„Nächstens mehr.“

Literatur, Musik, Theater – die Welt meiner Kultur. Und das Laufen.

„Poesie existiert nicht nur im Gedicht.“

keine Kommentare

das hier ist so etwas wie mein virtuelles ich oder meine heimat im netz. deswegen sind hier ganz verschiedene sachen versammelt: fundsachen, kuriosa, zitate, mein lifestream, meine textuelle produktion und vieles andere mehr – viel spaß beim stöbern!
ich bediene mich dabei oft, aber nicht immer der (radikalen) kleinschreibung, die ich bevorzuge.

momentan liegt bei mir auf dem lektüretisch:

  • Jack Daniels: Daniels‘ Running Formula. 1998.
  • Bernd Heinrich: Laufen: Geschichte einer Leidenschaft. 2005.
  • Tom Schulz: Kanon vor dem Verschwinden. 2009.
  • Botho Strauß: Die Unbeholfenen: Bewußtseinsnovelle. 2010.
  • Geschrieben von matthias

    7. September 2009 um 11:46

    Abgelegt in diverses

    Dem Geheimnis des Laufens auf der Spur: Eine Psychologie des Laufens

    keine Kommentare

    Bücher über das Laufen gibt es haufenweise. Fast alle beschränken sich aber auf psychologisches und das ganze drumherumg wie Ausrüstung, Training, Wettkampf. Arbeiten zu einer originären des Laufens, die über die Beschreibung oder Sammlung von schönen Geschichten zum runner’s high hinausgehen, sind dabei eher selten zu finden. Immer wieder taucht aber ein Titel auf: Andreas M. Marlovits Buch „Lauf-. Dem Geheimnis des Laufens auf der Spur“. In Bibliotheken aber trotzdem sehr selten zu finden – dank Booklooker kam ich aber dennoch recht günstig an ein Exemplar, das extra den weiten Weg aus der Schweiz zu mir machte.

    Worum geht es Marlovits? Eben nicht nur um die angebliche (er zweifelt da offenbar, ohne das aber weiter zu verfolgen, weil es nicht sein eigentliches Thema ist) Ausschüttung von körpereigenem Endorphin als „Glückshormon“ beim Laufen, sondern um eine originär psychologische Betrachtung des Laufens als reichlich monotonem Sport mit ausgesprochen gleichmä0igem, lange Zeit gleichbleibenden Bewegungsablauf. Und die psychologischen Folgen des fortgesetzten Dauerlaufes. Denn er geht davon aus: „Wenn das Laufen nicht psychisch wirksam werden würde, dann wäre es längst nicht so populär.“ (16) Für seine Untersuchung dieser Wirksamkeit bedient er sich zunächst der Literaturumschau, vor allem Tiefen-Interviews mit 100 Läufern.

    Weit ausholend fängt er an, beleuchtet – ingesamt aber eher knapp und in der Übersicht – das Laufen in verschiedenen Kulturen, die kultische und kulturelle Bedeutung des Laufens ind er Geschichte und beginnt dazu selbstverständlich in der Antike, d.h. in Griechenland – inkl. Philippides, dem „Marathon“-Läufer – und macht dann einen großen Sprung in die Moderne, um sich vor allem der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in mehreren Dekaden näher zu widmen. Wirklich viel kommt dabei aber nicht herum, denn:

    Die Ergebnisse aus mehr als 40 Jahren Laufforschung machen deutlich, wie fragmentarisch sich die Erkenntnislage zum Laufen und seiner wohltuenden Wirkung bislang darstellt. Weder die immer wieder aufgewärmte These von der Suche nach dem Endorphin-Kick noch Überlegungen, dass dem Läufer eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur zuzuschreiben sei (Introvertiertheit), noch Überlegungen, dass das Laufen antidepressiv oder Stress reduzierend wirkt, ließen sich bis heute eindeutig wissenschaftlich bestätigen. (56)

    Dann geht es näher zum Kern, um das Laufen. Das heißt, zunächst um den Anfang, den Beginn des Laufens, der Aufnahme des Dauerlaufens in den Lebensvollzug des modernen Menschen, der sich deutlich von dem früherer Epochen unterscheidet, weil er anderen Notwendigkeiten unterliegt: „Es geht also um mehr oder weniger wichtige Dinge des persönlichen Lebens. […] Es scheint, als hätte sich das Laufen der heutigen Zeit seiner existentiell-kulturellen Fuktionalität entledigt. Vorherrschend ist die Not des Individuums, die ihn zum Laufen bewegt.“ (30) Und genauer: „Vom Laufen […]erwartet man eine persönlich [sic!] Bereicherung im Sinne einer heilsamen Wirkung, die sich spürbar, am besten psychologisch spürbar, manifestieren sollte.“ (32) Deshalb kommt Marlovits zu dem Schluss: „Die Doppelwirkung von Entspannung und Aktivierung ist dem modernen Menschen Laufmotiv genug.“ (32)

    Die Gründe des Laufens können für ihn dabei immer auf zwei (ganz allgemeine) Motive bzw. deren Wahrnehmung und Problematisierung zurückgeführt werden, auf Stagnation oder Hypermobilität: „Wir behaupten also, dass sämtliche Beweggründe zum Laufen auf dieser Grundspannung verortet werden können.“ (40) Ausgehend von dieser Diagnose, dass das Laufen also als ein Art Gegenmittel für diese zwei defizitären Zustände des modernen Menschen angegangen wird, kann er feststellen:

    Das Laufen erscheint also als eine Art heilendes Lösungsmittel für seelsiche Problemzustände, die zum einen aus Verläufen des persönlichen Lebens, zum anderen aber auch aus jenen der gesamtkulturellen Entwicklung resultieren können. (42)

    Darauf besteht er immer wieder: Dass das Laufen nicht nur ein individuelles Phänomen sei, sondern auch Teil einer Kultur (aber gerade die zweite Seite bleibt im weiteren dann doch sehr blass …). Wesentlich ist auf jeden Fall der Zusammenhang zwischen und Laufen, den Marlovits immer wieder beobachtet: Laufen als so etwas wie eine Bewältigungs- oder Verarbeitungsstrategier für das „“ (was ja nur teilweise logisch ist, denn Laufen ist ja auch wieder Teil des Lebens – aber das soll hier nicht weiter stören): „Die Tendenz, das Laufen in einen engen Zusammenhang zum eigenen Lebens-Lauf zu bringen, ist bereits ein erster Begründungszusammenhang dazu, warum wir davon ausgehen, dass in der uns so selbstverständlichen Bewegung des Laufens eine gehörige Portion steckt.“ (68) Und zwar in diesem Sinne:

    Laufen formt das Seelenleben in einer ganz spezifischen, seiner Wirkung entsprechenden Form um. Diese Umformung geschieht bei allen Menschen in die gleiche Richtung. […] Jeder Lauf ist der Versuch, so wie möglich eine seelische Umformung voranzutreiben, denn je weiter sie vorangeschritten ist, umso intensiver wird die wohltuende Wirkung des Laufens für den Einzelnen spürbar. (71)

    Und dann gehts ans Eigentliche: Welchen Effekt hat ausdauerndes Laufen auf die Psyche des Läufers denn nun genau? Welcher Art ist denn nun diese „Umformung“? (Die umgekehrte Wirkrichtung, nämlich den Einfluss der Psyche auf das Laufen, der eine „Lauf-“ erst komplett machen würde, betrachtet Marlovits leider überhaupt nicht. Dabei hätte gerade das mich besonders interessiert. Genauso fehlt eigentlich vollkommen eine Betrachtung des Laufens als Sport in psychlogische Hinsicht.)

    Worin liegt also Wirkung, die „psychische Modulation des Ausgangszustandes“ (75)?: Da ist zunächst etwa die „nivellierende Kraft“ des Laufens: „Damit ist gemeint, dass sich während des Laufens eine seelische Tendenz breit zu machen beginnt, die sämtliche erlebten Unterschiede und Differenzen vom Läufer zur Welt hin auszugleichen beginnt.“ (82) – „Der Rhythmus […] ist die zentrale Methode, mit der die Differenz und Gegenübergestelltheit von Ich und Welt angegangen wird.“ (97)

    Das wesentliche psychologische (d.h. therapierendes) Moment des Laufens ist für Marlovits aber ein anderes: Seine Ähnlichkeit mit dem (Tag-)Träumen und der dort geschehenden Ver-/Bearbeitung des Unerledigten des Lebens: „Der Herrschaft der Traummechanismen im Lauf ist es auch zu verdanken, dass sich plötzlich unerwartete Löungen für Probleme des Alltags einstellen.“ (107) Oder, wie es etwas später heißt: „das Laufen schafft Bedingungen in der GEsamtorganisation ‚Mensch‘, in der drückende Themen und Probleme einer körperliche-psychischen Bearbeitung überlassen werden.“ (129). Und die Passivität, das Überlassen oder Überantworten der „Probleme“ an das „Es“, ist für in dieser Hinsicht erfolgreiches Laufen die entscheidende Grundbedingung.

    Aus dieser Perspektive ist der „innere Schweinehund“ des Läufers dann kein Energiespartrick oder Faulheitsanfall des geschundenen Körpers mehr, sondern etwas anderes:

    Der Läufer scheut sich, die kultivierte Alltagsverfassung des Verfügen-Könnens zugunsten der traumanalogen Form der Laufverfassung einzutauschen. Was man also zu vermeiden sucht, ist weniger die Mühsal des Laufens selbst, als der de-kultivierende Aufwand der Seelenmodulation durch das Laufen. (110)

    Diese Stelle ist in gewisser Weise typisch für Marlovits: Deutlich wird hier nicht nur seine Methode, sondern vor allem deren Einseitigkeit. Denn, davon bin ich überzeugt, sowohl die rein körperliche als auch die rein psychische Erklärung des inneren Schweinehundes stehen nicht allein, sondern wirken zusammen. Gerade diese Mischung von physiologischen und psychologischen Aspekten des Laufens ignoriert Marlovits aber, ja, er verneint sie sogar.

    Es bleiben mir also nach der Lektüre diese Büchleins einige Fragen. Doch das, was Marlovits ausgearbeitet hat, scheint mir durchaus zutreffend zu sein. Nur vielleicht nicht so solitär und absolut, wie er es hier darstellt. Methodisch ist die „Lauf-“ für mich als -Laien nur halb überzeugend – die Literaturrecherche scheint mir eher oberflächlich, ihre Darlegung ungenau, das Literaturverzeichnis ist fehlerhaft. Vor allem aber frage ich mich, wofür Marlovits 100 Interviews geführt hat – ausgewertet wird für das Buch praktisch nur ein einziges. Die anderen geben ihm nur irgendwie eine Art Hintergrundinformation – da hätte ich mir doch gerne mehr Details und intensivere Beschäftigung bzw. Darlegung der anderen Interviews und ihrer Aussagen gewünscht. Aber immerhin, es ist ein durchaus interessanter Vorstoß in eine Lücke der Laufliteratur.

    Andreas M. Marlovits: Lauf-. Dem Geheimnis des Laufens auf der Spur. Mit 29 Zeichnungen von Rolf Jahn. 3. Auflage. Regensburg: LAS 2006. 192 Seiten. ISBN 978-3-89787-167-0.

    Geschrieben von matthias

    3. September 2010 um 11:56

    Abgelegt in laufen

    Schlagworte: , , ,

    Dietmar Dath dichtet Deutschland dicht

    keine Kommentare

    (sorry, die Alliterationskette musste sein …)
    Das also ist es, das neueste Buch von . Und es hinterlässt mal wieder das typische Dath-Gefühl nach dem Lesen: Begeisterung und freudiges Staunen, aber auch Irritationen, Unverständnis und Ablehnung.

    In vielerlei Hinsicht ist „ macht dicht“ (mit passender Webseite) wirklich ein typisches Dath-Werk. Zum Beispiel wieder mal mit leicht verschlüsselten „realen“ Personen – die „erhabene Zeitung“ ist natürlich die FAZ, deren Redaktion Dath schließlich mal angehörte, Bernd Vollfenster, „Held des direkten begrifflichen Zugriffs“ (58) (diese Namen, ihre gleichermaßen phantastische und doch imemr auch banale Gestalt, sind typisch für Dath überhaupt) erinnert als Feuilleton-Chef natürlich an Frank Schirrmacher und so weiter und so fort.

    Dazu kommen dann noch Hendrik Kilian, Clea Pinguin (deren Mutter ziemlich grandios charakterisiert wird: „Hilde Pinguin war alles andere als die Herrin ihrer eigenen Angelegenheiten. Im Gegensatz zu den ganz großen Verbrechern, die den Planeten zu der Hölle zugerichtet hatten, die er den meisten Menschen war, mußte sie zusehen, daß si von ihrem vielen Glück nicht hinterrücks aufgefressen wurde.“ (32)) und Rosalie Vollfester als behütete Kinder mehr oder weniger reicher Frankfurter Bürger im Beginn und Zentrum der „Mandelbaumiade“.

    Und unterdessen sperrt der Kanzler (der früher mal eine Frau war und kopfüber im Büro hängt) in Anwesenheit des Wirtschaftsministers und des „Geistes“ Schumpeters das Land zu – der Monogenis-Plan:

    „Wenn wir das machen … hchhh …‘, grunzte der Kanzler, ‚dann natürlich nicht für immer. Eher wie beim Krämerladen, wegen Inventur geschlossen … danach können wir dann filrter. Das ist … doch nur .. dieses ungeregelte Rein und Raus […]. Dieses Abschotten und Aufräumen, erst mal den eigenen Laden in Schuß bringen, und dann sortieren, wer später irgendwann wieder rein kann, den ganzen Handel und Wandel, einerseits Einwanderere, andererseits Export … Monogenis-Plan. Internet abschalten. Prima.“ (31)

    Ganz so einfach geht es dann doch nicht, der Moment der Abdichtung/Dichtmachung bzw. Plombierung fordert die Phantasie heraus … und hat Folgen, auch einige unerwünschte bzw. ungeplante Nebeneffekte, z.B. „Involution[en] der Welterschließungsfunktion des gesamtdeutschen Bewußtseins“ (62).

    Hängen bleibt vor allem: Die Wirklichkeit ist aber ein Fluidum hier – es gibt sprechende Kunstwerke, stotternde, nicht-grammatische Sätze bildende Professoren und redegewandt dozierende Stoffhasen mit dem Namen Mandelbaum einträchtig mit- und nebeneinander – dazu noch die seltsam anthopomorphischen Tiere und die „billigen“, unfertig aussehenden Menschen – und fertig ist auch schon wieder ein typischer Dath-Text.

    Dazu tritt dann noch der „älteste Kommunist Deutschlands“, einige verrückte Begebenheiten geschehen, die zunächst völlig zusammenhanglos nebeneinander stehen und erzählt werden, mehr braucht es für einen echten Dath eigentlich gar nicht: „Es fing jetzt an, unterbezahlt zu regnen.“ (43) – solche Sätze gibt es hier haufenweise. Die Handlung dagegen ist reichlich wirr und irgendwie auch gar nicht so wichtig. Interessanter sind die Motive und ihre Verwendungen.

    Etwa das verrotende , auch so eine typische Dath-Idee: Einfach mal die Redensart der „harten“ und „weichen“ Währung – so in der Art eines Eulenspiegels – wörtlich nehmen und die Menschen daran wie an einer ansteckenden Krankheit leiden lassen.

    entweder alles vorbei oder aber gerade erst anfing, der Moment des Dichtmaches ist dann – natürlich – grausam schön, hinterlässt ein „reines“ – alle irgendwie ausländischen Menschen überstehen den Prozess nicht. Und dann, mit dieser Dichtmachung, beginnt natürlich der eigentliche Spaß erst – weil das nicht ganz so glatt läuft, dann treten natürlich wieder Zombies und ähnliches auf, es wird gekämpft mit allen Mitteln, der Käse gegen den Hase, die Tat gegen die Anschauung – und die Menschen mittendrin und dazwischen. Das nicht nur lebendig, sondern zum Akteur geworden und steht als solcher natürlich im Zentrum der Handlung und der ganzen Scharade ….

    Überhaupt tritt Allegorisches zuhauf in Erscheinung. Und dann wird, auch wieder typisch Dath, noch die eine oder andere Meta-Ebene eingezogen – z.B. die Figuren 15 Jahre später an anderem Ort, die sich das gerade gelesene erzählen und darüber – und über die Fiktionalität dessen – reflektieren – was aber dann doch wieder nur ein Effekt der „Übergangstrance“ ist und damit sich selbst sozusagen wieder wiederruft.

    Und mittendrin in diesem Gewusel gibt es aber auch durchaus „schöne“, d.h. eher nette, weil treffende Stellen – z.B. das „Schäubleprinzip“ – „Alles ist verdächtig!“ (170) und ähnliche Momente. Genau an dieser Stelle zeigt sich aber auch: Dath ist wieder mal hyperaktuell – das ist jetzt gerade ganz nett, aber ob das in 15, 20 Jahren auch noch tragfähig ist?

    Typisch Dath ist das alles, aber vor allem die Situation der „“ (nicht unbedingt die einer Apokalypse, aber doch nahe dran). Aber – damit einhergehend – schreibt Dath mehr oder weniger immer von Situationen der Veränderung, eine Lage der Änderungen, der neuen Umstände, des Anderssein (der Gesellschaft, des Lebens, der Menschen etc.) – also der Notwendigkeit der Entscheidungen. Hier in „ macht dicht“ wird das sozusagen noch potenziert, durch die ständig instabil fluktuierende Wirklichkeit und das Hin- und Herreisen in der Zeit. Genau das unterscheidet ihn von vielen anderen Skribenten – und ich glaube, es macht für mich einen Großteil der Faszination (oder der zumindest der Anziehung) aus, die Daths Werke auf mich ausüben: Die Idee, dass etwas anderes, eine andere Verfasstheit der Gesellschaft/Gemeinschaft, der politischen/kulturellen/wirtschaftlichen Gemeinwesen möglich ist, – und das eben auch dann Änderungen, neue Kurse möglich sind, dass – auch einzelne – Menschen das weitere Geschick, die Entwicklung größerer, komplexere Gebilde beeinflussen können. Übrigens auch per Kunst. Und das ist ja nicht nur ein ungemein tröstender, sondern auch ein zwar utopischer, aber positiver Akt der Zu-Mut-ung. Dagegen stehen die „Beschreiber“, Erfasser und Erzähler des status quo – ich sage nur Rainald Goetz –, die zweifellos auch wichtig sind, weil sie oft genug (wie gerade Goetz, aber auch z.B. in eher historischer Perspektive Reinhard Jirgl) nicht nur beschreiben, sondern auch erkennen und/oder durchschauen und/oder diese Erkenntnis dem Leser nicht nur vorlegen, sondern auch selbst ermöglichen – eine Seite, die bei Dath nicht so sehr ausgeprägt ist.

    Genauso wenig übrigens auch die künstlerische Seite, die leider nicht ganz so anziehungskräftig für mich ist: das ist (kunsthandwerklich) alles geschickt gemacht, aber ohne besonders herausragende Qualitäten – formal oder stilistisch zum Beispiel bleibt das im ungefähren – und im Mittelmaß.

    : macht dicht. Eine Mandelbaumiade. Mit Bildern von Piwi. Berlin: Suhrkamp 2010. 201 Seiten. ISBN 978-3-518-42163-5.

    Geschrieben von matthias

    29. August 2010 um 21:30

    Ein unbürgerlicher Bürger? Eine Biographie Schubarts

    keine Kommentare

    kennen viele. Bzw. seine zehnjährige Haft auf dem Hohenasperg. Danach hört es mit dem Wissen aber schon bald auf – je nach Gusto kann man dann vielleicht noch ein paar Takte zu seinen Liedern sagen, seine journalistischen Arbeiten erwähnen oder auf das eine oder andere Gedicht erwähnen. Bernd Jürgen Warneken hat vor einiger Zeit eine dieses Mannes geschrieben, die ich jetzt endlich mal gelesen habe (auf der Liste stand sie schon lange …). „Der unbürgerliche Bürger“ hat er sein bei Eichborn in der „Anderen Bibliothek“ im letzten Jahr erschienenes Buch betitelt.
    Das gibt sich irgendwie schon als , ist dann aber doch als Lebensbeschreibung nur halbherzig umgesetzt. Denn Warneken liefert vor allem so etwas wie eine geistige , das simple „“, seine äußere Gestalt spielt hier kaum eine Rolle, das Wissen darum (und nicht nur darum, aber dazu später mehr) wird eigentlich vorausgesetzt: Eine ohne Bios, sozusagen (aber natürlich gilt das nicht absolut, sondern tendenziell). Wobei ich, wenn ich das so schreibe, auch schon wieder einschränken muss: „Geistige “ trifft es auch kaum. Denn Warneken beschränkt sich recht stark auf die schriftlich-literarischen Zeugnisse Schubarts (und seines Sohnes). Wie Schubart wurde was wer war lässt er z.B. auch weitgehend im Dunkel.

    Wer war also Schubart – oder wer war er für Warneken? Vor allem vieles zugleich. Immer wieder wird seine Multigenialität betont, seine Fähigkeiten, die sich gleichermaßen auf das Gebiet der Musik wie der Literatur, auf den Journalismus wie die Pädagogik, auf das Deklamieren Klopstock’scher Gedichte wie auf das Improvisieren an der Orgel erstreckten. Und Schubart scheint hier als Ekstatiker, der sein gegen die behäbige, saturierte Bürgerlichkeit setzt. Und zwar auf allen Feldern, auf denen er tätig war: Als Literat, Journalist, Rhetor, Lehrer, Prediger, Musiker (Komponist, Pianist, Organist), Deklamator … Überall begeistert sich Warneken mit Schubarts Zeitgenossen an der Schnelligkeit der Ideen, der Einfälle Schubarts – und der (oftmals improvisierten) Ausführung, die öfters auch mal im unfertigen stecken bleibt.

    Die Leidenschaft(en) sind Warneken also so etwas wie der zentrale Begriff zum Verständnis seines Subjektes: „Schubarts Engagement für die ‚Leidenschaften‘ ist ein Plädoyer für einen umfassenden bürgerlichen Aufbruch: für das künstlerische Geniewesen, für wirtschaftlichen Unternehmungsgeist, für politische Reformatoren und Bewegungen; und es ist zugleich Gegenwehr gegen die andere Seite des bürgerlichen Zivilisationsprozesses, die dem Individuum wachsende psychische Selbstzwänge, mehr Gefühlskontrolle, mehr Askese auferlegt.“ (91)

    Oder, in anderem Zusammenhang: „Schubart ist nicht nur ein Kind, er ist ein Musterkind des ‚geselligen Jahrhunderts‘, dabei niemals zufrieden mit distanzwahrender Konversation, sondern heiß bemüht um Konvergenz, die auch die körperliche Zu-Neigung einschloß.“ (81)

    Ein bisschen unklar bleibt dabei aber, ob Schubart nun typische Entwicklungen des Bürgertums im späten achtzehnten Jahrhundert in in sich konzentriert oder aus dieser Form eher hinausfällt: „Theologe, Lehrer, Kirchenmusiker, Adelsunterhalter, Privatsekretär, freier Autor: In Schubarts bis dahin (1773) elfjähriger Berufsbiographie verdichtet sich die ENtwicklungsgeschichte der frühbürgerlichen Intelligenz in .“ (109) – auf der einen Seite. Auf der anderen Seite dann die „Unbürgerlichkeit“ Schubarts: Der Schubart, den Warneken hier beschreibt, ist eigentlich im wahren Sinne nicht nur ein unbürgerlicher Bürger, sondern überhaupt keiner (was etwa seine Einstellungen zu den Leidenschaften angeht, die sich ja nicht nur literarisch, sondern auch handfest im Lebensvollzug äußert …). Die Liebe und ausdauernde Hinwendung zum Wirtshaus und darüber hinaus zum Volk und seiner Masse als mehr oder weniger direkt avisiertem Ziel der „Deutschen Chronik“ (Warneken würdigt Schubarts Bemühungen um eine diesem Ziel angemessene Sprache ausführlich) sind da eigentlich deutliche Zeichen. Aber auch die Tatsache, dass Schubart ein Bürger höchstens im Äußeren ist (etwas nach der Haft als Theaterdirektor in Stuttgart) – und das auch nur geradeso, mit vielen Übertretungen und Dehnungen der Moral/des (bürgerlichen!) Anstands, der Zucht (im Kirchendienst!), des in der Gesellschaft eigentlich Üblichen …

    Dazu passt natürlich recht eigentlich auch seine fürstenkritische Haltung und die entsprechende Agitation. Aber alles in allem bleibt dann bezüglich Schubart vor allem der Eindruck ewiger Ambivalenzen hängen, der Unklarheiten seiner Auffassungen und Ideen: War er z.B. Republikaner, gar Demokrat, oder Monarchist? Gläubiger Christ oder Volksaufklärer? Usw. (und da stellt sich mir öfters die Frage: Muss man wirklich bei der Ambivalenz Schubarts stehenbleiben? Soll heißen: War er sich selbst wirklich unklar, so schwankend? Oder müsste man nur noch genauer hinschauen und die Texte, in erster Linie natürlich die Jahre der „Chronik“, detaillierter analysieren? Mangels Quellenkenntnis mir nicht möglich, aber immerhin denkbar – Warneke zitiert in der Regel nur offensichtliches bzw. schließt – so scheint es mir – recht umstandslos aus scheinbar offensichtilichen Äußerungen in der „Chronik“ auf die Haltung Schubarts. Das müsste man wohl noch präzisieren …)
    Sagen kann Warneken immerhin: „Gewiß ist Schubart kein Sozialreformer. Er denkt – wie das aufgklärte Bürgertum der Zeit allgemein – nicht im entferntesten an eine Aufhebung der ständischen Ordnung, sondern fordert lediglich Respekt, Rücksicht, Milde im Ungang mit den Unterschichten ein. […] Schubartscher Zorn also, der aber nur eine fürsorgliche Herrschaft einfordert.“ – und keine Ablösung der Herrschaft (191)

    Zur allgemeinen und speziellen Vielseitigkeit Schubarts gehört aber auch seine Fähigkeit der adaptiven Eigendarstellung: Gegenüber der Ehefrau verhält er sich anders (und berichtet denselben Vorfall anders) als zum Schwiegervater als zum Freund als zum Vorbild als zum Vorgesetzten.

    Dieses Buch ist also einerseits v.a. eine Berufsbiographie und eine Beschreibung der Mentalität, des diskursiven Feldes, in dem Schubart sich bewegte (also wenig „Lebensbeschreibung“), zum anderen aber genau in diesem Punkt zu wenig, zu zufällige Einbettung und Verknüpfung mit Geistesgeschehen udn politischen Vorgängen/Entwicklungen seiner Zeit. Das alles geschieht durchaus, scheint aber irgendwie mehr oder weniger zufällig, en passant, auf gut Glück zu passieren (das Literaturverzeichnis gibt sich da auch extrem zurückhaltend …). In dieser Hinsicht setzt Warneken dann wieder ein durchasu solides Allgemeinwissen der politischen und kulturellen Geschehnisse der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts voraus, aber andererseits – vielleicht war das aber auch der Verlag … – werden in den langen Quellenzitaten unheimlich viel eher geläufige Wörter per Anmerkung erklärt: Allzuviel Wissen und Recherchefähigkeit wird dann doch wieder nicht erwartet. Und irgendwie erschien mir diese Ambivalenz auch wieder typisch für dieses Buch, das – so mein Eindruck – nicht genau weiß, was es sein will: oder Werkanalyse, umfassende Kulturgeschichte oder spezielle Analyse eines Einzelfalls.

    Dessen ungeachtet liest es sich aber angenehm flüssig. Die fast übervielen, oftmals erfrischend ausführlichen Quellen-Ausschnitte und Zitate aus dem Werk Schubarts und seinen Briefen sowie die reichhaltige Ausstattung mit ausreichend sorgfältig reproduzierten Abbildungen prägen deutlich das durchaus schön gemachte Buch (natürlich, ist ja Teil der Anderen Bibliothek, das ist ja immer noch eine gewisse Restverpflichtung, auch wenn der Standard nicht mehr ganz so hoch ist wie bei den frühen Bänden).

    (Das ist jetzt weder eine ausreichend gerechte Würdigung des Buches von Warneke noch des Lebens von Schubart, sondern nur eine Ansammlung einiger loser Gedanken und Einfälle oder Assoziation, die mir beim Lesen untergekommen sind und sich festgesetzt haben, aber überhaupt keinen weitergehenden Anspruch haben.)

    Literatur von gibt es übrigens auch im Netz, etwa bei Wikisource, bei Zenodot oder beim Projekt Gutenberg.

    Bernd Jürgen Warneken: Schubart. Der unbürgerliche Bürger. Frankfurt am Main: Eichborn 2009 (Die Andere Bibliothek 294). 419 Seiten. ISBN 978-3-8218-4598-2.

    Geschrieben von matthias

    28. August 2010 um 23:23

    Perfektion

    keine Kommentare

    „Makellose Perfektion, bei Menschen, wie bei Pflanzen, heißt, sie sind aus Plastik.“ (Benjamind von Stuckrad-Barre, Auch Deutsche unter den Opfern, 174)

    Geschrieben von matthias

    28. August 2010 um 22:24

    Abgelegt in kleinkram

    Online

    keine Kommentare

    „Ach, wären wir nur immer online. Die echte, alte Welt, sie ist so anstrengend, unattraktiv und voller unbeantworteter Fragen.“ (Benjamin von Stuckrad-Barre, Auch Deutsche unter den Opfern, 116)

    Geschrieben von matthias

    28. August 2010 um 22:03

    Abgelegt in kleinkram

    Jesus Christus

    keine Kommentare

    „Jesus Christus hatte ein Hobby: Er interessierte sich aus Liebe zum Nochniedagewesenen stets für die bestmöglichen Menschen.“ (, macht dicht, 12)

    Geschrieben von matthias

    24. August 2010 um 00:05

    Abgelegt in kleinkram

    Switch to our mobile site