Das aktuelle Zitat

Ele­men­tar­ge­schwätz, wind­klug wie
Sand

—Ste­fan Popp, Dickicht mit Reden und Augen, 7

Ins Netz gegangen (21.10.)

Ins Netz gegan­gen am 21.10.:

  • Mathe­ma­tik: Aus­wen­dig ler­nen und wie­der ver­ges­sen | ZEIT ONLINE — ein fh-mathematik-professor ver­zwei­felt an sei­nen ingenieurstudenten …
  • Über Spra­che stol­pern — taz.de -
    Die Gedenk­steine von Gun­ter Dem­nig erin­nern an NS-Opfer — teil­weise in Nazi-Jargon. Ange­hö­rige sind empört, doch der Künst­ler zeigt sich uneinsichtig

  • Neu in der Wiki­pe­dia: 48 Arti­kel zu „1848/49“ in Deutsch­land | Acht­und­vier­zig — ziko van dijk hat in die­sem jahr als eine art pro­jekt 48 wikipedia-artikel zur 1848er-revolution geschrie­ben.
    Der Autor die­ses Bei­trags, Ziko van Dijk, hat von April bis Okto­ber 2014 acht­und­vier­zig Wikipedia-Artikel zur Revo­lu­tion von 1848/1849 geschrie­ben. Im Fol­gen­den beschreibt er die Her­aus­for­de­run­gen für einen Wikipedia-Autor und einige Grund­ge­dan­ken sei­nes Projekts.

  • Kom­men­tar Cri­ti­cal Mass: Der Ätsch-Faktor — Die Poli­zei macht die Rad­fah­rer zu Robin Hoods!
  • Attac ver­liert Sta­tus der Gemein­nüt­zig­keit | Poli­tik - Frank­fur­ter Rund­schau — das ist irgend­wie typisch deutsch: wenn ver­eine sich zu sehr um das gemein­we­sen bemü­hen und nicht nur um ihre kli­en­tel, sind sie nicht mehr gemein­nüt­zig, son­dern poli­tisch — als ob das ein wider­spruch wäre:
    Das Finanz­amt Frank­furts, wo der Bun­des­vor­stand des Ver­eins sitzt, hat beschlos­sen, dass die Ziele von Attac nicht gemein­nüt­zig genug seien. Viel­mehr seien sie all­ge­mein­po­li­tisch und damit kei­ner öffent­li­chen För­de­rung würdig.

  • Wir leben von der Ver­drän­gung — Freitext — ingo schulze über seine per­spek­tive auf oktober/november 1989 und die fol­gen­den ent­wick­lun­gen:
    Für mich war der Mau­er­fall eine Sen­sa­tion unter ande­ren. Und er hatte nichts, abso­lut nichts mit natio­na­len Erwä­gun­gen zu tun. Ein Zusam­men­ge­hen, gar eine Ver­ei­ni­gung von DDR und BRD? Wie sollte denn das gehen? Lachhaft!

  • CIA-Bericht: Waf­fen für Rebel­len sind laut Stu­die wir­kungs­los | ZEIT ONLINE — Was für eine Über­ra­schung! Das hätte ja nie­mand geahnt!: CIA-Bericht: Waf­fen für Rebel­len sind wirkungslos
  • Pi-Top: Open-Source-Notebook zum Sel­ber­bauen | ZEIT ONLINE — coole Idee: Pi-Top — aus einem Raspberry Pi einen Lap­top basteln
  • Zehn Jahre nach Jac­ques Der­ri­das Tod: Rigo­rose, artis­ti­sche Gedan­ken­gänge — taz.de — klaus eng­lert zum 10. todes­tag jac­ques der­ri­das über des­sen bedeu­tung, das neue den­ken und die derrida-rezeption heute:
    Heute, zehn Jahre nach dem Tod Der­ri­das, der ein­mal der welt­weit meist­zi­tierte Phi­lo­soph war, ist es in aka­de­mi­schen Gefil­den etwas still um ihn gewor­den. Das liegt vor­nehm­lich daran, dass sich heil­los ver­schulte Stu­di­en­gänge unse­res Uni­ver­si­täts­sys­tems nur schlecht mit sei­nen rigo­ro­sen und artis­ti­schen Gedan­ken­gän­gen ver­tra­gen. Die Beschäf­ti­gung mit Jac­ques Der­rida fin­det nun eher außer­halb der uni­ver­si­tä­ren Rituale statt.

    ich finde das ja eher schade, dass die dekon­struk­tion in den »prüf­fä­chern« — wie er es nennt — nicht mehr vor­kommt. daran kann man näm­lich vor­züg­lich den­ken lernen.

  • Start | Mapire — His­to­ri­sche Kar­ten der Habs­bur­ger Mon­ar­chie — schön gemacht, diese koope­ra­tion: Mapire ermög­licht das Navi­gie­ren durch his­to­ri­sches Kar­ten­ma­te­rial die aus der Habs­bur­ger Mon­ar­chie stam­men. Die Kar­ten wur­den voll­stän­dig digi­ta­li­siert und geo­re­fe­ren­ziert űund kön­nen so mit Hilfe aktu­el­ler Tech­no­lo­gien wie Google Maps, Google Earth und Open­Street­Map im Inter­net dar­ge­stellt wer­den. Mapire hat zum Ziel das teil­weise sehr unter­schied­li­che Kar­ten­ma­te­rial über eine gemein­same Schnitt­stelle im Inter­net zur Ver­fü­gung zu stellen.

Ins Netz gegangen (12.10.)

Ins Netz gegan­gen am 12.10.:

  • Literatur-Nobelpreis: Georg Diez über Patrick Modiano und Lutz Sei­ler — SPIE­GEL ONLINE — georg diez hadert mit dem »ästhe­ti­schen und stru­ku­rel­len kon­ser­va­tis­mus der buch­bran­che«:
    Das ist der Hin­ter­grund, vor dem der ästhe­ti­sche Kon­ser­va­tis­mus eines Romans wie »Kruso« zele­briert wird und erklär­bar wird: der digi­tale, wirt­schaft­li­che, mög­li­cher­weise auch poli­ti­sche Epo­chen­bruch. Die­ser Roman, der Roman an sich, so wie er gerade defi­niert wird, ist damit vor allem eine Schutz­be­haup­tung der Erinnerung.

  • Peter Kurz­eck: Der Mann, der immer gear­bei­tet hat — der stroemfeld-verlag wird/will wohl alles, was kurz­eck hin­ter­las­sen hat, zu geld machen. bei einem autor, der der­ma­ßen fast manisch kor­ri­gierte und ver­bes­serte bis zum schluss, halte ich fragment-ausgaben ja nur für mäßig sinn­voll (und es ist ja nicht so, als gäbe es nicht genug kurz­eck zu lesen …). aber trotz­dem freue ich mich und bin gespannt, was da noch kommt in den nächs­ten jah­ren
    Und dann sind da noch die Notiz­zet­tel, die Kurz­eck zu Mate­ri­al­samm­lun­gen zusam­men­ge­stellt hat, mit Titeln wie „Stau­fen­berg II“ und „Stau­fen­berg III“. Sie dien­ten ihm zur Arbeit an „Kein Früh­ling“ und „Vor­abend“, zei­gen aber auch, dass „Ein Som­mer, der bleibt“, das erste der erfolg­rei­chen Erzähl-Hörbücher, die Kurz­eck seit 2007 ein­sprach, schrift­li­che Vor­stu­fen gehabt hat. Mit­ten­drin ein Notiz­zet­tel, der wie der Anfang von allem anmu­tet: „Das Dorf steht auf einem Basalt­fel­sen eh + je. Jetzt soll es das Dorf wer­den (sein) + liegt uner­reich­bar im Jahr 1947, im Abend.“ Uner­reich­bar. Das Ver­gan­gene wie­der erreich­bar zu machen, hat Kurz­eck bis zuletzt ver­sucht. Losse erin­nert sich an eine Bemer­kung des Autors im Frank­fur­ter Kran­ken­haus: „Wir hät­ten noch mehr arbei­ten müs­sen.“ An der Prä­sen­ta­tion des­sen, was fer­tig gewor­den ist, arbei­tet Kurz­ecks Verlag.

  • Schat­ten­bi­blio­the­ken: Pira­te­rie oder Not­wen­dig­keit? — sehr span­nend: In gewal­ti­gen, frei zugäng­li­chen Online-Datenbanken ver­brei­ten anonyme Betrei­ber wis­sen­schaft­li­che Lite­ra­tur, ohne Beach­tung des Urhe­ber­rech­tes. Doch die digi­ta­len Samm­lun­gen sind nicht nur Pira­te­rie, sie wei­sen auch auf große Ver­säum­nisse der Wis­sen­schafts­ver­lage hin – sagt der unga­ri­sche Piraterie-Forscher Balázs Bodó. Im Inter­view mit der Jour­na­lis­tin Miriam Ruhen­stroth erklärt er, wieso die Schat­ten­bi­blio­the­ken in Ost– und Mit­telu­ropa so gefragt sind und wie das Pro­blem zu lösen wäre.
  • Mari­huana: Die selt­same Ver­fol­gung der nüch­ter­nen Kif­fer | ZEIT ONLINE -
    Wer kifft, gefähr­det den Stra­ßen­ver­kehr. Auch ohne Rausch, jeder­zeit. Das glau­ben zumin­dest Behör­den. Sie ent­zie­hen selbst nüch­ter­nen Taxikun­den den Füh­rer­schein. […] Behör­den haben anschei­nend Gefal­len daran gefun­den, über den Umweg des Ver­wal­tungs­rechts, eigen­mäch­tig ein biss­chen für Ord­nung unter Cannabis-Konsumenten zu sorgen.

  • xkcd: The Sake of Argu­ment — xkcd über’s Argu­men­tie­ren: The Sake of Argument
  • Adobe is Spy­ing on Users, Collec­ting Data on Their eBook Libra­ries — The Digi­tal Rea­der — adobe spio­niert mit digi­tal edi­ti­ons 4 die nut­zer aus: im klar­text (!) wer­den nicht nurin de4 geöff­nete bücher mit ihren meta­da­ten und denen der lese­rin über­tra­gen, son­dern de4 durch­sucht auch ohne sich das geneh­mi­gen zu las­sen den gesam­ten com­pu­ter nach irgend­wel­chen ebooks (auch sol­chen, die nicht in de4 benutzt wer­den), um deren daten eben­falls an adobe zu sen­den. grausam.
  • Ego­is­ti­sche Zwei­sam­keit: Ersatz­re­li­gion Liebe — Men­schen — FAZ — mar­kus gün­ther über die »ersatz­re­li­gion liebe«, die sich in letz­ter zeit immer mehr aus­brei­tet (und abso­lut setzt):
    Zu den Kol­la­te­ral­schä­den der Ersatz­re­li­gion Liebe gehö­ren aber auch die vie­len Men­schen, die allein sind. Ihr Leben wird als defi­zi­tär wahr­ge­nom­men. Man ver­mu­tet, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Dass jemand frei­wil­lig einen ande­ren als den Weg in die Part­ner­schaft geht, ist schlech­ter­dings unver­ständ­lich. Dass jemand einen geeig­ne­ten Part­ner nicht gefun­den hat, gilt als sein ganz per­sön­li­ches Ver­sa­gen. So oder so, er hat von sei­ner Umwelt bes­ten­falls Mit­leid zu erwar­ten.
    […]
    Ist der Mythos Liebe nicht wenigs­tens dafür gut, den Men­schen aus sei­nem Ego­is­mus her­aus­zu­füh­ren? Ist die Sehn­sucht nach Part­ner­schaft nicht immer noch bes­ser als die Selbst­sucht? Die Ant­wort lau­tet: Diese Art der Liebe ist nur schein­bar eine Über­win­dung der eige­nen Gren­zen. In Wahr­heit han­delt es sich um eine Fort­set­zung der Ich-Bezogenheit mit ande­ren Mit­teln, denn die Trieb­kraft, die wirkt, ist ja, wenn man ehr­lich ist, gar nicht der Wunsch zu lie­ben, son­dern der, geliebt zu werden.

  • Deut­scher His­to­ri­ker­tag: Die These vom Son­der­weg war ja selbst einer — jür­gen kaube berich­tet sehr lau­nig, poin­tiert (und mit gemei­nen, natür­lich abso­lut fehl­ge­lei­te­ten sei­ten­hie­ben gegen die ger­ma­nis­tik …) vom göt­tin­ger his­to­ri­ker­tag:

    Man kann ver­mut­lich lange war­ten, bis zum ers­ten Mal ein Ban­kier, eine Schrift­stel­le­rin oder ein Aus­län­der den His­to­ri­ker­tag eröffnet.

    Wäre es nicht an der Zeit, ein­mal zum Thema „Ver­gan­gen­heit“ zu tagen?

    Eine sinn­volle Ein­heit des­sen, was die His­to­ri­ker tun, die sich durch alle ihre For­schun­gen zöge, gibt es nicht. Und wenn die Göt­tin­ger Stich­probe nicht täuschte, dann gibt es nicht ein­mal Haupt­li­nien oder Trends.

  • Wil­der Kai­ser extreme on Vimeo — wohl das ver­rück­teste video, das ich in letz­ter zeit sah (fahr­rad­fah­ren kann man die­sen stunt aller­dings kaum noch nen­nen. und ver­nünf­tig ist natür­lich auch etwas ganz anderes …)
  • Aus­wüchse des Regie­thea­ters: Oper der Belie­big­kei­ten — Bühne Nach­rich­ten — NZZ.ch — der musik­wis­sen­schaft­ler lau­renz lüt­te­ken rech­net mit dem regie­thea­ter aktu­el­ler prä­gung auf der opern­bühne ab:
    Denn die land­läu­fige Behaup­tung, dass man etwas heute «so» nicht mehr machen könne, ist nicht nur teleo­lo­gi­scher Unfug, sie ist über­dies unlau­ter. In den Opern­häu­sern regiert näm­lich ein unan­ge­foch­te­ner Kanon, der weit­aus fes­ter zemen­tiert ist als noch vor fünf­zig Jah­ren. So spricht gewiss nichts dage­gen, den Anteil neuer Werke zu erhö­hen, aber es ist mehr als frag­wür­dig, die alten Werke mit immer neuen Bil­dern ver­meint­lich «modern» zu machen und sich damit behag­lich im Kanon ein­zu­rich­ten. Zudem hat der Moderne-Begriff, der hier bedient wird – das «Ver­stö­rende», «Pro­vo­zie­rende», «Bestür­zende» –, inzwi­schen selbst so viel Patina ange­setzt, dass man ihn getrost in die Geschichte ent­las­sen sollte.

    ich bin durch­aus geneigt, ihm da zumin­dest in tei­len zuzu­stim­men: die regie hat sich oft genug ver­selb­stän­digt (auch wenn ich eine totalab­leh­nung, die ich bei ihm zwi­schen den zei­len lese, nicht befür­worte). dage­gen führt er an:

    Die his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung im Umgang mit Tex­ten der Ver­gan­gen­heit ist nichts Ent­behr­li­ches, sie ist auch nicht, wie so oft behaup­tet, ein Relikt alt­mo­di­schen Phi­lo­lo­gen­tums, zumal das Argu­ment für die Musik nicht gel­tend gemacht wird. Was aber nützt eine kri­ti­sche Aus­gabe des «Don Gio­vanni», wenn die Sze­ne­rie kur­zer­hand (wie in Linz) von Sex and Crime der Pop-Stars erzählt? Texte, Par­ti­tu­ren der Ver­gan­gen­heit bedür­fen viel­mehr einer beson­de­ren Sen­si­bi­li­tät, denn erst, wenn es gelingt, im Ver­gan­ge­nen das Gegen­wär­tige auf­zu­spü­ren (statt die Gegen­wart dem His­to­ri­schen ein­fach nur über­zu­stül­pen), kann sich der Rang eines Kunst­werks, auch eines musi­ka­li­schen Büh­nen­kunst­werks, bewähren.

    sein argu­ment übri­gens, statt immer wie­der das selbe neu auf­zu­fri­schen öfters mal neues zu spie­len, würde ich unbe­dingt gerne ver­wirk­licht sehen — ich ver­stehe die repertoire-fixierung der oper eh‹ nicht so ganz (die ja auch gewis­ser­ma­ßen unhis­to­risch ist — »die ent­füh­rung aus dem serail« bei­spiels­weise war kaum dazu gedacht, heute noch auf­ge­führt zu werden …)

Herbst

Der wun­der­bare Orga­nist Domi­nik Susteck hat auf der gran­dio­sen, von Peter Bares kon­zi­pier­ten Orgel in der Kunst-Station Sankt Peter in Köln am 7. Sep­tem­ber ein Improv­sa­ti­ons­kon­zert »Herbst« gespielt und vier Sätze davon dan­kens­wer­ter Weise auf YouTube zugäng­lich gemacht: Traum­tanz, Ant­wort, Alpha und Verwaschen

Aus-Lese #37

Daniela Krien: Irgend­wann wer­den wir uns alles erzäh­len. Ber­lin: List 2012. 236 Seiten

krien, irgendwannNaja, das war keine so loh­nende Lek­türe … Ich weiß auch nicht mehr, wie ich dar­auf gekom­men bin (wäre ein Grund, dem Rezensenten/der Rezen­sen­tin Ver­trau­ens­punkte zu ent­zie­hen …). Die Geschichte ist schwach und teil­weise blöd: Ein jun­ges Mäd­chen zieht kurz vor den Som­mer­fe­rien auf dem Bau­ern­hof der Fami­lie ihres älte­ren Freun­des ein, ver­nach­läs­sigt die Schule und gibt sich lie­ber einer selt­sa­men geheim gehal­te­nen Bezie­hung zu dem mehr als dop­pelt so alten Nach­bar­bau­ern hin, die vor allem auf ihrer Aus­nut­zung und ihrem Miss­brauch (kör­per­lich, sexu­ell und psy­chisch) beruht und natür­lich tra­gisch enden muss …
Das Set­ting im Som­mer 1990 auf der Noch-DDR-Seite der Grenze ist auch nicht so span­nend, gibt aber Gele­gen­heit, ein biss­chen (frei­lich nur wenig) Poli­tik und Geschichte ein­zu­flech­ten — und ist natür­lich ein Spie­gel der Figur Maria: In der Zwi­schen­zeit — nicht mehr Kind, noch nicht Erwach­sene — spie­gelt sich das Land zwi­schen DDR und BRD … Aber da die Figu­ren alle reich­lich blass blei­ben, von der Erzäh­le­rin über ihre Rest­fa­mi­lie bis zu Johan­nes und Hen­ner, kann sich da sowieso kaum etwas ent­fal­ten. Das merkt man sehr deut­lich an der müh­sam insze­nier­ten Inter­text­ua­li­tät: Maria wird gerne als begeis­terte Lese­rin por­trä­tiert, liest aber wochen-/monatelang an Dos­t­o­jew­skis Die Brü­der Kara­ma­sow herum, was natür­lich wenig ergie­big ist (sowieso ist Lek­türe hier immer aus­schließ­lich eine iden­ti­fi­ka­to­ri­sche …). Auch die Kom­po­si­tion von Irgend­wann wer­den wir uns alles erzäh­len ist nicht wei­ter bemer­kens­wert, eher klein­tei­lig ange­legt, mit Schwä­chen in der Zeit­ge­stal­tung. Und die so gelobte Spra­che — wenn man den Blurbs im Taschen­buch (ganze zwei Sei­ten vor dem Titel!) glau­ben darf — hat für mich kei­nen Reiz, weil sie eigent­lich doch recht gewöhn­lich ist.

alles in allem die über­stei­ger­ten Gefühle einer Sieb­zehn­jäh­ri­gen in den Wir­run­gen einer unru­hi­gen Zeit. (234f. — mehr muss man kaum sagen ;-) …)

Otto Basil: Wenn das der Füh­rer wüßte. Wien, Mün­chen: Fritz Mol­den 1966. 419 Seiten

basil, wenn das der führer wüßte

Eine schöne Idee der kon­traf­ak­ti­schen Geschichte: NS-Deutschland hat den Zwei­ten Welt­krieg gewon­nen und sich die halbe Welt unter­tan gemacht (der Rest gehört zu „Soka Gak­kai“), Juden gibt es (fast) keine mehr. Dann stirbt Hit­ler aber in den 60ern und wird durch Ivo Klöp­fel ersetzt — oder ist das ein Mord und Staats­streich? Die ent­spre­chen­den Ver­mu­tun­gen kur­sie­ren und geben der Hand­lung im gleich­zei­ti­gen Bür­ger­krieg und dem durch die bei­den Groß­mächte ent­fes­sel­ten ato­ma­ren Krieg ordent­li­che Ver­wick­lun­gen und Hand­lungs­an­trieb. Dazwi­schen treibt Höll­rie­gel umher, ein „Pendler“/Gyromant, der ver­schwö­rungs­tech­nisch in die große Poli­tik gerät und sich wie­der raus­wursch­telt (hat etwas vom Schelm, diese Figur: wenig Ahnung, dafür aber viel Situa­ti­ons­ge­schick) und des­sen Trei­ben noch ver­quickt wird mit sei­ner Liebe bzw. sei­nem Begeh­ren nach der (schein­bar) idea­len (in ideo­lo­gi­scher, d.h. ras­sen­ty­po­lo­gi­scher Sicht), aber unter nor­ma­len Umstän­den uner­reich­ba­ren Ulla. Das ganze Gewu­sel endet dann etwas des­il­lu­sio­nie­rend im Tod — aller­dings nicht durch Ver­strah­lung (das hätte noch etwas gedau­ert), son­dern im Gefecht.
Schön an Basils Roman ist die kon­se­quente Wei­ter­füh­rung, das Zu-Ende-Denken der NS-Ideologie mit ihren Aus­wü­chen, den Grup­pen, dem Ein­heits­wahn, der uner­schöpf­li­chen Kate­go­ri­sie­rungs­sucht etc. Ins­ge­samt lei­det das Buch aber daran, dass es diese kon­traf­ak­ti­sche Welt zu sehr beschreibt und nicht durch Hand­lun­gen spre­chen lässt. Wun­der­bar spre­chend sind dage­gen die vie­len, vie­len Namen … Jeden­falls eine durch­aus unter­halt­same Lektüre.

Doch Adolf Hit­ler war nicht mehr, Odin hatte sei­nen Mel­de­gän­ger zum gro­ßen Rap­port nach Wal­hall geru­fen. (50)

Jür­gen Buch­mann: Wahr­haff­ti­ger Bericht über die Spra­che der Elfen des ExterThals, nach denen Dia­riis Sei­ner Hoch Ehr­wür­den Her­ren Mar­ti­nus Oes­ter­mann, wei­land Pfar­rer an St. Jakobi zu Almena. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2014. 46 Seiten

buchmann, bericht

Eine wun­der­bare Spie­le­rei ist die­ses kleine, feine Büch­lein (schon die ISBN: in römi­schen Zif­fern, eine echte Fleiß­ar­beit …), eine nette Camou­flage, ech­tes Schel­men­stück (der Autor scheint ein in der Wolle getränkte Schelm zu sein …). Der Wahr­haff­tige Bericht ist eine Art phi­lo­lo­gi­sche Fan­tasy (der Bezug auf Tol­kien taucht sogar im Vor­wort auf), nur in die Ver­gan­gen­heit ver­legt: Es han­delt sich um den (fik­ti­ven) Bericht eines gelehr­ten Land­pfar­rers, der von einer Giftmischerin/Zigeunerin/Heilkundigen mit den Elfen sei­nes Tales bekannt gemacht wird und Grund­züge (d.h. vor allem Pho­ne­tik und Mor­pho­lo­gie) ihrer Spra­che beschreibt. Das ist ein­ge­bet­tet und kom­bi­niert mit dem Tage­buch der „Ent­de­ckung“ die­ser gehei­men (?) Spra­che bis zum Kri­mi­nal­fall des Ver­schwin­dens sowohl des Pfar­rers als auch sei­ner Infor­man­tin (ein Wech­seln ins Elfen­reich liegt ganz mär­chen­ty­pisch nahe, weil keine Lei­che gefun­den wird …). Lei­der fehlt aus­ge­rech­net die Lexik der Elfen­spra­che in den »Auf­zeich­nun­gen«, so dass die Frag­mente, die „Oes­ter­mann“ „über­lie­fert“, dum­mer­weise unver­ständ­lich blei­ben (aber wer weiß, viel­leicht haben sie ja sogar eine Bedeu­tung? — Das wäre eine schöne Auf­gabe für einen Com­pu­ter mit einem fin­di­gen Pro­gram­mie­rer …). Das ganze ist von Buch­mann ver­flixt geschickt vor­ge­täuscht oder gefälscht oder nach­ge­ahmt oder par­odiert wor­den. Von dem Drum­herum ist aller­dings nicht alles gelo­gen — das „Gelehrten-Lexicon“ von Jöcher z.B., aus dem zitiert wird, gibt es durch­aus — aller­dings ohne den hier abge­druck­ten Ein­trag zu Oes­ter­mann. Und dann ist das Ganze — es ist ja nicht viel, kaum mehr als vier­zig Sei­ten bean­spru­chen die »über­lie­fer­ten« Texte samt edi­to­ri­schen Vor­wor­ten und Anhän­gen von dem klei­nen Leip­zi­ger Dichter-Verlag Rei­ne­cke & Voß sehr schön her­aus­ge­bracht wor­den, mit ange­nehm pas­sen­dem Satz und schö­nen Schriften.

Wir fas­sen die Let­tern und sto­ßen auf | Klänge; wir fas­sen die Klänge und sto­ßen auf Namen; wir fas­sen die Namen und sto­ßen auf Nichts. (15f.)

Ulf Stol­ter­foht: Das deut­sche Dich­ter­ab­zei­chen. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2012. 49 Seiten

stolterfoht, dichterabzeichen

Und gleich noch ein schma­les Bänd­chen von Rei­ne­cke & Voss, den Hör­spiel­text Das deut­sche Dich­ter­ab­zei­chen. des gro­ßen Lyri­kers Ulf Stol­ter­foht. Dich­tung und vor allem die Lyrik wird hier als streng regu­lier­tes, ent­beh­rungs­rei­ches Hand­werk insze­niert (ein biss­chen wie eine moderne Vari­ante der Meis­ter­sin­ger …), das ist ganz nett aus­ge­dacht. Zugleich ist es aber auch noch eine »Sys­te­ma­tik“ der Lyrik mit ver­schie­de­nen „lyri­schen Typen«. Da heißt es zum Beispiel:

Wild­texte, die noch vor Zei­ten weite Teile Euro­pas besie­del­ten, haben sich mitt­ler­weile den immer spe­zi­el­le­ren Anfor­de­rungs­pro­fi­len unter­wor­fen. (17)

Wei­ter geht es im beleh­ren­den Gespräch über die Dichter-Ausbildung, also die hand­werk­li­che Kom­po­nente des Dich­tens. Wei­te­res, ganz wich­ti­ges Thema: Die kom­pe­ti­tive Kom­po­nente des Dich­tens, die Lesun­gen und die Wett­be­werbe. Das führt Stol­ter­foht als Zir­kus vor, als eine Art Dres­sur, in der die Dich­ter die Rolle der Tier­chen über­neh­men: pos­sier­lich, gut für die Unter­hal­tung, aber nicht ernst zu neh­men … In der Radi­ka­li­tät, in der diese mes­sen­den und ver­glei­chende Kom­po­nente der Dich­tung über­ge­stülpt wird, ist das natür­lich — dar­aus macht der Text kein gro­ßes Geheim­nis — eine Para­bel auf den deut­schen Lite­ra­tur­be­trieb der Gegen­wart. Aber eine — ganz wie es das Thema ver­langt — unter­hal­tende, in der sich durch­aus — schließ­lich ist Stol­ter­foht selbst ein intel­li­gen­ter Teil­neh­mer — wahre und tref­fende Beob­ach­tun­gen finden:

Im Zeit­al­ter hoch ent­wi­ckel­ter Prosa hat das Gedicht an Bedeu­tung ver­lo­ren. in dem Maße aber, in dem es aus sei­ner natür­li­chen Umge­bung ver­schwin­det, wächst seine Beliebt­heit als domes­ti­zier­ter Wett­be­werbs­text. (7)

Schön auch kurz vor Schluss:

Etwas ganz beson­de­res ver­birgt sich hin­ter der Bezeich­nung „Viel­sei­tig­keits­prü­fung“: Der Drei­kampf näm­lich aus Lyrik, lyri­scher Über­set­zung und Poe­to­lo­gie — das alles an drei auf­ein­an­der fol­gen­den Tagen. (40)

Wal­ter Kem­pow­ski: Hamit. Tage­buch 1990. Ber­lin: btb 2010. Seiten

kempowski, hamit

Mit die­sem Buch habe ich mir Kem­pow­ski ver­lei­det, das ist zum Abge­wöh­nen …
Hamit — die dia­lek­tale Vari­ante von »Hei­mat« — ist ein Tage­buch der Zeit direkt wäh­rend bzw. nach der Wende. Für Kem­pow­ski heißt das: Er kann wie­der Ros­tock besu­chen, die Stadt, in der er auf­wuchs. Und auch Baut­zen, wo er ein­ge­ker­kert war. Wei­tere The­men des Tage­buchs: Die Medien — wie sie über Poli­tik und über ihn berich­ten -, die Fer­tig­stel­lung von Alkor, Zwis­tig­kei­ten, Besu­che etc. Dazwi­schen taucht noch die Samm­lung von Tage­bü­chern und Erin­ne­run­gen ande­rer Leute immer wie­der auf (fürs sein Echo­lot und um’s dem „Ver­ges­sen zu ent­rei­ßen“), auch die Poli­tik der Gegen­wart spielt natür­lich eine Rolle, gerade hin­sicht­lich des Ver­ei­ni­gungs­pro­zes­ses. Das ist aber auch der Bereich, wo Kem­pow­ski vor allem sei­nen Ani­mo­si­tä­ten freien Lauf lässt: Außer ihm (und weni­gen ande­ren) hat nie­mand je etwas kapiert, sehen alle die Wider­sprü­che und Pro­bleme nicht. Dabei ist das kein ganz rei­nes Tage­buch, es ist min­des­tens zwei Mal über­ar­bei­tet (und damit end­gül­tig lite­ra­ri­siert) wor­den. Aber auch die Anmer­kun­gen aus den 2000ern ver­stär­ken die Ten­denz der Bes­ser­wis­se­rei noch las­sen ihn als den ein­zi­gen „Wei­sen“ und das große Genie erschei­nen, dass die ande­ren ein­fach nicht errei­chen. Dabei ist der ganze Text durch­tränkt von Res­sen­ti­ments gegen so ziem­lich alle und jeden (mit Aus­nahme viel­leicht bestimm­ter Berei­che der Ver­gan­gen­heit). Und eine große Eitel­keit bricht sich immer wie­der Bahn: Alle, die Leser, der Lite­ra­tur­be­trieb, die Medien und die Kri­tik, aber auch sein Ver­lag, alle ver­ken­nen seine Genia­li­tät und seine Leis­tun­gen. Dabei ist er doch uner­setz­lich, wie er ganz typisch beschei­den festhält:

Ich gebe der Gesell­schaft ihre Geschich­ten zurück. (284)

Was wür­den wir Armen also nur ohne ihn tun!

Mir war der Kem­pow­ski, der sich hier zeigt, jeden­falls aus­ge­spro­chen unsym­pa­thisch. Lus­tig am Rande auch: Bei einem Ver­dienst von 50.000 DM/Monat bzw. 1200 DM/Tag (321) beschwert er sich immer wie­der dar­über, dass er Restau­rant­rech­nun­gen bezah­len muss/soll: total ich­zen­triert eben, der Schrei­ber die­ser Sei­ten, der sich vor allem durch seine Kau­zig­kei­ten — wie die total kon­tin­gent schei­nende Ableh­nung der Worte „Akzep­tanz“ und „Diri­gat“ (329) — auszeichnet.

Wenn nie­mand eine Bio­gra­phie über mich schreibt, tue ich es eben selbst. (177)

Jürg Hal­ter: Wir fürch­ten das Ende der Musik. Gedichte. Göt­tin­gen: Wall­stein 2014. 72 Seiten

halter, wir fürchten das ende der musik

»Für sich« steht als Wid­mung in die­sem Gedicht­band. Und das stimmt einer­seits, ande­rer­seits aber auch über­haupt nicht. Zwar ste­hen die Gedichte erst ein­mal »für sich« da, geben sich recht offen und direkt dem Leser preis. Aber ande­rer­seits blei­ben sie auch gerade nicht »für sich«, denn Hal­ter geizt nicht mit inter­tex­t­u­el­len Anspie­lun­gen und Ver­wei­sen. Gerade die Musik spielt da durch­aus eine große Rolle. Und den­noch: Man muss diese Inter­text­ua­li­tä­ten nicht erken­nen, man muss ihnen schon gar nicht nach­ge­hen (obwohl das durch­aus span­nend sein könnte, das sys­te­ma­tisch zu tun), um die Lyrik Hal­ters ver­ste­hen zu kön­nen. Oder zumin­dest glau­ben zu kön­nen, etwas ver­stan­den zu haben. Denn seine Gedichte blei­ben zugäng­lich und wol­len das wohl auch sein. Oft sind sie gera­dezu erzäh­lend, ihre Meta­phern blei­ben leicht nach­voll­zieh­bar, die Form klar und über­sicht­lich. Manch­mal wirkt das mit dem locke­ren Sprach­duk­tus, dem leich­ten Ton mir aber auch etwas zu plät­schernd, zu prosa-nah, zu wenig form­be­stimmt für Lyrik.
Doch gibt es durch­aus schöne und span­nende Text in die­sem Band. Da zeigt sich nicht nur die Ver­wur­ze­lung Hal­ters und Tra­di­tion und Inter­text­ua­li­tät (seine Gedichte schöp­fen viel aus oder mit der Kul­tur und ihrer Geschichte), da ist auch ein anre­gen­des Spiel mit sich selbst immer wie­der zu beob­ach­ten, die Selbst­re­flex­tion des Lyri­kers und des Gedich­tes zu erken­nen. Inter­es­sant ist auch das immer wie­der auf­tau­chende Zeit­kon­zept — ein sehr vages Kon­zept von Zeit, das nicht auf das Tren­nende von Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart abzielt, son­dern auf den Über­gang, die flie­ßende Ent­wick­lung: Vom Holo­zän bis zum Jetzt und dem Augen­blick sind ein­zel­nen Momente kaum zu fas­sen und zu bestimmen:

Etwas hat begon­nen, dau­ert an oder ist vor­über. (25)

Nicht alles ist sprach­lich oder inhalt­lich sehr stark, gerade im Abschnitt IV („O, auf­ge­klär­tes Leben, unsere Droge!“ über­schrie­ben) schei­nen mir einige schwa­che Texte den Weg in den Druck gefun­den zu haben. Die Digital-Skepsis in „Hyp­nose“ ist zum Bei­spiel ziem­lich ober­fläch­lich und bil­lig. Dazwi­schen gibt es aber imm­mer wie­der schöne Momente, die das Lesen den­noch lesens­wert mache, wie etwa die „Eine sich stets wie­der­ho­lende Szene“:

Die sich lee­ren­den Stra­ßen
an einem Som­mer­abend
in einer klei­nen Stadt.
Das Rück­licht des letz­ten Bus­ses,
ein leich­ter Wind, der geht.
Im Ohr ein Lied über
das Ende einer Freundschaft.

außer­dem noch:

  • Jost Amman & Hans Sachs: Das Stän­de­buch (1568).
  • Geor­ges Duby: Die Zeit der Kathedralen.

Mit den Wise Guys auf der Achterbahn

wise guys, achterbahnKeine Angst, auf die­ser Ach­ter­bahn wird nie­man­den übel. Denn die 14. CD der Wise Guys ist über­wie­gend harm­los. Mit ihren bewähr­ten Kon­zep­ten machen sie auch in neuer Beset­zung wei­ter­hin ihren bekann­ten chart­ori­en­tier­ten Vokal-Pop. Aus­ge­rech­net der Titel­song ist aber eher lang­wei­lig: kein zün­den­der Text, keine beson­ders ein­gän­gige Melo­die, kein bemer­kens­wer­tes Arran­ge­ment. Das konn­ten die Wise Guys schon besser.

Ein paar ein­gän­gige Songs sind aber auch auf »Ach­ter­bahn« zu hören: »Das Säge­werk Bad Sege­berg« hat etwa nette Momente, die vor allem auf dem herr­lich blö­deln­den Text beru­hen. Der ist der­ma­ßen blöd­sin­nig, dass es wirk­lich lus­tig wird, sich über Holz­sor­ten und feh­lende Kör­per­teile zu amü­sie­ren — auch wenn die kon­se­quente Quotenradio-Orientierung selbst bei eigent­lich guten Songs ganz schön ner­ven kann: Das fängt mit dem quiet­schen­den Beat an, geht über die garan­tiert mit­gröl­taug­li­che Melo­die bis zum voll­kom­men erwart­ba­ren Arrangement.

Zu den posi­ti­ven Ein­drü­cken gehört auch »Keine gute Idee«, das aber ande­rer­seits auch recht naht­los an die »älte­ren« Wise Guys anschließt. Aller­dings haben die Wise Guys noch nie die Begleit­stim­men von den jewei­li­gen Lead­vo­cals so sehr in den Hin­ter­grund drän­gen las­sen — gut, die Wise Guys sind sicher nicht die aller­bes­ten Sän­ger Deutsch­lands, aber ver­ste­cken muss man sie auch nicht. Ein Kunst­stück beherr­schen die Wise Guys aller­dings aus­ge­spro­chen gut: Aus mäßi­gem Mate­rial guten Pop zu machen. Aus schwa­chen Tex­ten und einer weit­ge­hend bana­len Musik zau­bern sie immer wie­der Ein­gän­gig­keit und eine Menge guter Laune her­vor. Die elek­tro­nisch ange­hauchte eska­pis­ti­sche Glücks­fan­ta­sie »Ans Ende der Welt« macht das fast per­fekt vor.
»Alles so schön bunt hier« bringt dann tat­säch­lich etwas (Klang)Farbe mit in den Mix, bei »Küss mich« geschieht das — welch Sakri­leg — durch eine weib­li­che Stimme: Jas­min Wag­ner, vor Jah­ren auch mal »Blüm­chen« bekannt, unter­stützt das Quin­tett. Am bes­ten sind die Wise Guys dann, wenn sie sich wie bei »Gene­ra­tion Hör­ge­rät« auf ihre Stär­ken besin­nen: Trei­bende Dis­co­beats, freund­li­che Melo­dien und ein humor­vol­ler Text, bei dem die fünf Köl­ner zei­gen, dass sie sich selbst nicht so ganz ernst neh­men. Dass muss man auch »Ich kann nur den Refrain« zugu­te­hal­ten. Denn das passt zum Glück nicht auf die Wise Guys selbst: »Ich kann nur den Refrain, die Stro­phen sind zu schwer« heißt es da, »den Rest krieg ich nicht hin, weil ich mit den Stro­phen ein­fach über­for­dert bin« — davon ist das Quin­tett wahr­lich weit ent­fernt. Aber das ist noch kein Grund zum Jubeln: Nuan­cen feh­len auch hier, und nicht nur in der Stro­phe. Inhalt­lich, kom­po­si­to­risch und lei­der auch stimm­lich blei­ben die 16 Songs der »Ach­ter­bahn« schließ­lich doch reich­lich ein­di­men­sio­nal. Die Wise Guys sind stolz dar­auf, das erste Mal ein Album kom­plett in Eigen­re­gie pro­du­ziert zu haben — aber ob das so eine gute Idee war? Etwas Input von außen hätte viel­leicht nicht gescha­det, etwas mehr Adre­na­lin wäre sicher kein Feh­ler gewe­sen. So ist das näm­lich eher ein Kin­der­ka­rus­sell als eine Achterbahn.

Wise Guys: Ach­ter­bahn. Poly­dor. CD 2014.

— Zuerst erschie­nen in Chor­zeit — Das Vokal­ma­ga­zin, Aus­gabe Okto­ber 2014.

Digitalisierung?

Natür­lich könnte man sie [Urkun­den zur Main­zer Stadt­ge­schichte von 1251 bis 1260] auch digi­ta­li­sie­ren – Vasil Bivo­la­rov, Mit­her­aus­ge­ber von der His­to­ri­schen Kom­mis­sion Darm­stadt, hielt diese Methode im Umgang mit den Jahr­hun­derte alten Schrif­ten und Tex­ten aller­dings für unge­eig­net und war sich darin mit den ande­ren His­to­ri­kern einig.

Wenn er das wirk­lich so gesagt hat, wie ihn die All­ge­meine Zei­tung Mainz anläss­lich der Vor­stel­lung eines Regesten-Bandes (! — also nicht mal einer voll­stän­di­gen Edi­tion!) zitiert, dann bean­trage ich, der Hes­si­schen His­to­ri­schen Kom­mis­sion Darm­stadt sämt­li­che För­der­mit­tel zu ent­zie­hen. Denn offen­sicht­lich hat sie ja kein Inter­esse daran, dass ihre Ergeb­nisse auch gele­sen, genutzt, gekannt wer­den von denen, die dafür bezah­len. Denn diese reflex­hafte, unre­flek­tierte Ableh­nung der Digi­ta­li­sie­rung wird ja lang­sam lächerlich.

Twitterlieblinge September 2014