hat und sich dafür von den Ban­ken bezah­len ließ. Ich war damals in der Redak­tion dafür zustän­dig. Es war das Jahr 2007, es war mein ers­ter Job nach d…
  • Sam Taylor-Johnsons „50 Shades of Grey“ in der Kri­tik — ha! (diet­mar dath war im kino):
    Dass frei­lich das sexu­ell Anre­gendste an einem Sadomaso-Film von 2015 die Kunst eines seit sieb­zehn Jah­ren toten Mafia-Unterhalters ist, spricht Bände über die Tal­sohle der enthemmt-verklemmten Dau­er­lust­si­mu­la­tion, in der sich die Mas­sen­kul­tur der­zeit täg­lich laut­stark ver­si­chert, dass heute ja zum Glück so gut wie nichts mehr ver­bo­ten ist.

  • Klaus The­we­leit: »2000 Light Years from Home« (Vor­trag zur Pop­ge­schichte) -
    Vor­trag von Klaus The­we­leit unter dem Titel »So tun als gäbe es kein Mor­gen oder: 2000 Light Years from Home«,gehalten am 3. Novem­ber 2011

     — eine art popgeschichte

  • Die Ober­schen­kel der Nation | Blog Maga­zin — michèle bins­wan­ger über sport­re­por­ter, frau­en­sport und sexis­mus
    Man kann dem Sport­re­por­ter wohl kaum einen Vor­wurf machen. Schliess­lich besteht die Haupt­qua­li­fi­ka­tion für die­sen Beruf vor­nehm­lich darin, schwit­zende Men­schen danach zu fra­gen, wie sie sich jetzt fühlen.

  • Inter­view mit Opern-Grammy-Gewinner Burk­hard Schmil­gun — das (eher kleine) osna­brü­cker label hat einen grammy gewon­nen — für die ein­spie­lung einer weit­ge­hend ver­ges­se­nen charpentier-oper:
    Nie­mand hat uns Bescheid gesagt. Auch der Diri­gent und der Künst­ler nicht, die die Aus­zeich­nung offen­bar in klei­ner Gruppe in Los Ange­les ent­ge­gen genom­men haben.

  • Die Inte­gra­tion läuft deut­lich bes­ser als ver­mu­tet — Süddeutsche.de — felix ste­phan in der sz:
    Inte­gra­tion wird immer noch dann als geschei­tert betrach­tet, wenn am Ende etwas ande­res als ein zwei­tes Müns­ter her­aus­kommt.[…]
    In den moder­nen Metro­po­len gebe es eigent­lich nur eine Gruppe, die sich eine eth­ni­sche Segre­ga­tion leis­ten könne, so El-Mafaalani: die Wohlhabenden.

  • Fast­nacht in Mainz: Frauen sind auf den när­ri­schen Büh­nen Man­gel­ware — Ver­eine wagen sich an Erklä­rungs­ver­su­che — All­ge­meine Zei­tung — die main­zer az über die rolle der frauen in der main­zer fast­nacht — und die zähig­keit, mit der sie sich im schne­cken­tempo ändert:
    Nach­dem der MCC seine Komi­tee­te­rin prä­sen­tiert habe, seien die Frauen eines ande­ren gro­ßen Ver­eins auf die Bar­ri­ka­den gegan­gen, da diese dort auch im Komi­tee sit­zen woll­ten. „Wor­auf­hin uns die Män­ner die­ses Ver­eins ver­är­gert gefragt haben, wie wir damit nur anfan­gen konn­ten“, berich­tet er.

    (gibt noch mehr schöne bei­spiele für sexis­mus im text .…

  • Open Access? Ver­öf­fent­li­chen unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit — Taschwer forscht nach — derStandard.at -
    So wird open access zum finan­cial excess: Um sich als Autor einer Buch­be­spre­chung für eine Fach­zeit­schrift das Recht zu erwir­ken, die Rezen­sion online stel­len zu dür­fen, ver­langt Wiley-VCH schlanke 2500 Euro vom Rezensenten.

Die Wahrheit liegt auf der Bühne

es ist ja eine schande, dass ich das noch gar nicht kannte: schon 2006 hat Jochen Hub­ma­cher Die Schick­salssin­fo­nie — Ent­schei­dung unter Flut­licht geschrie­ben — eine repor­tage über beet­ho­vens 5. sin­fo­nie im stil einer radio-fußball-live-berichterstattung, gespro­chen vom fuß­ball­re­por­ter gün­ther koch.

… da spritzt der Schweiß, da saust der Takt­stock über die Köpfe der Musi­ker, da flat­tert der Frack von Gie­len: Adre­na­lin pur — so schön kann Musik sein! …

via user­name alre­ady exists.

Aus-Lese #39

Lud­wig Win­der: Der Thron­fol­ger. Ein Franz-Ferdinand-Roman. Wien: Zsol­nay 2014. 576 Seiten.

winder, thronfolger

Ein schö­ner und guter Roman eines ver­ges­se­nen Autors zu einem bekann­ten Thema. Lud­wig Win­der, in der Zwi­schen­kriegs­zeit ein berühm­ter Autor und Jour­na­list, hat mit dem »Franz-Ferdinand-Roman« Der Thron­fol­ger ein rich­tig gutes Buch geschrie­ben, das lei­der lange Zeit ziem­lich ver­ges­sen war. Der Wie­ner Zsolnay-Verlag hat es jetzt (mit einem Nach­wort des Spe­zia­lis­ten Ulrich Wein­zierl) neu auf­ge­legt — und so konnte ich auch die­sem Roman, der 1937 das erste mal erschie­nen ist, ken­nen lernen.

Win­der erzählt das Leben des Erz­her­zogs Franz Fer­di­nand trotz der aus­führ­li­chen Dar­stel­lung in stren­ger Chro­no­lo­gie des Lebens. Und weil er sti­lis­tisch dabei erstaun­lich locker bleibt, lässt sich das trotz der etwas lang­at­mi­gen Anlage und Struk­tur sehr gut lesen. Denn im Kern ist es eben ein star­kes, leben­di­ges Por­trät des Erz­her­zo­ges — der war ja, wenn man Win­der glau­ben mag (und es gibt kei­nen Grund, das nicht zu tun), alles andere als ein lei­bens­wür­di­ger Cha­rak­ter: Spröde, harsch, krank­haft ehr­gei­zig und miss­trau­isch — ein Mis­an­throp reins­ten Geblüts sozu­sa­gen. Die radi­kale per­so­nale Per­spek­tive macht das zu einem dich­ten Por­trät einer his­to­ri­schen Figur, ohne sie vor­zu­füh­ren oder zu ver­ur­tei­len. Inter­es­sant wird das auch dadurch, dass im Hin­ter­grund des Tex­tes immer die Frage mit­schwingt: hätte die Geschichte nicht auch ganz anders aus­ge­hen kön­nen? Das »fak­ti­sche« Ende ist ja bekannt — hier wird aber immer wie­der mit der Mög­lich­keit gespielt, dass die Geschichte des 20. Jahr­hun­derts in der Figur Franz Fer­di­nands auch andere Poten­zen und Poten­ziale gehabt hätte — die aber unge­nutzt blei­ben (und viel­leicht auch ein­fach blei­ben müssen).

Unter­des­sen wur­den in den Kon­fe­renz­sä­len der Gene­ral­stäbe, Minis­te­rien und Bot­schaf­ten, in den Salons der Muni­ti­ons­fa­bri­kan­ten, in den Schlös­sern und auf den Ver­gnü­gungs­yach­ten der Staats­ober­häup­ter, in den Klub­zim­mern der Abge­ord­ne­ten, in den Spiel­zim­mern der Offi­ziers­ka­si­nos, in den armen Man­sar­den­kam­mern jugend­li­cher Ver­schwö­rer die Pläne aus­ge­heckt, die zum Kriege füh­ren soll­ten. Leicht­fer­tige Diplo­ma­ten, ehr­gei­zige Gene­räle, ver­bre­che­ri­sche Geschäf­te­ma­cher und halb­wüch­sige Patrio­ten, deren natio­na­lis­ti­scher Rausch sich unver­se­hens in Blut­rau­seh wan­delte, arbei­te­ten ein­an­der in die Hände, ohne es zu wis­sen. Sie jag­ten ein­an­der Angst ein, um die Ver­nunft zu töten. Sie woll­ten die Welt mit Angst erfül­len, um die Ver­bre­chen, die sie plan­ten, zu ent­schul­di­gen. Sie sag­ten den Völ­kern, der Feind gönne ihnen das Leben nicht und wolle ihnen den Lebens­raum ver­kür­zen. Sie for­der­ten den Feind her­aus, den ers­ten Schuss abzu­ge­ben, das Signal zum gro­ßen Mas­sen­mord. Sie hat­ten Angst vor dem ers­ten Schuss, den sie inbrüns­tig ersehn­ten. (454)

Domi­nik Dom­brow­ski: Fremd­be­stäu­bung. Köln: para­si­ten­presse 2014. 44 Seiten.

dombrowski, fremdbestäubungGute Gedichte schei­nen mir das zu sein, der »Güte« schwer zu fas­sen sind: Da sind starke, anzie­hende Bil­der, die ganz wun­der­bar selbst­ver­ständ­lich wir­ken. Da ist die Bewe­gung der Spra­che, die sich unge­hin­dert und wie von selbst enfal­tet. Und das Fort­schrei­ten im Text und der Welt, auch in der Zeit: immer wei­ter, nicht ras­ten, nicht ruhen … Da ist die sze­ni­sche Nar­ra­tion, die immer wie­der auf­taucht. Die Rei­hung von kur­zen Sequen­zen, die geschnit­ten (Cut!) Bil­der, die Rea­li­tät und Spra­che mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren las­sen (oder auch nicht), zumin­dest in Bezie­hung set­zen, sie auf­ein­an­der tref­fen las­sen. Schade nur, dass der Band von Dom­brow­ski so kurz ist …

Archi­vare
Schiffe zu fal­ten den Eis­bä­ren
dort unten
wo ihnen die Schol­len
weg­bre­chen
haben
wir jetzt nicht
das Papier

So fil­men wir
wei­ter ihr
pola­res Trei­ben
vom Hub­schrau­ber aus (30)

Hans Ple­schin­ski: Der Holz­vul­kan. Ein deut­scher Fest­brief. Mit einem Nach­wort von Gus­tav Seibt. Mün­chen: Beck 2014 (tex­t­ura). 96 Seiten.

pleschinski, holzvulkanEine kuriose Erzäh­lung eines kurio­sen Gesche­hens der an Kurio­si­tä­ten nicht gerade armen deut­schen Geschichte: Der Erzäh­ler triff auf die Geschichte, die sich in Form eines Art Füh­rers und Erzäh­lers sowie der traum­haf­ten Ver­ge­gen­ständ­li­chung der his­to­ri­schen Bau­ten und Ansich­ten dar­stellt und zeigt. Es geht um einen etwas aus­ge­flipp­ten deut­schen Her­zog des 17. Jahr­hun­dert, den Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, der nicht nur (extrem aus­ufernde) Romane schrieb, son­dern auch als Feste-Arrangeur und Mäzen sein klei­nes HZer­zog­tüm­chen zu einem euro­päi­schen Zen­trum der Künste und der reprä­sen­ta­ti­ven Dar­stel­lung machen wollte — und damit so gran­dios und kra­chend schei­tert, dass es Ple­schin­ski wun­der­ba­ren Stoff zum Erzäh­len gibt. Und auf den weni­gen Sei­ten macht er das aus­ge­spro­chen leben­dig und sym­pa­thisch, mit raf­fi­nier­ten erzäh­le­ri­schen Vol­ten, die dem Gegen­stand des Illu­si­ons­thea­ters wun­der­bar ange­mes­sen sind — und zugleich ein Bei­spiel, wie man kunst­voll Geschichte (nach-)erzählen kann. Also: eine schöne, unter­hal­tende und auch beleh­rende Lek­türe für zwi­schen­durch (zumal das Büch­lein bei Beck auch nett gemacht und um einige Kup­fer­sti­chen ergänzt wurde).

Deut­sches Barock ist den Deut­schen am frem­des­ten, weil’s dort nicht mal um Gemüt­lich­keit ging (75)

Patrick Mais­ano: Mez­zo­giorno. Salz­burg u.a.: müry salz­mann 2014. 152 Seiten.

maisano, mezzogiornoEin schö­nes und gelun­ge­nes erzäh­le­ri­sches Expe­ri­ment, die­ses Debüt von Mais­ano: Zwei Erzäh­ler — auch noch beide Archi­tek­ten — strei­ten sich um die Wahr­heit des Erzäh­lens, der Erin­ne­rung und der Deu­tung der Gegen­wart. Zugleich ist das auch ein Streit zweier Lebens­ent­würfe: Der geniale, faule und orga­ni­sierte Archi­tekt gegen den ord­nungs­fi­xier­ten, unter­neh­me­ri­schen, aber ide­en­lo­sen Bau­in­ge­nieur und Pla­ner.
Die Men­schen blei­ben allein, die Fami­lien tau­chen als Idee und Erzäh­lung öfter und wirk­li­cher auf als in der »wah­ren« Rea­li­tät: Patricks tro­cke­nes Berich­ten und Toms unbe­schwer­tes Fabu­lie­ren kon­kur­rie­ren um den Leser — glaub­haft sind natür­lich beide nicht, wie sich zuse­hends her­aus­stellt. Dass bei­den Prot­ago­nis­ten und Erzäh­lern am Ende dann ganz sym­bo­lisch und reell der Boden und das Fun­da­ment unter den Füßen weg­rutscht — das Cha­let, in dem sie sich befin­den, fällt einem Berg­rutsch zum Opfer — ist dann fast schon zu offen­sicht­lich. Aber bis dahin hat man beim Lesen an die­sem rasan­ten Text eine Menge Ver­gnü­gen gehabt.

Lutz Sei­ler: im fel­der­la­tein. Ber­lin: Suhr­kamp 2010. 102 Seiten.

seiler, felderlatein»daheim an den gedich­ten« ist Lutz Sei­ler: Auch wenn er jetzt für sei­nen Roman »Kruso« so sehr gelobt ist: Er ist vor alle­dem ein vor­treff­li­cher und aus­ge­spro­chen klu­ger Lyri­ker. Schon pech & blende hat das gezeigt, im fel­der­la­tein gelingt es erneut: Hier ist eine eigene Stimme und ein eige­ner Denke. Sei­lers Gedichte machen immer wie­der die Zeit selbst zum Thema:

[…] immer

in der schwebe, die
schätze die­ser zeit

- eine Zeit, die sich in der Erin­ne­rung zeigt oder als Gegen­wart der Ver­gan­gen­heit im Augen­blick der Emp­fin­dung und Wahr­neh­mung. Vor allem aber geht es ihm immer wie­der um die Ver­bi­dun­gen und Ver­knüp­fun­gen von Natur, Mensch und eben Zeit. Ein Gedicht wie »im fel­der­la­tein« macht das beson­ders deut­lich. Schon der Titel ver­knüpft alle drei Berei­che: Den Men­schen mit sei­ner Spra­che — aber einer Spra­che, die »aus­ge­stor­ben« ist, die Spra­che der Ver­gan­gen­heit ist, aber in unse­rer Gegen­wart immer noch lebt; und diese Spra­che der Men­schen eben schon im Kom­po­si­tum ver­knüpft mit der Natur der »Fel­der« — die, sobald sie Fel­der sind, ja auch schon mit dem kul­ti­vie­ren­den und abgren­zen­den Men­schen in Ver­bin­dung ste­hen. Dort, also »im fel­der­la­tein«, heißt es:

im ner­ven­bün­del dreier bir­ken:
umrisse der exis­tenz & alte for­men
von geäst wie
schwar­zer mann & stum­mer
strom­ab­neh­mer. all

die fal­schen schei­tel, sau­ber
nach­ge­zo­gen im archiv
der glat­ten über­lie­fe­rung. gern

sagst du, es ist die kälte, wel­che
dinge hart im auge hält, wenn
große flä­chen schlaf wie
win­kel­schlei­fer schlei­fen in
den zwei­gen. so

sagt man auch: es ist ein baum
& wo ein baum so frei steht
muß er sprechen

Und das zeigt sich auch in Vers­grup­pen, die deut­lich machen, dass dem Men­schen (noch) längst nicht Zugriff auf alles eigen ist:

du weißt noch immer
nicht, daß es dich gibt, doch
was geschieht
ist begrif­fen, ins brü­chige dun­kel
ent­leert sich das haus (48)

In sei­nem fla­nie­ren­den Strei­fen durch Land­schaf­ten, Ver­gan­gen­hei­ten und Typen (Rück­kehr ist der ent­schei­dende Begriff heir, nicht die Ankunft!) gelin­gen Sei­ler jeden­falls immer wie­der groß­ar­tige Gedichte, die als kon­zen­trierte, starke Schöp­fun­gen der Spra­che und des Den­kens so etwas wie Bestands­auf­nah­men sind (nicht ohne Grund ist »inven­tur« eines der bes­ten gedichte in die­sem band):

[…] & unter der erde

lie­gen die toten
& hal­ten die enden wur­zeln im mund (49)

Monika Rinck: I am the zoo. Ost­heim: Peter Engst­ler 2014. 52 Seiten.

rinck, zooWie schon bei Helle Ver­wir­rung und Hasen­hass belässt es Rinck auch hier nicht bei der Schrift, beim Text allein, son­dern arbei­tet mit Zeich­nun­gen zuam­men. Genauer gesagt: Sie arbei­tete mti der Zeich­ne­rin Nele Brön­ner zusam­men. Die legte täg­lich eine von 24 Zeich­nun­gen vor, zu der Rinck tex­tete, was wie­derum Brön­ner zur nächs­ten Zeich­nung ver­an­lasste etc: Die gegen­sei­ti­gen Rück­kopp­lun­gen ent­wi­ckeln sich hier Seite für Seite zu einer Fabel — einer fabel­haf­ten, phantastisch-spielerischen Geschichte. »Irri­tierte Ver­hei­ßung« heißt es ein­mal im Text — und das passt recht gut: Gegen­sei­tige Irri­ta­tion beflü­gelt die Phan­ta­sie, die immer neues, ande­res, unge­plan­tes ver­heißt. Und das dann nicht unbe­dingt ein­löst: Die­ses Buch (ich scheue mich, nur vom Text zu spre­chen, die Zeich­nun­gen sind schließ­li­che ele­men­ta­rer Teil des Wer­kes) ist nie lang­wei­lig, weil die Ent­wick­lung zwar zu beob­ach­ten ist, aber nie vor­her­seh­bar wird. Und weil dazu noch die Spra­che Monika Rincks zwi­schen Prosa und Lyrik schwankt, wenn man das so sagen darf, ihre poe­ti­sche Qual­tiät des Klangs und der Nicht-Alltäglichkeit beson­ders betont, ist das ein Werk ganz nach mei­nem Ver­gnü­gen: Ein Buch, das mit dem Unter­ti­tel Geschich­ten vom inne­ren Biest gar nicht so schlecht umschrie­ben ist.

Sibylle Berg: Der Tag, als meine Frau einen Mann fand. Mün­chen: Han­ser 2015. 256 Seiten.

berg, tagIn gewis­ser Weise ist das wie­der ein typi­scher Sibylle-Berg–Roman — und das ist ja schon ein­mal ein guter Start. Der Klap­pen­text des übri­gens sehr schön gemach­ten und in fei­nem Lei­nen gebun­de­nen Buch verheißt:

Chloe und Ras­mus sind seit fast zwan­zig Jah­ren ver­hei­ra­tet, und ja, alles bes­tens, man hat sich ent­wi­ckelt, man ist sich ver­traut. Aber dass die­ses Leben nun ein­fach so wei­ter­ge­hen soll, ist auch nicht aus­zu­hal­ten. […] Sibylle Berg stellt die Frage, die alle Paare irgend­wann ein­mal beschäf­tigt: Ist Sex lebens­not­wen­dig? Oder doch eher die Liebe?

Und das passt schon ganz gut: Berg erzählt (wie­der ein­mal) aus der Hölle der Selbst­fin­dung eines ziem­lich frus­trier­ten Paa­res. Es geht in wech­seln­der Per­spek­tive aus der Sicht der bei­den Prot­ago­nis­ten Ras­mus und Chloe um das Abnut­zen der Gefühle, um das Lei­den am Leben, um die unend­li­che ernüch­ternde und nüch­terne Aus­weg­lo­sig­keit des All­tags. In kur­zen Kapi­tel und kla­rer, knap­per und prä­zi­ser Prosa beschreibt Berg die auf­däm­mernde Kata­stro­phe der Paar­be­zie­hung, das Umschla­gen, die völ­lige Zer­stö­rung und Neu­schaf­fung. Das ist Lite­ra­tur, die kurz­fris­tig unter­hält und nach­hal­tig ver­stö­ren kann, wie Richard Käm­mer­lings ganz rich­tig beob­ach­tet hat. Und genau diese Kom­bi­na­tion aus Unter­hal­tung und Ver­stö­rungs­po­ten­zial, aus Humor und tie­fem, dunk­lem Ernst ist es, was mir an Bergs Büchern immer wie­der zusagt.

Die Auf­re­gung. Hat sich abge­nutzt, wie alle Gefühle, ich hatte jedes schon ein­mal. Es wird kein neues dazu­kom­men. Das ist das Grauen der mitt­le­ren Jahre. Die Lan­ge­weile und die noch allzu nahe Erin­ne­rung an Zei­ten, in denen alles zum ers­ten Mal pas­sierte. (50)

außer­dem gelesen:

  • Helene Hege­mann: Axo­lotl Road­kill. Ber­lin: Ull­stein 2010. 204 Seiten.
  • Ursula Kre­chel: Shang­hai fern von wo. 2. Auf­lage. Mün­chen: btb 2010. 508 Seiten.
  • Ursula Kre­chel: Land­ge­richt. 5. Auf­lage. Salz­burg, Wien: Jung und Jung 2012. 495 Seiten.
  • Rüdi­ger Bitt­ner & Susanne Kaul: Mora­li­sche Erzäh­lun­gen. Göt­tin­gen: Wall­stein 2014 (Kleine Schrif­ten zur lite­ra­ri­schen Ästhe­tik und Her­me­neu­tik, Band 5). 74 Seiten.
  • Frank R. Ankers­mit: Die his­to­ri­sche Erfah­rung. Ber­lin: Matthes & Seitz 2012. 112 Seiten.
  • Mark Row­lands: Der Läu­fer und der Wolf (siehe nebenan im Lauf­blog)