Wis­sen ist nicht dazu bestimmt, uns zu trös­ten: es ent­täuscht, beun­ru­higt, schnei­det, ver­letzt. Michel Fou­cault, Wach­sen und ver­meh­ren

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Aus-Lese #47

buch-kladden (unsplash.com)John-Mark Kuznietsov
Hanno Rau­ter­berg: Wir sind die Stadt! Urba­nes Leben in der Digi­tal­mo­derne. 3. Auf­lage. Ber­lin: Suhr­kamp 2014. 157 Sei­ten. ISBN 9783518126745. 

rauterberg, stadt (cover)Beob­ach­tend und erklä­rend geht es in Wir sind die Stadt! um den neuen Umgang mit der Stadt und ihren Räu­men, um eine Art Re-Urba­ni­sie­rung in der digi­ta­len Moderne. Das ist ein bewuss­tes Lob der Stadt der Viel­falt, der viel­fäl­ti­gen (wech­seln­den, spon­ta­nen, insta­bi­len) Koali­tio­nen, die aber auch über sich selbst, über die Stadt hin­aus rei­chen, denn: „In der Stadt gedeiht, wenn es gut geht, der Sinn für Staat­lich­keit.“ (149). Rau­ter­berg hat, das gibt er auch zu, vor allem die neuen posi­ti­ven Sei­ten der Stadt im Blick – die Mög­lich­kei­ten, die die digi­tale Moderne (also vor allem die Ver­net­zung im Netz und die Kom­mu­ni­ka­tion mit Smart­pho­nes etc.) für eine Art Wie­der­be­le­bung städ­ti­scher Räume eröff­net. Er sieht und beschreibt eher die posi­ti­ven Sei­ten der Ver­än­de­rung der Stadt und des Lebens in der Stadt durch die digi­tale Moderne, ohne den Schat­ten aber ganz aus­zu­blen­den. Sein Begriff der „Stadt­er­quicker“ (56) bringt es viel­leicht am bes­ten auf den Punkt: Er beob­ach­tet eine neue Aneig­nung der Stadt, der urba­nen Räume indi­vi­du­ell im Kol­lek­tiv: „Die Stadt wird zum Raum für ein Ich, das sich ohne Wir nicht den­ken möchte.“ (75) Und genau das geschieht nicht (mehr) vor­wie­gend pla­ne­ri­sch gesteu­ert und auch nicht in ers­ter Linie (wenn über­haupt) in insti­tu­tio­na­li­sier­ten For­men (wie etwa Ver­ei­nen), son­dern wesent­lich flui­der, schnel­ler, spon­ta­ner, aber auch kurz­le­bi­ger. Die Offen­heit des Rau­mes der Stadt und der Stadt ist dafür Vor­aus­set­zung und wird durch diese per­ma­nente Umwid­mung, Aneig­nung, Inan­spruch- und Inbe­sitz­nahme aber auch über­haupt erst kon­sti­tu­iert. Des­halb sieht Rau­ter­berg in den aktu­el­len Ten­den­zen und Mög­lich­kei­ten eine neue, aktive und posi­tive Chance für Urba­ni­tät: „Eine Stadt ist Stadt, wenn sie mit sich sel­ber uneins bleibt.“ (129)

Bei die­ser Art der Raum­er­grei­fung han­delt es sich um weit mehr als eine Mode­er­schei­nung oder das Frei­zeit­ver­gnü­gen eini­ger Jun­g­er­wach­se­ner der Mit­tel­schicht. Es gäbe keine Wie­der­be­le­bung des öffent­li­chen Raums, würde sie nicht von einem brei­ten gesell­schaft­li­chen Wan­del der Ide­al­bil­der und Leit­vor­stel­lun­gen getra­gen. Wie weit die­ser Wan­del reicht, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass auch viele Stadt­pla­ner ihr Ver­hält­nis zum Raum neu bestim­men, auf eine Weise, die aber­mals an man­che der Künst­ler und Archi­tek­ten den­ken lässt. Das Prin­zip der Offen­heit und freien Aneig­nung, unvor­her­seh­bar und unge­hin­dert von äuße­ren Zwän­gen, ist man­cher­orts sogar zum neuen Leit­bild der Pla­nung avan­ciert. (37)
Die Stadt ist nicht län­ger Zone, sie darf wie­der Raum sein, unde­fi­niert. (39)

Saša Sta­nišić: Vor dem Fest. RM Buch und Medien 2014. 316 Sei­ten.

stanisic, vor dem fest (cover)Jetzt habe ich end­lich auch mal ein Buch von Saša Sta­nišić. Vor dem Fest ist ein ganz inter­es­san­ter und schö­ner Roman über Fürs­ten­felde, die Ucker­m­arck, Deutsch­land und auch ein biss­chen über die Welt. In klei­nen, leicht auch zwi­schen­durch und mit jeder­zei­ti­gen Unter­bre­chun­gen kon­su­mier­ba­ren Häpp­chen-Kapi­teln erzählt Sta­nišić ein Dorf und seine Bewoh­ner in der ost­deut­schen Pro­vinz. Äuße­rer Anlass ist die Nacht vor dem gro­ßen Anna-Fest, in der die meis­ten noch eine oder andere Vor­be­rei­tun­gen für den nächs­ten Tag tref­fen. Zugleich weist der Text mit Quel­len­ab­schnit­ten weit in die Dorf­ge­schichte bis zum 16. Jahr­hun­dert zurück – wobei ich mir nicht sicher bin, ob das ernst gemeint ist: Die Spra­che die­ser (Pseudo-)Quellen scheint mir zu oft nicht ganz zeit­ge­mäß, immer ein biss­chen dane­ben, so dass ich das eigent­lich als Fäl­schun­gen aus der Hand der „Archi­va­rin“ lese – dazu passt ja auch das große geheim­nis­volle Getue, das um die Dorf­chro­nik gemacht wird. Und dass es sie nicht geben kann, weil sie eigent­lich dem Dorf­brand von 1742 zum Opfer gefal­len ist. Egal: Das ist alles recht unter­halt­sam und durch­aus erhel­lend in sei­nen vie­len Per­spek­ti­ven, Sti­len und Zeit­ebe­nen. Auch wenn ich manch­mal den Ein­druck hatte, die Idee – mit der Nacht vor dem „Fest“ das Dorf, seine Gemein­schaft, seine Geschichte und auch noch die Welt­zu­sam­men­hänge dar­zu­stel­len – wird etwas über­reizt. Unklar blieb mir zum Bei­spiel die Not­wen­dig­keit, das auch noch auf die Tier­welt aus­zu­deh­nen …

Sehr gut gefal­len hat mir aber der spie­le­ri­sche Umgang des Erzäh­lers mit sei­nem Text: Zum einen pro­du­ziert das Fabu­lie­ren hier selbst Fra­gen an den eige­nen Text, die auch Teil des Tex­tes wer­den und blei­ben. Zum ande­ren ist da die­ses inklu­si­ves „Wir“ des Erzäh­lers als dem Ver­tre­ter der Dorf­be­völ­ke­rung, das also den Erzäh­ler zu einem Teil sei­ner Geschichte macht und zumin­dest behaup­tet, dass hier nicht von einer Außen­po­si­tion erzählt wird (auch wenn es einige wenige Hin­weise auf eine Dif­fe­renz gibt …). Aber, das ist inter­es­sant, die­ses „wir“ gilt nicht nur der der­zei­ti­gen Dorf­ge­mein­schaft, son­dern der aller Zei­ten. Über­haupt ist Vor dem Fest mit sei­ner erzäh­le­ri­schen Lust und Begeis­te­rung ein etwas kapri­ziö­ser Text, der sich selbst nicht über­mä­ßig ernst nimmt, son­dern Spaß am eige­nen Erzäh­len und Erfin­den hat und auch gerne das eigene Erzäh­len ein­fach mit­er­zählt.

Der Fähr­mann hat ein­mal erzählt, es gebe im Dorf jeman­den, der mehr Erin­ne­run­gen von ande­ren Leu­ten besitze als Erin­ne­run­gen, die seine eige­nen sind. Das Dorf hat sofort geglaubt, er meint Ditz­sche. Könn­ten aber andere gemeint gewe­sen sein, mei­nen wir. (233)

Olga Mar­ty­n­ova: Möri­kes Schlüs­sel­bein. Graz, Wien: Dro­schl 2013. 320 Sei­ten. ISBN 9783854208419.

martynova, mörikes schluesselbein (cover)Möri­kes Schlüs­sel­bein ist so etwas sie­ein Wun­der­tü­ten-Text: Der ganze Roman quillt über. Das fängt schon „vor“ dem Roman an, mit der Über­fülle an Para­tex­ten, vor allem den extrem vie­len Motti auf ver­schie­de­nen Ebe­nen des Tex­tes, die oft auch noch nicht allein, son­dern gleich zu meh­re­ren auf­tre­ten. Und es geht im Text wei­ter, mit sei­ner etwas hyper­tro­phen Fülle an Stil­mit­teln und auch an The­men. Ins­ge­samt prä­sen­tierte Möri­kes Schlüs­sel­bein sich mir als ein ziem­lich umher irren­der Roman. Ich hatte immer wie­der den Ein­druck, der Text sucht seine/eine Stimme, da wird aus­pro­biert und ver­wor­fen, dass es eine Freude ist. Viel­leicht liegt es auch daran, dass sich Mar­ty­n­o­vas Erzäh­le­rin sehr von ihren Figu­ren (und davon gibt es eine ganze Menge) und ihrem Eigen­le­ben trei­ben lässt – so war zumin­dest mein Ein­druck.

Auf jeden Fall ist das vir­tuos erzählt – aber was wird eigent­lich erzählt und warum? Die Frage stellt sich schon früh beim Lesen, bis zum Ende habe ich keine rich­tige Ant­wort gefun­den (auch in den Rezen­sio­nen übri­gens nicht …). Das hängt natür­lich damit zusam­men, das Möri­kes Schlüs­sel­bein ein Epi­so­den­netz ohne Zen­trum und ohne Rand ist, des­sen Zusam­men­hänge teil­weise bewusst unklar blei­ben. Da fühlt man sich manch­mal etwas ver­lo­ren im Text – was, um es noch ein­mal zu sagen, nicht heißt, es wäre ein schlech­ter Text: vie­les gefällt (mir), vie­les ist gut, geschickt und sehr über­legt gemacht. Nur sehe ich kein Ziel außer dem Zei­gen der Ziel­lo­sig­keit, dem Vor­füh­ren des Feh­lens von (ver­bind­li­chen) Zie­len und Zusam­men­hän­gen. Viel­leicht habe ich auch schlecht gele­sen, näm­lich mit meh­re­ren (unge­plan­ten) Unter­bre­chun­gen, die mich zu viel ver­lie­ren lie­ßen?

So lese ich Möri­kes Schlüs­sel­bein als ein Spiel mit den Gren­zen von Rea­li­tä­ten und Wahr­schein­lich­kei­ten (die selt­sa­men Zeit­rei­sen- bzw. Zeit­vek­to­ren-Epi­so­den, die so irr­lich­ternd in den Text hin­ein­ge­schich­tet sind, ver­deut­li­chen das viel­leicht am bes­ten). Über­haupt spielt der Roman auf allen Ebe­nen, vom Zei­chen (bzw. sei­ner typo­gra­phi­schen Reprä­sen­ta­tion, etwa mit unter­schied­li­chen Schwarz­sät­ti­gun­gen …) bis zur Makro­form (deren Struk­tur ich über­haupt nicht ver­stan­den habe …). Und die Motti nicht zu ver­ges­sen, die auf ver­schie­de­nen Ebe­nen den Text sehr reich­hal­tig zie­ren. Und irgend­wie, das macht Möri­kes Schlüs­sel­bein doch immer wie­der inter­es­sant, gelingt es Mar­ty­n­ova, damit (fast) das ganze 20. Jahr­hun­dert zu erzäh­len, mit der Geschichte Deutsch­lands, dem Zwei­tem Welt­krieg, USA, UdSSR bzw. Russ­land und dem Kal­ten Krieg etc. pp. Und noch die aben­teu­er­lichs­ten Kurio­si­tä­ten wer­den von Mar­ty­n­ova erzählt, als seien sie das nor­malste auf der Welt: Klar, das zeigt (wie­der mal) den Ver­lust (all­ge­mein­gül­ti­ger) Maß­stäbe: alles gilt (gleich viel) – aber war es das schon? Oder will der Text noch mehr? – Da bin ich rat­los. Rat­los übri­gens auch beim Klap­pen­text – ob der absicht­lich so blöd­sin­nig-nichts­sa­gend ist? Eigent­lich habe ich vom Dro­schl-Ver­lag eine bes­sere Mei­nung. Aber die­sen Text als einen „Roman über Fami­lie und Freund­schaft: lie­be­voll, weib­lich, scharf­sich­tig und humor­voll“ zu cha­rak­te­ri­sie­ren kann ja nicht wirk­lich ernst gemeint sein. Sicher, humor­voll ist der Text, das Lesen macht immer wie­der große Freude. Aber was ist daran bit­te­schön weib­lich?

Wenn man Wol­ken­krat­zer mit Kathe­dra­len ver­gleicht, meint man irr­tüm­li­cher­weise in ers­ter Linie ihre gesell­schaft­li­che Bedeu­tung: Macht und Reich­tum, die über das Leben der gemei­nen Men­schen empor­ra­gen. Aber sie haben eine archi­tek­to­ni­sche Funk­tion: die Men­schen dazu zu brin­gen, den Blick zum Him­mel zu erhe­ben. Dazu nützt irgend­eine schöp­fe­ri­sche Kraft die Macht, den Reich­tum und die wan­dern­den Bau­leute, dachte Marina und hörte die Fet­zen einer (oder meh­re­rer) ost­eu­ro­päi­scher Sprache(n), bedroh­li­che Zart­heit in den gedehn­ten Lau­ten. (165)

Diet­mar Dath: Lei­der bin ich tot. Ber­lin: Suhr­kamp 2016. 463 Sei­ten. ISBN 9783518466544.

dietmar dath, leider bin ich tot (cover)Diet­mar Daths Schaf­fen kann ich in sei­nen Ver­äs­te­lun­gen – ich kenne weder einen ande­ren Autor, der so viel­fäl­tige The­men­fel­der beackert noch bei so vie­len unter­schied­li­chen Ver­la­gen ver­öf­fent­licht – kaum noch nach­voll­zie­hen. Aber wenn ich dann ab und an wie­der etwas aus sei­ner schwer beschäf­tig­ten Feder lese, ist es immer wie­der über­ra­schend und erqui­ckend. Das gilt auch für Lei­der bin ich tot. Der Text hängt irgendwo zwi­schen Sci­ence-Fic­tion, Wis­sen­schafts­thril­ler, poli­ti­schem Roman, Krimi und was weiß ich noch alles. Genauso „wild“ ist auch die erzählte Geschichte, die sich kaum ver­nünf­tig zusam­men­fas­sen lässt (und ohne wesent­li­che Plott­wists zu ver­ra­ten schon gar nicht …, ziem­lich gut macht das Sonja Grebe auf satt.org). Es geht um höhere Intel­li­gen­zen, um Reli­gio­nen und Göt­ter, auch um Ter­ror und Gewalt in allen mög­li­chen For­men. Und ganz wesent­lich auch um Zeit, um die Zeit – es zeigt sich näm­lich, dass man­che Figu­ren in Lei­der bin tot die Zeit aus ihrem Strah­len­da­sein befreien kön­nen und eine Zeit­schleife in Form eines Möbi­us­ban­des schaf­fen. Das bringt nicht nur so einige neue Mög­lich­kei­ten, auch der Mani­pu­la­tion, ins Spiel, son­dern sorgt auch für reich­hal­tige Ver­wir­run­gen und Irr­lich­te­reien.

Außer­dem steckt in Lei­der bin ich tot – und darin ist es ein typi­scher Dath–Roman – ganz viel Gegen­warts­be­schrei­bung und –dia­gnose. Der Autor hat einen schar­fen Blick, er sieht und erkennt unheim­lich viel und kann es in sei­nen Roman – mal ele­gan­ter, mal etwas plum­per – alles hin­ein­pa­cken. Der Ver­lag behaup­tet im Klap­pen­text zwar, das sei eine „Medi­ta­tion“, aber das halte ich für Unsinn. Dafür ist das Buch schon viel zu actionge­la­den. Sicher, es wird viel gedacht und viel über phi­lo­so­phi­sche, theo­lo­gi­sche, erkennt­nis­theo­re­ti­sche Pro­bleme gere­det. Aber das ist nur eine Ebene des viel­fäl­ti­gen Tex­tes. Die Viel­falt ist eh Dath–typi­sch. Genau wie das zunächst ganz rea­lis­ti­sch erschei­nende Erzäh­len, das sich dann nach und nach leicht ver­schiebt, immer ver­schro­be­ner wird und immer etwas ver­rück­ter, grau­sa­mer und berech­nen­der (im tech­ni­schen Sinn). Und Bücher, die ihren Autor selbst so wun­der­bar unernst-selbst­iro­ni­sch auf­tre­ten las­sen, sind sowieso meis­tens ein gro­ßes Ver­gnü­gen. Und das gilt für Lei­der bin ich tot auf jeden Fall.

»Krie­ger. Leute im Krieg. Die nur ver­klei­det sind als Künst­ler oder Intel­lek­tu­elle. Nicht? Wir sind … wir müs­sen immer die Bes­ten sein. Die Schöns­ten, die Unwi­der­steh­lichs­ten. Wir sind Klug­schei­ßer und Zau­be­rer und Träu­mer. Wir sind Recht­ha­ber, weil wir …«
»Ver­letzte sind.« (63)

Urs Jaeggi: Brand­eis. Darm­stadt, Neu­wied: Lucht­erhand 1978. 269 Sei­ten. ISBN 347296463X

Noch ein erstaun­lich span­nen­der und inter­es­san­ter Zufalls­fund. Ich muss geste­hen, dass mir Urs Jaeggi, der als Sozio­loge auch immer wie­der bel­le­tris­ti­sch tätig war, bis dato unbe­kannt war. Das ist schade, denn Brand­eis ist nicht nur ein fas­zi­nie­ren­der Zeit­ro­man, son­dern auch ein aus­ge­spro­chen guter Roman. Brand­eis, die Haupt­fi­gur und Erzäh­ler­stimme, aus deren per­so­na­ler Per­spek­tive alle drei Teile erzählt wer­den, ist sozu­sa­gen das alter ego des Autors: Sozio­lo­gie, der zu Beginn noch in der Schweiz (in Bern) lehrt, dann an die neu­ge­grün­dete, noch zu bau­ende bzw. im Auf­bau begrif­fene Uni­ver­si­tät in Bochum beru­fen wird, einige Zeit als Gast­do­zent in New York weilt und zum Schluss („Ber­lin 1977“) in Ber­lin einen Sozio­lo­gie-Lehr­stuhl inne­hat – die äuße­ren Sta­tio­nen ent­spre­chen Jaeg­gis Kar­riere genau. Das aber nur neben­bei.

Inter­es­sant ist ande­res. Brand­eis ist ein poli­ti­sch akti­ver, empi­ri­sch arbei­ten­der Sozio­loge, der sich aus einer dezi­diert lin­ken (mar­xis­ti­schen) Posi­tion auch und vor allem sehr inten­siv mit sei­nen Stu­die­ren­den und ihrem Blick auf die Welt und Gesell­schaft aus­ein­an­der­setzt. Das ermög­licht zum einen eine span­nende Dar­stel­lung der Kon­flikte am Ende der 1960er Jahre an den Hoch­schu­len (aber auch einen Blick auf die Dif­fe­renz der dor­ti­gen Dis­kus­sio­nen und Situa­tio­nen zu den Gege­ben­hei­ten der Arbei­ter­schaft, etwa bei den Bochu­mer Opel-Wer­ken) über die Ent­wick­lung zum links­ra­di­ka­len Ter­ro­ris­mus und den Viet­nam­krieg bzw. dem Kampf gegen den Krieb bis zu den ame­ri­ka­ni­schen Bewe­gun­gen Anfang der 1970er Jahre wie Black power und Femi­nis­mus. Und es gibt dem Autor einen sehr klu­gen, ana­ly­ti­schen Erzäh­ler, der bei sei­nem Blick auf die Welt auch die eige­nen Posi­tion und deren theo­re­ti­sche Vor­aus­set­zun­gen immer wie­der mitbe- und über­denkt. Äußer­lich pas­siert dann gar nicht so sehr viel, es wird vor allem gere­det und dis­ku­tiert, gestrit­ten und demons­triert, ana­ly­siert und erklärt. 

Der zweite, sehr inter­es­sante Punkt ist die Form von Brand­eis. Die ist näm­lich für die Ent­ste­hungs­zeit – der Roman ist immer­hin schon 1978 erschie­nen – erstaun­lich avan­ciert und auf der Höhe der Zeit. Und es zeigt sich auch, dass sich in den Jahr­zehn­ten seit­her bei den zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­teln für Pro­sa­texte erstaun­lich wenig getan hat. Brand­eis ist genauso frag­men­tiert wie ein ordent­li­cher post­mo­derne Roman der Gegen­wart, er nutzt viele Errun­gen­schaf­ten des moder­nen Romans, auch sein Erzäh­ler spricht in zwei Per­spek­ti­ven und reflek­tiert das auch gerne selbst:

Oh, ja. Ich weiß, Freund, hier geht es kreuz und quer: ich und er. Er Brand­eis und ich Brand­eis. Ich habe es sowieso pro­biert: »Ich« in die Gegen­wart zu set­zen, »Er« in die Ver­gan­gen­heit. Ganz logi­sch. Logi­sch: und doch ging es dann gleich wie­der durch­ein­an­der, obwohl ich weiß: Ord­nung muß sein, wie bei den Fuß­no­ten, was die Deut­schen so gut kön­nen und die Fran­zo­sen nie ler­nen, nicht ler­nen wol­len. Also gut. (97)

Über­haupt ist der ganze Roman erstaun­lich selbst­be­wusst und reflek­tie­rend. Und Jaeggi gelingt es aus­ge­spro­chen gut, die Viel­falt der for­ma­len Gestal­tungs­ele­mente zu nut­zen und recht har­mo­ni­sch mit­ein­an­der zu ver­bin­den (auch wenn sich an eini­gen Stel­len viel­leicht man­che Länge ein­ge­schlich­ten hat). 

Das so ein groß­ar­ti­ger Text nicht zum Kanon deutsch­spra­chi­ger Lite­ra­tur gehört (selbst der Lucht­erhand-Ver­lag, bei dem seine Romane erschie­nen, kennt ihn nicht mehr …), ist eigent­lich erstaun­lich. Aber ande­rer­seits viel­leicht auch sym­pto­ma­ti­sch: Längst näm­lich scheint mir die Lite­ra­tur zuneh­mend ihre eigene Geschichte (und damit auch ihre eige­nen Vor­aus­set­zun­gen und (schon ganz banal hand­werk­li­chen) Errun­gen­schaf­ten) zu ver­ges­sen – es blei­ben letzt­lich ein­fach nur ein paar wenige Texte und Auto­ren dau­er­haft im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis. Statt­des­sen tut man – und das schließt sowohl die Pro­du­zen­tin­nen als auch die Rezi­pi­en­ten (wie etwa die Lite­ra­tur­kri­tik) ein – gerne so, als würde jede Sai­son, spä­tes­tens aber jede Gene­ra­tion die Lite­ra­tur neu erfun­den. Die Lek­türe von Tex­ten wie dem Brand­eis würde da mehr hel­fen als die „Wie­der­ent­de­ckung“ einst popu­lä­rer Romane von von Fal­lada, Keun etc. 

Die Geschichte tut nichts, sagt Brand­eis, sie kämpft keine Kämpfe. Es ist der Men­sch, der wirk­li­che, leben­dige, Men­sch, der alles tut, besitzt oder erkämpft. Es ist nicht die Geschichte, die den Men­schen zum Mit­tel braucht, um ihre Zwecke durch­zu­ar­bei­ten, als ob sie eine aparte Per­son wäre; die Geschichte ist nichts als die Tätig­keit der ihre Zwecke ver­fol­gen­den Men­schen. (21)

außer­dem gele­sen:

Satan

Wenn die Chris­ten glau­ben, daß gott­va­ter sich in Jesus inkar­niert hat, so weiß ich nur, dass der satan im auto zu blech gewor­den ist, basta! Hans Jür­gen von der Wense, docu­men­ta­Wan­de­run­gen, 25

Taglied 25.7.2016

schweizer, piano solo 1 (cover)Matthias |

Aus irgend einem Grund waren mir die ers­ten Auf­nah­men von Irène Schwei­zer bei Intakt bis­her unbe­kannt. Das ist eine große Schande, denn das ist groß­ar­tige Musik. Zum Bei­spiel die bei­den Solo-Alben (mit dem etwas ein­falls­lo­sen Titel „Piano Solo, Vol. 1“ bzw. „… 2“). Da ist auch die wun­der­bare „Bal­lad of the sad Cafe“ zu fin­den:

Arbeitsplatz (6)

orgelMatthias |
Die ganze Orgel. Man sieht sehr schön, wie die Gehäusetüren auch als Liedtafel genutzt werden ...

Der Michel­städ­ter Stadt­teil Stein­bach hat keine „klas­si­sche“ Kir­che, aber ein sehr schö­nes, zweck­mä­ßi­ges Gemein­de­haus mit einem gro­ßen und gut gestal­te­tem Got­tes­dienst­raum. Die Orgel von Förs­ter und Nico­laus, die dort steht, ist lei­der nicht beson­ders span­nend – und hat zwei „Qua­li­tä­ten“, die ich nicht beson­ders gou­tiere: Geteilte Lade und ange­häng­tes Pedal. Da das Pedal nicht mal ein ein­zi­ges eige­nes Regis­ter hat, ist es nicht mehr als eine Spiel­hilfe … Und für die geteilte Lade habe ich eigent­lich nie wirk­lich Ver­wen­dung, das macht nur zusätz­li­che Arbeit beim Regis­trie­ren. Dafür hat das kleine Werk ordent­lich Power, die der Orga­nist auch voll abbe­kommt: Schon der 4-Fuß-Prin­zi­pal ist schön kräf­tig und die Zim­bel setzt dem eine schöne Krone auf.

Angst

einsam (unsplash.com)Pablo Garcia Saldaña

Es klingt viel zyni­scher, als es gemeint: Aber (inzwi­schen) habe ich mehr Angst vor den poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Dis­kus­sio­nen (und natür­lich den ent­spre­chen­den Geset­zes­än­de­run­gen) nach Gewalt­ta­ten als vor der Gewalt selbst.

Sozu­sa­gen aus psy­cho­so­zia­ler Hygiene ver­ordne ich mir inzwi­schen regel­mä­ßig beim Bekannt­wer­den von gewalt­tä­ti­gen Ereig­nis­sen eine gewisse Medi­en­ab­sti­nenz. Sobald klar und abseh­bar ist, dass es mich nicht unmit­tel­bar betrifft – weil ich zum Bei­spiel nicht in Mün­chen bin und auch nie­mand, der mir nahe steht, gerade dort weilt – meide ich den Blick auf Twit­ter, Red­dit, die Nach­rich­ten­sei­ten etc. Denn dort wird es gefühlt immer schlim­mer und ritua­li­sier­ter. Noch wäh­rend sich ein Ereig­nis ent­fal­tet, noch wäh­rend Men­schen ster­ben und die meis­ten ganz und gar keine genauen Infor­ma­tio­nen haben (und ja auch nicht unmit­tel­bar und sofort benö­ti­gen), tau­chen die Leute auf, die es schon immer gewusst haben. Und dann auch die Leute, die schon immer wuss­ten, dass jetzt die Leute, dies es schon immer gewusst haben, auf­tau­chen. Und so wei­ter – das spi­ra­li­siert sich ganz schnell und ganz unan­ge­nehm.

Und natür­lich gibt es immer wie­der die glei­chen Reflexe: Noch mehr Poli­zei, noch mehr Über­wa­chung, noch mehr Geheim­dienst, jetzt neu: noch mehr bewaff­nete Streit­kräfte im Inne­ren (also zwangs­läu­fig, denn dafür sind sie ja da: Noch mehr Tote.). Und die Meta­di­s­kus­sion läuft auch gleich noch mit, ohne wahr­nehm­bare Zeit­ver­zö­ge­rung. Das ganze wirkt auch mich inzwi­schen regel­recht sur­real, weil es von den tat­säch­li­chen Ereig­nis­sen (und vor allem: dem Wis­sen dar­über, das in gro­ßen Tei­len der Dis­kus­sion zwangs­läu­fig ein Nicht­wis­sen ist) so abge­kop­pelt und bei­nahe unbe­rührt erscheint. Da hel­fen dann auch die ritua­li­sier­ten Mit­leids­be­kun­dun­gen nicht mehr. Die wer­den ja auch immer monu­men­ta­ler – jetzt leuch­tet der Eif­fel­turm in den Far­ben der deut­schen Flagge (nach­dem Hol­lande sich am Wochen­ende ja mit sei­nen absei­ti­gen Spe­ku­la­tio­nen nicht gerade mit Ruhm bekle­ckerte …). Aber ist das, was in Mün­chen pas­sierte, wirk­lich unbe­dingt eine natio­nale Tra­gö­die? Wie viele Men­schen müs­sen gewalt­sam ster­ben, damit die Beleuch­tung ein­ge­schal­tet wird? Und wo müs­sen sie ster­ben? Natür­lich ist es trau­rig und aus der Ferne kaum fass­bar, wie viel Leid ein Men­sch so schnell anrich­ten kann. Aber stim­men unsere Mit­leids­maß­stäbe? Sind die acht bis zehn Men­schen, die Tag für Tag durch den moto­ri­sier­ten Ver­kehr in Deutsch­land umge­bracht wer­den, weni­ger Mit­leid wert? Von den Toten in ande­ren Län­dern, ande­ren Krie­gen, ande­ren Kon­ti­nen­ten gar nicht zu reden (natür­lich spielt Nähe immer eine Rolle). Mir geht es nicht darum, die Toten gegen­ein­an­der auf­zu­rech­nen. Mir geht es darum, Ver­nunft zu wal­ten las­sen – Ver­nunft und ratio­nale Abwä­gung bei den Gefah­ren, denen wir aus­ge­setzt sind. Und natür­lich auch bei den Maß­nah­men, die zur Gefah­ren­ab­wehr (wie es so schön tech­no­kra­ti­sch heißt) not­wen­dig oder mög­li­cher­weise zu ergrei­fen sind. 

Irgend­wie gehen Erre­gungs- Mit­leids- und Ver­nunft­maß­stäbe Stück für Stück, Schritt für Schritt, Inter­view für Inter­view immer mehr ver­lo­ren (und das ist bei­leibe nicht nur ein Pro­blem der AfD oder ande­rer rechts(radikaler) Par­teien, son­dern nahezu des gesam­ten poli­ti­schen Sys­tems) und ver­än­dern so unsere Gesell­schaft mehr und nach­hal­ti­ger, als Gewalt und Gewalt­tä­ter – seien sie extre­mis­ti­sche Ter­ro­ris­ten oder psy­chi­sch Kranke – es bis­her ver­mö­gen.

Und es bleibt die Angst, dass diese Gesell­schaft vor lau­ter Hys­te­rie und Sicher­heits­wahn bald nicht mehr meine ist. Und die Rat­lo­sig­keit, was dage­gen zu tun wäre …

Nach­trag: Der kluge Georg Seeß­len hat bei der „Zeit“ einige inter­es­sante Über­le­gun­gen zu Gewalt, Medien und Gesell­schaft auf­ge­schrie­ben. Er schließt mit dem auf­klä­re­ri­schen Appell:

Es ist nötig, was an auf­klä­re­ri­scher Ener­gie noch vor­han­den ist, zu bün­deln, um eine offene, an keine Ver­drän­gungs­ge­bote oder soziale Tak­ti­ken gebun­dene Theo­rie der Sub­jekte des Ter­rors zu ent­wi­ckeln, die nicht anders kann, als auch eine Theo­rie der Gesell­schaft und ihrer Ero­sion und eine Theo­rie der Medien und ihrer Ent­fes­se­lung zu ent­hal­ten. Nie­mand kann eine Kata­stro­phe ver­hin­dern, denn es gibt kein Sys­tem, das immun gegen Angriffe und immun gegen innere Wider­sprü­che sei. Eines der gro­ßen Ver­spre­chen der Demo­kra­tie aller­dings war es, dass es nicht nur ein anpas­sungs­fä­hi­ges, son­dern auch ein ler­nen­des Sys­tem sei, eines, das immer mehr Bewusst­sein von sich und der Welt hat, kur­zum, dass es zugleich Garant von Frei­hei­ten und Instru­ment der Auf­klä­rung sei.

Zum Pro­jekt der Auf­klä­rung zurück zu fin­den ist eine schwere Auf­gabe, umso mehr, als auch sie sich in einer para­do­xen Falle befin­det: Jeder Ter­ror­an­schlag und jeder Amok­lauf ist auch ein Anschlag auf die Mög­lich­keit von Auf­klä­rung. Jeder Ter­ror­an­schlag und jeder Amok­lauf ist auch eine For­de­rung, Auf­klä­rung zu ver­wirk­li­chen. Inso­fern wären wir schon einen Schritt wei­ter, wenn wir nicht län­ger so gebannt der Dra­ma­tur­gie von Hys­te­ri­sie­rung und Ver­ges­sen folg­ten.

Wir kön­nen nicht ver­hin­dern, dass soziale, poli­ti­sche und mensch­li­che Kata­stro­phen gesche­hen. Aber wir kön­nen ver­hin­dern, dass sie zum unauf­ge­klär­ten, unver­stan­de­nen, media­li­sier­ten, ideo­lo­gi­sch mani­pu­lier­ten, poli­ti­sch und öko­no­mi­sch miss­brauch­ten Nor­mal­fall wer­den.

Und auch Mario Six­tus weist auf einen inter­es­san­ten Punkt hin, der even­tu­ell einen Aus­weg aus dem immer­glei­chen Reflex böte: 

Wenn man Taten wie die in Mün­chen ver­hin­dern will, muss man den müh­sa­men Per­spek­tiv­wech­sel nach innen vor­neh­men, in die eigene Gesell­schaft hin­ein­bli­cken, auf die eige­nen Leute, auf die eige­nen Werte.

Digitale Medien

Durch die trans­pa­rente Fas­sade sah sie den Jour­na­lis­ten auf sich zukom­men, durch eine Art sekun­dä­rer Absper­rung oder Klapp­glas­schranke, wie bei einem Saloon in einem futu­ris­ti­schen Wes­tern. So also sah das hier aus: Die Öffent­lich­keit, dachte Anna, ver­än­derte sich zwar schnel­ler als die Tat­sa­chen, für die sich diese Öffent­lich­keit inter­es­sierte. Das geschah aber nicht ein­fach in der Art, erkannte sie jetzt, dass die alten Mächte sofort nach­ga­ben und sich von den neuen stür­men lie­ßen. Solange der tra­di­tio­nelle Jour­na­lis­mus noch in Bau­ten wie die­sem ver­an­stal­tet wurde, wäh­rend die Blogs in schä­bi­gen Woh­nun­gen wie ihrer ent­stan­den, wo zwei Frauen zusam­men nicht mal ein kom­plet­tes Bett besa­ßen, war die ganze scheiß­di­gi­tale Scheiß­re­vo­lu­tion jeden­falls noch nicht voll­endet. Diet­mar Dath, Lei­der bin ich tot, 349

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