Wis­sen ist nicht dazu bestimmt, uns zu trös­ten: es ent­täuscht, beun­ru­higt, schnei­det, ver­letzt. Michel Fou­cault, Wach­sen und ver­meh­ren

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Aus-Lese #48

Tho­mas Brus­sig: Was­ser­far­ben. Ber­lin: Auf­bau Digi­tal 2016. 183 Sei­ten. ISBN 978–3-8412–1084-5.

brussig, wasserfarben (cover)Was­ser­far­ben ist der erste Roman von Brus­sig, 1991 unter einem Pseud­onym erschie­nen und jetzt als E-Book ver­öf­fent­licht, des­halb ist er sozu­sa­gen bei mir gelan­det. Es wird erzählt von einem Abitu­ri­ent in Ost-Ber­lin am Über­gangs­punkt zwi­schen noch Schule und bald Leben. Es soll also ganz offen­sicht­lich ein com­ing-of-age-Roman sein. Das ist es aber nicht so recht – weil der „Held“ sich wenig bis gar nicht ent­wi­ckelt und erst am Ende von sei­nem älte­ren Bru­der erklärt bekommt, wie man erwach­sen wird … Der Text ist viel­leicht typi­sch Brus­sig: gewollt rot­zig und trot­zig. Und die­ses bemühte Wol­len merkt man dem Text lei­der immer wie­der an – nicht an allen Stel­len, aber doch häu­fig. Genau wie er bemüht „frech“ sein will ist er auch etwas bemüht wit­zig. Vor allem aber fehlt mir die eigent­li­che Moti­va­tion des Erzäh­lers, warum er so ist, wie er ist. Das wird ein­fach nicht klar.

Was­ser­far­ben ist dabei sowieso von einem eher lah­men Witz und hin­ken­dem Esprit gekenn­zeich­net. Das passt inso­fern, als auch die beschrie­bene DDR-Jugend in den 80ern so halb auf­säs­sig ist: nicht ganz ange­passt, aber auch kein Hang zur Total­ver­wei­ge­rung oder wenigs­tens „ordent­li­cher“ Oppo­si­tion. Das, der Held und seine Freunde und Bekannte, denen er im Lauf der Erzäh­lung begeg­net, zei­gen dafür sehr schön den Druck, den das Sys­tem auf­bauen und aus­üben konnte, vor allem in der Schule, aber auch im Pri­vat­le­ben, wo Arnold, der Prot­ago­nist und Erzäh­ler (der den Leser schön brav siezt und auch sonst so seine extrem ange­pass­ten Momente hat), durch­aus aneckt – vor allem wohl aus einem unspe­zi­fi­schen Frei­heits­drang, weni­ger aus grund­sätz­li­cher Oppo­si­tion. Das Buch hat durch­aus einige nette Momente, die auch mal zum Schmun­zeln anre­gen kön­nen, erschien mir auf die Dauer aber etwas fad – so wie die Jugend und die DDR selbst viel­leicht. Nicht umsonst beschrei­ben die sich als „was­ser­far­ben“ im Sinne von: diese Jugend hat die Farbe von Was­ser, ist also ziem­lich blass, durch­schei­nend, aber auch viel­fäl­tig.

Alke Stach­ler: Dün­ner Ort. Mit foto­gra­fi­schen Illus­tra­tio­nen von Sarah Oswald. Salz­burg: edi­tion mosaik 2016 (edi­tion mosaik 1.2). 64 Sei­ten. ISBN 9783200044548.

Mei­nen Ein­druck die­ses fei­nen Büch­leins, dass es mir nach anfäng­li­cher Dis­tanz doch ziem­lich ange­tan hat, habe ich an einem ande­ren Ort auf­ge­schrie­ben: klick.

John Corbett/span>: A Listener’s Guide to Free Impro­vi­sa­tion. Chi­cago, Lon­don: The Uni­ver­sity of Chi­cago Press 2016. 172 Sei­ten. ISBN 978–0-226–35380-7.

Diese gelun­gene Ein­füh­rung in die frei impro­vi­sierte Musik für inter­es­sierte Hörer und Höre­rin­nen habe ich auch schon in einem Extra-Bei­trag gelobt: klick.

Nora Gom­rin­ger: ach du je. Luzern: Der gesunde Men­schen­ver­sand 2015 (edi­tion spo­ken script/Sprechtexte 16).153 Sei­ten. ISBN 9783038530138. 

gomringer, ach du je (cover)Die­ser Band ver­sam­melt Sprech­t­exte Gom­rin­gers. Die zie­len auf die Stimme und ihre kör­per­li­che Mate­ria­li­tät, sie set­zen sie vor­aus, sie machen sie zu einem Teil des Tex­tes selbst – oder, wie es im Nach­wort heißt: „Die Nie­der­schrift ist für sie ein Behelf, um das lyri­sche schlecht­hin zur Erfül­lung zu brin­gen.“ (144). Das ist gewis­ser­ma­ßen Vor­teil und Pro­blem zugleich. Dass man den Tex­ten ihre Stimme sozu­sa­gen immer anmerkt, ist kon­se­quent. Und sie pas­sen damit natür­lich sehr gut in die „edi­tion spo­ken script“. Ich – und das ist eben eine rein sub­jek­tive Posi­tion – mag das aller­dings oft nicht so gerne, zu sprechende/gesprochene Texte lesen – da fehlt ein­fach wesent­li­che Dimen­sion beim „blo­ßen“ Lesen. Und was übrig bleibt, funk­tio­niert nicht immer, nicht unbe­dingt so rich­tig gut. Das soll aber auch gar keine Rüge sein und kei­nen Man­gel anzei­gen: Sprech­t­exte, die als sol­che kon­zi­piert und geschrie­ben wur­den, sind eben mit bzw. in der Stimme gedacht. Ist ja logi­sch. Wenn die nun im gedruck­ten Text weg­fällt, fehlt eine Dimen­sion des Tex­tes, die sich ima­gi­na­tiv für mich nicht immer reibungs-/nahtlos erset­zen lässt. Ich denke durch­aus, dass min­deste ein Teil der Texte gut sind. Gefal­len hat mir zum Bei­spiel das wie­der­holte Aus­pro­bie­ren und Beden­ken, was Spra­che ver­mag und in wel­cher Form: was sich also (wie) sagen lässt. Ande­res dage­gen schien mir doch recht banal. Und manch­mal auch etwas laut und etwas „in your face“, eine Spur zu auf­dring­lich und über-direkt. Ins­ge­samt hin­ter­lässt der Band damit bei mir einen sehr diver­gen­ten, unein­heit­li­chen Ein­druck.

Modern

Einen Baum pflan­zen
Auf ihm ein Haus bauen
Da rein ein Kind set­zen
Das Kind zwei­spra­chig
Anschreien (116)

Urs Leimgruber/Jacques Demierre/Barre Phil­lips: Lis­ten­ing. Car­net de Route – LDP 2015. Nan­tes: Lenka Lente 2016. 269 Sei­ten. ISBN 9791094601051.

Lis­ten­ing ist das Tour­ta­ge­buch des Impro­vi­sa­ti­ons­trios LDP, also des Saxo­pho­nis­ten Urs Leim­gru­ber, des Pia­nis­ten Jac­ques Demierre und des Bas­sis­ten Barre Phil­lips. Ursprüng­lich haben die drei das als Blog geschrie­ben und auch ver­öf­fent­licht. Drei Musi­ker also, die in drei Spra­chen schrei­ben – was dazu führt, dass ich es nicht ganz gele­sen habe, mein Fran­zö­si­sch ist doch etwas arg ein­ge­ros­tet. Das geht mal ein paar Sätze, so man­ches habe ich dann aber doch über­sprun­gen. Und die ganz unter­schied­li­che Sicht­wei­sen und Stile beim Erzäh­len des Tou­rens haben. Da geht es natür­lich auch um den Tou­rall­tag, das Rei­sen spielt eine große Rolle. Wich­ti­ger aber noch sind die Ver­an­stal­ter, die Orga­ni­sa­tion und vor allem die Orte und Räume, in den sich die Musik des Trios ent­wi­ckeln kann. Und immer wie­der wird die Mühe des Gan­zen deut­lich: Stun­den- bis tage­lang fah­ren, unter­wegs sein für ein bis zwei Stun­den Musik. Und doch ist es das wert, sowohl den Pro­du­zen­ten als auch den Rezi­pi­en­ten der freien Musik. 

The per­for­ming musician’s han­di­cap is that each con­cert is the last one ever. It’s never going to get any bet­ter than it is today. The con­cert is ‚do or die‘ time. This moment is your truth and the groups truth. (65)

Die Räume, Publika und auch die bespiel­ten Instru­mente wer­den immer wie­der beschrie­ben und bewer­ten. Demierre führt zum Bei­spiel genau Buch, wel­che Kla­viere und Flü­gel er bespielt, bis hin zur Seri­en­num­mer der Instru­mente. Und da ist vom Stein­way-Kon­zert­flü­gel der D-Reihe bis zum abge­wrack­ten „upright“ alles dabei … Leim­gru­ber inter­es­siert sich mehr für die Städte und Orga­ni­sa­ti­ons­zu­sam­men­hänge, in denen die Kon­zerte statt­fin­den. Und natür­lich immer wie­der die Musik: Wie sie ent­steht und was dabei her­aus­kommt, wenn man in ver­trau­ter Beset­zung Tag für Tag woan­ders neu und immer wie­der frei impro­vi­siert. Und wie die Reak­tio­nen sind. Da fin­den sich, im Text des Tour­ta­ge­buch ver­teilt, immer wie­der inter­es­sante Refle­xio­nen des Impro­vi­sie­rens und Selbst­po­si­tio­nie­run­gen, die ja bei sol­cher, in gewis­ser Weise mar­gi­na­ler, Musik immer auch Selbst­ver­ge­wis­se­run­gen sind. Nur geübt wird eigent­lich über­haupt nicht (außer Barre Phil­lips, der sich nach mona­te­lan­ger Absti­nenz aus Krank­heits­grün­den wie­der neu mit sei­nem Bass ver­traut machen muss). Und im Trio gibt’s immer­hin kurze Sound­checks, die aber wohl vor allem der Erpro­bung und Anpas­sung an die jewei­lige Raum­akus­tik die­nen. Und nicht zuletzt bie­tet der Band noch viele schöne Fotos von Jac­ques Demierre.

Kon­zen­trier­tes Hören, Ver­ant­wor­tung, mate­ri­elle Vor­aus­set­zun­gen und spon­tane Ein­ga­ben bil­den die Basis der Musik. Wir agie­ren, inten­si­vie­ren, dekon­stru­ie­ren, eli­mi­nie­ren, addie­ren und mul­ti­pli­zie­ren… Wir prak­ti­zie­ren Musik in Echt­zeit, sie ent­steht, indem sie ent­steht. Ges­ten und Spiel­wei­sen ver­mi­schen sich und lösen sich ab. Wir hal­ten nichts fest. Das Aus­ge­las­sene zählt genauso wie das Ein­ge­fügte. Jedes Kon­zert ist auf seine Art ein Ori­gi­nal. Jede Situa­tion ist anders. Der akus­ti­sche Raum, das Publi­kum, die gesamte Stim­mung im Hier und Jetzt. (134f.)

Hubert Fichte: Ich beiße Dich zum Abschied ganz zart. Briefe an Leo­nore Mau. Hrsg. von Peter Braun. Frank­furt am Main: S. Fischer 2016. 256 Sei­ten. ISBN 978–3-10–002515-9.

fichte, briefe (umschlag)Zusam­men­ge­rech­net sind es knapp 60 Sei­ten Briefe, für die man 26 Euro bezahlt. Und viele der Briefe Hubert Fich­tes an seine Lebens­ge­fähr­tin Leo­nore Mau sind (sehr) knappe, kurze Mit­tei­lun­gen, die oft in ers­ter Linie die Bana­li­tä­ten des (Zusammen-)Lebens zum Inhalt haben. 

Ich will: kei­ner­lei fami­liäre Bin­dun­gen. Ich will frei leben – als Sohn Pans – wenn Du willst und ich will schrei­ben. (28)

Die Briefe zeich­nen nicht unbe­dingt ein neues Fichte–Bild – aber als Fan muss man das natür­lich lesen. Auch wenn ich mit schlech­tem Gewis­sen lese, weil es dem Autor­wil­len aus­drück­lich wider­spricht, denn der wollte diese Doku­mente ver­nich­tet haben (was Leo­nore Mau in Bezug auf sei­nen sons­ti­gen schrift­li­chen Nach­lass auch weit­ge­hend befolgte, bei den Brie­fen (zumin­dest die­sen) aber unter­ließ, so dass sie nach ihrem Tod jetzt sozu­sa­gen gegen bei­der wil­len doch öffent­lich wer­den kön­nen und das Pri­vate der bei­den Künst­ler­per­so­nen also der Öffent­lich­keit ein­ver­leibt wer­den kann …) Vor allem bin ich mir nicht sicher, ob sich – wie Her­aus­ge­ber Peter Braun im Nach­wort breit aus­führt – dar­aus wirk­lich ein „Relief“ im Zusam­men­spiel mit den Wer­ken bil­det. Und wie immer bin ich mir ziem­lich unsi­cher, ob das den Wer­ken (es geht ja vor allem um die unfer­tige „Geschichte der Emp­find­lich­keit“) wirk­lich gut tut (bzw. der Lek­türe), wenn man sie mit den Brie­fen – und damit mit ihrem Autor – so eng ver­schränkt. Und ob es in irgend einer Weise not­wen­dig ist, scheint mir auch zwei­fel­haft. Ja, man erkennt die auto­bio­gra­phi­sche Grun­die­rung man­cher Jäcki-Züge und auch der Irma-Figur nach der Lek­türe der Briefe noch ein­mal. Aber ver­lei­tet das Briefe-Lesen dann nicht doch dazu, aus Jäcki Hubert und aus Irm Leo­nore zu machen und damit wie­der am Text der Werke vor­bei zu lesen? Ande­rer­seits: ein wirk­lich neues Bild, eine unent­deckte Les­art der Glos­sen oder der Alten Welt scheint sich dann selbst für Braun doch nicht zu erge­ben.

Ich will Frei­heit, Frei­heit – und dazu bedarfs Wit­zes und Lachens. (42)

Selbst Willi Wink­ler, durch­aus enthu­si­as­ti­scher Fich­te­aner, befin­det in der Süd­deut­schen Zei­tung: „Diese Briefe, ein­mal muss es doch her­aus, sind näm­lich von sen­sa­tio­nel­ler Belang­lo­sig­keit“ und schießt dann noch recht böse gegen die tat­säch­lich manch­mal auf­fal­len­den Bana­li­tä­ten des Kom­men­tars (mein Lieb­lings­kom­men­tar: „Darm­ge­räu­sche: Darm­ge­räu­sche sind ein Aus­druck der Peris­tal­tik von Magen und Darm und inso­fern Anzei­chen für deren nor­male oder gestörte Tätig­keit.“ (167)) und das etwas hoch­tra­bende Nach­wort von Her­aus­ge­ber Braun. Über­haupt macht das Drum­herum, das ja eine ganze Menge Raum ein­nimmt, eher wenig Spaß. Das liegt auch an der eher unschö­nen, lieb­lose Gestal­tung. Und den – wie man es bei Fichte und Fischer ja lei­der gewöhnt ist – vagen, unge­nauen Edi­ti­ons­richt­li­nien. Der Titel müsste eigent­lich auch anders hei­ßen, das Zitat geht näm­lich noch ein Wort wei­ter und heißt dann: „Ich beiße dich zum Abschied ganz zart / wohin.“ So steht es zumin­dest im ent­spre­chen­den Brief, war dem Ver­lag aber wohl zu hei­kel. Und das ist dann doch schade …

Aber für uns ist ja nur das Unvor­sich­tige das rich­tige. (141)

außer­dem gele­sen:

  • T. E. Lawrence: Wüs­ten-Gue­rilla. Über­setzt von Flo­rian Tremba. Her­aus­ge­ge­ben von Rei­ner Nie­hoff. Ber­lin: blau­werke 2015 (= split­ter 05/06). 98 Sei­ten. ISBN 9783945002056.
  • Björn Kuh­ligk: Ich habe den Tag zer­schnit­ten. Riga: hoch­roth 2013. 26 Sei­ten. ISBN 97839934838309.
  • Chris­tian Mei­er­ho­fer: Georg Phil­ipp Hars­dörf­fer. Han­no­ver: Wehr­hahn 2014 (Meteore 15). 134 Sei­ten. ISBN 978–3-86525–418-4.
  • Edit #66
  • Mütze #12 & #13 (mit inter­es­san­ten Gedich­ten von Kurt Aebli und Rai­ner René Muel­ler)

Ins Netz gegangen (18.8.)

net (unsplash.com)Andrés Canchón

Ins Netz gegan­gen am 18.8.:

  • Müs­sen wir Europa ‚anders‘ den­ken? Eine kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Ant­wort | Mein Europa → span­nende ana­lyse der his­to­ri­schen verknüpfung/verbindung von euopra-idee und geschlechts­iden­ti­tät und die kon­se­quen­zen für die gegen­wär­tige europa-idee und –debatte, z.b.:
    Wenn Kul­tur im gegen­wär­ti­gen plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schafts­mo­dell, das in den ein­zel­nen euro­päi­schen Län­dern unter­schied­lich stark oder gering greift, nicht mehr an den Mann als auf­grund einer ver­meint­li­chen Geschlechts­iden­ti­tät Kul­tur­schaf­fen­den gebun­den ist oder gebun­den wer­den kann, ist Europa als Kul­tur im Sin­gu­lar nicht mehr als Pro­dukt des kul­tur­schaf­fen­den männ­li­chen Geschlechts kon­zi­pier­bar, sie ist gene­rell nicht mehr im Sin­gu­lar kon­zi­pier­bar.

    Europa“ nicht im Sinne des essen­tia­lis­ti­schen Sin­gu­lars der Auf­klä­rung zu den­ken, son­dern als Viel­falt des Dif­fe­ren­ten auf der Grund­lage von Kohä­renz und Kohä­sion ist mög­lich und dies auf eine ega­li­täre plu­ra­lis­ti­sche Gesell­schaft zu bezie­hen, ist ebenso mög­lich.
    […] Kon­se­quent wäre es, EU-Europa von der Gesell­schaft und der anti-essen­tia­lis­ti­schen Per­spek­tive her zu den­ken. Dabei kann nicht mehr auf das Funk­tio­nie­ren eines kol­lek­ti­ven per­for­ma­ti­ven Sprech­akts gesetzt wer­den. Das Erzeu­gen inhalt­li­cher Kohä­renz in Bezug auf Europa braucht die Euro­päe­rin­nen und Euro­päer als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ak­tive. Die Frage, wie sich das orga­ni­sie­ren lässt, ist ebenso zen­tral wie sie unbe­ant­wor­tet geblie­ben ist. Von „euro­päi­scher Öffent­lich­keit“ bis „soziale Medien“ gibt es viele Prak­ti­ken, aber diese wei­sen kei­ner­lei Kohä­sion auf. Unbe­ant­wor­tet ist auch die Frage, ob Anti-Essen­tia­lis­mus Dezen­triert­heit erfor­dert oder zur Folge hat? Dies würde der bis­he­ri­gen EU-Euro­pa­idee umfas­send ent­ge­gen­ste­hen.

  • Euro­päi­sche Union: Anlei­tung zum Natio­na­lis­mus | ZEIT ONLINE → ein­fach wun­der­bar sar­kas­ti­sch …

    Erwe­cken Sie den Ein­druck, mit dem Natio­nal­staat könnte man auch den Lebens­stil einer unter­ge­gan­ge­nen Epo­che wie­der auf­le­ben las­sen.

  • Vom Über­set­zen“ – Fest­spiel­rede von Caro­lin Emcke | Ruhr­triii­en­nale → caro­lin emcke ist rat­los ange­sichts des ent­set­zens der gegen­wart und ver­sucht, die auf­klä­rung (als pro­zess) wie­der stark zu machen

    Es braucht Über­set­zun­gen der Begriffe und Werte, die aus­ge­höhlt und ver­stüm­melt wor­den sind, es braucht eine Über­set­zung von Nor­men in Anwen­dun­gen, es müs­sen Begriffe in Erfah­run­gen über­setzt wer­den, damit sie vor­stell­bar wer­den in ihrer Sub­stanz, damit wie­der deut­lich und nach­voll­zieh­bar wird, wor­aus sie bestehen, damit erleb­bar wird, wann und warum der Rechts­staat einen schützt, dass sub­jek­tive Rechte nicht nur pas­siv vor­han­den, son­dern dass sie auch aktiv ein­klag­bar sind, dass eine Demo­kra­tie nicht ein­fach die Dik­ta­tur der Mehr­heit bedeu­tet, wie es sich die AfD oder Ukip oder der Front Natio­nal wün­schen, son­dern eben auch den Schutz der Min­der­heit, es braucht eine Über­set­zung der Gesetze und Para­gra­phen, der Exper­ten­spra­che in demo­kra­ti­sche Wirk­lich­kei­ten, es braucht Erzäh­lun­gen davon, wie die Frei­heit schmeckt, wie die Gleich­heit sich anfühlt, wie die Brü­der­lich­keit klingt.

Ins Netz gegangen (10.8.)

web (unsplash.com)Michael Podger

Ins Netz gegan­gen am 10.8.:

  • Nor­bert Blüm: Natio­na­lis­mus ist Idio­tie | Süddeutsche.de → was sind das nur für zei­ten, dass ich einen text von nor­bert blüm zum lesen emp­feh­len muss …

    Natio­na­lis­mus ver­steht etwas von Macht, Glanz und Glo­ria, weni­ger von Mensch­lich­keit. Macht ist die Trieb­fe­der jed­we­der natio­na­lis­ti­scher Poli­tik. Warum sollte ich dem Natio­nal­staat nach­trau­ern? Er ist ein Zwi­schen­spiel der Geschichte, weder gott­ge­ge­ben noch natur­ge­wach­sen.

  • Kühl­schränke gibt’s bei Kater Muschi → ein net­ter text über leben und ein­kau­fen arno schmidts in darm­stadt (1955–1958)
  • Wahl­kam­pfro­man 2016. „So wird das Leben.“ – Mar­lene Stree­ru­witz → „Bei der Wie­der­ho­lung der Wahl zum öster­rei­chi­schen Bun­des­prä­si­den­ten steht die Ent­schei­dung für oder gegen die Demo­kra­tie an. Mar­lene Stree­ru­witz erzählt in ihrem drit­ten Wahl­kam­pfro­man was diese Ent­schei­dung im wirk­li­chen Leben bedeu­tet.“
  • Jour­na­list: Zeit-Online-Chef­re­dak­teur Jochen Weg­ner: „Wir sind anders“ → ein inter­es­san­tes und teil­weise sehr ent­lar­ven­des inter­view. mat­thias daniel fin­det es z.b. (in einem fach­me­dium! für jour­na­lis­ten) „irre“, dass zeit-online den trai­ner des dfb mit einer nicht­nach­richt (er macht wei­ter) nicht als top­thema hatte …

    und immer wie­der wun­dern mich medi­en­zah­len – so „erreicht“ ze.tt angeb­lich 10 % der bevöl­ke­rung in deutsch­land. das erscheint mir irre viel …

    und eine schöne bull­s­hit-phrase: genaue, per­so­na­li­sierte nut­zer­da­ten sind „ein qua­li­fi­zier­ter Kon­takt zu vie­len Lesern“

  • Lan­guage Stuff – Goo­gle Drive → irre viele (eng­lisch­spra­chige) gram­ma­ti­ken irre vie­ler spra­chen, lei­der (in mei­nen stich­pro­ben) ohne ordent­li­che biblio­gra­phi­sche nach­weise. teil­weise sprach­lehr­bü­cher, teil­weise wis­sen­schaft­li­che
  • Ohne Pflug auf den Acker – Land­wirte pas­sen sich dem Kli­ma­wan­del an | Deu­sch­land­ra­dio Kul­tur → schö­nes fea­ture über den umgang von (vor­wie­gend bio-)landwirten in bran­den­burg mit dem sich ändern­den klima und den damit ein­her­ge­hen­den ver­än­de­run­gen in ihrer arbeit

Wie hört man frei improvisierte Musik? John Corbett verrät es

livemusic (unsplash.com)Clem Onojeghuo

corbett, guide (cover)Der Listener’s Guide von John Cor­bett ist eine tolle Ein­füh­rung ins Hören von freier Impro­vi­sa­tion – und natür­lich auch in die Musik selbst. Das kleine Buch ist in drei große Teile geglie­dert. Einer Ein­lei­tung fol­gen die (sehr kon­kre­ten) Grund­la­gen des Hörens frei impro­vi­sier­ter Musik, denen sich dann die fort­ge­schrit­tene Tech­ni­ken (die oft recht abs­trakt und stär­ker sub­jek­tiv als der Haupt­teil blei­ben) anschlie­ßen.

In den Grund­la­gen ver­sucht Cor­bett – mei­nes Erach­tens ziem­lich schlüs­sig und erfolg­reich, aber ich bin ja nicht (mehr) ganz in der Ziel­gruppe – über ver­schie­dene Aspekte der Musik und des Hörens einen Zugang zur impro­vi­sier­ten Musik zu schaf­fen. Dafür erklärt er die Beson­der­heit von Rhyth­mus und Dauer, geht der Frage nach, wer was macht und wel­che Inter­ak­tio­nen pas­sie­ren sowie wel­che Über­gänge und wel­che Struk­tu­ren sich beim Hören erken­nen las­sen. Für „Fort­ge­schrit­tene“ geht es dann, wie­derum in kon­zen­trier­ten, über­sicht­li­chen Kapi­teln, um das gleich­zei­tige Sehen und Hören, um die Frage „live oder Auf­nahme?“, um die der freien Impro­vi­sa­tion inne­woh­nen­den Geheim­nisse genau wie um ihre Ambi­gui­tä­ten und Unab­ge­schlos­sen­hei­ten sowie in einem Abste­cher auch um die „poly-free-music“ – also Musik, die nur noch teil­weise frei impro­vi­siert ist, die zumin­dest zeit­weise auf genaue­ren Abspra­chen oder Kom­po­si­tion beruht. Außer­dem gibt es noch knappe Über­le­gun­gen zum Schlaf und ande­ren Ablen­kun­gen wäh­rend dem Musik hören (Cor­bett ist dem nicht abge­neigt, weil das peri­phere Hören neue Ent­de­ckun­gen ermög­licht …), zur Rolle des Publi­kums bei der Ent­ste­hung freier Musik und auch zur mora­li­schen Über­le­gen­heit die­ser Musik – die Cor­bett klar ver­neint.

Das alles ist sehr direkt und prä­gnant geschrie­ben. Man merkt durch­gän­gig, wie sehr der Autor vom Gegen­stand und der Ver­mitt­lung der Freude an die­ser Musik begeis­tert ist. Und mir gefielt der tro­ckene Witz und die inter­es­san­ten Meta­phern, die Cor­bett fin­det:

Impro­vi­sed music is like a bal­loon, it needs some ten­sion to keep it taut; lose the ten­sion, and the music farts around and falls limp on the floor. (65)
Lis­ten­ing to moment-form impro­vi­sing is like sur­fing. (76f.)

Dabei ist das nicht musi­ko­lo­gi­sch-aka­de­mi­sch, auch wenn sich erkenn­bar eine ziem­lich genaue Kennt­nis und große Ver­traut­heit mit der frei impro­vi­sier­ten Musik hin­ter dem Text ver­birgt. Schon die Defi­ni­tion, was denn „Free Impro­vi­sa­tion“ über­haupt sei, ist sehr prag­ma­ti­sch und durch­aus typi­sch für Cor­bett: „Impro­vi­sed music is music made using impro­vi­sa­tion. Sim­ple enough.“ (XII) Genau, was muss man mehr sagen? Zur Abgren­zung von ande­ren impro­vi­sier­ten Musi­ken fügt er noch hinzu, dass hier eben wirk­lich alle Fixie­rung fehlt, alle Abspra­che (die über äußerst Basa­les hin­aus geht) unter­bleibt und nur die Frei­heit des Moments bleibt.

Ver­packt ist das alles nicht als eine Erkun­dung der Musik selbst, son­dern als eine Art Anlei­tung zum genuss­vol­len Hören. Des­halb gibt es immer viele Hin­weise und Tipps zum mög­lichst ergie­bi­gen (nicht rich­ti­gen!) Hören (oder bes­ser: zum Genie­ßen der Frei­heit in die­ser Musik). Denn es geht ihm nicht um rich­tig oder fal­sch, um die wahre Musik und ihr ein­zig wah­res Ver­ständ­nis, son­dern darum, Zugänge zu schaf­fen – und damit Begeis­te­rung zu wecken: Begeis­te­rung für die „Fremd­heit“ die­ser Musik, also für eine Befrei­ung (von Beschrän­kun­gen), für das Schaf­fen von unge­ahn­ten, groß­ar­ti­gen, unzäh­li­gen Mög­lich­kei­ten. Viele der Mög­lich­kei­ten der Impro­vi­sier­ten Musik ste­cken für Cor­bett in der Inter­ak­tion. Sie ist für ihn ganz klar der Kern, das eigent­li­che fea­ture der freien Impro­vi­sa­tion. Und ent­spre­chen stark auf die­sen Pro­zess bezo­gen sind auch seine Hör­tipps. Und des­we­gen ist er auch eher skep­ti­sch gegen­über Soli (und gro­ßen Ensem­bles): „Impro­vi­sa­tion is social music.“ (56)

Im Gan­zen lernt man beim Lesen fast so viel wie beim Hören, Cor­bett gibt viele gute, fast groß­ar­tige Rat­schläge, die den inter­es­sier­ten Leser oder die Lese­rin mit einem Werk­zeug­satz, einer Art Besteck zum Hören, Beschrei­ben und Ana­ly­sie­ren der impro­vi­sier­ten Musik aus­stat­ten und das Hören somit inter­es­san­ter und ertrag­rei­cher machen.. Schön ist, dass er dabei – trotz des grund­le­gend ana­ly­ti­schen Zugangs – in sei­nem empha­ti­schen Wer­ben für die Musik auch Platz für deren Geheim­nisse. Und her­vor­zu­he­ben ist auch, dass er immer wie­der ein­räumt und klar macht, dass Freie Impro­vi­sa­tio­nen nicht die bes­sere, beste oder ein­zig wahre Musik sind. Und dass sie auch nicht im ethi­schen Sinn bes­ser sind oder bes­ser machen. Mir scheint aber, dass er dabei aus­lässt, dass das Hören (bzw. das Gou­tie­ren) die­ser Musik durch­aus soziale/ethische Qua­li­tä­ten för­dert, die man (wenn man möchte – und ich tue das) durch­aus bewer­ten und hoch­schät­zen kann. Ins­be­son­dere das „Aus­hal­ten“ (das ja mehr ein Wert­schät­zen als ein Tole­rie­ren ist) von Frei­heit, d.h. von Unge­wiss­heit, das posi­tive, erwar­tungs­volle Erfah­ren von Neuem, Unbe­kann­tem ist schon, so meine ich, eine wert­volle Sache. Des­halb müs­sen free-impro­vi­sa­ti­ons-Anhän­ge­rin­nen natür­lich nicht zwangs­läu­fig bes­sere Men­schen sein – aber sie ten­die­ren dazu, unter ande­rem offen für eine Gesell­schaft zu sein, die sich (auch) ver­än­dert – zumin­dest ist das meine Erfah­rung.

Ergänzt wird Cor­betts Text übri­gens noch um ein paar Lis­ten – näm­lich drei sehr kurze und damit sehr angreif­bar kon­zen­trierte Auf­lis­tun­gen den grundlegenden/wichigen Auf­nah­men der freien Impro­vi­sa­tion sowie einer zwei­ten Liste der „poly-free-music“ und schließ­lich dem Hin­weis auf einige Bücher zum Thema. Und im Anhang fin­det sich noch eine deut­lich aus­führ­li­chere Liste wichtiger/bekannter Musi­ker und Musi­ke­rin­nen der Impro­vi­sa­ti­ons-Szene, die alle zusam­men zugleich den Rest des Buches in einer ange­neh­men Weise vom name­drop­ping ent­las­ten. So macht näm­lich nicht nur das Hören, son­dern auch das Lesen Spaß. Vor allem, wenn man dazu die pas­sende Musik hört – bei mir waren es Wadada Leo Smiths CDs „Kabell Years: 1971–1979“.

Our duty, as lis­ten­ers, is to be rest­lessly curious, to root around this big globe and dig up new things to fill our ears and minds. It’s more a mat­ter of being inqui­si­tive than of being eclec­tic. (162)

John Cor­bett: A Listener’s Guide to Free Impro­vi­sa­tion. Chi­cago, Lon­don: The Uni­ver­sity of Chi­cago Press 2016. 172 Sei­ten. ISBN 978–0-226–35380-7.

Dünner Ort, kleine Texte

stachler, dünner ort, front und rücken

stachler, dünner ort (cover)Der Dünne Ort von Alke Stach­ler ist ein schö­nes klei­nes Büch­lein. Die Buch­ge­stal­tung (von Sarah Oswald) hat dabei einen sehr inter­es­san­ten Effekt, der eng mit den Inhal­ten zusam­men­hängt. Da ist zum einen die Offen­heit des Buches, das ohne Rücken sein Inne­res – die Faden­hef­tung und Kle­bung – sozu­sa­gen den Bli­cken preis­gibt. Und es schwebt zwi­schen Heft­chen und Buch: Einer­seits das kleine Taschen­for­mat, der offene Rücken, ande­rer­seits der feste, dop­pelte Natron­kar­ton des Umschlags und das ordent­li­che, griff­feste Papier der Sei­ten.

Auch die Texte könnte man Text­lein nen­nen, klänge das nicht so ver­nied­li­chend – beson­ders nied­lich sind sie näm­lich nicht. „Texte“ schreibe ich mit Bedacht – denn was ist das eigent­lich? Sie „schwe­ben“ zwi­schen dem, was man übli­cher­weise Gedicht nennt bzw. als Gedicht erwar­tet und Prosa. Auf der einen Seite: die kon­trol­lierte und gestal­tete Ober­flä­che, das strenge Gefüge des Block­sat­zes, der durch gezielte Löcher aufgebohrt/aufgelockert wird. Dane­ben aber wie­derum die Spra­che, die (meist) wie „nor­male“ Prosa daher­kommt. Also darf man sie wohl als Pro­sa­ge­dichte ein­ord­nen (auch wenn ich von sol­chen oxy­mo­ro­ni­schen Klas­si­fi­zie­run­gen wenig halte …). Viel­leicht sind das aber auch ein­fach kurze Ttexte zwi­schen Minia­tur und Gedicht.

Das sind sozu­sa­gen die Cha­rak­te­ris­tika von Dün­ner Ort, die sich sofort offen­ba­ren. Und sie sind weg­wei­send. Denn auch in den Tex­ten von Stach­ler geht es immer wie­der um ein Zwi­schen, um ein weder-noch, um etwas ahn­ba­res, aber kaum begreif­ba­res, um Wis­sen, das sich nur schwer oder kaum ver­sprach­li­chen (im Sinne von: auf den Begriff brin­gen) lässt. So über­rascht es auch nicht, dass (nach dem etwas über­flüs­si­gem Vor­ge­plän­kel des Her­aus­ge­ber-Vor­wor­tes) die Seele schon gleich am Anfang steht, mit einem star­ken ers­ten Satz:

die mensch­li­che seele wiegt 21 gramm: kannst du sie grei­fen, mit einem spa­ten im kör­per tas­ten, wo sie klim­pert, schau­kelt und gegen die haut flat­tert wie ein pani­scher fal­ter, als wäre dei­nen haut von innen licht.

oder eigentlich/besser so, aller­dings im Block­satz:

die mensch­li­che seele wiegt 21 gramm:
kannst du sie grei­fen, mit einem spa­ten im
kör­per tas­ten, wo sie klim­pert, schau­kelt und
gegen die haut flat­tert wie ein pani­scher fal–
ter, als wäre dei­nen haut von innen licht.

Oder noch bes­ser, weil der reine Text das, was den Dün­nen Ort als Werk aus­macht, kaum wie­der­ge­ben kann:

stachler, dünner ort, 9 (doppelseite)

Wesent­li­che, wie­der­keh­rende The­men­fel­der sind Wald, Ein­sam­keit, Tod bzw. Ster­ben und das Suchen, die Bewe­gung des suchen­den Ichs. Und natür­lich der Schat­ten (und auch noch so manch andere Unei­gent­lich­keit).

nachts fällt ein schwar­zes kna­cken aus dem / schrank, das uns an etwas erin­nert. an wald viel- / leicht, holz, farn, harz. an gerü­che, getier, an wün- / sche: im wald möch­ten wir uns ver­lie­ren, im wun­den schat­ten lie­gen, selbst wund sein, selbst harz. / […] (21)

Dün­ner Ort lässt sich aller­dings nur sehr unzu­rei­chend in die­ser Art zusam­men­fas­send beschrei­ben und auch kaum, ich habe es ja schon erwähnt, ein­fach so zitie­ren, weil „Inhalt“ und „Form“ (und das heißt auch: Zusam­men­hang im Buch, zumin­dest auf der Dop­pel­seite) der Texte so eng mit­ein­an­der ver­wo­ben sind, so sehr inein­an­der über­ge­hen, dass man ihn sehr stark beraubt, wenn man einen Text­aus­schnitt auf die reine Wort­folge redu­ziert. Das Kon­zept des „dün­nen Ortes“ ist ja auch gerade eines, das der Benen­nung ver­wehrt bleibt. Man könnte das, was Stach­ler in Dün­ner Ort macht, viel­leicht eine „dichte Beschrei­bung“ der eige­nen Art nen­nen. Die „all­ge­mei­nen“ (auch als all­ge­mein­gül­tig behaup­te­ten, vgl. den Anfangs­text zur Seele) Beob­ach­tun­gen wer­den dabei fast immer wie­der ins Ich gespie­gelt, ins Indi­vi­du­elle geführt und über­führt, sie sind in einer Über­gangs­be­we­gung. Denn der „dünne Ort“ ist zu ver­ste­hen als eine Über­gangs­zone, eine Grenze oder Schwelle, der Bereich zwi­schen Leben und Tod vor allem.

der nebel bil­det feh­lende stel­len im wald, ein opa- / kes loch­mus­ter. beim ver­such, die löcher anzuse- / hen, ver­schwin­det man, franst aus wie eine dün- / ne tablette im was­ser. […] (15, Anfang)

Dazu noch die Text­lü­cken, –löcher, die wie zufäl­lig im Block­satz unüber­seh­bar auf­tau­chen, den Fluss der Spra­che unter­bre­chen und viel­leicht auch den dün­nen Ort, der so schwer zu fas­sen ist, den Über­gang, die Schwelle ein­fach mar­kie­ren oder zumin­dest evo­zie­ren. Und sie wei­sen quasi expli­zit auf die Offen­heit der Texte hin. Das ist ein biss­chen para­dox, neigt der Block­satz (der hier in wech­seln­den Zei­len­län­gen genutzt wird) doch eigent­lich zu einer gewis­sen Abge­schlos­sen­heit. Doch die ist, das wird in Dün­ner Ort schnell deut­lich, nur ober­fläch­lich. Denn so wie die Lücken Löcher in den Text rei­ßen, ihm also Frei­räume schaf­fen, so sind die Texte in der Regel auch seman­ti­sch nicht abge­schlos­sen oder gar ver­schlos­sen, son­dern offen. Das meint nicht nur ihre Unbe­stimmt­heit, son­dern auch Phä­no­mene wie Abbrü­che am Sei­tenende mit­ten im Satz oder, als Gegen­pol, ein Beginn mit einem Komma (also mit­ten in einem ima­gi­nä­ren grö­ße­ren Zusam­men­hang).

im wald gibt es einen kern, der nie trock­net / um ihn herum ord­nen sich schich­ten im kreis / schich­ten von hal­men, schar­nie­ren, stü­cken von / licht. licht, das far­ben trägt, die es nicht gibt, das / man schnei­den könnte, hätte man. […] (13, Anfang)

Zum Buch gehö­ren dann auch noch einige von der Auto­rin gele­sene Auf­nah­men eini­ger Texte, die dann das Pen­del noch mehr zur Prosa hin aus­schla­gen las­sen, wenn man den zügi­gen Vor­trag von Stach­ler im Ohr hat. Und nicht zuletzt gehö­ren auch die „foto­gra­fi­schen Illus­tra­tio­nen“ von Sarah Oswald unbe­dingt zu dem Buch. Mit bedacht wur­den die so genannt (nehme ich zumin­dest an), denn sie geben sich als zwi­schen Foto und „freier“ Kunst chan­gie­rend: stark ver­frem­dete, oft ver­wischte, über­la­gerte, ver­un­klarte Abbil­der der „Welt“. Sie beglei­ten den Text nicht ein­fach illus­tra­tiv oder kom­men­tie­rend, son­dern wer­fen im ande­ren Medium noch einen wei­te­ren Blick auf den „dün­nen Ort“. Ihre ver­schwom­mene Prä­gnanz, ihre gemachte Unschärfe und Schat­ten­haf­tig­keit unter­stützt und ergänzt die suchende Prä­zi­sion der Texte aus­ge­zeich­net. So wird Dün­ner Ort dann (fast) zu einem Gesamt­kunst­werk – jeden­falls zu einem mul­ti­me­dia­len Gemein­schafts­werk …

die luft fällt ins schloss, ver­fugt sich hin­ter / dir als wärst du nie dage­we­sen, und viel- / leicht stimmt das auch. […] (44, Anfang)

Alke Stach­ler: Dün­ner Ort. Mit foto­gra­fi­schen Illus­tra­tio­nen von Sarah Oswald. Salz­burg: edi­tion mosaik 2016 (edi­tion mosaik 1.2). 64 Sei­ten. ISBN 9783200044548.

Verpackte Musik

vorderseite der verpackten cd

So gestal­tet man heute eine CD-Ver­pa­ckung (ja, die gibt es noch …). Zumin­dest kann man es tun, wenn man die rich­ti­gen Leute zur Hand hat:

Es han­delt sich übri­gens um das vor­züg­li­che, inten­sive und span­nende Album „Lover“ des Carate Urio Orches­tra.
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Ins Netz gegangen (2.8.)

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Ins Netz gegan­gen am 2.8.:

Twitterlieblinge Juli 2016

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