Der Bür­ger wünscht die Kunst üppig und das Leben aske­ti­sch; umge­kehrt wäre es bes­ser. Theo­dor W. Ador­no, Ästhe­ti­sche Theo­rie (Suhr­kamp 1989), 27

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  • Politi­cal Cor­rect­ness: Genug mit dem dum­men Geschwätz! | Zeit → wie­der eine sehr gute & tref­fen­de kolum­ne von Mely Kiyak
    Politi­cal Cor­rect­ness kann man weder über­zie­hen noch über­trei­ben. Es sei denn, man hat genug vom Den­ken und von der Lust, Gleich­heit unter Men­schen zu schaf­fen. Genug davon, Viel­falt als Gleich­wer­tig­keit zu betrach­ten. Wer degra­die­ren­de Begrif­fe für Schwar­ze, Homo­se­xu­el­le oder Mus­li­me im poli­ti­schen Dis­kurs für unver­zicht­bar hält, muss von vorn begin­nen. Nicht die­je­ni­gen, die die­sen Zivi­li­sa­ti­ons­sprung schon hin­ter sich gebracht haben, müs­sen sich den poli­ti­sch Unkor­rek­ten anpas­sen, son­dern umge­kehrt.
  • Politi­cal cor­rect­ness: how the right inven­ted a phan­tom ene­my | Guar­di­an → moi­ra wei­gel vom „guar­di­an“ unter­sucht sehr aus­führ­li­ch und mit viel hin­ter­grund das kon­zept der „poli­ti­schen kor­rekt­heit“ als vor­wurf und ankla­ge

    None of the sto­ries that intro­du­ced the menace of politi­cal cor­rect­ness could pin­point whe­re or when it had begun. Nor were they very pre­cise when they explai­ned the orig­ins of the phra­se its­elf. Jour­na­lists fre­quent­ly men­tio­ned the Soviets – Bern­stein obser­ved that the phra­se “smacks of Sta­li­nist ortho­d­oxy”– but the­re is no exact equi­va­lent in Rus­si­an. (The clo­sest would be “idein­ost”, which trans­la­tes as “ideo­lo­gi­cal cor­rect­ness”. But that word has not­hing to do with dis­ad­van­ta­ged peop­le or mino­ri­ties.) The intel­lec­tual his­to­ri­an LD Bur­nett has found scat­te­red examp­les of doc­tri­nes or peop­le being descri­bed as “politi­cal­ly cor­rect” in Ame­ri­can com­mu­nist publi­ca­ti­ons from the 1930s – usual­ly, she says, in a tone of mocke­ry.

    The phra­se came into more wides­pre­ad use in Ame­ri­can lef­tist cir­cles in the 1960s and 1970s – most likely as an iro­nic bor­ro­wing from Mao, who deli­ver­ed a famous spee­ch in 1957 that was trans­la­ted into Eng­lish with the tit­le “On the Cor­rect Hand­ling of Con­tra­dic­tions Among the Peop­le”.

    But soon enough, the term was reb­ran­ded by the right, who tur­ned its mea­ning insi­de out. All of a sud­den, ins­tead of being a phra­se that lef­tists used to check dog­ma­tic ten­den­ci­es wit­hin their move­ment, “politi­cal cor­rect­ness” beca­me a tal­king point for neo­con­ser­va­ti­ves. They said that PC con­sti­tuted a left­wing politi­cal pro­gram­me that was sei­zing con­trol of Ame­ri­can uni­ver­si­ties and cul­tu­ral insti­tu­ti­ons – and they were deter­mi­ned to stop it. 

  • Der Hass ist nicht neu. Für uns nicht. | Ueber­me­di­en → noch ein­mal mely kiyak, hier ihre rede von der ver­lei­hung des otto-bren­ner-prei­ses, in der sie auf pro­ble­ma­ti­sche ent­wick­lun­gen in gesell­schaft und v.a. den medi­en hin­weist, die immer noch nicht ras­sis­mus ras­sis­mus nen­nen wol­len und anders­ar­tig­keit oder ver­schie­den­heit immer noch nicht ver­ste­hen
  • Es gibt kei­ne digi­ta­len Grund­rech­te |algorithmwatch.org → algo­rith­m­watch ana­ly­siert den vor­schlag für eine eu-char­ta digi­ta­ler grund­rech­te. ich ten­die­re dazu, mit die­ser ana­ly­se (und eini­gen ande­ren kri­tik­punk­ten, u.a. bei tante.cc) über­ein­zu­stim­men …

    Wir brau­chen nicht neue Grund­rech­te, wir brau­chen eine Revi­si­on der vor­han­de­nen Kri­te­ri­en für deren Anwen­dung im digi­ta­len Zeit­al­ter.

Winterliche Romantik mit Katie Melua

katie melua & gori women's choir (gruppenbild)

katie melua, in winter (cover)Katie Meluas „In Win­ter“ ist die akus­ti­sche Ver­si­on einer kusche­li­gen Sze­ne vor dem Kamin, wäh­rend drau­ßen die Käl­te klirrt: Das Feu­er knis­tert, die Gitar­re klim­pert und Melua singt. Aber nicht allein: Für ihr Weih­nacht­s­al­bum hat sie den geor­gi­schen Gori Women’s Choir und Bob Chil­cott als Arran­geur ver­pflich­tet.

Zusam­men bie­ten sie eine Mischung aus eige­nen Songs und tra­di­tio­nel­ler geor­gi­scher, rumä­ni­scher und ukrai­ni­scher Weih­nachts­mu­sik, und ein Teil von Rach­ma­ni­n­offs Ves­per­ver­to­nung. Vor allem ist „In Win­ter“ aber eine Katie-Melua-CD: Nicht nur die eige­nen Songs, auch der Rest des Pro­gramms klingt unver­kenn­bar nach ihr, ob das nun Joni Mit­chells „River“ oder Adol­phe Adams „Holy Night“ ist. Nur dass die hier mit sehr ver­hal­te­ner Instru­men­tie­rung aus­kom­men und dafür den Gori Women’s Chor qua­si als Instru­ment mit­be­nut­zen. Der kann näm­li­ch, von Bob Chil­cott ver­siert arran­giert, wun­der­bar im Hin­ter­grund far­bi­ge, sanft schim­mern­de Klang­flä­chen auf­bau­en, vor der sich Meluas Stim­me frei ent­fal­tet. Beson­ders anrüh­rend schön gelingt das im rumä­ni­schen Wie­gen­lied „Lega­ne­lul Lui Lisus“: Der ein­fa­che Chor­satz unter­stützt die schlich­te, gra­ziö­se Melo­die sehr ein­fühl­sam. Auch im geor­gi­schen „If you are so beau­ti­ful“ spie­len Meluas voll­tö­nen­des Solo und der dun­kel, rauh und ursprüng­li­ch-inten­siv klin­gen­de Gori Women’s Choir in der Abwechs­lung über­zeu­gend zusammn. „In Win­ter“ genießt man wohl dann am bes­ten, wenn man sich die­ser tota­len Rüh­rung ein­fach hin­gibt und sich zu einer musi­ka­li­schen Win­ter­fei­er über­re­den lässt, die Weih­nach­ten (fast) ohne sowie­so nur stö­ren­den reli­giö­sen Bezü­ge fei­ert. Und das dafür mit aller Empha­se und ein biss­chen Kit­sch tut.

Katie Melua: In Win­ter. Fea­turing Gori Women’s Choir. BMG 2016. Spiel­zeit: 35:27.

(Zuer­st in einer etwas kür­ze­ren Ver­si­on erschie­nen in »Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin« No. 33, Dezem­ber 2016.)

Zu „Per­fect World“ gibt es hier auch noch ein schön kit­schi­ges Video:

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netz mit fisch (unsplash.com)Vikas Kanwal

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Twitterlieblinge November 2016

vogelschwarm auf leitungenextrabrandt

Ins Netz gegangen (23.11.)

spinnennetz mit taubella67

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  • #Fake­News jetzt auch im Feuil­le­ton? | Wolf­gang Mich­al → wolf­gang mich­al hat – aus­ge­löst von der alar­mis­ti­schen pres­se­mit­tei­lung des bör­sen­ver­ban­des und der unge­prüf­ten über­nah­me in qua­li­täts­me­di­en – mal ein biss­chen gerech­net, was die rück­zah­lung ille­gal erhal­te­ner vg-wort-geld­er für ver­la­ge eigent­li­ch wirk­li­ch bedeu­tet:

    Doch die noto­ri­sch klam­me Situa­ti­on man­cher Kleinst­ver­la­ge wird vom rei­chen Bör­sen­ver­ein ja nur des­halb ins Feld geführt, weil man damit die Her­zen noto­ri­sch klam­mer Auto­ren erwei­chen kann. Da traut sich dann kei­ner mehr zu fra­gen, war­um man aus­ge­rech­net klei­ne Auto­ren, deren Exis­tenz min­des­tens eben­so gefähr­det ist wie die Exis­tenz klei­ner Ver­le­ger, mit kul­tu­rel­len Unter­gangs­sze­na­ri­en dazu drän­gen will, auf ihre schma­len Rück­for­de­rungs­be­trä­ge (von weni­gen hun­dert Euro im Schnitt) „frei­wil­lig“ zu ver­zich­ten? War­um sprin­gen nicht die Mil­li­ar­dä­re und Mul­ti­mil­lio­nä­re Ber­tels­mann, Sprin­ger Sci­en­ce oder Wes­ter­mann in die Bre­sche und hel­fen ihrer angeb­li­ch so bedräng­ten Bran­che? Allein mit dem Jah­res­ge­winn von Ber­tels­mann könn­ten sämt­li­che Rück­for­de­run­gen der VG Wort 30 Jah­re lang begli­chen wer­den.

  • Öffent­li­cher Ver­kehr: Es wird eng | NZZ → an den pend­ler-bahn­hö­fen der schweiz wird es eng – weil immer mehr men­schen zugleich unter­wegs sind …
  • Wie sich das poli­ti­sche Thea­ter selbst betrügt – Ein Zwi­schen­ruf | Nacht­kri­tik → micha­el wolf hat ein­wän­de gegen das ach so tol­le, ach so wich­ti­ge, ach so gesell­schaft­li­ch rele­van­te thea­ter:
    In Thea­tern wird „exem­pla­ri­sch durch­ge­spielt, was Demo­kra­tie aus­macht: das Auf­ein­an­der­pral­len extrem unter­schied­li­cher Ansät­ze aus­zu­hal­ten – und dis­kur­siv zu kana­li­sie­ren“? Nein, ein­fach nein. Poli­ti­sches Thea­ter ist nur so weit plu­ra­lis­ti­sch, bis es unan­ge­nehm wer­den könn­te. Es hat kein Inter­es­se dar­an, die Band­brei­te der Hal­tun­gen einer Gesell­schaft vor­kom­men zu las­sen, die – wie eklig! – eben nicht nur aus den Guten besteht
  • Nein, die Tran­sen und die Homos sind nicht schuld an Trump | Bild­blog → guter punkt von johan­nes kram, eigent­li­ch selbst­ver­ständ­li­ch, aber gera­de trotz­dem immer wie­der aus­zu­spre­chen:
    Es geht nicht um Respekt oder Tole­ranz der einen für die ande­ren, um etwas, das Mehr­heit einer Min­der­heit gönnt. Es geht dar­um, dass sich die Gesamt­ge­sell­schaft erst als kom­plett begreift, wenn alle glei­cher­ma­ßen dazu­ge­hö­ren.
  • Poli­to­lo­ge über Trumps Popu­lis­mus: „Er bestimmt, wer das Volk ist“ | taz.de → gutes inter­view mit jan-wer­ner mül­ler über popu­lis­mus, nati­on, volk und den gan­zen krams/quatsch …
  • Men­schen­rech­te: Reden wir über das Grund­ge­setz! | Zeit → bir­te förs­ter ruft dazu auf, das grund­ge­setz ern­st zu neh­men und in die aktu­el­len dis­kus­sio­nen stär­ker ein­zu­be­zie­hen
  • 100 Jah­re rus­si­sche Revo­lu­ti­on: Revo­lu­ti­ons­ju­bi­lä­um ohne Held | NZZ → ulrich m. schmid über die schwie­rig­kei­ten der putin-regie­rung, die revo­lu­ti­ons­fei­ern des nächs­ten jah­res mit dem nächs­ten spin zu ver­se­hen (spoi­ler: len­in fällt aus, der rus­si­sche staat darf in sei­ner grö­ße und gro­ßen geschich­te ganz natio­na­lis­ti­sche wie­der auf­er­ste­hen …)

Reformationsrelevanz

martin-luther-denkmal, dresden

Eine Fra­ge, die ange­sichts der gera­de kul­mi­nie­ren­den Luther- und Refor­ma­ti­ons­fei­er­lich­kei­ten eine beson­de­re Bedeu­tung hat: Wie steht es eigent­li­ch mit der Refor­ma­ti­on und uns? Wie wich­tig ist die heu­te noch? Oder so: 

Wie rele­vant ist die Refor­ma­ti­on noch, um die heu­ti­ge kul­tu­rel­leund poli­ti­sche Situa­ti­on in der EU – und im glo­ba­len Zusam­men­hang – zu ver­ste­hen? War sie mehr als eine regio­nal­ge­schicht­li­che Aus­dif­fe­ren­zie­rung in den nord­al­pi­nen Regio­nen, die eini­ge Jahr­hun­der­te 8zum Teil blu­ti­ge) Rele­vanz hat­te, aber heu­te nicht mehr zu Ver­ständ­nis­pro­ble­men inner­halb der west­li­chen Gesell­schaf­ten führt und für das Ver­ständ­nis der Pro­ble­me des heu­ti­gen Euro­pa weit weni­ger rele­vant ist als etwa das Ost-West-Schis­ma von 1054? Wür­de die Refor­ma­ti­on auch dann noch einen so hohen Kre­dit für die Geschich­te der Säku­la­ri­sie­rung bekom­men, wenn nicht immer schon fest­stün­de, dass mit der Refor­ma­ti­on die Neu­zeit beginnt? Bern­hard Jus­sen, Rich­tig den­ken im fal­schen Rah­men? War­um das „Mit­tel­al­ter“ nicht in den Lehr­plan gehört. In: GWU 67 (2016), 571

Der ins­ge­samt sehr anre­gen­de und inter­es­san­te Bei­trag von Bern­hard Jus­sen beschäf­tigt sich eigent­li­ch mit dem makro­his­to­ri­schen Kon­zept Mit­tel­al­ter, sei­ner seit lan­gem bekann­ten und unbe­strit­ten Unsin­nig­keit und Unhalt­bar­keit und dann mit der Über­le­gung, war­um es sich trotz­dem hält und aber eigent­li­ch gar kei­ne Rol­le mehr spie­len soll­te und dürf­te, son­dern durch geeig­ne­te­re Model­le abge­löst wer­den muss – und zwar unbe­dingt nicht nur in der For­schung, son­dern auch und gera­de in Schul­bü­chern und im Unter­richt.

Die­se The­ma­ti­sie­rung der Refor­ma­ti­on gibt mir außer­dem Gele­gen­heit, auch noch auf den aktu­el­len Blog von Achim Land­wehr hin­zu­wei­sen, der sich in inter­es­san­ten Bei­trä­gen mit dem aktu­el­len Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um vor allem unter dem Gesichts­punkt der Bedeu­tung für unse­re momen­ta­ne Geschichts- und Gedenk­kul­tur aus­ein­an­der­setzt: Mein Jahr mit Luther. Unter­wegs in der deut­schen Geschichts­kul­tur.

Day & Taxi auf der Suche nach dem Weg

day & taxi (gruppenfoto)Beat Streuli

day & taxi, way (cover)Viel­leicht sind „Day & Taxi“ auch nur auf der Suche nach einem Weg. Auf Way gibt es davon jeden­falls vie­le. Chris­to­ph Gal­lio als Chef die­ses Tri­os mit dem selt­sa­men Namen „Day & Taxi“, der auch alle Musik für die­se im Janu­ar im Stu­dio auf­ge­nom­me­ne CD bei­steu­ert, begeg­net mir so halb am Ran­de mei­nes musi­ka­li­schen Wahr­neh­mungs­fel­des immer mal wie­der (die „Sozia­le Musik“ fin­de ich zum Bei­spiel kon­zep­tio­nel­le sehr span­nend). Das Trio gibt es jetzt schon eine gan­ze Wei­le, auch die neue Beset­zung – mit jun­gen Män­nern am Bass und Schlag­zeug – ist schon gut ein­ge­spielt.

So ist Way eine sehr kon­trast­rei­che CD gewor­den, die viel sehr hete­ro­ge­nes Mate­ri­al ver­sam­melt, auch von unter­schied­li­cher Span­nung und Güte in mei­nen Ohren. MM (for Mark Mül­ler) als Bei­spiel ver­sam­melt das meis­te davon gleich in einem: gemä­ßig­tes Power­play, das dann wie­der ins Sto­cken gerät, in eine Lee­re, eine Art musi­ka­li­sches Ein­frie­ren fällt, dar­aus aber wie­der wei­ter­macht und auch poe­ti­sch-ver­son­ne­ne Ein­fäl­le pro­blem­los inte­griert.

Vie­le „Wid­mungs­stü­cke“ gibt es auf Way, die Namen sagen mir fast alle nichts. Nicht immer wird beim Hören klar, wie viel/was davon jetzt kom­po­niert oder impro­vi­siert ist – das ist aber eben auch egal: Kon­tin­gen­zen und Mög­lich­keits­for­men wer­den nicht ohne Grund in den Liner Notes the­ma­ti­siert. Das ist viel­leicht das auf­fäl­ligs­te an Way: Dass es kaum eine wirk­li­che Rich­tung gibt, son­dern das Trio vie­len Ver­äs­te­lun­gen nach­geht, an Weg­ga­be­lun­gen immer neu spon­tan-zufäl­lig ent­schei­det – und dabei Umwe­ge und Irrun­gen, auch Sack­gas­sen in Kauf nimmt, nicht ver­schweigt, son­dern auch dem Hörer offen­bart. Wahr­schein­li­ch fällt mir des­halb das Urteil so schwer: Ich höre die Qua­li­tät des Albums, das ist unstrei­tig rich­tig gute Musik. Aber ich habe das gan­ze jetzt drei- oder vier­mal gehört: Und so rich­tig mit­rei­ßen oder begeis­tern kann es mich als Gan­zes nicht. Viel­leicht liegt es am Klang­bild, Gal­lios Saxo­pho­ne klin­gen mir etwas eng-nasal … Es mag aber aber auch an den Unein­deu­tig­kei­ten lie­gen. Was aber wie­der selt­sam ist, weil ich offe­ne Musik eigent­li­ch favo­ri­sie­re. Nur bleibt mir die­se Offen­heit hier etwas ver­schlos­sen. (Naja, die Meta­pher habe ich jetzt genug stra­pa­ziert …). Aber ande­rer­seits: Bei jedem Hören ent­de­cke ich neue span­nen­de, fas­zi­nie­ren­de Momen­te. MM habe ich schon erwähnt, auch Snow Whi­te Black Magic ist ziem­li­ch gelas­sen-groß­ar­tig. Dazwi­schen steht auch viel kur­zes Mate­ri­al, das da ein­fach so her­um­steht, wie ein Gewächs am Weger­and: Das ist, das exis­tiert für sich – aber damit pas­siert nichts. Manch­mal fällt es einem der drei Rei­sen­den auf, dann ent­wi­ckeln sich dar­aus Ide­en, kom­ple­xe­re Abläu­fe. Manch­mal ist es nach ein paar Dut­zend Sekun­den aber auch wie­der aus dem Blick­feld und damit erle­digt. Bis etwas Neu­es auf­taucht, ein­fällt oder pas­siert.

Way hat aber noch eine wirk­li­che Beson­der­heit. Unter den 22 Titeln sind eini­ge Minia­tu­ren. Und dar­un­ter noch drei spe­zi­el­le: Minia­tu­ren näm­li­ch, die Tex­te von Frie­de­ri­ke May­rö­cker auf­neh­men. Das hat mich – als May­rö­cker-Leser – natür­li­ch sehr neu­gie­rig gemacht. Der Bas­sist Sil­van Jeger singt also drei­mal, jeweils vier bis sechs Zei­len älte­rer Gedich­te aus dem umfang­rei­chen Kata­log May­rö­ckers, mit ein biss­chen Geplän­kel des Tri­os dabei. Lei­der sind das wirk­li­ch knap­pes­te Stück­chen – zwi­schen 37 und 47 Sekun­den lang. Und musi­ka­li­sch pas­siert da auch nicht sehr viel. Immer­hin wird hier also mal May­rö­cker gesun­gen – so arg häu­fig pas­siert das ja nicht. Viel mehr höre ich da aber auch nicht. Vor allem kei­ne Ant­wort auf das War­um? (War­um May­rö­cker? War­um die­se Tex­te?).

Day & Taxi: Way. Per­ca­so 2016: per­ca­so 34. Spiel­zeit: 1:09:52.

Erleuchtet auf Sendung: „Illuminate“ von OnAir

OnAir, Illuminate - Collage (Michael Petersohn)Michael Petersohn

OnAir, Illuminate (Cover)

Scha­de: Nach nicht ein­mal einer hal­ben Stun­de ist das Ver­gnü­gen schon wie­der vor­bei. Oder es beginnt von vor­ne. Denn Illu­mi­na­te von OnAir, die drit­te CD der jun­gen Ber­li­ner Grup­pe, möch­te man eigent­li­ch ger­ne sofort noch ein­mal hören.
In den sechs Songs dreht es sich immer wie­der um das Licht, das phy­si­sche Licht der Ster­ne und das meta­pho­ri­sche der Erleuch­tung. Schon der Beginn – eine der bei­den Ori­gi­nal­kom­po­si­tio­nen neben vier Cover­songs – setzt die Erleuch­tung leicht und unbe­schwert in einer ein­gän­gi­gen Hym­ne in Töne. Klar, das ist kei­ne gro­ße Kunst – aber herr­li­ch-per­fek­te Gute-Lau­ne-Musik mit gut durch­dach­tem Arran­ge­ment und gen­au aus­ba­lan­cier­tem Klang. 

Auch der Rest bleibt auf aller­höchs­tem Niveau. Denn so viel wird ganz schnell klar (viel Zeit ist ja auch nicht): die Prä­zi­si­on, mit der OnAir durch die Pop- und A-cap­pel­la-Geschich­te hüp­fen, ist groß­ar­tig. Noch bes­ser ist aber, wie sie die kom­ple­xen und aus­ge­feil­ten Arran­ge­ments sin­gen kön­nen: Das klingt stets locker, oft unbe­schwert und vor allem immer musi­ka­li­sch zwin­gend.

So kann man in „Son­ne“, dem Rammstein-Cover, den schwa­chen Text leicht ver­ges­sen und statt­des­sen lie­ber den fei­nen Arran­ge­ment-Ide­en nach­hö­ren. Wie OnAir die Son­ne zwi­schen dumpf-dröh­nen­dem Bass und Vocal Per­cus­sion im instru­men­tal klin­gen­den Satz und den dar­über schwe­ben­den melo­di­schen Ele­men­ten, vor­wie­gend der bei­den Frau­en, auf­schei­nen lässt – das ist klas­se.

Stair­way to Hea­ven“ beginnt dage­gen sehr oldie­mä­ßig, mit zeit­ge­mä­ßem Rau­schen und leich­ter Ver­zer­rung – wun­der­bar, wie OnAir das in sein Arran­ge­ment ein­baut und in eine groß­ar­ti­ge Stei­ge­rung zu einem ener­ge­ti­sch pul­sie­ren­den Fina­le über­führt. Über­haupt ist auf „Illu­mi­na­te“ sehr bemer­kens­wert, wie sie jeden Song ent­wi­ckeln, ihm ein eige­nes Pro­fil und einen neu­en Klang geben. Da klingt wirk­li­ch jeder Song anders – anders als der vor­an­ge­hen­de, aber auch anders als die Vor­la­ge. Her­bert Grö­ne­mey­ers „Der Weg“ zeigt das mit sei­nem zurück­ge­nom­me­nen, zer­brech­li­chem Arran­ge­ment ganz typi­sch: Hier klin­gen OnAir wohl am klas­sischs­ten, sehr offen und ver­letz­li­ch. Und immer wie­der hört man neue Details, die jede Stro­phe und jeden Refrain anders klin­gen las­sen.

Dem Sex­tett gelingt es über­haupt schein­bar mühe­los, auf knap­pem Raum sechs ganz ver­schie­de­ne Klang­bil­der zu schaf­fen. Das ver­dankt OnAir nicht nur ihren Stimm­keh­len, son­dern auch dem gefühl­vol­len Ein­satz der Ton­tech­nik – auf der sehr abwechs­lungs­reich klin­gen­den CD macht sich wohl auch die Erfah­rung von Bill Hare bemerk­bar. Illu­mi­na­te ist von der ers­ten bis zur letz­ten per­fek­ten Note schim­mern­der und fun­keln­der Vocal-Pop, weil OnAir sowohl den druck­vol­len Breit­wand­sound (wie im abschlie­ßen­den „Illu­mi­na­ted“) als auch den zar­ten Klang der kam­mer­mu­si­ka­li­sch gesetz­ten Bal­la­de voll­endet beherrscht. Nach den 25 Minu­ten kann man nur sagen: Das hat wirk­li­ch etwas von Erleuch­tung.

OnAir: Illu­mi­na­te. Heart of Ber­lin 2016. Spiel­zeit: 24:56.

(Zuer­st erschie­nen in »Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin« No. 32, Novem­ber 2016.)

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  • Are you man enough for bir­th con­trol? | NewSta­tes­man → lau­rie pen­ny stellt in die­sem inter­es­san­ten text die nach­richt über den abbruch der test von hor­mo­nel­ler gebur­ten­kon­trol­le an män­nern in den grö­ße­ren zusam­men­hang:

    The sto­ry of a male con­tra­cep­ti­ve jab hal­ted becau­se men were too dis­t­res­sed by the side effects to stay the cour­se is as disap­poin­ting as it is fami­li­ar. It fits the cul­tu­ral nar­ra­ti­ve whe­r­e­by men can’t pos­si­bly be trusted with tra­di­tio­nal­ly fema­le res­pon­si­bi­li­ties — from washing up to chan­ging nap­pies, if you lea­ve it to the guys, they’ll eit­her fla­ke out, fuck it up or both. We should sim­ply let them off the hook, and let the women get on with it, grit their tee­th though they may. That’s nature’s way, or God’s, depen­ding on who you ask. But that’s not what hap­pe­n­ed here. The real sto­ry is more inte­res­ting. The real sto­ry — of rese­ar­ch hal­ted des­pi­te most of the men invol­ved being enthu­si­a­s­tic, and a great many peop­le all over the world won­de­ring why the hell male hor­mo­nal con­tra­cep­ti­on isn’t a thing yet — is a sto­ry of collec­tive cul­tu­ral resis­tan­ce to sci­en­ti­fic pro­gress. Once again, tech­no­lo­gi­cal advan­ces that could impro­ve people’s lives are on hold becau­se we’re too soci­al­ly back­ward to tell a dif­fe­rent sto­ry about sex, love and gen­der.

  • 7 Rea­sons So Many Guys Don’t Under­stand Sexu­al Con­s­ent | cra­cked → David Wong über die rol­le der durch kino­fil­me ver­mit­tel­ten män­ner­bil­der und dort posi­tiv gezeich­ne­ten über­grif­fi­gen paa­rungs­si­tua­tio­nen für die aktu­el­le dis­kus­si­on um zustim­mung zum sex
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