Wis­sen ist nicht dazu bestimmt, uns zu trös­ten: es ent­täuscht, beun­ru­higt, schnei­det, ver­letzt. Michel Fou­cault, Wach­sen und ver­meh­ren

Veröffentlicht in diverses vonMatthias Mader

Twitterlieblinge Juni 2016

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  • Kunst und Flücht­linge: Aus­beu­tung statt Ein­füh­lung | Per­len­tau­cher → ein lan­ger essay von wolf­gang ull­rich über sein/​das (ästhe­ti­sches) unbe­ha­gen an künst­le­ri­schen aktio­nen für/​im namen der flücht­linge

    sind viele Flücht­lin­gen gewid­me­ten Pro­jekte in ähn­li­cher Weise grob und blind. So sehr der Kunst tra­di­tio­nell zuge­traut – und von ihr auch erwar­tet – wird, durch eine Sti­mu­lie­rung der Ein­bil­dungs­kraft Empa­thie für Men­schen in ganz ande­ren Lebens­ver­hält­nis­sen zu stif­ten, so wenig ist davon inmit­ten eines oft schril­len Aktio­nis­mus zu bemer­ken.

  • Japan: Die Geis­ter­schiffe | ZEIT ONLINE → sehr schöne, berüh­rende repor­tage über japan, nord­ko­rea und das meer. und die fischer von korea, die seit eini­ger zeit immer wie­der als lei­chen an den japa­ni­schen küs­ten ange­spült wer­den
  • Netz­werk der AfD-Vize-Che­fin: Von Storchs Daten­im­pe­rium | taz​.de → die taz über kat­ta­schas recher­ché unrecht­mä­ßi­ger daten­wei­ter­gabe und –nut­zung in dem engen und unüber­sicht­li­chen ver­eins­netz­werk von bea­trix von storch (und ihrem ehe­mann)
  • Sinn und Zweck von Kin­der­spiel­plät­zen: Momente des Dreh­tau­mels | taz → jochen schmidt über spiel­plätze in geschichte und gegen­wart

    Spiel­plätze sind Neben­pro­dukte der indus­tria­li­sier­ten Stadt des 20. Jahr­hun­derts, auf dem Dorf brauchte man sie nicht. Erst die Enge der Wohn­ver­hält­nisse und die Tat­sa­che, dass viele Arbei­ter­kin­der tags­über unbe­auf­sich­tigt waren, machte Rück­zugs­räume not­wen­dig. Dass man sie braucht, zeigt, dass den Kin­dern ihre eigent­li­chen Spiel­räume ver­lo­ren gehen, denn Kin­der besit­zen die Fähig­keit, sich jede Umge­bung für das Spiel anzu­eig­nen.

    In einer idea­len Gesell­schaft bräuch­ten wir viel­leicht gar keine Spiel­plätze mehr, aber im neo­li­be­ra­len Kapi­ta­lis­mus mit dem Dogma der maxi­ma­len Selbst­aus­beu­tung bis in die Frei­zeit, bekommt das Spiel einen gera­dezu uto­pi­schen Gehalt. Der Spiel­platz soll die Wun­den der Erwach­se­nen­welt hei­len.

  • Kommt jetzt end­lich die rich­tige Bil­dungs­po­li­tik in Deutsch­land? | shift. → eine genaue und uner­bitt­li­che abrech­nung mit den viel­fäl­ti­gen schwä­chen des stra­te­gie­pa­piers der kmk „bil­dung in der digi­ta­len welt“:

    Keine Revo­lu­tion, kein qua­li­ta­ti­ver Sprung, nur Evo­lu­tion und Opti­mie­rung. Viel­leicht hätte man sich noch ein­bil­den kön­nen, im alten Ent­wurf einen rea­lis­ti­schen Blick auf den all­um­fas­sen­den tief­grei­fen­den Wan­del nicht nur des „All­tags­le­bens“, son­dern der gesam­ten Gesell­schaft und also auch des Bil­dungs­sys­tems zumin­dest als Mög­lich­keit ent­hal­ten zu sehen, wenn er als Ziel­be­stim­mung for­mu­liert „Leh­rende und Ler­nende auf das Leben in einer digi­ta­li­sier­ten Welt vor­zu­be­rei­ten“. Aber auch das ist bei genaue­rem Hin­se­hen schon nicht der Fall gewe­sen.
    Diese Rede vom „Vor­be­rei­ten auf“ macht mich ja immer stut­zig, denn die Men­schen leben doch schon in der digi­ta­li­sier­ten Welt, und das schon seit Jah­ren. Da kommt jede Vor­be­rei­tung schon rein zeit­lich zu spät und kann doch nur als Beglei­tung gedacht wer­den. Es ist tat­säch­lich ein Hin­weis dar­auf, dass noch gar nicht ver­stan­den wurde, dass die digi­ta­li­sierte Welt nicht erst nach der Vor­be­rei­tung betre­ten wird, son­dern dass wir in ihr leben, ob wir es wol­len oder nicht.

Aus-Lese #45

Rein­hard Jirgl: Oben das Feuer, unten der Berg. Mün­chen: Han­ser 2016. 288 Sei­ten.

–Sie wur­den gebo­ren, arbei­te­ten, und sie star­ben. Wäre Leben so=einfach so=kurz wie die­ser Satz, Leben, wäre gewiß glück­vol­ler. Leben aber dau­ert län­ger als 1 Satz. (31)

Oben das Feuer, unten der Berg – an dem Buch ist nicht nur der Titel selt­sam und rät­sel­haft. Ich bin ja eigent­lich ein gro­ßer Bewun­de­rer der Werke Rein­hard Jirgls, aber mit die­sem Roman kann ich wenig bis gar nichts anfan­gen. Das, was von einer Geschichte übrig ist, ist rät­sel­haft, schwankt zwi­schen Krimi und Ver­schwö­rungs­theo­rie, Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung und Ver­bit­te­rung. Die auf­tau­chen­den Figu­ren sind eigent­lich lau­ter kaputte Men­schen. Oder: Sie wer­den kaputt gemacht, durch das „Sys­tem“, die Macht oder ähn­li­che Instan­zen. Die grau­same Bru­ta­li­tät der Welt, der Macht und der Mäch­ti­gen, die die Moral nur als Deck­man­tel und Beru­hi­gung fürs Volk (wenn über­haupt) haben, benut­zen – den gan­zen Text durch­dringt eine sehr schwarze, pes­si­mis­ti­sche Welt­sicht. So weit, so gut (oder auch nicht, aber das ist ja erst mal egal). Frag­wür­dig bleibt mir aber doch ein­fach vie­les. Auf dem Schutz­um­schlag steht etwa: „Titel, Text­vo­lu­men und Rei­hen­folge der Kapi­tel im Roman sind von dem alt­chi­ne­si­schen Ora­kel I-Ging bestimmt.“ – Zum einen: was soll das? Ich habe keine Ahnung … Zum ande­ren: Ich bezweifle fast, dass das über­haupt stimmt …

In den fas­zi­nie­ren­den, genauen, poe­ti­schen (d.i. lyri­schen) Beschrei­bun­gen, ja, der gera­dezu über­bor­den­den Beschrei­bungs­ge­nau­ig­keit liegt viel­leicht die größte Stärke des Romans, auch durch die Spe­zi­alor­tho­gra­fie, die näm­lich Mög­lich­kei­ten und Deu­tun­gen der Spra­che ver­deut­li­chen, ver­ein­deu­ti­gen oder über­haupt erst eröff­nen kann. Auf der ande­ren Seite hatte ich oft den Ein­druck eines „ver­wil­der­ten“ Text, der sich von sich selbst trei­ben lässt und der im Zick­zack-Kreis des Erzäh­lens „der“ Geschichte keine wie auch immer gear­tete Ord­nung gel­ten lässt (zumin­dest keine, die ich erken­nen könnte). Selt­sam finde ich auch: Eigent­lich pas­siert das meiste des Romans auf pri­va­ter, ja inti­mer Ebene. Aber dann will der Roman doch die ganz gro­ßen The­men behan­deln (z.B. die Macht und die Moral) – das pas­siert dann (damit es jeder merkt) v.a./nur durch das neun­mal­kluge Dozie­ren der Figu­ren, in deren Erkennt­nis­sen, in deren Durch­schauen der Welt und der Ver­schwö­run­gen) sich der Erzäh­ler (und viel­leicht auch der Autor) zu allem und jedem äußern kann, seine Posi­tion als wahre absi­chern und mit­tei­len kann. 

?Wo in all­die­ser unermeßlichen=Unendlichkeit blieb eigent­lich ?mein Web­fa­den, ?meine=!ureigene Spur, die mich etwas Unver­wech­sel­ba­res in die­ses uner­schöpf­li­che Lebens­wisch­ha­der­ge­filz hätte hin1­prä­gen las­sen. (230)

Daniela Danz: Lange Fluch­ten. Göt­tin­gen: Wall­stein 2016. 146 Sei­ten.
Zu dem sehr gelun­gen klei­nen Roman von Daniela Danz – die übri­gens auch vor­treff­li­che Lyrik schreibt – habe ich vor eini­gen Tagen schon etwas geschrie­ben: Lange Fluch­ten, gebro­chene Men­schen.
Wil­helm Leh­mann: Ein Lese­buch. Aus­ge­wählte Lyrik und Prosa. Her­aus­ge­ge­ben von Uwe Pörk­sen, Jutta Johann­sen und Hein­rich Dete­ring. Göt­tin­gen: Wall­stein 2011. 160 Sei­ten.

Auf Wil­helm Leh­mann bin ich erst durch die zweite Aus­gabe des Gel­ben Akro­ba­ten von Michael Braun und Michael Busel­meier auf­merk­sam gewor­den. Leh­mann, der von bis vor allem an der Küste lebte, war als Leh­rer sowohl ein aus­ge­zeich­ne­ter Natur­be­ob­ach­ter als auch ein star­ker Dich­ter, wie ich anhand des Lese­buchs leicht fest­stel­len konnte. Dort bie­ten die drei Her­aus­ge­ber eine Aus­wahl aus der mehr­bän­di­gen Werk­aus­gabe: (viel) Lyrik, etwas aus den Tage­bü­chern, einige Aus­züge aus theoretischen/​poetologischen Essays und ein wenig Prosa. Inwie­weit das ein reprä­sen­ta­ti­ves Bild abgibt, kann ich nicht beur­tei­len. Sagen kann ich nur, dass das, was ich hier gele­sen habe, fas­zi­nie­rende Momente hat. Die mich am meis­ten berüh­ren­den Texte und Pas­sa­gen waren wohl die, wo sich der peni­ble und wis­sende Natur­be­ob­ach­ter mit dem bild­kräf­ti­gen Lyri­ker ver­bin­det.

Aus vie­len der Natur­be­schrei­bun­gen der Gedichte spricht eine leise Weh­mut: Die Natur ist für Leh­mann ganz offen­bar ein Ort, an dem die göttliche/​geschöpfte/​schöpferische Ord­nung noch gilt und dann auch zu beob­ach­ten ist; sie bleibt vom Chaos, der Gewalt und dem Schmerz der Men­schen (den sich die Men­schen gegen­sei­tig (und ihr) zufü­gen) unbe­rührt. Sol­che Lyrik ist, wie er es in einem Auf­satz ein­mal auf den Punkt bringt: „Poe­sie als Ein­wil­li­gung in das Sein“. 

Gerade in der Zeit des Zwei­ten Welt­krie­ges scheint sich das aber zu ändern: Zuneh­mend wer­den Natur und Menschenwelt/​Zeitgeschichte im Gedicht kon­fron­tiert, meist neben­ein­an­der gestellt (sozu­sa­gen ohne ter­tium com­pa­ra­tio­nis): Hier die gleich­för­mige (im Sinne von in einem fes­ten Rhyth­mus sich wie­der­ho­lende), ver­traute (d.h. auch: les­bare, ent­schlüs­sel­bare, ver­steh­bare) Natur, dort der uner­hörte Schre­cken, das unge­se­hene und unge­ahnte Grauen des Welt­kriegs. Das bleibt aber immer sehr sub­til und – gerade in den Beschrei­bun­gen und Schil­de­run­gen – sehr kunst­voll, in fein aus­ta­rier­ten Rhyth­men und mit oft sehr har­mo­nisch, fast selbst­ver­ständ­lich wir­ken­den Rei­men aus­ge­ar­bei­tet. Am bes­ten ver­deut­licht das viel­leicht ein Gedicht wie “Fal­lende Welt”:

Das Schwei­gen wurde
Sich selbst zu schwer:
Als Kuckuck fliegt seine Stimme umher. 

Mit bron­ze­nen Füßen
Lan­det er an,
Gefleck­tes Kleid
Hat er ange­tan.

Die lose Welt,
Wird sie bald fal­len?
Da hört sie den Kuckuck
Im Grunde schal­len.

Mit schnel­len Rufen
Ruft er sie fest.
Nun dau­ert sie
Den Zei­ten­rest.

Sabine Bergk: Gils­brod. Novelle. Ber­lin: Dittrich 2012. 132 Sei­ten.

bergk, gilsbrod (cover)Der Ver­lag nennt die auf der Opern­bühne spie­lende Novelle von Sabine Bergk „Über­trei­bungs­li­te­ra­tur”. Das stimmt natür­lich, trifft den Kern des vor allem phan­tas­ti­schen und absur­den Tex­tes aber nur halb. Gils­brod ist eine Ein-Satz-Novelle mit 130 Sei­ten unge­bro­che­nem stream of con­scious­ness. Das ist natür­lich nicht völ­lig neu, spon­tan fällt mir aus letz­ter Zeit etwa Xaver Bay­ers Wenn die Kin­der Steine ins Was­ser wer­fen (2011) ein, das ähn­lich funk­tio­niert. Hier, also in Gils­brod, lesen wir das Bewusst­sein einer Opern­souf­fleuse, die im ent­schei­den­den Moment der Thea­ter­diva nicht aus­hilft und sie des­halb in eine impro­vi­sierte Kadenz auf dem fal­schen Text treibt. Ein Ende hat der Text nicht, er bricht ein­fach ab. Bis dahin ist er aber dicht und unter­halt­sam, phan­tas­tisch und absurd, trau­rig und komisch zugleich. Oder zumin­dest abwech­selnd. Den natür­lich lässt sich so ein Bewusst­sein hin und her trei­ben, das ist eine hef­tige Mischung von Ver­gan­gen­hei­ten und Gegen­war­ten, Rea­li­tä­ten und Träu­men, Wün­schen und Ängs­ten, geschich­tet und über­la­gert, auch mit Ver­sio­nen der (pseudo-)Erinnerung ver­se­hen, der seine Ebe­nen im krei­sen­den Wie­der­ho­len her­aus­kris­tal­li­siert.

Das funk­tio­niert recht gut, weil die Spre­che­rin aus der Posi­tion des unsichtbaren/​unscheinbaren Beob­ach­ters, der Souf­fleuse, agiert. In der Pri­vat­my­tho­lo­gie wird der die­nend-unter­stüt­zende Hilfs­dienst die­ser Funk­tion für das Thea­ter, genauer: die Oper, zur mys­ti­schen Erfah­rung hoch­sti­li­siert, zum erfül­len­den Lebens­traum. Es wird aber durch­aus auf geschickte und unter­grün­dige, aber erkenn­bare Weise auch die eigene Posi­tion reflek­tiert, zum Bei­spiel im Ver­lust der Rest-Sicht­bar­keit durch den mit­ti­gen Souf­fleur­kas­ten und die Ver­ban­nung auf die Sei­ten­bühne, die nicht glei­cher­ma­ßen Teil der Auf­füh­rung ist: dort unter­hal­ten sich Tech­ni­ker und war­tende Sän­ger wäh­rend der Oper … Zugleich zu die­ser wahr­ge­nom­me­nen Mar­gi­na­li­sie­rung – im Kon­trast dazu und zu den Erin­ne­run­gen der prä­fi­gu­rie­ren­den Demü­ti­gun­gen der Schul­zeit (die sehr selt­sam als eine Art Kreu­zi­gung am Rut­schen­ge­rüst erin­nert wer­den, mit Lanze und Essig und allem drum­herum …) ist der Bewuss­st­seins­strom aber auch die Kon­struk­tion einer tota­len Macht­po­si­tion: von ihr ist alles, ins­be­son­dere eben die Diva Gils­brod abhän­gig – und damit das ganze Thea­ter, die Stadt, das Publi­kum: „mir gehört der Text“ (39).

Der Text ist aber nicht ohne Dra­ma­tur­gie gebaut, zum Bei­spiel ver­schrän­ken und ver­mi­schen sich die diver­sen Zei­ten und Ebe­nen immer mehr. Auch das „Vor­drin­gen“ in die Figur „Gils­brod“ wird geschickt zei­chen­haft genutzt: Es beginnt an der Grenze zwi­schen außen und innen des Kör­pers, den Zäh­nen der Sän­ge­rin, und dringt über den Mund­raum immer wei­ter vor/​hinein …

Im Grunde ist Gils­brod eine große Rache­phan­ta­sie, die ja auch zu kei­nem Ende kommt: der Bewusst­seins­strom bricht in der gro­ßen (fal­schen!) Kadenz der Gils­brod ab, das „non so d’amarti“ ver­dich­tet sich, bis zu einer Art Man­tra – wenn man das hin­zu­zieht, könnte es natür­lich auch eine (unbe­wusste) Lie­bes­phan­ta­sie sein: „Ich weiß nicht, dass ich dich liebe“ …

[…] und des­halb gehen die Leute ja ins Thea­ter, weil sie nicht alleine lachen wol­len und sonst die ande­ren den­ken, sie wären ver­rückt, wie sol­len sie auch lachen, wenn sie nie­man­den zum Lachen haben, und so blei­ben sie lie­ber allein in ihrem Kum­mer, dabei ist es viel bes­ser, gemein­sam zu wei­nen und die Leute gehen ja ins Thea­ter, damit sie gemein­sam lachen und auch wei­nen kön­nen, wie auf der Beer­di­gung, sie beer­di­gen ihren Kum­mer im Thea­ter und beer­di­gen sich selbst, vor­zei­tig, sie beer­di­gen sich gegen­sei­tig und beer­di­gen alles, was ist, sie beer­di­gen die Lan­ge­weile, das Leben und die Hoff­nung der Figu­ren, die Flug­ver­su­che und die Wet­ter­wech­sel, sie beer­di­gen das Licht hin­ter den Vor­hang­de­cken wie zum Schlaf und zum Abschluss gibt es rau­schen­den Applaus und nie­mand denkt, dass sie ver­rückt sind, auch wenn alle nach vorne star­ren […] (69)
Titus Meyer: Andere DNA. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2016. 56 Sei­ten. ISBN 978 – 3-942901 – 20-8.

Ein gan­zer Roman als Palin­drom, ein Palin­drom als Roman – geht das? Ein paar mei­ner Lek­tü­re­be­ob­ach­tun­gen zu die­ser Frage und ande­ren, die mich beim Lesen von Mey­ers Husa­ren­stück beweg­ten, habe ich schon vor eini­gen Tagen hier notiert.

Chris­tian Bro­ecking: Die­ses unbän­dige Gefühl der Frei­heit. Irène Schwei­zer – Jazz, Avant­garde, Poli­tik. Die auto­ri­sierte Bio­gra­fie. Ber­lin: Bro­ecking Ver­lag 2016. 479 Sei­ten. ISBN 9783938763438.

broecking, schweizer-biografie (cover)Eine große – und außer­dem auch noch auto­ri­sierte – Bio­gra­fie der gro­ßen Jazz­pia­nis­tin Irène Schwei­zer wollte Chris­tian Bro­ecking (den ich vor allem als Autor/​Interviewpartner sei­ner bei­den Respect-Bände kenne) hier wohl vor­le­gen. Raus­ge­kom­men ist ein müh­sa­mer Bro­cken. Den Bro­ecking schreibt auf den immer­hin fast 500 Sei­ten viel­leicht (gefühlt zumin­dest) ein Dut­zend Sätze selbst. Diese Bio­gra­fie ist näm­lich gar keine, es gibt kei­nen Erzäh­ler und eigent­lich auch kei­nen Autor. An deren Stel­len tre­ten (fast) nur Quel­len, das heißt Zeit­zeu­gen, deren Aus­sa­gen zu und über Irène Schwei­zer aus Inter­views hier grob sor­tiert wur­den und höchs­tens mit ein­zel­nen Sät­zen not­dürf­tig zusam­men­ge­flickt wer­den. Der doku­men­ta­ri­sche Anspruch – die ande­ren also ein­fach erzäh­len zu las­sen (aber auch die Fra­gen strei­chen, was manch­mal selt­same „Texte“ ergibt) – geht dann auch so weit, dass eng­lisch­spra­chige Ant­wor­ten nicht über­setzt wer­den. Viel Mate­rial wird also mehr oder weni­ger sinn­voll gereiht. Nach her­kömm­li­chen Maß­stä­ben ist das eher die Samm­lung, die Vor­ar­beit zu einer eigent­li­chen Bio­gra­fie, die das (ein-)ordnend und deu­tend erzäh­len würde.

Dadurch ist das vor allem eine Arbeits­bio­gra­phie und/​oder ein Musik­ta­ge­buch: Wer wann mit wem wo gespielt hat, das gibt den Rah­men für die Lebens­be­schrei­bung ab. Aber selbst das geht mit der Zeit und den Sei­ten der unend­li­chen Rei­hen von Kon­stel­la­tio­nen und Orten zuneh­mend unter, weil es ein­fach zu viel ist. Men­schen kom­men kaum/​nicht vor, nur Funk­tio­nen: Musi­ker, Künst­ler, Orga­ni­sa­to­ren, Label­chefs und (wenige) Jour­na­liste) – des­halb bie­tet das Buch auch nur Innen­sich­ten aus dem Umfeld Schwei­zers. Und Bro­ecking hilft durch seine Abwe­sen­heit als Autor eben auch nicht: Einen außenstehenden/​neutralen (oder wenigs­tens pseudo-objek­ti­ven) Beob­ach­ter kann der Text nicht auf­wei­sen. Ich denke, dar­aus rüh­ren dann auch andere Schwä­chen. Vie­les bleibt ein­fach ohne Erklä­rung. Und wenn ich keine Erklä­rung bekomme, brau­che ich auch keine Bio­gra­fie …

Zum Bei­spiel wird die Größe Schwei­zers zwar immer wie­der beschwo­ren, sie bleibt dabei aber aus­ge­spro­chen unklar, ohne Kon­tu­ren und ohne Grund. Das liegt viel­leicht auch daran, dass die Musik in den (sowieso äußerst knap­pen) Beschrei­bun­gen (Ana­ly­sen kom­men mit Aus­nahme des zehn­sei­ti­gen Anhangs „Jungle Beats“ von Oli­ver Senn & Toni Bech­told, der anhand exem­pla­risch aus­ge­wähl­ter Auf­nah­men Schwei­zers Musik, ihren Per­so­nal­stil beschreibt, fast über­haupt nicht vor) selbst so gene­risch bleibt: frei impro­vi­siert, dann wird mal die­ser Ein­fluss (Cecil Tay­lor etwa) her­vor­ge­ho­ben, dann mal der jener betont (Monk etwa). Und immer wie­der wird von den Inter­view­ten dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sie keine Noten mag. Aber was sie wie spielt, kann man halt nicht so recht lesen, nur in ver­streu­ten Hin­wei­sen und Andeu­tun­gen (die auch eher ihre Prä­senz und Ener­gie auf der Bühne betref­fen). Auch die aus­ge­wähl­ten Zitate aus Kri­ti­ken und Pres­se­be­rich­ten blei­ben erschre­ckend gene­risch. Ähn­lich ist es um die poli­ti­sche Dimen­sion des Lebens von Irène Schwei­zer und ihrer Musik bestellt: Bei­des wird vor allem behaup­tet („diese Musik ist poli­tisch“), aber wie und warum, das steht nir­gends, das wird nicht erklärt (und gerade da würde es (für mich) span­nend wer­den …). Das alles führt dazu, dass mich die Lek­türe etwas unbe­frie­digt zurück­ge­las­sen hat: Sicher kommt man um die­sen Band kaum herum, wenn man sich mit Schwei­zer und/​oder ihrer Musik befasst. Aber Ant­wor­ten kann er kaum geben. 

Ian Bos­tridge: Schu­berts Win­ter­reise. Lie­der von Liebe und Schmerz. Mün­chen: Beck 2015. 405 Sei­ten. ISBN 978 – 3-406 – 68248-3.
Meine Ein­drü­cke von Ian Bos­tridges gro­ßem, umfas­sen­den Buch über die Schu­bert­sche Win­ter­reise haben einen eige­nen Ein­trag bekom­men, und zwar hier: klick.

außer­dem gele­sen:

  • Katha­rina Röggla: Cri­ti­cal Whi­ten­ess Stu­dies und ihre poli­ti­schen Hand­lungs­mö­lich­kei­ten für Weiße Anti­ras­sis­tIn­nen. Wien: man­del­baum kri­tik & uto­pie 2012 (Intro. Eine Ein­füh­rung). 131 Sei­ten.
  • Selma Meer­baum-Eisin­ger: Blü­ten­lese. Gedichte. Stutt­gart: Reclam 2013. 136 Sei­ten.
  • Monika Rinck: Wir. Phä­no­mene im Plu­ral. Ber­lin: Ver­lags­haus Ber­lin 2015 (Edi­tion Poe­ti­con 10).

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  • Der Feh­ler­teu­fel arbei­tet jetzt als Fak­ten­che­cker | Über­me­dien → wenn die über­prü­fung der wahr­heits­ge­halte von poli­ti­ker­aus­sa­gen der über­prü­fung auf die wahr­heits­ge­halte nicht stand­hält – und die medien die über­prü­fung der über­prü­fung unter­las­sen – dann ist ste­fan nig­ge­meier etwas genervt …:
    Ach, es ist ein Kreuz. Und was für eine Iro­nie, dass meh­rere Medien einen Fak­ten­check fei­ern, ohne grob die Fak­ten zu che­cken.
  • Glo­ba­li­sie­rung am Wohn­zim­mer­tisch | zeit​ge​schichte​-online​.de → der zeit­his­to­ri­ker frank bösch über rupert neu­deck

    Da Neu­deck keine Erfah­run­gen in die­sem Feld hatte, trat er zunächst mit rela­tiv unbe­darf­ten Kon­zep­ten für die Ret­tung und Über­füh­rung der Boat People ein. Doch gerade diese anfäng­li­che Blau­äu­gig­keit machte vie­les mög­lich.

    Neu­decks Hilfs­ak­tio­nen stan­den für einen Wan­del des poli­ti­schen Enga­ge­ments in Deutsch­land. Im Unter­schied zu den Soli­da­ri­täts- und „Dritte Welt“-Gruppen der 1970er Jahre waren sie nicht welt­an­schau­lich kon­no­tiert, son­dern setz­ten über­par­tei­lich auf kon­krete Hilfe. Nicht Theo­rien und Worte, son­dern Taten ohne ideo­lo­gi­schen Über­bau zähl­ten für ihn. </​blockquote

  • Pres­se­frei­heit in Thü­rin­gen: Die Poli­zei, Hel­fer der Rech­ten? | taz
    Ver­gan­gene Woche reich­ten die Jour­na­lis­ten Klage vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Wei­mar ein. Die Poli­zei habe sich von den Neo­na­zis instru­men­ta­li­sie­ren las­sen, kri­ti­sie­ren sie. „Die Platz­ver­weise ent­beh­ren jeder Grund­lage“, kri­ti­siert Röp­kes Anwalt Sven Adam. „Statt die For­de­run­gen von Neo­na­zis umzu­set­zen, muss die Poli­zei die Pres­se­frei­heit durch­set­zen.“
  • Über Gedichte und ihre Kri­tik: Wo Jupi­ter Kanin­chen hütet | NZZ → nico bleutge über die mög­lich­kei­ten und not­wen­dig­kei­ten von lyrik und einer ihr ange­mes­se­nen kri­tik

    Gedichte sind nichts, was man mal eben hübsch neben­her liest, um sich an einem klei­nen ästhe­ti­schen Kit­zel zu erfreuen und dann alles wie­der zu ver­ges­sen. Viel­mehr kön­nen sie wie keine andere Art von Lite­ra­tur Gesell­schaft, ihre Spra­che und ihre Struk­tur reflek­tie­ren, nach Über­setz­bar­keit fra­gen, Nor­mie­run­gen unter­lau­fen – und damit Erkennt­nis bie­ten. Nicht durch das, was sie sagen, son­dern dadurch, wie Gedichte es sagen, wie sie mit sprach­li­chen Struk­tu­ren umge­hen, sie wen­den, ein Netz von Moti­ven aus­wer­fen, Bedeu­tun­gen, Mus­ter und Klänge auf­grei­fen und ver­schie­ben. Und so für Offen­heit sor­gen, Denk­mög­lich­kei­ten frei­le­gen.

Die andere DNA der Sprache: Titus Meyers Palindrom-Roman

meyer, andere dna (cover)Kann man einen Roman als Palin­drom schrei­ben? Oder ein Palin­drom als Roman schrei­ben und lesen? Titus Meyer ver­sucht es zumin­dest. Andere DNA heißt das Ergeb­nis (natür­lich selbst eines der vie­len Palin­drome in die­sem Palin­drom), das – wie schon sein Band mit Palin­drom-Gedich­ten – bei Rei­ne­cke & Voß erschie­nen ist. Ich habe jetzt nicht kon­trol­liert, ob das wirk­lich ein Palin­drom ist. 56 Sei­ten sind zwar für einen Roman erst ein­mal nicht viel Text, aber sehr, sehr, sehr viel, um ein Palin­drom zu über­bli­cken. Ich ver­traue da also mal Autor und Ver­lag …

Geglie­dert ist Andere DNA als lose Folge von kur­zen Abschnit­ten (meist 1 – 2 Sei­ten, manch­mal auch mehr) mit so schö­nen Titeln wie „Sin­ne­ten­nis“, „Banale Magd“ oder „Ein­sie­de­lei“, aber auch eher gene­risch („Tod“, „Zeit“, „Moral“ zum Bei­spiel). Hier gibt es tat­säch­lich so etwas wie the­ma­ti­sche Zusam­men­hänge der wil­den syn­tak­ti­schen Kon­struk­tio­nen Mey­ers. Als gan­zes konnte ich dem Buch aber weder einen kohä­ren­ten Inhalt noch ein wirk­li­ches Thema ent­neh­men. Darum geht es wohl auch gar nicht. Denn mit Erzäh­len hat das hier natür­lich nichts zu tun. Es ist ja schon die Frage, ob man so etwas über­haupt Schrei­ben nen­nen kann. Und wer schreibt dann hier? Der Autor oder die Regel?

Aber wahr­neh­men lässt sich trotz­dem etwas. Die Spra­che selbst, aber auch die bereits erwähn­ten Sinn­zu­sam­men­hänge oder Sinn­kon­strukte, die las­sen sich also beob­ach­ten. Aber meist nur gra­nu­lar: Ein paar Sätze, viel mehr sind das sel­ten („Ein­sie­de­lei“ ist so ein Fall, wo das auch mal über län­gere Stre­cke gelingt) – dann stol­pert der Text wie­der, der Sinn löst sich in alle Rich­tun­gen auf. Ich konnte das nur in klei­ne­ren Dosen lesen, nach ein paar weni­gen Sät­zen schon fängt der Kopf an zu schwir­ren.

Es gibt dabei durch­aus schöne Stel­len, wo auf ein­mal neue, gewagte, schöne For­mu­lie­run­gen auf­blit­zen. Auf irgend­wel­che Zusam­men­hänge darf man aber wirk­lich nicht zu sehr hof­fen. Vor allem aber stellte sich mir immer wie­der die Frage: Kann man das lesen? Und: Wie liest man so etwas eigent­lich? Klas­si­sches her­me­neu­ti­sches Lesen funk­tio­niert jeden­falls über­haupt nicht, das wird ganz schnell klar. Ich habe mich dann oft beim Lesen quasi selbst beob­ach­tet und gemerkt, wie man aus kleins­ten Hin­wei­sen Zusam­men­hänge, ja sogar „Geschich­ten“ kon­stru­ie­ren will. Bis man – oder eben der Text – sich wie­der bremst und sich irgend­wann ein­fach der Spra­che aus­lie­fert, auch wenn das tro­cken und wüst scheint. 

Und natür­lich hat Andere DNA auch Momente einer Leis­tungs­schau nach dem Motto: Seht her, auch das kann „Spra­che“, das kann Lite­ra­tur (und so etwas ver­track­tes bekomme ich als Autor hin …): Die Tech­no­lo­gi­zi­tät der Spra­che pur sozu­sa­gen als lite­ra­ri­schen Text ver­kör­pern und auf­zei­gen. Ob das aber mehr ist? Ich bin mir nicht so sicher. Etwas ande­res ist es auf jeden Fall. Und dann schwingt natür­lich auch noch ein gewis­ses kom­pe­ti­ti­ves Moment – ein so lan­ges Palin­drom gab es noch nie! – immer etwas mit. Ins­ge­samt aber habe ich das dann doch eher als proof of con­cept denn als mög­li­che (Weiter)Entwicklung einer zeit­ge­mä­ßen, zeit­ge­nös­si­schen Lite­ra­tur gele­sen. Aber viel­leicht habe ich dabei auch zu sehr von der Ober­flä­che ablen­ken las­sen, wer weiß …

Titus Meyer: Andere DNA. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2016. 56 Sei­ten. ISBN 9783942901208.

Geheimarmee von Improvisatoren

Das sind Erfah­run­gen und Hal­tun­gen, die ver­bin­den. Aus heu­ti­ger Sicht würde ich sagen, dass wir eine Geheim­ar­mee von Impro­vi­sa­to­ren waren, ver­schwo­ren, rebel­lisch, unbe­irr­bar. Unsere Mis­sion war der Avant­garde-Jazz und Irène [Schwei­zer] war an vor­ders­ter Front. Keith Tip­pett, in: Chris­tian Bro­ecking, Die­ses unbän­dige Gefühl der Frei­heit, 117

Ins Netz gegangen (13.6.)

Ins Netz gegan­gen am 13.6.:

  • Ret­tet das Oli­venöl! | Repor­ta­gen → eine tolle repor­tage über ein bak­te­rium, dass oli­ven­bäume tötet. und den ver­geb­li­chen kampf eini­ger ita­lie­ner und der eu dage­gen. und viel ver­schwö­rungs­theo­rie, irra­tio­na­li­tä­ten bei bau­ern, medien und jus­tiz – wun­der­bar geeig­net, alles vor­ur­teile über ita­lien zu bestä­ti­gen …
    Rielli denkt nach. Zwar sieht er sich selbst als umwelt­be­wuss­ten Men­schen, für den die Natur zuerst kommt, doch im Fall von Xylella hat er sich auf die andere Seite geschla­gen. Dass die Wis­sen­schaf­ter im Salento ebenso wie ihre über den Glo­bus ver­streu­ten Kol­le­gen die Mei­nung ver­tre­ten, Xylella sei die Haupt­ur­sa­che der Oli­ven­pest, über­zeugt ihn: «For­scher strei­ten sich meis­tens über ihre Erkennt­nisse, doch im Fall Xylella sind sie sich einig.» Ent­spre­chend kann er nicht nach­voll­zie­hen, dass die Men­schen im Salento eine ihrer wich­tigs­ten Ein­kom­mens­quel­len aufs Spiel set­zen, die Dro­hun­gen der loka­len Behör­den wie auch der EU igno­rie­ren und nichts ande­res zu tun wis­sen, als alle Pläne zur Lösung der Epi­de­mie zu unter­lau­fen, abstruse Theo­rien auf­zu­stel­len und mit den For­schern aus­ge­rech­net jene Per­so­nen in Ver­ruf zu brin­gen, die als Ein­zige das Pro­blem lösen kön­nen. Das alles will ihm nicht in den Kopf, also bestellt er einen drit­ten Gin, denkt wei­ter, bis sich Ella dazu­setzt, Archi­tek­tin aus Lecce, die ihn von einer sei­ner Lesun­gen kennt. Er erzählt, wor­über er nach­denkt: «Was ist los mit die­sem Land?» 

    Dann, Rielli ist längst in Bolo­gna zurück, holt die Jus­tiz im Salento zu einem Schlag aus, der jede Hoff­nung zunich­te­macht, das Kil­lerbak­te­rium Xylella fas­t­idiosa wirk­sam zu bekämp­fen, bevor es noch wei­ter Rich­tung Nor­den wan­dert. Ebenso zer­schlägt sich die Hoff­nung des For­schers Donato Boscia, dass die gegen ihn und andere For­scher erho­be­nen Vor­würfe fal­len­ge­las­sen wer­den: Am 18. Dezem­ber 2015 klagt die Staats­an­walt­schaft Lecce zehn Per­so­nen an, sich gemäss Arti­kel 500 des ita­lie­ni­schen Straf­ge­setz­buchs der «fahr­läs­si­gen Ver­brei­tung einer Pflan­zen­krank­heit» schul­dig gemacht zu haben, das geschützte Land­schafts­bild des Salento zu zer­stö­ren, die Behör­den belo­gen und Urkun­den gefälscht zu haben. Neun der Ange­klag­ten sind For­scher, dar­un­ter Donato Boscia, Sil­vio Schito sowie meh­rere Wis­sen­schaf­ter der Uni­ver­si­tät Bari. Der zehnte Ange­klagte ist Com­mis­sa­rio Giu­seppe Sil­letti als Voll­stre­cker der EU-For­de­run­gen. Zudem beschlag­nahmt die Staats­an­walt­schaft sämt­li­che zum Fäl­len bestimm­ten Bäume; sie dür­fen nicht ange­rührt wer­den, und sie ver­bie­tet den Bau­ern, die für die Ver­brei­tung von Xylella ver­ant­wort­li­chen Wie­sen­schaum­zi­ka­den zu bekämp­fen. Mit ande­ren Wor­ten: Sämt­li­che Ver­su­che, das Bak­te­rium ein­zu­däm­men, sind zunich­te­ge­macht.

  • Akten – Was nicht in der Welt ist | Süd­deut­sche → heri­bert prantl über die wich­tig­keit und not­wen­dig­keit von akten in einer funk­tio­nie­ren­den demo­kra­tie und die wich­tig­keit und not­wen­dig­keit, diese akten nicht nur zu füh­ren, son­dern auch ange­mes­sen zu archi­vie­ren. aus­lö­ser ist ein streit um ille­gal dem bun­des­ar­chiv nicht zur ver­fü­gung gestellte akten diver­ser (spitzen)politiker, die so der for­schung ganz (oder teil­weise) ent­zo­gen sind
  • The UK explai­ned sexual con­sent in the most Bri­tish way pos­si­ble | YouTube → sehr schö­ner klei­ner zei­chen­trick­film, der erklärt, wie ein­fach das eigent­lich mit konsens/​zustimmung bei sex ist
  • Pia­nist Igor Levit im inter­view: „Meine Witze wer­den lang­sam bes­ser!“ | Tages­spie­gel → igor levit ist nicht nur ein aus­ge­zeich­ne­ter pia­nist, son­dern offen­bar auch ein her­vor­ra­gen­der inter­view­part­ner (und twit­te­rer …)

Über Lieder von Liebe und Schmerz: Ian Bostridge erklärt Schuberts Winterreise

Es ist nicht mehr als ein klei­ner Aus­schnitt der fort­dau­ern­den Erkun­dung des kom­ple­xen und schö­nen Net­zes von Bedeu­tun­gen – musi­ka­li­sche und lite­ra­ri­sche, tex­tu­elle und meta­tex­tu­elle –, inner­halb des­sen die Win­ter­reise ihren Zau­ber her­vor­bringt.S. 396

bostridge, schuberts winterreise (cover)– Mit die­sem Schluss endet der bri­ti­sche Tenor Ian Bos­tridge (übri­gens ein aus­ge­bil­de­ter His­to­ri­ker) sein gro­ßes, fas­zi­nie­ren­des und in sei­ner berei­chern­den Klug­heit aus­ge­spro­chen lesens­wer­tes Buch über Schu­berts Win­ter­reise. Aber es ist ein Satz, der das, was auf den knapp vier­hun­dert Sei­ten zuvor pas­siert ist, sehr gut auf den Punkt bringt. Lie­der von Liebe und Schmerz hat der deut­sche Ver­lag Bos­tridges Buch im Unter­ti­tel benannt. Das eng­li­sche Ori­gi­nal finde ich pas­sen­der: Ana­tomy of an Obses­sion. Denn bei­des, das sezie­rende Unter­su­chen als auch die obses­sive Beschäf­ti­gung mit dem Kunst­werk, bringt das Ver­hält­nis von Bos­tridge zur Win­ter­reise sehr gut auf den Punkt. Und bei­des, die Ana­lyse und die emo­tio­nale Bin­dung, merkt man dem Text eigent­lich auf jeder Seite an: Jede Seite die­ses groß­ar­ti­gen Buches, das Lied für Lied die Win­ter­reise unter die Lupe nimmt, lässt die obses­sive Liebe und die jahr­zehn­te­lange Beschäf­ti­gung mit Musik und Text, mit Dich­ter und Kom­po­nist, mit Hin­ter­grün­den und Bedeu­tun­gen spü­ren.

Lied für Lied – diese Glie­de­rung greift das gut gemachte (ich habe – abge­se­hen von der prin­zi­pi­ell etwas unsin­ni­gen Über­set­zung eng­li­scher Über­set­zun­gen deut­scher Texte – nur einen Über­set­zungs­feh­ler bemerkt – der ist aller­dings etwas pein­lich, weil er das eng­li­sche b-minor mit b-moll statt h-moll über­setzt und auf der sel­ben Seite auch noch rich­tig vor­kommt …) und schön aus­ge­stat­tete Buch auch äußer­lich auf. Bos­tridge folgt damit zwar der Dra­ma­tur­gie Schu­berts (die ja, wie er mehr­fach dar­legt, von der Rei­hen­folge Mül­lers abweicht), gestat­tet sich aber auch Frei­hei­ten: Man­che Kapi­tel sind auf­fal­lend kurz, andere etwas aus­schwei­fend. Man­che bie­ten eine sehr kon­zen­trierte Ana­lyse von Text und Musik, andere lie­fern vor allem geschicht­li­che, poli­ti­sche, wirt­schaft­li­che, sozio­lo­gi­sche Hin­ter­gründe. Wie er prin­zi­pi­elle Beob­ach­tun­gen und Anmer­kun­gen über die ein­zel­nen Lied­ka­pi­tel ver­teilt, das ist sehr geschickt. Die sind dadurch näm­lich immer mehr als bloße Kom­men­tare oder Erläu­te­run­gen, das Buch wird nicht zu einer seri­ell-sche­ma­ti­schen Ana­lyse, son­dern zu einem gro­ßen Gan­zen: Alles in allem ist das eine groß­ar­tige Samm­lung von Wis­sen aus allen Berei­chen zu den 1820er Jah­ren. Da liegt aber auch schon eines der Pro­bleme, die ich damit hatte (neben der meist feh­len­den Refe­ren­zie­rung des ange­sam­mel­ten Wis­sens): Bei Bos­tridge wer­den die 1820er in Tech­nik, Öko­no­mie, Gesell­schaft und Poli­tik zu einem frü­hen Höhe­punkt der Moder­ni­sie­rung. Ich bin mir nicht so recht sicher, ob das stimmt (und ob es hilf­reich wäre). Für ein end­gül­ti­ges Urteil fehlt mir da frei­lich etwas Wis­sen, mir schei­nen diese Jahre aber doch mehr Durch­gang als Gip­fel zu sein.

Ein ande­rer Punkt, bei dem ich Bos­tridge immer wie­der wider­spre­chen möchte, ist die Iro­nie. Die fin­det er in der Win­ter­reise näm­lich wesent­lich häu­fi­ger und stär­ker als ich das immer nach­voll­zie­hen kann. Ähn­lich geht es mir mit der poli­ti­schen Dimen­sion von Text und Musik. In bei­den Fäl­len möchte ich Bos­tridges Deu­tun­gen gar nicht von vorn­her­ein ver­wer­fen, sie schei­nen mir in die­sen Aspek­ten aber etwas über­spitzt. Deut­lich wird das etwa bei sei­nen Aus­füh­run­gen zum „Köh­ler“, der (bzw. des­sen Hütte, er selbst ja gerade nicht) in der Win­ter­reise genau ein­mal vor­kommt: Das kann man als mög­li­che poli­ti­sche Chif­fre lesen, so zwin­gend, wie Bos­tridge das dar­stellt, ist diese Les­art aber mei­nes Erach­tens nicht. Über­haupt hat mich seine poli­ti­sche Les­art vie­ler Lie­der (bzw. eigent­lich nur ihrer Texte, in die­sem Deu­tungs­zu­sam­men­hang spielt die Musik keine Rolle) nicht so sehr befrie­digt, zumal sie ja doch erstaun­lich indif­fe­rent bleibt. Ähn­lich ist es übri­gens um Schu­bert selbst hier bestellt: Zum einen wird er als poli­ti­scher Künst­ler, der extrem unter den har­ten Bedin­gun­gen der vor­märz­li­chen Zen­sur litt, dar­ge­stellt. Zugleich ist er für Bos­tridge aber auch ein Kom­po­nist, der ganz unbe­dingt ein Ideal des rei­nen, tran­szen­den­ten Künst­ler­tums ver­folgt – zwei Les­ar­ten, die hier fast naht­los inein­an­der über­ge­hen, die ich aber nicht so recht zusam­men bekomme.

Das alles macht aber wenig bis nicht. Denn Bos­tridge zu lesen, ja eigent­lich: zu schmö­kern, ist auf jeden Fall ein gro­ßer Gewinn. Zumal das Buch auch, ich sagte es schon, ein­fach schön ist und auch mit Abbil­dun­gen nicht geizt. Schade fand ich aller­dings, um das Lob gleich wie­der ein biss­chen ein­zu­schrän­ken, dass Bos­tridge so wenig über die Musik und ihre Details spricht. Mein Ein­druck war da, dass die­ses Ele­ment in der Fülle der Zugänge und Mate­ria­lien, die er zur Win­ter­reise zusam­men­ge­tra­gen hat, etwas unter­geht. Von einem Sän­ger hätte ich mir gerade auf die­sem Gebiet mehr musi­ko­lo­gi­sche Ana­lyse und Beschrei­bung gewünscht. Aber das wäre dann viel­leicht ein ande­res Buch gewor­den.

Es ist näm­lich wirk­lich selt­sam mit die­sem Buch: Als Gan­zes finde ich es immer noch ziem­lich groß­ar­tig, es ist ein (über)reiches Buch, das dem Ver­ständ­nis der Win­ter­reise auf jeden Fall in gro­ßem Maße dient und das Hören (oder Musi­zie­ren) unge­mein berei­chern kann. Im Detail finde ich aber vie­les frag­wür­dig und würde oft wider­spre­chen. Ein paar kleine, fast will­kür­li­che Bei­spiele: Den Natio­nal­so­zia­lis­mus und den Zwei­ten Welt­krieg aus einer typisch deut­schen „roman­ti­schen Todes­be­ses­sen­heit“ (118) zu erklä­ren wol­len – das ist ein­fach Quatsch. Oder wenn ein Fer­ma­ten­zei­chen zu einem „alles­se­hen­den Auge“ (178) wird. Manch­mal ist es auch vor allem eine große Fleiß­leis­tung, wenn er etwa zum „Früh­lings­traum“ über meh­rere Sei­ten das Vor­kom­men von Eis­blu­men in der Kunst- und Lite­ra­tur­ge­schichte refe­riert, was aber weder mit Mül­ler noch mit Schu­bert in Ver­bin­dung steht. Da erschließt sich mir dann nicht so ganz der Zweck, den das für eine Ana­lyse oder Inter­pre­ta­tion die­ses Kunst­wer­kes haben soll. 

Aber: Die Welt von Schu­berts Win­ter­reise kann der über­aus gebil­dete Bos­tridge mit sei­nem gesam­mel­tem Wis­sen und sei­nen genauen, viel­fäl­ti­gen, empha­ti­schen Beob­ach­tun­gen eben doch ganz toll ent­fal­ten und wun­der­bar ver­mit­teln. Es ist übri­gens kein Ver­se­hen, wenn ich von Schu­berts Win­ter­reise sprach: Der Schwer­punkt sei­ner Betrach­tun­gen liegt auf Schu­bert und sei­ner Musik, auch wenn der Text und sein Autor, Wil­helm Mül­ler, nicht ganz außen vor blei­ben. Auch die Rezep­tion der Win­ter­reise wird nicht ver­ges­sen. Und seine intime Ver­traut­heit en detail & en gros mit dem Werk sowie seine dop­pelte Auto­ri­tät als aus­üben­der Sän­ger und for­schen­der His­to­ri­ker tun dem Buch sehr gut: Er weiß, wovon er redet. Und nach der Lek­türe seine Buches weiß man auch, was man da eigent­lich hört (oder: hören kann!), wenn man der Win­ter­reise lauscht.

Ian Bos­tridge: Schu­berts Win­ter­reise. Lie­der von Liebe und Schmerz. 2. Auf­lage. Mün­chen: Beck 2015. 405 Sei­ten. ISBN 978 – 3-406 – 68248-3.

Ins Netz gegangen (10.6.)

Ins Netz gegan­gen am 10.6.:

  • Debatte um Ver­gü­tung: Wenig Fair­ness im Umgang mit Auto­ren | Deutsch­land­ra­dio → henry stein­hau über die bezie­hung zwi­schen ver­la­gen und auto­rin­nen:
    Ver­lage soll­ten ihre Kräfte dar­auf ver­wen­den, trag­fä­hige Geschäfts­mo­delle zu ent­wi­ckeln. Und zwar sol­che, die nicht dar­auf ange­wie­sen sind, den Auto­ren eine Betei­li­gung an Ver­gü­tun­gen abzu­rin­gen.
  • Der #öffent­li­che_­Raum ist immer poli­tisch. Ein Gespräch mit Chris­toph Haerle (Teil 1) | Geschichte der Gegen­wart → phil­ipp sara­sin hat sich mit dem archi­tek­ten, stadt­pla­ner und künst­ler chris­toph haerle über den öffent­li­chen raum unter­hal­ten. im ers­ten teil geht es vor allem um die geschichte des öffent­li­chen raums bis ins 19. jahr­hun­dert – sehr span­nend.
  • Der post­mo­derne #öffent­li­che_­Raum. Ein Gespräch mit Chris­toph Haerle (Teil 2) | Geschichte der Gegen­wart → der zweite teil des gesprächs von phil­ipp sara­sin mit chris­toph haerle, nun zu den öffent­li­chen räu­men des 20. jahr­hun­derts und der gegen­wart – und deren pro­ble­men und gefähr­dun­gen.
  • Mein Vater, der bekannte Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker | Broadly → die toch­ter eines ein­fluss­rei­chen ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kers („trut­her“) erzählt

    Gerade weil Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker immun gegen jedes noch so ver­nünf­tige Argu­ment aus der „Main­stream-Welt“ sind, sehe ich diese Bewe­gung als äußerst gefähr­lich an. Wie viele sub­ver­sive Grup­pen aus dem rech­ten Lager, holen sich die Trut­her meis­tens Leute aus schwie­ri­gen sozia­len Ver­hält­nis­sen ins Boot. Men­schen, die froh über Sün­den­bö­cke sind und in elo­quen­ten Per­sön­lich­kei­ten Füh­rung suchen. Die Trut­her bestrei­ten eine Zuge­hö­rig­keit zum rech­ten Lager zwar vehe­ment, jedoch spre­chen meine per­sön­li­chen Erfah­run­gen für sich. Sexis­mus, Homo­pho­bie und Ras­sis­mus sind genauso ver­brei­tet, wie eine fehl­ge­lei­tete Vor­stel­lung von Kul­tur und Hei­mat­liebe.

  • Was darf die Satire? – Kurt Tuchol­sky, Jan Böh­mer­mann und die Fol­gen | lite​ra​tur​kri​tik​.de → ste­fan neu­haus über satire von tuchol­sky und böh­mer­mann, unter beson­de­rer berück­sich­ti­gung ihrer ästhe­ti­schen und poli­ti­schen impli­ka­tio­nen in deutsch­land
  • Ver­fas­sungs­recht­ler über die AfD: „Unver­ein­bar mit dem Grund­ge­setz“ | taz​.de → jurist joa­chim wie­land im taz-inter­view über das grund­satz­pro­gramm der afd:
    Aus mei­ner Sicht ver­sucht die AfD, die Grenze, die die Ver­fas­sung zulässt, bis ins Äußerste aus­zu­tes­ten. Dabei arbei­tet sie mit unkla­ren Begrif­fen, damit sie, wenn sie zur Rede gestellt wird, sagen kann: So war das gar nicht gemeint. In eini­gen Punk­ten sehe ich den Men­schen­rechts­kern des Grund­ge­set­zes ver­letzt. Das könnte die AfD, selbst wenn sie ent­spre­chende Mehr­hei­ten hätte, nicht umset­zen, ohne dass es zu einer ein­deu­ti­gen Ver­fas­sungs­ver­let­zung käme. Man muss also sagen: Die AfD bewegt sich in vie­lem an der Grenze zur Ver­fas­sungs­wid­rig­keit und in man­chem hat sie diese Grenze bereits über­schrit­ten.
  • EBooks vs Papier-Bücher: Vom Kul­tur­wan­del und not­wen­di­gen Lern­pro­zes­sen (in der Schule) | herrlar​big​.de → herr lar­big denkt dar­über nach, was eigent­lich den unter­schied zwi­schen papier­buch und ebook aus­macht

    Wäh­rend wir das ana­loge Buch aus Papier nach wie vor gut im Rah­men der von uns erlern­ten (hart­nä­cki­gen) Mus­ter des Lesens auf­zu­neh­men und zu bear­bei­ten wis­sen, ver­langt das digi­tale Buch von uns, in einen Lern- und Gewöh­nungs­pro­zess ein­zu­tre­ten.

    Es muss gelernt wer­den, wie man mit den ver­än­der­ten Mög­lich­kei­ten des Daten­trä­gers zu arbei­ten ver­mag und man muss sich gleich­zei­tig daran gewöh­nen, dass Texte die Dimen­sion der Tiefe im Sinne von Sei­ten­zah­len »ver­lie­ren«. – Dies ist aller­dings viel mehr als eine Frage der Hap­tik.

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