»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Mehr ver­ste­hen als sagen
ist eine Art von Glück
und mit geschlos­se­nen Augen sehen
auch

—Urs Enge­ler, Frohe Gedichte

Twitterlieblinge Juli 2015


http://twitter.com/FJ_Murau/status/622485260354363392


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Verführung

Über den Per­len­tau­cher (der über die FAZ dar­auf auf­merk­sam wurde) bin ich heute auf eine ganz und gar wun­der­bare, ver­zau­bernde und ent­rü­ckende Cho­reo­gra­phie des Boléro von Mau­rice Ravel auf­merk­sam gewor­den:

Die Cho­reo­gra­phie von Mau­rice Béjart mit Maja Plis­sez­kaja als Pri­ma­bal­le­rina ist zwar über­haupt nicht neu — näm­lich von 1961 -, war mir aber nicht bekannt — und nach der x. Wie­der­ho­lung des gran­dio­sen Videos (eine Auf­nahme von 1979) bin ich immer noch aus­ge­spro­chen glück­lich, das jetzt auch gese­hen zu haben.

Taglied 27.7.2015

Pos­tyr, Up for Air:

Ins Netz gegangen (27.7.)

Ins Netz gegan­gen am 27.7.:

  • Wozu Gen­der Stu­dies? » For­schung & Lehre — ein klu­ger essay des main­zer sozio­lo­gen ste­fan hirschauer über die lage und not­wen­dig­keit der gen­der stu­dies, der gegen »sepa­ra­tis­mus« und abschlie­ßung, aber unbe­dingt für die not­wen­dig­keit der gen­der stu­dies argumentiert
  • Zur Erin­ne­rung an Ulrich Zie­ger | Hundertvierzehn.de — »Der Lun­gen­fisch spricht aus der Tiefe« — der Fischer-Blog 114 erin­nert mit den spä­ten Gedicht »Gesöff« an den ver­stor­be­nen Ulrich Zieger
  • Monika Rinck: Sie wir­belt das Den­ken auf | ZEIT ONLINE — sehr schöne wür­di­gung der groß­ar­ti­gen monika rinck von tobias lehm­kuhl (anläss­lich (wobei das aber ein biss­chen an den haa­ren her­bei­ge­zo­gen wirkt) der im herbst anste­hen­den ver­lei­hung des kleist-preises an rinck)
    Auch in Rincks Gedich­ten ste­hen immer wie­der schein­bar dis­pa­ra­teste Dinge neben­ein­an­der, die »Daten­lage« ver­kehrt sich da in eine »Gar­ten­trage«, und zum Sel­le­rie wird »Schnitz­ler« ser­viert. Gesi­cherte Erkennt­nisse haben in Rincks Werk kei­nen Platz. Im Gegen­teil, die Welt ver­meint­li­cher Gewiss­hei­ten wird hier skep­tisch beäugt

  • Bay­reu­ther Defi­zite: Wahn um Wahn­fried — NZZ Bühne — udo bermbach rech­net unbarm­her­zig mit dem bay­reu­ther klein­mü­tig­kei­ten rund um wag­ners erbe ab

Richard Wagner redivivus

Viel­leicht ist es ein Natur­ge­setz, daß Leute die Richard Wag­ner nicht mögen, nur mit Leu­ten bekannt wer­den, die gleich­falls Richard Wag­ner nicht mögen. Ich ver­stehe nichts von Musik, ich höre sie nur gern, auch habe ich nie­mals Nietz­sche gele­sen, aber ich kann mir ein­fach nicht vor­stel­len, daß man die Musik Wag­ners liebt. […] Hun­derte von Men­schen, von jun­gen Men­schen beson­ders, haben mir das glei­che gesagt: daß sie diese Musik als irgendwo und irgend­wie falsch emp­fän­den, als pene­trant unfromm (ohne daß sie dabei frei und heid­nisch wäre), als ein­fach ver­däch­tig. […]
Las­sen wir Wag­ner denen, die ihr natio­na­les Res­sen­ti­ment an dem Blech­pa­thos des »Ehrt Eure deut­schen Meis­ter« auf­fr­si­chen müs­sen (weil das ja ein­fa­cher ist, als die jun­gen deut­schen Meis­ter von Hin­de­mith bis Orff ver­ste­hen zu ler­nen).Alfred Andersch, Richard Wag­ner redi­vi­vus? (1947) [In: Alfred Andersch: Gesam­melte Werke in zehn Bän­den. Band 8: Essay­is­ti­sche Schrif­ten I. Zürich: Dio­ge­nes 2004, S. 68ff.]

Ins Netz gegangen (20.7.)

Ins Netz gegan­gen am 20.7.:

  • «Digi­tal Huma­nities» und die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten: Geist unter Strom — NZZ Feuille­ton — sehr selt­sa­mer text von urs haf­ner, der vor allem wohl seine eigene skep­sis gegen­über »digi­tal huma­nities« bestä­ti­gen wollte. dabei unter­laufe ihm einige feh­ler und er schlägt ziem­lich wilde vol­ten: wer »huma­nities« mit »human­wis­sen­schaf­ten« über­setzt, scheint sich z.b. kaum aus­zu­ken­nen. und was die ver­zer­rende dar­stel­lung von open access mit den digi­tal huma­nities zu tun hat, ist auch nicht so ganz klar. ganz abge­se­hen davon, dass er die fächer zumin­dest zum teil fehl­re­prä­sen­tiert: es geht eben nicht immer nur um close rea­ding und inter­pre­ta­tion von ein­zel­tex­ten (abge­se­hen davon, dass e-mailen mit den digi­tal huma­nities unge­fähr so viel zu tun hat wie das nut­zen von schreib­ma­schi­nen mit kittler’schen medientheorien …)
  • Lyrik: Reißt die Sei­ten aus den Büchern! | ZEIT ONLINE — nette idee von tho­mas böhm, die lyrik zu ver­ein­zeln (statt in lyrik­bän­den zu sam­meln), das gedicht als opti­sches sprach­kunst­werk zu ver­mark­ten (auch wenn ich seine argu­men­ta­tio­nen oft über­haupt nicht über­zeu­gend finde)
  • Ein­sam auf der Säule « Lyrik­zei­tung & Poe­try News — gute kri­tik­kri­tik zur bespre­chung des aktu­el­len »Jahr­buchs für Lyrik« in der »zeit«, die auch mich ziem­lich ver­wun­dert hat.
    Unter­schei­dung, Alter­na­ti­ven, Schwer­punkt­set­zung? Fehl­an­zeige. Rez. zieht es vor, sich als scharfe Kri­ti­ke­rin zu insze­nie­ren, jede Dif­fe­ren­zie­rung schwächte das Bild nur. Lie­ber auf der Schul­ter von Rie­sen, hier neben Krü­ger, Benn & Co. vor allem Jos­sif Brodsky, auf die behaup­tet magere deut­sche Szene her­ab­bli­cken. Ein­sam ist es dort oben auf der Säule!

  • Ver­kehrs­si­cher­heit: Brun­ners letzte Fahrt | ZEIT ONLINE — sehr inten­sive repor­tage von hen­ning sus­se­bach über die pro­bleme der/mit altern­den auto­fah­rern (für mei­nen geschmack manch­mal etwas trä­nen­drü­sig, aber ins­ge­samt trotz­dem sehr gut geschrie­ben)
    Urlaubs­zeit in Deutsch­land, Mil­lio­nen Rei­sende sind auf den Stra­ßen. Da biegt ein 79-Jähriger in fal­scher Rich­tung auf die Auto­bahn ein – fünf Men­schen ster­ben. Ein Unglück, das zu einer bri­san­ten Frage führt: Kann man zu alt wer­den fürs Autofahren?

  • Lyrik und Rap: Die här­teste Gang­art am Start | ZEIT ONLINE — uwe kolbe spricht mit mach one (sei­nem sohn) und kon­stan­tin ulmer über lyrik, raps, rhyth­mus und the­men der kunst
    Dass ich mit mei­nen Gedich­ten kein gro­ßes Publi­kum errei­che, ist für mich etwas, wor­un­ter ich sel­ten leide. Ich möchte das, was ich mache, auf dem Niveau machen, das mir vor­schwebt. Dabei nehme ich auch keine Rück­sicht mehr. Ich gehe an jeden Rand, den ich errei­chen kann.

  • Rai­nald Goetz: Der Welt­ab­schrei­ber | ZEIT ONLINE — sehr schöne und stim­mende (auch wenn das thea­ter fehlt …) wür­di­gung rai­nald goe­t­zes durch david hugen­dick anläss­lich der bekannt­gabe, dass goetz dies­jäh­ri­ger büchner-preis-träger wird
    Die ein­zige Reak­tion auf die Zudring­lich­keit der Welt kann nur in deren Pro­to­koll beste­hen, die zugleich ein Pro­to­koll der eige­nen Über­for­de­rung sein muss.

  • »Pan­ora­ma­f­rei­heit«: Wider den Urheberrechts-Extremismus — Süddeutsche.de — leon­hard dobusch zum ver­such, in der eu das urhe­ber­recht noch wei­ter zu ver­schär­fen:
    Wir alle sind heute ein biss­chen wie Lich­ten­stein oder War­hol. Wir erstel­len und tei­len stän­dig Fotos und Videos, in denen Werke ande­rer vor­kom­men. Zeit, dass das Urhe­ber­recht dar­auf eingeht.

  • Stravinsky’s Ille­gal “Star Span­g­led Ban­ner” Arran­ge­ment | Timo­thy Judd — ich wusste gar nicht, dass es von stra­winsky so ein schö­nes arran­ge­ment der ame­ri­ka­ni­schen hmyne gibt. und schon gar nicht, dass die angeb­lich ver­bo­ten sein soll …
  • Essay Grie­chen­land und EU: So deutsch funk­tio­niert Europa nicht — taz.de — ulrich schulte in der taz zu grie­chen­land und der eu, mit vie­len sehr guten und tref­fen­den beob­ach­tun­gen & beschrei­bun­gen, unter ande­rem die­sen
    Von CSU-Spitzenkräften ist man inzwi­schen gewohnt, dass sie jen­seits der baye­ri­schen Lan­des­grenze so dumpf agie­ren, als gös­sen sie sich zum Früh­stück fünf Weiß­bier in den Hals.
    […]
    Das Char­mante an der teils irr­lich­tern­den Syriza-Regierung ist ja, dass sie ein­ge­spielte Riten als nackt entlarvt.

  • Sich „kon­struk­tiv ver­hal­ten“ heißt, ernst genom­men zu wer­den | KRZY­SZ­TOF RUCH­NIE­WICZ — Stel­lung­nahme ehe­ma­li­ger Mit­glie­dern des Wis­sen­schaft­lich Bera­ter­krei­ses der (sowieso über­mä­ßig vom Bund der Ver­trei­benen domi­nier­ten) Stif­tung Flucht, Ver­trei­bung, Ver­söh­nung zur Farce der Wahl des neuen Direk­tors unter Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Monika Grütters
  • Kon­sum: Kleine Geschichte vom rich­ti­gen Leben | ZEIT ONLINE — marie schmidt weiß nicht so recht, was sie von craft beer, hand­ge­rös­te­tem kaf­fee und dem gan­zen zele­brier­ten super-konsum hal­ten soll: fetisch? rück­be­sin­nung alte hand­werk­li­che werte? oder was?
  • Alle Musik ist zu lang — wun­der­bare über­le­gun­gen von diet­mar dath zur musik, der welt und ihrer phi­lo­so­phie

    Alle bereits vor­han­dene, also auf­ge­schrie­bene oder auf­ge­zeich­nete Musik, ob als Schema oder als wie­der­ga­be­fä­hige Auf­füh­rung erhal­ten, ist für Men­schen, die heute Musik machen wol­len, zu lang, das heißt: Das kön­nen wir doch nicht alles hören, wir wol­len doch auch mal anfan­gen. Wie gesagt, das gilt nicht nur für die Werke, son­dern schon für deren Mus­ter, Prin­zi­pien, Gat­tun­gen, Tech­ni­ken.
    […]
    Musik hält die Zeit an, um sie zu ver­brau­chen. Wäh­rend man sie spielt oder hört, pas­siert alles andere nicht, inso­fern han­delt sie von Ewig­keit als Ereig­nis– und Taten­lo­sig­keit. Aber beide Aspekte der Ewig­keit, die sie zeigt, sind in ihr nicht ein­fach irgend­wie gege­ben, sie müs­sen her­ge­stellt wer­den: Die Ereig­nis­lo­sig­keit selbst geschieht, die Taten­lo­sig­keit selbst ist eine musi­ka­li­sche Tat.

  • Lite­ra­tur­blogs are bro­ken | The Daily Frown — fabian tho­mas attes­tiert den »lite­ra­tur­blogs« »feh­lende Dis­tanz, Gefall­sucht und Harm­lo­sig­keit aus Prin­zip« — und ange­sichts mei­ner beob­ach­tung (die ein eher klei­nes und unsys­te­ma­ti­sches sample hat) muss ich ihm lei­der zustimmen.
  • Inter­view ǀ „Ent-identifiziert euch!“ — der Frei­tag — groß­ar­ti­ges gespräch zwi­schen harald fal­cken­berg und jona­than meese über wag­ner, bay­reuth, kunst und den gan­zen rest:
    Ja, ich hab total auf lieb Kind gemacht. Ich merkte ja schon, dass ich im Wagner-Forum so als Mons­ter dar­ge­stellt wurde. Ich bin kein Mons­ter. Ich wollte das Ding nur radi­ka­li­sie­ren. Ich hab auf nett gemacht und so getan, als wäre ich gar nicht ich selbst. Was ich ja immer tue. Sei nie­mals du selbst. Keine Selbst­su­che, bitte. Keine Pil­ger­fahrt. Keine Mön­che­rei. Ich bin ein­fach wie ’n Spiel­kind da ran­ge­gan­gen, und ich dachte, jetzt geht’s ab.
    […]
    Kul­tur ist genauso beschis­sen wie Gegen­kul­tur. Main­stream ist genauso beschis­sen wie Under­ground. Kul­tur und Gegen­kul­tur ist das Glei­che. Poli­tik kannst du nicht mit Kul­tur bekämp­fen. Son­dern nur mit Kunst. Du kannst nicht eine neue Par­tei grün­den, weil sie genauso scheiße ist wie jede andere. Du kannst keine neue Reli­gion grün­den, weil sie genauso scheiße ist wie alle ande­ren. Du kannst keine neue Eso­te­rik schaf­fen, weil sie genauso scheiße ist wie jede andere. Du kannst keine Spi­ri­tua­li­tät schaf­fen, die bes­ser wäre als alle ande­ren.
    Jede Par­tei ist gleich scheiße, jede Reli­gion ist gleich zukunfts­un­fä­hig, jede Eso­te­rik ist abzu­leh­nen. Ich benutze Eso­te­rik, aber ich iden­ti­fi­ziere mich nicht damit. Ich iden­ti­fi­ziere mich nicht mit Wag­ner, ich iden­ti­fi­ziere mich nicht mit Bay­reuth, ich iden­ti­fi­ziere mich mit gar nichts.
    Ent-identifiziert euch! Seid nicht mehr! Seid eine Num­mer! Seid end­lich eine Num­mer!
    Das ist geil. Seid kein Name! Seid kein Indi­vi­duum! Seid kein Ich! Macht keine Nabel­be­schau, keine Pil­ger­reise, geht nie­mals ins Klos­ter, guckt euch nie­mals im Spie­gel an, guckt immer vor­bei!
    Macht nie­mals den Feh­ler, dass ihr auf den Trip geht, euch selbst spie­geln zu wol­len. Ihr seid es nicht. Es ist nicht die Wich­tig­tue­rei, die die Kunst aus­macht, son­dern der Dienst an der Kunst. Die Kunst ist völ­lig frei. Meine Arbeit, die ist mir zuzu­schrei­ben, aber nicht die Kunst. Die spielt sich an mir ab.

  • Eine Bemer­kung zur Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung by Fach­di­dak­tik Deutsch -
    »Fak­ten­wis­sen« kommt nicht zuerst, wenn Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung ernst genom­men wird – Kön­nen kommt zuerst. Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung bedeu­tet, die Ler­nen­den zu fra­gen, ob sie etwas kön­nen und wie sie zei­gen kön­nen, dass sie es kön­nen. Weil ich als Leh­ren­der nicht mehr zwin­gend sagen kann, auf wel­chem Weg die­ses Kön­nen zu errei­chen ist. Dass die­ses Kön­nen mit Wis­sen und Moti­va­tion gekop­pelt ist, steht in jeder Kom­pe­tenz­de­fi­ni­tion. Wer sich damit aus­ein­an­der­setzt, weiß das. Tut das eine Lehr­kraft nicht, ist das zunächst ein­fach ein­mal ein Zei­chen dafür, dass sie sich nicht mit Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung beschäf­tigt hat. Fehlt diese Bereit­schaft, müs­sen zuerst die Vor­aus­set­zun­gen dafür geschaf­fen werden.

  • Essay zum UN-Weltkulturerbe: Mord mit bes­ten Absich­ten — taz.de -
    Und immer noch drän­geln die Städte, die Dör­fer, die Regio­nen, dass sie ja als Erste ein­bal­sa­miert wer­den. Wie die Län­der, die sich um Olym­pi­sche Spiele bewer­ben, ohne sich klar­zu­ma­chen, dass sie damit ihren Unter­gang her­auf­be­schwö­ren wie Grie­chen­land mit Athen.

  • Wie man nicht für die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung argu­men­tiert | saschalobo.com — sascha lobo seziert den tweet von rein­hold gall. wie (fast) immer exzel­lent. schade (und mir unver­ständ­lich), dass sol­che texte in den gro­ßen, publi­kums­wirk­sa­men medien kei­nen platz fin­den — warum steht das nicht im print-spiegel, der gedruck­ten faz oder süddeutschen?
  • Sex (und gen­der) bei der Fifa | Männlich-weiblich-zwischen — ein schö­ner text zum pro­blem der bestim­mung des geschlechts, des bio­lo­gi­schen, wie es die fifa ver­sucht — näm­lich über den testosteron-spiegel. mit dem (inzwi­schen erwart­ba­ren) resul­tat: so kann man das jeden­falls nicht machen.

    an darf also ver­mu­ten und hof­fen, dass auch diese Defi­ni­tion von sex zu sport­li­chen Zwe­cken dem­nächst, wie bis­her alle ande­ren Defi­ni­tio­nen auch, als unbrauch­bar und absurd erwei­sen – aber wohl, eben­falls wie immer, erst zu spät.

Immer noch kein schöner Land

wilfried fischer, kein schöner landVon Loth­rin­gen bis nach Ost­preu­ßen, vom Shanty im nie­der­deut­schen Platt bis zum mozärt­li­chen Wien der Zau­ber­flöte reicht das Ein­zugs­ge­biet von »Kein schö­ner Land«. Noch eine Volkslied-Sammlung für Chöre also? Gibt es davon nicht längst genug? Sicher, aber nicht so eine. Denn die übli­chen Edi­tio­nen set­zen immer noch einen klas­si­schen vier­stim­mi­gen Chor vor­aus — und sind des­halb für Ensem­bles mit knap­per Män­ner­be­set­zung oft kaum geeignet.

Wil­fried Fischer ist nun schon seit eini­ger Zeit unter dem Titel »Chor zu dritt« dabei, ein Reper­toire für drei­stim­mi­gen Chor auf­zu­bauen, genauer: für Chöre mit eben nur einer Män­ner­stimme. Auch der vierte Band setzt sich die­ses Ziel, bleibt dafür aber nicht bei purer Drei­stim­mig­keit ste­hen: Stimm­tei­lun­gen, haupt­säch­lich im Sopran, gehö­ren auch hier natür­lich zum Hand­werks­zeug der Arran­geure. Aber für Män­ner wird eben nie mehr als eine Stimme gesetzt — die aller­dings hin und wie­der für Bässe recht hoch liegt.
Die Idee des Volks­lie­des hat Fischer dabei recht breit gefasst: Unter den hier vesam­mel­ten 93 Sät­zen sind nicht wenige geist­li­che Lie­der und Cho­räle. Über­haupt ist die Aus­wahl nicht immer ganz nach­voll­zieh­bar: Eini­ges sehr bekann­tes fehlt, dafür ist ande­res nicht so weit ver­brei­te­tes ent­hal­ten — aber bei knapp 100 Lie­dern bleibt das nicht aus. Mate­rial bie­tet der Band auf sei­nen gut 200 Sei­ten aber mehr als genug. Gerne greift Fischer dabei auch auf vor­han­dene Sätze nam­haf­ter Kom­po­nis­ten zurück, die den neuen Anfor­de­run­gen behut­sam ange­passt wer­den: Von Hein­rich Isaac bis Ernst Pep­ping, von Felix Men­dels­sohn Bar­tholdy und Johan­nes Brahms bis Her­mann Schro­eder reicht der Griff ins Archiv.

Neben Fischer selbst, der ein Groß­teil der Arran­ge­ments und Bear­bei­tun­gen bei­steu­ert, sind u.a. Pas­cal Mar­tiné, Cars­ten Ger­litz und Burk­hard Kinz­ler mit diver­sen neuen Sät­zen ver­tre­ten. Die Arran­ge­ments selbst sind immer min­des­tens solide, aber oft für drei­stim­mige Sätze auhc über­ra­schend klang­voll und wir­kungs­voll. Den meis­ten merkt man posi­tiv an, dass die Drei­stim­mig­keit hier nicht nur als Man­gel gedacht wird, son­dern als Her­aus­for­de­rung und Chance. Aus der genaue­ren Beschäf­ti­gung mit den Mög­lich­kei­ten der Beset­zung ent­wi­ckeln die Arran­geure dabei immer wie­der sehr klare und fili­grane, sehr leben­dige und bewegte Sätze, die im vier­stim­mi­gen Chor so kaum funk­tio­nier­ten.
Dabei sind die Sätze dem Sujet ent­spre­chend ins­ge­samt — selbst noch in den aus­ge­feil­te­ren Bear­bei­tun­gen — eher zurück­hal­tend und schlicht in dem Sinne, dass Sätze gerne hin­ter Melo­die und Text zurück­ste­hen. Stil­si­cher und ver­nünf­tig spricht aus den Arran­ge­ments weni­ger Expe­ri­men­tier­freude, dafür viel Erfah­rung und Ein­füh­lungs­ver­mö­gen — und nicht zuletzt der Ver­such, ein mög­lichst brei­tes Publi­kum — sin­gend und hörend — zu erreichen.

Wil­fried Fischer (Hrsg.): Kein schö­ner Land. Deut­sche Volks­lie­der aus 4 Jahr­hun­der­ten (Chor zu dritt, Band 4). Mainz: Schott 2015. 214 Sei­ten. 19,50 Euro.

— Zuerst erschie­nen in Chor­zeit — Das Vokal­ma­ga­zin, Aus­gabe #18, Juli/August 2015.

Konsum

Haben’s gekauft, es freut sie baß;
Eh man’s denkt, so betrübt sie das.

Willst du nichts Unnüt­zes kau­fen,
Mußt du nicht auf den Jahr­ma­krt lau­fen.Johann Wolf­gang Goe­the, Sprichwörtlich

Plagiarius

a post on gutenberg.spiegel.de

Übri­gens sagen alle Unpar­tei­ischen, daß fast wir alle es nicht so machen wie Fibel, son­dern viel schlim­mer, weil wir nicht, wie er, nur auf anonyme Gedan­ken eines Ein­zel­nen, son­dern auf die unzäh­li­gen vie­ler Tau­sende, gan­zer Zeit­al­ter und Biblio­the­ken unsern Namen unter dem Titel »unsere gelehrte Bil­dung« set­zen und sogar bald dem, bald den Pla­gia­rius sel­ber steh­len.Jean Paul; Leben Fibels, des Ver­fas­ser der bien­ro­di­schen Fibel

Twitterlieblinge Juni 2015


(ergie­bi­ger monat, der juni …)

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